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Interview – Odyssee 2020 CW02

Letzte Woche habe ich schlussendlich mit dem großen Sterben aufgehört, was mich selber zum Nachdenken einlud, mal kurz zu hinterfragen, worum es mir eigentlich geht – also:

„Worum geht es dir?“

„Mir? Hm, gute Frage.“

„Ja, dir.“

„Mir geht es um Sinnhaftigkeit meiner Zeit.“

„Okay, was meinst du damit?“

„Naja, dass ich mit meiner Zeit etwas Sinnvolles….“

„Schon klar, ich denke wir können ein wenig das Tempo erhöhen, immerhin kennen wir uns.“

„Indeed!“

„Okay, was zum Beispiel ist etwas Sinnvolles für dich?“

„Ich reise gerne. Neugierig bin ich auch. Alles möchte ich verstehen. Zum Beispiel…“

„Warte kurz: Also reisen und lernen? Was noch?“

„Halt mal, wir machen das ganz anders, es fängt an mich zu langweilen, daher…“

„Was, jetzt schon? Wir haben doch eben erst….“

„Ja und? Und wenn schon, wir machen das anders, ich wusste schon immer, dass ich ein großer Freund der Mäeutik bin, dass ich sie im Grunde mein Leben lang……“

„Der was? Wie heißt das, Mä….?“

„Ist nicht wichtig, erklär ich dir später, pass auf: Unser Tag hat 24 Stunden, nicht wahr?“

„Hey Moment, erklär mir erst mal….“

„Nein, können wir später Machen. Oder kannst du selber nachlesen, los jetzt, komm schon…“

„Ausnahmsweise! Aber freundlich ist anders, das ist dir hoffentlich…..“

„Ich habe nie gesagt, das sich freundlich bin, im Gegenteil. Man zählt mich nicht zu den Netten. Also, weiter, wir waren bei den 24 Stunden, d’accord?“

„Na klar, blöde Frage, wie soll ich….“

„Sie ist nicht blöd, wirst du gleich merken. Wie viele Stunden Schlaf brauchst du so im Mittel, sechs, sieben, acht oder wie oder was…?“

„Sieben wären schon gut, warum…?“

„Okay, bleiben uns 17h übrig. Wieviel Zeit investierst du für Aufstehen, Anziehen, Umziehen, auf Klo gehen und dich Bettfertig machen, wie viel?“

„Wie bitte? Keine Ahnung…“

„Ey, keine Ahnung ist die einzige Antwort die nicht akzeptiert wird, wen sonst, wenn nicht dich soll ich fragen, deine Mutter? Also, noch mal, wie lange?“

„Na, warte, lass mich mal nachdenken, na vielleicht 1h Stunde?“

„Eine nur? Das glaubst du doch selber nicht. Siehst du was passiert? Du hast keine Ahnung, womit du deine Zeit, dein Leben verbringst. Ich fragte nach Allin, schon vergessen?“

„Okay, okay – sagen wir zwei Stunden. Ja, das ist vermutlich realistischer glaube ich, weil…“

„Kapiert, also bleiben uns noch 15 Stunden vom Tag übrig, richtig?“

„Genau!“

„Gut, wieviel Zeit nimmst du dir für deine Mahlzeiten? Sind sie dir wichtig? Oder ist essen für dich nur eine Notwendigkeit?“

„Hm, eigentlich ist Essen und Trinken mir schon wichtig, doch. Ich würde sagen, dass ich mir Zeit dafür nehme und gerne genieße, warum…?“

„Na komm, da kommst du selber drauf, oder?“

„Achso, okay. Ja, kapiert. Wieviel Zeit, lass mich mal nachdenken. So als Jahresmittel, Urlaub und so nicht mit hinzugezogen, okay?“

„Wie du willst, es ist dein Leben.“

„Bestimmt weitere zwei Stunden.“

„Okay, merkst du was? Wir sind bei 13 Stunden angelangt. Wie ist das mit Sport? Bewegst du dich, oder sitzt du nur noch rum und wartest, dass die Knochen einrosten?“

„Klar, mache ich Sport. Vielleicht pro Tag eine weitere Stunde…..?“

„Okay, macht 12h als Rest. Merkst was? Schon 50% des Tages ist rum, ohne dass wir von Arbeit, Hobbys, Familie, Einkaufen oder deinen großen Träumen und Zielen gesprochen haben…“

„Wie krass!“

„Genau, hin und wieder macht es Sinn da hinzuschauen. Also, weiter geht‘s. Was ist dir wichtig im Leben? Du sprachst von Sinnhaftigkeit. Bis jetzt haben wir nur davon geplaudert, dass…..“

