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Odyssee 2019 – Teil1

Adonis sprach von der Weisheit der Götter, dass Griechenland ständig im Clinch mit sich selbst, oder mit einem oder mehreren Eroberern gleichzeitig lag, er holte noch weiter aus und erklärte mir, warum die Sterne so großen Einfluss auf uns Menschen haben, warum wir Menschen ein Wunder sind, auch wenn wir so viel Leid verbreiten und dass er sie aber immer noch von ganzem Herzen liebt – dass den Griechen und ganz besonders den Kretern das Teilen und Geben ihrer Natur entspringt, warum er seine Frau und das Matriarchat verehrt und warum der weiseste Mensch, den er je in seinem Leben treffen durfte, ein Schafhirte ohne Schulabschluss ist.

Keine Ahnung, wie lange wir in seinem kleinen Blechcontainer am Flughafen standen – ich glaube, eine kleine Ewigkeit – irgendwann, schwenkten wir auf Pferde und Motorräder um. Ich hatte eins bei ihm gemietet. Als Pauschaltourist über diese geheimnisumwitterte Insel zu kommen und mich in irgendwelchen Touri-Hochburgen sattfressen, während mechanisch-lächelnde Inselbewohner sich genötigt fühlen, angelsächsische Mundflora-vergewaltigende Anglizismen zu benutzen, kam für mich nicht in Frage – weder wollte ich Deutsche, Briten oder Russen, englisch reden, noch ihre imperialistischen Verhaltensstörungen spüren.

Für mich gab es nur eins: Ein Dorf in den Bergen, wo es nur und ausschließlich eine Hand voll Inselbewohner gab, die garantiert nur ihr kreta-griechisch sprechen, damit ich endlich einsam und verlassen und hoffentlich schnell verloren war.

Erobern wollte ich die Insel – mit Leib und Seele spüren – Kultur, Sprachen, Menschen, Speisen, Farben und ihre mir unbekannten Eigenarten einatmen – sie schmecken – erleben, wie sie mit mir umgehen – herzlich und liebevoll, oder ruppig, abweisend, vielleicht sogar feindselig – einen riesigen Bogen um jeden Kompromiss wollte ich machen, soviel war klar. Als mir Adonis die XT660 an mich übergab, fühlte ich mich wie Alexander der Große, der auf Anhieb Bukephalos zähmte – wir waren füreinander bestimmt – ich spürte es sofort.

Mit der Halbschale auf dem Kopf, dem plötzlich handzahm gewordenen Rassepferd unterm Hintern, der Sonne über mir und der geballten Energie von hundert-tausenden Kretern um mich herum, hatte ich das Gefühl, mich gleich direkt mit Zeus anlegen zu können – er hätte keine Chance gehabt, Göttermacht und Blitze hin oder her.

Beseelt und bereit für mein Abenteuer lächelten wir uns an, nickten wie Blutsbrüder, bis ich stolz und hocherhobenen Hauptes aus Adonis sicherem Hafen auslief und nach wenigen Metern, vom quirligen Verkehr verschluckt wurde, wie eine Flaschenpost vom Amazonas. Sonne, Wind, Freiheit – wie fantastisch konnte das Leben sein, dachte ich und knatterte zur ersten Kreuzung, die eher an einen Kreisverkehr erinnerte, als an ein nach Farben geordnetes Verkehrssystem – Ampeln blinkten in allen Farben – Autos, Motorräder und Lieferwagen schoben sich abwechselnd durch den gewaltig pulsierenden Blechsalat, der wechselweise mal zu platzen oder zu schrumpfen drohte – herrlich, was für ein Wahnsinn, einfach wundervoll!

Irgendwann dröhnte ich mit meinem Pferd auf die Autobahn. Nicht nur, dass die Auffahrt schon wie ein Feldweg dritter Klasse aussah, völlig zugewachsen und übersät mit abgerissenen Pflanzen-Köpfen und ich der einzige auf der Insel zu sein schien, der einen Helm meinte tragen zu müssen, nein es wurde noch viel besser – hier und da spazierten Menschen am Straßenrand, mit und ohne Kindern an der Hand – Seitenwechsel schien auf Autobahnen genauso üblich zu sein, wie die Tatsache, dass man mit jedweder Geschwindigkeit fahren konnte.

Mofas mit höchstens vierzig Stundenkilometern, beritten von Hundertjährigen, die mit Zigarrenstumpen, fleckigen Unterhemden, Flipflops und Shorts unwirkliche Mengen Leergut in ihren Plastiktüten spazieren fuhren, während weißes Haar sie umflatterte, wie Intschutschuna, den großen Häuptling der Apatschen, das im schönen Kontrast zu den hageren, zerklüfteten und ausgemergelten Gesichtern stand, die an Mahagoniholz, oder lederbezogene Korallenriffe erinnerten.

