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Vom Leben

Ich ging spazieren. Alleine, frei, ohne einen Wunsch von Morgen, eine Furcht von Vorgestern eine Enttäuschung vom Jetzt. Ich pfiff ein Lied, Wind fuhr mir stürmisch durch die Haare; ich schaute hoch zur Sonne, lächelte, spürte wie sie mich wärmte; Feigenbäume standen am Wegesrand, schwer beladen mit reifen Früchten; eine erblickte mich, bat mich gepflückt zu werden, da ihr Unterleib schon leicht geöffnet war und süßer Saft aus ihr heraustropfte; sie fiel mir in die Hände als die Zeit reif war; kostbar als wäre sie meine Seele bewahrte ich sie in meiner offenen Hand.

Meine Füße trugen mich weiter und weiter. Olivenbäume grüßten mich, bohrten ihre Wurzeln weiter ins Erdreich, das den Weg festigte auf dem ich ging; Bäume rauschten, sangen mir ihr Lied; Esel röhrten. Ich setzte mich auf einen Stein, ließ die Sonne meine Haut erwärmen. Ein einsamer Vogel kam vorbeigeflogen, setzte sich auf meinen Fuß. Er lächelte mich an, holte Luft und sang mit stolzgeschwellter Brust. Es klang wunderschön, süß und rein. Perlen sprangen aus meinen Augennestern, gossen den Boden auf dem die Olivenbäume gingen. Mein Arm wollte sich ausstrecken, öffnete seine Hand und reichte dem Vogel die saftige Feige. Dieser erschrak und sprach:

„Warum gibst du mir diese schöne saftige Frucht? Warum isst du sie nicht selbst?“

Ich lächelte ihn an und sprach:

„Warum hast du mir ein Lied gesungen? Ist dein Lied nicht auch Nahrung für meine Seele? Ist es nicht schön, wenn du meine Seele und ich dafür deinen Körper füttere, der mir ein so schönes Lied singt?“

Der Vogel strahlte mich an und begann sich glücklich über die Frucht herzumachen. Als der Vogel die Feige verspeist hatte, verabschiedeten wir uns und gingen unseres Weges. Nach einer Weile kam ich um eine Enge Biegung. Ein fein gekleideter Mann versperrte mir den Weg, sah würdevoll und ängstlich zugleich aus. Er sprach:

„Guter Mann, ich bin vom Weg abgekommen und weiß nicht mehr weiter. Sein sie doch so gut und zeigen sie mir den richtigen Weg.“

Ich lächelte ihn an, griff erst in meine Rechte, dann in meine linke Hosentasche und sprach:

„Ich habe 10 Goldstücke; ich kann ihnen nicht mehr geben und etwas über das Leben sagen, aber sie können sich eine Karte davon kaufen, damit sie ihren Weg wiederfinden:“

Ich nahm seine Hand und legte die 10 Goldstücke hinein. Der Mann sah mich fragend an und sprach:

„Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht selber 10 Goldstücke haben könnte? Sehen Sie meine Kleider? Meine Schuhe und meinen Seidenschal?“

Immer noch seine Hand haltend, legte ich meine Zweite darüber und rollte seine Finger ein, bis es nicht mehr herausleuchtete. Ich sprach:

„Guter Mann, sie sind es gewohnt, mit schönen Worten denen zu nehmen, die im Schweiße ihres Angesichts jenes erschufen, was sie anderen weiterverkaufen. Somit sind sie ärmer als ich, haben keinen Cent, der ihnen eine Karte vom rechten Pfad zu kaufen vermag. Daher sind meine 10 Goldstücke ihr erstes Geld, was sie je besessen haben. Es wird ihnen gute Dienste erweisen und eine Karte geben, die ihnen den Weg weisen wird, nach dem ihnen schon so lange dürstet.“

Erschrocken zog der Mann seine Hand zurück, die 10 Goldstücke noch immer fest umschlossen. Blass und entsetzt öffnete er langsam seine Hand und sah hinein. Warm lagen die Goldstücke auf seiner Haut und er hatte das Gefühl sie werden wärmer und schwerer. Plötzlich sprang er einen Schritt zurück und sprach:

„Woher kennen sie mich? Wer sind sie?“

Ich lächelte, nickte ihm zu und sprach:

„Du weißt wer ich bin: Ich bin der Wandersmann, der dir 10 Goldstücke schenkt und nichts mehr wünscht, als das du glücklich wirst und deinen Weg finden magst.“

