Tief Verborgenes – Odyssee 2020 CW38

20.September – vor wenigen Tagen hatte man D gebeten einen Vortrag über Ästhetik und den Einfluss auf die menschliche Kommunikation zu halten, weswegen er sich mit dem Goldenen Schnitt, Fibunacci und Baumblättern beschäftigte und warum es dem Menschen unmöglich ist, bestimmte Merkmale und Verhältnisse zu ignorieren.

Seine Versenktheit hatte viele positive Nebeneffekte, wie damals, als er in Kindertagen stundenlang mit Lego spielte, während Capricio Italiano von Peter Tschaikowski lief, sein Lieblingsstück zu jener Zeit. In seinem Gedächtnispalast gab es verborgene Räume, in denen zur gleichen Zeit, während er spielte, eine Art Spiegelereignis stattfand und etwas Neues entstand. So auch dieses Mal.

Während D munter zwischen einem Sammelsurium von Radien, Kreisen und deren Verhältnisse herumforschte, bildete sich in einer dieser tief verborgenen Kammern erster Buchstaben-Nebel, der langsam aber sicher erste Worte formte, aus denen sich erste Sätze bildeten, die unaufhaltsam neue Rhythmen, Strophen und Bedeutungen erschufen, die D zwischendurch, wie ein überraschter Gärtner bewunderte, weil er ihrer Ordnung und Bedeutung vertraute, als würden sie direkt vom unendlichen Kosmos kommen.

Und so geschah es, dass D am Nachmittag eine kleine Frucht vom Poesie-Baum pflücken konnte.

„Tief Verborgenes,

unverdächtig, die Rituale kleiner Kinder, frühe Früchte innerlich kapselnd, sorgfältig hortend, unbewusst für später beiseitelegend;

wie bunte Bälle fuhrwerkten sie im wachsenden Körper herum, manches Mal auftauchend zum Fragen, Freuen und Luftholen, unbemerkt, noch seltener verstanden;

Jahre später, bloße Blicke, Berührungen, gar Worte, um Ungesagtes, lang Erhofftes, auch schmerzlich Verborgenes zu Tage treten zu lassen, lange heimlich bewacht;

bereit für den Moment, den kosmischen Schlüssel findend, der alle Schächte öffnet, die wir lange geheim-gehalten und niemandem erzählt;

vermeintlich roh behauene Worte, vorschnell für schlicht gehaltene Gemälde, oder einfache Körperdrehungen, Berührungen, kaum spürbar an der Schulter, oder gekreuzte Blicke;

war es möglich, dass Menschen verstanden, wenn wir aufhören zu suchen, damit uns der magische Moment findet und uns wahrhaftig erscheint;

Magisches auslösend, Orchester der Sinnlichkeit, es schien möglich, das Wünsche, Träume und Hoffnungen wahr wurden, die früh verschickt wir hatten;

Weises Universum, hast alles eingerichtet, das den magischen Schlüssel, beim Wandeln durch die Tage, ohne Vorwarnung, wir irgendwann finden;

wenn wir erkennen, dass nie verloren wir waren, dann hat unweigerlich alles Sinn und jede Bedeutung folgt einer höheren Ordnung;

dann ist alles Sein in einem einzigen Moment verdichtet und jener Augenblick ein ganzes Leben wert, auf dass er uns leuchten lässt;

kosmisches Licht, mögest du Wärme, Liebe geben und Licht spenden, eingesponnen ins galaktische Netz;

überwältigt wie Empedokles, vom großen Ganzen, dem Sternentor, den nächsten Vulkan aufsuchend;

oder wieder tief verbergen, bis der Mut irgendwann groß genug, den Schlüssel weiterzugeben

Sprache, Musik, Formen, Berührungen und Geschmäcker,

Sinne – Vehikel und Pforten zugleich!“

 

Krisengebiete und Wissenschaft – Odyssee 2020 CW37

13.September – seit Tagen trieben D zwei Fragen um: Wie werden nicht mehr gültige Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Welt geschafft und zweitens, wie stellte man im Jahre 2020 sicher, dass die GÜLTIGEN weithin bekannt sind?

