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Freiheit und Schnupfen – Odyssee 2020 CW21

Ein weiterer Sonntag-Morgen, diesmal 8:30. Nachdem D bereits dreißig Minuten wach lag, zog er sich flott um, schlüpfte in seine Laufschuhe und lief in leichtem Trab die Garonne entlang. Schon die ganze Nacht hatte er über ein paar Dinge nachgedacht, wie zum Beispiel, wie hielten es Europäer mit der Freiheit und der damit verbundenen Selbstbestimmung; was bedeuteten für sie Worte wie Risikogruppe und Systemrelevanz, vorausgesetzt, allen schien klar, von welchem System man sprach.

Wie immer, tat D sich schwer mit dem vermeintlich üblichen Gebrauch von Worten, aber vor Allem, tat er sich deswegen schwer Worte und ihre Nutzung zu verstehen, weil ihre Mehrdeutigkeiten und abgeleiteten Gebräuche in exponentielle Interpretations-Varianzen mündeten, dass viele seiner Gedanken lange brauchten, um ihn zu neuen Erkenntnissen zu bringen, oder eben nicht.

Nicht nur, dass sich die Ungenauigkeiten über tausenden von Jahren hinzogen, so gut wie nie korrigiert wurden, sondern, und das wog für D viel schwerer, sich munter weitervervielfältigten, dass selbst erfahrene und verantwortungsbewusste Journalisten sich schwer taten, im Dickicht der komplexen deutschen Sprache noch halbwegs klar zu sehen, geschweige eine wirksame Schneise in den gewaltigen Buchstaben-Dschungel schlagen zu können.

Mehr und mehr bemerkte D, dass er drohte zu verkauzen, wenn er nicht ausreichend Kontakt mit andersdenkenden und lebenden Menschen hatte; immer wieder setzte er kleine Testbojen in seinem Wörtermeer aus, um zu schauen, wie die Mitmenschen reagierten. Apokalypse, war so ein früh misshandeltes und falsch benutztes Wort, dass, wen wunderte es, seit dem Einzug in die christlichen Testamente, im kollektiven Bewusstsein der Alten Welt und ihrer Bürger eingemeißelt blieb, ohne im entferntesten zu erinnern, wofür es ursprünglich stand.

Doch wie sollte Europa seine Bürger in die vollständige Freiheit erneut entlassen, wenn das Verständnis unterschiedlich, Beschneidungen anders wahrgenommen und ihr Fernbleiben nicht registriert, weil der Bürger sich nicht mehr sicher war, was Freiheit eigentlich bedeutete?

Doch es kam aus D’s Sicht noch viel dicker:

Wie sollte man jemandem etwas wiedergeben, wenn er nicht merkte, dass man es entfernt hatte, oder noch besser, wie ging man mit etwas um, das offensichtlich niemand mehr selber verantworten wollte?

Hatten Demokratien ausgespielt? kamen sie nach 2500 Jahren aus der Mode und wenn ja, warum? Weil nur die Dinge uns Menschen Werte gaben, für die wir kämpften? D wusste es nicht.

Glasklar war ihm aber, dass für ihn, als menschliches System, die Freiheit absolut systemrelevant blieb und dass Selbstbestimmung für ihn bedeutete, jederzeit Schnupfen zu bekommen, wenn er zu leicht bekleidet umherrannte, dass er das hausgemachte Risiko erhöhte krank zu werden, wenn er weiter viel trank und rauchte und dass er später, mit Mitte Siebzig weiterhin selbst entscheiden würde, wann er, um welche Uhrzeit vor die Tür ging, weil SEIN Körper, SEIN Leben, SEIN Geist nur IHM gehörten, weswegen ER damit machen konnte was ER wollte – was ER wollte.

Für D hieß Freiheit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, was hieß, dass er bei Rot nicht die Ampel kreuzen sollte, wenn er nicht sicher war, dass die Straße frei blieb, dass, wenn er mal wieder fernab von asphaltierten Straßen auf Schotterwegen mit seinem Motorrad unterwegs war und diesmal schwer stürzte, nicht so leicht wie auf Kreta vor einem Jahr, sondern so schwer dass er sich ein paar Knochen brach, das er ganz alleine dafür die Verantwortung zu tragen hatte, denn er selbst war es, der sich für diesen Weg entschied.

