Archiv für den Monat: März 2019

Verfall – Teil 1

Mein flackerndes Smartphone macht die Auto-App fast unbrauchbar. Nach dem zehnten Versuch gelingt es mir, eine dieser abgerittenen Großstadtkutschen zu ergattern. Nach ein paar Straßenbiegungen gehe ich in eine stille Seitenstraße

– irgendwo da vorne muss er doch – ha, da ist er.

Quietschend öffne ich die Fahrertür. Kalter Rauch, Feuchtigkeit und ein Hauch von altem asiatischem Essen, empfängt mich mit tropisch-nasser Umarmung. Ich hacke einen sechsstelligen Code in das gesplitterte Cockpit-Display; ein paar Lampen leuchten auf, eine Grüne ist auch dabei; war wohl erfolgreich.

Blechern und kalt klingt die weibliche Stimme des Navigations-Systems, die mich durch das verstopfte Stadtzentrum hetzen lässt, dass wie ein geblähter Darm zu platzen droht. Schon länger habe ich das Gefühl nicht mehr atmen zu können; all der Krach und Gestank; die Hektik unfreundlicher Menschen; ihre Gefühlskälte lässt der Gier freien Lauf, die wie eine ansteckende Krankheit ihre Gesichtszüge verziert; innere Leere, frisst menschlichen Glanz; die Seele kämpft mit letzter Kraft um Werte von einst, bis sie am Ende alles willenlos geschehen lässt.

Das bizarre Muster des zerbrochenen Glas erinnert mich an einen atomverseuchten Weberknecht. Heute habe ich Glück; ohne Umwege finde ich einen Parkplatz. Nur schwer sind die Parkbuchten am verdreckten Straßenrand auszumachen. Randsteine mit ungezählten Zeitungsschichten; glattgebügelte Bordstein-Übergänge mit geweiteten Rändern erinnern an überdimensionierte Bäder, reichlich verziert mit Dreck, Glas, Zigaretten und Schmutz, stacheligen Mondlandschaften gleichend.

Beim Aussteigen sehe ich mir die Umgebung an. Heruntergekommene Wohnblöcke, grau und stumpf. Abgeblätterte Farbe, stumpfe milchige Scheiben, an denen Feuchtigkeit mit langen Nasen heruntertropft, ausgedünsteter Schweiß schwer beladener Waschmaschinen, die den Besitzern halbwegs-sauberen Inhalt vor die Füße kotzen. Vom Kiosk gegenüber wehen Fetzen loser Worte herüber. Großstadtschnipsel, lieblos recycelt, vermischt mit Kaffee, Zigarettenqualm, Biergeruch und öligem Zorn.

Vorbeirasende Fahrzeuge hupen um die Wette. Gestank umzingelt diese digitale Großstadt-Mine. Ich renne ein wenig herum, sehe mir die Umgebung an. Irgendwann finde ich mein Hotel. Es ist eines dieser Runtergekommenen. Taxifahrer halten hier ungern. Schon vor langer Zeit hat es seine besten Tage gehabt. Ganz genau nach meinem Geschmack. Kein Glamour, kein Glanz, dafür billig und verwohnt, nach Linoleum, altem Essen und Urin riechend.

Nur kurz denke ich an meine Vergangenheit, mit all den Luxushotels. In den teuersten edelsten Hotels der Welt residierte ich, hatte Spesen in Millionen-Höhe, dazu unzählige Einladungen. Heute bevorzuge ich das langsame Verfallen von Gebäuden und Inneneinrichtungen. Verkommene Gärten, mit ihren verdorrten Bewohnern; Leben mit Schiff.- Mast und Schotbruch; in dieser sterbenden Umgebung, wo dir der leichte Hauch des Todes entgegenweht lässt es sich gelassen leben, ist man doch selber Teil des Niederganges; jeden Tag stirbt ein weiterer Teil; nur mit letzter Kraft schaffen es einige, sich mit dem kleiner gewordenen Rest, tagein und tagaus erneut dagegen aufzubäumen und gegen das Unabwendbare anzukämpfen, dass irgendwo, hoffentlich in ganz großer Ferne, ein weit entferntes Ende naht.

Wie eine verständnisvolle elegante Geliebte umarmt mich diese Tristesse und Melancholie; sie ist mein Zufluchtsort, mein wahres Zuhause, von dem ich eigentlich nie mehr entkommen will, habe ich in ihr doch die ideale Partnerin, die mein Scheitern, meine Unvollkommenheit versteht, sie vielleicht sogar schätzt – und ganz selten, bei größenwahnsinnigen Anflügen von Hoffnung, eine berauschende Euphorie erwächst, die sich in eine utopisch-tiefe Verliebtheit verwandelt, bei dem Gedanken daran, dass sie meine Schattenseiten eventuell sogar liebt!