Reisebusse, die sich nachdrücklich wippend und nickend vorbeischoben; röhrende Autos, die aussahen, als wären sie bis eben Statisten in einem Sergio-Leone-Western gewesen, während uns diese bunte Emir-Kusturika-Aspahaltschlange aus Heraklion gebar, die wie ein offener Organismus in der Sonne pochte, pulsierte und seine Bewohner durch enge Kapillare drückte, Vehikel und Menschen mit großer Reibung aneinander vorbeizwängte, um eine drohende Verstopfung, einen Infarkt zu verhindern.

Noch nie sah ich so offen gelebtes lebendiges wahres Leben – noch nie sah ich so viel Leidenschaft auf einem Haufen, auf einem Flecken Erde – was für eine erleuchtende Erfahrung. Berührt, wie ein Sängerknabe trabten Bukephalos und ich weiter – nach und nach änderte sich die Farbe der an uns vorbeiziehenden Landschaft – das satte Weiß der Stadt wich mehr und mehr den bunten Farben der Berge und Dörfer – schon bald sah ich das ersehnte Schild, „Gazi“.

Hier musste ich wieder runter – es kam mir vor, als wäre ich schon Stunden lang gefahren und hatte alle meine Tanks mit Reizüberflutung gefüllt, stattdessen fuhr ich erst wenige Minuten und war jetzt schon hin und weg. Beim Abfahren wackelte mein Blechpferd komisch herum – ich dachte zuerst an ein loses Hinterrad, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hatte ich doch ein wenig Werkzeug eingepackt – dann schob ich den unruhigen Lämmerschwanz auf die groben Stollenreifen, die bekannt dafür sind, dass sie ein Eigenleben haben.

Nachdem ich ein paar Mal kräftig am Gas gezogen hatte, stabilisierte sich die Fuhre – es ging weiter und weiter. Als die Ampel, vor der ich zum Stehen kam, anfing zu blinken, wusste ich als erfahrener Kreter bereits, dass losfahren grundsätzlich erstes Gebot schien – wieder schlingerte Bukephalos, was das Zeug hielt.

Langsam schraubten wir uns in die Berge – Damásta – endlich sah ich ein erstes Schild, mit dem verheißungsvollen Namen drauf. In langen und manchmal knackigen Serpentinen kletterten wir weiter und weiter hinauf – hier und da knallten Bodenwellen direkt in Knochen, sowie in Weichteile – halb so wild – nach und nach gewöhnten Bukephalos und ich uns aneinander – wir wurden mutiger.

In guter Offroad-Manier bliesen wir zum Angriff, gegen alle Insel-Gebirge – im Galopp fegten wir auf die engen Kehren zu, um mit Schwung durch sie hindurch zu brausen, wie der heiße Scirocco aus der Sahara, dass einem nur noch Zähneknirschen übrig blieb. Hin und wieder zitterte Bukephalos Hinterteil, ähnlich wie auf der Autobahnabfahrt, jedoch nur sehr schwach – ich schenkte dem Phänomen keine Beachtung mehr und genoss meinen Sturm in den Himmel.

Ein erstes Straßenschild, erinnerte mich daran, dass es von ihnen kaum welche gab, ebenso die Gründe und das allgemeine Niveau ihrer Wertschätzung der Inselbewohner gratis mit dazu – von dutzenden Kugeln durchsiebt stand es einsam und verlassen im heulenden Wind – beeindruckt vom Drang der Insulaner, lieber zu handeln, als zu warten, erinnerte es mich wieder daran, welche Parole die Griechen und ihr Land hochhalten: „Freiheit oder Tod!“ – langsam dämmerte mir, dass ich nicht nur auf dem südlichsten Punkt Europas, sondern auf einem ganz anderen Planeten gelandet war!

Immer größere Berge schoben sich aus der Deckung – manche karg und ermahnend, doch die Mehrheit bunt überdeckt mit gewaltigen Teppichen aus Kräutern und Sträuchern, die vermutlich seit Jahrtausenden üppig wuchsen, nicht nur mächtig angefeuert, durch das vulkanische Gestein, das der große Vulkanausbruch von Santorin über der gesamten Insel, vor ungefähr drei bis viertausend Jahren, hinabregnen ließ, sondern wahrscheinlich auch ungezählte Schlachten von Helden, die ihr Blut gegen Feinde und Monster vergießen mussten, dass die Erde noch heute dunkelrot in der Sonne glänzt, als wären die letzten erste gestern und nicht vor hunderten von Jahren gefallen.

