Sie tat es aus Liebe – Odyssee 2021 CW08

D saß mit verschränkten Armen und Beinen auf einem Sofa. Draußen dröhnte Verkehr und Grundrauschen geschäftiger Menschen, während er nachdenklich aus den großen Fenstern des ersten Stocks sah und dem beginnenden Frühling in den offenen Schoß blickte.

D’s Freundin hatte ihre beste Freundin Eva besucht, weil diese von ihrem Partner Mattieu in den kommenden Monaten zum Altar geführt werden sollte und D gesellte sich am Nachmittag dazu.

Eigentlich hatte er vor, zu Maxxess zu fahren, um ein paar Dinge für sein Motorrad zu besorgen, musste jedoch nach wenigen unmotivierten Schritten in seiner Wohnung feststellen, dass er heute offenkundig sogar zum Atmen zu faul zu sein schien. So lud ihn seine Freundin ein, zum Café dazuzukommen.

Mit wachsender Freude, dachte er an den Café, während er durch die Sonne von Toulouse flanierte und sich kurzfristig entschied, das Angebot anzunehmen; eine kurze digitale Nachricht an seine Freundin gab ihr letzte Möglichkeiten zu intervenieren, um das Angebot zurückzuziehen; da dies ausblieb, bog D am Place de la Daurade rechts ab und schwebte dem verlockenden Angebot zielstrebig entgegen.

Schon beim Eintreten, bemerkte D, dass die Damen bereits einige Gläser Champagner intus hatten. Es lag nicht nur allein am schrillen Lachen von Eva, sondern vielmehr an den Themen, die anscheinend schon länger halbseiden zu sein schienen, aber noch keine Grenze des Geschmacks überschritten hatten, dass D sich Sorgen hätte machen müssen.

Es war vielmehr die Wortwahl, die eine unübersehbare beginnende Schlüpfrigkeit unterstrich, die D grundsätzlich begrüßte, besonders an Samstagnachmittagen.

Eva war so etwas wie der Prototyp der idealen Fransösin: Schön und gebildet, noch dazu mit Eigenschaften wie Geschmack, Humor und Empathie hübsch verziert, dass D gerne und völlig frei von Ironie von einem wunderbaren Qualitätsprodukt der fünften Republik sprach.

Auch auf D’s Freundin traf das Meiste davon zu, wenngleich man bei ihr vergeblich die selbe elegant überdeckte Arroganz suchte, mit der ihre Freundin Eva ihren schön hingewachsen Wirtskörper durch die Welt schob.

Schon vor vielen Jahrzehnte entdeckte D diese schwer einzusortierende Eigenschaft an sich, fremde Frauen immer irgendwie ein wenig anziehender zu finden, als seine Partnerin.

Es musste etwas mit gestohlenen Äpfeln zu tun haben, die immer besser schmecken, als die rechtmäßig erworbenen. So fiel es D also an diesem Samstag nachmittag, nach dem Genuss von mehreren Gläsern Champagner zum so und so vielten Mal vor die Füße, dass er Eva mit den gleichen Blicken taxierte, wie die einladende Fleischtheke beim Schlachter nebenan, wo er mit geübtem Blick ein vorzüglich aussehendes Entrécôte erspähte, dass ihm blitzartig der Zahn tropfte.

Und Beine hatte sie!

D musste oft aus dem Fenster sehen, um sich nicht von dieser graziösen Strumpfhose und den Stilettos verzaubern zu lassen; noch dazu hatte sie mit ihren 32 Jahren auch noch ein Alter, dass ihrer Natur alle Möglichkeiten gab, das pulsierende Leben hinter jedem Quadratzentimeter Haut zu finden, die sich nur mit Mühe im Korsett aus Anstand, guter Kinderstube und großbürgerlicher Erziehung im Zaume halten ließ, das D wie zur eigenen Beruhigung seine Hand auf den Oberschenkel seiner Freundin legte, deren Beine in Form, Länge und Farbe in keinster Weise hinter Evas hinterherhinkten.

Sie waren lediglich schlichter hinter Jeansstoff verpackt, was auch hübsch anzusehen war, jedoch nicht diese archaische Wirkung auf D ausübte, wie Nylons in hohen Hacken.

