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Spuren im Wind – Odyssee 2020 CW42

18.Oktober – D erinnerte sich an den Geburtstag eines Freundes; und daran, dass es Zeit wurde nach Hellas zu gehen; auch daran, dass er davon absehen wollte, die Welt vollständig aufzuklären und für alles eine Antwort zu finden; es sind Werte wie Unsicherheit, Unkenntnis und Optimismus, die Gefühle wie Gelassenheit und Freiheit gedeihen lassen.

Längst hatten Medien und Regierungen die Macht ihrer Worte, sowie die eigene Verantwortung zu Gunsten der Jagd nach der nächsten Empörungswelle, sowie herbstlichen Begleiterscheinungen, missbraucht, weswegen die Berichterstattungen Furcht und Angst in den Bevölkerungen schürten; wo versteckten sich bloß die Erkenntnisse des eigenen Glücks? Lasst uns nicht ins Bockshorn jagen, von Wörterscharlatanen, die auf Züge der unbekannten Zukunft springen.

Ungeachtet der bewegenden Momente der letzten Monate blieb D fröhlich und gelassen; für ihn war klar, dass weder Welt noch Menschheit untergingen, jedenfalls nicht in den nächsten hundert Jahren, weder durch Wahlen, oder sonstige Versuche, eine Form von vermeintlicher Normalität herzustellen; alles blieb was es schon immer gewesen schien – ein ewiges παντα ρεί – alles fließt; Heraklit sei es gedankt, dass sich niemand fürchten muss.

Und so kam es, dass D wieder ein paar poetische Worte vom Baume der Lyrik pflücken durfte, um sich trotz – oder gerade wegen all der Merkwürdigkeiten, die da draußen herumrumorten – seines endlichen Lebens zu erfreuen, mit all den Sagenhaftigkeiten – und so geschah es:

Spuren im Wind

Ein sonniger Spaziergang durch die verwinkelten Gassen der rosa Stadt Toulouse;

Bäckereien, Zigarettenrauch, lebendige Unterhaltungen und Sonnengefunkel in Weingläsern;

Düfte, Geräusche, Farben und Formen durch die ich schwimme, ständig drohe darin unterzugehen;

versuche alles wahrhaftig mit dem Innersten zu berühren, auf Umgekehrtes dabei hoffend;

Blicke die sich kreuzen, taxieren und abwarten, suchend, ohne zu wissen wieso und wonach;

süßer Müßiggang mit mir vorüberschreitend, lasse mich treiben, von der Sonne wärmen;

und bleibe unfähig, meinen überwältigten Sinnen Töne gar Worte zu geben;

versuche eine Melodie zu summen, an deren Klang ist alles zu hören, was ich nie vermochte;

zu sagen, geschweige zu schreiben, mögen alle meine Spuren später für sich selber sprechen;

wenn übrig geblieben, wie unsichtbare Lüfte in Ästen, längst vergangene Worte und Verse;

neblige Netze aus Worten, die versuchten auszudrücken, was ich dachte zu fühlen;

bevor mich das Leben übermannte, dem reißenden Strom entriss und mich ans Ufer setzte;

mögen verblichene Schatten erzählen wer ich war, wenn ich hätte gefunden passende Worte;

niedergeschrieben, nachdem aus dem tosenden Leib gerissen und mir die Haare raufte;

damit Morpheus erneut Rätsel schickte, die ich zu entziffern, zu erinnern wagte udn hochschoss;

um neu unterzugehen im Rausch der Worte und Bedeutungen, dem eigenen Turm zu Babel;

blieb all das doch nur ein Versuch, möge er lange dauern, der Ritt auf dem tosenden Strom;

bis das schöngeschnäbelte Schiff am letzten Morgen mit Rosenfingern mich weckt;

um heimzukehren, nach langer Reise, um zu verschnaufen, bis die Nächste beginnt…

………

 

Tief Verborgenes – Odyssee 2020 CW38

20.September – vor wenigen Tagen hatte man D gebeten einen Vortrag über Ästhetik und den Einfluss auf die menschliche Kommunikation zu halten, weswegen er sich mit dem Goldenen Schnitt, Fibunacci und Baumblättern beschäftigte und warum es dem Menschen unmöglich ist, bestimmte Merkmale und Verhältnisse zu ignorieren.

