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Nur ein Traum – Odyssee 2020 CW36

06.September – D’s gestriger Zusammenstoß zwischen seinem Motorrad und einem Quad im Toulouser Stadtzentrum verlief gimpflich. Was erwartete man, wenn zwei passionierte Menschen aufeinanderprallten, außer verbogenes Plastik und Metall?

Früher waren es Schwerter, heute Drahtesel.

Nachdem die beiden Großstadtritter sich freundlich nach dem werten Befinden befragten und nichts Bermerkenswertes festellten, nicht mal einen Schreck, wünschten sie sich ein schönes Wochenende und zogen wieder von dannen.

Die leicht verbogene Gabel richtete D erfolgreich an einem Laternenpfahl; die Fußraste reparierte er ebenfalls mit Hausmitteln und bog den Fußbremshebel wieder gerade, weswegen D sich nicht wundertee, als er am Abend noch einen Flaschenöffner zerstörte.

Vermutlich hatten die Griechischen Götter all das angeordnet, weil es D schon länger sehr gut ging – so sendeten sie kleine Aufgaben, damit alles wieder in die Waage kam.

D wusste sofort, dass diese Ereignisse Poesie als Antwort brauchten – und so geschah es.

„Tagtäglich – bahnen wir uns Wege, ohne dass wir Füße nutzen, gar Richtungen spüren;

Früher – klein und rosig, heute erfahren, bedürftig, drehen wir Kreise, schwindelnd strauchelnd;

Gesichter – voll unbekannter Fragezeichen, Weitermachen bleibt als Antwort möglich;

Dummheiten – reihen sich zu Früchte und Erfahrungen, bunte Perlenschnüre bildend;

Mühselig – streifen wir Zwiebelhäute, um zum Kern, unserm Selbst hinabsteigend;

Bemühen – bewusst, offen und frei zu sein, schon drücken Ahnungen aus Poren;

Es bleibt übrig kosmische Freude, unser ernstes Schürfen erträglich machend;

Tage drehen sich und rasen mehr und mehr, Schlaf wird immer länger;

Träume sind unsere Nahrung, um durch Tag und Nacht zu kommen;

Bis alles als Stummfilm davonfließt, durch knorrige Hände rieselnd,

Wieso kamen wir ungefragt hierher, versuchten unser Möglichstes;

Die neugierige Katze im Kopfe fütternd, ständig weiterschreitend;

Tage und Ende nicht bemerkend, ohne die Augen selbst geöffnet;

bald gehen wir verloren, ohne dass wir uns selber je gekannt;

was hinterlassen Träume, mögen sie noch so bunt und lang;

Stirnrunzeln, graue Haare – Kampfes Ernte mit dem Selbst;

Schon fällt der letzte Vorhang, wir hatten noch viele Fragen;

Lächle umso reichlicher – verbreite Freude soviel du kannst;

Verschwende deine Liebe, serviere Tage wie Sterne-Menüs;

Feiere Tage reichlich bunt, mögen die Mahlzeiten gleichen;

göttliche Rechnungen, erleichtert du entgegennimmst;

endlich hat alles ein Ende, schön dass es dich gab;

alles war gut, blieb es auch nur – ein Traum!“

 

Angela Merkel muss sterben – Odyssee 2020 CW34

23.August – seit geraumer Zeit beschäftigte sich D mit dem Tod. Nicht so sehr, weil er ihn suchte, oder Dergleichen, man kann ja oft Dinge all zu leicht missverstehen, gerade in Zeiten, wo er Hochkonjunktur hat, sondern viel mehr deswegen, weil man ihn ausgrenzte. Dabei wollten die europäischen Länder so tolerant und liberal sein und das nicht nur im Gender-Bereich, sondern grundsätzlich. Deswegen entschied D sich der Sache selber anzunehmen.

In einem weiteren Interview mit Frau Dr. Claudia Meyer-Paradiso stand also der Tod auf der Tagesordnung, der wie schon seit Bestehen der Erde überall zuhause war. D saß mit einem Glas Wasser, sowie seinem Headset vor dem Laptop. Punkt 16:00 wählte sich die Journalistin ein.

CMP: Hallo Don – wie geht es dir?

DT: Gut soweit – dir auch?

CMP: Ja. Ganz ungeduldig habe ich unser heutiges Interview erwartet…..

DT: Wieso denn das? Ist irgendetwas passiert….?

CMP: Nein! Aber den Tod als Thema hat man ja nicht oft. Hast du eigentlich Angst vorm Sterben?

DT: Nein. Ich sterbe ja schon mein ganzes Leben lang…..

CMP: Wie ist das gemeint?

DT: Das Sterben beginnt direkt nach der Geburt. Jeden Tag stirbt man ein wenig mehr, denn wenn du geboren wirst, ist eines sofort klar: Jeder muss sterben, du, ich und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie muss genauso sterben wie mein kläffender Nachbarshund und die uralten Olivenbäume auf Mallorca. Letztere haben in der Tat ein anderes Verfallsdatum. Grundsätzlich aber kann man sagen, dass sekündlich millionenfach gestorben wird. Und DAS verdrängen wir.

CMP: Kann man das den Menschen verdenken? Wer denkt schon gerne an den Tod – du etwa?