Das blieb D‘s Lebensprinzip, vollständig von Konstantinos Kavafis wunderbarem Poem „Ithaka“ abgeleitet – war in diesen magischen Zeilen nicht alles enthalten?

Warum dachten so viele Parlamente, dass man Bürgern sagen musste, dass ihr Leben tödlich gefährlich sein konnte, wenn man zu viel wagte? Warum dachten und erwarteten Bürger, dass Regierungen ihnen sagten, was sie zu tun und lassen hatten, wenn ein Virus durch die Straßen fegte?

Wussten sie nicht jeden Tag, dass man jemanden mit schwerer Grippe nicht unbedingt besuchen sollte, wenn man selbst schon alt, oder krankheitsbedingt wacklig auf den Beinen war? Mussten Politiker ihren Bürgern sagen, dass man sich durchzechte Nächte fürs Erste schenken sollte, wenn man mit schwerem Fieber und Schüttelfrost das Bett hütete?

Über dies und vieles Anderes grübelte D, als er über die Pont Neuf nachhause lief, die sonnendurchfluteten Straßen und Häuser dabei betrachtend, um wieder zur Erkenntnis zu gelangen, dass für ihn Freiheit das wertvollste Gut blieb, für das es sich immer lohnte zu streiten und zu kämpfen, besonders dann, wenn ängstliche Menschen in neuralgisch wichtigen Positionen, aus vorschnellem Wohlwollen, sie einzuschränken gedachten, zum Wohle ihrer Bürger, die darüber bitte schön auch weiterhin selber richten wollten, was sie mit wem in ihrem Leben tun wollten.

Vielleicht barg diese merkwürdige Zeit eine Riesenchance für alle, damit wir nach unserem Freiheitsverlust, aufs Neue für sie kämpften und stritten, damit wir sie wieder neu wertschätzen lernten, wie etwas, dass man überraschend verloren hatte und auf einmal, aus dem Nichts, wieder auftauchte – vielleicht lassen wir sie uns beim nächsten Mal nicht noch mal wegnehmen……dachte D und ging, ein paar abschließende Dehnübungen machend in seine Küche, um ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück vorzubereiten.

 

Solidaritaet und Babylon 2020 – Odyssee 2020 CW20

Sonntag-Morgen, neun Uhr. In leichtem Trab lief D die Garonne entlang und genoss seine wiedererlangte Freiheit der fünften Republik, endlich konnte er wieder laufen wohin er wollte. Helios sendete Sonnenstrahlen in Hülle und Fülle, dass D’s Melancholie sich mürrisch in eine dunkle Ecke zurückzog, bis sie sich beim anschließenden ausgedehnten Frühstück im Sonnenschein in Luft auflöste. Gerade las D einen langen Bericht in einer Zeitung über die eklatante Situation im Land der Freiheitstatue, als ihm irgendjemand, von sehr weit weg, eine Eingebung sendete, die D’s Denken und Handeln, für immer ändern sollte.

D liebte untergegangene Kulturen und deren Erzählungen, allen voran, wie konnte es anders ein, alles was von den alten Griechen kam. Er selbst prägte den Begriff der Kubanisierung, die er nach seinen eigenen Worten an sich selbst vollzog, was letzten Endes nichts anderes war, als natürlicher Verfall & Niedergang. Wenn Dinge begannen matt und stumpf zu glänzen, statt stolz und nihilistisch, wenn Menschen, Pflanzen, Häuser und Landschaften mehr und mehr Vintage und Ruinen wurden, dann fühlte er sich zuhause. Wenn jugendliche Selbstverliebtheit und Arroganz einer graumelierten stillen Zurückhaltung und Bescheidenheit wich, begann D sich wohl zu fühlen.