Seine Versenktheit hatte viele positive Nebeneffekte, wie damals, als er in Kindertagen stundenlang mit Lego spielte, während Capricio Italiano von Peter Tschaikowski lief, sein Lieblingsstück zu jener Zeit. In seinem Gedächtnispalast gab es verborgene Räume, in denen zur gleichen Zeit, während er spielte, eine Art Spiegelereignis stattfand und etwas Neues entstand. So auch dieses Mal.

Während D munter zwischen einem Sammelsurium von Radien, Kreisen und deren Verhältnisse herumforschte, bildete sich in einer dieser tief verborgenen Kammern erster Buchstaben-Nebel, der langsam aber sicher erste Worte formte, aus denen sich erste Sätze bildeten, die unaufhaltsam neue Rhythmen, Strophen und Bedeutungen erschufen, die D zwischendurch, wie ein überraschter Gärtner bewunderte, weil er ihrer Ordnung und Bedeutung vertraute, als würden sie direkt vom unendlichen Kosmos kommen.

Und so geschah es, dass D am Nachmittag eine kleine Frucht vom Poesie-Baum pflücken konnte.

„Tief Verborgenes,

unverdächtig, die Rituale kleiner Kinder, frühe Früchte innerlich kapselnd, sorgfältig hortend, unbewusst für später beiseitelegend;

wie bunte Bälle fuhrwerkten sie im wachsenden Körper herum, manches Mal auftauchend zum Fragen, Freuen und Luftholen, unbemerkt, noch seltener verstanden;

Jahre später, bloße Blicke, Berührungen, gar Worte, um Ungesagtes, lang Erhofftes, auch schmerzlich Verborgenes zu Tage treten zu lassen, lange heimlich bewacht;

bereit für den Moment, den kosmischen Schlüssel findend, der alle Schächte öffnet, die wir lange geheim-gehalten und niemandem erzählt;

vermeintlich roh behauene Worte, vorschnell für schlicht gehaltene Gemälde, oder einfache Körperdrehungen, Berührungen, kaum spürbar an der Schulter, oder gekreuzte Blicke;

war es möglich, dass Menschen verstanden, wenn wir aufhören zu suchen, damit uns der magische Moment findet und uns wahrhaftig erscheint;

Magisches auslösend, Orchester der Sinnlichkeit, es schien möglich, das Wünsche, Träume und Hoffnungen wahr wurden, die früh verschickt wir hatten;

Weises Universum, hast alles eingerichtet, das den magischen Schlüssel, beim Wandeln durch die Tage, ohne Vorwarnung, wir irgendwann finden;

wenn wir erkennen, dass nie verloren wir waren, dann hat unweigerlich alles Sinn und jede Bedeutung folgt einer höheren Ordnung;

dann ist alles Sein in einem einzigen Moment verdichtet und jener Augenblick ein ganzes Leben wert, auf dass er uns leuchten lässt;

kosmisches Licht, mögest du Wärme, Liebe geben und Licht spenden, eingesponnen ins galaktische Netz;

überwältigt wie Empedokles, vom großen Ganzen, dem Sternentor, den nächsten Vulkan aufsuchend;

oder wieder tief verbergen, bis der Mut irgendwann groß genug, den Schlüssel weiterzugeben

Sprache, Musik, Formen, Berührungen und Geschmäcker,

Sinne – Vehikel und Pforten zugleich!“

 

Geronnen

Träge wie Quecksilber floss der Fluss durch die Stadt. Erste kräftige Sonnenstrahlen ließen die Natur erwachen. Mauern und Gestein wurden warm und lächelten die Menschen an. Die Luft roch nach Sonne, Körpersäften und erwärmter Haut. Bistros und Restaurants, sogar die Straßen selbst, waren voll wie Rio zum Karneval. Toulouse. Mein erstes warmes Wochenende.

Ich flog nach Toulouse, diesmal von Finkenwerder aus. zusammen mit dutzenden Airbus Menschen, die sich gegenseitig mit ihrer verkäuferähnlichen Freundlichkeit in die Ferne heimleuchteten. Sie hatten ihre eigene Sprache. Es war so ein Deutsch-Englisch-Gemisch, das mit ein paar Luftfahrt-Fremdworten angereichert war und mich irgendwie an schwach angereichertes Uran erinnerte. Es war zwar Deutsch, aber irgendwie auch wieder nicht. Der Flug war angenehm, bis auf das die Airbus-Mitarbeiter nach einem langen Begrüßungsritual die Angewohnheit haben, in gleichzeitige roboterhafte Produktivität zu verfallen. Das Geklimper auf ihren Laptops ließ den Flugzeugrumpf erbeben. Ich hatte sofort Bilder von einer Galeere im Kopf, in der die Sklaven zum Takt der Trommel ruderten.

