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21.August – das ist SPARTA! – Odyssee 2022

Sparta ist’n krasses Pflaster. Liest man darüber, überwiegen Bewunderung, Respekt und Kopfschütteln. Verglichen mit heute, war man schon damals moderner als wir es uns heute getrauen. Dafür gab‘s andere moralische Schattenseiten, wo wir heute wiederum ein Stück weiter gekommen sind – denken wir nur mal ans Halten von Sklaven und Rechte der Frauen.

Ganz ähnlich geht‘s gerade im Gesundheit.- und Bauwesen zu.

Modern wie wir sind, haben wir hier bereits einen guten Schritt zurück gemacht – also weg von sinnvollen und vernunftgetriebenen Entscheidungen – UND – viel wichtiger – Handlungen – lassen wir das Menetekel der Ökonomen weiter-pendeln und handeln moralisch fragwürdig bis hin zu rücksichtslos gegenüber Menschen, Rohstoffen und Umwelt.

Interessanterweise scheint das keinen zu interessieren.

Wir türmen stattdessen immer größere Müllberge auf – wie am Beispiel meines Kumpels F. – der täglich erlebt, wie metallene Scheren in Krankenhäusern nach Einmalgebrauch weggeschmissen werden, weil man den Fachmann fürs Desinfizieren einsparte. Nun wächst der tägliche Berg Müll stetig weiter, anstatt zu schrumpfen, weil man billig Waren einkauft, weil es – ÖKONOMISCH – angeblich billiger sein soll, wegzuschmeißen, anstatt Werkzeuge öfter zu verwenden.

Oder Zustand deutscher Brücken…

Angeblich sind die Mehrheit aller Stahlbetonbrücken in keinem guten Zustand. Was nicht völlig überraschend ist, weil man seit mehr als zwanzig Jahren die Ämter darauf hinweist, dass Luftverschmutzung, Korrosion und unerwarteter Anwuchs im Verkehrsaufkommen, besonders im Lastkraftverkehr der Anrainer-Ländern, Brücken im Zeitraffer altern lassen.

Was das alles mit Sparta zu tun hat…?

Natürlich rein gar nichts, bis auf die Tatsache, dass man in Sparta bis zuletzt bei der Meinung blieb, dass nur starke Männer und Frauen überleben dürfen, weswegen man alle Babys, die schwach erschienen, in ein großes Loch in den Bergen schmiss, inklusive aller Feinde, wie die meisten von uns aus dem Film 300 wissen.

Aus heutiger Sicht, klingt das….ja wie eigentlich?

Nach Euthanasie, ganz nach dem Geschmack von Menschenfreund Adolf Hitler? Oder doch eher nach Charles Darwin, der an Ähnliches glaubte, dass in der Natur nur der / die / das Starke das Überleben der Rasse absichert? Offensichtlich haben antike hellenische Götter nichts gegen spartanische Geburtenkontrolle. War das Gang und Gebe, oder was anderes…?

Sind Götter etwa moralisch – behindert?

Kann sowas sein? Götter sind doch perfekt, oder nicht? Je mehr und öfter ich darüber nachdenke, machen die meisten heutigen Sachen genauso wenig Sinn, wie die Dinge, die wir aus der Vergangenheit meinen verstanden zu haben. Wenn man französische, deutsche, spanische und italienische Professoren zum antiken Griechenland, im Besonderen Sparta befragt, kommt garantiert nicht das Gleiche / Selbe heraus, wie wenn man ‘nen Hellenischen mithinzuzieht.

Klingt irgendwie ganz menschlich, finde ich…

Wenn nicht alle gleichzeitig darauf pochen würden, die Wahrheit zu kennen und verkünden zu müssen, könnte man anfangen die Menschen zu mögen. Für mich ist es am Ende ganz einfach: Vor 2500 Jahren entschieden achtundzwanzig erfahrene 60+ jährige Männer in Sparta darüber, ob dein Kind weiterleben durfte oder nicht.

Heute entscheiden Krankenhaus-Manager, dass Wegwerfen billiger sein darf,

sowie Rentabilität vor das Wohl der Patienten geht – und Baubehörden entscheiden entweder gar nicht, oder spät, dass es Leben und Alltag der Bürger beeinträchtigt; ich denke besonders an Staus, erhöhter Schadstoffausstoß oder gar Brückeneinsturz.

Für mich sind diese Heinis – Spartaner von heute.

