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Odyssee 2019 – CW33

Montag – Wäsche, einkaufen, ein wenig schreiben. Horus, was sonst! Ein Kumpel meldet sich bei mir. Er hat bereits Urlaub und ist zurück von seiner ersten Woche. Julio hat eine Woche lang Eltern und Familie, droben im hohen Norden Frankreichs besucht. Sagte, dass es ihm gut gefallen hätte – abends dann Apero um sieben, mit anschließendem Dinner. Wir diskutierten den ganzen Abend, wann wir uns wo in Griechenland treffen wollen. Wir fahren zur selben Zeit hin, zwar etwas versetzt, aber mit einem großen gemeinsamen Zeitfenster von über einer Woche. Werden uns auf der Peleponnes Halbinsel treffen. Freue mich. Haben dann, wie immer, recht intensiv diskutiert und kamen etwas spät aus dem Resto, nachdem jeder eine Flasche schweren Rotwein, sowie ein erwachsenes Entrécôte verspeist hatte. In wenigen Sekunden fiel ich in einen komatösen Schlaf.

Dienstag – wieder Zweitjob in der Industrie. Zur Zeit ist es sehr ruhig. Alle Franzosen sind im Sommer. Ich nicht, dafür schreiben an Horus, was das Zeug hält. Komme etwas besser voran, mit dieser Zweigleisigkeit. Bin aber immer noch unzufrieden, mit den feinen Nuancen und seiner verdammten Stimmung. Es bleibt alles noch zu sehr an der Oberfläche, und das, obwohl ich mit ihm Tiefseetauchen will, bis der Leser seine Spiegel zuhause abklebt. Konzentriere mich heute ganz auf den Content. Habe heute zehn, nahezu druckreife Seiten geschafft. Nicht schlecht, wie ich finde. Am Abend meine ich den Durchbruch hinbekommen zu haben. Ich glaube, bin davon überzeugt, den richtigen Weg gefunden zu haben. Spät Abends habe ich mich für die Schwingung von Horus entschieden. Jetzt sollte es leichter gehen, es sei denn, Horus will selbst bestimmen, wie sich seine Stimmung entwickelt. Irgendwann gegen Mitternacht schlafe ich über dem Laptop ein. Ich glaube es wird Zeit für meine Lesebrille, denke ich bis zuletzt, als ich ins Bett falle und sofort wegsegel.

Mittwoch – es geht aufs andere Gleis, heute sind Stimmung und Nuancen dran. Boah, wie der Penner sich sträubt; er will einfach nicht in die Tiefe; kackfrech treibt er mit seiner Oberflächlichkeit auf dem Wasser herum; könnte ausflippen. Okay, also anders rum. Du musst einen Weg finden, zwei völlig unterschiedliche Stile zu finden, ohne dass sie zu unterschiedlich sind, und ohne, dass man es lesen und sehen kann. Es muss da auf dem Papier sein, aber man darf es nicht sehen. Es muss zwischen den Zeilen stehen, aber man darf es nicht finden. Verdammt! Schon immer wahren die ungeschriebenen Worte jene, die am schwersten zu schreiben sind. Ich modelliere den ganzen Tag herum. Abends Apéro mit Dinner bei Freunden in der Nachbarschaft, mit anschließendem Elektro, reichlich Rosé und Zigaretten. Ein wenig zuviel von Letzterem, für meinen Geschmack. Irgendwann gegen eins liege ich im Bett, mit einem leichten Glimmer und schwebe davon.

Donnerstag – Maria Himmelfahrt, Feiertag. Wusste nicht, dass wir frei haben. Auch nicht, dass Maria ebenfalls in den Himmel gefahren ist. Ich dachte, da ist nur der Latschenträger hin. Maria auch? Hm, irgendetwas ist da an mir vorbeigezogen. Habe 13 Stunden gepennt, fast den ganzen Tag gefrühstückt und Zeitung, Nachmittags und Abends dann an meinem Nuch weitergelesen. Der Gattopardo, großartiges Buch. Uralt und ur-fantastisch. Sowas könnte man heute, meiner Meinung nach, nicht mehr schreiben. Jeder Verlag würde dich vom Hof jagen. Schade eigentlich. Gehe mit dem Buch ins Bett und knipse das Licht gegen elf aus. Gute Nacht, Don

Freitag – ich starte den Tag mit Sport und anschließendem Frühstück. Anschließend Zweitbroterwerb in der Industrie. Mache spät gegen zwanzig Uhr Schluss. Manches ist liegengeblieben, wo so viele im Urlaub sind, das übliche. Man fegt halt hinterher, so wie überall. Spätes Abendesse. Dann Bettlektüre. Um kurz vor Mitternacht fallen mir die Augen zu.