Wind begann stärker zu blasen – keine Ahnung in welcher Höhe wir uns befanden. Nur einmal kurz, konnte ich Heraklion sehen, wie es weit weg, klitzeklein, weit hinten und unten zusammengekauert, auf den nächsten Tag zu warten schien, um seine Bewohner weiter durchs Leben zu scheuchen. Ein erster kleiner Ort kündigte erste Bergbewohner an – ein Ortsschild huschte gemächlich an meinem Rappen vorbei – doch zu schnell, um den Namen mit meinen wenigen Sprachkenntnissen lesen, geschweige richtig aussprechen zu können – beim nächsten Mal.

Pickups ermahnten mich, wo ich mich hier befand. Nackte Kinder rannten hin und wieder über die Straße, mit und ohne Ball – ein paar Knäule Gesträuch rollten über den glänzenden Teer, als spielte ich die Hauptrolle in einem Quentin Tarantino Streifen.

Odysseus der Neuzeit

Etwas Unbekanntes hat sich meiner bemächtigt – so wie morgendlicher Frühlingsnebel, den man zwar wie dicke Suppe sieht, aber nicht greifen kann. Man hat mich umstellt – umzingelt von einer teigigen Präsenz. Etwas ist zu Besuch gekommen, hat sich eingenistet in meinem Fleisch und Geist und hält meine Seele umklammert.

Was ist geschehen?

Die Luft riecht luftig und leicht – Sonnenstrahlen vermehrten sich wie Schnecken und scheuchen meine tiefschlafende Natur mit roher Gewalt auf, indem sie Säfte durch meine Kapillaren jagen, gleich Bauern, die des Morgens ihre Schweine mit Mistgabeln aus den Ställen treiben. Sogar die Vögel, wundern sich, dass sie noch lieblicher als sonst herumzwitschern und ertappen sich dabei, wie sie sich selbstverliebt zuhören.

Was ist passiert?

Hab ich irgendetwas Unbekanntes eingeatmet, oder ist in mich eingedrungen und saust durch meine Blutbahnen, alle Organe zu einer großen Feier einladend? Ist es was Physisches? Mein Gedächtnispalast jedenfalls, hat zur Zeit das Schild „geschlossen“ vor die Tore gehängt.

Etwas hat mich durch Mark und Bein erschüttert.

Nach der letzten Drachenbändigung, hatte ich dem schlafendem Ungeheuer, vorsichtig und ganz sachte, Stück für Stück einzelne Schuppen aus dem Panzer gezogen, um mir eine unzerstörbare Rüstung für mein Herz zu bauen. Doch wie konnte mich jetzt sein Pfeil treffen? Hat er am Ende meinen Drachenpanzer durchschlagen und ist mir bis zum tiefsten Punkt ins Herz gefahren?

Es ist offensichtlich – der Bogenschütze hat mich erwischt, es konnte nicht anders sein. Dabei habe ich ihn nicht mal gesehen – es ist zum verrückt werden. So ein abgekartetes Spiel – noch nie strauchelte ich so sehr – krachend zu Fall gehend, unter tosendem Weltengelächter.

Seitdem fahre ich ziellos auf dem Meer herum.

Kapitän auf großer Fahrt und kein Land in Sicht – hoffentlich erschlägt mich all das Wasser nicht. Man läuft Gefahr, nicht ins Paradies, sondern zu Monstern, Medusen und Riesen zu kommen. Deswegen schön weiterfahren, ohne zu ahnen wohin, geschweige zu wissen warum und weshalb.

Natürlich auf die Gefahr hin, wie eine zu schnell abgeschossene Flipperkugel, unkontrolliert durch den Orbit herumzuschippern, ohne die leiseste Ahnung, wohin die Reise geht – fast immer dabei verbrennend, verglühend, wie wunderschöne Sternschnuppen – um unter rauschendem Beifall wieder und wieder neu aus der Asche zu fahren.

Ungeduld und Ansprüche, nähren unser Fegefeuer der Eitelkeit, in dem wir uns selbst knusprig rösten, bis wir den Götter serviert werden. Die einzige Macht die wir haben, den Weg raus aus dem galaktischen Flipperautomat zu finden, hinein zum Licht, ist das Verweilen, die Muße. Mit Gelassenheit und Ruhe können wir sie aus der Reserve locken – Spiel umdrehen, die Angebote des Lebens abwarten. Geduldig sein und tapfer weiterfahren.

Wer nicht alles riskiert, kann auch nicht alles gewinnen.