Ehrlichkeit

Ich finde es schwer, ehrlich zu sein. Schon beim Verständnis fangen die Schwierigkeiten an, zumindest für mich, im Zusammenhang mit meinen Mitmenschen. Was bedeutet ehrlich sein? Das man alles sagt, wie man es meint? Das man tut was man sagt und sagt was man tut? Um was geht es? Mir jedenfalls fällt es unheimlich schwer, schon mal ich damit genug mit mir zu tun habe. Oft merke ich gar nicht, dass ich gar nicht ehrlich mit mir bin. Wenn ich mich also selber betrüge und es nicht merke, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich mit diesem Schwindel auch mein Umfeld beglücke. Nennt man das dann un-ehrlich?

Für mich gibt es verschiedene Ebenen von Ehrlichkeit. Auch muss ich noch einmal entschieden unterstreichen, dass Ehrlichkeit nichts mit Wahrheit zu tun hat – ich kann ja unumwunden ehrlich sein, aber die Wahrheit nicht kennen, dass ich mich in etwas irre, was ich als wahr mein Leben lang in mir herumgetragen habe – so wie zum Beispiel, wenn ich mit 18 erfahre, dass der Bernd gar nicht mein leiblicher Vater ist, sondern der Nachfolger von Vati. Oder dass beide Teile mich zwar großgezogen, aber man mich in Wahrheit als Zwerg in eine Babyklappe gesteckt hat. Unbegrenzt sind auch die Interpretations-Möglichkeiten beim Ehrlich sein. Bin ich ehrlich, wenn ich einen Teil bestimmter Information nicht mit dem Zuhörer teile? Bin ich dennoch ehrlich, wenn ich Wichtiges unterschlage, aber beim Gesagten der Wahrheit treu geblieben bin?

Ehrlichkeitsebenen helfen mir da sehr. Natürlich bedeutet es einen Haufen Arbeit, diese Ebenen zu warten, weil ich dann auch verschiedene Zirkel pflegen muss. Welche Ebene bekommt welche Informationen, um authentisch und in dieser Ebene – ehrlich zu sein. Oder langt es, lediglich als ehrlich wahrgenommen zu werden? Ein Beispiel: Ich erzähle einem Bekannten, dass ich auf eine Hochzeit eingeladen bin und sage ihm, dass ich mich geehrt fühle eingeladen zu sein. Mein Bekannter wird eventuell anfangen sich mit mir zu freuen. Gut möglich, dass wir uns dann über Hochzeiten unterhalten, ob man auf vielen gewesen ist, welche war die Schönste, die eigene mal außenvorgelassen; die Liste ist unbegrenzt groß.

Dennoch wird mein Bekannter nicht zu erfahren bekommen, was solche Feste für mich bedeuten, was sie in mir auslösen. Ganz anders geht es mir mit einem Freund. Er wird mich eventuell besser und oder lang genug kennen und wissen ob ich mich darüber freue, denn das hat der Bekannte noch gar nicht erfahren dürfen. Mein Vertrauter darf diese Dinge, muss diese Dinge wissen, wenn er mein Vertrauter bleiben soll.

Ich denke auch, dass es Dinge gibt, die nur Eltern wissen sollten und natürlich gibt es reichlich Dinge, die Eltern niemals erfahren dürfen. Spannend ist auch die Frage, ob der Partner der oder die Einzige sein sollte, sein muss oder darf, die wirklich ALLES wissen darf, soll oder muss. Zu schnell gehen uns mit Informationen die Pferde durch. Nehmen wir mal Bücher:

Ich schreibe welche, okay. Nahezu alle Menschen nehmen unausgesprochen an, dass ich belesen bin, dass ich garantiert alle möglichen Bücher kenne, dass ich mich auskenne und so weiter. Das mündet dann gerne in Fragen wie:

-Was für ein Buch empfiehlst du mir zum Lesen?

-Was für ein Buch empfiehlst du als Geschenk für so und so…

-Wie findest du das Buch von so und so….

-Wie findest du die Bücher der jungen Schriftstellerinnen?

-Wie oft hast du „Fifty shades of grey“ gelesen?