„Liebe und Leidenschaft finde ich….“

„Jetzt wird es gemütlich, also Partnerschaft, Freunde, Familie….“

„Genau. Teilen finde ich grundsätzlich schön, aber damit meine ich…“

„Nicht nur Partnerschaft, sondern teilen mit Menschen im Allgemeinen…“

„Absolut! Mit den Menschen teilen, die mir wichtig sind bedeutet für mich, zusammen eine höhere Frequenz als alleine zu haben. Man spürt das sofort, wenn man mit jemandem zusammen ist. Entweder fühlt man sich wohl, oder nicht. Dazwischen gibt es genauso wenig, wie halb-schwanger sein!“

„Siehst du?“

„Was?“

„Wir sind immer noch nicht bei Hobbys und Arbeit. Kommen wir da heute noch hin, oder machen wir das ein…..?“

„Nein, nein. Machen wir alles heute, ich wollte nur sagen, dass….“

„Wenn du das heute machen willst, müssen wir etwas gezielter vorgehen, weil du mir sonst wieder ausbrichst und wie ein Jeck hin und her hüpfst. Also, womit willst du…?“

„Stimmt. Ich muss mich….“

„Natürlich, also wieviel Zeit wendest du….?“

„Halt mal, so haben wir nicht gewettet…..“

„Was meinst du..?“

„Wir reden von meinem Leben. Wir wollen doch mein Wertvollstes nicht zu einer rein zeitökonomischen Rechnerei verkommen lassen, oder was?“

„Nein, natürlich nicht. Aber letztendlich ist alles eine Frage der limitierten Lebenszeit, die uns allen bleibt. Stell dir vor, du hättest die Diagnose Krebs, mit maximal einem Jahr Lebenserwartung. Was würdest du tun?“

„Das ist ein böses Beispiel. Wie soll ich mich…“

„Ist es das? Warum? Was ändert es, wenn du dein Ende weißt, oder nicht weißt? Warum würde sich was für dich ändern? Würdest du nicht grundsätzlich die für dich wichtigsten Dinge deines Lebens, an jedem deiner Tage tun, als könnte er dein Letzter sein? Und wenn du das nicht tust, wie kannst du jemals etwas anderes getan haben, wo du dein Ende nicht kennst?“

„Ich finde das ein ziemlich schweres und ernstes Thema. Können wir nicht von etwas Fröhlicherem…?“

„Warum ist dein Ende etwas Trauriges für dich? Wir reden nur davon, was dir im Leben wichtig ist, weil du damit angefangen hast, sinnhafte Dinge in deinem Leben tun zu wollen. Also, was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hast? Denn in Wahrheit musst du so handeln, weil du dein Ende nicht kennst. Los doch, erzähl mal…“

„Hm, vermutlich würde ich mich nur noch auf die Dinge konzentrieren, die mir eine Herzensangelegenheit sind und die mir restlos gut tun.“

„Nicht schlecht. Das setzt voraus, dass du weißt, welche das sind, was wiederum voraussetzt, dass du wissen musst, wer du bist und was du brauchst, um dich wohl zu fühlen. Weißt du all das…?“

„Ich meine schon. Bücher sind mir wichtig. Zum Lesen und meine eigenen. Reisen muss ich deswegen, viel rumkommen, weil die Abwechslung mir und meiner Neugier gut tut und weil sie mich inspiriert…“

„Klingt überschaubar, wenig ausgefallen. Sonst nichts? Das war es?“

„Natürlich macht all das mit einer Partnerin mehr, manches macht dann doppelt viel Spaß. Aber ja, mehr ist es nicht.“

„Wow! Und? Klappt das, bekommst du alles unter einen Hut, oder hättest du gerne mehr Zeit..?“

„Jetzt muss ich vorsichtig sein, was ich meine, spüre, denke und sage….“

„Warum, was ist los…?“

„Broterwerb brauchen wir alle, damit wir ein Dach überm Kopf und einen halbwegs gefüllten Kühlschrank haben. Sollten manche dem nicht nachgehen müssen, so stellen sich am Ende die gleichen Fragen, nämlich, was machen wir mit der kurzen oder langen Zeit, je nachdem, wie sie uns vorkommt – was?“

„Und was fiel dir jetzt schwer, bei dieser Unterhaltung? Die war doch recht kurzweilig…..“

„Na komm. Immer kommst du mit so ernsten Themen. Kannst du nicht mal mit was Leichtverdaulichem antanzen? Muss es immer diese schwere Kost sein?“

„Du meinst Ablenkung, Entertainment, Müßiggang…?

