Neue Nummer

Techno wummert mir entgegen, als ich in den Frisör-Salon eintrete – so, wie immer. Da Cindy alleine ist und für ihre kranke Kollegin einspringt, heißt das Zauberwort, Entschleunigung. Ich schmeiß mich in einen der schwarz-bezogenen Shampoonier-Stühle, von denen es vier in der Reihe gibt, den höflichen Anweisungen Cindys folgend.

Gerade sitze ich ein paar Minuten und fang an, meinen geistigen Leerlauf zu genießen – das ist in etwas so, wie wenn man den Kopf mit warmen, flüssigen und goldenen Sonnenlicht auffüllt und das warm-weiß-gelbe Licht genießt, das einem den Kopf von innen neu tapeziert, bis nichts mehr übrig ist als Freude, Zufriedenheit, eine angenehme Schwingung – als Madamme Pierette sich neben mich schmeißt und lossprudelt:

-Das hält man im Kopf nicht aus, seit drei Wochen geht das jetzt….

-Was denn? , ich bin schon abgehängt, bevor sie beschleunigt, Wahnsinn die Dame.

-Mit dem verdammten Telefon…!

-Was ist denn damit….achja, stimmt, habe ich gemerkt, als ich anrufen wollte – tatsächlich versuchte ich Mittwoch oder Donnerstag anzurufen, wählte die eingespeicherte Nummer, woraufhin mir die weibliche Stimme mitteilte, dass diese Nummer leider nicht mehr erreichbar ist – ich natürlich gedacht, dass ich mich bestimmt vertippt hatte, woraufhin ich es noch ein paar Mal versucht hatte, mit immer dem gleichen Ergebnis.

-Diese Penner haben mir meine Telefonnummer abgeklemmt, einfach so, von heute auf Morgen. Verdammt, ich habe einen Frisörsalon, alle Kunden Machen Termine telefonisch ab….

-Ja, wie kann denn das sein? Ich habe es dreimal versucht und habe dann…

-Zuerst rufe ich bei den Orange-Heinis an, da geht so ein Algerier an die Strippe; ich habe nichts gegen andere Länder und Kulturen, geschweige deren Sprachen, im Gegenteil, aber wenn die mir einen Typen in den Telefonservice setzen, der kaum meine Sprache spricht, wie soll denn dann Kundenser…

-Das ist ja verrückt; stimmt, nachdem ich dreimal…..

-Nach zwanzig Minuten bestätigt er mir, dass….

-das ging dann aber flott! ,ich fange an zu lachen, meinen Faden habe ich längst verloren; ich versuche ihn später einzuweben, wenn mir Mme Pierrette Raum lässt…

-dass ich jetzt so einen neue Telefonbox bekomme, wegen der Umstellung von analog zu digital; ich so zu ihm – Kollege, schicken Sie mir das einfach her, was sie da für mich haben…..

-Und, kam was an, außer ner Rechnung….? , ich ahne es wird bunt….

-Drei tage später kommt so ein express-liefer-fuzzi genau zu der Zeit, wo ich zur Bank gehe, will Cindy das Paket nicht geben und lässt mich stattdessen zur Post laufen, inklusive fünfzehn Euro extra-kosten für erschwerte Zulieferung, ist das zu glauben?

-Im Ernst?, ihre übergroße Brille rutscht aufgeregt auf ihrer Nase hin und her, so wie ihre lange Wollmütze, die sie trotz angenehmer Temperaturen trägt, weil ihre zwei Millimeter kurzgeschorenen weißen Haare nicht genug wärmen und sie als ungefähr siebzig Jahre alte südfranzösische Pflanze sowieso immer friert, sobald es kälter als fünfundzwanzig Grad ist….

-Im Ernst; das Beste aber ist, dass ich zwar jetzt so ne Box hatte, aber immer noch keine neue Telefon-Nummer; hatten sie vergessen zu vergeben…und sowieso müsse ein Techniker kommen, der die Box anschließt; das könne ich nicht einfach selber machen….

-Das gibts gar nicht…!

-Doch, die Box von Orange, der Techniker von France Telecom; am fünften Tag kam er dann, bohrte sich lange in der Nase, Gott sei Dank nirgendwo anders, klemmt die bescheuerte Box an, was genau zehn Minuten dauert und jedes Kind gekonnt hätte, worauf ich…

-Was? So schnell und dafür all der…?

-Genau, ganz genau dafür! Und dann händigt er mir eine Rechnung aus, die er in einem Umschlag überreicht; ich ahnte schon warum; sobald du den Umschlag angenommen hast, stimmst du nämlich den Konditionen zu; ich also schnell aufgerissen und sehe unten rechts fünfundachtzig euro….!

-Wie bitte, für die paar Minuten…?

-Aber ne Telefonnummer hatte ich immer noch nicht…..als der Vogel flüchten will, frag ich ihn nach meiner neuen Nummer, worauf er nur lächelt und mir fröhlich-arrogant erwidert, er wäre nur Techniker und installiere Boxen…mit den Nummern hat er nichts zu schaffen….!

-Das kann doch nicht wahr sein….

-Ich also wieder die Hotline angerufen, diesmal keinen Araber, sondern irgendeinen Inder, den ich auch kaum verstehen konnte; ich so, Leute – wo bleibt meine Nummer – er so, die ist unterwegs – ich so, wie unterwegs, sie haben mich doch am Telefon….geben sie mir doch einfach jetzt die nummer durch….ich habe ein Geschäft….….worauf der Vogel einfach seinen Text wiederholt, dass die nummer unterwegs sei und alles……

-Weißt du, woher ich eigentlich deine neue….

-ich habe die doch noch gar nicht….!! Langsam wird sie porös die Arme.

-Was für eine Nummer ist denn die, die ich…..

-Meine private Handynummer; ich habe die im Internet angegeben, damit mich überhaupt irgend-jemand erreicht…das ist doch verrückt, zum ausflippen; ich suche schon kameras in den Ecken; das kann unmöglich echt sein, das alles hier!

-Da muss man ja schon am frühen Morgen einen Aperitif haben und abends munter nachschenken…

Vor Aufregung beginnt sie mit ihren bunten Sandalen über den Boden zu scharren, in den ihre dunkelbraunroten sockenlosen Füße stecken – die Sandalen sehen aus wie von einem zehnjährigen Mädchen…vermutlich sind das ihre, die sie bekam als sie klein war…..ich stelle sie mir gerade vor, wie sie wohl ausgesehen hatte, mit zehn Jahren, vermutlich wie Intschoschi, Winnetous Schwester, während die Lautsprecher knackige Techno-Klangteppiche unter uns ausbreiten und wir wie lustige, psychedelische bunte Bälle von diesen elktronischen Bass-Flächen hin und hergeschüttelt werden, dass ich auch beim dritten Mal überhöre, das Cindy mir zubrüllt:

-Setz dich schon mal auf den freien Stuhl, damit wir anfangen können…..

Während mein Kopf von warmem Gold, viel orange und metallisch-industriellen Klangmustern besetzt ist, bis ein Arm nach mir greift und mich vor dem Spiegel pflanzt und der Rasierer hinter meinem Ohr aufgesetzt wird und mir eine Brandschutzschneise in den Schädel fräst, dass ich zusammenfahre und Cindy nachsetzt:

-neun oder? wir fangen immer mit neun an, nicht wahr?

Im Spiegel sieht es eher nach zwei, als neun aus – ich nicke einfach und lass sie mir die Rübe schaben – manchmal muss man einfach laufen lassen…..

 

 

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