DT: Lass es mich mal so sagen: Ich denke nicht jede Stunde an den ihn, aber vielleicht öfter, als die Mehrheit. Vermutlich liegt es daran, weil ich es als natürlichen Teil des Lebens ansehe. Genau jene natürliche Handhabung ist uns seit bald 2000 Jahren abhandengekommen, weil……

CMP: Warte mal, warum seit 2000 Jahren und vor Allem: Wodurch?

DT: Religionen haben den Tod stigmatisiert und dann instrumentalisiert. Ohne in die Tiefe zu gehen, kann man sagen, dass er deswegen heute auch als etwas Negatives gesehen wird, weswegen wir unter Anderem auch gewohnt sind zu trauern, wenn jemand vom Sensenmann heimgesucht wird. Ich behaupte übrigens, der Tod kann auch in weiblich Form erscheinen, nicht nur wegen der Gleichberechtigung.

CMP: Du machst dich über mich lustig, oder wie soll ich das verstehen?

DT: Nein, mache ich nicht! Aber ich nehme das Leben nicht so ernst und weil in meinem Leben, der Tod dazugehört, nehme ich den Tod nun mal genauso wenig ernst.

CMP: Okay, einverstanden, das verstehe ich, aber meinst du nicht, dass du einigen Menschen damit vor den Kopf stößt? Viele haben große Angst vor dem Tod. Viele haben ihre Lieben durch den Tod verloren, meinst du nicht, dass du den Menschen ein rotes Tuch vorhältst?

DT: Ich kann dir ehrlich gesagt nicht sagen, was die Menschen beim Thema Tod denken und fühlen, aber ich finde es merkwürdig, wie sehr sich zur Zeit alles um genau dies Thema dreht, ohne dass man es anspricht. Schau doch nur mal beim ganzen Corona-Thema: Wir sollen uns durch Masken und diverse Maßnahmen schützen, obwohl……

CMP: Warte mal! Wie kommst du denn darauf, dass wir die ganze Zeit indirekt davon reden?

DT: Na hör mal! Alles dreht sich zurzeit um den bestmöglichen Schutz vor einer möglichen Corona-Ansteckung und das, weil wir wissen, dass man daran sterben könnte. Ich stelle dir eine Gegenfrage: Was ist der wahre Grund für unsere Furcht vor dem Tod? Oder konkreter gesprochen: Was ist DEINE ganz persönliche Angst vorm Tod?

CMP: Ich glaube, ich hätte Angst, am Ende meines Lebens zu erkennen, etwas falsch gemacht, oder falsch gelebt zu haben, ich meine falsch für mich, also, nicht das Eigene gelebt zu haben…..

DT: Ganz genau! Es ist häufig die Furcht, Dinge verpasst zu haben, oder nicht die richtigen Dinge getan zu haben, die man sich vorgenommen hatte, weil man eben NICHT sein eigenes Leben gelebt hat – es ist schlussendlich die Angst vor der finalen Rechnung.

CMP: Und ist das nicht sehr menschlich und natürlich, deswegen Angst vor dem Tod zu haben?

DT: Nein! Ich finde es im höchsten Maß – unnatürlich!

CMP: Tatsächlich? Erklär bitte, wieso….

DT: Wir hatten es schon letzten Sonntag angesprochen: Wenn ich Angst vor dem Tod habe, sagen wir mal, aus deinen eben genannten Gründen, was hält mich dann davon ab, genau jetzt damit zu beginnen, mich damit auseinanderzusetzen? Dann brauche ich es nicht am letzten Tag tun, wäre das nicht sinnvoller? Du erinnerst dich an das 1-Jahr-Restleben-Diagnose….?

CMP: Ja, natürlich erinnere ich unser Gespräch von letzter Woche, aber du willst mir doch nicht im ernst sagen, dass du dich täglich damit auseinandersetzt?

DT: Ein Vorschlag: Wir haben festgestellt, dass Angela Merkel sterben muss, genauso wie jedes andere Mitglied, der deutschen Bundesregierung. Sie wollen die Bürger vor einer möglichen Corona-Ansteckung schützen, obwohl jeder weiß, wieviel Menschen an anderen Dingen sterben. Natürlich steckt dahinter der Schutz vor einer weiteren Pandemie-Ausbreitung, schon klar, aber wäre es nicht konstruktiver, den Menschen beizubringen, wie sie ihr eigenes Leben führen?

Dann müsste niemand Angst vor dem Tod haben, wäre das nicht ein reizvoller Ausblick? Anstatt sich darüber Sorgen zu machen, sich mit einer eventuell tödlichen Krankheit anzustecken, um möglicherweise daran zu sterben, könnte jeder anfangen sich zu fragen, was er braucht, um zufrieden und glücklich zu leben. Verstehst du, worauf ich hinaus will? Drehen wir doch den Spieß um: Richten wir den Focus auf das Leben und nicht auf ein krankheitsbedingtes theoretisch eher kommendes Ende, wär das attraktiver?

CMP: Doch, natürlich, aber wie soll mir das jetzt konkret helfen?

DT: Stell dir vor, du lebst in den Tag hinein, hast nicht die leiseste Ahnung, wie lange du lebst und auch keine Ahnung, ob du dein eigenes Leben lebst. Erinnert das nicht an Lotterie-Spielen?

CMP: Doch, natürlich, deswegen mag man den Tod ja auch nicht……..

DT: Und wer hält dich davon ab, ab jetzt etwas daran zu ändern?

