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Interview – Odyssee 2020 CW02

Letzte Woche habe ich schlussendlich mit dem großen Sterben aufgehört, was mich selber zum Nachdenken einlud, mal kurz zu hinterfragen, worum es mir eigentlich geht – also:

„Worum geht es dir?“

„Mir? Hm, gute Frage.“

„Ja, dir.“

„Mir geht es um Sinnhaftigkeit meiner Zeit.“

„Okay, was meinst du damit?“

„Naja, dass ich mit meiner Zeit etwas Sinnvolles….“

„Schon klar, ich denke wir können ein wenig das Tempo erhöhen, immerhin kennen wir uns.“

„Indeed!“

„Okay, was zum Beispiel ist etwas Sinnvolles für dich?“

„Ich reise gerne. Neugierig bin ich auch. Alles möchte ich verstehen. Zum Beispiel…“

„Warte kurz: Also reisen und lernen? Was noch?“

„Halt mal, wir machen das ganz anders, es fängt an mich zu langweilen, daher…“

„Was, jetzt schon? Wir haben doch eben erst….“

„Ja und? Und wenn schon, wir machen das anders, ich wusste schon immer, dass ich ein großer Freund der Mäeutik bin, dass ich sie im Grunde mein Leben lang……“

„Der was? Wie heißt das, Mä….?“

„Ist nicht wichtig, erklär ich dir später, pass auf: Unser Tag hat 24 Stunden, nicht wahr?“

„Hey Moment, erklär mir erst mal….“

„Nein, können wir später Machen. Oder kannst du selber nachlesen, los jetzt, komm schon…“

„Ausnahmsweise! Aber freundlich ist anders, das ist dir hoffentlich…..“

„Ich habe nie gesagt, das sich freundlich bin, im Gegenteil. Man zählt mich nicht zu den Netten. Also, weiter, wir waren bei den 24 Stunden, d’accord?“

„Na klar, blöde Frage, wie soll ich….“

„Sie ist nicht blöd, wirst du gleich merken. Wie viele Stunden Schlaf brauchst du so im Mittel, sechs, sieben, acht oder wie oder was…?“

„Sieben wären schon gut, warum…?“

„Okay, bleiben uns 17h übrig. Wieviel Zeit investierst du für Aufstehen, Anziehen, Umziehen, auf Klo gehen und dich Bettfertig machen, wie viel?“

„Wie bitte? Keine Ahnung…“

„Ey, keine Ahnung ist die einzige Antwort die nicht akzeptiert wird, wen sonst, wenn nicht dich soll ich fragen, deine Mutter? Also, noch mal, wie lange?“

„Na, warte, lass mich mal nachdenken, na vielleicht 1h Stunde?“

„Eine nur? Das glaubst du doch selber nicht. Siehst du was passiert? Du hast keine Ahnung, womit du deine Zeit, dein Leben verbringst. Ich fragte nach Allin, schon vergessen?“

„Okay, okay – sagen wir zwei Stunden. Ja, das ist vermutlich realistischer glaube ich, weil…“

„Kapiert, also bleiben uns noch 15 Stunden vom Tag übrig, richtig?“

„Genau!“

„Gut, wieviel Zeit nimmst du dir für deine Mahlzeiten? Sind sie dir wichtig? Oder ist essen für dich nur eine Notwendigkeit?“

„Hm, eigentlich ist Essen und Trinken mir schon wichtig, doch. Ich würde sagen, dass ich mir Zeit dafür nehme und gerne genieße, warum…?“

„Na komm, da kommst du selber drauf, oder?“

„Achso, okay. Ja, kapiert. Wieviel Zeit, lass mich mal nachdenken. So als Jahresmittel, Urlaub und so nicht mit hinzugezogen, okay?“

„Wie du willst, es ist dein Leben.“

„Bestimmt weitere zwei Stunden.“

„Okay, merkst du was? Wir sind bei 13 Stunden angelangt. Wie ist das mit Sport? Bewegst du dich, oder sitzt du nur noch rum und wartest, dass die Knochen einrosten?“

„Klar, mache ich Sport. Vielleicht pro Tag eine weitere Stunde…..?“

„Okay, macht 12h als Rest. Merkst was? Schon 50% des Tages ist rum, ohne dass wir von Arbeit, Hobbys, Familie, Einkaufen oder deinen großen Träumen und Zielen gesprochen haben…“

„Wie krass!“

„Genau, hin und wieder macht es Sinn da hinzuschauen. Also, weiter geht‘s. Was ist dir wichtig im Leben? Du sprachst von Sinnhaftigkeit. Bis jetzt haben wir nur davon geplaudert, dass…..“