Wenn Historiker korrekt arbeiteten, konnte Sparta zwar halb Hellas und Peloponnes dominieren, was jedoch mangels Weiterentwicklung nur kurze Zeit andauerte, weil erst Theben den Spartanern ‘ne Abfuhr verpasste, vor der Schlacht bei den Thermopylen, (ihr erinnert euch – 300!), bis Philipp der Viertel-vor-Zwote aus Makedonien ans Lenkrad kam, bekanntlich der Vadder von Alex dem ganz Großen, der wiederum….

Naja, ihr seht es ja selbst!

Man(n) glaubt(e) von sich – es jetzt wirklich „besser“ als die anderen zu machen, obwohl man nur im Geschichtsbuch wahllos blättern braucht und ausschließlich Denkmäler für solche Typen findet (mir ist im Übrigen keine Frauen-Führerin bekannt); wie alle dominieren sie irgendwas, irgendwen eine Zeit lang, bis sie wieder alles verlieren, weil jemand anders gleichen Anspruch hat und – ÜBERRASCHUNG – stärker ist!

Moralischer Rückschritt in merkwürdigen Zeiten…

Unendliche Wiederholungen, vom antiken Griechenland, hin zu den reichhaltigen Früchten monotheistischer Religionen, inklusive kluge Übernahme des Amtes des Pontifex Maximus vom römischen Imperator, dann zu Karl dem Großen, weiter zur französischen Revolution, hin zu WW1 und WW2, zum deutschen Wirtschaftswunder, das Prachtexemplare zur Welt brachte, die zeigen, dass Sparta, Darwin, Alexander, Putin, Erdogan, Xi Jingpin, und wie sie alle heißen, nie aussterben,

sondern wie die Pilze munter weiterwuchern…

12.Juni – das Bad des Hades – Odyssee 2022

Nach langer Planung besuchte ich meinen Kumpel Pierre-André. Für mich ist PA in Wahrheit Druide. Offiziell ist er Winzer und lebt bei Langon, genauer gesagt in Toulenne. Wenn er sich nicht um Wein kümmert, kocht oder trinkt, oder beides zugleich, liest er die Zukunft aus Knochen, Eingeweiden eines Kaninchens, oder von den Schenkeln seiner Freundin. Letzteres hat mich auch immer interessiert; oft habe ich mich versucht,

gefunden habe ich meistens was anderes.

Es liegt daran, dass ich leicht abgelenkt bin, besonders wenn Frauen im Spiel sind; hier sind PA und ich uns sehr ähnlich. Schon vor Jahren vermutete ich, dass er in Wahrheit der Präsident des Universums sein müsste, natürlich ohne davon zu wissen;

solche Ämter bekommt man verliehen.

Diesmal fand ich nicht nur Indizien, sondern echte Beweise. An diesem Wochenende lernte ich die Wahrheit über ihn. Es gehen nämlich nicht nur die griechischen Götter bei PA ein und aus, nein, es ist viel beeindruckender. Sein Haus ist der Beweis dafür, dass die Milchstraße schon vor Jahren implodierte!

Sie krempelte ihr Innerstes nach außen – und umgekehrt.

Seit dem Zeitpunkt, befindet sich die Milchstraße im Haus von Piérre-André. Ganz erstaunlich wie ich finde ist dabei, dass es vor den Augen von Hawking und all den anderen Wissenschaftlern passierte. Als ich gestern sein Haus betrat, da geschah es. Ich spürte es sofort. Ein unaufhaltsamer Sog, wie ich ihn nur von schwarzen Löchern kenne.

Doch das war es nicht.

Je länger ich grübelte, erinnerte es mich mehr ans Verbrennen durch’ne Supernova, wenn sie sich aufbläht und man verschlungen wird. Gegenüber vom Eingang thronte der viel zu große Kamin, vor dessen Feuer ein aufgespießtes Kaninchen seine Runden drehte; zur Linken prunkte eine mächtige Anrichte. Hier erlebte ich das Gleiche. Kaum sah ich genauer hin, gab’s einen weiteren Strudel. Wohin ich auch sah, überall wuchsen neue Welten und Milchstraßen.

Und alles direkt vor meinen Augen.

Ein paar Türen der Anrichte hatten kleine Fenster, aus den weitere Planeten neugierig herausschielten. Auch Flaschen und Gläser standen dort, viele halbvoll, vor langer Zeit geöffnet, nicht ganz ausgetrunken, für später weggestellt, es mochte Jahre her sein; ein beachtlicher Berg Tabletten und jegliche Form von Medizin, die man PA verschrieben,

die er jedoch nie eingenommen hatte.