Plötzlich sah D die Geschichte von Babylon, besonders den Bau des sagenumwobenen Turms vor sich, der, zumindest nach Meinung der Autoren des Alten Testaments in Sprachverwirrung gemündet haben soll, die eine unbekannte Macht unseren Urgroßvätern schenkte, um ihren Füßen wieder Grund unter den Sohlen zu bescheren. Welch ein Déjà-vu, dachte D. Wer hätte geahnt, dass sich unser COVID-19 Jahr in Babylon 2020 verwandelte. Was war geschehen?

In einem kurzen Moment sah D die Auswirkungen der Sprachen, Wortbedeutungen und ihre schnelle, sowie massenhafte Verbreitung in den heutigen modernen Medienlandschaften. Und genauso damals wie heute, wurden die Menschen orientierungslos, wie man am Schließen der innereuropäischen Grenzen und im Fall obengenannter Weltmacht sehen kann. D sah klar und erkannte den einzig möglichen Weg aus der Krise, der Menschen, Staaten und Regierungen, so wie damals, vor gleiche Wahl stellte:

Solidarität oder Tod und Untergang.

So schlicht und deutlich erhellte sich D‘s Gedächtnispalast, dass er die Zukunft auf so simple Art und Weise runterbrach. Es konnte jetzt aus seiner Sicht nur noch um ethische und moralische Werte gehen. Was Länder und deren Regierungen auch immer taten, um durch die Corona-Krise zu kommen, konnte und durfte, aus D’S Sicht in nichts anderes münden, als die Verbesserung und Modernisierung der Gesundheitssysteme.

Alles andere wäre blabla, wie man am Beispiel der USA-Bürger und deren Trump-Adminstration sah. Ein ganzes Land ließ sich von Worten blenden und erkannte nicht, dass der gleiche Mann, Tod für Solidarität und Gerechtigkeit brachte – und das freiwillig gewählt von jenen, die in Not waren, welch eine Verblendung, welch eine Verwirrung!

Doch die alles entscheidende Frage für D war nur die eine:

Welchen Beitrag konnte ER leisten? Wie konnte er vom Reden zum Handeln kommen, wie und viel wichtiger, durch was? Natürlich liebte D das parlieren, aber nur unter der Voraussetzung, dass man auch handelte. Wie konnte er, nein, viel mehr, wie musste er ab heute vorgehen, in Zeiten, wo Verschwörungstheorien, Hetze und Anfeindungen zur Normalität wurden? Wie mochten die alten Herrschaften von damals reagiert haben, nachdem sie ihre Verwirrungen überwanden?

Was war zu tun?

Mittlerweile hatte D sein Frühstück beendet und die Zeitung zur Seite gelegt, um ein paar Nachforschungen anzustellen. Sie ergaben, dass die Autoren des neuen Testament, im Rahmen der Pfingstgeschichte eine Verbindung zur Sprachverwirrung schufen, die mit der Ausgießung des Heiligen Geistes und eine mentale Erhellung nach sich zog, die den Menschen Erkenntnisse bescherte.

Also eine Art Rückbesinnung auf menschliche Werte, aus D’s Sicht, was in seinem Fall nur Ethische und Moralische sein konnten. Also Schluss mit Ausgrenzung, Ausbeutung und Übervorteilung und zurück zu Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit. Und während D an seine essentiellen Werte dachte und in deren Welt herumflog, sah er seinen Weg kristallklar vor sich und schrieb eine E-Mail an seinen Verlag, die sich nach wenigen Zeilen als Manifest entpuppte.

„Lieber Verlag, liebes Verlags-Team – ich hoffe, es geht euch allen gut. Bleibt gesund und versucht den Wein-Konsum im Auge zu behalten. Ich muss euch ein paar wichtige Dinge erzählen, die mir am Herzen liegen und ab heute, Teil meiner Wertvorstellung geworden sind. Sie sollen mein Handeln bestimmen.

In Zukunft drucken wir alle meine Bücher ausschließlich auf recycelten Papier und ausschließlich in klassischem Offset-Verfahren, damit Menschen und ihre Druckereien Arbeit haben – daher KEIN Digital Druck mehr, aus vermeintlich ökonomischen Gründen, stattdessen sind moralische und arbeitsplatzfördernde Maßnahmen, den Gewinnmaximierenden vorzuziehen.