„Liebe und Leidenschaft finde ich….“

„Jetzt wird es gemütlich, also Partnerschaft, Freunde, Familie….“

„Genau. Teilen finde ich grundsätzlich schön, aber damit meine ich…“

„Nicht nur Partnerschaft, sondern teilen mit Menschen im Allgemeinen…“

„Absolut! Mit den Menschen teilen, die mir wichtig sind bedeutet für mich, zusammen eine höhere Frequenz als alleine zu haben. Man spürt das sofort, wenn man mit jemandem zusammen ist. Entweder fühlt man sich wohl, oder nicht. Dazwischen gibt es genauso wenig, wie halb-schwanger sein!“

„Siehst du?“

„Was?“

„Wir sind immer noch nicht bei Hobbys und Arbeit. Kommen wir da heute noch hin, oder machen wir das ein…..?“

„Nein, nein. Machen wir alles heute, ich wollte nur sagen, dass….“

„Wenn du das heute machen willst, müssen wir etwas gezielter vorgehen, weil du mir sonst wieder ausbrichst und wie ein Jeck hin und her hüpfst. Also, womit willst du…?“

„Stimmt. Ich muss mich….“

„Natürlich, also wieviel Zeit wendest du….?“

„Halt mal, so haben wir nicht gewettet…..“

„Was meinst du..?“

„Wir reden von meinem Leben. Wir wollen doch mein Wertvollstes nicht zu einer rein zeitökonomischen Rechnerei verkommen lassen, oder was?“

„Nein, natürlich nicht. Aber letztendlich ist alles eine Frage der limitierten Lebenszeit, die uns allen bleibt. Stell dir vor, du hättest die Diagnose Krebs, mit maximal einem Jahr Lebenserwartung. Was würdest du tun?“

„Das ist ein böses Beispiel. Wie soll ich mich…“

„Ist es das? Warum? Was ändert es, wenn du dein Ende weißt, oder nicht weißt? Warum würde sich was für dich ändern? Würdest du nicht grundsätzlich die für dich wichtigsten Dinge deines Lebens, an jedem deiner Tage tun, als könnte er dein Letzter sein? Und wenn du das nicht tust, wie kannst du jemals etwas anderes getan haben, wo du dein Ende nicht kennst?“

„Ich finde das ein ziemlich schweres und ernstes Thema. Können wir nicht von etwas Fröhlicherem…?“

„Warum ist dein Ende etwas Trauriges für dich? Wir reden nur davon, was dir im Leben wichtig ist, weil du damit angefangen hast, sinnhafte Dinge in deinem Leben tun zu wollen. Also, was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hast? Denn in Wahrheit musst du so handeln, weil du dein Ende nicht kennst. Los doch, erzähl mal…“

„Hm, vermutlich würde ich mich nur noch auf die Dinge konzentrieren, die mir eine Herzensangelegenheit sind und die mir restlos gut tun.“

„Nicht schlecht. Das setzt voraus, dass du weißt, welche das sind, was wiederum voraussetzt, dass du wissen musst, wer du bist und was du brauchst, um dich wohl zu fühlen. Weißt du all das…?“

„Ich meine schon. Bücher sind mir wichtig. Zum Lesen und meine eigenen. Reisen muss ich deswegen, viel rumkommen, weil die Abwechslung mir und meiner Neugier gut tut und weil sie mich inspiriert…“

„Klingt überschaubar, wenig ausgefallen. Sonst nichts? Das war es?“

„Natürlich macht all das mit einer Partnerin mehr, manches macht dann doppelt viel Spaß. Aber ja, mehr ist es nicht.“

„Wow! Und? Klappt das, bekommst du alles unter einen Hut, oder hättest du gerne mehr Zeit..?“

„Jetzt muss ich vorsichtig sein, was ich meine, spüre, denke und sage….“

„Warum, was ist los…?“

„Broterwerb brauchen wir alle, damit wir ein Dach überm Kopf und einen halbwegs gefüllten Kühlschrank haben. Sollten manche dem nicht nachgehen müssen, so stellen sich am Ende die gleichen Fragen, nämlich, was machen wir mit der kurzen oder langen Zeit, je nachdem, wie sie uns vorkommt – was?“

„Und was fiel dir jetzt schwer, bei dieser Unterhaltung? Die war doch recht kurzweilig…..“

„Na komm. Immer kommst du mit so ernsten Themen. Kannst du nicht mal mit was Leichtverdaulichem antanzen? Muss es immer diese schwere Kost sein?“

„Du meinst Ablenkung, Entertainment, Müßiggang…?

