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Neu-Gier

Ich bin müde. Und das recht anständig. Es hat nichts mit Schlafmangel zu tun, überhaupt nicht. Es ist mein Selbst, mit dem ich müde bin. Ich mag mich schon noch, so ist es nicht. Aber manchmal, so wie jetzt gerade, schafft es mein Charakter, mich richtig müde zu machen.

Seit ich klein bin, ist das schon so.

Ich öffne die Augen und strahle die Welt an. Alles will ich gleichzeitig wissen und machen, wirklich Alles. Ständig ist meine Neugier so groß, dass ich mich in jedes kleine Ding versenken und es bis zur mikroskopisch kleinen Molekularstruktur beschreiben und aufspalten kann.

Sozusagen Aschbombe vom Zehner – in Zeitlupe.

Als Ergebnis kommt ein Mensch heraus, der ständig zwischen Erschöpfung und Euphorie hin und herpendelt. Nein, nein liebe Psychologen – ich bin weder manisch-depressiv, noch irgendeine Form von „Grenzgänger“, der den schmalen Grat, oder irgendein anderes vermeintlich existierendes Thema als Ziel hat – eher das Gegenteil.

Ich lebe so gerne, so viel und intensiv, dass ich immer alles aufsauge und mein allerbestes gebe, nämlich wirklich Alles was ich hab. Interessanterweise hat das bis heute kaum jemand kapiert.

Wie oft habe ich in der Schule gehört, „streng dich mehr an“ – oder im Sport sowas wie „leg noch ne Schippe drauf!“, oder in Beziehungen, mein großer und absoluter Lieblings-Klassiker, „Wie kannst du das schon wieder vergessen haben? So hörst du mir zu!“. Beliebig und unendlich weitergehen, könnte die Liste.

Wenn ich nen Höhenflug habe, ist das offensichtlich für andere auch schön.

Menschen lassen sich mitreißen und erfreuen sich mit an den schönen Dingen des Lebens, aber nur solange, wie ich fliege. Kommt die Zeit der Erschöpfung, der Erholung, der Verpuppung und Transformation, nehmen sie Reißaus und rennen soweit sie können, als würde ich mich in ein schwarzes Loch verwandeln und alles und jeden mithineinziehen.

Dabei finde ich das ziemlich normal, dass man irgendwann müde ist – dies Recht, räumt die Welt mir offensichtlich nicht ein. Wenn ich nämlich daniederliege, ist es meist sehr still um mich herum. Ich finde das komisch. Ist denn nicht jeder so, mehr oder weniger? Sind wir nicht alle von manchen Dingen begeistert und irgendwann, vom Leben und all dem Bunten darin, müde und benötigen ein wenig Schlaf?

Schon immer hatte ich viel vor. Ständig war ich unterwegs. Alles Mögliche habe ich gemacht, wirklich alles. Auch gereist bin ich schon immer viel und gerne. Natürlich konnte und kann ich nicht alles machen, was ich gerne wollen würde, natürlich nicht – man weiß halt irgendwann, dass ALLES halt ein klein wenig zu VIEL ist – also wählt man, mehr oder weniger bewusst aus. Macht doch jeder so – hoffe ich.

Manches hat es aber ungleich schwer – zum Beispiel Skifahren. Ich liebe es. Am liebsten würde ich’s jeden Winter machen. Dabei bin ich es erst einmal gefahren – vor 30 Jahren, wohlgemerkt. Seit dieser langen Zeit versuche es im Stillen jedes Jahr aufs Neue und dennoch hat es bis zum heutigen Tag nicht geklappt. Ich bin mir deswegen aber nicht böse.

Spannend wird es dann In Partnerschaften, wenn die priorisierten Themen nicht die Gleichen sind. Dann kommt’s vor, dass man einander Vorwürfe und Vorhaltungen macht, dass man sich gegenseitige Unwichtigkeit oder eine stümperhaft-verdeckte Gedanken.- und Interessenlosigkeit unterstellt.