Und so weiter und so weiter. Wenn ich schweige emfinden die meisten mich als unhöflich. Wenn ich ständig ehrlich antworten würde, wäre ich ebenfalls unhöflich und arrogant noch dazu. Hat man mir so gesagt, habe ich alles ausprobiert. Wenn ich es ehrlich meine, könnte ich anfangen nachzufragen, wer der Beschenkte ist, welche Dinge ihn oder sie interessieren. Was diese Person für ein Mensch ist, steht überhaupt noch nicht zur Disposition. Vielleicht kann ich ein wenig Licht ins Dunkel des Büchermarktes bringen, aber will der Zuhörer das? Wieviel Licht kann er oder sie ab?

Ich würde nie sagen, dass ich Ahnung von Büchern habe. Das gilt eher für studierte Literaturwissenschaftler, würde ich meinen. Aber auch der weiß nicht, wie ich als Leser welches Buch finde. Vielleicht gibt es Bücher, die so ein Experte für handwerklich daneben einstuft und dennoch ist es ein Bestseller geworden. Wenn ich einem Menschen, der des Deutschen mächtig ist, erzähle, dass ich mir selbst, in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Buch von einem deutschschreibenden Autor gekauft habe, obwohl ich selber in genau der Sprache schreibe, dann lächelt mein Gegenüber smart und verschmitzt, weil er den Witz sofort bemerkt hat, weswegen er mit folgenden Worten nachfasst:

-Und jetzt wirklich?

Meine Antworten sind meistens langweilig und schon gar nicht hilfreich, wenngleich sie dennoch ehrlich sind. Selbst dieser Text, ist vermutlich nicht sehr spannend, so wie alles was ich ins Netz stelle. Ich bin nicht besonders witzig, nahezu völlig unbrauchbar geliked zu werden. Das sehe ich an meinem Twitter-Account. Nachdem ich ein paar Mitleids-Like’s bekommen habe, stand die mangelnde Attraktivität meines users so übermächtig im Raum, dass allen Followern, jene die es waren oder noch werden, jegliche Form von Höflichkeit und Mitleid abhanden gekommen ist, weil wirklich keiner meiner letzten Beiträge auch nur ein einzelnes Reiskorn bewegt hat.

Auch die Badguy Nummer funktioniert nicht. Ich bin halt wie ich bin, weder weiß noch schwarz, sondern einfach nur so. Oft unterstellt man mir, ich glaube das machen die meisten immer noch, dass ich mich in meiner „Revoluzzer-Rolle“ sehr wohl fühle, sogar mehr als das, dass ich sie so gut finde, dass ich sie nach Belieben auskleide, ausschmücke und ausbaue und zu meinen Gunsten hindrehe, mir meine Welt so mache, wie sie mir gefällt, so Pippi-Langstrumpf-Style, wenngleich ich keine so schöne rote abstehende Zöpfe habe.

Wie oft habe ich das gehört. Interessanterweise hat mich noch niemand gefragt, wie es mir mit mir in meinem Leben geht. Vielleicht habe ich mein Selbst gefunden, vielleicht ist eine häufige äußere Wahrnehmung deckungsgleich mit meiner Eigenen, dann scheint es zumindest so, dass ich authentisch geworden bin. Ob ich mich dann darin eingerichtet habe, ist eine ganz andere Sache. Nur wenige Vertraute wissen, dass in Wirklichkeit alles ganz anders ist.

Ob das Internet daher mit zu diesem kleinen, aus meiner Sicht erlesenen Kreis zählen sollte, überlasse ich jedem Einzelnen, darauf eine für ihn gescheite Antwort zu finden. Ich war in der Vergangenheit zu untalentiert, genug richtige Dinge zu tun. Zu groß ist meine Neugier, auch heute noch. Vielleicht tue ich mich deswegen so schwer, für andere Empfehlungen zu geben, weil Vieles für mich ganz andere Bedeutungen und Werte hat. Zumindest hat es den Anschein, dass ich meinen lieben Mitmenschen reichlich Entertainment, in den vergangenen Jahren gegeben habe, zwar auf meine Kosten, aber da man mir auch Egoismus vorhält, bin ich diesen Doublebind gewohnt. Daher:

Schweigen ist das Kommunizieren von morgen.