„Ha, das hatte ich nicht erwähnt….!“

„Was?“

„Müßiggang. Den lasse ich mit in meinen Tag einfließen, in dem ich mir viel Zeit für die Dinge nehme, um mich meinen Tagträumereien hingeben zu können. Macht bestimmt eine Stunde pro Tag, mindestens…“

„Dann sind wir also bei 11 Stunden. Jeden Tag hast du den?“

„Naja, schon, würde ich sagen. Zumindest nehme ich mir das vor und versuche genug kreative Inseln im Meer des Alltags stehen zu lassen, um sie zwischendurch aufzusuchen…“

„Finde ich gut, dass du das….“

„Natürlich gelingt mir das nicht jeden Tag. Aber ich versuche…“

„Darum geht es, dass du es ständig…..“

„Genau, sehe ich auch so…..“

„Lass uns noch mal zusammen auf den Tod schauen….“

„Warum denn das nun wieder, wir haben doch eben…?“

„Weil du eine wichtige Frage nicht beantwortet hast, vielleicht weil du nicht kannst, oder nicht willst. Genau das will ich herausfinden. Also, wenn du….“

„Manchmal kannst du ganz schon nerven…..“

„Hatten wir nicht am Anfang verabredet uns konzentrieren zu wollen, um…?“

„Okay, okay. Hast Recht. Hatten wir gesagt. Welche Frage….?“

„Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest….?

„Hm, keine einfache Frage……“

„Lass dir Zeit, aber nicht zu viel. Geht alles von deiner Lebenszeit ab….!“

„Ist natürlich nur hypothetisch, ist klar oder? Wie sich das anfühlt, wenn man so eine Diagnose bekommt, wissen nur jene, die das erleben mussten. Ich glaube ich würde nichts anderes machen als heute…“

„Tatsächlich? Alles gleich, nichts würdest du ändern….?“

„Ich glaube schon. All meinen Ballast habe ich bereits vor Jahren über Bord geworfen. Übrig geblieben ist, was ich mit dir geteilt habe. Nein, ich würde nichts anders machen……“

„Und was ist mit Zeit? Hast du genug Zeit für die Dinge, die dir….?“

„Können wir das bitte auf nächstes Wochenende verschieben? Irgendwie langt es mir jetzt, meinst du nicht?“

„Hm, gerade bin ich mir unschlüssig, wer hier eigentlich Chef ist, ich, deine Vernunft, oder du, das Es und Über-Es…?“

„Ist das wichtig? Langt nicht, dass einer von uns beiden keinen Bock mehr hat….?“

„Und jetzt? Was willst du machen? Dich ablenken, oder was….?“

„Naja, keine Ahnung. Vielleicht will ich mir darüber keine Gedanken machen und mich von dir die ganze Zeit ausfragen lassen. Manchmal will man einfach nicht denken, oder spüren, sondern einfach nur sein..“

„Echt?“

„In echt!“

„Na gut. Wollen wir uns dann für nächstes Wochenende schon einmal…?“

„Können wir das nicht offen und ungeplant auf uns zukommen lassen…?“

„Naja, schon. Aber da unsere Zeit knapp ist, dachte ich, dass es dir….!“

„Schluss jetzt! Geh zurück auf deine dunkle Jang-Seite……“

„Na gut. Bis später….“

„Tschüß….“

 

Odyssee 2019 – CW41

Broterwerb am Montag – ein unschönes Wort; sein Brot er-werben, was implizit heißt, dass man es tun muss, weil es sonst nichts zu essen gibt; wir verbringen viel Zeit damit – Erschaffung von Schuld & Sühne, welch geniale Idee, Macht durch Wissen auszuüben und das schon so lange. Heute ist Kapital die neue Kirche. Instrument der Macht? Wissen; alte Bekannte im edlen Gewand elitärer Akademien – alte Platte, mögest du ewig weiternudeln, so wie früher!

Dienstag – stülpte ich mein Innerstes nach außen, ohne zu verkleben. Um sieben aufstehen, 30min laufen, ohne Pause – dann ausmümmeln, duschen und Frühstücken, hintereinander, nicht gleichzeitig; dann Broterwerb in Büro-Kaserne; erwäge im nächsten Jahr meine Arbeitszeit zu verkürzen; schönes Wort, Arbeits-Zeit-Verkürzung – wun-wun-wunnaba. Mittag mit „Me-myself-and-Ei“ – mag das zu dritt in der Kantine zu sitzen. Dreibeine sind auch statisch gesehen das Ideal; da kippelt rein gar nichts. Nachmittags, früher Abend schreiben; dann ging die Sonne unter; ich haste in den Supermarkt, Gemüse, Lachs, Brot und Kleinkram; draußen erste Zeichen vom güldenen Eichenlaub – Mitternacht dann heia-bubo.

