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Ochsen und Messer – Odyssee 2021 CW13

Oster-Sonntag, 04.Apil – Richtig, falsch oder neutral blieben die Kategorien, in denen D seine Welt erschloss. D bemühte sich, seinen philosophischen Anspruch in seinem Alltag anzuwenden; besonders leicht ging ihm dies bei Wein von der Hand.

Natürlich kannte D nicht alle Rotweine der Welt, vermutlich blieb es ein verschwindend kleiner Teil, den er in seinem Leben bis heute kosten durfte, was nichts daran änderte, dass es mehr als Beispielsweise zehn waren; realistischen Einschätzungen nach mussten es bereits mehr als hundert gewesen sein, womit D zumindest für sich eine statistisch beweisbare Aussage machen konnte, woraus sich über die Jahre passende Begrifflichkeiten weiterentwickelt hatten, wie eben richtig und falsch.

Ein für D’s Gaumen, leichter Rotwein aus dem Ahrtal blieb für ihn so leichtgewichtig, dass er sie tendenziell zu den falschen als zu den neutralen Rotweinen einordnete, abhängig davon, wieviel Charakter sie hatten; kamen sie mit heraus-schmeckbarem Körper daher, schafften sie es in D’s Wein-Liga immerhin auf einen soliden neutralen Platz.

Natürlich wollte D nicht jeden Tag den gleichen Wein trinken, was alleine schon deshalb schwierig blieb, weil er ja täglich in anderen Stimmungen und Momenten lebte, weswegen er auch mit anderen Geschmacks-Idealvorstellungen daherkam, so dass sich in der Familie der „Richtigen“ eine bunte Mischung südeuropäischer Rotweine angesammelt hatte, die D’s Leben verschönerten.

So auch diesen Ostersonntag.

Perikles von Korinth hatte sich nach langem wieder mal angekündigt. P, wie D ihn gerne nannte, hatte einen ähnlichen Weingeschmack und auch sonst sich ähnelnde Rituale, weswegen sie sich vorgenommen hatten, mal wieder einander physisch zu-zu-prosten.

Ein Krug „Sang de Bou“ stand auf dem Tisch, den D leichthändig über dem Tisch kreisen ließ, das P an Kettenkarusselle und Achterbahnen dachte, als der Krug dann leicht nachwippend vor ihm halt machte und mit lautem Gluckern seinen Kelch füllte.

D war in Hochstimmung.

Durchaus mochte es an den Tonbechern liegen, die er sich bereits zu Gemüte geführt hatte, bevor P seine gute Stube betat, die ihm bereits einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung gaben, sowie Kredit auf Nachmittag und Abend auszahlten, das Perikles sich achtungsvoll am Tisch festhielt, als D seinen Trinkspruch hinterherschob – que fa rem – was auf mallorquinisch so viel hieß wie „man kann nichts machen / oder was soll man machen?“ und D seinen Becher augenzwinkernd zum Mund führte, nicht ohne zufriedene Seufzer aus tiefster Kehle strömen zu lassen.

Nachdem die andächtige Stille, kulturell angemessen untermalt durch das gurgelnde Schlucken der zwei angegrauten Kater, ausreichend gefüllt und schlussendlich vertrieben wurde, machten sich beide mit einem erwartungsvollen Dialog-Sparring warm, dass sich beide wohlig fühlten und am Zusammensein labten.

„So, mein Lieber – da wären wir mal wieder; und..?“

„Wie und…?“

„Du weißt mindestens so gut wie ich, dass es sich hier um eine Art Einleitung, quasi eine Brücke handelt, um einen angeregten Dialog mit dir zu beginnen, in dessen Zentrum eine hoffentlich anspruchsvolle These steht; du weißt, wie sehr mich belangloses Palieren langweilt…“

„Aber natürlich…wenngleich ich hinzufügen muss, dass ich noch nicht ganz verstanden habe, was diesen Wein, zu einem „Richtigen“ macht; ja, ich mag ihn, aber es gibt doch sicherlich noch viele andere, die ebenfalls richtig sein dürften, oder etwa nicht?“

„Natürlich! Es ist wie mit dem Guten; auch dort gibt es ja mehr als ein „Gutes“ – und so ist es natürlich auch mit den „Richtigen“ Weinen; wenn du dir eine Skala von links nach rechts vorstellst, befinden sich auf der einen Seite…“