Bücherverkauf erfolgt ausschließlich über kleine Buchläden, oder direkt bei uns. Um dies zu ermöglichen, müssen wir in Buchläden investieren. Lösung kann daher Buchhandel auf Kommission sein, damit Buchhändler keinerlei wirtschaftliches Risiko tragen und sich in Krisen-Zeiten auf ihren Laden und Verkaufs-Raum konzentrieren. Digitale Medien und Social Media werden einzig und allein für Kommunikation, Kollaboration, sowie Marketing und Vertrieb verwendet. Keine Nutzung von Online-Verkaufs-Giganten wie Amazon.

Eben jene vernichten die Arbeitsplätze der kleinen Buchhändler, genauso wie die gewaltigen Supermarkt-Ketten, bei denen wir alles finden, außer soziale Kontakte, weil wir statt Schlachter, Gemüsefrau, Bäcker und Buchladen nur noch einen namenlosen Giganten füttern, bei dem die Angestellten froh sein dürfen, für 8,50 die Stunde zu arbeiten – dies müssen wir im Namen der Solidarität unterlassen!

Wenn wir Wertschöpfung und Wohlstand nicht solidarisch teilen, gehen wir egoistisch als Zweite zugrunde. Gemeinsam überleben und in uns alle investieren – nur das ist nachhaltiges Wachstum!“

 

Corona – Countdown für die Freiheit – Odyssee 2020 CW18

Systemrelevant wird vermutlich das Unwort des Jahres 2020. Virologie folgt vermutlich auf dem Fuße. Achtsamkeit, Müßiggang und Kommunikationswirksamkeit sind dagegen im Aufwind. Besonders Letzteres, weil es niemand kennt – noch nicht!

Es ist ein Produkt meines äußerst geschätzten Monsieur Thalamus, der, wie bereits mehrmals in einem Nebensatz erwähnt, der wahre Chef meines Selbst ist.

Während ich heute beim Frühstück saß, dachte ich darüber nach, was ich eigentlich über die derzeitige Situation weiß; im Grunde wenig. Ich weiß, dass ich, weil ich in Toulouse lebe, bis zum 11.Mai zuhause bleiben muss, um die Ansteckungsgefahr und Verbreitung des Corona-Virus einzuschränken. In Wahrheit ist das alles was ich wirklich weiß. Denn wenn ich mir im Fernsehen Informationen holen will, bin ich hinterher sogar noch weniger schlau, als vorher.

Wie kommt das?

Nun, zuerst muss man eingestehen, dass man in Frankreich ungern auf den Punkt kommt; das ist einfach nicht der Charakter der Sprache; sie umkreist gern, oft klingt sie auch elegant dabei. Ein Beispiel:

Wenn Emanuel Macron seine nächste Rede in Griechisch hält, dann werden ihn wenige Landsleute verstehen, vermutlich niemand. Wenn ein Offizier der deutschen Bundeswehr seine Kompanie antreten lässt und ihnen in perfektem Französisch zuruft stramm zu stehen, sich bei eins um 180 Grad zu drehen, so dass ihn alle nur noch mit dem Rücken ansehen, dann langsam und bedeutsam von drei langsam runterzählt, dann wird mit größter Wahrscheinlichkeit, der arme Offizier in die gleichen Visagen blicken, wie vor dem Befehl – es wird ihm ähnlich gehen wie Manu.

Oder In anderen Worten – Kommunkikationswirksamkeit ist das Verhältnis zwischen den zu platzierenden Botschaften und der nachweisbaren Umsetzung und Verstoffwechselung. Eins oder 100% ist das anzustrebende Ziel, was meiner Erfahrung nach, nur sehr wenige dauerhaft erreichen. Manche scheitern ihr Leben lang daran, es ein einziges Mal zu erreichen.