Mittwoch – Letzter Tag vor Moped-Wanderung; vormittags Mahlzahn mit Brille und Laptop; Nachrichten und Termine mit dem Rechen gehakt, gewendet, getrocknet und zu Heu verarbeitet; ich mag Gras; Lunch mit einem Freund an der Garonne; Wein zum Mittag in der Woche zeigt, dass du alles richtig gemacht hast; kannst du nur keinem sagen; ihr habt Verständnis, ich kenne euch, zumindest tief verborgen, wo es muffig und feucht ist. Abends ein paar Sachen gepackt, dann Lachs mit Toast – guten Abend!

Donnerstag – Wecker um 5:00 Uhr! Heute bring ich meine CBR600, die ich liebevoll Wanze nenne, zurück zur Quelle, droben im Norden, zu Loka; komme pünktlich um sieben am Flughafen an; dort steht sie seit fünf Monaten; lasse den Starter nudeln, nichts; nur ein wenig hüsteln; weiternudeln, schnell macht die Bakterie die Grätsche; dann anschieben, bis die Knie zittern; ein paar Biker helfen, bis unsere Beine weich wie Pudding sind; bald stellt sich heraus, dass die alte Dame in den 5 Monaten 5 Liter Sprit durch die Unterhose hat laufen lassen.

Also los, Kanister gekauft, Sprit rein, geschwind zurückgefahren; hinein mit dem Humpen, frisch löungsgeglüht genudelt und kawumm – bravó-bravó! Und losfahren – merkwürdig, wie schwer die sich lenken und fahren lässt; völlig normal bei 2 Plattfüßen; abenteuerlich, wie ich die erste Autobahnraststätte anlaufe – endlich Luft in die Rueda’s und weiter; im eleganten 200KM-Takt getankt, gepinkelt und weitergefahren; zum Glück regnet es, da trocknet die Erde nicht aus; schön all die Gischt auf dem Visier; gut dass ich Samstag noch Regenkalmotten gekoft hab.

Frankreisch ist schön – Brücken, Berge, Bäume fahren wie ein Quentin Tarantula Streifen vorbei; Reisetempo 120-140, besser iss das; Brive-de-la-Gaillarde crossing; Clemong-Ferrong taucht auf Schildern auf; Hamburg sucht man vergeblich, dafür reichlich Paris; geographisch geht es jetzt radikal rechts-ab, Richtung Cle-Fe; einsam reite ich grüne Berge rauf und schroffe Täler nunter; nimmer-endendes Asphaltband, hin und wieder unterbrochen von Mautstationen; wieder anfahren alle Gänge durchschalten, Affen hinter Cockpitscheibe machen, Beine einrollen und weiter-rauschen; nach Clement geht es durch Vichy, Quellwasserfreaks aufgepasst; dann weiter Richtung Chalon-sur-Sàone; Schafe, Weiden, sympatisch-verlodderde Häuser, Traktoren, klapprige Auto’s; Gemütlichkeit.

Zwischendurch tanken, dann weiter Richtung Nancy und Metz; tanken, pinkeln, weiterfahren; es läuft ganz gut so ohne Pause; dann Luxemburg; endlich Pause beim goldenen M; die Bedienung nimmt keine Bestellungen mehr auf, das machen jetzt Service-Stationen, wo ich mein Kram eintippen darf; nach 15min gebe ich auf; ein junger Franzose zeigt mir die Prozess-Schritte, die ich bis eben gerade nicht hätte wissen wollen; ich bekomme einen Zettel, mit meiner Bestellung drauf, den es nicht geben würde, wenn ich sie wie immer akustisch geteilt hätte; was für ein Schwachsinn; Müll produzieren, um die Effizienz auf Kosten der Kunden zu erhöhen; good-bye Mc-Donalds, wie hast du mir noch nie gefehlt! Natürlich ist nicht alles auf meinem Tablett, als meine Nummer auf dem Bildschirm erscheint – ähnlich wie bei Arbeits.- oder KFZ-Zulassungsstelle – ich suche die Kamera vergeblich; schöne neue Realität.

