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6.Novem-bär – Kampf dem Krieg – Odyssee 2022

Mein ältester Kumpel wurde 50; nie macht er Wind um sich; so war uns klar, dass wir was im Hintergrund organisieren mussten; so geschah es; Frau und Freunde machten sich Mühe, was mit ‘ner gelungenen Überraschungsparty gekrönt wurde und ‘nen glücklichen Abschluss für Jubilar und Gäste fand; glänzende Augen und Umarmungen sprachen für sich.

Kurz & nüchtern beschrieben, ist die Geschichte hier zu Ende.

Wer sich beim gemütlichen Schmökern meines Blogs entspannen will, hört an dieser Stelle bitte auf; wer hier auf Zerstreuung und Wohlfühlerlebnisse hofft, der schaltet besser den Fernseher ein und schaut was mit Kai, Jörg, Richard und Markus, für die Mädchen, oder, Barbara, Julia, Bärbel und Florian für die Jungs; halt was Vorhersehbares, dass den Wohlfühlknorpel streichelt

und NICHT belastet.

Wer nach dem Trinken eigener Tränen neugierig geblieben ist, der sei herzlich willkommen, der hat sich alleine dafür schon meine Hochachtung verdient; doch Neugier ist‘n launisches Tier; wenn ich‘n Photo meiner Zahnbürste für den Titel wähle, schlafen Allen die Füße ein; wenn ich stattdessen ‘ne blutige Rasierklinge wähl, sieht die Sache – leider – anders aus.

Ab hier also für Neugierige, Welten-Zerstörer, Mütter & Väter.

Was wär, wenn der Rasenmähermann nebst Gattin – ihr erinnert euch, letzte Woche? – Gast auf der 50-Jahr-Party war? Was, wenn mein „Kurzen-Rasen-und-Fußball-liebender-Nachbar“ nicht der einzige seiner Gattung in der Siedlung ist?

Was wär,

wenn von 50 Gästen, die meisten Männer ähnlich sozial verträgliche Leidenschaften ihr Eigen nennen? Was, wenn Freundinnen und Frauen dieser Inseltalente sich ALLE durch Selbstzündung erleuchten müssen – was dann?

Könnte ein Vierzeiler dem Ganzen gerecht werden?

Als mein Kumpel und ich, wie mit‘m geheimem Festtagsgremium verabredet, gegen 18:00 eintreffen, haben sich fünfzig Freunde und Nachbarn versammelt; üblich an Samstagen in Schleswig-Holstein um die Zeit – man hat’n paar Gläser intus, und somit Vorsprung. Nüchtern ist man in SH schon ausgelassen; wie sind die alkoholisiert?

Einfach – unbeschreiblich.

18:30 – erst einmal Lage peilen: Laute Musik, viel Speis und Trank und Gewissheit zu den TOP 10% in Sachen Einkommen zu zählen; läuft doch, oder; noch dazu physisch wie psychisch gesund, was will man mehr; wie wär‘s mit sozialen Kontakten? Geht man in der Woche noch mal flott abends weg? Zum Beispiel auf‘n schnelles Bier mit Kumpels, oder auf‘n Weißwein mit den Mädels?

Keine Ahnung – vermutlich selten.

Der Hamburger Speckgürtel mit Vierteln wie der Siedlung, kann man auch „bewohnte Friedhöfe“ nennen, auf denen wir unsere alarmgeschützte Existenz mit Alkohol, Netflix und Amazon Prime ersaufen; mentale Hygiene und Erleichterung? Bekommen wir nur auf Fußballplätzen und im Urlaub – oder eben – auf Geburtstagparties.

An jenem Abend trug ich schwarz – auch vom Verhalten.

Beichten gab‘s zwar keine, aber die vielen Geschichten, die ’nen Garten voller Kuriositäten erschaffen, reichlich gewässert von Schnäpsen, Grölereien und Schulterklopfen, wirken wie ein Ventil. 19:00 Uhr, erhitzte Gemüter wetzen Messer.

Themen – Politik und Wirtschaft, gewürzt mit Religion.

Fabelhafter Cocktail, denke ich, hatte ich doch selber schon ein paar Gläser Wein drin und schien nicht mehr völlig nüchtern zu sein, wie ich mir ehrlicherweise gestehen muss, dafür aber mit gehöriger Portion Respekt und Selbstkontrolle bewaffnet. Schnell gab‘s Schuldige.

Südeuropa, wer sonst, all‘n voran Fronkreisch.

Parolen wie „diese faulen Schwaine, die sich‘s mit Teutschlands wirtschaftlicher Hängematte gutgehen lassen…“, gehören zu den harmloseren Faktenchecks; man kannte sich aus; ich war umgeben von Experten; man wisse doch wie‘s laufe; auf Chemtrails wartete ich heute vergeblich; überhaupt der Süden, da hat man ein bequemes Leben und streikt dann noch die

Überreste seiner marodierenden Wirtschaft kaputt.

Oft denk ich an diesem Abend ans „Günther-Phänomen“, an die quietschenden Reifen des Notarztes, an feuchtes Gras, an Wohnmobile und Elektro-SUV’s und verstopfte Rasenmäher, Dachrinnen und Toiletten; viel lerne ich über meine Mitmenschen; welch Inspiration; was gibt’s Schöneres, als gemeinsam an der seelischen Pissrinne zu stehen.

Einfach – wundervoll.

20:00 Uhr; ein schriller Schrei nach Rotwein ruft mich auf‘n Plan; als geleaster Franzose befinden weibliche Gäste, dass ich mich auszukennen habe; los Mundschenk – bringe er Rotwein, aber flott-flott; fix ‘nen Strauß Flaschen aufgezogen, um gierige Mäuler zu tränken; der Rote von Kumpel Jean-Marc verdunstet förmlich in den Gläsern.

21:00 – Männerhände klatschen auf Frauenärsche.

20:25 Glas geht zu Bruch; Musik wird lauter und schneller; man ist bei Elektro angekommen; auch der letzte Mann wechselt auf Havanna-Club-Cola und Gin-Tonic; Frauen beharren auf Wein, neuerdings Roten; Gespräche über Firmen, Menschen, Arbeit und Exfrauen.

Unmöglicher Balance-Akt des Lebens.

Quadratur-des-Kreises; ‘ne Scheißhausmischung von Surrealität und Paradoxien wie Holzeisenbahn, Gesundheitsversorgung, Zwangsverstaatlichung und Bananenbieger. 22:00 – man lacht lauter und rauer.