Ganz entscheidend ist die Wahl des Mediums. Wenn man mehr als tausend, wenn man vielleicht ein ganzes Volk ansprechen will, zum Beispiel die Bürger der fünften Republik, dann bleibt einem nur das Fernsehen. Ganz besonders wichtig ist, dass man nicht zu viele Botschaften platziert; unverzichtbar ist ebenfalls, dass man sich nicht widersprechen darf, oder zumindest eine gewisse Zeitspanne zwischen widersprüchlichen Botschaften setzt.

Wenn man heute Informationen herausgibt, wie man nach dem 11.Mai in Frankreich als Bürger und Einwohner vorzugehen hat, ist es wichtig, das man wenig Raum für Interpretationen lässt und, wie schon erwähnt, sicherstellt, dass die Botschaften aufeinander aufbauen und nicht Gegenteiliges beinhalten. Mein Lieblingsbeispiel ist das mit der Liebe:

„Schatz, ich liebe dich!“ Versuch eins lässt keinen Raum für Interpretation.

„Schatz, ich glaube, ich liebe dich!“ V2 beinhaltet reichlich Raum für Spekulation.

Wenn man sich für V1 entschieden hat, weißt du, dass dein Gegenüber das verstanden hat, unabhängig davon, ob sie / er ähnlich oder gar gleich empfindet. Um jemanden zu lieben braucht man nicht dessen Einverständnis; jenes braucht es nur, wenn man eine Beziehung aufbauen / erhalten will.

Wenn ich also heute sage „Ich liebe dich!“ und eine Woche später, „Ich liebe dich nicht!“ dann ist das absolut gegensätzlich, weswegen der Empfänger irritiert sein wird, mit völlig offenem Ende, was er damit macht.

Dass wir uns schwertun, diesem einfachen Beispiel Folge zu leisten, besonders in Stress.- und Krisensituationen, ist natürlich. Zumindest sollten wir versuchen, regelmäßig daran zu denken und anstreben, es immer zu beherzigen, weil man sonst Chaos erzeugt.

Wenn man jedoch den Anspruch hat, eloquent, charmant und mit reichlich Pathos und barocker Eleganz zu parlieren, dann wird es ungleich schwerer, das Kommunikationsziel im Auge zu behalten, davon ausgehend, dass man eines hat.

Natürlich wechselt man ständig zwischen verschiedenen Kommunkationstilen; mit seinem Partner spricht man anders, als mit Untergebenen, Kollegen, Mama und Papa; ähnlich ist es mit den Inhalten; jemanden lieben sagt vor Allem etwas über die Art und Weise aus, wie das geschieht, ähnlich wie in der Kommunikation.

Meinen Partner liebe ich anders als Eltern und Geschwister, obwohl es das gleiche Wort ist. Wenn ich meine Freiheit wieder haben will, dann bedarf es dafür konkrete Schritte. Ist die Wirksamkeit meiner Kommunikation gegeben, komme ich ans Ziel.

Ich gebe zu, dass eine rein funktionale Sprache, sehr militärisch und unangenehm klingt; natürlich würze ich meine Eigene auch reichlich, dass man manchmal vor all dem Stuck und der Zierde, angeblich, kaum noch den wahren Inhalt erkennt; nehme ich das rechtzeitig wahr, kann / muss ich reagieren.

In Frankreich habe ich zur Zeit den Eindruck, dass man nicht merkt, dass man seine Kommunikation etwas an die Krise anpassen muss; man macht im gleichen Stil weiter und erkennt nicht, dass man selber die Quelle ist; ich will mitnichten sagen, dass Ergebnisse und Wirksamkeit dem Zufall überlassen werden, aber den Eindruck bekommt man; sollte das unbewusst oder bewusst so sein, dann verstehe ich den Auftrag der Akademie Francaise – dann ist es in der Tat wichtig, dass man dies Kleinod vor der globalen Außenwelt schützt.

Und wenn das für die Sprache gilt, dann vermutlich auch für die Republik und seine Bürger; dann ist Macron auf die gleiche Begeisterung reingefallen, mit der er sich selber berauscht; dann ist die Quintessenz kompakt zusammengefasst:

Man findet so einen forschen & schnittigen jungen Mann toll, besonders in so einer Rolle als Präsidenten und selbstverständlich hörten sich seine Ziele damals toll an, was aber eben noch lange nicht heißt, und genau darin liegt die Falle, in die beide Seiten getreten sind, dass man all diese schön klingenden Dinge einer möglichen Zukunft in seiner Realität wiederfinden will!