Auf Klo soll ich einen weiteren Automaten mit 70cent füttern; Geld verdienen mit meiner Notdurft, wahnsinn! Wutentbrandt krabble ich unter dem Drehtor durch, beobachtet von einer entsetzten Klofrau; bevor sie die Polizei ruft, hauche ich ihr schneidend-leise zu: „Ich werde nicht in die Hose pinkeln, weil ich vorher meinen Schein kleinmachen muss, iss klar, oder?“ – sie lässt mich gewähren; ich kann es nicht fassen, springe auf meine alte Dame und fahre weiter Richtung Trier; die Dämmerung drückt das Licht zu Boden; bald gleiten wir über A1, dann A48; Ulm geht es ab Richtung Nürburgring, alte Heimat; 10 Jahre Kreisfahren, mit und ohne Kontakt; Etappenziel erreicht, Pension-Müller Herschbroich, Franziskaner-Weizen und Zigarette zum Abschluss; erste Etappe geschafft, gute Nacht.

Freitag – 8:00 Uhr aufstehen, 8:45 „In-der-Dell“, 9:00 Uhr Frühstück bei Rewe in Breidscheid. Um 10:00 Uhr Abfahrt in den Norden; rolle zufrieden an der Ahr entlang; alles heil geblieben die letzten 47 Jahre, mehr oder weniger; zu viele Tränen und Kollateralschäden; manchmal merkt man nicht, dass man die Axt im Wald ist; A61, dann A1; Frankreich war leer, Deutschland ist voll; ich fege durch den Pott, zum Mittag Kamener-Kreuz, dann auf die A2, fluchs durch die Porta Wesfalica, Bückeburg, mit Berg und brauner Vergangenheit; tanken, pinkeln, weiterfahren, nichts hat sich verändert; meinen Knochen geht es wunderbar.

Rasthof Allertal Pause, mit Burger-Krieg, ähem, King; Menschen bedienen mich und das Essen ist besser, ein Glück! Jedoch auch hier 70cent für die Notdurft; ich ziehe das Drehtor ein wenig in meine Richtung; siehst du, da pass ich locker durch, blockiere es bis es brummt und schlüpfe unbeobachtet hindurch; mit meiner Notdurft wird nicht abkassiert – ist ethisch und moralisch verwerflich; gegen Nachmittag endlich Ankunft in Wilstedt-Siedlung bei alten Freunden; hier wird die alte Dame Rente einreichen – feiern, trinken, essen, lachen und schluchzen, alles gleichzeitig, wunderbar; gegen Elch dann Taxi nach Siek – Waidmannsheil!

Samstag – Frühstück, einkaufen, Buchpakete nach Griechenland aufgeben, neue Bücher im Laden abholen; mein Hirn braucht Futter; dann Physiotherapeut zuhause; ächzen und stöhnen; dann schreiben, schreiben schreiben; abends dann Freund mit Rotwein für die Seelen, reden für‘s Leben; es geht um Trennung und Neuanfang, Life is a bitch! Gegen eins ins Bett, gute Macht!

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – dann Kumpel-Besuch, mit Ente, Wein und Bier, aber nicht zu viel – Zeilen fertig-tippen, korrigieren, hochladen und ab-dafür.

 

Neu-Gier

Ich bin müde. Und das recht anständig. Es hat nichts mit Schlafmangel zu tun, überhaupt nicht. Es ist mein Selbst, mit dem ich müde bin. Ich mag mich schon noch, so ist es nicht. Aber manchmal, so wie jetzt gerade, schafft es mein Charakter, mich richtig müde zu machen.

Seit ich klein bin, ist das schon so.

Ich öffne die Augen und strahle die Welt an. Alles will ich gleichzeitig wissen und machen, wirklich Alles. Ständig ist meine Neugier so groß, dass ich mich in jedes kleine Ding versenken und es bis zur mikroskopisch kleinen Molekularstruktur beschreiben und aufspalten kann.

Sozusagen Aschbombe vom Zehner – in Zeitlupe.

Als Ergebnis kommt ein Mensch heraus, der ständig zwischen Erschöpfung und Euphorie hin und herpendelt. Nein, nein liebe Psychologen – ich bin weder manisch-depressiv, noch irgendeine Form von „Grenzgänger“, der den schmalen Grat, oder irgendein anderes vermeintlich existierendes Thema als Ziel hat – eher das Gegenteil.

Ich lebe so gerne, so viel und intensiv, dass ich immer alles aufsauge und mein allerbestes gebe, nämlich wirklich Alles was ich hab. Interessanterweise hat das bis heute kaum jemand kapiert.