Bei mir im Kopf herrschte gerade Palastrevolution. Ich bekam nichts mehr hin. Nichts lief mehr. Panisch rannte ich durch die Gänge. Doch alle Ideen die ich traf nahmen reiß aus vor mir, rannten in alle Himmelsrichtungen, um ja nicht von mir gepackt zu werden. Ich verstand meine Welt nicht mehr. Schon immer konnte ich schreiben. Klar, das Meiste war nur durchschnittliches Zeugs, manches war sogar richtig schlecht, besonders die alten Sachen von früher. Aber Irgendetwas kam immer. Irgendein Tropfen, drückte sich aus der Tube, hinein in meinen Palast und verarbeitet hinaus in die Welt. Und heute? Nichts. Rein gar nichts. Ich hatte schon oft von Schreibblockaden gehört. Freunde hatten mir davon erzählt, mir ihr Leid, ihre Angst geklagt, warum sie wegen ihr des Nachts nicht schlafen konnten. Manche hatten wirklich panische Angst davor. Viele tranken deswegen. Entweder aus Angst davor, oder um sich von Selbiger abzulenken. Angst lähmte nämlich nicht nur das Schreiben. Es lähmt Alles.

Das ist mit der Schreibangst ist so, wie wenn man nicht an rosa Elefanten denken wollte. An was dachte man dann? Genau. Und jetzt hatte ich den Salat. Sie hatte mich gepackt. Meine erste Schreibblockade.

Bevor ich in den Flieger stieg, machte ich es mir den Abend vorher noch einmal gemütlich. Ich las ein zornig-böses Buch: Rede an den kleinen Mann, von Wilhelm Reich. Der gute Wilhelm schrieb wirklich herrlich, nachdem er in mit einigen kurzsichtigen US-Behörden zu tun bekam, die seine wissenschaftliche Arbeit blockierten Das passte gut zu meiner Aufbruch-Stimmung und meiner eigenen Unzufriedenheit. Ich trank einige Gläser Rotwein. Als die Flasche alle war, merkte ich dass ich auch viel geraucht hatte. In solchen Momenten hatte ich oft Geistesblitze. Diese These verfolgte mich schon ewig: Wenn ich es mir zu gemütlich machte, mich zu sehr einrichtete in meinem Leben, wenn ich zu komfortabel, zu schön lebte, dann machte sich meine Kreativität aus dem Staub. Jedenfalls hatte ich diese Vermutung eines Tages aufgestellt. Denn die richtigen Knaller waren immer von traurigen, depressiven Trinkern geschrieben, die im Leben alles andere als auf der Gewinnerseite standen. Viele Schreiberlinge waren deformierte Gestalten. Sonderlinge, Gebrandmarkte. Im Grunde beschädigte Ware. Randgruppen waren sie jedenfalls alle. Ich sah mich früher natürlich nicht als Solche, wurde aber schnell eines Besseren belehrt. Jedenfalls aus Sicht der Anderen. Ich selbst fand mich sehr normal. Stattdessen fand ich die Normalen und Gewöhnlichen, schwer unnatürlich und unnormal, oft sogar richtig ungesund, jedenfalls im Hinblick aufs Leben. Wenn alles um uns herum irgendwann perfekt war und es immer mehr Stillstand gab, dann hörte das Leben auf. Es fror ein. Ich konnte es überall um mich herum sehen: Sogar bei mir selber: Mangel, Wut und Zorn bringen Erstaunliches zustande. Wenn ich sie verlor, war der Ofen aus. Offensichtlich hatte ich den Punkt in Hamburg erreicht. Ich musste weg, musste mich erneuern. Ich hatte ein Déjà-Vu.