 

Wort und Totschlag

Sprachen sind ein scharfes Schwert, Worte wirken mächtig. Sie können zu Tränen rühren, liebreizend und im gleichen Atemzug ins Mark erschüttern, brutal und gewalttätig sein. Verbrannte Erde können sie hinterlassen und das Paradies auf Erden sein. Worte sind mächtiger als das Sein. Für manchen ist der magische Moment gar zu schnell vorbei, dann, wenn man kosmischen Momenten hinterhersieht, wie langsam den Sonnenuntergang hinfort-segelnden Schiffen, dann, wenn die zeitenlose Stunde des Wortes gekommen ist, das als Einziges, für ewig und alle Zeiten fortbestehen darf, für ewig in uns und allen kommenden Generationen weiterlebt. Literatur – das wahre Leben.

Sie ist das Bergwerk, meine Mine, in der ich jeden Tag auf Knien hockend nach Buchstaben, Sinn und Worten schürfe. Sie alt und neu kombiniere, manche verbinde, verändere, zu etwas Neuem verwandle und sie nach kurzer Zeit dann doch wieder zurück ins schwarze Loch werfe, um sie weiter reifen zu lassen. Vielleicht ziehe ich sie später ein zweites Mal an Land, baue neue Bilder und Melodien, in der Hoffnung, dass sie magische, oder zumindest angenehme Musik erklingen lassen, die uns leicht und luftig über die Lippen kommt. Oder sperrig, holzig, wie eine verstaubte alte Kiste – schön, anmutig wohlgeformt, oder stachelig, aufwühlend, den ein oder anderen Splitter im Mund hinterlassend.

Es ist eine mühselige Plackerei. Tag für Tag. Manchmal begegnen mir alte Worte, denen ich neue Namen geben muss, da sie sich zu etwas anderem weiterentwickelt haben, ähnlich wie Menschen. Manche sind selbst nach Jahrzehnten die gleichen geblieben, während andere sich verpuppten, um nach anschließender Metamorphose als was anderes erneut auf die Erde zu kommen. Noch mächtiger und zerrüttender sind Unterhaltungen zwischen Menschen. Wenn sich dann zu Worten noch Stimmen, Gesichter, das ganze körpersprachliche Orchester gesellen. Man kann so starke Erdbeben auslösen, dass sich tektonische Platten anheben, Verwerfungen entstehen, Tsunamis und Weltuntergangsstimmung auslösend, dass Menschengruppen, Gemeinden, komplette Regionen, manchmal ganze Völker Verstand, Seele, Geist und Herz verlieren und in menschenverachtende Kriege ziehen, von denen sie hinterher kaum was erinnern.

(Täglich Brot, unschuldig-pfeifend kommst du daher)

Manche sind schnell mit der Hand am Messer. Andere lieben es sich selbst reden zu hören. Nur wenige sind achtsam genug, um mit Worten vorsichtig und bedacht umzugehen, unabhängig der Sprachen die sie sprechen. Im Deutschen jedoch ist jede Wortwahl eine Lotterie, die nicht selten im Fiasko endet. Nahezu unmöglich, jedes Wort sorgfältig, mit Vorsicht zu gebrauchen, wo doch genau das aber vonnöten ist, ist sie doch die präziseste und schärfste Klinge von allen. Habe oft selber unbemerkt genug verwüstete Gärten und Landschaften hinterlassen. Zu unbekümmert war mein Gebrauch. Auf eine Art erscheint es mir heute daher wie eine Art ausgleichende Gerechtigkeit, wenn mir Gleiches widerfährt.

Der Vorteil von Französisch.