„Ich kann es mir vorstellen, lieber D; weiter weiter…“

„Okay; dann spule ich vor; wie weit…?“

„Wie du magst…“

„Okay; wir müssen uns den Weinen, wie bei Allem übrigens im Leben, über Extreme annähern; welche sind trinkbar, aber nicht besonders charaktervoll, also vielleicht neutral, welche gehen gar nicht und welche sind schlicht und ergreifend „richtig“; ein Beispiel mit etwas völlig Anderem, aber repräsentativ für quasi Alles; kennst du das Messer-Experiment?“

„Nein, noch nie gehört; kommt das wieder aus deiner dunklen Psycho-Kiste? Von wem hast du das…?“

„Nein, es ist ne Eigenkreation…“ Im Hintergrund schenkt D erneut die Tonbecher gluckernd voll. Sich fröhlich zunickend stoßen die zwei Männer erneut an und heben dabei die tulpenförmigen Gefäße in die Höhe.

„Na, dann bin ich gespannt…“ P lächelt breit und erwartungsvoll und legt sich ein paar stramme Argumente, als Dialog-Munition zurecht, um den derart motivierten D schnell zurück auf den Boden zu holen, bevor er in zu große Höhen abdriftet, von denen er nur langsam wieder hinuntersegelt, meist erst nach Stunden, wenn seine sprudelnden Gedanken zur Ruhe kamen.

„Also…“ D stand auf und machte sich in der Küche zu schaffen.

„Ich höre…“ Überrascht sah sich P um und versuchte zu ergründen, was D anstellte, als dieser mit Holzbrett und großem Messer zurückkam; überrascht blickte Perikles auf.

„Was soll denn das..?“ Perikles rückte unbewusst vom Tisch ab.

„Leg deine Hand auf das Brett, los doch…“

„Wie bitte? Und dann…?“

„Los doch…“

„Welche denn…?“

„Ist völlig egal…“, worauf P seine linke Hand auf das Holzbrett legte.

„Gut! Jetzt nehme das Messer in deine Rechte….“

„Was? Wieso, was soll denn das alles…?“

„Wirst du gleich sehen; es ist nicht gefährlich und schmerzhaft, aber im wahrsten Sinne einschneidend…“

„Jetzt machst du mich ein wenig unruhig…“, dennoch nahm Perikles von Korinth das große scharfe Messer in seine rechte Hand, genauso, worum ihn D gebeten hatte.

„So! Jetzt streck deinen kleinen Finger aus und lege das Messer mit der Klinge auf das Ende deiner Fingerkuppe, so als würdest du sie abschneiden…“

„Wie bitte, spinnst du…?“

„Nein, sei unbesorgt, es passiert dir nichts…“

„Na gut; und jetzt?“ Tatsächlich tut P wie ihm geheißen und zuckt zusammen, als die kalte scharfe Klinge auf der Fingerkuppe seines kleinen Fingers lag; schon alleine durch das Eigengewicht von Hand und Arm, spürte P, wie die Haut angeritzt wurde, wenngleich ohne dass Blut hervortrat.

„Wie fühlt sich das an, mein teurer Freund…?“

„Merkwürdig, irgendwie falsch…und jetzt?“

„Was würdest du jetzt üblicherweise tun…?“

„Wie meinst du „üblicherweise“; so etwas hätte ich ja nie getan, wenn du mich nicht darum gebeten hättst; wie soll ich also jetzt wissen, was ich als nächstes tun würde…?“

„Ganz genau! Du machst das zum ersten Mal und hast keine Ahnung, was als Nächstes kommt…dann frag ich dich jetzt, was tust du als Nächstes, wenn du ab dieser Sekunde frei bist, zu tun und lassen, was du willst?“

„Wie bitte?“

„Du hast ganz richtig gehört; los doch, was machst du als Nächstes?“

„Ich würde das Messer entfernen und weglegen…“

„Warum?“

„Wie warum? Wieso denn nicht? Was denn auch sonst?“

„Du würdest dir also nicht die Fingerkuppe abtrennen, wie ein Yakuza-Mitglied, das einen Auftrag nicht völlig zufriedenstellend ausgeführt hat?“

„Natürlich nicht, was soll denn der Quatsch?“ Perikles nimmt das Messer von seinem Finger weg und legt es etwas skeptisch auf den Tisch, neben das Holzbrett.