Als ich letzten September einen Monat auf meiner Insel war, hatte ich das Gleiche: Erste Andeutungen von einer Schreibblockade. Alles war so wunderschön, die Natur, das Essen, die Weine, einfach alles, so dass mein Gedächtnispalast in Urlaub ging und nichts Buntes mehr ausspuckte. Jetzt hatte ich es wieder und ich merkte, wie die Einschläge dichter kamen, immer dichter. Die Phasen der Leere, der Einfallslosigkeit kamen immer häufiger, immer schneller und hielten immer länger an. Ich musste etwas ändern, hatte aber keine Ahnung was. Wie konnte ich mich erneuern? Wie? Wie konnte ich mich erneuern und mir gleichzeitig ein geiziges Maß an Beständigkeit und Stabilität erhalten, das klein genug war, meine Kreativität und Fantasie zu beflügeln, aber groß genug, um mir Ruhe und Entspannung zu verschaffen? Wie? Habe ich deswegen diese drei Tiere erschaffen, die mich darstellen, in deren Rollen ich reinschlüpfen konnte, wann immer ich wollte, um mir Entertainment und Ablenkung zu verschaffen? Abwechslung? Ich meine nicht. Aber konnte ich mir sicher sein? Was bedeutet sich sicher sein? Wann konnte man sicher sein, etwas zu wissen, eine Sache verstanden zu haben? Ich war mir da oft unsicher. Je älter ich wurde, je mehr ich wusste, aber desto weniger verstand ich. Wenn mich jemand fragen würde, was ich gut kann, würde ich lange überlegen müssen. Wenn man mich fragen würde, was ich weiß, würde es noch länger dauern.

Ich versuche so viel zu wissen wie ich kann, aber das heißt noch lange nicht, das ich viel weiß. Im Gegenteil. Ich versuche alles Erdenkliche zu wissen, aber ich weiß kaum was. Warum? Weil ich die Dinge kaum verstehe, oder weil ich die vermeintlichen Erklärungen nicht begreife. Vieles davon verstehe ich nämlich nicht. Es macht für mich keinen Sinn und dann bin ich raus. Ich finde das sehr anstrengend, vor allen Dingen deswegen, weil ich kaum etwas tun kann, was ich nicht vorher verstanden habe.

Meine Schreibblockade ist vielleicht keine. Eventuell ist es einfach eine kurze vorrübergehende Pause an Einfällen. Das kann schon mal passieren. Oder vielleicht ist es doch eine Ideen-Blockade? Woher sollte ich das wissen? Die meisten Dinge glaubte ich kaum und das Meiste wusste ich nicht. Was sollte ich tun? Darüber schreiben, dass ich nicht mehr viele Einfälle habe? Das interessierte doch niemanden. Kein Mensch will die Schattenseiten seines Gegenübers kennen. Niemand. Natürlich ärgert mich das. Die Gleichgültigkeit der Menschen ist furchtbar. Nicht gleichgültig zu sein, aber gelassen und entspannt zu sein und vor allen Dingen zu bleiben, ist wirklich die größte Herausforderung für den Menschen.

Wie komme ich eigentlich jetzt da wieder drauf? Ach so: meine vermeintliche Schreibblockade, ihre Folgen, mein kaum vorhandenes Wissen und die Peinlichkeit darüber zu schreiben. Aber ich schäm mich nicht dafür, wirklich nicht. Über seine Schreibblockade zu reden ist das Gleiche wie über die eigene Inkontinenz zu referieren. Das ist mutig, aber keiner will es wissen. Es ist das, was man gerne lieber nicht gewusst hätte. Wobei, wenn ich darüber nachdenke, kann es gar keine sein. Über die Nichtigkeiten des Alltags zu schreiben, ist doch eine tolle Sache. Das ganze Leben ist Alltag und sein Jetzt. Wenn mein Jetzt gerade aus dem Rahmen fällt, weil es mal etwas düsterer ist, so ist es doch trotzdem mein Leben. Darüber zu schreiben ist doch nicht peinlich, im Gegenteil: Ich finde es……mein Gott ist das ein Scheiß, den ich hier zusammenschreibe. Das ist ja kaum auszuhalten und dann noch im Flugzeug.

Ich trat aus dem Flughafen: Das Licht, die Luft, einfach herrlich. Ein wenig wie auf Mallorca. Es roch so leicht und würzig, mit einer Prise Ozon, von den ersten starken Sonnenstrahlen erbrochen. Als Mietauto gab es ein Mini. Ganz modern war der, so ganz ohne Zündschlüssel und so. Ich schmiss meine Sachen hinten rein und fuhr zum Place Esqirol, dort wo ich unterkommen sollte. Ich fuhr den Mini in das unterirdische Parkhaus und ging zur Garonne. Mich zog es immer zum Wasser.

Ich konnte sie schon riechen, da sah ich sie: Träge wie Quecksilber floss sie durch die Stadt. Erste kräftige Sonnenstrahlen ließen die Natur……