In Wahrheit will man in Frankreich, dass alles bleibt wie es ist; Apéro, la cuisine Francaise, l’Amour toujour und das wars. Und wenn manche jetzt die Nase rümpfen, stelle ich mich ohne Furcht hin und frage – ja warum denn nicht! Warum soll das nicht langen? Was mehr braucht es im Leben?

Wenn also alle im Theater ihre Rolle spielen, jene auf der Bühne und die Zuschauer, dann ist doch allen geholfen, oder habe ich etwas vergessen? Oh-ja, etwas ganz Entscheidendes, nämlich dass es nicht alle Nachbarn verstehen. Manchmal sogar nicht einmal die eigenen Politiker – vielleicht fühle ich mich hier deswegen so wohl – weil ich hier meinen Müßiggang pflegen kann und ein gewisses Maß an Freiheit erspüre – umgeben von einer Sprache, die das Vehikel, das Medium, dieses Gefühls ist.

 

Pasquinade #1 – Odyssee 2020 CW15

Sonntag, 12.April 2020 – genauer gesagt, Ostersonntag, wenn man gewohnt ist, christlichen Ritualen zu folgen; unser Proband schläft, während im Draußen eine nie dagewesene Erstarrung des privaten und öffentlichen Lebens stattgefunden hat, weil alle Ebenen der nationalen Politik.- und gesetzgebenden Administrationen, sich in eine multilinguale Trance hypnotisiert haben, dass wir uns alle in der betörenden Harmonie eines absurden Freiheits-beschneidungs-Kanon wiederfinden – getreu dem satirischen Motto:

Freiheit macht frei!

Wir alle können, wo wir so weit weg vom tragischen Epizentrum sind, in Wahrheit nur wenig wissen, über die Wirklichkeit im gebeutelten Italien und Spanien; niemand, der nicht selbst von Etwas betroffen ist, oder zumindest in zweiter oder dritter Reihe, innerhalb der Familie, oder durch Freundeskreise und Kollegium, dem ansteckenden Leiden in den Rachen sieht, kann das wahre mögliche Ausmaß erkennen. Dennoch ändert es nichts daran, dass unser Proband – wir ersetzen an dieser Stelle Namen und Wort „Corona“ durch „Freiheit“ – mit Dingen konfrontiert ist, die ihn schwer irritieren.

Da ist einmal die Tatsache, dass alle Bürger der fünften französischen Republik von ihrem Präsidenten vier Wochen Hausarrest verordnet bekommen haben, um ein weiteres Ausbrechen der Freiheit einzudämmen. Schon heute, ist das Gesundheitssystem nicht mehr im Stande, die Bürger vorm Befall der heimtückischen, brandgefährlichen und hochansteckenden Freiheit zu schützen – Deutschland, Spanien und Italien, sozusagen dem gesamten Herzen der Alten Welt geht es genauso – Experten raten daher zur einzig logischen Option, weswegen man zu Recht selbst einzelne Autofahrer mit Atemschutzmasken durch südfranzösische Landschaften herumtasten sieht, um sich vor der hochansteckenden Unaussprechlichen – wir ersetzen den Namen „Virus“ gegen „Utopie“ – zu schützen.

Warum auf einem Male eine so alte Utopie wie die Freiheit an Attraktivität und Zulauf gewinnen konnte, beschert Experten in allen Ländern tiefgreifende Kopfschmerzen und eben solches Kopfzerbrechen, welches nur mit der reichlichen Einnahme von kräftigen Weinen gelindert wird, wie die grauhaarigen Repräsentanten und Eidschwörer des heiligen Hippokrates bereits mehrfach bestätigen, weswegen es keine Gründe zur Panik, sondern nur wisschenschaftliche Evidenz für die Reproduktion von Altglas und Leergut gibt.