CMP: Vermutlich nur ich selbst?

DT: Vermutlich ist gut: Ausschließlich du selbst, natürlich! Wenn du so oder so sterben musst, wäre es dann nicht gut, alles dafür zu tun, dass du zufrieden, mit einem erfüllten Leben stirbst?

CMP: Doch, natürlich, aber das versuchen doch alle, oder meinst du nicht?

DT: Da bin ich mir nicht sicher. Erfüllung und Zufriedenheit sind ganz individuelle Empfindungen. Alles Wertvolle ist in Wahrheit meist Immateriell. Vermutlich gibt es Menschen, die lieber frei und gefährlich, dafür vermutlich kürzer, als lang und behütet, dafür aber länger leben.

Diese Freiheit, selber zu entscheiden und zu wählen, haben Regierungen zurzeit stark eingeschränkt und sogar das, behaupte ich, ist reiner Zufall. Absichtlich hat das keiner gemacht; es bleibt nur zu hoffen, dass mehr Menschen ihren Nutzen daraus ziehen und sich die richtigen Fragen stellen…..

CMP: Kommen wir noch mal konkret auf den Tod zu sprechen…….

DT: Machen wir das nicht die ganze Zeit? Was ist deine Frage?

CMP: Letzte Woche sagtest du, dass du nicht anders tätest, wenn du nur noch ein Jahr hättest. Du würdest also nichts konkret an deinem Leben ändern?

DT: So lauteten meine Worte, ja. Was ist deine Frage?

CMP: Du würdest nichts vermissen, wenn du so plötzlich gehen müsstest?

DT: Auch wenn ich 100 werden sollte, kann ich unendlich viele Dinge nicht tun. Ich muss mich also von Anfang an ständig entscheiden, was ich will und was nicht, und die Menge der Dinge, die man nicht tun kann ist unendlich viel größer……was unter anderem den Charme des Lebens ausmacht, wie ich finde. Werte wie Zufriedenheit kommen nicht einfach so. Sie entstehen, wenn man sich bemüht zu verstehen wer man ist und danach zu leben versucht. Damit steigt die Chance auf Zufriedenheit gewaltig an.

CMP: Ich verstehe was du sagst, aber es fällt mir schwer, mich so konkret damit auseinanderzusetzen….

DT: Warum?

CMP: Weil ich es irgendwie anmaßend finde, selber über mein Leben zu bestimmen!

DT: Wow, du machst mich sprachlos!

CMP: Warum?

DT: Weil es zeigt, was die größte Herausforderung im Leben und in unsere heutigen Gesellschafft ist….

CMP: Und das wäre?

DT: Verantwortung für sich und sein eigenes Leben übernehmen.

CMP: Mehr nicht?

DT: Mehr nicht! Wenn man diese Erkenntnis gewinnt, dass man NUR und ausschließlich SELBST für sich verantwortlich ist, dann ist man einen großen Schritt weiter. Denn egal ob ich Kinder habe oder nicht: Wir können unser Leben nur selber leben. Wir können es nicht für andere übernehmen. Oftmals habe ich den Eindruck, dass viele die Verantwortung für andere, aber nicht für sich selbst übernehmen. Ich finde das äußerst merkwürdig.

CMP: Warum? Ist das nicht das Normalste von der Welt, sich mehr Gedanken über andere, als über sich selbst zu machen?

DT: Keine Ahnung, wenn du das sagst? Vielleicht ist das der Grund, warum manche mich für egoistisch halten, weil ich mich mit mir auseinandersetze.

CMP: Hast du eine Empfehlung in Sachen Tod?

DT: JA! Wir sollten froh sein, dass es ihn gibt. Ohne ihn gäbe es kein Leben. Ohne ihn hätte nichts einen Wert. Wenn wir quasi unendlich alt würden, verlöre alles seinen wert. Ist in etwa das Gleiche, wie wenn man sehr reich ist und sich alles kaufen kann, was man will.

Ab dem Zeitpunkt verliert alles an Wert, bis alles wertlos geworden ist. An vielen Dingen in der Welt können wir das heute deutlich sehen, doch sehen wir weg. Der Tod ist nicht unser Feind. Er ist eher wie ein guter Freund, des Lebens, der Selbigem durch seine Anwesenheit Wert verleiht.

CMP: Ziemlich schwere Kost, deine Empfehlung!

DT: Nein, es ist das Gegenteil. Erkennen tut man es jedoch nur, wenn man mit der Auseinandersetzung beginnt. Versuch es mal, Claudia.

CMP: Okay, mache ich, versprochen! Vielen Dank für das Gespräch. Was machst du heute Abend?

DT: Danke. Gebe ich gerne zurück. Ich werde Horus zu Ende reinschreiben. Und du?

CMP: Einen Spaziergang mit einer Freundin unternehmen.

DT: Viel Spaß. Hab einen schönen Sonntagabend.

CMP: Vielen Dank. Auf Wiedersehen.

 

Gentechnik und Geographie – Odyssee 2020 CW25

Sonntag der 21.Juni – Spanien hob seinen Alarmzustand auf und öffnete die Grenzen zu den Nachbarn – wie schnell drei Monate vergingen. Gerade trank D seinen ersten Café, als Volotea seinen vierten Flug nach Mallorca stornierte und ihn in einer von Trauer umflorten Email darüber informierte, ohne das D’s Herz beim Lesen auch nur einmal Gefahr lief höheren Puls zu bekommen.