Ne zweite Buffet-Welle lässt Berge entstehen,

dass der schiefe Turm von Pisa dagegen verblasst; ich denk‘ an Reinhards Song „Schlacht am kalten Büffet“; haben die schon wieder Hunger? Offensichtlich. 22:30 – vorm Klo stehen Frauen Wache, obwohl drinnen ein Schlüssel steckt; 23:00 man schafft Platz, räumt Tische und Bänke weg; Menschen tanzen.

23:30 – muss sitzen, denk ich, also raus auf ‘ne Holzbank.

Endlich weniger Krach; ich schenke Wein nach; Jean-Marc ist ausgetrunken; ein Italiener blendet mich erfolgreich; gerade nipp‘ ich am Glas und denk‘ an Apulien, wo der Tropfen herkommen soll, obwohl er nach

Ahr und Spülmittel schmeckt

als Xerxes und Leonidas mir gegenüber Platz nehmen; ernst und gründlich, spült Leonidas sein‘ Rachen und futtert Salzstangen, um den Itakker gebührend zu kosten. 23:32 – Xerxes lacht schallend laut.

„Völlig sinnlos, außer Don schmeckt hier niemand mehr was…“

Sofort denk ich ans schwarze Loch von Sparta, in den Leonidas im Film „300“ den persischen Kurier hineinbittet; wie‘s heute wohl ausgeht; Xerxes hat‘n ansehnliches Alkohol-Level erreicht, zum Rasenmähermann-Club gehört er nicht.

Leonidas fühlt sich gut,

will / kann aber den ausgeteilten Schwinger an alle nicht stehenlassen; „Du meinst also, dass ich keine Ahnung von…“, Xerxes unterbricht feudal, „Hör doch auf mit dem Scheiß; gar nix schmeckst du; wir können Weine mischen und du würdest nix merken; wir sind alle besoffen…“

Fehdehandschuhe in frisch gemähtem Rasen.

Frieden ist ‘ne komische Sache, so wie Neugier und Gesundheit; man vermisst sie, wenn sie nicht da sind; ich höre Leonidas‘ kämpferische Natur schon zum Angriff schreien „DAS ist Sparta!“ Er wechselt das Wortregister; „Lass uns das beenden und einen schönen Abend haben…“, Xerxes ganz angestachelt, „Was redest du fürn Scheiß? Willst du mich hier etwa als den Bösen….“, Kriege beginnen mit Halbsätzen, denke ich.

23:45 – ziehe mir das Kettenhemd an.

Leonidas rasselt mit dem Schwert; „Langsam gehst du mir auf den Wecker; bis eben war der Abend nett und jetzt wirst du echt….“, Öl löscht am Besten das Feuer, denkt Xerxes „Willst du mich dafür verantwortlich machen? Hör mal wie du mit mir redest…“, Siedepunkt erreicht; bin gespannt, ob Leonidas sich beherrscht, oder sein Schwert für Nichtigkeiten einsetzt.

23:50 – für Sekunden sehen sich die Kontrahenten in die Augen,

sogar auf der Holzbank rutscht man auf Abstand; schlechtes Zeichen; bin sprungbereit, um auf Abstand zu gehen; außer Plastikgabel und Worte trage ich keine Waffen; Leonidas richtet sich feierlich auf; „Sorry, ich gehe; sonst haue ich den Penner hier um…!“, ausgesprochene Drohung, aber er hat die Vernunft siegen lassen – Hut ab.

23:55 – Leonidas ist weg.

Jetzt knöpft der gute Xerxes mich vor; streue verloren aussehende Argumente zur Verschönerung; Xerxes ist nur noch im Sendemodus; gibt noch erstaunlich fiel Unausgesprochenes zu reden; hinter uns beginnt die Nebelmaschine ihr Werk; ein Dutzend Menschen hotten zu Techno ab.

Xerxes lässt nicht locker.

Wortgewaltig donnert er vom Thron herab; „Scheiße, macht ihr mich hier jetzt zum Buhmann? Kann’s nicht glauben, was für‘ne Frechheit; soll dieser Leonidas ruhig wiederkommen, dann kriegt er eine Abreibung, wie er sie noch nie im Leben….“, ich wechsle das Thema, mal schauen, ob das klappt, „Unabhängig von Vielfalt und Allem, schmeckt dir der Wein…?“

Stille – Xerxes grübelt.

Gebannt warte ich auf ‘ne Reaktion, als plötzlich seine Königin am Horizont erscheint und ihn am Schlafittchen packt; wortlos erhebt er sich; feuert ein paar donnernde Blicke auf mich ab; „darüber reden wir noch; ist ne Schweinerei, mich als Bösen abzubügeln!“ Denke wieder an nassen Rasen, der den Nachbarn nicht abhielt, zu tun, was unbedingt zu tun war, obwohl die Natur mit Zaunpfählen winkte.

00:30 – Gäste machen‘s Xerxes und seiner Königin gleich.

Man verabschiedet sich; 6,5h können lang sein, wenn man schnell trinkt und isst; unendliche Weiten können‘s werden, wenn man vom Haben, statt vom Sein redet; avoir et être; zwei Wochen brauche ich um die Party zu verdauen; natürlich kann ich‘n Buch darüber schreiben.

Aber über was denn noch alles?

Antworten habe ich doch auch keine, stattdessen Fragen & Hoffnung, sowie den unbeugsamen Willen NICHT, NIEMALS auf keinen Fall aufzugeben, was auch immer passiert; wir sollten öfter zusammenkommen, vor allen mit Menschen die anders sind als wir selbst; gibt sonst zu wenig Impulse und Inspiration.

Ob ich was vermisse in Frankreich, fragte Xerxes.

Hamburger Kneipen zum Beispiel; in Frankreich gibt’s dafür Bars und Bistros; natürlich ist das Nachtleben anders, aber deswegen bin ich ja da; die Siedlung braucht dringend eins von Beidem; zuhause sitzen macht einsam und unglücklich; manchmal sogar traurig und depressiv, wie Ronja von Rönne und Kurt Krömer schreiben.

Ellenbogenmenschen finde ich anstrengend.