Du meine Güte, hat die Natur dich einfach gestrickt!

dachte D, verzweifelte jedoch nicht allzu lange, weil er der ausgelassenen Unterhaltung der zwei Ladies lauschte, die gerade das nächste Level an Dynamik und Lebensfreude erreicht hatte, wie D unschwer hörte, als weitere Lachkrämpfe der zwei ausgelassen Champagner trinkenden Damen wie Tsunamis über ihn zusammenbrachen, dass er sich immer wieder mal verstohlen umblickte, um breiter und breiter lächelnd nach versteckten Kameras zu suchen.

Eva: (laut lachend, fast ein wenig schmutzig)…wenn er dann fertig ist, sieht er mich immer an, als wenn er unsicher ist, ob er sich Bedanken oder um Entschuldigung bitten soll, weil er nicht weiß, ob er gut genug war – dass kannst du dir nicht vorstellen! Er trägt mich auf Händen; noch nie hab ich einen solch verliebten Mann gesehen; dass Mattieu dann mit dem Antrag um die Ecke kommen würde war mir klar – und bei ihm nahm ich mir diesmal vor, ja zu sagen!

Don’s Freundin: Er ist wirklich ein seltenes Exemplar, Eva, das musst du zugeben; sowas von höflich, nett und zuvorkommend; ein wahrer Gentleman, ganz anders als meiner hier, nicht wahr, Don? (lautes Lachen der zwei Frauen)

Don: (schmunzelte in seinen sieben Tage Bart und nahm sich vor, ein wenig zu zündeln)……wenn Mattieu noch gut kochen und aufräumen kann und noch dazu handwerklich begabt ist, wie du sagst, Eva, dann hast du doch deinen Traum-Prinzen gefunden, der euren zukünftigen Kombi zuverlässig und unfallfrei von der Schule zur Arbeit und wieder nachhause zurückfährt – ich gratuliere – und wieder hast du alles richtig gemacht! (ein wenig sarkastisch und bittersüß ließ D seine Worte einsickern)

Eva: Im Ernst Don: Mattieu ist der perfekte Ehemann! Gut aussehend, aber nicht zu gut, sportlicher Körper, volles Haar, braune liebevolle Augen und ein Maß an Freundlichkeit und Zuverlässigkeit, wie sie nur ein 40 Jähriger haben kann!

DF: Bleib aber lieb zu ihm Eva, okay? Der liebt dich wirklich, behandle ihn gut, versprichst du mir das? Bei Mattieu kannst du dir alles erlauben, du hast das schon ganz richtig bemerkt: Er trägt dich auf Händen; alles wird er für dich machen und noch mehr…

D: (D bemerkte, dass der Alkohol bereits ein gerüttet Maß an Feinsinnigkeit bei den Damen übertünchte)…..du sag mal Eva, für mich klingt das aber eher so wie auf einem Pferdemarkt; hast du denn auch sein Gebiss ausreichend begutachtet? Er ist also zur Zucht geeignet, offensichtlich sogar zu deiner Eigenen?

Eva:…..ich habe mit Feude JA gesagt!

Don: Das habe ich mir bereits gedacht, Eva – aber viel wichtiger ist doch, dass du ihn liebst – den Eindruck habe ich bisher nicht; so wie du über ihn redest klingt es so, als wenn du über einen netten Freund oder einen Kollegen sprichst und nicht über deinen zukünftigen Gemahl!

Das hatte gesessen; D wollte eine Reaktion auslösen, vielleicht klappte es so, dacht er sich; während er sprach hatte seine Freundin nach seiner Hand gegriffen, die immer noch auf ihrem Schenkel lag und hatte angefangen sie a-zyklisch immer wieder leicht zu drücken. Als er dann auf Liebe zu sprechen kam, fuhr sie erschrocken zusammen.

Warum wusste D an diesem Nachmittag noch nicht. War es seine forsche Art, mit der er Eva offen attackierte? Oder war es die wachsende Furcht vor Evas Antwort, die sich immer weiter ausbreitete?

D wusste es nicht.