Das lag zum Einen daran, dass D mittlerweile alles als eine Art Wette auf die Zukunft ansah, mochten es Aktien, Flüge, Eier, Wein, oder sonst welche Produkte sein und zum Anderen daran, weil er beim rhythmischen studieren der Flugangebote bemerkt hatte, dass Südfrankreich zwar rein geographisch direkt an Spanien grenzte, was jedoch gegen die leidenschaftliche Liebe der Norddeutschen offenkundig nicht ausreichend punktete, weil man seit dem 15.Juni wieder mehrmals täglich Hamburg – Mallorca fliegen konnte.

Was war geschehen? Hatten die Franzosen Nähe und Liebe zu ihren okzitanischen und aragonischen Brüdern und Schwestern verlernt, gar über COVID-19 vergessen? War es möglich, dass normannische Willensstärke und teutonische Planungsleidenschaft sich gegen physische Nähe und mediterrane Kulturen durchgesetzt hatte? D wusste es nicht – aber war klar, dass er es bald herausfinden musste – er ahnte noch nicht, wie schnell und wie bald!

Alles fing damit an, dass Emmanuel der Erste, König vom Frankenreich, zum Krieg gegen die Coronen ausrief, welcher mit einer leidenschaftlichen Rede am 16.März im Jahre Null, v.Corona. nicht nur begann, sondern zum ersten Mal alle Landsleute mobilisierte und selbst oben, in der weit entfernten Bretagne, das letzte gallische Dorf, mitriss. Überall im Königreich krempelte man Ärmel hoch, was man daran merkte, wie pflichtbewusst die Franken in ihren Häusern blieben, um dieser modernen Pest, um jeden Preis den Nährboden zu entziehen.

Rückwirkend betrachtet konnten sich Wissenschaftler auf drei Monate einigen, was die Geschichtsbücher später bestätigten. Mögliche Erklärung für D war, dass Emmanuel der Erste und seine Getreuen nach dem gewonnen Krieg offensichtlich so viel mit sich selbst zu tun und so viele Apéros nachzuholen hatten, dass man Lichtjahre davon entfernt war, alte und neue Nachbarn wahrzunehmen, oder gar mit Besuchen zu wertschätzen.

Weil die Normannen, Preußen und Teutonen schon seit langer Zeit keinen König mehr hatten, fiel somit mehr Macht auf die einzelnen 16 Stämme und Herzogtümer, die deswegen schneller und zielgerichteter reagierten, während König Emmanuel der Erste noch seine Hafenrundfahrt unternahm, um Getreue und Volk auf seine Linie einzuschwören., was darin mündete, dass manche Fluglinie Emmanuel und sein Frankenreich als geringere Gewinnopportunität ansah, als zum Beispiel Normannen, Teutonen und Preußen.

Doch war dies erst der Anfang – bald schon fiel es D wie Schuppen von den Augen, warum das ganze Frankenland in einer Art glückseligen Dornröschenschlaf fiel, Benommen vor Selbstliebe, als er versuchte sich seine morgendlichen Eier zu machen, die er nur mit Mühe alleine gehoben und durch die Tür getragen bekam, was an den gewaltigen Fortschritten fränkischer Gentechnologie lag, die es Emmanuels Hühnern erlaubten, Eier auszubrüten, die an Gewicht und Größe ihr Selbst überstiegen.

Und – auch diese Erkenntnis, ließ D’s Hand mit lautem Klatschen an seine Stirn schlagen, als er einen weiteren Erfolg fränkischer Zauberkraft überblickte, die sich vor seinen Augen ausbreiteten und in den letzten drei Monaten stattgefunden hatten – was D als wahren und richtigen Schritt in eine geeinigte EU wahrnahm, woraufhin D sofort zum Apéro griff, um auf Europa anzustoßen.

Was war passiert!

Erst nur aus dem Augenwinkel, bald schon für einen ersten konfrontierenden Blick zurecht gedreht, breitete sich D’s Irritation über das Pentagramm in Schockwellen aus, dass König Emmanuel der Erste und Seine Getreuen als fränkisches Gütesiegel auf Produkte und Verpackungen imprägnierten.

Dazu mussten Emmanuel der Erste und seine Getreuen es in nur drei Monaten hinbekommen haben, dass sich die Pyrenäen um mehrere hundert Kilometer vergrößert hatten, oder, wenn sie an Größe und Ort die gleichen geblieben sein sollten, sein Frankenland, durch gewaltige Sandaufschüttungen vergrößert haben, dass sich das bekannte Hexagramm in nur drei Monaten in ein magisch-großes Pentagramm verwandelte.

Auch nach dem hastigen Genuss, mehrerer Gläser Roséweins, änderte sich für D nicht das Geringste, dass er schlussendlich, die griechischen Götter sein Dank, die einzig richtigen Schlüsse zog: Entweder mussten König Emmanuel der Erste und seine Getreuen eine eingeschworene Familie einflussreicher Druiden sein, die über magische Kräfte verfügten, dass ihnen quasi alles gelang, wenn sie nur wollten, was sich durch Foie Gras sehr schön wissenschaftlich bestätigte, dass sie machen konnten, dass Tiere, allen voran Enten und Gäse, mehr fraßen, als sie natürlicherweise bevorzugten.