Egal in welchem Land, egal in welcher Sprache; Gemeinsinn scheint heute schwierig, Solidarität auch; Neugier zu kultivieren und pflegen genauso; ich glaube Krieg trägt man vor Allem in sich; kommt er jemals von außen; keine Ahnung; natürlich hat man ’ne Wahl, abgesehen von Angegriffenen; das antike Sparta hielt es mit der Weisheit

„Willst du Frieden, sei bereit für Krieg!“

Seit 2500 Jahren gibt‘s das antike Sparta nicht mehr; Kriege schon; Leonidas hatte die Wahl und zog sich zurück; ein Grund zur Hoffnung, wie ich finde; liegt vielleicht am Charakter und Umgang mit Reichtum; je mehr man besitzt, desto mehr muss man schützen; Menschen zählen nicht dazu; man besitzt sie nicht, auch wenn Manche anderer Ansicht sind.

Menschen gehören ausschließlich und exklusiv nur sich selbst.

„Was ist dir das Wichtigste im Leben?“, fragt Leonidas; ich antworte, „Lebenszeit! Je weniger Eigentum & Besitz ich habe, desto weniger Gedanken mache ich mir dann darüber und desto mehr Zeit ist für Menschen da, mich selbst eingeschlossen“ Kneipen & Bistros sind in Zentraleuropa zwar keine Kirchen,

aber je länger ich drüber nachdenke – eigentlich doch!

21.August – das ist SPARTA! – Odyssee 2022

Sparta ist’n krasses Pflaster. Liest man darüber, überwiegen Bewunderung, Respekt und Kopfschütteln. Verglichen mit heute, war man schon damals moderner als wir es uns heute getrauen. Dafür gab‘s andere moralische Schattenseiten, wo wir heute wiederum ein Stück weiter gekommen sind – denken wir nur mal ans Halten von Sklaven und Rechte der Frauen.

Ganz ähnlich geht‘s gerade im Gesundheit.- und Bauwesen zu.

Modern wie wir sind, haben wir hier bereits einen guten Schritt zurück gemacht – also weg von sinnvollen und vernunftgetriebenen Entscheidungen – UND – viel wichtiger – Handlungen – lassen wir das Menetekel der Ökonomen weiter-pendeln und handeln moralisch fragwürdig bis hin zu rücksichtslos gegenüber Menschen, Rohstoffen und Umwelt.

Interessanterweise scheint das keinen zu interessieren.

Wir türmen stattdessen immer größere Müllberge auf – wie am Beispiel meines Kumpels F. – der täglich erlebt, wie metallene Scheren in Krankenhäusern nach Einmalgebrauch weggeschmissen werden, weil man den Fachmann fürs Desinfizieren einsparte. Nun wächst der tägliche Berg Müll stetig weiter, anstatt zu schrumpfen, weil man billig Waren einkauft, weil es – ÖKONOMISCH – angeblich billiger sein soll, wegzuschmeißen, anstatt Werkzeuge öfter zu verwenden.

Oder Zustand deutscher Brücken…

Angeblich sind die Mehrheit aller Stahlbetonbrücken in keinem guten Zustand. Was nicht völlig überraschend ist, weil man seit mehr als zwanzig Jahren die Ämter darauf hinweist, dass Luftverschmutzung, Korrosion und unerwarteter Anwuchs im Verkehrsaufkommen, besonders im Lastkraftverkehr der Anrainer-Ländern, Brücken im Zeitraffer altern lassen.

Was das alles mit Sparta zu tun hat…?

Natürlich rein gar nichts, bis auf die Tatsache, dass man in Sparta bis zuletzt bei der Meinung blieb, dass nur starke Männer und Frauen überleben dürfen, weswegen man alle Babys, die schwach erschienen, in ein großes Loch in den Bergen schmiss, inklusive aller Feinde, wie die meisten von uns aus dem Film 300 wissen.

Aus heutiger Sicht, klingt das….ja wie eigentlich?

Nach Euthanasie, ganz nach dem Geschmack von Menschenfreund Adolf Hitler? Oder doch eher nach Charles Darwin, der an Ähnliches glaubte, dass in der Natur nur der / die / das Starke das Überleben der Rasse absichert? Offensichtlich haben antike hellenische Götter nichts gegen spartanische Geburtenkontrolle. War das Gang und Gebe, oder was anderes…?

Sind Götter etwa moralisch – behindert?

Kann sowas sein? Götter sind doch perfekt, oder nicht? Je mehr und öfter ich darüber nachdenke, machen die meisten heutigen Sachen genauso wenig Sinn, wie die Dinge, die wir aus der Vergangenheit meinen verstanden zu haben. Wenn man französische, deutsche, spanische und italienische Professoren zum antiken Griechenland, im Besonderen Sparta befragt, kommt garantiert nicht das Gleiche / Selbe heraus, wie wenn man ‘nen Hellenischen mithinzuzieht.

Klingt irgendwie ganz menschlich, finde ich…

Wenn nicht alle gleichzeitig darauf pochen würden, die Wahrheit zu kennen und verkünden zu müssen, könnte man anfangen die Menschen zu mögen. Für mich ist es am Ende ganz einfach: Vor 2500 Jahren entschieden achtundzwanzig erfahrene 60+ jährige Männer in Sparta darüber, ob dein Kind weiterleben durfte oder nicht.

Heute entscheiden Krankenhaus-Manager, dass Wegwerfen billiger sein darf,

sowie Rentabilität vor das Wohl der Patienten geht – und Baubehörden entscheiden entweder gar nicht, oder spät, dass es Leben und Alltag der Bürger beeinträchtigt; ich denke besonders an Staus, erhöhter Schadstoffausstoß oder gar Brückeneinsturz.

Für mich sind diese Heinis – Spartaner von heute.

Wenn Historiker korrekt arbeiteten, konnte Sparta zwar halb Hellas und Peloponnes dominieren, was jedoch mangels Weiterentwicklung nur kurze Zeit andauerte, weil erst Theben den Spartanern ‘ne Abfuhr verpasste, vor der Schlacht bei den Thermopylen, (ihr erinnert euch – 300!), bis Philipp der Viertel-vor-Zwote aus Makedonien ans Lenkrad kam, bekanntlich der Vadder von Alex dem ganz Großen, der wiederum….

Naja, ihr seht es ja selbst!

Man(n) glaubt(e) von sich – es jetzt wirklich „besser“ als die anderen zu machen, obwohl man nur im Geschichtsbuch wahllos blättern braucht und ausschließlich Denkmäler für solche Typen findet (mir ist im Übrigen keine Frauen-Führerin bekannt); wie alle dominieren sie irgendwas, irgendwen eine Zeit lang, bis sie wieder alles verlieren, weil jemand anders gleichen Anspruch hat und – ÜBERRASCHUNG – stärker ist!