Eigentlich hatte D vorgehabt, sich auf eine Flasche Wein mit Siegmund Freud zu treffen, um anhand seines Todestriebs genau darüber zu philosophieren, warum er jegliche Kritik an seiner Theorie wegbiss, wenngleich er als Wissenschaftler wusste, dass alles nur befristet Gültigkeit hat; weil Siegmund aber Corona-Bedingt schwer beschäftigt war, nahm er mit Freude ein weiteres Gespräch mit Frau Dr. Claudia Meyer-Paradiso an.

CMP: Hi Don, wie geht es dir?

DT: Prächtig, abgesehen davon, dass ich mich zum ersten Mal in einem Krisengebiet befinde.

CMP: Wieso? Wo bist du denn, im Libanon, Iran, Irak, Syrien oder wo?

DT: Nee, in Toulouse, aber Deutschland zählt uns jetzt zum Krisengebiet.

CMP: Und wie fühlst du dich?

DT: Merkwürdig, so wie jemand, der den Eindruck hat, dass die Menschen nicht mehr mit Messer und Gabel essen können….

CMP: Wie bitte? Was meinst du…?

DT: Naja, wenn du bei Google das Wort „Krisengebiet“ eingibst und dir Fotos, anstatt alle Interneteinträge zeigen lässt, dann bekommst du Bilder zu sehen, auf die jener Begriff wirklich zutrifft – will sagen, hier ist die Verwendung stimmig. Wenn ich nur das Wort selbst als Suchbegriff eingebe, mit einem Freizeichen dahinter, dann bekomme ich Frankreich, Spanien und andere EU-Länder und ihren Corona-Status angezeigt.

Selbst Toulouse ist ein Krisengebiet. Aber auch in Deutschland sieht man sich selber als Krisenherd, egal ob in Schleswig-Holstein oder Bayern – im Grunde ist alles heute Krisengebiet, weswegen ich mich zum zweiten Mal wundere, warum man jetzt genauso weitermacht, wie Anfang März!

CMP: Hm, du meinst, wir setzen die Inner-Europäische-Ausgrenzung fort, obwohl wir alle mit den gleichen Themen zu tun haben? Stattdessen sollten wir endlich mit dem Ausgrenzen aufhören, wo wir doch alle mit Demselben kämpfen?

DT: Natürlich! Abgesehen davon, verwenden wir falsche Begriffe; wenn Elsass und Dithmarschen als Krisengebiete gebrandmarkt werden, ich aber keine Krise finde, wenn ich dort nach ihr suche, dann ist entweder das Problem vor Ort kleiner, als die Presse es macht, die Presse lügt, oder macht Propaganda!

Im Letzteren haben wir in Deutschland viel Erfahrung; immerhin hatten wir bis vor nicht allzu langer Zeit einen Propaganda-Minister – abgesehen davon, finden wir hier die Begründung für die gesellschaftliche Verrohung: Das bebilderte Leid anderer Menschen bewegt uns in Wahrheit nicht mehr, weil wir zu viel davon bekommen, dass es in uns keine Emotionen mehr auslöst – ethisch und morlaisch ist das ein Desaster!

CMP: Stimmt!

DT: Ich gehe noch weiter: Ich springe jetzt mal auf den Zug auf und wende die gleiche Logik an; was wird passieren?

CMP: Na was?

DT: Mit einem Mal ist das Krisengebiet nur noch eine Frage der Perspektive – ein Beispiel: Auch mein Appartement ist ein Krisengebiet….!

CMP: Warum denn das?

DT: Weil seit einer Woche der Boiler ausgefallen ist und ich nur noch kaltes Wasser habe; hast du mal morgens mit kaltem Wasser geduscht? Oder die vertrockneten Wiesen in meiner Umgebung – jeder Gärtner wird es als Krisengebiet bezeichnen, verstehst du was ich meine?

CMP: Natürlich! Inflationär eingesetzte Worte verlieren ihre Bedeutung, nutzen sich ab und sorgen dafür, dass am Ende der Leser keine Empfindungen mehr hat!

DT: Ganz genau – das gleiche mit der Wissenschaft….

CMP: Wie meist du denn das?

DT: Früher dachte man, die Erde wäre eine Scheibe – bis ein paar kamen, die meinten die Erde wäre eine Kugel – wenn ich mich erinnere, war Christoph Kolumbus der diese Theorie in der Neuzeit vertrat, wenngleich Platon schon in der Antike der wahrhaftig Erste bleibt – also wie setzt sich das Neue durch? Menschen wie Galileo Galilei wurden von der Inquisition verfolgt (er starb 1642) und wurde erst 1992 begnadigt, ein schlechter Witz ist das, wenn es nicht tatsächlich so gewesen wäre……

CMP: Worauf willst du hinaus?