Wie oft habe ich in der Schule gehört, „streng dich mehr an“ – oder im Sport sowas wie „leg noch ne Schippe drauf!“, oder in Beziehungen, mein großer und absoluter Lieblings-Klassiker, „Wie kannst du das schon wieder vergessen haben? So hörst du mir zu!“. Beliebig und unendlich weitergehen, könnte die Liste.

Wenn ich nen Höhenflug habe, ist das offensichtlich für andere auch schön.

Menschen lassen sich mitreißen und erfreuen sich mit an den schönen Dingen des Lebens, aber nur solange, wie ich fliege. Kommt die Zeit der Erschöpfung, der Erholung, der Verpuppung und Transformation, nehmen sie Reißaus und rennen soweit sie können, als würde ich mich in ein schwarzes Loch verwandeln und alles und jeden mithineinziehen.

Dabei finde ich das ziemlich normal, dass man irgendwann müde ist – dies Recht, räumt die Welt mir offensichtlich nicht ein. Wenn ich nämlich daniederliege, ist es meist sehr still um mich herum. Ich finde das komisch. Ist denn nicht jeder so, mehr oder weniger? Sind wir nicht alle von manchen Dingen begeistert und irgendwann, vom Leben und all dem Bunten darin, müde und benötigen ein wenig Schlaf?

Schon immer hatte ich viel vor. Ständig war ich unterwegs. Alles Mögliche habe ich gemacht, wirklich alles. Auch gereist bin ich schon immer viel und gerne. Natürlich konnte und kann ich nicht alles machen, was ich gerne wollen würde, natürlich nicht – man weiß halt irgendwann, dass ALLES halt ein klein wenig zu VIEL ist – also wählt man, mehr oder weniger bewusst aus. Macht doch jeder so – hoffe ich.

Manches hat es aber ungleich schwer – zum Beispiel Skifahren. Ich liebe es. Am liebsten würde ich’s jeden Winter machen. Dabei bin ich es erst einmal gefahren – vor 30 Jahren, wohlgemerkt. Seit dieser langen Zeit versuche es im Stillen jedes Jahr aufs Neue und dennoch hat es bis zum heutigen Tag nicht geklappt. Ich bin mir deswegen aber nicht böse.

Spannend wird es dann In Partnerschaften, wenn die priorisierten Themen nicht die Gleichen sind. Dann kommt’s vor, dass man einander Vorwürfe und Vorhaltungen macht, dass man sich gegenseitige Unwichtigkeit oder eine stümperhaft-verdeckte Gedanken.- und Interessenlosigkeit unterstellt.

Dabei ist es genau anders herum. In Wahrheit geht es um ganz andere Dinge.

Ich glaube, viele fühlen sich abgelehnt, wenn der Partner etwas anderes will, etwas mit einer anderen Priorität versieht.

Zum Beispiel Sauberkeit. Alle meine Partnerinnen, waren ordentlicher als ich – ich spreche von Ordnung, nicht Sauberkeit. Das ist was ganz anderes. Dies Thema spare ich ganz bewusst aus. Zu viele Massaker habe ich auf Party‘s erlebt, nachdem irgendjemand dies Thema, in angeheiterter Runde aus der Büchse der Pandora gelassen hat.

Ordnung muss sein, hier in doppeldeutiger Sache sozusagen.

Ordnung ist für mich etwas, dass mit „Sich-Wohlfühlen“ zu tun hat und, ganz ehrlich gesagt, ich bin hier anpassungsfähig. In der Regel ist mein Bedürfnis nach Ordnung nicht übertrieben. Als Metapher können wir eine Wohnung, ein Haus oder ein Urlaubs-Cottage nehmen. Während ich ein mittelmäßiges Niveau an Ordnung brauche – alte Schulnoten von ein bis sechs – langt mir eine 3 bis vier, während für viele eine zwei Bedingung ist, um sich wohl zu fühlen.

Für mich ist das gar kein Problem, mich in einer Zweier-Umgebung wohl zu fühlen, wenngleich sie sich deutlich von einer „Drei bis Vierer“ unterscheidet – glaubt ja nicht, dass mich irgendjemand mal gefragt hat, ob ich mich in der satten „Zwei“ wohl fühle! Man setzt das halt irgendwie voraus, dass einem das Höherwertige, oder korrekterweise neutral gesagt, „höher-benotete“ automatisch mehr zusagt.

Das dass bei mir nicht der Fall ist, hat noch nie jemanden interessiert.