Moralischer Rückschritt in merkwürdigen Zeiten…

Unendliche Wiederholungen, vom antiken Griechenland, hin zu den reichhaltigen Früchten monotheistischer Religionen, inklusive kluge Übernahme des Amtes des Pontifex Maximus vom römischen Imperator, dann zu Karl dem Großen, weiter zur französischen Revolution, hin zu WW1 und WW2, zum deutschen Wirtschaftswunder, das Prachtexemplare zur Welt brachte, die zeigen, dass Sparta, Darwin, Alexander, Putin, Erdogan, Xi Jingpin, und wie sie alle heißen, nie aussterben,

sondern wie die Pilze munter weiterwuchern…

Krieg und Frieden – Odyssee 2020 CW50

13.Dezember – schon seit langem trieb D ein Thema um, dass er mitten in der Nacht erschrocken hochschoss; die unruhige Triebfeder und rohe Natur des Menschen, seine Welt mit Krieg zu überziehen.

D musste mit jemandem darüber sprechen; ein paar bekannte Größen waren zu sehr mit dem Weltgeschehen beschäftigt, so dass D sich entschied, mit Perikles von Korinth zu video-telefonieren.

Der pensionierte Torwärter vom Isthmus war ihm ein willkommener Freund und Gesprächspartner. Und so geschah. Es knackte in D’s Kopfhörern und kurze Zeit später tauchte das bärtige Gesicht des Griechen auf.

PvK: Giasou Don

DT: Giasou Perikles

PvK: Wie geht es dir?

DT: Gemischt, wie immer; du weißt, dass ich nie Ruhe finde; physisch schon gerne und oft, aber nicht geistig und spirituell – besonders nicht in Zeiten wie diesen!

PvK: Da sagts du was……

DT: Wo bist du gerade?

PvK: In Kechries, ich sitze am Strand vorm Isis-Tempel…..und du?

DT: Ich sitze in meinem Dachsbau in Toulouse……

PvK: Schöne Umschreibung……

DT: Du sag mal…..

PvK: Was kann ich für dich tun?

DT: Warum war Krieg im antiken Hellas so weitverbreitet?

PvK: Das ist eine merkwürdige Frage, besonders von dir; du kennst doch die menschliche Natur…..

DT: Ja, ich will sagen nein…..ich meine……

PvK: Jaha….?

DT: Wieso habt ihr den Krieg so sehr kultiviert? Hättet ihr nicht in Frieden leben können, wär das nicht einfacher?

PvK: Natürlich, aber nur wenn man dich lässt…..wenn jemand an deiner Tür klopft, weil er dich unterwerfen, oder deine Stadt erobern will, dann hast du wenig Wahl, findest du nicht?

DT: Natürlich! Aber warum so gründlich…?

PvK: Das hat etwas mit Arete zu tun….erinnerst du dich noch?

DT: Natürlich, wie kann ich sie vergessen……du meinst, alles was ihr damals getan habt, wolltet ihr mit maximaler Leidenschaft tun…?

PvK: So in etwa……aber das ist nicht das, was dich umtreibt, nicht wahr?

DT: Richtig! Es geht um Frieden und Krieg….

PvK: Du meinst Krieg und Frieden…?

DT: Nein, Frieden und Krieg….ich nenne den Frieden zuerst, weil er mir wichtiger ist…..

PvK: Du weißt aber schon, dass du für Krieg gerüstet sein musst, wenn du Frieden möchtest, wie wir alten Griechen zu sagen pflegten….oder?

DT: Ja,ja, natürlich…..so wie Sparta zum Beispiel…..

PvK: Genau, wenngleich man in der ganzen Weltgeschichte das wahre Wesen der Sparti missgedeutet hat; sie waren keine Kriegstreiber, oder gar Freunde des Krieges…..sie wollten lediglich frei leben und sich von niemandem etwas vorschreiben lassen…..ein wie ich finde, leicht nachvollziehbarer Gedanke…..deswegen, begriffen Lykurg und die Geronta, dass man ein schlagkräftiges Militär brauchte, wenn man so klein war……

DT: Natürlich, aber heute……schau dich mal um, überall ist Krieg, so wie damals……

PvK: Vor Allem auch viel im Verborgenen……in unserem Selbst……

DT: Genau darum geht es mir…….um die weitverbreitete Unfähigkeit des Menschen, in Stille und Frieden zu leben; beide sind unerträglich für ihn; ohne Lärm und Feindbild, kann er nicht existieren….heute mehr denn je…..

PvK: Aber natürlich! Wie sollte es auch anders sein; für die Menschen ist die Corona-Pandemie ein Glücksfall…..

DT: Wie bitte? Das musst du mir genauer erklären….ich ahne zwar, was du meinst, aber……

PvK: Tust du das? Wirklich….?

DT: Naja, das die Menschen sich schwer mit Frieden tun, ist ja nicht neu……es gibt natürliche Gründe, warum man den Nachbarn verklagt, wenn sein Apfelbaum über den Zaun wächst……

PvK: Weiter, weiter…..was noch?

DT: Jetzt haben wir endlich wieder einen Krieg mit Feindbild, wahlweise im Virus selbst, oder in Politiker und diverse Reiche und Mächtige hineinprojiziert…….wenngleich das meist unbewusst passiert….schlussendlich ist auch das wieder nur Ablenkung, wie das Meiste im Leben…….

PvK: Weswegen du nicht unruhig sein brauchst…..der Mensch ringt und kämpft sein ganzes Leben, ohne die Eischale zu durchbrechen und zu erkennen, dass er gegen sich selbst kämpft…..

DT: Genau das lässt meine Katze im Gedächtnispalast um Monsieur Thalamus Beine herumstreichen, dass er närrisch wird…..

PvK: Warum das?

DT: Weil, weil……

PvK: Ja-ha…..?

DT: Es ist zum Haareraufen……

PvK: Das sehe ich…(lächelt und lacht dann leise in sich hinein)

DT: Ich komme mir so albern vor……warum……

PvK: Weil niemand weiß, wie heiß die Herdplatte ist, bis er draufgefasst hat…….

DT: Du meinst, ohne Erfahrung kein Wissen…?

PvK: Richtig…….ohne Erfahrung kannst du lediglich von Bildung sprechen, jedoch nicht von Wissen. An jene rare wahre Erkenntnisform gelangt man nur durch Erfahrung…….oder in den modernen Worten von Nassim Nicholas Taleb: Skin in the Game…..

DT: Also hast du aufgegeben?

PvK: Nein, ganz im Gegenteil; wie kommst du denn darauf?