Eine nicht minder eindrucksvolle Auswahl Werkzeuge, Feuerzeuge, Aschenbecher, Rechnungen, Bücher und ein meine ganze Anerkennung und Aufmerksamkeit auf sich ziehender Vorratskarton Kondome, der Bordellbesitzer*innen in der gesamten Galaxis

feuchte Augen geschenkt hätte.

Schon dieser Kosmos verschlang mich mit Haut und Haaren. Nie würde ich hier wieder wegkommen, soviel stand fest. Doch das war längst nicht alles. Irgendwann musste ich aufs Klo. Auf dem Weg dahin, durchschritt ich auf leisen Sohlen die Küche, um nicht die gewaltigen Berge Töpfe, Pfannen Gemüsereste beim Plausch aufzuschrecken,

deren Gesprächs-Takt ein stetig tropfender Wasserhahn gab,

der wie ein galaktisches Metronom unendlich weit und tief klang; erfolgreich, ohne Aufsehen zu erwecken und Wegzoll zahlen zu müssen, passierte ich diesen Isthmus, der mich beim Durchschreiten an ein Wurmloch erinnerte, in dem die Zeit still steht.

Endlich bin stehe ich vor der Tür vom WC.

Langsam öffnete ich die Tür. Ein elegisch-schummriges Licht glomm darin, obwohl keine Lampe brannte. Noch ahnte ich nicht, welchen großen Schritt ich für die Menschheit wagte. Vorsichtig schob ich mich hinein, aus mir unbekannten Gründen war ich sprungbereit. Endlich traute ich mich und knipste Licht an. Beim Aufblitzen zuckte ich zusammen, gefolgt von Stöhnen:

„Oh mein Gott….!“,

entfuhr es mir. Denn ich stand im Bad des Hades. Ihr kennt ihn, jenen einen Moment im Leben, der Alles ändert. Nun kam er zu mir. Jener stumpfe totenbleiche Spiegel, in dem sich schon die gesamte Unterwelt rasiert hatte lächelte wie aus anderen Welten; eine unzählbare Menge Tassen, Gläser und Tuben breiteten sich hier unaufhaltsam

wie die Wüste Gobi aus.

PA scheint jede Woche ’ne neue Zahnbürsten zu verwenden, bei den vielen Sträußen, die in bunt bedruckten Senfgläsern das Bad bewachen. Gewaltige Berge Cremes und Shampoos warten auf Benutzung oder Entsorgung; kein Zweifel, jede seiner Freundin bestand auf ihre eigene Pflegeserie; war dies alleine schon eine Fahrt in der kosmischen Achterbahn, entschied ich mich glücklicherweise doch dafür,

kein genaueres Auge zur Dusche zu werfen.

Ein aus hellblauer Keramik geschmiedetes Tor ließ all meine Hoffnungen und Ängste wahr werden: Hier stand ich nun – einsam und alleine vor der Pforte zum Tartaros. Und dieser Moment ließ mich erzittern. Wie hätte ich mich auf diese unbeschreibliche Unterwelt hätte setzen können? Mit zitternder Hand klappte ich die Brille hoch und versuchte meinen Reißverschluss zu öffnen – vergeblich.

Vor diesem gähnenden Schacht gab alles klein bei.

Doch wie entstand dies Kunstwerk? War es ein Akt des Zufalls, bei dem Musen und Götter nachhalfen? Hatte PA ein klares Bild im Kopf, an dem er aktiv drauf hin arbeitete? Oder entstand alles aus reinem Zufall, was bedeuten musste, dass des Künstlers Botschaften und Anliegen, mit dem Werk selbst mitwuchsen und sich so

zu einem unsterblichen Gesamtwerk aufschwangen?

Das Bad des Hades verlässt du als anderer Mensch. Das änderte sich auch nicht, als PA zum Abend hin nach ausgiebiger Siesta, die bei größeren Weinmengen wichtig sind, eine zweite Genusswelle aus „Trüffel-Eier-Champignon-Suppe“ sowie wild gewachsene Jacobsmuscheln über uns zusammenbrechen ließ, was seinen Gipfel in einem Côte du Boeuf fand.

PA wissendes Lächeln setzte Allem die Krone auf.