Oder aber, fränkische Eier Produzenten hatten so niedrige Schulbildung, dass sie nicht bis sechs zählen konnten und sich deswegen tragischerweise zu sehr auf Marketing, statt auf Weiterbildung und Qualität ihrer Produkte konzentrierten und daher unwissend in Kauf nahmen, zuerst eine fränkische, dann eine europäische Revolution dadurch auslösend, weil man mindestens zweimal auf Ursprung und Ort seiner Produkte hinwies, ohne sich der Ungenauigkeit bewusst zu sein, welche verheerende Wirkung ein Pentagramm bei König Emmanuel dem Ersten und seinen Getreuen auslöste.

Glücklicherweise lebte D bereits lang genug in König Emmanuel Frankenland, um gut einschätzen zu können, dass man es hier mit vielen Dingen nicht so genau nahm, was er schon bei den im Freien stehenden Traktoren von Jay-Bee bemerkte, die dort munter vor sich hinrosteten, was mitnichten eine herausragende Gelassenheit Jay-Bees, dafür umso mehr eine grundsätzliche Verhaltensweise aller Winzer aus Bordeaux zu sein schien.

Wieder einmal fühlte D sich bestätigt, alles als eine Wette anzusehen, weswegen er alles mit Wahrscheinlichkeiten abwog, was das Herz und die wahre Natur der fränkischen Freiheitsmethodik zu sein schien – vive la France, vive l’Europe!

 

Der Granatapfelbaum

Ich muss euch eine Geschichte erzählen. Sie ist wirklich so passiert. Die Geschichte spielt in unserm Dorf. Wenn ich genauer überlege, wird die Fortsetzung auch heute noch tagein und tagaus, immer wieder aufs Neue uraufgeführt. Wie damals und zu allen Zeiten. Auch als es noch keine Zeit gab. Eigentlich hat es sich schon immer so abgespielt. Aber vorstellen kann man es sich rückblickend nie. Vor vielen Jahren bin ich deswegen dazu übergegangen, sie als eine Laune der Natur, eine Art natürliche, unbewusst-verursachte, zivilisatorisch-degenerierte Inszenierung, als ein kosmisch-komisches Theater anzusehen, welches jeden mit freiem Eintritt einlädt dabei zu sein, der sich wie ich vor jeder Kassenschlange mit all den toten Augen, oder beim Lesen von vermeintlich seriösen und wahren Nachrichten, dass Lachen nur schwer verkneifen kann, weil all das unmöglich unsere tatsächliche, gewünschte Wirklichkeit sein sollte und unmöglich, unter gar keinen Umständen so passiert sein kann. Aber der Reihe nach.

Unser Dorf ist alt. Sehr alt sogar. Manche im Ort behaupten es ist ähnlich wie die Demokratie 1000 Jahre alt. Andere bestätigen zwar, dass es heute wie schon eine ganze Ewigkeit die 3 alten Fincas gibt, nämlich Son Serralta, Son Fortuny und Son Garriga, dass aber die wirkliche stetige, einem wilden Gewächs ähnelnde Hausanhäufung, die wir üblicherweise an irgendeinem Punkt Ortschaft nennen, erst viel später zu dem geworden ist, wie wir sie heute kennen.

Früher lebte unser Dorf ausschließlich von der Landwirtschaft. Zu dieser brauchte man nur auf die Erde zu spucken und wenige Monate später stand dort ein Feigenbaum mit reifen Früchten. Oliven, Tomaten, Wein und alle möglichen Früchte wuchsen so üppig und schnell auf dieser Erde, dass manch eine Frucht mehrmals im Jahr geerntet werden konnte. Sogar im Mittelalter war das so, als es nur die 3 maurischen Gutsbetriebe gab, die ihre Bewohner, sowie Arbeiter selbst versorgten, die mit ihren Ölmühlen, Wasserspeichern und Lagersilos für alles gerüstet waren, um viele Familien zu versorgen. Ich behauptete irgendwann sogar, dass es hier schon vor über 3000 Jahren erste Siedler gegeben haben musste, weil die Phönizier die mitgebrachten Olivenbäume bestimmt nicht zum Spaß eingepflanzt hatten und das sogar weit bevor die Mauren 2000 Jahre später ihre Terrassen angelegt hatten.

Hier war das Wetter immer schön. Die Luft frisch und gesund und die Natur bezaubernd anmutig. Mein Großvater meinte irgendwann, dass es das Paradies auf Erden wäre. Tatsächlich gab es nur wenige Kinder im Ort, die in eine Stadt, oder aufs Festland flüchteten. Es gab Arbeit, Sonne, Meer und genug Jungs und Mädchen, dass jeder Mensch lächelnd einschlafen konnte. Es mangelte uns an nichts. Die Erde beschenkte unseren Ort mit reichen Ernten und Wohlstand, und die Menschen dankten es ihr mit stetig anwachsenden Familien. Eine echte Natur-Mensch-Symbiose. Eines Tages, die Mauren waren schon lange abgezogen, da kamen ihre Terrassen bei all dem Wachstum irgendwann an ihre Grenzen. Es wurden erste Zäune gezogen. Besitztümer mussten abgegrenzt werden, um leichter Meines von Deinem zu unterscheiden. Alles an Ackerfläche war aufgeteilt. Landwirtschaftliches Wachstum war nicht mehr möglich, da unser Ort auf der einen Seite vom Meer und auf der Anderen von den Bergen eingerahmt ist. Nach all den üppigen Ernten, hatten die Familien sich etwas Wohlstand erarbeitet. Häuser und Wohnungen konnten an Nachbarn vermietet werden; erste Touristen fanden Unterschlupf, die von der Ursprünglichkeit unseres Dorfes sofort eingenommen und nach einigen Gläsern Weißwein benommen waren und selig in ihre Betten krabbelten. Jahr für Jahr kamen sie wieder und brachten mehr von ihnen mit. Der Wohlstand wurde so groß, dass wohlhabende Familien mehr Zeit für Müßiggang und weniger für die Arbeit aufwenden konnten.