„Du würdest dir also keinen Schaden zufügen und stattdessen das Messer weglegen, habe ich dich richtig verstanden? Waum…?“

„Wie warum? Ich verstehe ich nicht, was soll das alles?“

„Warum fügst du dir keinen Schaden zu? Versuche die Frage so präzise wie möglich zu beantworten…“

„Weil ich mir keinen Schaden zufügen möchte; ich fühle mich unversehrt und gesund wohler!“

„Ganz genau! Sehr gut…“

„Und?“ Perikles nimmt jetzt einen großen Schluck aus dem Becher.

„Nichts, das war das Experiment…“

„Wie bitte? Und was ist die Erkenntnis?“

„Das du dich offensichtlich ungerne selber beschädigst…“

„Dafür brauchte ich kein Experiment…!“, gab Perikles ziemlich forsch und angespannt heraus und zündet sich eine Zigarette an, während D immer zufriedener lächelt.

„Vorsichtig! Was denkst du, wobei kann dir dies Experiment helfen, wenn es dir offenkundig so wenig Mehrwert gibt? Wozu könnte es anregen…?“

„Hm, lass mich mal nachdenken…“

„Nur zu…“

„Hmm……“ Perikles runzelte die Stirn und stemmte seine Hand unter das Kinn, so wie man es bei alten Statuen. Doch es kam nichts Nennenswertes aus seinem Mund, auch nach mehreren Minuten nicht, so das D sich eingeladen fühlte, seinen Erkenntnisprozess auf andere Art und Weise anzuregen, weil er ein großer Freund der Mäeutik blieb.

„Wieso brauchst du nicht lange grübeln, ob du dir deine Fingerkuppe abschneiden willst…?“

„Na weil ich recht gut weiß, was mir guttut und was nicht…“

„Ganz genau! Doch wieso ist etwas offensichtlich Einfaches dennoch im Alltag sehr hilfreich, auch wenn es dir so simpel und selbsterklärend erscheint…?“ Langsam erhellte sich die Miene von Perikles; mehr und mehr lächelte er, bis er D breit anstrahlte.

„Aber natürlich; die offensichtlichen Dinge, entschlüpfen uns am schnellsten, weil wir quasi den einzelnen Baum vorm Wald nicht mehr erkennen können…!“ D schwieg und ließ seinen Freund allen gedanklichen Auslauf.

„…und weil wir uns daher sehr häufig im Leben gar nicht sicher sein können, was gut oder schlecht für uns ist, weil wir nie genug Distanz aufbauen, um eine vernünftige Lösung zu finden…“ D trank aus seinem Becher und schenkte lächelnd und nickend nach; er konnte förmlich spüren, wie Perikles den Kreis in den nächsten Minuten schließen dürfte.

„Ha, jetzt hab ich es! Du kleiner Schlawiner, du ausgekochtes Schlitzohr! Es geht bei dem Experiment gar nicht um Messer und Finger…du benutzt dies haptische, in der Tat sehr einschneidendes Beispiel als psychologischen Anker für jeden Moment, in dem ich mir unsicher sein könnte….das ist wirklich perfide, mein Lieber…so scheuche ich mich in Zukunft selber zur ausreichenden Distanz auf, dank der kalten scharfen Schneide, die mir in der Tat den Finger geritzt hat…um mit genügend Distanz und Ruhe meine eigene, statt übernommene Entscheidungen der anderen unbewusst zu kopieren…herzlichen Dank dafür…also, dann lass uns auf den Osterhasen, den Leib der Herren da draußen, die griechischen Götter und das Blut kastrierter Bullen anstoßen:

Santé!“

Götter und Komödien – Odyssee 2020 CW41

11.Oktober – am Vormittag hatte D ein bewegendes Telefonat mit einem guten Freund; er lernte nicht nur, wie resolut man in Deutschland die bereits anrollende zweite Corona-Welle anging, sondern auch, dass man unverändert vergeblich nach Solidarität in Europa suchte.

Anstelle auf EU-Ebene für alle EU-Bürger gültige EU-Richtlinien abzustimmen, wurschtelte jede Nation vor sich hin, nicht müde darin werdend, die Nachbarländer reihenweise als Risiko-Gebiete zu kennzeichnen, als würde man Oblaten, oder Verdienstorden vergeben. Soziale und psychische Beschädigungen von Menschen und deren Familien wuchsen und gediehen munter weiter, als gäbe es kein Morgen.