 

Zivilisation – Teil2

Hektisch fummle ich das Schlüsselbund aus der Hosentasche, greife mir ein besonders scharfkantiges Exemplar und setze an, um das Paketklebeband durchzutrennen.

„Sagen Sie, junger Mann, lassen sie sich etwa besonders viel Zeit?“

„Nein-nein, ich bin dran…“ – mein Gott, was für eine Diva – nur kurz hier durchziehen, so-o-o, genauso und dann noch diesen und dahinten den Zweiten – mit lautem Krachen reiße ich den Karton auf; bin gespannt – sehe hinein und erblicke einen hockenden Frauenkörper, der seine Hände schützend über den Kopf hält – sie steckt in schicken Klamotten – eine Art Kostüm – sie richtet sich langsam auf – ich trete einen Schritt zurück.

„Endlich!“

„Wie lange waren Sie da drin?“

„Ewig – weiß es schon nicht mehr.“

„Kommen Sie – hier draußen scheint die Sonne.“

Anmutig, mit reichlich Eleganz, steigt sie aus dem Karton. Dunkelblaues Sakko, ziemlich enger und hoher Rock – weiße Bluse, dunkelblaue Pumps – lange dunkelblonde Haare – schwer zu schätzen ihr Alter. Irgendetwas zwischen 30 und 40 wäre ich geneigt zu sagen, obwohl sie viele Tausend Jahre zählt. Hat sich gut gehalten.

Beim Übersteigen der Karton-Seitenwand geht sie ein wenig in die Knie; gefährlich hoch rutscht ihr Rock. Wie hypnotisiert sehe ich auf ihre langen Beinen – diese nahtlosen Strümpfe, wow! Ihre Beine sind der Wahnsinn. Ich liebe Beine. Natürlich sind sie nicht alles, aber viel, wenn sie schön sind – kann mich kaum davon losreißen. Auch ihr Hintern ist gut geformt – ziemlich sexy die Gute – aber sie ist die Zivilisation, daran nur zu denken, ist wie mit der Ex ins Bett zu gehen – ins Fegefeuer kommt man da, ich bin mir ganz sicher. Sie lächelt mich an, sie weiß wie sie aussieht und das ich sie wohlwollend ansehe.

„Lassen Sie uns dort vorne, sehen Sie das kleine Bistro?“

„Ja natürlich – einverstanden.“ – wir schreiten an den hektischen Menschen vorbei; ein letzter Bistrotisch steht frei, zwei Hocker – also mit dem Rock wird das gefährlich – ein Ober eilt heran.

„Guten Tag, haben Sie einen Wunsch?“ Ich meine zu wissen, was die berühmte Dame gern hat.

„Zwei Campari-Spritz, s’il vous plait.“

„Bien sûr – avec plaisir.“

„Merci.“

„Woher wissen Sie, dass ich…?“

„Sagen Sie, warum sprechen Sie eigentlich, als wären Sie meine Oma, oder eine Figur bei Marcel Proust? Sie sehen aus, als wären sie einem modernen Hochhaus-Office entstiegen, das passt doch nicht zusammen.“

„Vergessen sie nicht, dass ich ein wenig alt bin; da bleibt schon was hängen, selbst wenn man junggeblieben und sich bemüht jugendlich gekleidet vor die Tür zu treten; aber im Gegensatz zu mir, bei allem Respekt, ihre Redegewohnheiten in der heutigen Zeit sind wirklich furchtbar, junger Mann, finden Sie nicht?“

„Nun, in gewissem Sinne, muss ich ihnen Recht geben.“

„Haben sie eine lange Leitung, eingeschränkte Wahrnehmung, oder sonst irgendeinen Defekt, junger Mann? Schauen sie sich doch mal um; was glauben Sie, warum ich mich in diesem Karton versteckt habe; das kann man doch alles nicht mehr mitansehen; in vielerlei Hinsicht sind wir vor zwei bis 3000 Jahren weiter gewesen als heute – es ist einfach erschütternd, du meine Güte!“

„Stimmt, zivilisierte Menschen zu treffen ist äußerst schwer geworden..…“

„Halt-halt junger Mann; verwechseln Sie nicht….“ – sie wird warm; wurde Zeit, dass sie aus diesem Karton raus ist…..

„….mich, die Zivilisation, mit dem abgeleiteten zivilisiert-sein; das hat miteinander….“

„Et voila – deux Campari-Spritz, s’il vous plait.

„Merci beaucoup.“

„Santé“

„Oui, santé!“ – wir nippen an dem Aperitif – herrlich, tut das gut.