Man parliert oberflächlich, ohne oberflächlich zu sein, geschweige unelegant. Sprache der Diplomaten. Mit ihr geht es mir wie auf Kur sein. Sie stresst mich nicht. Es ist nicht schlimm, bei Grammatik und Wortwahl mal daneben zu liegen – ganz anders im Deutschen. Wie sehr wünschte ich mir, dass man diese reiche Sprache viel unsauberer, unkorrekter und mit anderen vermischt sprechen würde, um sie zu einer schmackhaften Melange zu verwandeln, anstatt einander ständig Sträuße scharfer Rasierklingen um die Ohren zu hauen, dass jeder wie ein von Bombensplittern sorgfältig sezierter Infanterist aussieht, der des Abends versucht sich ins abendliche Lazarett zu retten, um über Nacht Wunden zu lecken und am nächsten Tag von Neuem zu beginnen. Vielleicht kann er morgen mehr austeilen, als einstecken. Kriegerische Sprache wilder Herzogtümer des Nordens.

Einer der Gründe, warum ich kaum noch Deutsch spreche, dafür mit wachsender Hingabe schreibe. Zu zerstörerisch die Unterhaltung mit Deutschen. Zu eindrucksvoll ihre Worte. Zu verheerend und groß ihre Krater – ganz nebenbei auch viel zu viele zu’s für mich – zu furchtbar tief ihre Sprengtrichter, gleich schwarzen Löchern, die sie hinterlassen. Schnarrende Stimmen, wütende Visagen. Stählern-säbelnde Beine. Ständig sägende germanische Blutgrätsche. Erobern. Dominieren. Siegen.

Bin nach wenigen Tagen hinüber und springe ins nächstbeste Rettungsboot. Komme mir oft wie in einem Arbeitslager vor, wenn deutscher Materialismus, Kapitalismus, Exzellenzdenken und Effizienzsteigerung mit von der Partie sind. Moderner Gulag für Industrie-Sklaven – furchtbar. Oft langen eine Hand voll Tage. Jeder Tag im Lager braucht einen weiteren zum Erholen. Gelingt mir nur noch außerhalb von Teutonia.

Ähnlich geht es mir mit Englisch. Wenngleich auf weniger greifbare Art und Weise. Zu indirekt und kalt ist sie, als dass sich bei mir was regt. Auf dem ersten Blick mag sie erholend klingen, wäre da nicht immer der aristokratisch-imperialistische Unterton, der sich verstärkt, je dichter der Gegenüber an Großstädten lebt. Was nützt es, wenn man den Dolch nicht sieht, der einen von hinten erwischt? Sprache der Besatzungsmächte. Eigentlich müsste man sie boykottieren. Nützt doch niemandem was, wenn du Weltsprache geworden bist, nur weil du mehr Macht als andere Kirchen hast.

Auf Melodie und Schwingung kommt es an. Das Gesamtpaket zählt. Selbstverständlich kann man auch nicht permanent auf Kur sein – das verschleiert einem den Kopf, lässt einen feudalistisch-barock daher-kommen, ohne dass man‘s merkt. Irgendwann muss man wieder raus aufs offene Meer. Wir müssen in Bewegung bleiben. Keine Ahnung was als Nächstes kommt. Von Stahlhelm, Knobelbecher und Splitterschutzwesten habe ich erst einmal genug.

Santé – à la votre!

 

Notre Dame und die Post

Ich fand die Bilder ergreifend – richtig berührt haben sie mich. Irgendetwas in mir war fassungslos, als ob was ganz Altes und Fragiles, kaputt gegangen ist – bin gespannt, was die Ursache gewesen ist – schlussendlich ändert das zwar nichts an der Zerstörung, aber es gibt einen Hinweis, ob man es mit Nachlässigkeit, oder was Anderem zu tun hat – noch verstörter wurde ich, als n Kumpel aus Bordeaux nen Bericht schickte, aus dem hervorgeht, dass in den letzten Monaten diverse französische Kirchen brandten.

Finde das irritierend – warum brennen die auf einmal so zahlreich? Sind nicht alle aus alten Steinen gemauert? Klar, Holz brennt besonders gut, wenn es uralt ist und herrlich ausgetrocknet, abgelagert noch dazu; aber die Empörung darüber, dass ein paar Reiche in kurzer Hand angeblich eine Milliarde Euro gespendet haben, um den Wiederaufbau von Notre Dame zu bezahlen, verstehe ich nicht.