Seit das RKI und durchsetzungsstarke deutsche Amtsinhaber auf Bundes und Länderebene mit hochgekrempelten Ärmeln drohten, fragte D sich schon länger, warum er in dieser Glorreichen Zeit, in der Freiheit und Wärme so rar geworden sind, dass man sich dabei ertappen konnte, im Kühlschrank danach zu suchen, keine Anleitung zum Unglücklichsein schrieb.

Wie immer hatten die Götter eine ebenso geniale, wie einfache Antwort parat – es gab sie bereits! Mit Freuden blätterte D darin herum, nachdem er das verstaubte Buch in seiner kleinen Bibliothek wiedergefunden hatte. Paul Watzlawick hieß der kluge Mann, der die Menschen nicht nur sehr mochte, sondern ihnen ausdauernd auf die nervösen und ungeduldigen Finger sah.

Seine Gleichnisse blieben schlicht und ergreifend das Beste, was man finden konnte, um unsere menschliche Misere darzustellen – völlig unabhängig, ob es die Geschichte mit dem Hammer, dem Elefanten, oder dem verlorenen Schlüssel ist.

D nahm sich daher vor, sein Leben ab sofort noch mehr durch die humoristische Brille zu sehen und erkannte zum tausendsten Mal, welch sagenhaft göttergleiches Wesen der Mensch ist – er hat schlicht und einfach jede Anlage für wirklich und wahrhaftig alles.

Seien es Ausnahmemenschen wie Mozart, Beethoven, Heraklit, Empedokles, Dante – aber auch Schatten-Talente wie Hitler, Stalin, Franco und viele andere, die auch heute noch Anhänger haben, obwohl ihre Egos menschenverachtende Konsequenzen nach sich zogen, deren Narben bis heute nicht vollständig verheilt sind.

Ein lockeres Gespräch mit Monsieur Thalamus sollte D’s Gedanken belüften und neu ordnen.

MT: Nun, lieber D, wie geht sich das Leben an?

DT: Ganz okay soweit, ich sehe halt zu, einen möglichst großen Bogen ums Glück zu machen…

MT: Wieso denn das auf einmal? Hattest du nicht vor…

DT: Schau uns Menschen doch an…

MT: Tue ich in jeder Sekunde meiner Existenz…

DT: Ich weiß, aber jetzt mal im Ernst…sobald wir am Ziel unserer Wünsche sind, scheinen wir nach kurzer Zeit wieder unzufrieden zu sein…es ist ein ewiges auf und ab…entweder sind wir glücklich, oder unglücklich…und wenn wir keinen Krieg oder Stress haben, brechen wir welchen vom Zaun…wir sind unfähig zufrieden in Frieden zu leben…es ist eine kosmische Satire, wenn sie nicht so viele Abermillionen Tote nach sich ziehen würde…daher meine Theorie: Es kann sich nur um eine absurde göttliche Komödie handeln…weil die Götter betrunken waren, als sie uns mit dem Ego ausstatteten…

MT: Wie wahr, lieber D – und jetzt?

DT: Na nichts – ich halte mir halt den Bauch vor Lachen…

MT: Dann ist unser Gespräch also schon zu Ende?

DT: Im Grunde ja. Es ist doch schon alles gesagt worden…ich habe eben nur mal kurz durch Watzlawicks Buch geblättert, dann lacht man Tränen der Verzweiflung und der Freude…

MT: Beides zusammen…?

DT: Aber hallo…

MT: Kannst du mir das ein wenig erklären? Du weißt, ich orchestriere dich nur, ich bin nicht verantwortlich für Inhalt und Content…

DT: Nehm doch mal die Bürger der USA…

MT: Wie kommst du denn jetzt auf die, wegen der Wahl…?

DT: Keine Ahnung, das müsstest du doch eigentlich besser wissen, oder nicht?

MT: Jetzt wirst du aber pingelig…

DT: Der Ami gibt dreimal so viel Geld für Rüstung und Sicherheit aus wie ganz China und fühlt sich trotzdem unsicher…er hat 20.000€ mehr Jahreseinkommen, als der durchschnittliche Europäer und ist trotzdem unzufrieden…also in anderen Worten: Egal wie viel du den Menschen an Vermögen und Glück gibt’s, sie werden immer unzufrieden bleiben…was ist da los?