DT: Weil du so selenruhig über die Nichterkenntnis sprichst……

PvK: Das kann ich nur, weil ich positiv geblieben bin, wie sonst sollte es möglich sein…?

DT: Wieso habe ich eigentlich immer hinterher vergessen, worüber ich grollig war, wenn wir beide miteinander sprechen?

PvK: Weil ich dir zuhöre; niemand tut das mehr; wenn du mir erzählst, was dich umtreibt, geht es dir selbstverständlich besser; du hast dir dann alles von der Leber geredet, wie die alten Deutschen früher sagten; heute sagt man in dem Land ja nicht mehr allzu viel……

DT: Findest du?

PvK: Na hör mal! Überall herrscht zurzeit Gleichmacherei und Sprachlosigkeit…..man redet sich um Kopf udn Kragen, sagt aber kaum etwas…..die Menschen sind noch genauso ängstlich wie eh und je, nur deswegen rufen sie immer in gewissen Abständen nach Führern, weil sie Angst haben sich selbst zu führen.

DT: In der Tat; können wir ihnen nicht helfen?

PvK: Doch natürlich, indem wir mit ihnen reden……

DT: Mach ich, mach ich……

PvK: Weswegen bist du dann unruhig…?

DT: Keine Ahnung……vielleicht sollte ich wieder regelmäßig meditieren.

PvK: Denke ich auch……inneren Frieden zu pflegen erfordert Disziplin und Ausdauer…..

DT: Danke.

PvK: Wofür?

DT: Das du zugehört hast.

PvK: Gern geschehen. Wann kommst du eigentlich wieder nach Hause nach Hellas?

DT: Hoffentlich bald!

PvK: Das ist nicht sehr konkret, musst du zugeben…….

DT: Ich weiß.

PvK: Was hindert dich?

DT: Keine Ahnung…..

PvK: Klingt nach einem schwierigen Sonntag…….lass es dir trotzdem gut gehen und lass den Kopf nicht hängen, versprochen?

DT: Versprochen!

PvK: Bis bald….

DT: Pass auf dich auf.

PvK: Danke. Du ebenfalls. Giasou.

DT: Giasou.

Es knackte in der Videoleitung. D war wieder alleine, mit sich und seinen Gedanken. Und da sein Magen zu knurren begonnen hatte, macht er sich in der Küche zu schaffen und bereitete sein Mittagessen zu.

 

Odyssee 2019 – CW35

Montagmorgen, Drepano, Peleponnes, Griechenland – die Hellenen haben mir in den ersten drei Tagen bereits mächtig eingeheizt. Alle Fässer sind zum Bersten gefüllt – jeder Tag fühlt sich wie eine Woche an – wie soll das bloß weiter gehen, wo ich noch vier Wochen hier bin? Epidauros, Mykene und Nafplio haben mich zum Schweigen und Staunen gebracht – mehr kann ich noch nicht sagen, bevor ich nicht alles verdaut habe. Unermüdlich schwinge ich mich auf meinen Gaul und reite nach Argos, der ältesten, ununterbrochen bewohnten Stadt Europas. Gemütlich kessel ich die Bucht entlang. Die Sonne glüht – irgendetwas um 35 Grad, einfach herrlich. Ein paar Mal biege ich ab, bis ich auf einmal, wie von Geisterhand, vor dem alten Amphitheater stehe. Wow – das sieht anders als in Epidauros aus, abgesehen davon komme ich ein paar Minuten zu spät. Besuchszeiten enden um 16:00. Ich linse durch das schwere Tor. Hm, sieht ziemlich verfallen aus. Auch das alte Bad zur linken, mitsamt dem Antiken Marktplatz, erinnert eher an den 20.000 Jahre alten Schrottplatz der Ludolfs, als an das, was die Schilder ausweisen. Viel verpasst habe ich nicht, denke ich und schlendere neugierig ins Stadtzentrum.

Links und rechts stehen alte und verstaubte Autos. Manch eines hat einen Plattfuß. Mopeds rasen Helmfrei durch die Gassen. Häuser hat man hier neu und billig gemacht. Überall bröckelt der Putz. Manche sind unten bewohnt, aber oben seit Jahren leer. Neubau-Ruinen, überall. Alle Gebäude sind verrammelt. Muss wohl Siesta sein. Nirgendwo läuft Musik, oder hört man Menschen sprechen. Ein paar kleine Restaurants fallen mir vor die Füße, natürlich alle geschlossen. Nur wenige Pflanzen und Bäume ringen um die knappe Luft, kämpfen hier ums nackte Überleben. Irgendwann stehe ich auf dem zentralen Platz der Stadt.

Erstaunt drehe ich mich um. Das sieht hier eher aus wie in Steilshoop oder Maschen, aber nicht wie die ehemalige Residenzstadt von König Agamemnon, der die Griechen im Kampf gegen Troja angeführt hat! Ein paar Supermärkte locken mit offenen Türen, in denen Klimaanlagen dröhnen und alte Männer mit kleinen Ketten spielen, stumpf an die Wand gegenüber, oder auf die Uhr schauen. Keiner hört Radio. Niemand hat Kunden. Die ganze Stadt strahlt völlige Teilnahmslosigkeit und Verzweiflung aus – mehr noch: Die haben aufgegeben! Noch niemals habe ich eine, bei Lebendigem Leib vermodernde Stadt erlebt. Das ist alles, was übrig geblieben ist, nach über 5000 Jahren? Krass. Quentin Terrantino sollte hier seinen letzten Film drehen. Hier braucht er nicht mal für teure Schauspieler zahlen – er braucht nur drauf zu halten.

Ich schlendere weiter. Irgendwann merke ich, dass mir zwei Hunde folgen. Gelangweilt wechseln sie mit mir die Straßen, sehen sich nach Links und rechts um. Immerhin sind die Hunde gastfreundlich und geben mir freundliches Geleit. Wohin ich auch sehe, überall der pure Untergang. Verblichene Roller, mit zerbröselten Sitzbänken, die man selbst auf dem Schrott ablehnen würde. Vermutlich fährt man sie deswegen einfach weiter. Zwar habe ich Hunger, aber ich finde wirklich keinen Laden, wo ich auch nur meinen großen Zeh reinsetzen würde – nicht mal die Hunde schnüffeln irgendwo neugierig. Stattdessen kacken Sie mitten auf die Straße – Respekt. Das ist mal ein Statement. Ich nehme Abschied von den Beiden. Länger kann ich es hier nicht aushalten, wenn ich nicht depressiv werden will.