Eva: Wie jetzt, Liebe? Von was redest du denn da, Don? Natürlich liebe ich ihn nicht! Darum geht es doch gar nicht; ich will Kinder haben, das geht nun einmal nicht ohne Kerl; so etwas wie Kinder hält doch keine Beziehung aus, schau dich doch mal um; wie naiv bist du denn? Wir haben zehn gute Jahre, dann sind die Kinder schon ein paar Jahre in der Schule und dann trenne ich mich sowieso von ihm; ich habe doch keine Lust, mein Leben mit ihm zu verbringen, wie komme ich dazu?

D: Aber…….(sprachlos blickt D mit offenem Mund in die lodernen Augen Evas)

Eva:…nix aber, lieber Don! Aus welchem Märchenland kommst du denn geritten? Wir leben im Jahr 2021 und nicht 1821, schon bemerkt? Heute kann Frau alles machen, sein und haben, so wie die Männer! Ich kann doch mit Kindern keinen hübschen Kerl zuhause gebrauchen, der womöglich fremdgeht, gar fremdvögelt, wie komme ich dazu?

Deswegen darf er auch nicht zu gutaussehend sein, so dass sich alle Frauen nach ihm umdrehen, um Gottes Willen, Don – Kinder sind harte Arbeit, da musst du dich aufeinander verlassen können, sonst hast du schnell Probleme – und die wollen wir ja wohl alle nicht, oder?

Ich will einen gut aussehenden, zuverlässigen, freundlichen Kombifahrer, der mich auf Händen trägt, so lange ich Lust darauf habe und wenn nicht, dann geht das Leben ohne ihn weiter – ist doch das Normalste von der Welt…!

D: Ach so ist das – so hatte ich das noch gar nicht gesehen; wann wollt ihr heiraten?

Eva: Im Juli. Wir suchen zur Zeit nach einem geeigneten Termin, um im Anschluss unsre Flitterwochen zu machen……mir ist eigentlich egal wo, Hautsache Sonne und Strand!

D: Na, da bin ich mir sicher, dass ihr was Passendes findet…Mist ich erinnere mich gerade daran, dass ich doch glatt vergessen habe, ein paar Besorgungen zu machen…

Eva: Du musst los, Don? Na dann können wir uns ja in Ruhe über dich herziehen! (laut lachende Frauen)

D: Da bin ich mir sicher, Eva…

D’s Freundin lässt seine Hand nur widerwillig los und ist sich nicht sicher, ob sie noch länger bleiben soll. Selbst die Champagner-Wirkung hatte etwas an Leichtigkeit und Ausgelassenheit eingebüßt. Schon stand D mitten im Wohnzimmer und machte Anstalten sich zu verabschieden. Mit Sicherheit würde seine Freundin aus Anstand noch bleiben.

D: Ich würde wirklich noch gerne bleiben, aber wenn ich nicht vor 17:30 im Supermarkt bin, lassen die mich nicht mehr rein…ihr kennt ja diese blöde 18:00 Uhr Regelung, die wir immer noch in La France genießen dürfen…bis später, Schatz – bis zum nächsten Mal Eva und noch einmal: Herzlichen Glückwunsch…

Ist Kultur lebenswichtig? – Odyssee 2021 CW07

21.Februar – Erst vor wenigen Tagen las D in den Medien, dass in Frankreich, wie auch Deutschland die Frisöre wieder offen hatten. Grundsätzlich eine durchaus begrüßbare Nachricht, wenn man sich vorstellte, wie die Haartracht beider Staaten bereits ins wahrhaftig Unermessliche gesprossen sein musste.

Vermutlich hatten sich Herr und Frau Biedermeyer es sich längst selber besorgt, bevor sie wookiee-gleich durch die Straßen schlurften.

Aber wie war das mit Kunst und Kultur? War Kultur schützenswert? Gehörte Kunst nicht bis vor Kurzem zur Kultur, so wie Ying zum Yang? Wie sah es in der Pandemie damit aus? Bekamen Künstler genauso Arbeitslosenunterstützung, wie alle anderen, eher Ökonomie getriebenen?

D wusste es nicht.