Wusste er mehr als er preisgab? Vermutlich. War es wichtig, ob er Winzer, Druide, Magier, Präsident des Universums, Künstler, Frauenheld, Vagabund oder mit den Göttern im Bunde war? Nein. Sein Universum, seine Zeit mit mir zu teilen, noch dazu mit solchen Speisen und Weinen zeichnet wahre Freundschaft aus. Sie bleibt Motor des Universums und macht

ehrerbietend andächtig…

Zwiebeln – Odyssee 2021 CW44

07.November – Granatäpfel und Zwiebeln sind mein Lieblings-Obst. Letztere haben es mir besonders angetan. Ich glaube, das liegt daran, weil sie genauso unergründlich, schwer interpretierbar, fiktiv und allegorisch sind, wie das Leben.

Denn was macht mich überhaupt aus, das ich dies eine Selbst mein Leben nennen kann? Oder werde ich gar, schlicht und ergreifend, gelebt? Macht es vielleicht gar keinen Unterschied, zwischen beiden Betrachtungen?

Neulich sagte mir ein Freund, ich solle nicht immer so viel grübeln. Am Ende käme doch eh nichts Neues, geschweige Tiefgreifendes dabei heraus. Mein Kumpel hat selbstverständlich recht, doch genau darin liegt doch der Zauber der Absurdität – zu akzeptieren, dass mein Leben absurd ist, damit jedoch im selben Atemzug eben nicht einverstanden sein, um sich mit jedem Atemzug dagegen aufzulehnen.

Geradewegs so, als suchte man in einem Labyrinth nach dem Ausgang, wissentlich, dass er zugemauert ist, weswegen man statt die Tür zu öffnen, sich bewusst entschließt, die verschiedensten Wege auszuprobieren und bei jedem erneuten Erreichen des Ausgangs wieder zum Anfang zurückgeht, um von Neuem zu beginnen.

Daher heute eine Geschichte über – Zwiebeln.

Egal welche Farbe sie haben, gleichen sie sich doch im Aufbau wie eineiige Zwillinge. Viele Schalen bilden eine Frucht. Je nach Größe haben sie mehr oder weniger Schalen und haben am Ende einen schlanken, leicht vaginös anmutenden Kern, der wiederum aus vielen feinen Schichten besteht.

Selbst Günter Grass hat beim Häuten der Zwiebel – wie übrigens auch das gleichnamige Buch heißt; ich muss gestehen, dass ich es nicht gelesen habe, und sogar, dass ich nie Grass-Fan war, ich habe es zwar immer mal wieder versucht, aber außer der Blechtrommel, die fand ich wirklich klasse, hat mich keins angesprochen – sich so Einiges wieder in Erinnerung gebracht.

Schönes Gleichnis übrigens: Zwiebel-Leben, oder Lebens-Zwiebel…

So wie ich Zwiebeln und mich verstehe, steckt mein Selbst im Kern. Alles Leben strömt an meiner äußersten Schale vorbei, womit jeder Moment nie wirklich an mein innerstes Selbst vordringen kann, sondern stattdessen nur schemenhaft, gefiltert und gedimmt durch die vielen Schichten, so dass alle Lebensregungen mir deswegen auch nur erscheinen und ich sie in Wahrheit nicht wirklich erlebe, so als drängte eine erneute, abgeänderte Variante von bereits Erlebtem an meine Wahrnehmungsoberfläche, womit die unzähligen vergangenen Erlebnis-Schatten als Art Zukunft-Reservoir fungieren, die bei passender Kombination mit einem neuen Gegenwartserlebnis ein aktuelles Jetzt erschaffen.

Quasi so, als würde ich beim Schwimmen im Wasser niemals direkt mit dem Element in Verbindung gehen, sondern nur eine ungefähre Ahnung bekommen, die jene vielen Schichten durchlassen. So könnte ich gewagt sagen, dass ich nie wirklich irgendetwas tatsächlich tue, sondern nur sehr nahe dranliegende Ähnlichkeiten gezeigt bekomme, wenn sie intensiv genug sind, um durch die Schichten hindurch zu sickern.

Manche Momente lassen ihre vielen Vorgänger sogar durch die momentanen Gegenwarten hindurchschimmern. Immer dann, wenn mein Innerstes so etwas sagt wie – hab ich schon mal gesehen – oder – kenn ich das nicht von irgendwo her?

Erleben tue ich es, als wenn beim Nähertreten eine vormals glatte und ebene Oberfläche, plötzlich nicht nur Struktur bekommt, sondern Tiefe und Dreidimensionalität, die ihren Charakter durch die vielen übereinanderliegenden, nahezu ähnlichen Vorgängerversionen erhält, während die jeweils dahinterliegende immer ein wenig schwächer als die vorige hervorschimmert.