„Ha, das hatte ich nicht erwähnt….!“

„Was?“

„Müßiggang. Den lasse ich mit in meinen Tag einfließen, in dem ich mir viel Zeit für die Dinge nehme, um mich meinen Tagträumereien hingeben zu können. Macht bestimmt eine Stunde pro Tag, mindestens…“

„Dann sind wir also bei 11 Stunden. Jeden Tag hast du den?“

„Naja, schon, würde ich sagen. Zumindest nehme ich mir das vor und versuche genug kreative Inseln im Meer des Alltags stehen zu lassen, um sie zwischendurch aufzusuchen…“

„Finde ich gut, dass du das….“

„Natürlich gelingt mir das nicht jeden Tag. Aber ich versuche…“

„Darum geht es, dass du es ständig…..“

„Genau, sehe ich auch so…..“

„Lass uns noch mal zusammen auf den Tod schauen….“

„Warum denn das nun wieder, wir haben doch eben…?“

„Weil du eine wichtige Frage nicht beantwortet hast, vielleicht weil du nicht kannst, oder nicht willst. Genau das will ich herausfinden. Also, wenn du….“

„Manchmal kannst du ganz schon nerven…..“

„Hatten wir nicht am Anfang verabredet uns konzentrieren zu wollen, um…?“

„Okay, okay. Hast Recht. Hatten wir gesagt. Welche Frage….?“

„Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest….?

„Hm, keine einfache Frage……“

„Lass dir Zeit, aber nicht zu viel. Geht alles von deiner Lebenszeit ab….!“

„Ist natürlich nur hypothetisch, ist klar oder? Wie sich das anfühlt, wenn man so eine Diagnose bekommt, wissen nur jene, die das erleben mussten. Ich glaube ich würde nichts anderes machen als heute…“

„Tatsächlich? Alles gleich, nichts würdest du ändern….?“

„Ich glaube schon. All meinen Ballast habe ich bereits vor Jahren über Bord geworfen. Übrig geblieben ist, was ich mit dir geteilt habe. Nein, ich würde nichts anders machen……“

„Und was ist mit Zeit? Hast du genug Zeit für die Dinge, die dir….?“

„Können wir das bitte auf nächstes Wochenende verschieben? Irgendwie langt es mir jetzt, meinst du nicht?“

„Hm, gerade bin ich mir unschlüssig, wer hier eigentlich Chef ist, ich, deine Vernunft, oder du, das Es und Über-Es…?“

„Ist das wichtig? Langt nicht, dass einer von uns beiden keinen Bock mehr hat….?“

„Und jetzt? Was willst du machen? Dich ablenken, oder was….?“

„Naja, keine Ahnung. Vielleicht will ich mir darüber keine Gedanken machen und mich von dir die ganze Zeit ausfragen lassen. Manchmal will man einfach nicht denken, oder spüren, sondern einfach nur sein..“

„Echt?“

„In echt!“

„Na gut. Wollen wir uns dann für nächstes Wochenende schon einmal…?“

„Können wir das nicht offen und ungeplant auf uns zukommen lassen…?“

„Naja, schon. Aber da unsere Zeit knapp ist, dachte ich, dass es dir….!“

„Schluss jetzt! Geh zurück auf deine dunkle Jang-Seite……“

„Na gut. Bis später….“

„Tschüß….“

 

Odyssee 2019 – CW38

Mein vorerst letzter Montag bei den Hellenen. Die letzten Wochen stecken mir tief in den Knochen. Vieles habe ich erwartet. Und doch hat meine Vorstellung nicht für DAS gereicht, was ich hier täglich erlebe. Eine Woche gleicht mehr einem Monat, oftmals sogar noch mehr. Mit den Notizen klappt das nur mäßig. Zu sehr bin ich von den Momenten überwältigt. Mein Gedächtnispalast ist dafür hell erleuchtet. Monsieur Thalamus hat schon oft signalisiert, dass er, im wahrsten Sinne sozusagen, fertig mit den Nerven ist. Heimlich freut er sich natürlich und ist zugleich froh, dass ich lang genug schlafe, wo er langsamer machen kann.

Heute knattere ich Richtung Souda, einem nahen Hafen bei Chania; haben ziemlich viel Militär hier, denk ich und halte mich nicht länger damit auf. Mein Ziel: Chania. Möchte mir Zeit für den alten venezianischen Hafen und seinen Leuchtturm machen. Ich schlängle mich durch die Altstadt und schlüpfe irgendwie aus der Blechschlange, parke irgendwo direkt am Hafen. Gemütlich schlendere ich in seine Richtung. Die Sonne ist nach wie vor mächtig; angenehm zwar mit dem Wind, doch starke Nerven fordernd, wenn er ruht. Es riecht nach Meerwasser und Fisch. Überall wimmelt es von kleinen Tavernen. Ein paar Ausstellungen gibt es hier und da; Kunst, ein wenig Geschichte, von Allem ein wenig. Wellrauschen, Möwen schreien mit Kleinkindern um die Wette.