Privaten Reichtum gibt es seit Menschengedenken. Warum nicht mal die Schatulle aufmachen und ein stattliches Sümmchen hinblättern? Sich zu echauffieren, dass man alten Steinen leichter spendet, als Menschen, denen es schlecht geht, finde ich ziemlich miesepetrig, reaktionär und destruktiv; Notre Dame kennt man halt; die hungernde arme Familie im Viertel nebenan halt nicht – was ist da bloß los?

Am Ende alles Unfug.

Ist weder ein französisches, deutsches oder europäisches, sondern ein globales Phänomen der heutigen Zeit; Negatives macht nunmal mehr Schlagzeilen, bekommt mehr „Klicks“ – alles hangelt sich von einer Empörung zur Nächsten; ständig ist man im Drehzahl-Begrenzer; nichts und niemand will mehr gemütlich und still vor sich hinleben, oder gar durchschnittlich und gewöhnlich sein; schöne neue Welt; alles in satten Photo-Shop-Hochglanzfarben; Fehlfarben? Völlig fehl am Platze. Exzellent sein, talentiert und zielorientiert; was bewegen; Quality-Time, Uni-Ranking, überall großes Pimmelfechten, am Besten schon in der Sandkiste, Expertentum, überall, jeder reißt sein Maul auf, so weit er kann; alles raus, was keine Miete zahlt; recognition um jeden Preis; schlechte Presse ist besser, als Keine; Brexit; Rauchverbot; alles Bio und vegan – fuck-off!

Durchschnittlichkeit und Laientum sollte man gesetzlich schützen lassen; überall rennen nur noch Profis rum; Methodik, Grundgerüst, Architektur, alles bullshit! Wer seine Einfälle gleich nach der Geburt einsperrt, hat den Schuss nicht gehört; hat doch nichts mit Kreativität zu tun – gesunden Menschenverstand nennen wir ja auch nur das, was wir offenkundig als richtig und pragmatisch empfinden, weil es uns der Bauch sagt; alles ist heute profund – zum Kotzen!

Hatte reichlich Würgereize vor wenigen Tagen; ich bekam ein Einschreiben, mit Rückbestätigung an den Sender; musste meinen Personalausweis vorlegen und alles. Als ich dann las, dass „La-France“ mich zum Aderlass bittet, wurde mir heiß und kalt zugleich. Wenn du in Frankreich etwas vergisst, ist das nicht schlimm; man geduldet sich, ist höflich; man wird erinnert, bekommt ein Schriftstück, dann ein zweites, so wie angeblich ich, in dem mich der Finanzbeamte daran erinnerte, meine Steuern für 2017 zu bezahlen.

Hatte ich das etwa nicht? Komisch, irgendwie war mir, dass ich das gemacht hatte; Monsieur Inspektor hatte mir offensichtlich einen Brief geschickt – Mai oder so; kann mich nicht daran erinnern; dann im Oktober das Zweite; ebenfalls Fehlanzeige, habe ich nie bekommen. Heute dann die Verkündung, dass man mir 40% Strafe auferlegt, weil man Gesetze hat, die Verzögerungen mit eiserner Faust ahnden.

Viertausendfünfhundert Euro Strafe – die spinnen die Gallier!

Heute macht man alles online; e-mails, online-banking, Flüge buchen, Bücher und Lebensmittel kaufe, ja sogar Steuern überweisen, jedenfalls im modernen Frankreich; warum man sich dann aber auf die Post verlässt, wenn man einen braven Steuerzahler darauf aufmerksam machen will, dass er bitte doch dann jetzt mal seine gesamte Steuer begleicht, das ist die Ironie dabei, mehr noch, ich finde es zeugt von paranormalem Denken, sowie dem dazugehörigen absurden Weltbild.

Im Grunde eine transzendente Vorgehensweise, wie man sie am Ehesten in der Esoterik findet – mit gleich hoher Lieferwahrscheinlichkeit, wie per Brieftaube – obwohl, ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich den Tieren mehr Zuverlässigkeit zutraue, als der französischen Post; zu leicht ist der Mensch abgelenkt. Gestern hattest du Streit mit der Frau; dein Sohn hat wieder ne fünf im Zeugnis, der Nachbar ist ein Arschloch, das ständig Partys bis spät in die Nacht feiert, dein Chef fordert mehr, als du kannst……die Liste ist endlos.