„Jungs, tut mir leid – aber hier kann ich nicht mehr bleiben, ihr versteht mich, oder?“

Traurig sehen sie hinter mir her und sehen, wie ich entschlossen den Helm aufsetze. Ihre Dackelaugen sagen mir, dass sie für Alles in der Welt mitkommen würden. Ich starte die Transalp. Selbst ihr Motor klingt leiser als sonst, als wenn sie sich nicht traut, auf diesem Friedhof Krach zu machen. Still und andächtig gleiten wir aus der Stadt, vorbei an Werkstätten, vor denen LKW’s mit hochgefahrenen Ladeflächen stehen und gemeinsam mit ihrer Ladung seit Jahrzehnten verfaulen. Ihr Anblick isst grausam und beeindruckend, als wenn man dem Tod zusieht, wie er sein Werk verrichtet. Aus Pietät mache ich keine Fotos.

Die Flackernden Reklameschilder lassen befürchten, dass hier irgendwo hinten versteckt ein Menschlein haust, dass aus einem Blechnapf oder einer vertrockneten Margarine-Schachtel, seine kalte Suppe löffelt, aus Pulver, dass schon vor Jahren aus einem Supermarkt geschmissen wurde, als man erkannte, dass sein Verfallsdatum noch vom gleichen König geprägt wurde, der mit lustigen Holzpferden, die Feinde zu erschrecken versuchte. Argos – eine Stadt, die sich weigert zu sterben, obwohl sie bis zum Kragen mit Verfall, Tot und Untergang gefüllt ist, ohne zu merken, dass sie schon vor Hunderten von Jahren zur Geisterstadt mutiert ist, die von eben diesen Gespenstern und Schatten gepflegt wird, die nicht wollen, dass man sie heilt oder erlöst.

Ein paar letzte flackernde Neonröhren winken mir hinterher. Ohne mich umzudrehen fahre ich auf direktem Weg nach Nafplio. Ich brauche Schönheit und ein Glas Wein, um nicht gegen irgendeinen Baum, oder eine zerbröckelnde Betonbrücke zu fahren, die irgendwelche Argonauten gebaut haben, mit der Absicht, sie schnell wieder einstürzen zu lassen, gemäß ihrer 5000 Jahre alten Routine, alles, wirklich alles mit in den Abgrund ziehen zu wollen. Ein hausgemachtes Bifteki, mit dickem schwarzen und schweren Nemea-Wein stimmt mich wieder um. Das Leben bleibt schön, aber siehe dich vor, Wanderer: Kommst du nach Argos, sieh zu, dass du genug Wasser dabei hast, um schnell wieder wegzulaufen! Ich bleibe lange in Nafplio und beginne, mich innerlich von dieser Perle zu verabschieden. Müde roller ich zurück in mein kleines Dorf. Eine letzte Zigarette auf meinem Balkon in Drepano-Beach – und schon bin ich weggeflogen.

Dienstag – noch nie war ich ein Strandmensch. Lange in der Sonne brutzeln kam mir schon immer komisch vor. Noch dazu fand ich es langweilig. Dennoch, wo ich nun schon am Strand lebe, mit all den Bars und Beach-Lounges, will ich es zumindest an einem Tag mal wieder ausprobieren. Erfrischend ist, dass man ohne teutonische Kurtaxe auskommt und sich einfach unter einen der netten Hawaiischirme schmeißt, die auf dem Strand rumstehen. Und leer ist es, noch dazu. Nur Einheimische. Ich gehe nach vier Jahren mal wieder im Mittelmeer schwimmen. Das Wasser ist mild. Die Sonne ist es nicht. Ohne Sunscreen fackelt man hier schnell ab. Schatten und Weißwein, mit den abendlichen Muscheln sorgen dafür, dass ich einen richtigen Strandtag verbringe. Gar nicht schlecht, eigentlich. Muss ich nicht drei Tage am Stück haben, aber so zwischendurch gar nicht übel. Ermattet und erleichtert gleite ich vor Mitternacht ins Land der Träume.

Mittwoch – Kaffee mit ein paar Keksen zum Frühstück, schon geht es wieder los. Zum zweiten Mal Epidauros. Das Heiligtum des Asklepios, mit seinen weitläufigen Anlagen benötigt einen eigenen vollständigen Tag. Sportstadien, Büchereien, Bäder, Wartesäle und Behandlungsräume lassen mich staunen und wundern. Eine angenehme Stille herrscht hier. Oft setze ich mich in den Schatten und sehe mir die stummen Zeitzeugen an. Ob man hier früher eine Krankenkasse brauchte, um behandelt zu werden? Gabe es vielleicht schon damals Privatpatienten, auch bei den alten Griechen? Oder war die Behandlung gar gratis, weil man sein Volk gesund haben wollte?

Mir kommen ein paar schräge Gedanken in den Sinn. Heutzutage muss man oftmals zehn Seiten Kleingedrucktes ausfüllen, bevor ein Kittel sich deinen offenen Bruch ansieht. Will nicht wieder meine alte Leier abnudeln, frage mich aber dennoch, warum keiner merkt, was heute falsch läuft. Ich glaube nicht, man in 2500 Jahren noch Reste vom Allgemeinen-Krankenhaus-Altona finden wird und sich ein entferntes Familienmitglied die gleichen Gedanken macht, wie ich gerade. Sende an dieser Stelle herzliche Grüße an meinen Kumpel F. aus Ottensen, der in diesem Krankenhaus arbeitet, in dem die Menschen eben genau das tun, nämlich als Kranke rauskommen. Ein letzter Apéro in Drepano-Beach, ein letztes Mal Dinner in diesem kleinen und fröhlichen Ort, wo es mehr Scooter und Mopeds, als Menschen gibt – schlaft gut, liebe Hellenen.

Donnerstag – ich packe meine Sachen. Kalamata ruft, Zentrum der Oliven. Frisch vollgetankt brause ich über Nafplio, vorbei an Argos –nicht schon wieder, bloß schnell vorbei! – und schlängle mich mit meiner Bergziege die Serpentinen hoch, bis ich in Tripoli ankomme. Ich dachte immer, dass läge in Lybien. Aber in Sach.- und Erdkunde war ich schon immer ne Niete. Es geht Richtung Süden. Nach zwei Stunden galoppieren wir an Kalamata vorbei, hinauf in die Berge darüber, zu unserem Ziel, der Art-Farm, wo ich ein Yurt gebucht habe. Schon immer wollte ich in so einem Mongolen-Heim schlafen. Evangalos und seine Schwester Elektra begrüßen mich herzlich. Der Blick über die Bucht ist atemberaubend. Die Weine hervorragend. Meine Heimat für eine Woche. Nachdem ich von Weiß auf Rot wechsle kommen wir ins Gespräch. Evangelos ist Schauspieler in Berlin und Elektra spielt in Athen Violine. Ich bin beeindruckt, von ihrer Flexibilität, bestehend aus Kunst und Broterwerb und nehme mir vor, darüber ein wenig zu grübeln, aber nicht zu viel – immerhin habe ich Urlaub.