Neben den glücklichen Menschen, lebten auch Tiere zufrieden nebeneinander her. Esel, Ziegen, Schafe und einige Pfauen, fühlten sich genauso wohl wie die Menschen und vermehrten sich glücklich und zufrieden. Pfauenschreie, Eselgewieher und Ziegen-Gemecker gehörten mit dem heulenden Wind und den knarzenden und summenden Olivenbäumen zum Orchester von Mutter Natur, die unseren Ort in bunten Farben und Tönen ausmalte, wie ein goldiger Bilderrahmen das Motiv eines alten Meisters.

Wohlstand verbreitete sich wie Schnupfen und griff immer weiter um sich: Ernten fuhr man nicht mehr selber ein; die Kinder gingen auf Universitäten, um ein besseres Leben zu haben; die Damen des Hauses kauften sich teure Kleider und besuchten ihren Frisör öfter als den Kaufmann; die Alten hatten auf einmal Unmengen an Zeit, um sich den großen Fragen des Lebens zu stellen und die Schönheit der Natur, sowie ihre Anmut und Würde zu bestaunen.

Eines Abends saß Don Augusto auf seiner Veranda. Er sah gerade hinaus aufs Meer, als ihm ein Pfauenschrei von der benachbarten Finca durch Mark und Bein fuhr. Er schreckte so sehr zusammen, dass ihm ein ungebremster Furz entfuhr, der seinen zu Füßen liegenden geliebten Hund aufweckte und aufgeregt umherschnuppern ließ, als hätte die Haushälterin den Mülleimer der großen Küche über ihn ausgekippt. Verärgert stand Don Augusto auf, stemmte seinen großen Pranken in die Hüfte und sah den Pfau des Nachbarn stolz hinter seinen Hühnern hinterherschreiten, als wäre er der Herrscher des Universums.

„So eine Unverfrorenheit! Erst weckst du mich und dann vögelst du noch meine Mädels; aber das hat jetzt ein Ende, ein für alle Mal!“

Don Augusto ärgerte sich schon seit Jahren. Wenn ihn der laute, durchdringende Schrei des Pfauenjungens weckte und bis ins Mark erschreckte, noch dazu wissend, dass er hinter seinen Pfauen-Damen her war. Schon oft hatte er Don Fernando halb im Spaß, halb im Ernst gebeten, besser auf den notgeilen Pfau aufzupassen, der völlig frei und unkontrolliert herumspazierte und seine Hühner durcharbeitete. Don Fernando erwidere ihm nur, dass er der Natur freien Lauf lassen möchte und ihn daran erinnerte, dass es immerhin seine, Don Augustos Pfauen-Hühner wären, der seinen Pfauen hitzig werden ließen. Hühner und Hähne sein nun einmal füreinander gemacht.

Verärgert über diese vermaledeite Respektlosigkeit zog Don Augusto von Dannen, um nur vorübergehend von seiner Gattin dadurch beschwichtigt zu werden, dass er sich über 50 Jahre nicht daran gestört hätte und sich jetzt nicht wie ein Narr aufführen sollte. Don Augusto war verärgert. Es gärte in ihm, wie in frisch gepresstem Traubensaft. Er und Don Fernando waren zusammen aufgewachsen. Beste Freunde hatte früher der eine den anderen genannt, auch nachdem sie sich gegenseitig Freundinnen ausgespannt hatten und in einem ständigen Wettbewerb standen, wer die reichere Ernte einfuhr. Diesmal jedoch würde er ihn nicht so leicht davonkommen lassen. Er wollte ihm eine Lektion erteilen, eine, die ihn zum Nachdenken bringen und ihn lehren sollte, dem Gegenüber Respekt zu zollen.

Eines Nachts, Don Augusto wusste wo der Pfau des Nachts schlief, ging er auf leisen Sohlen zu dem alten Olivenbaum, auf dem der Pfauenjunge zu schlafen gewohnt war. Der Wind stand günstig, blies ihm entgegen, so dass der Vogel ihn nicht wittern konnte. Es war wohl gegen Mitternacht. Ein fetter käsiger Vollmond leuchtete vom Himmel herab und sah dabei zu, was Don Augusto minutiös geplant hatte. Gleich einem alten Indianer schlich er sich an den Baum heran. Kein Geräusch war von ihm zu hören; ganz flach atmete er ein und aus, als würde er einer Herde Bisons auflauern und das Überleben der Familie von seiner erfolgreichen Jagd abhängen.