Dabei ist es genau anders herum. In Wahrheit geht es um ganz andere Dinge.

Ich glaube, viele fühlen sich abgelehnt, wenn der Partner etwas anderes will, etwas mit einer anderen Priorität versieht.

Zum Beispiel Sauberkeit. Alle meine Partnerinnen, waren ordentlicher als ich – ich spreche von Ordnung, nicht Sauberkeit. Das ist was ganz anderes. Dies Thema spare ich ganz bewusst aus. Zu viele Massaker habe ich auf Party‘s erlebt, nachdem irgendjemand dies Thema, in angeheiterter Runde aus der Büchse der Pandora gelassen hat.

Ordnung muss sein, hier in doppeldeutiger Sache sozusagen.

Ordnung ist für mich etwas, dass mit „Sich-Wohlfühlen“ zu tun hat und, ganz ehrlich gesagt, ich bin hier anpassungsfähig. In der Regel ist mein Bedürfnis nach Ordnung nicht übertrieben. Als Metapher können wir eine Wohnung, ein Haus oder ein Urlaubs-Cottage nehmen. Während ich ein mittelmäßiges Niveau an Ordnung brauche – alte Schulnoten von ein bis sechs – langt mir eine 3 bis vier, während für viele eine zwei Bedingung ist, um sich wohl zu fühlen.

Für mich ist das gar kein Problem, mich in einer Zweier-Umgebung wohl zu fühlen, wenngleich sie sich deutlich von einer „Drei bis Vierer“ unterscheidet – glaubt ja nicht, dass mich irgendjemand mal gefragt hat, ob ich mich in der satten „Zwei“ wohl fühle! Man setzt das halt irgendwie voraus, dass einem das Höherwertige, oder korrekterweise neutral gesagt, „höher-benotete“ automatisch mehr zusagt.

Das dass bei mir nicht der Fall ist, hat noch nie jemanden interessiert.

Oder um es auf den Punkt zu bringen – je stärker die Ordnung, desto eingeengter fühle ich mich. Aushalten und ausbalancieren tue ich das mit meinem Gedächtnispalast und mit schreiben. Deswegen bin ich wirklich und absolut überall überlebens.- und des Glückes fähig.

Das sorgt, wie kann es anders sein, natürlich für reichlich Reibung und dass schon seit Jahrzehnten. Diese Unbedarftheit, dieser grenzenlose Optimismus, der öfters auch an zum himmel-schreiende Naivität erinnert, lässt viele Menschen in meinem Umfeld mit den Augen rollen.

„Du kannst doch nicht so einfach in Tag hineinleben?“, Eltern und andere Autoritär-liebende neigen dazu, mich zu schnellstmöglicher Unterlassung zu drängen.

„Wieso denn nicht? Wie denn sonst? – meine übliche Antwort.

„Du musst doch Ziele haben; deine Zeit ist begrenzt; nutze sie; warte nicht; schnapp dir das Leben; bringe Ordnung in dein Leben; strebe das Höchstmögliche an; suche dir eine Frau die dich liebt und versteht; zeuge eine Heerschar Kinder!“ – eine der meistgespielten Langspielplatten.

Ich finde ja, dass ich meine Zeit nutze. Hab ich schon immer gemacht.

Vor Kurzem habe ich mir einen langersehnten Traum erfüllt. Ich habe Griechenland besucht. Genauer gesagt, Kreta. Mein Leben lang wollte ich das schon. Ich habe so viel über griechische Mythologie gelesen, so viele Bücher über ihre Kultur und ihre großen Philosophen, dass ich in Wahrheit im Herzen schon immer Grieche war und das nicht nur, weil ich seit über dreißig Jahren Rezina und Raki liebe. Vor zwei Wochen konnte ich mir diesen Traum erfüllen.

Was ich da alles erlebt habe und was das mit Ordnung zu tun hat, erkläre ich nächste Woche.