MT: Der menschliche Makel…

DT: Und wie! Wenn du krank bist, sehnst du dir nichts mehr als gesund zu werden, bis es dann drei Wochen bis zwei Monate dauert, bis du dies Gefühl wieder verloren hast…

MT: Natürlich…was hast du denn gedacht…?

DT: Es ist doch erstaunlich…man kann jederzeit zufrieden sein, entscheidet sich aber für das Gegenteil…

MT: Natürlich…im Mangel zu leben ist einfacher…nach oben schauen auch…natürlich liebt ihr Menschen Helden, aber wer will schon gerne einer sein…ist viel zu anstrengend…das ist richtig Arbeit…aber mal etwas ganz anderes…was unternimmst du denn dagegen, nicht unzufrieden und maulig zu sein…und auf kurz oder lang einen Krieg mit dem Nachbarn vom Zaun zu brechen, weil sein Apfelbaum über den Zaun wächst?

DT: Habe ich doch gesagt…nie hörst du mir zu…!

MT: Jetzt sei nicht wieder die beleidigte Leberwurst…nun sag es halt noch einmal, bitte…!

DT: Du nimmst 1000 Menschen und mich, du gibt’s uns allen ein Glas voller Glück…wenn wir es bis auf den Grund leeren, werden wir bis ans Ende unserer Tage glücklich sein…was tun die 1001 Menschen…?

MT: Sie trinken das Glas restlos aus…

DT: Falsch!

MT: Sondern?

DT: Ich werde nur daran riechen und es ohne zu kosten wieder abstellen…

MT: Bravo…dann war ja nicht alles in deinem Leben umsonst…die Götter sein Dank…

DT: Lass diese Heinis da raus…die haben uns den ganzen Kram eingebrockt…

MT: Schon gut, reg dich wieder ab…was gedenkst du denn noch so zu machen, wo du doch in einem gefährlichen Risiko-Gebiet lebst, nach Aussage des RKI…?

DT: Wenn das Berliner RKI Frankreich mit der roten Flagge markiert, dann erscheint mir das eher eine Art Orden zu sein, den wir uns, nicht ganz ohne Stolz erarbeitet haben, denn das Leben in Toulouse lässt sich wunderbar an, wie vor Corona…wenn das umgekehrt genauso ist, dann könnten wir auf die Idee kommen, dass diese von außen kommenden Bewertungen nichts in der Wirklichkeit bewirken, weswegen wir sie aufheben könnten, was wir natürlich nicht machen, weil ja alle in Lohn und Brot sein sollen und wir froh sein sollten, so viele Corona-Tests machen zu dürfen – was schlussendlich nichts anderes ist, als eine indirekte Wirtschaftshilfe, daher – Vive L’Europe, vive le Con…

Monsieur Thalamus und D liegen sich lachend in den Armen, jegliche Regeln für soziale Distanz missachtend…und prosten sich mit einem Schluck Rotwein zu, um auf weitere unzufriedene Jahre anzustoßen…

 

Tief Verborgenes – Odyssee 2020 CW38

20.September – vor wenigen Tagen hatte man D gebeten einen Vortrag über Ästhetik und den Einfluss auf die menschliche Kommunikation zu halten, weswegen er sich mit dem Goldenen Schnitt, Fibunacci und Baumblättern beschäftigte und warum es dem Menschen unmöglich ist, bestimmte Merkmale und Verhältnisse zu ignorieren.

Seine Versenktheit hatte viele positive Nebeneffekte, wie damals, als er in Kindertagen stundenlang mit Lego spielte, während Capricio Italiano von Peter Tschaikowski lief, sein Lieblingsstück zu jener Zeit. In seinem Gedächtnispalast gab es verborgene Räume, in denen zur gleichen Zeit, während er spielte, eine Art Spiegelereignis stattfand und etwas Neues entstand. So auch dieses Mal.

Während D munter zwischen einem Sammelsurium von Radien, Kreisen und deren Verhältnisse herumforschte, bildete sich in einer dieser tief verborgenen Kammern erster Buchstaben-Nebel, der langsam aber sicher erste Worte formte, aus denen sich erste Sätze bildeten, die unaufhaltsam neue Rhythmen, Strophen und Bedeutungen erschufen, die D zwischendurch, wie ein überraschter Gärtner bewunderte, weil er ihrer Ordnung und Bedeutung vertraute, als würden sie direkt vom unendlichen Kosmos kommen.