Der Vogel schlief tief und fest. Er fühlte sich in seinem dreißig Jahren zählenden Lebensalter sicher; keine Katze, noch nicht einmal ein aggressiver Hofhund hatte ihn angegriffen; er hatte einen Sonderstatus im Tierreich, so wie Elefanten, Haie und Krokodile.

Don Augusto führte eine kleine Axt mit sich. Er hatte sie sorgfältig geschärft, so sehr, dass er sich seine Haare auf dem Unterarm damit abrasieren konnte. Sogar eine schwarze Strumpfhose seiner Frau hatte er sich übergezogen. Um die Schuhe hatte er alte Lumpen gebunden, um keine Geräusche beim Gehen zu machen. Ganz in schwarz war er gekleidet. Das Schwarz der Nacht hatte ihn völlig verschluckt. So schlich er sich an und wartete auf einen günstigen Moment, um sich aufzurichten und nach all den Jahren endlich Gerechtigkeit walten zu lassen. Der Moment kam, so wie er immer kommt: Eine Windbrise strich langsam durch die Bäume; wie ein böser Traum erhob sich Don Augusto, holte leise aus und näherte sich dem Ast, auf dem der Pfau saß und tief und fest schlief. Der Wind war ideal: Der blöde Vogel würde es nicht mal merken, dass man ihm den Stecker zog. Wie ein böser Traum glitt Don Augusto dichter und dichter. Nur noch wenige Zentimeter trennten ihn vom Vogel. Er blieb stehen, holte tief Luft:

Blitzschnell, wie früher, packte er den Pfau am Hals, drückte ihn zusammen, als wäre er ein leerer Gartenschlauch und genoss für einen Moment die Macht die er über diese Kreatur hatte. Für einen kurzen Moment stand die Zeit still: Wie ein zorniger Mayapriester, der seine überfällige Opfergarbe den Göttern darbieten wollte, stand er über dem Vogel, in seiner Rechten die Axt, die wie eine Guillotine frei herumschwebte; Don Augusto fühlte sich stark, jung, vital, unzerstörbar und im Recht. Fauchend ließ er die gleißende Klinge niedersausen. Knackend ging der Vogel entzwei; seine bunten Federn stoben auseinander wie frisch vom Winde verwehter Schnee. Ein kleiner Schwall flüssigen roten Sonnenlichts floss aus dem Federbündel über den Ast. Dann pustete der Wind weiter, als wäre nichts passiert. Don Augusto steckte die Überreste in einen Stoff-Sack, in dem früher Oliven transportiert wurden und ging hinauf in die Berge, um den Auslöser der Disharmonie und Respektlosigkeit schnell zu verscharren.

Dann ging er leise heim, duschte und legte sich friedlich ins Bett. Traumloser fester Schlaf erfasste ihn schnell, wie er ihn viele Jahre nicht erlebt hatte, seit er aufgehört hatte das Feld zu bestellen. Sonnenschein weckte ihn. Friedlich und still lag der sonnige Tag vor seinen Füßen. Nach einem kurzen Café ging er raus in den Garten; er steckte sich eine Zigarette an und fühlte sich wie ein Eroberer, nach der Unterwerfung der Eingeborenen. Diese Stille. Dieser Frieden, einfach herrlich, dachte er sich, während sich Don Fernando auf der Nachbarsfinca ebenfalls über die Stille wunderte und von Sorgen gepeinigt nach seinem Pfau Ausschau hielt. Er liebte diesen Vogel. Er hatte ihn als kleines Küken aufgezogen; zahm war er und begleitete Don Fernando, wohin er auch ging. Der Vogel trompetete auch nie einfach drauf los, wenn Don Fernando schlief, außer wenn er auf der Balz war. Dann erbat er sich etwas Verständnis für seine natürliche Rolle als Männchen.

Don Fernando ahnte schnell, was seinem geliebten Vogel widerfahren sein musste. Jeden Tag wurde er morgens von ihm begrüßt, außer heute. Doch der Vogel war zu schlau und zu jung, um abzudanken, oder sich von einem natürlichen Ereignis überraschen zu lassen. Don Fernando roch den Braten, ohne ihn zu sehen. Er verzog keine Miene, sprach mit Niemandem darüber. Selbst als ihn der Meuchelmörder mit auffallender Höflichkeit besuchte, um mit ihm einen Plausch zu halten, einen Café zu trinken und eine gemeinsame Zigarette zu rauchen, ließ er sich nichts anmerken. Er sah Don Augusto fest in die Augen, konnte aber nichts darin erkennen, dass den Mord hätte bestätigen können. Nur in einem unaufmerksamen Augenblick, als Don Augusto ein wenig zu verschmitzt lächelnd auf die Uhr sah, um sich für einen vermeintlichen weiteren Termin aufzumachen, schimmerte kurz etwas Unbekanntes aus ihm heraus, etwas, was Don Fernando vorher noch nicht an ihm gesehen hatte. Das war der Beweis. Er hatte es getan. Er war sich sicher. Sie verabschiedeten sich und jeder ging seinem überschaubaren Tagwerk nach, dass man am Ehestem das Tagwerk eines wohlhabenden Privatiers nennen konnte.