Ich grüßte ihn herzlich und ging weiter meines Weges. Nach einiger Zeit, ich ging ein paar weitere Stunden, da dämmerte es. Die Luft war frisch und kühl. Wind durchquirlte sie und vermischte sie zu süßer Zuckerwatte. Ich ging hinunter zum Meer, wollte es vorm zu Bett gehen begrüßen. Es wartete schon auf mich, mein ganzes Leben. Auch heute. Als es mich um die letzte Kurve kommen sah, sprach es:

„Da bist du ja, ich warte schon so lange auf dich; wo bist du gewesen?“

„Ich war hier und da; es war sehr schön; ich habe mit Vögeln, Bäumen und Menschen gesprochen. Das Leben ist sehr schön, weißt du?“

Das Meer antwortete:

„Ich weiß, ich weiß. Ihr lasst nie gerne los, oder? Auch du willst jeden Tag wie deinen Letzten leben, oder? Ist es nicht so? Gehe ich recht in der Annahme, dass du dich mir auch heute wieder verweigern willst?

„So ist es; es ist noch nicht Zeit. Du weißt das. Aber ich wollte dich herzlich grüßen und dir eine gute Nacht wünschen. Schlaf gut. Bis bald. Vielleicht sehen wir uns morgen.“

Da lächelte das Meer verständnisvoll und winkte mir hinterher:

„Ich danke dir, das du mich besucht hast; die meisten fürchten sich vor mir. Es ist schön, dass du mich magst, obwohl ich so groß und mächtig und du so klein und zart bist.“

Da hielt ich inne, drehte mich um und sprach:

„Siehst du? Auch dir ist nichts menschliches fremd. Wie könntest du größer und mächtiger und nicht zugleich so wie ich sein, wo wir doch beide aus dem selben Schoß kommen? Lass es dir gut gehen. Bis bald, liebes Meer.“

Da rauschte es zufrieden einen Gruß hinter mir her und legte sich schlafen, während die müde Sonne unterging und mir seine letzte Strahlen liebevoll in den Rücken warf.

Zuhause angekommen stand ich für ein paar Minuten still im Zimmer. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen ging. Die Tür zum Schlafzimmer stand leicht geöffnet. Ich hörte den gleichmäßigen Atem, der die Dunkelheit bewohnte. Seine sanfte Melodie war mir schönstes Geschenk nach einem langen Tag. Leise zog ich mich aus. Dann ging ich um das Bett herum, nahm das leere Glas und fühlte es mit frischem kühlen Wasser auf. Ich legte mich ins Bett neben das süße Atmen, gab ihm einen zarten Kuss auf die Stirn, streichelte über das Haar und hörte ein leises Seufzen, als ich mich auf die Seite drehte und das Licht löschte.

Der Sünder

Ich bin es. Ich muss es einsehen. Immer wenn ich denke ich bin es nicht, merke ich, ich bin es. Was soll ich machen? Ich bin doch ich. Wie soll ich etwas ändern? Es ist zum Verzweifeln. Immer wenn ich mich bemühe moralisch und gut zu sein, merke ich, wie ich mich von mir selber entferne. Es ist ein Dilemma. Es schafft mich. Ich komme da einfach nicht raus. Es ist wie Treibsand. Je mehr ich mich bewege, desto schlimmer wird es. Ich habe alles versucht. Wirklich. Aber ich muss erkennen, dass es hoffnungslos ist. Es hat keinen Zweck. Ich muss mich akzeptieren wie ich bin.

Ich bin ein Sünder. Noch dazu einer, der nichts bereut. Das soll nicht heißen, dass ich grundsätzlich noch nichts bereut habe. Das stimmt auch nicht. Ich habe schon bereut. Aber selten. Und zurückblickend zählt es sowieso nicht. Etwas hinterher mit einer neuen Erkenntnis zu bereuen, ist eine Selbst-Täuschung. Das ist eine Lebenslüge. Richtig bereuen kann man nur in dem Moment selbst. Sonst zählt es nicht. Ich kann ja nicht die Frau mei-nes Nächsten begehren, mit ihr in die Kiste gehen und hinterher sagen, ich bereue es. Totaler Bullshit. Bereuen ist unreif. Noch dazu total unsexy. Es bedeutet die Rechnung nicht zahlen zu wollen. Bereuen ist, wie wenn ich in ein fantastisches Restaurant gehe, dort umwerfend gut esse und danach die Rechnung ablehne. Wer bereut, ist ein Zechpreller. Du willst die Frau deines Nächsten haben? Nehm sie dir. Aber sei bereit den Preis zu zahlen und beschwer dich nicht. Hörst du? Nicht beschweren. Einfach Rechnung zahlen und freundlich sein.