So geht‘s mir mit Allem, auch bei Wellen, weil ich ja nicht wirklich nass werde…

Absurde Unaussprechlichkeit – Odyssee 2021 CW28

18.Juli – D saß, wie meistens, in seiner Wohnung und schrieb. An seinem aktuellen Buch arbeitete er jedoch nicht, stattdessen an einem Brief, den er getrieben von Verzweiflung aufsetzte. Seit geraumer Zeit traute er sich selbst nicht mehr über den Weg, ob er dem Leben auf angemessene Art begegnete, oder, wie er tief drinnen befürchtete, lediglich animalisch reagierte, so wie eine Ratte, die am Morgen Hunger verspürt und ihren Bedürfnissen nachgeht.

„Lieber Ede – wie geht es dir?

Stimmt, das ist eine bescheuerte Frage, beesonders zum Anfang. Wie soll es einem hochsensiblen, hypochondrischen männlichen Homo-Intellektualis schon gehen, in Zeiten wie diesen, in denen man Barcodes auf bunten Mülltonnn bestaunt; nehm daher zur Kenntnis, dass ich diese Frage zurückziehe, denn während ich darüber so nachdenke, merke ich, dass es eine rein der Höflichkeit geschuldete Phrase ist, die mir unbewusst über Lippen und Finger kam; daher, sehe es mir nach und betrachte das Zurückziehen nicht gleich als Schuldeingeständnis, sondern eher als meine, in letzter Sekunde wachgewordene Achtsamkeit, die ich wie einen Regenschirm über uns aufspanne.

Wie soll ich anfangen?

Selbst mit dieser Frage, stelle ich mir Labyrinth und Falle zugleich auf; vielleicht ist „wie“ nicht die jenige welche, sondern eher „warum“ oder „womit“ die Passendere, vielleicht Richtigere, kennst du doch meine Vorsicht, nicht zu schnell, wenn es schon denn sein soll, zu urteilen.

Eigentlich findet man kaum noch Menschen, mit denen ,man angenehm reden kann; alles ist auf dem Sprung, man ist nur solange irgendwo, bis einen der innere Projektplan zum nächsten Meilenstein jagt, ganz unabhängig davon betrachtet, ob wir ähnliche Begrifflichkeiten und Inhalte verwenden, um einander zu verstehen – einfach furchtbar!

Alles ist nur noch Fassade und bleibt auf der ersten, oder mit Glück in der zweiten Oberflächenschicht stecken; ich hab das Gefühl, in einem sich ewig wiederholenden Theaterstück zu sein, wo zwar Rollen, ebenfalls zwischen Zuschauern und Akteuren ständig wechseln, ich aber ihre Mechanismen und Prinzipien schon aus weiter Ferne meine riechen und spüren zu können.

Wenn ich zum Beispiel schreibe, „der glänzende Blütenstempel der weißen prallen Lilie, mit der im Kreis sie bewachende Wachstandarte der stramm stehenden Blütenstaubtentakeln, die er im Eingangsbereich des Blumenhändlers zusammen mit den anderen hell-leuchtenden betörenden Lampenschirmen von Mutter Natur stehen sah…“ dann hoffe ich inständig, dass alle Leser ähnliche Gefühls-, Bild- und Raumvorstellungen haben wie ich, was jedoch nur funktioniert, wenn man zum Beispiel weiß, was eine Lilie ist und – idealerweise – wie sie aussieht.

Es ist, als würde man über den Sinn des Lebens nachdenken, während man an einem Bissen Entrècôte kaut und – zumindest wenn man Franzose ist – zu viel Senf auf den blutigen Brocken gestrichen hat, der einem jetzt brennend in die Nase fährt und man sich darüber wundert, obwohl man selbst der Jenige zu sein schien, der die vermeintliche Verfeinerung des Fleisches, beschloss und durchführte.

Ein wenig so, wie bei Proust und seiner Madeleine.

Auf den ersten Blick mag man sich darüber unterhalten, oder zumindest nachdenken, wieso man zu viel drauf getan hat – z.Bsp: War man mit den Gedanken woanders, oder weswegen und womit, also mit welchem Thema und Objekt, konnte man abgelenkt sein, wenn man doch die Speise so sehr mag?

Aber selbst das, ist nur eine von vielen ablenkenden Facettenfragen, weil die wirkliche Rindfleisch-Senf-Betrachtung ist ja die Kombination selbst; wieviel Senf verträgt ein spezifisches Stück, um als verfeinert zu gelten?