Und so geschah es, dass D am Nachmittag eine kleine Frucht vom Poesie-Baum pflücken konnte.

„Tief Verborgenes,

unverdächtig, die Rituale kleiner Kinder, frühe Früchte innerlich kapselnd, sorgfältig hortend, unbewusst für später beiseitelegend;

wie bunte Bälle fuhrwerkten sie im wachsenden Körper herum, manches Mal auftauchend zum Fragen, Freuen und Luftholen, unbemerkt, noch seltener verstanden;

Jahre später, bloße Blicke, Berührungen, gar Worte, um Ungesagtes, lang Erhofftes, auch schmerzlich Verborgenes zu Tage treten zu lassen, lange heimlich bewacht;

bereit für den Moment, den kosmischen Schlüssel findend, der alle Schächte öffnet, die wir lange geheim-gehalten und niemandem erzählt;

vermeintlich roh behauene Worte, vorschnell für schlicht gehaltene Gemälde, oder einfache Körperdrehungen, Berührungen, kaum spürbar an der Schulter, oder gekreuzte Blicke;

war es möglich, dass Menschen verstanden, wenn wir aufhören zu suchen, damit uns der magische Moment findet und uns wahrhaftig erscheint;

Magisches auslösend, Orchester der Sinnlichkeit, es schien möglich, das Wünsche, Träume und Hoffnungen wahr wurden, die früh verschickt wir hatten;

Weises Universum, hast alles eingerichtet, das den magischen Schlüssel, beim Wandeln durch die Tage, ohne Vorwarnung, wir irgendwann finden;

wenn wir erkennen, dass nie verloren wir waren, dann hat unweigerlich alles Sinn und jede Bedeutung folgt einer höheren Ordnung;

dann ist alles Sein in einem einzigen Moment verdichtet und jener Augenblick ein ganzes Leben wert, auf dass er uns leuchten lässt;

kosmisches Licht, mögest du Wärme, Liebe geben und Licht spenden, eingesponnen ins galaktische Netz;

überwältigt wie Empedokles, vom großen Ganzen, dem Sternentor, den nächsten Vulkan aufsuchend;

oder wieder tief verbergen, bis der Mut irgendwann groß genug, den Schlüssel weiterzugeben

Sprache, Musik, Formen, Berührungen und Geschmäcker,

Sinne – Vehikel und Pforten zugleich!“

 

Horus und die Philosophie – Odyssee 2020 CW32

9.August – seit Monaten, Wochen und Tagen brütete D über sein neues Buch „Die Augen des Horus“. Vorgestern sah er Licht im Tunnel – endlich durchgestoßen, dachte er. Dabei ging es nicht darum es fertig, sondern vielmehr es rund zu haben. Denn ähnlich wie Maler, die im Grunde ewig an etwas arbeiten können, weil sie sich ständig verändern, können Schreiberlinge ebenso ewig auf Worten, deren Inhalte und ihre offenen, sowie indirekten Botschaften herumkauen.

Viele Jahre traute D sich nicht all die vielen Buchstaben und Worte zu benutzen – viel zu gefährlich, dachte er damals. Irgendwann jedoch hatte er genug Mut gesammelt und fing an. Mittlerweile ist das über zwanzig Jahre her. Am Anfang schrieb er heimlich. Erst zum Jahrtausendwechsel fing er an darüber zu sprechen. Schreiben war D von jeher ein Bedürfnis, mindestens so wichtig wie Atmen!

Daher hatte D viele Gründe, sich auf ein weiteres Interview mit Frau Dr. Claudia Meyer-Paradiso zu freuen. Als Themen vorgesehen waren sein neues Buch und Literatur im Allgemeinen. D saß mit einem Becher griechischen Café, sowie seinem Headset bewaffnet vor dem Laptop und pfiff fröhlich vor sich hin. Fast ging ihm seine eigene gute Laune auf den Wecker, was auch seine Gesprächspartnerin bemerkte, die kurz darauf vor der Kamera auftauchte. (Kurz vor Beginn der Aufzeichnung verabredeten die zwei, dass sie sich in Interviews duzen – Anmerk.d.Red.)

CMP: Hi Don, dir schein es gut zu gehen, was ist passiert?

DT: Das dritte Buch ist endlich rund.

CMP: Was? So schnell? Wie ist das passiert?

DT: Keine Ahnung – vielleicht, weil ich es losgelassen habe.