Samstag – ich gehe früh einkaufen und setze mich zeitig an die Maschine. Ich will den ganzen Tag schreiben. Es geht gut voran, auf beiden Gleisen. Horus‘ Stimmung nähert sich an, ohne zu verschwimmen und ohne, dass man es merkt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er mit mir ein Spiel spielt, als wenn er bestimmt, wie er wird und nicht ich. Ich bin etwas zufriedener und reite tapfer den ganzen Tag durch. Irgendwann gegen 21 Uhr undnach weiteren acht Seiten, merk ich, dass meine Augen am Ende sind. Ich mach eine paar Übungen, sehe nach draußen, stelle den Fokus auf weit, schaue nach links, recht, oben und unten, versuche die Augen zu stimulieren. Dann ein leichtes Abendbrot. Später buche ich die letzten Einzelheiten für meine Wochen in Griechenland. Ich freue mich riesig und gehe zufrieden ins Bett.

Sonntag – um kurz nach acht gehe ich mal wieder laufen. Dem Fuß geht es blendend, wenn ich ihn bewege, so wie dem ganzen Körper. Muss mich mehr bewegen. Ich sitze zu viel. Dann Frühstück mit Griechisch lernen. Anschließend klemme ich mich wieder auf den Gaul und reite in den Autoren-Sonnenuntergang. Später am Abend dann Dinner mit Freundin. Müssen meine kleine Minzpflanze einpflanzen. Sie hat mir einen kleinen Ableger geschenkt, den ich liebevoll mit meinem Spezial-Wasser gegossen habe. Seit dem ist sie abgegangen wie eine Rakete, hat Wurzeln gebildet und sich in rasender Geschwindigkeit aus dem Glas gelehnt. Werde später auch etwas für uns kochen. Freue mich darauf.

 

 

Zeit ist Geld – Teil1

Es ist Sonntag. Langsam erhebe ich mich und schlurfe vorsichtig aus dem Schlafzimmer. Ich stehe vor dem Spiegel, wieder fühle ich mich älter.

„Scheiße, wieder ein Wochenende ohne Zwischenfälle!“, murmle ich vor mich hin.

Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich unvorhergesehene Abwechslung oder dahinplätschernde Monotonie mehr genieße. Ich weiß es einfach nicht. Vermutlich machen wir Menschen einfach irgendwas, ohne sich darüber tiefgreifende Gedanken zu Machen, nicht wahr? Sollten wir etwa? Oder ist es besser, wie es ist?

Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass wir immer noch Frühling haben; alle Pflanzen blühen und treiben weiter aus, als sie je getrieben haben und das obwohl bereits der September begonnen hat, das muss man sich mal vorstellen. Während ich so in der Küche stehe und die Kaffeemaschine bewache, schaue ich mir mein Spiegelbild an, wie es in Shorts, grob gestrickten Socken und seinem blutarm arbeitsscheuen Körper dasteht. Wieder kommt mir die ursprünglichste aller Fragen hoch:

„Was um Alles in der Welt ist die Zeit? Was bedeutet Zeit haben? Was meint man mit dem Satz „wie viel Zeit bleibt uns noch. Was ist die Natur, der Zeit? Ist es ein Konstrukt von uns Menschen, die Natur zu verstehen? Oder ein Versuch Dinge in Reihenfolge zu bringen?“

Vermutlich ist die Zeit aber auf jeden Fall eines : es ist die gebräuchlichste Art bestimmte Abläufe in ihrer Reihenfolge zu bestimmen. Oder ist es lediglich eine nüchterne Art den eigenen Verschleißes darzustellen?

Wieder starte ich den Versuch mit meinem eingeschränkten Bewusstsein, zu umschreiben, zu begreifen, was „Zeit“ ist. Erfahrungsgemäß stellen wir bei komplexen Themen fest, dass man sie aus größerer Entfernung besser betrachten kann, als bei engem Kontakt. Grundsätzlich räume ich mir grundsätzlich alle Fehler, Verwirrungen und Fehlannahmen ein, weil ich so unvoreingenommen nachdenken und mutmaßen kann.