Für die Kirche gehört Sünde und Reue zusammen. Wer sündigt, sollte Reue empfinden. Ich sehe das anders. Für mich gilt das alles nicht. Die Kirche selber erschafft Gut und Böse und erzeugt somit erst den Konflikt, den es vorher nicht gab. Ich habe diesen Konflikt nicht. Ich bin einfach ich. Danach bin ich zwar ein Sünder, aber ein Freundlicher. Sünde ist ein gewaltiges Wort. Was ist Sünde? Ich sündige ständig, den ganzen Tag. Immerzu. Ich gehe bei Rot über die Ampel. Und während ich das mache, fühle ich mich gut. Danach auch. Susanna hat mich dafür immer gehasst. Ihre katholische Prägung sah vor, Gutes zu tun. Ob das immer gut war, wage ich zu bezweifeln. Aber Menschen zu treffen, die Böses tun und sich noch gut dabei fühlen, stellten ihren Planeten auf den Kopf. Besonders stark, weil es der eigene Freund war.

Wenn ich töte, sündige ich. Ich habe schon tausende Ameisen in Estellencs getötet. Wirklich. Aber-Tausende. Fliegen und Mücken auch. Seit kurzem fahnden sie nach mir. Herzloser Insektenmörder gesucht. Lebendig oder tot. Die fliegenden Opfer habe ich allerdings nur in Hamburg getötet. Ich bin sozusagen ein rassistischer Killer. Mich selber hat man auch schon öfters mal versucht platt zu machen. Aber irgendwie waren die Versuche erfolglos. Viele sagen mir, ach Ameisen und Fliegen: Komm schon, übertreib nicht Don. Ich denke mir dann immer, wer sie denn sind, dass sie mir das sagen können? Die sind doch nicht die Schöpfung. Wenn ich ein Lebewesen töte, dann töte ich es. Ist ein Kaninchen mehr wert als eine Ameise? Wer bewertet das? Wer darf das?

Ich habe mal 2 Kaninchen überfahren. Ich kam gerade um eine Kurve. Ich glaube es war zwischen Andratx und Estellencs. Gegen Mitternacht. Wir hatten Vollmond. Im Scheinwerferlicht sehe ich dieses Kaninchenpaar. Mitten auf der Straße. Der Rammler hatte seine Vorderläufe schon ziemlich verkrampft um ihre Hinterläufe gekrallt. Ich glaube er war fast fertig. Ich sehe noch, wie sie gleichzeitig in die Scheinwerfer starren. Sie hatte diesen Entsetzten, dann den traurigen Blick. Sie wusste, er würde sie nicht weglassen. So nahm sie das Ende an. Immerhin war sie nicht alleine. Nicht nur das, ihr Hase war ja ganz nah. Sozusagen tief drin. Im Grunde waren sie in dem Moment eins. Ein Kaninchen, statt zwei. Er hingegen, hatte diesen Killerblick drauf. Wahrscheinlich den Gleichen wie ich. Nur saß ich am Steuer und er hockte bei ihr drauf. Er wollte nochmal alles geben bevor der Vorhang fiel und gab richtig Gas. Wie eine Nähmaschine ratterte er sie durch. Stopfen ohne Garn.

Ich war hin und hergerissen. Wenn ich bremsen würde, war es nicht sicher, ob es reichen würde. Mit 70 Stundenkilometern braucht man schon ein paar Meter bevor man steht. Das Quietschen der Reifen würde sie vielleicht erschrecken. Sie könnten genau vor meine Reifen laufen. Und dann würde ich sie beide vielleicht unglücklich anfahren.

Vielleicht nur ihn. Oder nur sie. Und dann? Dann wäre einer von beiden sein Leben lang unglücklich.

(Okay wahrscheinlich nicht. Irgendein anderer Hase, oder eine andere Häsin würde sich schon um den Hinterbliebenen kümmern. Die Natur ist gnädiger als wir Menschen.)

Ich entschloss mich nicht zu bremsen. Sollte er es schaffen sie festzuhalten, könnte es sein, dass ihnen nichts passiert. Vielleicht blieben sie unbeschadet wenn ich über sie drüber hinwegfahre. Wenn nicht, würden sie den sicheren Tod finden. Dafür aber im glücklichsten Moment ihres Lebens. Das war doch was.

Wahrscheinlich finden ein paar das ganz fürchterlich, was ich da gemacht hatte. Wahrscheinlich nennen sie es Sünde. Vor Allem, weil es ein bewusster Entschluss war, in Kauf zu nehmen, dass zwei Lebewesen bewusst getötet werden könnten. Somit bin ich ein Mörder. Ich bin also ein Mörder und Sünder. Aber nicht nur das. Als wäre das nicht schon schlimm genug, bin ich auch noch Hedonist. Alles was mir Lust beschert, liebe ich. Lust und Freude im Allgemeinen. Anstelle für einen Marathon zu trainieren, gebe ich mich doch viel lieber den leiblichen Genüssen mit einer schönen Frau hin. Mir kommt das ziemlich natürlich vor, obwohl ich weiß, dass ich mich wahrscheinlich wieder versündige.