Freitag – erster voller Tag im Olivenland. Das Frühstück ist umwerfend lecker und vielfältig, weswegen es mir leicht fällt, den ersten Tag zu faulenzen und das Gelände ein wenig zu erkunden. Auch kann ich mein Staunen über das Yurt nicht verbergen: Ich habe geschlafen wie ein Baby. Neun Stunden am Stück. In der Nacht ist es angenehm kühl und tagsüber angenehm mollig, aber irgendwie luftig. Eine tolle Erfindung und dazu noch so alt. Die drei Hunde der Farm erinnern mich ein wenig an meine Vergangenheit. Sie leben im Paradies und sie wissen es auch. Meist liegen sie wechselseitig in der Sonne oder im Schatten und nicken mir wohlwollend zu, wenn ich gluckernd mein Glas nachschenke und das Schnippen meines Feuerzeugs für passende Perkussion sorgt. Ich lasse meine Seele baumeln und spüre, wie sehr mich Land und Leute beeindrucken, wie sie mich im wahrsten Sinne sprachlos machen, weswegen ich mir vornehme, ein paar Notizen zu machen, um meinen Kopf zu leeren. Abendbrot um Mitternacht, ein paar Gläser Rotwein sorgen dafür, dass ich gegen zwei Uhr ins Bett komme – kalinichta.

Samstag – mein zweiter Tag in Kalamata. Heute geht es wieder rauf auf den Gaul. Ich will bis ans Ende des Peleponnes-Fingers, sozusagen, bis ans Ende des kontinentalen Griechenlands fahren. Schnell merke ich, dass hier alles anders ist. Hauptstraßen oder ähnlichen Hokuspokus sucht man vergebens. Stattdessen ducken sich kleine Ortschaften an den Hängen der Berge und bilden eine nahezu unendliche Perlenkette. Atemlos erkenne ich, dass man sich mit jedem Kilometer, mit dem du dich von Kalamata entfernst, von der Zivilisation verabschiedet. Zeitlose Dörfer, mit faltigen, ausgemergelten Menschen, die in gekrümmten Haltungen über die schmalen Straßen schleichen; Kühe und Schafe, die wild auf den Wegen herumlungern, und grasen, oder in der Sonne dösen; Hühner, die umherflattern; Dorfhunde, die wild kläffend hinter mir hinterherrennen; schwarz gekleidete kleine alte Frauen, die im Schatten auf Bänken sitzen, sich ähnlich wie die Männer auf der anderen Straßenseite, am Stock abstützen; verrostete Autos, stehen am Straßenrand, während andere Vehikel weiter über die Straße gequält werden, obwohl sie schon vor Jahrzehnten das Zeitliche segneten.

Wild wuchernde Pflanzen, Trauben. Überall leuchten Kaktusfeigen aus den Ecken. Tavernen, mit grimmigen Gesichtern, die mir teilweise zahnlos hinterher starren, als wäre ich vom Mars. Von Schusswaffen durchlöcherte Straßenschilder nehmen zu. Mülltrennung findet hier vorbildlich statt: Man trennt sorgfältig zwischen dem Müll in Behältern und jenem auf der Straße. Solarzellen wirken oft befremdlich, auf diesen verfallenen Behausungen. Ich denke an Energiepass in Deutschland. Dunkelbraune Wilde kommen mir wahlweise barfuß oder in Fliplops, in dreckingen Lumpen auf ihren Mopeds entgegengerast, sorgfältig geschützt von einer Sonnenbrille und den fleckigen Shorts, die mit aufwendigen Camouflage-Mustern daherkommen.

Hin und wieder reckt und streckt sich eine Griechin im Vorgarten, nur mühselig, dafür umso leichter von einem schrillbunt bedrucktem Nachthemd oder Hausmäntelchen bekleidet, der nicht verleugnen kann, dass sie am Nachmittag nicht ohne Grund frisch geduscht auf ihrer Terrasse, mit Zigarette im Mundwinkel herumstreunt, während sie laut gerufene Befehle in Haus und Handyhörer brüllt. Nach zweieinhalbstunden Serpentien, vorbei an Berg und Wüstenlandschaften komme ich ans Ende. Schnell spürt man, das hier nie Polizei vorbeikommt, es sei denn, es gab Tote.

Straßenschilder sucht man vergeblich. Ampeln, oder irgendwelche Straßenbeleuchtungen? Völlige Fehlanzeige. Hier und da krächzt ein altes Volkslied. Es riecht nach gerilltem Fisch und Fleisch. Hin und wieder ein dreckiges Lachen. Kinderschreien. Zwischen Straße und Meer liegen irgendwelche Ruinen. Niemand weiß, ob es ein zweites Argos, oder ein verzweifelter Versuch war, ein neues Gebäude aus dem Nichts entstehen zu lassen. Keinen interessiert es. Ich mache eine Pause und hocke mich unter einen Baum. Wer hier lebt, will für sich bleiben. Bis auf Schafe, Kräuter, Meer und Berge gibt es hier rein gar nichts. Normalerweise müsste ich diese Tour zu Fuß unternehmen, um alles aufzusaugen. Zu vieles bleibt ungeachtet – schade.

Langsam mache ich mich auf den Rückweg. Ein paar Mal halte ich an, um Fotos zu machen. In irgendeinem kleinen Kaff mache ich Halt. Kristinas Supermarkt. Hier gibt es alles, 1,5Liter Wasser für 30cent und meinen Lieblingstabak, sogar hausgemachten Wein aus PET-Flaschen, zu zwei Euro. Was will man eigentlich noch, wenn man so viel Sonne und eigene Erzeugnisse im Leben hat? Kristina ist ziemlich forsch, aber nett, höchstens Mitte dreißig, recht groß und zeigt unverhohlen, dass in ihrer Welt das Matriarchat herrscht. Sie findet es toll, dass ich griechisch lernen will und scheut sich nicht, mich zu verbessern und mir reichlich Worte zum Lernen mit auf den Weg zu geben.