DT: Wenn vorhandenes Wissen überholt, nicht mehr gültig gilt ist, muss man es der Welt mitteilen, genauso, wie die neue gültige Theorie – nehm mal die klassische Physik und die Quantenphysik: Welche Dinge in unserer Gesellschaft, in unserem Alltag basieren auf den aktuellen Erkenntnissen und welche nicht?

Lange Zeit dachte man, Kaffee entwässert, weswegen man heute noch zum Espresso ein Glas Wasser gereicht bekommt, obwohl man schon lange wieder von dieser Theorie abgekommen ist – oder die Theorie des Homeoffices udn das Vorurteil, das Menschen die zuhause arbeiten, faulenzen, weswegen man seine Mitarbeiter unter Kontrolle und Beobachtung halten muss, obwohl man seit vielen Jahren aus der Psychologie weiß, dass Menschen beim Homeoffice eher mehr und motivierter, statt weniger arbeiten – also wie stellen die Wissenschaften sicher, dass das ausschließlich aktuelles Wissen angewendet wird?

CMP: Ich weiß nicht, vermutlich nur durch den sich wandelnden Lehrstoff an den Universitäten?

DT: Das ist nicht genug! Die Wissenschaften sind verpflichtet, oder sollten verpflichtet sein, über die aktuelle Lehre aufzuklären und Überholtes aus dem Verkehr zu ziehen…..

CMP: Schwieriges Unterfangen….

DT: Ganz genau, weil heutzutage die Wissenschaft die neue Religion geworden ist!

CMP: Starke These!

DT: Mag sein, aber so nehme ich es wahr, deswegen behaupte ich, dass es kaum noch wirklich seröse Wissenschaft gibt, weil sie dann selbstkritisch genug bleibt, die aktuellen Erkenntnisse jederzeit selber oder durch andere in Frage zu stellen – unser Ego macht uns immer einen Strich durch die Rechnung – siehe Freud und sein Todestrieb.

CMP: Wo wir wieder beim Krisengebiet sind……

DT: Richtig! Also entweder wir laufen Gefahr, dass die Medien zu einer Art Daily-Soap verkommen, eine Art „Real-life-Satire“, oder aber wir besinnen uns wieder mehr der Wucht und Wirkung von Worten und Sprache…..

CMP: Du bevorzugst Letzteres, nicht wahr?

DT: Nicht zwangsweise; Ersteres kann eine Menge Spaß machen, birgt aber die Gefahr, dass wir kaum noch Dinge ernst nehmen, vorausgesetzt, wir wollen das…..

CMP: Und was ist dein Fazit?

DT: Das ich immer noch in einem Krisengebiet lebe, wo der Kühlschrank leer, die Weinvorräte verbraucht, die Heizung ausgefallen und die Natur verbrannt ist…..ich fordere Soforthilfe vom Roten-Kreuz….okay, ich mache Spaß, aber du siehst was ich meine, oder?

CMP: Natürlich! Was machst du jetzt im Anschluss?

DT: Mir einen letzten Schluck Wein einschenken, bevor ich eine kalte Dusche nehm und meine Umgebung als Krisengebiet ausweise…..

CMP: Na dann Prost und viel Glück……

DT: Danke gleichfalls – schönen Abend noch,.

CMP: Danke, bis bald.

D unterbricht die Verbindung, malt ein Warnschild und stellt es unmittelbar auf, um seine Mitmenschen zu warnen…..

 

Nur ein Traum – Odyssee 2020 CW36

06.September – D’s gestriger Zusammenstoß zwischen seinem Motorrad und einem Quad im Toulouser Stadtzentrum verlief gimpflich. Was erwartete man, wenn zwei passionierte Menschen aufeinanderprallten, außer verbogenes Plastik und Metall?

Früher waren es Schwerter, heute Drahtesel.

Nachdem die beiden Großstadtritter sich freundlich nach dem werten Befinden befragten und nichts Bermerkenswertes festellten, nicht mal einen Schreck, wünschten sie sich ein schönes Wochenende und zogen wieder von dannen.