Ich finde es viel wichtiger, dass man alles, wirklich möglichst alles, gründlich machen sollte. Man sollte die Dinge mit Liebe und Hingabe tun. Wenn ich ohne Liebe koche, schmeckt man das. Wenn ich mich mit einer Frau unterhalte und von etwas abgelenkt werde, nicht immer ganz bei ihr bin, merkt sie das. Wenn ich mit der U-Bahn fahre und nicht zahle, mache ich das mit Hingabe. Wenn ich schwarzfahre, dann mit Lust und Freude. Wenn man sündigt, sollte man es gründlich machen. Ich würde deswegen immer die Premium-Sünde, der Allerwelt-Sünde vorziehen.

Eine Fliege totzuschlagen, oder die Zeitung meines Nachbarn aus dem Briefkasten zu klauen, sind Alltagssünden. Sogar eher Alltag, als Sünde. Wenn meine Freundin ein guter Mensch ist, sie ihrer besten Freundin helfen möchte, weil die gerade Stress in ihrer Beziehung hat und sie diese für ein paar Wochen zu sich nach Hause holt, wo sie weiß, dass ihre Freundin bezaubernd schön ist, noch dazu sehr sportlich und gierig, dann kann sich meine Freundin als Gutmensch fühlen. Als eine die ihrer besten Freundin Gutes tut. Ob sie sich selber damit Gutes tat, blieb abzuwarten. Heute weiß ich, dass ich damals ein ganz natürlicher Sünder war. Ich habe dafür auch alle Konsequenzen ertragen. Wirklich alle. Aber die anderen nicht. Die machten mich zum Sünder, um weiter munter in ihrer Puppenstube zu leben. Die haben ihre Gelüste, ihr Selbst unterdrückt. Charlotte weniger. Nach ein paar Monaten begrub sie das Kriegsbeil und kam zurück. Sie kannte sich und spürte nur zu gut, was wir für einander waren. Aber Alessandra? Du meine Güte. Die ging zu ihrem Mann zurück und spielte brav ihre Augsburger-Puppenkiste weiter.

Und jetzt, liebe galaktische Lebens-Regie, ein déjà-vu. Wo bleibt es, wo ist es? Da ist es. Na endlich. Giulia. Und natürlich bist du liiert. Und natürlich bist du sogar mehr als das. Natürlich bist du richtig verheiratet. So richtig mit Trauschein, Unterschrift und alles. Mit verheirateten Frauen ist es ein Drama. Immer. Sie fühlen sich sicher und strahlen wunderschön um die Wette.

Und diese eine spielt nun auch noch ein ganz abgefahrenes Spiel. Das Abgefahrenste, was mir je untergekommen ist. Sie spielt eine Rolle, ohne es zu wissen. Mittlerweile ahnt sie es. Und das ist schon eine ganze Menge. Was soll ich sagen: Ich will sie haben. Ganz. Was ich dafür kann? Keine Ahnung. Ich bin nicht schuld. Ich habe sie nicht zu dem gemacht was sie ist. Was soll ich machen? Die Welt ist ungerecht. Sie nimmt keine Rücksicht. Ich habe alles versucht. Warme Umschläge. Meditation, Wein, auch den Entzug von Alldem. Alles. Es ändert nichts. Ich will sie haben. Ja, ich bin ein Sünder und Hedonist. Sie auch, dafür weniger Sünderin. Also bin ich gerade dabei und verstoße nacheinander gegen 2 Tod-Sünden. Erst begehrt man die Frau seines Nächsten und dann raubt man sie. Glatter Diebstahl ist das. Das gelingt natürlich nicht immer. Logisch. Nicht jeder Dieb hat Glück.

Wir wissen beide, was die Stunde geschlagen hat. Es ist wie mit Nitro und Glycerin. Einzeln sind sie unauffällig, völlig harmlos. Zusammen, können sie den ganzen verdammten Planeten hochjagen.

Wir waren essen. Zwei Mal. Es war toll. Jedes Mal. Und es ist schwierig. Wie immer. Wir haben ein paar Themen. Sie hat ihre. Ich habe meine. Sie ist noch in der Verpuppungsphase. Richtig mittendrin. Sie weiß, dass der Prozess unumgänglich, unaufhaltbar ist. Sie weiß es. Davor hat sie Angst. Ich kann sie verstehen.