Oder um es auf den Punkt zu bringen – je stärker die Ordnung, desto eingeengter fühle ich mich. Aushalten und ausbalancieren tue ich das mit meinem Gedächtnispalast und mit schreiben. Deswegen bin ich wirklich und absolut überall überlebens.- und des Glückes fähig.

Das sorgt, wie kann es anders sein, natürlich für reichlich Reibung und dass schon seit Jahrzehnten. Diese Unbedarftheit, dieser grenzenlose Optimismus, der öfters auch an zum himmel-schreiende Naivität erinnert, lässt viele Menschen in meinem Umfeld mit den Augen rollen.

„Du kannst doch nicht so einfach in Tag hineinleben?“, Eltern und andere Autoritär-liebende neigen dazu, mich zu schnellstmöglicher Unterlassung zu drängen.

„Wieso denn nicht? Wie denn sonst? – meine übliche Antwort.

„Du musst doch Ziele haben; deine Zeit ist begrenzt; nutze sie; warte nicht; schnapp dir das Leben; bringe Ordnung in dein Leben; strebe das Höchstmögliche an; suche dir eine Frau die dich liebt und versteht; zeuge eine Heerschar Kinder!“ – eine der meistgespielten Langspielplatten.

Ich finde ja, dass ich meine Zeit nutze. Hab ich schon immer gemacht.

Vor Kurzem habe ich mir einen langersehnten Traum erfüllt. Ich habe Griechenland besucht. Genauer gesagt, Kreta. Mein Leben lang wollte ich das schon. Ich habe so viel über griechische Mythologie gelesen, so viele Bücher über ihre Kultur und ihre großen Philosophen, dass ich in Wahrheit im Herzen schon immer Grieche war und das nicht nur, weil ich seit über dreißig Jahren Rezina und Raki liebe. Vor zwei Wochen konnte ich mir diesen Traum erfüllen.

Was ich da alles erlebt habe und was das mit Ordnung zu tun hat, erkläre ich nächste Woche.

 

Vom Leben

Ich ging spazieren. Alleine, frei, ohne einen Wunsch von Morgen, eine Furcht von Vorgestern eine Enttäuschung vom Jetzt. Ich pfiff ein Lied, Wind fuhr mir stürmisch durch die Haare; ich schaute hoch zur Sonne, lächelte, spürte wie sie mich wärmte; Feigenbäume standen am Wegesrand, schwer beladen mit reifen Früchten; eine erblickte mich, bat mich gepflückt zu werden, da ihr Unterleib schon leicht geöffnet war und süßer Saft aus ihr heraustropfte; sie fiel mir in die Hände als die Zeit reif war; kostbar als wäre sie meine Seele bewahrte ich sie in meiner offenen Hand.

Meine Füße trugen mich weiter und weiter. Olivenbäume grüßten mich, bohrten ihre Wurzeln weiter ins Erdreich, das den Weg festigte auf dem ich ging; Bäume rauschten, sangen mir ihr Lied; Esel röhrten. Ich setzte mich auf einen Stein, ließ die Sonne meine Haut erwärmen. Ein einsamer Vogel kam vorbeigeflogen, setzte sich auf meinen Fuß. Er lächelte mich an, holte Luft und sang mit stolzgeschwellter Brust. Es klang wunderschön, süß und rein. Perlen sprangen aus meinen Augennestern, gossen den Boden auf dem die Olivenbäume gingen. Mein Arm wollte sich ausstrecken, öffnete seine Hand und reichte dem Vogel die saftige Feige. Dieser erschrak und sprach:

„Warum gibst du mir diese schöne saftige Frucht? Warum isst du sie nicht selbst?“

Ich lächelte ihn an und sprach:

„Warum hast du mir ein Lied gesungen? Ist dein Lied nicht auch Nahrung für meine Seele? Ist es nicht schön, wenn du meine Seele und ich dafür deinen Körper füttere, der mir ein so schönes Lied singt?“

Der Vogel strahlte mich an und begann sich glücklich über die Frucht herzumachen. Als der Vogel die Feige verspeist hatte, verabschiedeten wir uns und gingen unseres Weges. Nach einer Weile kam ich um eine Enge Biegung. Ein fein gekleideter Mann versperrte mir den Weg, sah würdevoll und ängstlich zugleich aus. Er sprach:

„Guter Mann, ich bin vom Weg abgekommen und weiß nicht mehr weiter. Sein sie doch so gut und zeigen sie mir den richtigen Weg.“

Ich lächelte ihn an, griff erst in meine Rechte, dann in meine linke Hosentasche und sprach:

„Ich habe 10 Goldstücke; ich kann ihnen nicht mehr geben und etwas über das Leben sagen, aber sie können sich eine Karte davon kaufen, damit sie ihren Weg wiederfinden:“

Ich nahm seine Hand und legte die 10 Goldstücke hinein. Der Mann sah mich fragend an und sprach:

„Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht selber 10 Goldstücke haben könnte? Sehen Sie meine Kleider? Meine Schuhe und meinen Seidenschal?“

Immer noch seine Hand haltend, legte ich meine Zweite darüber und rollte seine Finger ein, bis es nicht mehr herausleuchtete. Ich sprach:

„Guter Mann, sie sind es gewohnt, mit schönen Worten denen zu nehmen, die im Schweiße ihres Angesichts jenes erschufen, was sie anderen weiterverkaufen. Somit sind sie ärmer als ich, haben keinen Cent, der ihnen eine Karte vom rechten Pfad zu kaufen vermag. Daher sind meine 10 Goldstücke ihr erstes Geld, was sie je besessen haben. Es wird ihnen gute Dienste erweisen und eine Karte geben, die ihnen den Weg weisen wird, nach dem ihnen schon so lange dürstet.“

Erschrocken zog der Mann seine Hand zurück, die 10 Goldstücke noch immer fest umschlossen. Blass und entsetzt öffnete er langsam seine Hand und sah hinein. Warm lagen die Goldstücke auf seiner Haut und er hatte das Gefühl sie werden wärmer und schwerer. Plötzlich sprang er einen Schritt zurück und sprach:

„Woher kennen sie mich? Wer sind sie?“

Ich lächelte, nickte ihm zu und sprach:

„Du weißt wer ich bin: Ich bin der Wandersmann, der dir 10 Goldstücke schenkt und nichts mehr wünscht, als das du glücklich wirst und deinen Weg finden magst.“

Ich grüßte ihn herzlich und ging weiter meines Weges. Nach einiger Zeit, ich ging ein paar weitere Stunden, da dämmerte es. Die Luft war frisch und kühl. Wind durchquirlte sie und vermischte sie zu süßer Zuckerwatte. Ich ging hinunter zum Meer, wollte es vorm zu Bett gehen begrüßen. Es wartete schon auf mich, mein ganzes Leben. Auch heute. Als es mich um die letzte Kurve kommen sah, sprach es:

„Da bist du ja, ich warte schon so lange auf dich; wo bist du gewesen?“

„Ich war hier und da; es war sehr schön; ich habe mit Vögeln, Bäumen und Menschen gesprochen. Das Leben ist sehr schön, weißt du?“

Das Meer antwortete:

„Ich weiß, ich weiß. Ihr lasst nie gerne los, oder? Auch du willst jeden Tag wie deinen Letzten leben, oder? Ist es nicht so? Gehe ich recht in der Annahme, dass du dich mir auch heute wieder verweigern willst?

„So ist es; es ist noch nicht Zeit. Du weißt das. Aber ich wollte dich herzlich grüßen und dir eine gute Nacht wünschen. Schlaf gut. Bis bald. Vielleicht sehen wir uns morgen.“

Da lächelte das Meer verständnisvoll und winkte mir hinterher:

„Ich danke dir, das du mich besucht hast; die meisten fürchten sich vor mir. Es ist schön, dass du mich magst, obwohl ich so groß und mächtig und du so klein und zart bist.“

Da hielt ich inne, drehte mich um und sprach:

„Siehst du? Auch dir ist nichts menschliches fremd. Wie könntest du größer und mächtiger und nicht zugleich so wie ich sein, wo wir doch beide aus dem selben Schoß kommen? Lass es dir gut gehen. Bis bald, liebes Meer.“

Da rauschte es zufrieden einen Gruß hinter mir her und legte sich schlafen, während die müde Sonne unterging und mir seine letzte Strahlen liebevoll in den Rücken warf.

Zuhause angekommen stand ich für ein paar Minuten still im Zimmer. Es war ganz ruhig. Kein Lüftchen ging. Die Tür zum Schlafzimmer stand leicht geöffnet. Ich hörte den gleichmäßigen Atem, der die Dunkelheit bewohnte. Seine sanfte Melodie war mir schönstes Geschenk nach einem langen Tag. Leise zog ich mich aus. Dann ging ich um das Bett herum, nahm das leere Glas und fühlte es mit frischem kühlen Wasser auf. Ich legte mich ins Bett neben das süße Atmen, gab ihm einen zarten Kuss auf die Stirn, streichelte über das Haar und hörte ein leises Seufzen, als ich mich auf die Seite drehte und das Licht löschte.