Endlich ist der Kaffee durch. Mit vollem Becher bewaffnet setze ich mich jetzt vors Tor meines Gedächtnispalasts und warte ab; wahrscheinlich passiert so wenig, das ich gar nicht bemerke, wie der Abend heranrollt……..

 

El vino viejo

„Salute“, klingeln ihre Worte in meinen Ohren, einer jungen Messdienerin gleich, die ihre unbesudelten Hände schüchtern im schwarzen Keuschheitsgewand vergräbt, bloß keine Dummheiten machen, ständig angestiftet von ungeduldig treibenden Brüsten. Nicht minder tief und dumpf meine glockenähnlichen Worte, „Salute, Guapa, salute.“, die einladen, verführen, zu weiß der Teufel was, meine Hände in Unschuld waschend, sollte ich erfolgreich sein.

Unnachgiebig gierig klammern sich meine Lippen an den Rand, nippen am honigfarbenen Nass, erst sparsam, bald wie hungernde Säugling immer gieriger. Ölig, fast ein wenig zäh. Fruchtig-trocken, herb wie Leder, an frisches Birken-Blut erinnernd. Als Kind liebte ich es, ihre Leiber mit meinem Taschenmesser aufgeschlitzt, tief reingesteckt, nach ihren Adern schnüffelnd, weit unter ihren Borken schabend.

Frisch, leicht süßlich, angenehm kühl, ein Geschmack, den ich nie vergesse, mag er auch noch so tief unter dem Gerümpel unnützen Zeugs begraben sein, mit dem ich mich tiefer, immer weiter eingrabe, bis Wind den Sand in alle Herren Winde verweht, den Zugang erschwert, verschleiert, versteckt, als hätte es ihn nie gegeben, wie eine verschollen geglaubte Kammer im Tal der Könige, abertausende Jahre hinfort-geschlummert, bis ein aus dem Nichts auftauchender Wein, das Licht der Vergangenheit entstaubt, in neuer Blüte entfaltend, eine Mittelmeer-Brise am Abgang schmeckend, als hätten die Götter es mit dem ploppenden Korken jungfräulich erschaffen.

Schaukelnd taumelt der erste Schluck in meinem Mund trunken herum. Schmeckt ähnlich meinem Allerersten. Ich erinnere es genau, war kaum älter als sechs oder sieben Jahre, als Freunde mir den Ersten unter der entsetzt-bebenden Stimme meiner Mutter verabreichten. Es schien, als würde sie es mit aller ihr möglichen Gewalt verhindern. Habe noch heute ihre keifende Stimme, die selbst jetzt, im Tal der Könige, in meinem Ohr zu wohnen scheint, Amboss und Hammer für alle Zeiten mit geifernder Hysterie einölend, ganz von Angst erdrückt, mein Gott die Arme, panisch nach Verstärkung suchend, Waffen jeglicher Art, sei es Küche, Abstellraum, oder Sonstiges.

Wie ein kleines trauriges Spitz-Mäuschen aussehend, dessen Heiligen-Schrein, zum zwangsweisen durchbiegen befüllt, mit Mäusebüchern und Mäuse-Kerzen, abgerundet und vollgestellt von Mäuse-Dekoration, verziert mit dem Kreuz des heiligen Mäuserichs im Herzen des Ganzen, nicht verhindern kann, dass der wahre Wert der Frucht, schneller als erwartet, vom Dreck leuchtenden Lebens besudelt, für alle Zeiten von Lebendigkeit entstellt.