 

Vom Leben

Ich ging spazieren. Alleine, frei, ohne einen Wunsch von Morgen, eine Furcht von Vorgestern eine Enttäuschung vom Jetzt. Ich pfiff ein Lied, Wind fuhr mir stürmisch durch die Haare; ich schaute hoch zur Sonne, lächelte, spürte wie sie mich wärmte; Feigenbäume standen am Wegesrand, schwer beladen mit reifen Früchten; eine erblickte mich, bat mich gepflückt zu werden, da ihr Unterleib schon leicht geöffnet war und süßer Saft aus ihr heraustropfte; sie fiel mir in die Hände als die Zeit reif war; kostbar als wäre sie meine Seele bewahrte ich sie in meiner offenen Hand.

Meine Füße trugen mich weiter und weiter. Olivenbäume grüßten mich, bohrten ihre Wurzeln weiter ins Erdreich, das den Weg festigte auf dem ich ging; Bäume rauschten, sangen mir ihr Lied; Esel röhrten. Ich setzte mich auf einen Stein, ließ die Sonne meine Haut erwärmen. Ein einsamer Vogel kam vorbeigeflogen, setzte sich auf meinen Fuß. Er lächelte mich an, holte Luft und sang mit stolzgeschwellter Brust. Es klang wunderschön, süß und rein. Perlen sprangen aus meinen Augennestern, gossen den Boden auf dem die Olivenbäume gingen. Mein Arm wollte sich ausstrecken, öffnete seine Hand und reichte dem Vogel die saftige Feige. Dieser erschrak und sprach:

„Warum gibst du mir diese schöne saftige Frucht? Warum isst du sie nicht selbst?“

Ich lächelte ihn an und sprach:

„Warum hast du mir ein Lied gesungen? Ist dein Lied nicht auch Nahrung für meine Seele? Ist es nicht schön, wenn du meine Seele und ich dafür deinen Körper füttere, der mir ein so schönes Lied singt?“

Der Vogel strahlte mich an und begann sich glücklich über die Frucht herzumachen. Als der Vogel die Feige verspeist hatte, verabschiedeten wir uns und gingen unseres Weges. Nach einer Weile kam ich um eine Enge Biegung. Ein fein gekleideter Mann versperrte mir den Weg, sah würdevoll und ängstlich zugleich aus. Er sprach:

„Guter Mann, ich bin vom Weg abgekommen und weiß nicht mehr weiter. Sein sie doch so gut und zeigen sie mir den richtigen Weg.“

Ich lächelte ihn an, griff erst in meine Rechte, dann in meine linke Hosentasche und sprach:

„Ich habe 10 Goldstücke; ich kann ihnen nicht mehr geben und etwas über das Leben sagen, aber sie können sich eine Karte davon kaufen, damit sie ihren Weg wiederfinden:“

Ich nahm seine Hand und legte die 10 Goldstücke hinein. Der Mann sah mich fragend an und sprach:

„Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht selber 10 Goldstücke haben könnte? Sehen Sie meine Kleider? Meine Schuhe und meinen Seidenschal?“

Immer noch seine Hand haltend, legte ich meine Zweite darüber und rollte seine Finger ein, bis es nicht mehr herausleuchtete. Ich sprach:

„Guter Mann, sie sind es gewohnt, mit schönen Worten denen zu nehmen, die im Schweiße ihres Angesichts jenes erschufen, was sie anderen weiterverkaufen. Somit sind sie ärmer als ich, haben keinen Cent, der ihnen eine Karte vom rechten Pfad zu kaufen vermag. Daher sind meine 10 Goldstücke ihr erstes Geld, was sie je besessen haben. Es wird ihnen gute Dienste erweisen und eine Karte geben, die ihnen den Weg weisen wird, nach dem ihnen schon so lange dürstet.“

Erschrocken zog der Mann seine Hand zurück, die 10 Goldstücke noch immer fest umschlossen. Blass und entsetzt öffnete er langsam seine Hand und sah hinein. Warm lagen die Goldstücke auf seiner Haut und er hatte das Gefühl sie werden wärmer und schwerer. Plötzlich sprang er einen Schritt zurück und sprach:

„Woher kennen sie mich? Wer sind sie?“

Ich lächelte, nickte ihm zu und sprach:

„Du weißt wer ich bin: Ich bin der Wandersmann, der dir 10 Goldstücke schenkt und nichts mehr wünscht, als das du glücklich wirst und deinen Weg finden magst.“

Ich grüßte ihn herzlich und ging weiter meines Weges. Nach einiger Zeit, ich ging ein paar weitere Stunden, da dämmerte es. Die Luft war frisch und kühl. Wind durchquirlte sie und vermischte sie zu süßer Zuckerwatte. Ich ging hinunter zum Meer, wollte es vorm zu Bett gehen begrüßen. Es wartete schon auf mich, mein ganzes Leben. Auch heute. Als es mich um die letzte Kurve kommen sah, sprach es:

„Da bist du ja, ich warte schon so lange auf dich; wo bist du gewesen?“

„Ich war hier und da; es war sehr schön; ich habe mit Vögeln, Bäumen und Menschen gesprochen. Das Leben ist sehr schön, weißt du?“

Das Meer antwortete:

„Ich weiß, ich weiß. Ihr lasst nie gerne los, oder? Auch du willst jeden Tag wie deinen Letzten leben, oder? Ist es nicht so? Gehe ich recht in der Annahme, dass du dich mir auch heute wieder verweigern willst?

„So ist es; es ist noch nicht Zeit. Du weißt das. Aber ich wollte dich herzlich grüßen und dir eine gute Nacht wünschen. Schlaf gut. Bis bald. Vielleicht sehen wir uns morgen.“

Da lächelte das Meer verständnisvoll und winkte mir hinterher:

„Ich danke dir, das du mich besucht hast; die meisten fürchten sich vor mir. Es ist schön, dass du mich magst, obwohl ich so groß und mächtig und du so klein und zart bist.“

Da hielt ich inne, drehte mich um und sprach:

„Siehst du? Auch dir ist nichts menschliches fremd. Wie könntest du größer und mächtiger und nicht zugleich so wie ich sein, wo wir doch beide aus dem selben Schoß kommen? Lass es dir gut gehen. Bis bald, liebes Meer.“

Da rauschte es zufrieden einen Gruß hinter mir her und legte sich schlafen, während die müde Sonne unterging und mir seine letzte Strahlen liebevoll in den Rücken warf.

Zuhause angekommen stand ich für ein paar Minuten still im Zimmer. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen ging. Die Tür zum Schlafzimmer stand leicht geöffnet. Ich hörte den gleichmäßigen Atem, der die Dunkelheit bewohnte. Seine sanfte Melodie war mir schönstes Geschenk nach einem langen Tag. Leise zog ich mich aus. Dann ging ich um das Bett herum, nahm das leere Glas und fühlte es mit frischem kühlen Wasser auf. Ich legte mich ins Bett neben das süße Atmen, gab ihm einen zarten Kuss auf die Stirn, streichelte über das Haar und hörte ein leises Seufzen, als ich mich auf die Seite drehte und das Licht löschte.

Ein Jahr, ein ganzes Leben

Es ist vorbei. Ein ganzes Jahr.

Das ist hier tatsächlich meine 52zigste Morgengrauen-Geschichte der Neuzeit. 52. Das kommt mir ziemlich viel vor. Auch ziemlich lange. Ich glaube, wenn ich nicht aufpasse, verrinnt die Zeit im Sand. Aber wahrscheinlich verrinnt die Zeit auch, wenn ich nicht aufpasse. Ich glaube es macht gar keinen Unterschied. Manchmal kommt es mir so vor, als wenn ich meinem Leben zusehe, wie ich es lebe, wie ich die Dinge tue die ich tue, ohne ganz dabei zu sein. Es ist so wie der Wasserkessel der nicht kochen will, wenn man ihm dabei zusieht. Wenn ich hinsehe, passiert nichts. Wenn ich kurz auf Klo gehe, wird die Krim eingenommen. Es ist so, als wenn das Leben einen günstigen Moment abwartet, um mir eine Speise zu servieren, die ich nicht kenne. Oder um mir die letzte Flasche Rotwein aus dem Vorratsraum zu klauen. Ich glaube so in etwa ist das.