Das Einzige, was D kristallklar vor seinen Augen aus der tiefsten Steppe der Erkenntnis entgegensprang, war das Bedürfnis zu helfen!

Noch konnte man sich vermutlich über Wasser halten, doch wie lange noch? Was passierte bis Sommer? Wie würden sich die unzähligen Pleiten auf Arbeitsmarkt und viel dramatischer, Immobilienmarkt auswirken?

Stundenlang brütetet D über diese ernste Situation nach und merkte, wie sich der Ernst der Lage auf seine Unbeschwertheit auswirkte. Es konnte nicht mehr lange dauern und seine Inspiration würde erste Signale senden; Einfälle und Eingebungen mussten ganz zwangsläufig weniger werden, viellicht sogar irgendwann ausbleiben, denn selbst wenn man selber vielleicht noch die Nase überm Wasser halten konnte, musste man ganz natürlich zutiefst berührt um sich herum erblicken, wie die Mitmenschen nacheinander absoffen.

Wen ließ sowas kalt? Wer konnte noch fröhliche Lieder pfeifen, wenn er damit alleine war?

D jedenfalls lief es ein wenig kalt den Rücken runter, wenn er sich vorstellte, welche Auswirkungen es haben könnte und welche es garantiert haben musste!

Beides war nicht von Pappe. Doch es war vielmehr die Frage, was für die Europäer wirklich lebenswichtig blieb; noch spannender fand D die Frage, wer darüber entschied; wer legte fest, welche Dinge lebenswichtig blieben und welche nicht meh; wonach wurde gemessen?

Offenkundig standen Frisöre ganz oben auf der Liste.

Wie konnte ein flotter Haarschnitt wichtiger als Musik, Kunst und Literatur sein? War es nicht eher umgekehrt, dass alles ein großes Nichts blieb, wenn man die großen Drei nicht um sich hatte?

Wie hielten es die Nachbarländer, wie sah es die Eurokommission?

Waren Frisuren wichtiger als kosmisches Benzin? Könnte sich nicht jeder einen Haarschnitt verpassen, der eine Schere bedient? Natürlich, über die Ausführungen müsste man nicht weiter diskutieren; mit Sicherheit dürften einige Varianten wüst bis unmöglich aussehen.

Aber wenn ein Forstwirt, der die Motorsäge bedient und den Baum nicht mehr sieht, weil seine Matte zu lang geworden ist, sich den Pony selber schneidet, um wieder frei auf das schreiende Schwert blicken zu können, dann erfüllt es zumindest seinen Zweck!

Vielleicht lieben Forstwirte die Kunst?

Könnte er nicht eher ohne Kultur am Leben zerbrechen, anstatt mit schnittiger Frisur im kulturfreien Wohnzimmer zu vertrockne, weil er weder Geist noch Seele gießen kann?

D kannte tatsächlich ein paar Forstwirte und war durchaus erfreut, über deren Literaturgeist und Kunstverstand; einer malte soga; wie konnte man also den Friseuren, ohne schlechtes Gewissen wieder erlauben, zu öffnen, während der Rest sehen konnte, wo er bleibt?

D wusste es nicht, im Gegenteil.

Die derzeitige Verrohung, bedingt durch die ungebrochene Taktlosigkeit der Politiker, ließ erahnen, was da noch auf Europa zukommen würde; Fragen wie „was ist lebenswichtig“ konnte und durfte man nur durch Volksentscheide treffen; niemals dürften das Politiker im eigenen Kreis tun; hier ging es um Demokratie und Mitbestimmung, gerade in Zeiten wie diesen, was D letztendlich wieder zur Anfangsfrage zurückbrachte, nämlich, wie half man den freischaffenden Künstlern?

Gab es so etwas wie Rettungsfonds für erwerbslose Künstler? Auch dies wusste D nicht – was er aber wusste war, dass er handeln wollte.

Zwar hatte er nicht die leiseste Ahnung wie, aber es musste einen Weg der Solidarität für alle geben und wenn nicht, musste man sie wieder herstellen und sei es in der Not durch Eigeninitiative.