Liebe beide, tief und innig, von jenem Tag an, wie ein Teil von mir, im Geheimen dankbar, uns aus dem kindlichen Tiefschlaf geweckt zu haben. Ist das nicht ätzend, dies ewige Achtgeben? Selbst beim Vor-die-Tür-Gehen, immer aufpassend, auf dies und Jenes. Warum eigentlich? Kein Mensch ist blind, auch Kinder nicht. Eher weniger. Ihr ewiges Versorgungs-Programm, das sie wie einen welken Lochstreifen abspielt, wie einen Einkaufszettel, ferngesteuert und entrückt runter-rattert, auf dem Dinge wie Frühstück, Kleidung, Essen, Wärme und Liebe stehen, die sie in sparsamen sorgfältigen Dosen verabreicht, als wäre ich ein Sparkonto, in das sie Ersparnisse einzahlt, investiert, um irgendwann ein schöne Summer wiederzubekommen, selber unfähig, das eigene Glas zu füllen, daher mein Kleines vorsätzlich, fürs erste leicht benetzt, weswegen ihre abendliche Umarmung vorm Zu-Bett-Gehen, genauso warm und innig ausfällt, wie das Schneiden von Brot.

Vielleicht ist es streng zu sagen, dass zwischen Menschen alles ein ewiger Handel bleibt. Wahrscheinlich wartet man deswegen immer auf eine Rechnung, weil niemand einfach so, altruistisch gibt, sei es aus Enttäuschung, sei es aus, am eigenen Käfig rüttelnder Vergangenheit, Nerven abnagender Alltag.

Schlecht riechende Menschen, Plattfüße, strenge Eltern oder keine. Durchgescheuerte Socken, gerissene Strumpfhosen, rostende Baumwolle. Dauerregen, quietschende Scheibenwischer, Eisen-Drei-Oxid-mangel, Dachschäden. All der Scheiß, der unserem kleinen Krämerladen, alles nimmt, uns wie eine Park-Leiche fleddert, plündert, uns mit erschauernd-gähnend-leeren Regalen zurücklässt, dass man beim Betreten des nächstbesten Kunden zum Eingang läuft und höflich-lächelnd, aber bestimmt, zuschlägt.

Erster Wein, kredenzt von zwei Künstlern und Anthroposophen, eine keifende Maus-Mutter, mit ihrem entgleisten ur-zornigen Gesicht, Nagetier-Seelenleben, ihren wahren Charakter ungewollt hölzern offenlegt, wie der ausgenommene Fisch seine Blase, Mauern einreißender Erkenntnis gewinnend, dass eine kleine Zelle nicht die ganze Welt, aber Selbige in einer Solchen gefeiert werden kann, das Wasser nass aber nicht gefährlich und Feuer Wärme, nicht nur verbrannte Erde hinterlassen kann.

Wer hätte gedacht, dass ein schlafender Erdenbewohner durch den Einen nicht nur geweckt, sondern in Brand gesteckt werden konnte. Hat jemand, nur eine Sekunde daran gezweifelt?

Natürlich, jeder!

Seit dem, ich schwör es, renne ich durch die Welt, wie ein entfesselter, vogelfreier Vagabund, alles verstehen, wissen wollend, so viel ich kann. Ständig hinterfragend, ist dies, jenes oder Welches wirklich so? Ein kindlicher Heranwachsender, ewiger Verhaltens-Säugling. Finde daher Junges, Frauen sind Ausnahme, langweilig, Altes umso erquickender und spannender, hat es doch Geschichte um den empfindlichen Körper gewickelt, Ecken und Kanten von Erlebtem, abgenagt und eingerissen von Erfahrung und vergangenen Stürmen. Dielen von Holzwürmern zerschossen, durchlöchert, Gebäude rissig und beulig, kann es mir jeden Abend Geschichten erzählen, ewig lernen und ausprobieren.

Schlucke, stelle das Glas auf den glänzenden Marmortisch. Wasserperlen laufen herunter, ein paar auf meine Finger. Schließe meine Augen. Mäuse, Frauen und Mütter. Künstler, Maler, Musik, bunte Bilder, gemalt in Öl, Acryl, Wasser, Blut, Eisen und Wein. Berge, kleine und große. Wasser und Meer, wildes, ruhiges und wunderschönes. Bäume, große junge, kleine knorrige Alte. Erde, weiß und fein, rot und schwer. Licht und Sonne, kalt und heiß. Alles ewig, tief, wahr und jetzt.

Ich öffne meine Augen. Halte immer noch das Glas, fühle mich beobachtet. Blicke nach links. Lächelnd sieht sie in mich hinein, blickt nach ein paar Sekunden schüchtern zu Boden, als hätte ich sie ertappt, ihre Gedanken gelesen. Hebe das Glas, um uns wieder Raum zur Landung zu geben und nippe am Wein.