CMP: Erzähl uns bitte mehr davon…..

DT: Wie fange ich an? Schreiben an sich ist eine ziemlich einsame Sache. Niemand kann einem dabei helfen. Auf der einen Seite ist es das was man braucht und will, auf der anderen Seite ist es auch ein Fluch, weil man ständig wie König Sisyphos alleine vorm Berg steht – das ist ziemlich zermürbend!

CMP: Wie sollen wir uns das vorstellen?

DT: Es kommt auf deine Absicht an: Was willst du schreiben? Wie soll es klingen? Willst du lediglich Worte und Inhalte transportieren, oder soll man auch zwischen den Zeilen lesen? Und dann ist da noch die Wahl der Sprache – sie alleine schon wählt die Leserschaft aus.

CMP: Natürlich, alles dreht sich um deine Zielgruppe……

DT: Diesen Begriff kannst du gerne in Zukunft ungenutzt lassen, der taugt nichts….

CMP: Warum? Mit Zielgruppe fängt doch alles an…..

DT: Nein, tut es nie! Das ist ein Begriff von Kaufleuten, die ein Produkt verkaufen, mehr nicht. Man will Eine Abschätzung haben, wie groß die Leserschaft ist usw. – es dreht sich immer um Geld und deren Wachstum – DAS ist aber das Gegenteil, von dem ich rede.

CMP: Wovon redest du, wenn nicht von Zielgruppe?

DT: Es geht darum, welche Bücher man liest und gelesen hat, welche Werte man besitzt, wie weit der eigene Horizont ist und wie wieviel Toleranz jemand in sich trägt.

CMP: Klingt komplex – hast du ein Beispiel?

DT: Meine Mutter hat mir zum Geburtstag das neueste Buch von Sebastian Fitzek geschenkt, das passenderweise auch so heißt. Bücher von Fitzek lesen sich aber ganz anders als zum Beispiel „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil.

CMP: Und das hat nichts mit Zielgruppe zu tun?

DT: Natürlich nicht, habe ich eben gerade erzählt. Wenn man jung und wenig belesen ist, dafür aber einen selten offenen Geist und Horizont besitzt, kann man durchaus Gedichte von Kavafis lieben – dafür braucht man aber bestimmte Werte.

CMP: Das finde ich spannend! Du leitest die potenzielle Lesbarkeit von Büchern auf die Werte der Leser ab?

DT: Natürlich! Poesie ist das höchste Gut der Menschheit – um so etwas überhaupt lesen zu können, muss man einen weiten Horizont, Toleranz, viel Fantasie und Leidenschaft für das Leben in sich tragen – nicht jeder hat das.

CMP: Ich ahne was du meinst, aber könntest du es noch etwas genauer beschreiben? Ich bin mir sicher, dass es nicht alle verstehen…

DT: Ich dachte, das ist schon genau genug – okay, vielleicht so, etwas plakativer: Ein Mensch für den eine Blume nur das ist, was er sieht, dem werden Gedichte nichts sagen. Man muss das Feinstoffliche um die Blume drumherum sehen – das kann etwas romantisch und herzergreifendes sein, man kann über Rosen so schreiben, dass man sein Herz auswringen möchte. Oder aber man sieht nur eine von Millionen Blumen am Wegesrand, an der man vorübergeht, ohne sie bewusst gesehen zu haben.

CMP: Warum können intolerante Mensch die Rose nicht wirklich sehen?

DT: Weil sie Augen haben, aber nicht sehen. Weil sie nicht verstehen, was Kunst ist. Als Franco, Hitler, Stalin und Mussolini bestimmte Kunst als „Entartet“ brandmarkten, war das ein Verbrechen gegen die Freiheit des Geistes. Man muss tolerant sein, um Kunst und Poesie zu ertragen. Wer jedoch kann tolerant sein und freiheitlich denken und andere einladen, Gleiches zu tun? Nur jemand, der ähnliche Werte hat. Kennst du viele Menschen, die heute Poesie lesen?

CMP: Leider nur wenige, muss ich gestehen, was im Grund genommen traurig ist.

DT: Deswegen ist auch die Philosophie das Wichtigste für mich im Leben. Ohne sie könnte ich nicht existieren. Sie ist mein Antrieb und Kompass hinter allem, auch beim neuen Buch, „Die Augen des Horus“.

CMP: Hast du Lust mehr darüber zu erzählen? Wovon handelt das Buch?