Die leicht verbogene Gabel richtete D erfolgreich an einem Laternenpfahl; die Fußraste reparierte er ebenfalls mit Hausmitteln und bog den Fußbremshebel wieder gerade, weswegen D sich nicht wundertee, als er am Abend noch einen Flaschenöffner zerstörte.

Vermutlich hatten die Griechischen Götter all das angeordnet, weil es D schon länger sehr gut ging – so sendeten sie kleine Aufgaben, damit alles wieder in die Waage kam.

D wusste sofort, dass diese Ereignisse Poesie als Antwort brauchten – und so geschah es.

„Tagtäglich – bahnen wir uns Wege, ohne dass wir Füße nutzen, gar Richtungen spüren;

Früher – klein und rosig, heute erfahren, bedürftig, drehen wir Kreise, schwindelnd strauchelnd;

Gesichter – voll unbekannter Fragezeichen, Weitermachen bleibt als Antwort möglich;

Dummheiten – reihen sich zu Früchte und Erfahrungen, bunte Perlenschnüre bildend;

Mühselig – streifen wir Zwiebelhäute, um zum Kern, unserm Selbst hinabsteigend;

Bemühen – bewusst, offen und frei zu sein, schon drücken Ahnungen aus Poren;

Es bleibt übrig kosmische Freude, unser ernstes Schürfen erträglich machend;

Tage drehen sich und rasen mehr und mehr, Schlaf wird immer länger;

Träume sind unsere Nahrung, um durch Tag und Nacht zu kommen;

Bis alles als Stummfilm davonfließt, durch knorrige Hände rieselnd,

Wieso kamen wir ungefragt hierher, versuchten unser Möglichstes;

Die neugierige Katze im Kopfe fütternd, ständig weiterschreitend;

Tage und Ende nicht bemerkend, ohne die Augen selbst geöffnet;

bald gehen wir verloren, ohne dass wir uns selber je gekannt;

was hinterlassen Träume, mögen sie noch so bunt und lang;

Stirnrunzeln, graue Haare – Kampfes Ernte mit dem Selbst;

Schon fällt der letzte Vorhang, wir hatten noch viele Fragen;

Lächle umso reichlicher – verbreite Freude soviel du kannst;

Verschwende deine Liebe, serviere Tage wie Sterne-Menüs;

Feiere Tage reichlich bunt, mögen die Mahlzeiten gleichen;

göttliche Rechnungen, erleichtert du entgegennimmst;

endlich hat alles ein Ende, schön dass es dich gab;

alles war gut, blieb es auch nur – ein Traum!“

 

Auf eine Flasche mit – Odyssee 2020 CW35

30.August – wie jeden Tag saß D zwischen den Stühlen. Einmal war da die große Demonstration in Berlin und dann der Sturm, der über seine Heimat hinwegfegte und der nicht nur gewaltige Schäden anrichtete, sondern auch mit einer solchen Härte die Bäume zwischen Banyalbufar und Esporles zerstört hatte, dass D sprachlos über die verwüstete Küstenstraße MA-10 kroch, dass er sogar vergaß Fotos zu machen!

Immer dann, wenn sich die Menge der einprasselnden Informationen und Reize vergrößerte, hatte D die Angewohnheit sich zurückzuziehen, zu zentrieren und seine Lebensprioritäten neu zu setzen. Nicht selten kamen die Gleichen heraus. In diesem besonderen Fall jedoch wollte er mit seinem Freund Perikles telefonieren, um seine gewaltige Lebenserfahrung mit hinzuzuziehen. Und so kam es.

In ihrer zweiten Videokonferenz ging es wieder um die großen Fragen des Lebens und darum, wie man sich in turbulenten Zeiten vor Hysterie, Ängsten und unangenehmen Befürchtungen und Ahnungen schützen kann. D saß mit einem Glas Wein, sowie seinem Headset vor dem Laptop. Pünktlich um 14:00 wählte sich der Torwächter aus dem antiken Korinth ein.

PvK: Jasas Don – wie geht es dir?

DT: Jasas Perikles – danke, gut soweit und dir?

PvK: Du scheinst heute sehr ungeduldig zu sein…..

DT: Kann gut sein – zur Zeit ist wieder mal etwas zu viel los….

PvK: Findest du? Ich glaube ja, dass immer gleich viel los ist. Lediglich ändert sich ständig alles. Du erinnerst ja noch Heraklits Worte, nehme ich an, oder?