Schon damals, vor 85 Jahren, als man in Deutschland selbst in der heimischen Stube kampferprobt um die gefährliche und hochansteckende Freiheit herumnavigierte, wusste man sich mit genauso ernsthafter Durchschlagskrrraft zu helfen, wie heute, wo man mit aller Beherrrrztheit der glänzenden und gesunden utopielosen Zeit entgegenstürmt, um der tief dem deutschen Vaterland verhafteten und geschundenen Seele Balsam auf die mürben Knochen zu schmieren, damit auch die nächsten tausend Jahre medizinisch blühende Landschaften wachsen und gedeihen, die garantiert frei von schmutziger Freiheit sind und stattdessen sicher, sauber und rein, damit wir ein geordnetes Leben führen können, behütet und beschützt von Vater und Mutter Staat, die uns mit Nächstenliebe, Brüderlichkeit, Einigkeit und abgeschaffter Freiheit alle Entscheidungen abnehmen – zum Wohle unserer Kinder und Kindeskinder.

Täglich kann man mit Erleichterung sehen, wie die Kurve der Angesteckten weiter und weiter abflacht, zum Wohle der Allgemeinheit und der Sicherheit; täglich verkleinert sich die Rate der Verlorenen, hat man doch aus der Erfahrung der Türken, Russen und Chinesen gottlob gelernt, die sich bereits vor unserer brisanten Zeit, um das heutige Osterfest herum, mit aller Macht gegen die Freiheit und deren Utopie gestemmt haben, so dass sie den köstlichen Nektar des Erfolgs trinken konnten, weil es dort heute endlich alle nett und gemütlich in den eigenen vier Wänden haben, mit dem Recht auf Arbeit und einem Gesundheitssystem, dass sich um das Wohl des Individuums nicht nur sorgt, sondern es auch mit tiefster Verantwortung ver-sorgt, bis das der Tot sie scheidet.

Nur hin und wieder blitzen vereinzelte dunkle Erinnerungen hervor, wenn man sich im Traume, oder im heimlichen Dämmerlicht an die gefährlichen Abenteuer erinnert, als man noch des Nachts betrunken und schwer rauchend ziellos umherirrte, auf der Suche nach der nächsten Kneipe, der nächsten Kippe oder einfach dem nächsten Bett. Dann fährt man demütig zusammen, dass die ewige, glücklicherweise zur Geschichte gehörende, Umher-Reiserei einem auch nichts weiter bescherte, als gefährliche unbekannte Eindrücke, Gerüche, Sprachen, Menschen und Speisen, die einem von der wahren Bestimmung des menschlichen Daseins abhielten – Arbeit für Alle und Alle für Arbeit!

Ein weiser Freiheits-Experte, der Selbiger bei einer früheren Utopie-Epidemie nur mit knapper Not entkam, gelang zur beglückenden Erkenntnis, dass nur das Verbrennen alter Schriften, ein Erinnern der Menschen an die tiefsitzende Sehnsucht nach dieser unmöglichen Utopie der Freiheit vernichtet, dass es uns heute, mit etwas Abstand, als befreiende seelische Erleichterung vorkommt, wenn uns der letzte Säuberungs-Schritt in seiner vollen Tragweite vor die Füße fällt, wenn wir uns mit Freude daran erinnern, als man den Verwirrung stiftenden Satz des Aristoteles aus allen Schriften vertilgte, weil er selbst über 2000 Jahre später für den Ausbruch dieser besitzergreifenden Geisteskrankheit verantwortlich ist, weswegen ich ihn hier und heute ein allerletztes Mal, natürlich von meiner Atemschutzmaske geschützt, äußere, zum Schutz für uns und unsere Kindeskinder und in Andacht an die Bedeutung des Osterfestes:

„Wer die Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave.“

Daher rufe ich euch alle auf, um jeglicher Freude, Müßiggang, Leidenschaft und Liebe mit Nachdruck entgegenzuschreiten, damit wir sie gemeinsam restlos vom Planeten Erde vertilgen, getreu nach dem Motte:

Vive l‘absurd! – Vive le con, mes compatriots!