DT: Ich werde nicht direkt vom Buch reden, sondern werde es umschreiben, damit ich nicht Gefahr laufe, dir oder irgendjemand anderem die Neugierde zu nehmen. Wie nimmst du die derzeitige Weltwirtschaft war?

CMP: Ich muss gestehen, dass ich mich nicht genug damit auseinandersetze, um darüber fundiert zu reden.

DT: Natürlich, wer kann das schon, aber dennoch – versuch es mal, wie nimmst DU sie war?

CMP: Grundsätzlich gibt es reiche Industriestaaten und weniger reiche und dann gibt es natürlich aufstrebende und abstrebende Staaten – China ist gerade dabei, neue Weltmacht zu sein, wenngleich Indien, Russland und Europa auch irgendeine Rolle spielen, neben den USA, die gerade in einer Art Abwärtsspirale sind – aber was hat das mit deinem Buch zu tun?

DT: Es ist ein Finanz-Krimi, oder ein Thriller aus der Weltwirtschaft – daher meine Frage. Es geht in dem Roman dabei um eine zentrale Frage…….

CMP: Nämlich?

DT: Wieviel Gewissen bleibt jedem von uns?

CMP: Wie meinst du das?

DT: Kannst du ein 5€ T-Shirt kaufen, wenn du weißt, wo und für welchen Stundenlohn es gefertigt wird? Kannst du in einem Hamburger Supermarkt Knoblauch aus China kaufen, wenn du weißt, dass man ihn per Containerschiff hinbringt, während man mehr als genug davon in Südeuropa hat? Kannst du deine Bücher bei Amazon kaufen und dich gleichzeitig wundern, dass der Buchladen an der Ecke pleite macht? Kannst du all das, und vieles mehr mit deinem Gewissen vereinbaren?

CMP: Nein! Natürlich nicht – ich ahne worauf du hinauswillst, aber…….

DT: Nichts aber! Alle Menschen tragen Verantwortung. Wir können nicht einkaufen oder Waren konsumieren, ohne uns Gedanken zu machen, woher die kommen und uns dann hinterher über Konsequenzen wundern – wenn ich bei Internetgiganten kaufe, trage ich aktiv zur Arbeitsplatzvernichtung bei – deswegen haben ich meinen Verlag auch gesagt, dass wir meine Bücher NICHT bei Amazon verkaufen. Jeff Bezos ist der Tot für jeden Einzelhändler.

CMP: Und darüber handelt dein Buch? Von Arbeitsplatzvernichtung?

DT: Diese Frage lasse ich unbeantwortet, weil du alle Antworten in dir trägst.

CMP: Eigentlich dachte ich schon, dass wir ein wenig mehr darüber reden, aber ich verstehe, was du meinst. Und was kommt jetzt?

DT: Natürlich muss das Buch vom Lektorat abgesegnet werden und dann letzten kosmetischen Feinschliff erhalten – ich denke, dass es im September auf dem Markt ist.

CMP: Darauf freue ich mich – und was kommt dann?

DT: Dann kann ich mich endlich wieder der Philosophie zuwenden…..

CMP: Arbeitest du an etwas Konkretem?

DT: Ja, ich schreibe an einem Buch über die großen Themen.

CMP: Weißt du, wann du es fertig haben wirst?

DT: Nein, es hängt von Vielem ab. Auch, wer mich wie unterstützt und inspiriert. Deswegen muss ich auch nach Griechenland. Wie kann man über Philosophie außerhalb von ihrem Ursprung leben, gar schreiben? Ich überlege sogar, deswegen dort zu leben…

CMP: Das klingt spannend – wo würdest du in Griechenland leben?

DT: Ich habe drei Namen im Kopf: Athen, Peleponnes und Kreta. Mal schauen was es wird.

CMP: Willst du deinen Lesern auch heute etwas zum Schluss mitgeben?

DT: Fragt euch, ob ihr Wasser eines Flusses, oder Ufer des Selbigen sein wollt.

CMP: Poetische Worte zum Schluss. Vielen Dank. Was wirst du im Anschluss machen?

DT: Mir ein Glas Wein einschenken und dann etwas lesen und du?

CMP: Mittagessen zubereiten….

DT: Sehr gut….guten Appetit und hab noch einen schönen Sonntag.

CMP: Vielen Dank. Auf Wiedersehen.