D grübelte noch ein wenig herum und merkte noch kurz, wie ihn Morpheus heimsuchte, der ihn mit komplexen Träumen in weit entfernte Länder entführte, wo es noch Freiheit und Förderung von Kunst gab……bis er dann selig udn erleichtert…..

………davonsegelte……….

 

Valentino – Odyssee 2021 CW06

14.Februar – Angeblich gab es drei heilige Valentinos. Irgend so etwas las D in Wikipedia, als er sich für diesen Tag rüstete. Mittlerweile hatten sich ganze Industriezweige auf dies Ereignis vorbereitet.

Von Blumensträußen, bis Sexspielzeug gab es nichts, was es nicht gab, was D zu aller erst ungebremst begrüßte, da er Vielfalt aus tiefstem Herzen mochte, wussten die Menschen doch schon seit tausenden von Jahren, das die Liebe auf alles sprang was nicht niet- und nagelfest blieb.

So auch 2021, wo man sich mit nem Schlüpfer vorm Gesicht gegen Viren schützte und Menschen jeder Nation hofften, dass der Spuk möglichst bald aufhörte. Doch danach sah es erst mal noch nicht aus, im Gegenteil.

Überall saßen Staatshörige, sowie deren Zweifler, ähnlich wie beim Valentino.

Für die einen war er ein Heiliger, unabhängig davon, ob es nun zwei, drei oder fünf gab, während es für andere ein Fest der Liebe blieb, weswegen an diesem Wochenende trotz, oder gerade wegen Corona, überall Übernachtungsmöglichkeiten, inklusive Dinner im Süden Frankreichs angeboten wurden.

Für D waren es keine Widersprüche, im Gegenteil.

Denn wenn man einer Sache wirklich auf den Grund ging, merkte man schnell, wie gründlich man sich verlieren konnte, was einen schlussendlich wieder zum Anfang, oder gleich zur Frage führte, warum man sich überhaupt aufgemacht hatte, um etwas komplexes wie Jenes oder Welches verstehen, gar durchdringen zu wollen.

Wäre es nicht viel zweckmäßiger und klüger, wenn man einfach das Leben genoss, so gut und einfach es irgend ging, ohne, hier soll dabei ganz besonders noch einmal hingewiesen werden, ohne die leiseste Ahnung, wie man überhaupt in die Welt gekommen war, geschweige, wie man sich Eigenschaften, Meinungen, Gefühle, Motive samt ihrer Motivationen angeeignet hatte?

War es Langeweile, wenn man den Luxus genoss, sie besitzen, gar erleben zu dürfen?

Oder eine Form von Müßiggang, mit anschließenden Resultaten?

Konnte man zu irgendeinem wirklich wahren Wissen gelangen, wenn man Mensch bleiben wollte, was ein gerüttet Maß an Nichtperfektion, Unwissenheit und Begrenzung in Sachen Bildung, Vorstellung, Empathie, Mitgefühl und Barmherzigkeit voraussetzte, um ein annehmbarer und ernster Erdenbürger zu sein, der mit Limitierung, Faulheit und Unzurechnungsfähigkeit kämpfte?

Oder hatte sich der moderne, gebildete und zivilisierte Mensch doch zu etwas Geistigem aufgeschwungen, wie es die Philosophen der Aufklärung angedroht, oft propagiert und an ihren Lehrstühlen doziert hatten?

Dies, so wie anderes wusste D nicht, und wollte er aus vielen Gründen nicht ergründen. Weil erstens:

War Valentinstag, noch dazu Sonntag, was so ziemlich ausschloss, schwerwiegende Fragen zu behandeln, besonders jene der Aufklärung und ihrer posttraumatischen Kollateralschäden wie deren kritische Auseinandersetzung mit Dingen wie Vernunft, dem Sein, dem großen Nichts oder, wahlweise, dem großen Ganzen.

Zweitens, brauchte man mit D’s Worten nur ein Messer und einen wahlweisen Finger der eigenen Hand auszuwählen, um ganz schnell das eigene Wirklichkeitsfeld festzulegen, sowie Präzision und Ortsbestimmung der eigenen Einbettung in Selbiges.