Abends halte ich müde in einem Mikro-Ort und seiner Taverne. Ich bin der einzige Gast. Ist das gut oder schlecht? Ich bestelle ein paar kleine Gerichte bei einer ziemlich unglücklich dreinblickenden Frau um die fünfzig. Ein Krug Weißwein, sowie eine Buddel Wasser kommen sofort. Auch das Essen ist hervorragend. Langsam genieße ich gemütlich kauend, hin und wieder einen Schluck vom Weißen genießend, als ich plötzlich sehe, wie eine Fliege mit den Flügeln in den Tomatenbreiresten liegt und panisch herumrutscht. Gerade denke ich noch, dass ich ihr gleich aus der Patsche helfen werde, sobald ich zu Ende gekaut und einen Schluck getrunken habe, als ich wieder zu ihr schaue und sehe, dass sie stocksteif und regungslos daliegt. Was ist denn hier los? Ist es eine Fliege aus Sparta, so eine mit Gift im hohlen Backenzahn, auf den sie sofort beißt, sobald es hoffnungslos aussieht, wie man es ihr im militärischen Drill beigebracht hat? Erstaunt esse ich auf, trinke den letzten Schluck Wein, starte meinen Gaul und knattere zurück in mein kleines Mongolenhaus – für heute langt es, denke ich und segle mit diesen Gedanken sofort weg.

Sonntag – ein weiterer mächtiger Tag, der hemdsärmelig, wie eine Woche daherkommt. Nach einem großen Frühstück geht es auf einen kleinen Bergpass. Höher und höher schrauben wir uns, vorbei an kleinen Örtchen, die an den steilen Bergwänden zu hängen scheinen. Es wird immer kälter. Atemberaubend die Schönheit der Natur und der Berge – mein Ziel: Sparta! Ich habe einen Termin mit Leonidas I. Er ließ ziemlich klar durchblicken, vor drei Uhr zu kommen, wenn ich noch was von seiner verfallenen Akropolis sehen will. Anschließend, würde er alle Zeit der Welt für mich haben, da er sich ja eh schon seit einiger Zeit im Ruhestand befindet, nachdem er bei den Thermopylen mit seinen 299 Soldaten den Heldentod wählte, um seinen Landsleuten den Rückzug gegen die Perser zu ermöglichen – zu unserem Gespräch und unserer Verabredung komme ich später separat noch.

Die Ruinen von Sparta sind ziemlich überschaubar. Fairerweise muss man sagen, dass 3500 Jahre ziemlich lang sind, weswegen es wenig dazu berichten und notieren gibt, außer, dass es auch hier ein Theater gab, sowie ein paar schicke Tempel, deren Reste überall verstreut herumliegen. Selbst in der neu daneben gebauten Stadt springen sie einen überall an. Manchmal nimmt es bizarre Formen an, wenn ein Rasenmäher im Vorgarten, neben den Trümmern von Sparte steht. Ansonsten ist das neue Sparta ein architektonisches Desaster. Ein Meisterwerk an Hässlichkeit, ganz dem Stil Argos‘ folgend, wenngleich es hier weniger verfallen aussieht. Man hat der Hässlichkeit zumindest Ordnung angedeihen lassen. Und offensichtlich ist noch ein gewisser Reststolz in jedem Neuzeit-Spartiaten enthalten, der ihn vor dem Aufgeben schützt. Keine Ahnung, warum hier jeglicher Glanz verlorenging, wo man Sparta mit Sicherheit zu den stolzesten Stadtstaaten von damals zählen konnte – überall das Gleiche – man kriegt es offensichtlich nur schwer hin, die Werte der Alten erfolgreich an die Jungen zu übergeben.

Nach dem langen Gespräch mit Leonidas machte ich mich auf den Rückweg. Ich hatte ihm vorher schon gesteckt, dass man heutzutage so etwas wie sein Kaiadas Höllenloch nicht mehr der Öffentlichkeit vermitteln könne, wo man alle schwachen Kinder, Feinde und zum Tode Verurteilte hineinschmeißt. Und obwohl das Wort Schwäche und Schuld nur schwer mit ihm zusammengeht, räumte er am Ende unseres Gesprächs ein, dass ihn diese kompromisslose Ausgrenzung und Selektion, wie er es nannte – ich wählte ihm gegenüber das Wort Euthanasie – ja später auch vor die Füße viel, als Ephialtes ihn, bei der Schlacht an den Thermopylen an die Perser verriet, was er vermutlich nur tat, weil Leo seine Hilfe ablehnte, weswegen ihn nachträglich, die eiserne Faust der eigenen brutalen Selektion nachträglich das eigene Leben gekostet hat – was mich nicht davon abhalten sollte, diesen Ort dennoch zu besuchen.

Zwanzig Motorradminuten von Sparta entfernt, in einer Kurve wurde ich fündig. Kaiadas, das Höllenloch. Schweigend stieg ich die Treppe zum Bergrücken empor. Oben angekommen überkam mich eine merkwürdige Stimmung. Ich ging dichter und dichter an die Öffnung heran. Ist schon ein bedrückendes Gefühl, wenn man weiß, dass dort unten hunderte, vielleicht abertausende Kinder und Erwachsene den Tod finden mussten. Als ich ganz dicht dran war, spürte ich die kalte Luft, die aus diesem Schlund wie dickes Wasser herauslief. Fürchterlich kalt strömte der eisige Hauch des Todes an meine Brust. Wie tief mochte es dort hineingehen? Forscher fanden dort die erwarteten Riesenmengen menschlicher Knochen – Spartas Höllenschlund war damit belegt und kein Mythos – man braucht nur die Treppen hochgehen und fühlt, dass es hier ist – aber, wie tief und wie lang er hinunterging, weiß man auch heute nicht. Man kann es nicht messen.

Tief bewegt, mit Gänsehaut auf den Handrücken machte ich mich an den Abstieg. Schweigend fuhr ich durch die wilden Schluchten, mit seinen märchenhaften Facetten, Winkeln und seiner rauen Schönheit. Was für Gegensätze beheimatete dies Land und seine Menschen – rau, wild, bis hin zu tödlich – und zur selben Zeit herzlich, liebevoll und leidenschaftlich. Don Quichote gleich stemmte ich mich gegen diese Naturgewalten und schlängelte mich die kleine Straße von Sparta zurück nach Kalamata. All zu leicht fiel ich in mein Bett, nachdem ich einen Krug Wein, sowie einen üppigen Salat verdrückt hatte, in einen tiefen nahezu komatösen Schlaf.