Oder ist die Nutzung per-se schon zu vermeiden, weil der Geschmack des dunklen Fleisches so fein ist, dass man ihn höchstens mit Butter unterstreichen sollte – du verstehst was ich meine?

Und selbst dann, kannst du nicht mit Gewissheit sagen, wie harmonisch sich diese Thematik in deine Sinn-des-Lebens-Gedanken-Pyramide integrieren lässt, weil du eigentlich längst hättest wissen können, das dein Leben als solches sowieso völlig absurd ist, dass es ganz irrelevant ist, was du tust, trinkst, isst usw., dass daher die Betrachtung – wieviel Senf gut, oder gar, wie es ohne ihn gewesen wäre – reines Entertainment, und eben nicht, Müßiggang ist.

Wenn wir ein klares Verständnis von Relevanz haben, ändert sich wirklich und wahrhaftig alles!

Aber noch einmal, Ede: Wie also beginnen?

Ich jedenfalls weiß es nicht, verdammt noch mal…!

Neulich fragte eine Freundin, warum ich das Gefühl hätte, dass meine Freiheit als Mensch, immer weiter eingeschränkt würde. Ich könne doch weiterhin herumfliegen und alles tun und lassen was ich möchte – das brachte den Stein ins Rollen.

Was ist Freiheit?

Ist es ein Gefühl? Oder schlicht eine Frage des Fokus? Beschreibe ich, oder denke ich über etwas nach, was seine äußere Erscheinung, unser gesellschaftliches Verständnis ist, oder versuche ich wirklich seine Charakteristik zu untersuchen und zu verstehen?

Alleine das, lässt sich kaum sagen und schreiben.

Weil es schon alleine vom genutzten Wortschatz abhängt und wie ihn mein Gegenüber anwendet. Nehm mal das heikle Thema Altenpflege. Jeder weiß, dass dort nach den Gesetzen des Heuschrecken-Kapitalismus das Pflegepersonal ausgebeutet wird, dass die Senioren dort ungenügend versorgt werden, und man mit Staatsgeldern und gewinnmaximierenden Methoden – häufig geraten von ebenso warmherzigen, hochbezahlten Consultants – nicht nur abkassiert, sondern das Ganze auch stillschweigend duldet.

Frage ist – wieso?

Weiß es jemand? Ist es den Wissenden egal? Oder ist man betroffen, versteckt sich aber hinter dem gleichen Schutzmechanismus, der mich als unfähig und natürlich unschuldig ausweist, so wie meine Unfähigkeit wahrhaftig zu erkennen, dass ich ständig zu viel Senf auf mein Entrécôte nehme, oder gar vielleicht sogar Senf nur als „mögend“ erkennen muss, weil ich von Kindesbeinen an einprogrammiert bekommen habe, dass Senf gut und lecker ist, wie es einst Eltern, Onkel und Tanten gebetsmühlenartig wiederholten, dass beim bloßen Gedanken an Senf, das Wasser im Mund zusammenläuft, wie dem Köter von nebenan, wenn er hört, wie Herrchen die große Blechdose Hundefutter unwirsch auf den Napfrand knallt?

Du siehst Ede, die Lage ist verzweifelt – noch dazu hoffnungslos!

Aber immerhin haben wir guten Wein und ein paar Worte, um uns – bei ausreichender Qualität natürlich – ein wenig zu verewigen.

Es ist ein wenig so, wie wenn man von immer mehr Straßenringen, mit den dazugehörigen Blöcken umgeben wird; man will irgend wo hin und muss anstatt vor einer Ampel, plötzlich vor drei oder fünf Ampeln warten, oder irgendwelche Dinge wie – Accept-all-Tasten – drücken, bevor man weiterleben darf.

Die Frage ist nicht, wie diese neuen Ampeln und die damit verbundenen Anwohner, mit ihren Wohnungsblöcken über Nacht dahin kamen, sondern, du musst eigentlich erst mal sichergehen, dass es die nicht vielleicht schon früher gab, du sie nur nicht gesehen hast, weil du entweder noch nicht gut, oder scharf genug sehen konntest, weil man sie schlicht nicht wahrgenommen hat, wie jedes Objekt, dass dir noch nicht vorgestellt wurde – was im Umkehrschluss natürlich genauso funktioniert:

Kann ein Leben ohne Senf auf meinem Rindersteak wirklich funktionieren? Kann ich es mir zumindest vorstellen….?

Bis bald Ede – halt dich tapfer….“

Prost – nicht Proust!

Dein D.