Was in anderen Worten bedeutete, dass man sich entweder sein Leben lang geirrt, immer richtig gelegen, oder nie die leiseste Ahnung von all dem metaphysischen Kram hatte, mit dem man sich in der Philosophie seit über 2500 Jahren beschäftigte.

Und drittens – was viel wichtiger für das Gelingen des Alltag blieb, sowie daran erinnerte, dass auch das präziseste beschriebene Weltengebäude nichts, rein gar nichts dazu beitragen, geschweige Hilfestellung bei einer sozialverträglichen Einordnung ins große Ganze leisten konnte, wenn am Valentinstag ein alter Kater auf eine rollige Katze traf!

Entweder war alles Natur und somit Tiere, Menschen und die Welt selbst etwas ganz natürliches, oder sie waren es eben nicht und die geistige Ausgestaltung und Definierung Selbiger, löste sich immer weiter vom Wirklichkeitsfeld, in dem sich beide, offenkundig eine ganze Zeit lang gemeinsam befanden, was bedeutete, dass die Aufklärung nie ihrem Versprechen nachgekommen war, eben aufzuklären und sich der Umwelt entsprechend, weiterzuentwickeln.

Dies wiederum war für D ein Beweis dafür, dass Wurstblinker ähnlich exakte Richtungsweiser blieben, wie die integrierten Winkewimpel in der B-Säule des Zwiebel und Ovali-Käfers, die nur deswegen als gebrächliche Technik nicht bestätigt wurden, weil die limitierten Horizonte aller geistigen Väter eben auch unsere Weiterentwicklung aus gleichen Gründen verhinderten, wie damals der gute Siegmund Freud, der den armen Wilhelm Reich, den Ex-Studenten aus seiner „Wiener Psychoanalytischen Vereinigung“ ausschloss, als dieser gedachte die Arbeit des Meisters weiterzuentwickeln.

Was das alles mit heutigem Valentinstag zu tun hatte? D wusste es nicht.

Und weil er so sehr an die Wichtigkeit unschuldiger Unwissenheit und Unvollkommenheit glaubte, konnte er seinen Tag nur mit einem Apéro beginnen, um allen schönen Dingen zu frönen, die ihm Natur, Kosmos, sowie die geistigen und spirituellen Kräfte mitgegeben hatten, solange sie noch viril und vital blieben.

Carpe diem – hatte D irgendwann einmal gelesen – irgendwie freute er sich damals darüber, weil er es bereits praktizierte, bevor er die lateinische Empfehlung lernte – und so geschah es:

D sah, dass sein Valentistag gut war und er tat alles dafür, dass er es blieb – und so sahen auch die griechischen Götter und all die anderen Herrschafften, an die man glaubte, dass es besser war, als es schien,

So geschah es…

Leere Augen – Odyssee 2021 CW05

07.Februar – Seit ein paar Tagen drückte irgendetwas auf D’s Seele. Es war nicht das Übliche Corona-Wehweh, es hatte andere Formen bekommen. Es drängten ein paar Reime ans Tageslicht. Mit der Isolation alleine hatte jeder schon genug zu tun. So auch D, der die Einsamkeit zwar grundsätzlich mochte, aber die Selbstgewählte bevorzugte, ganz besonders wenn es um Ort, Zeit und Menschen ging.

Und so geschah es.

D setzte sich an einen Schreibtisch und begann die folgenden Zeitel zu schreiben…

Leere Augen warten auf grün,

hoffend, dass es nicht weiter geht;

weiter zuverlässig funktionieren,

gebildet, höflich rein mechanisch;

Spielzeuguhren, gefüllt mit Zahnrädern,

wieder und wieder aufs Neue aufgezogen;

ewig geht das Warten weiter, nie hört es auf,

einreihen, anstehen, eintreten, verabschieden;

mechanische Rituale heben grüßend die Hand,

wann ist uns das Leben abhanden gekommen;

alle Städte sind voll von Ihnen, Zerstreuung suchend

Erledigungsmaschinen, an Perlenschnüren aufgezogen,

vor den Ampeln des Lebens wartend,

leere Augen die auf grün zu warten,

bis sie im Spiegel erkannten, dass

es meine eigenen waren…