Nun, jeder kann sich jetzt genau vorstellen, wie es weiterging: Don Fernando übte Rache, was sonst. Er konnte es natürlich nicht hinnehmen, das sein geliebter Pfau gemeuchelt wurde. Zwei Bücher liebte er von Mario Puzo: „Den Paten“ und „Den Sizilianer“. Er fühlte sehr mit Don Corleone; auch mit seinem Sohn Michael. An einem besonders schönen und friedlichen Sommertag schnappte er sich den Hund von Don Augusto, erwürgte ihn mit der Garotte, der sizilianische Würgeschlinge, deren Gebrauch er vorher an einigen Hühnern und Ziegen geübt hatte, die ebenfalls Don Augusto gehörten, machte sich damit sozusagen warm, spießte den geliebten und gerade erfolgreich erdrosselten Hund auf eine dicke und lange Stahlstange, die er in seinem Schuppen gefunden hatte und legte den großen Fleischspieß vorsichtig, dafür gut sichtbar auf den wunderschön angelegten Grillplatz von Don Augustos Anwesen am Südhang zum Meer hin, um von der Hausherrin bei einem morgendlichen Spaziergang gefunden zu werden, die daraufhin einen Nervenzusammenbruch erlitt und noch für Wochen in ärztlicher Behandlung blieb und ihre Lebensfreude, für die sie ihr Gatte so sehr liebte und ihr deswegen 6 kräftige Söhne geschenkt hatte, nie wieder zurückgewinnen sollte und ihr Leben fortan in einem apathischen Dämmerzustand verbachte, sorgfältig ausbalanciert und eingestellt mit der kräftigen Wirkung von Psychopharmaka und Carlos Primero, den sie von dem Tag an in solch kräftigen Mengen trank, dass ihr Don Augusto den Autoschlüssel regelmäßig abnahm, wenn sie sich wieder anschickte die Straßen unsicher zu machen.

Der Zustand seiner Frau machte Don Augusto so traurig, dass auch er nach und nach seine Lebensfreude verlor, was ihn aber nicht davon abhielt, in einer besonders seelenlosen dunklen Nacht, auf das Grundstück seines verhassten Nachbarn zu schleichen und in mühevoller leiser Handarbeit, einige der ältesten Olivenbäume auf Don Fernandos Anwesen abzusägen.

Der Krieg der zwei Streithähne hatte mittlerweile beide Familien erfasst: Söhne und Töchter auf beiden Seiten, wollten mit den Vätern nichts mehr zu tun haben und lehnten bis auf Weiteres, das Fortführen der elterlichen Gutsbetriebe ab. Wie zwei traurige alte Hennen, trafen sich die Ehefrauen beim Kaufmann an der Ecke, um zu rauchen, zu weinen und den Weinbrandvorrat aufzufüllen, sowie ihre Autos am schwarzen Brett zu Schleuderpreisen anzubieten, da sie beide in ihrem dauerhaft alkoholisierten Zustand zu keinen Fahrten mehr im Stande waren und nach und nach eingingen, wie Pflanzen die durch mangelnde Abwechslung und fehlendes Wasser, bei lebendigem Leibe verdorrten, bis sie eines Morgens, wie zwei kleine Dörrpflaumen von ihren, mittlerweile durch Traurigkeit und Depressivität völlig implodierten Ehemännern gefunden wurden, die daraufhin fast zeitgleich auf den Dachboden gingen und sich mit dem erstbesten Kälberstricken erhängten, bis auch sie von ihren schockierten Kindern vom Balken gepflückt wurden, wie zwei überreife Früchte, die man über mehrere Sommer vergessen hatte und deswegen am Baum des Lebens verschrumpelt waren.

An einer ganz kleinen und versteckten Stelle grenzten die Grundstücke von Don Fernando und Augusto aneinander. An dieser Stelle stand ein uralter Granatapfelbaum. Jahrzehntelang hatten sie diesen Baum gemeinsam geerntet. Als ihre Frauen und sie selber beerdigt waren und die Kinder sich um die Abwicklung der Güter kümmerten, hatten sie weder das Wissen über die Natur, noch die Kenntnisse, welche Felder wann und wie bestellt werden mussten. Seit sie Kinder waren kannten sie die Granatäpfel aus den täglich frisch gefüllten Obstschalen, wussten aber nicht woher sie kamen.

Irgendwann wurde wieder geerntet; sie hatten Firmen beauftragt dies in ihrem Namen durchzuführen. Da aber niemand genug Wissen hatte, um hart zu verhandeln, wurden die Ernten zu Niedrigpreisen verschleudert. Plötzlich setzten sie zu, verloren mit jeder Ernte Geld, obwohl die Familien jahrhundertelang reicher und reicher geworden waren. Grundstücke wurden nach und nach verkauft oder verpachtet; bestellt wurden die Felder zwar, aber nicht mehr liebevoll bewirtschaftet.

Den alten Granatapfelbaum kannte niemand mehr. In diesem Jahr blieben sie zum ersten Mal hängen. Niemand wollte sich um sie kümmern. Regelmäßig besuchte ich sie. Ich sah zu wie sie reifer und reifer wurden. Dann kam der September. Die Erntezeit nahte. Doch sie blieben hängen, verfaulten und wurden schlecht. Vorgestern bin ich hingegangen. Ich habe geerntet, habe alle noch Guten gepflückt. Es waren 3.

Ein Baum weiß nicht auf wessen Grundstück er steht; er kennt keinen Besitz, keine Gier, kein Neid. Er ist einfach nur ein Baum, der Früchte trägt wenn es ihm gut geht und eingeht, wenn nicht.