DT: Hm, so gesehen hast du vermutlich Recht. Natürlich kenne ich Heraklits – Alles fließt…..

PvK: Worüber möchtest du mit mir reden?

DT: Darüber, was wichtig im Leben ist

PvK: Vermutlich wird das für uns alle irgendwie ein wenig unterschiedlich sein, meinst du nicht?

DT: Natürlich! – aber wir könnten ja mit mir anfangen, oder?

PvK: Selbstverständlich. Aber denkst du wirklich, dass du mich dafür brauchst?

DT: Sagen wir es mal so: Ich unterhalte mich gerne mit dir darüber, weil du mit deiner Sichtweise die Dinge auf den Punkt bringst, während ich selbst manchmal nur über große Umwege dorthin gelange, weil…..

PvK: Aber gerade die Umwege sind doch das Wertvollste – sie unterscheiden uns von den anderen. Stell dir mal vor, alle Menschen würden direkt von A nach B gehen und niemand hätte Umwege gemacht – die Menschen wären längst ausgestorben!

DT: Okay, aber in meinem Fall……..

PvK: STOP! Nicht nur in deinem, sondern im Fall aller Menschen!

DT: Natürlich, aber es geht mir darum, dass…….

PvK: Na los, erzähl schon: Lass es raus, heute bist du wirklich etwas neben der Spur, wie mir scheint….

DT: Ist das verwunderlich?

PvK: Weiß ich nicht, sag du es mir

DT: Irgendwie stecken wir fest, Perikles…..

PvK: Mach dir nichts draus, das kommt schon mal vor. Wichtig ist nur, dass du weißt, wohin du willst: Norden, Süden, Osten oder Westen. Wenn du mal ein paar Schlenker, oder Umwege, wie du es nennst, einlegst, bereichert es dich nur.

DT: Genau darum geht es ja!

PvK: Worum?

DT: Um die Richtung!

PvK: Und du weißt nicht, wohin du willst?

DT: Schon irgendwie, aber…..

PvK: Aber was…..?

DT: Ich würde dir gerne davon erzählen und deine Meinung hören.

PvK: Wenn dir das hilft, nur zu…..

DT: Hm, irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt……

PvK: Wie denn?

DT: Na, ich sag dir, was mir wichtig ist und du sagst etwas dazu….

PvK: Dann mach das doch…..

DT: Ich komme mir jetzt irgendwie blöd vor…..

PvK: Mach es jetzt nicht so kompliziert: Sag mir, was dich im Leben bewegt und was dir wichtig ist!

DT: Okay. Literatur……

PvK: Das war es schon? Gibt es nicht vielleicht ein wenig mehr darüber zu sagen? Redest du vom Schreiben oder Lesen? Oder gar beides?

DT: Mehr das Schreiben……

PvK: Was gefällt dir daran nicht….?

DT: Wie kommst du darauf, dass mir was nicht……?

PvK: Weil du seit Minuten um das Thema herumkreist, ohne es anzugehen…..

DT: Vielleicht ist es die Art, wie wir das Gespräch angefangen haben……

PvK: Du bist heute anstrengend, finde ich……

DT: Tatsächlich?

PvK: Ja. Sag doch einfach frei heraus, was dich beschäftigt….

DT: Du weißt, dass für mich die Poesie das Höchste ist?

PvK: Das weiß ich. Warum ist sie das?

DT: Weil man mit ihr und durch sie Dinge ausdrücken kann, die man niemals sagen und malen könnte. Mit Poesie erlangt der Mensch die größtmögliche Freiheit, weil er sich und seine Gedanken völlig frei entstehen lassen und sie mit Worten malen kann, bis sie so schön sind, dass sie Seele und das ganze Universum zum Leuchten bringen und sich beide berühren.

PvK: Aber das ist doch ganz wundervoll! Warum betrübt es dich dann?

DT: Weil ich zwar den Kopf voll habe, aber die Worte sich einfach nicht heraus-kondensieren lassen wollen. Keine Ahnung warum, aber es ist, als wenn Begriffe und Bilder vor mir flüchten, verstehst du was ich meine?

PvK: Natürlich! Du bist so sehr darauf konzentriert, dass alles zum Stehen gekommen ist. Du hast sozusagen eine Art Schreib-Verstopfung; nicht Blockade, weil du ja sehr produktiv bist, aber offensichtlich liegen manche Feld wie die Poetik brach.