Heute ist mir ziemlich komisch zumute. Keine Ahnung was es ist. Vielleicht hat es mit dem verflixten ersten Jahr zu tun. Ein kleines bisschen bin ich sogar stolz. 52 Wochen lang habe ich ohne auch nur einmal zu spät zu sein, egal ob ich in Frankreich, Spanien oder sonst-wo war, jeden Sonntag pünktlich meine Geschichte fertig gehabt. Ich weiß nicht für was, aber für irgendetwas muss es gut sein.

(Nennt man das nicht Disziplin? Wusste ich es doch: Das kann ich.)

Seit einigen Tagen rumort es in mir. Wie fühle ich mich? Will ich weitermachen? Und was könnte ich zum Jubiläum schreiben? Was? Mir fiel partout nichts ein. Gar nichts. Gestern Abend? Nichts! Wenn ich an etwas besonders stark denke, dann passiert meistens nichts. Heute Morgen wachte ich auf. Nada. Immer noch nichts. Dann nahm ich mir vor, meine Gedanken über Bord zu kippen und nur heimlich zu denken. Vielleicht klappte das. Vielleicht spür ich ja dann irgendetwas.

(Bis jetzt geht es ganz gut, immerhin schreibe ich gerade darüber.)

Aber ist jetzt irgendetwas anders? Wie sieht mein Fazit aus? Diese ganze Schreiberei kommt mir mehr wie eine Aufreihung von ein paar Lampions, eine kleine Kette von Novellen vor. Fast wie eine Art persönlicher Reisebericht. Ich glaube, im Grunde ist es das auch. Das Leben ist ja eine schöne Reise. Noch dazu denke ich mir auch nichts aus. Ich schreibe halt die Sachen, die ich erlebe. Mehr nicht. Jetzt hab ich es: Ich fühle mich wie Sylvester. Das ist es. Jetzt habe ich nicht nur 3 Geburtstage, sondern noch einen zweiten Sylvester dazubekommen.

Was war denn passiert in diesem Jahr? Eine ganze Menge. Ich habe viel gesehen, viel erlebt und noch mehr gelernt. Besonders viel über mich. Freunde verschwanden, gingen auf reisen. Andere verwandelten sich, verpuppten sich, bis ein neuer Schmetterling entschlüpfte. Maya war einer. Susanna reifte in Südamerika. Wir hatten wieder Frieden. Kristina lernte ich auf der Geburtstagsfeier des Präsidenten kennen. Maria-Antonia wurde eine gute Freundin und ist eine Femme fatale, par excellance. Piero wurde eine Mischung aus Salvator Dali und Don Chijote. Mein Freund und Winzer Jean-Marc hofft auf die Zukunft. Und deutschland wurde Fußball-Weltmeister, wo ich 3 reizende Kolumbianerinnen kennenlernen durfte, sogar die Fermina Daza der Neuzeit. In nur einem Jahr, habe ich so viele tolle Menschen getroffen, dass ich jetzt gerade einen ziemlich dicken Kloß im Hals habe. Vor Rührung, ehrlich. Ich schaffte es sogar, einen ganzen Monat bei meinen Freunden in Estellencs zu bleiben. Es war herrlich. Ich werde es wieder machen.