„Darf ich fortfahren?“

„Wie bitte?“

„Sie haben mich unterbrochen…“

„Habe ich nicht, der Ober……“

„Sie haben Recht, entschuldigen Sie…darf ich?“

„Unbedingt……“

„Ich habe mit zivilisiertem Verhalten der Menschen rein gar nichts zu tun, damit das mal klarsteht……“

„Wie bitte? Sie Behaupten, dass…?“

„Genau! Rein gar nichts!“

„Wie ist das möglich? Das eine kann doch nur mit dem…“

„Nein, tut es nicht; es ist ein völlig individuell besetzter Begriff; gehen sie mal in die USA, nach China, oder Indien, Russland, Japan oder wir hier in Europa – sie werden auf unterschiedliches Verständnis stoßen. Nicht wahr? Verstehen sie?“

„Sie meinen, wenn ich mich als zivilisiert fühle, dann ist das eine ganz eigene…“

„Genau. Ihre Sicht ist vermutlich schon anders als Meine. Zivilisiert sein bedeutet für viele doch eigentlich eine bestimmte Verhaltensweise, im Kontext mit anderen Mitmenschen, vermutlich so in etwa, wie wenn man niemanden verletzt, weder in seinem Garten, noch sonst wo drinsteht – höflicher Umgang, eine gewisse Kultiviertheit eben….…“

„Und das bringen Sie nicht mit sich…?“

„Nein, auf keinen Fall. Lesen sie das mal nach: Nach dem Verständnis der meisten Menschen bin ich lediglich die Beschreibung einer Staatengründung, die basierend auf Fortschritt günstige Lebensbedingungen für seine Bürger schafft, die man als prosperierend und nach vorne gewandt beschreibt – jedenfalls so, oder so ähnlich.“

„Was heißt hier, so oder so ähnlich? Wollen sie damit sagen, dass sie selber nicht wissen, wer sie…?“

„Mitnichten! Ich weiß, wer ich bin, aber wissen es auch alle anderen Menschen und Bürger?“

„Warum separieren sie die beiden, ist das nicht das Gleiche?“

„Nein, ist es nicht – weil nicht alle Menschen automatisch Bürger-Rechte haben, geschweige sie ausleben können, was glauben Sie denn? Hören sie auf, so eindimensional daherzureden; sie fangen an mich zu langweilen!“

„Na, Sie haben aber eine progressive Art und Weise am Leib!“

„Wie ich schon sagte; sich mit mir einzulassen, bedeutet viel Arbeit; nicht jeder mag das, sie etwa?“

„Das kann ich noch nicht sagen; ich lerne sie ja gerade erst kennen.“

„Nun-ja, der Schnellste sind sie jedenfalls nicht, dafür aber sympathisch.“

Moment mal; sie behaupten, dass….“

„Ich behaupte es nicht; das nennt sich Wahrheit – Realität. Ich bin die Architektur, während die Menschen immer von Verhaltensweise untereinander sprechen – damit habe ich nichts zu tun. Jedes Individuum..“

„Mögen Sie Campari-Spritz?“

„Sehr gerne sogar….wo war ich stehengeblieben? Sie haben mich schon wieder unterbrochen!“

„Sie waren bei…“

„Ach ja – beim Zivilisiertsein…richtig. In Wahrheit ist das kaum jemand und selbst wenn, würde das nichts….“

„Wie bitte? Das ist doch…“

„Ist es nicht – es ist völlig egal, ob es jemand ist, denn es gibt mich nicht mehr!“

„Wie bitte?“

„Haben Sie mir eben zugehört?“

„Natürlich, warum….“

„Weil sie sich dann nicht so sehr wundern könnten – de facto gibt es mich nicht mehr, weil die Mehrheit aller Staaten ihr Volk unterdrückt; allgemeiner Wohlstand und Fortschritt für das Volk steht überhaupt nicht im Vordergrund, ist auf keiner Agenda mehr drauf – ergo, per Definition, ist alles, was wir heute sehen, keine…“

„Sehen sie das nicht ein wenig zu schwarz?“

„Junger Mann, sind sie mal in der Welt gewesen?“

„Natürlich, warum fragen sie?“

„Geld und Macht hat die Länder der Welt pervertiert – die Saat ging auf und man erntete…“

„Sie haben völlig Recht…..“

„Womit? Sie unterbrechen mich ja schon wieder….“

„Sie SIND anstrengend…..….“

„Alle sagen das, sie sind da nicht der…“

„Können wir nicht einfach nur einen Apéro…?“

„Natürlich, aber sie müssen sich schon etwas anstrengen – ich langweile mich schnell, wenn ich nur so rumsitze und….“

„Ja-ja, habe ich ja erstanden – zum Wohl!“ – hoffentlich gibt sie ein wenig Ruhe; eigentlich will man doch nur in Ruhe trinken und leben, oder nicht?

„Prost – Santé!“