DT: Genau!

PvK: Hab Geduld! Mach „Die Augen des Horus“ fertig und dann hast du auch wieder Raum für Poesie

DT: Es ist, als würde ich verdursten – Horus hat mich ausgetrocknet…….

PvK: Beschwer dich nicht, DU wolltest ihn schreiben……

DT: Ich weiß! Aber das macht es nicht einfacher – es ist die Disziplin, die ich benötige, um ihn zu Ende zu bringen. Er blockiert alles andere, er muss jetzt endlich fertig werden!

PvK: Vielleicht hilft dir etwas Ablenkung und Abwechslung, was meinst du?

DT: An was denkst du?

PvK: Variiere deine Sonntags-Novellen noch mehr – eine Serie, so wie „Auf eine Flasche Wein mit….. “ sollte doch Spaß machen, oder was meinst du?

DT: Gute Idee! Werde ich ausprobieren.

PvK: Hast du sonst noch etwas?

DT: Willst du schon wieder gehen?

PvK: Naja, ich habe den Eindruck, dass wir durch sind.

DT: Hm, wahrscheinlich hast du Recht…..

PvK: Gib dir Zeit, um deine Erlebnisse zu verarbeiten und konzentriere dich auf das Wesentliche. Vielleicht legst du dein Smartphone öfter weg, oder schaltest es öfter aus. Vermutlich tut dir das gut. Poesie braucht Raum, um zu gedeihen und die modernen digitalen Medien unterstützen hier aus meiner Sicht nur bedingt, wenn sie deinen Teller permanent mit Informationen auffüllen. Du bist ja irgendwann auch mal satt, dann musst du mit dem Essen aufhören, verstehst du? Leg es einfach weg, schalte es auf Flugmodus und les ein Buch, versprochen?

DT: Versprochen! Danke.

PvK: Gern geschehen. Wir machen dann Schluss?

DT: Ja. Nur eins noch kurz….

PvK: Ja?

DT: Was fällt dir heute am Meisten heutzutage auf?

PvK: Das man heute so tut, als wenn man Dinge neu erfindet, als hätte es das alles nicht schon vorher gegeben; das finde ich sehr lustig……

DT: Was ist daran lustig?

PvK: Die Tatsache, dass sich alles wiederholt.

DT: Nun, wir Menschen lieben Wiederholungen…..

PvK: Ich weiß……

DT: Was ist so schlecht daran?

PvK: Weil die Menschen nicht merken WAS sich wiederholt….

DT: Warum merken wir das aus deiner Sicht nicht?

PvK: Weil wir Menschen so schlecht sind, vorhandenes Wissen zu bewahren und für Neues gleichzeitig offen zu bleiben, um somit die Wissens-Basis ständig weiterzuentwickeln, frei nach dem Leitspruch von Heraklit – alles fließt! Nichts hat Bestand, Wissen genauso wenig wie dein Körper.

DT: Hast du einen Tipp, wie wir das ändern können?

PvK: So etwas klappt nur durch Bildung, ausreichend Weitergabe von Wissen und Erfahrung und größtmöglicher Wertschätzung und Respekt vor allen alten Menschen, denn sie sind die Wissenden, während die Jungen meist nur mit Arroganz glänzen, weil sie noch jung und schön sind – doch auf was ist man stolz, gar arrogant, wenn man es ohne sein Zutun von Mutter Natur bekommen hat?

DT: Du meinst frei nach dem Motto – heute glänzt die arrogante Schönheit, die morgen schon wieder kalte Asche ist, aus der sie entsteht?

PvK: Genau!

DT: Kannst du einen konkreten Tipp geben, wie wir einen Schritt weiter kommen?

PvK: Reduzier Entertainment aufs Maximum und kümmer dich um das, was wirklich bewegt….

DT: Mehr nicht?

PvK: Für die meisten ist das schon zu viel…….

DT: War schön mit dir zu sprechen – jetzt geht es mir besser. Vielen Dank!

PvK: Dafür nicht. Bedanke dich bei dir selbst.

DT: Ich freue mich auf das nächste Mal.

PvK: Ich auch. Mach es gut. Bis bald.

DT: Danke, du auch.

D schaltet die Videoverbindung aus und macht sich mit leichten Fingern an ein kleines Gedicht, was ihm schon länger im Kopf herumschwirrt.