Die schönste Überraschung ist Giulia. Mir kommt es so vor, als wenn ich sie jetzt das erste Mal richtig sehe. Dabei kennen wir uns schon ein paar Jahre. Aber jetzt ist es so, als wenn sie richtig da ist. Vorher hatte ich immer nur eine Ahnung. Ich meinte sie zu sehen, aber sie war nicht völlig materialisiert. So als wenn sie nach dem Beamen an zwei Orten gleichzeitig geblieben war. Eben ein bisschen durchsichtig. Halt nicht ganz da. Ich hatte ihr es mal gesagt. Aber entweder hatte sie mich damals nicht verstanden, oder ich habe mich damals nicht gut ausgedrückt. Das kann ich manchmal auch ganz gut. Es gibt sehr viele Menschen die mich nicht immer verstehen. Vielleicht lag es an mir. Vielleicht war sie immer da, nur ich nicht. Oder wir waren beide nur ein bisschen sichtbar. Dafür heute aber ganz. Ist schon komisch. Für Manches braucht es viel Zeit. Für Vieles ist die Zeit nicht reif. Jetzt aber glaube ich, ist sie es.

Morgen werde ich mit Giulia essen gehen. Aus doppeltem Anlass. Einmal um mein verflixtes erstes Jahr ein bisschen zu feiern und weil sie nach langer Zeit endlich mit ihrem U-boot aufgetaucht ist. So eine lange Tauchfahrt habe ich wirklich noch nie gesehen. Ein paar habe ich schon erlebt. Doch so wie sie war noch keine unterwegs. Nur sie hat diese ganz besonders ausdauernde Brennstoffzelle, mit der man Jahre, Jahrzehnte im tiefen dunklen Meer umherschwimmen konnte.

Die Tiefseewelt ist sehr faszinierend. Das ist eine völlig Eigenständige, genauso wie die oberhalb des Wassers. Ich kenne viele die kurz aufgetaucht sind, Luft schnappten und wieder abtauchten. Schwups, waren sie wieder weg. So war das ständig. Sonnenlicht ist sehr hell. Für einige sogar zu grell. Wenn man sich nur in tiefem Wasser aufhält reagiert man empfindlich. Manch einer verliert über die Jahre seinen kompletten Seh-Sinn. Wie ein Grottenolm. Am Anfang, direkt nach dem Auftauchen, blendet die Sonne sehr. Mir ging es genauso. Irgendwann merkte ich, dass sich meine Augen daran gewöhnt hatten. Sogar meine Haut, mochte die Sonne. Und heute? Heute geh ich nicht mal mehr schwimmen, obwohl ich das Wasser liebe. Ich dachte mir, wo Giulia jetzt endlich da ist, werde ich sie schwupp-di-wupp auf mein Festland entführen, bevor sie aus Versehen wieder abtaucht. Mein Land bietet genug Platz und Stille, dass so eine einzigartige Blume wunderschön wachsen und gedeihen kann.

Darum geht es im Leben. Wir sollten uns mit Menschen umgeben, die uns gut tun. Die gut für uns sind. Die uns Dinge geben, die wir brauchen. Mit ein bisschen Sonne, Wärme, Wasser und Liebe, werden Olivenbäume viele tausend Jahre alt. Und Giulia? Die läuft schlicht Gefahr glücklich, zufrieden und sie selbst zu sein.

Es ist Zeit für Veränderungen.

Ich lasse sie ungezügelt auf mich einstürmen. Wenn sie kommen, nehme ich sie an. Das Leben trägt uns ganz natürlich die Veränderungen heran. Wir müssen sie nur erkennen. Deswegen werde ich auch umziehen. Es ist Zeit. Ich muss aus meinem Haus raus. Ich kenne meine Nachbarn ein bisschen zu gut. Sie fangen schon an sich wie Verwandte zu benehmen.

Ich möchte auch mehr von der Welt sehen. Nicht nur davon reden und davon schreiben: Ich möchte es erleben. Es gibt noch so Vieles, das ich nicht kenne. So Vieles, das ich sehen möchte.

Und sonst? Ich glaube, ich schließe eine Episode meines Lebens ab. Es ist genug jetzt. Ich brauche neue Ufer, neues Land, neue Umgebung.

Ich habe auch Lust etwas anderes zu schreiben. Vielleicht mache ich das. Was es wird? Keine Ahnung.