Brieftauben sind eher selten in Gedanken bei ihrer Buntwäsche – dann und wann steckst du halt Post in nen falschen Briefkasten, was will man machen? Wahnsinn sitzt halt  überall – in Finanzbehörden genauso, wie zuhause am Abendbrottisch.

-Papa reich mal den Senf.

-Hier, nehm nicht zuviel davon, ist nicht gut für die Zähne

-Ich geb schon acht; wie war dein Tag?

-Anstrengend, hab die Nase voll von diesen Typen, die sich über die Post beschweren;

-Gibt es so viele?

-Ständig, natürlich, mein Kind!

-Schatz gibst du mir noch einen Schluck Wein?

-Trink nicht so viel Papa, das ist schon dein drittes Glas

-Dabei sollten die Heinis mal bei meiner Tour mitkommen, dann wüssten sie Bescheid; ist unmöglich, alle Briefe korrekt zuzustellen, wenn man die Namen auf den Briefkästen nicht lesen kann, weil die Handschrift Kacke ist, oder vom Licht ausgeblichen – Prost!

 

Serra Tramuntana – 2019

Über Ostern war ich mal wieder in der Heimat. Nach sechs Monaten Pause, bin ich nach Mallorca geflogen, allerdings wusste ich beim Einsteigen ins Flugzeug noch nicht, dass es eine windige Angelegenheit wird – als ich eintraf trugen alle Einwohner Stahlhelme!

-Was ist denn hier los? fragte ich einen der Dorfältesten und wurde daran erinnert, wie eigen die Mundart des Pueblos ist; ich verstand ihn kaum, nur mit Ach und Krach.

-Schindeln! War das Wort, das ich verstand; als ich mich mehr und mehr gegen den Wind stemmte, erkannte ich, dass da ein ausgewachsener Sturm an Natur und Menschen zerrt. Als Stadtmensch verliert man schnell seinen Sinn für die Natur – ärgerlich, jedes Mal.

Ich besuchte meinen alten Freund, der uns recht schnell einen Aperetivo einschenkte – zuhause ist, wo man dich versteht – allerdings merkte ich schnell, dass er ein wenig mitgenommen aussah. Er versucht so weit es geht autark zu sein, hat einen eigene Gemüsegarten, wässert ihn mit Quellwasser aus den Bergen und hat auch sonst wenig Abhängigkeiten und Verbindlichkeiten.

-Seit Wochen ist es kalt und stürmisch; und dann ständig dieser Nieselregen, einfach furchtbar – als würde der Winter dieses Jahr vier anstelle zwei Monate dauern!, nörgelte er zu Recht, eingehüllt in mehrere Schichten Grobgestricktes.

Ich hatte ein Einsehen mit ihm, runzelte aber die Stirn, als ich erkannte, mit wie wenig er auskommt. Beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue – dagegen komme ich mir vor wie ein Luxuswesen, wenngleich ich mich schon reichlich reduziert habe – aber diese archaischen Leute aus unserem kleinen Dorf sind wirklich erstaunlich – Autos teilt man, wenn man eins hat – die Mehrheit kommt ohne aus – einige sogar ohne Führerschein.

Viel verändert hat sich eigentlich nicht, wenn man mal davon absieht, dass in den letzten vierzig Jahren Strom und fließend Wasser die einzige Innovation ist, die man durchsetzen konnte, wenn wir mal vom Internet absehen. Alles geht seinen gewohnten Gang – ein wenig so, wie hinten im Südviertel, in Beutelsend – ich muss gestehen, dass ich in dieser schnelllebigen Welt meinen Anker sehr genieße, wenn ich ihn mal wieder auswerfe – was mir jedoch in den wenigen Tagen alles passiert ist, das verrate ich euch nächste Woche – ich bin noch etwas runtergefahren, da reicht es gerade nur so für das Notdürftigste – ich hoffe ihr versteht das.

Bis bald.