Touristen erkennt man schnell. Sie sind sauberer. Ihre Kleidung zieren leuchtende Farben. Ihre Finger sind rein und weiß, wie die eines Klavierspielers. Tätowierungen und SUV’s bleiben die letzten Abenteuer des reichen Westens. Im Osten bleibt einem nur noch das blanke Überleben. Bestimmt ist das Leben hier in manchen Momenten schön und wundervoll, doch mit Sicherheit häufiger hart und unbarmherzig. Vielleicht einer der Gründe, warum Griechen so sehr im Moment leben, als wäre es ihr Letzter.

Abends bin ich in der Tabakeria, einem sehr guten Fischrestaurant, direkt am Hafen. Tische stehen im Sand, Sonnenuntergang inklusive. Mein Gott, was für eine Location. Viele griechische Wohlbetuchte umzingeln mich. Ich höre Griechisch, Englisch, Italienisch und Deutsch. Ich bestelle meinen ersten frischen gegrillten Oktopus, es folgt ein frisches, ebenfalls gegrilltes Schwertfischfilet, sowie einen tollen Weißen dazu. Still genieße ich andächtig diesen Gaumenschmaus. Selbst meine Gedanken schweigen, um Sonnenuntergang und Leben zu genießen. Zum Glück kann niemand das jeden Tag haben. Man könnte es nicht aushalten.

Langsam fahre ich gegen Mitternacht zurück nach Douliana, trinke meinen letzten Raki, höre noch ein wenig entspannte Musik, ziehe meine Knie ans Kinn, lasse die Daumen an der Hand und schwebe langsam davon, bis mich erste Träume umschließen und Morpheus mir wieder auf die Schultern schlägt.

Ein ebenfalls letzter Dienstag, vorerst – Nur langsam komme ich hoch. Ein sumpfiger schergewichtiger Traum zerrt noch ein paar letzte Momente an mir, bis ich, immer mehr, da bin. Ich koche mir einen Kaffee, tunke ein paar Kekse hinein und sitze an der Sonne, sonst nichts. Brauche meinen morgendlichen Ablauf, um den Vortag ausreichend verdauen, um wieder atmen und Neues erleben zu können. Andernfalls würde ich den lieben Monsieur Thalamus auf dem Gewissen haben.

Heute will ich zum Leuchtturm von Drepano, der nördlichste Punkt Kreta’s. Eigentlich ist das nicht weit, aber ich habe schon ein paarmal erlebt, wie schnell man sich hier verfransen kann, wie schnell man dann für zehn Kilometer mal eben über ne Stunde braucht. Langsam knattere ich Richtung Küste. Ungezählte Kurven schlängle ich mich entlang, vorbei an unendlichen Reihen Kaktusfeigen, die wie stachelige Soldaten Spalier stehen. Ein paarmal biege ich ab, aber nicht oft. Ich meine in der richtigen Richtung unterwegs zu sein und lande irgendwann in der Pampa, mit einem üblen Schotterweg vor mir. Ich schaue nochmal auf mein Smartphone und siehe da: Ich bin nur einmal falsch abgebogen und schwupp’s ist man komplett raus.

Wende ich halt. Langsam rolle ich talwärts, finde den richtigen Abzweiger und schlängle mich wieder empor, immer weiter hinauf zum, Kliff. Langsam öffnet sich die gedrungene Landschaft; endlich, das Meer. Glatt, metallisch-glänzend liegt es vor mir. Ein paar krause Falten, lassen weiße Kronen wachsen. Ich fahre weiter, bis ans äußerste Ende. Schamlos liegen nackte Felsen nebeneinander; hier und da wächst Moos, die Luft ist erfüllt von Salbei und Rosmarin. Hin und wieder quillt verführerischer Feigenduft irgendwo in den Himmel empor; salzig geschwängert um-wabert mich Meeres-Luft; noch ein paar hundert Meter, da ist er.

Klein, gedrungen steht er an der Kante, denke ich und parke meinen Blechesel. Wie rau und schön es hier ist. Langsam komme ich dahinter, was Schriftsteller und Philosophen, wie Perikles Giannopoulous und Dimitrios Liantinis antrieb. Mein Gott, beim großen Zeus, ich verstehe sie. Stundenlang sitze ich nur da und blicke auf Land und Meer. Ein Kreuzfahrtschiff läuft aus. Eine kleine Fregatte, der griechischen Marine; ein paar kleine Fischerboote fahren herum; hier und dort ankert eins. Ein paar Insekten finden Gefallen an meinem Apfel. Auch der Wind bekommt Appetit und flaut immer weiter ab, während ich Stück für Stück meine Kleidung ablege, bis ich nur noch in Unterhose vor den Göttern sitze, weswegen diese zu mir herablächeln und mich gewähren lassen.

Abends dann mein letzter Abend bei Giannis. Stella’s Mann, der auch Giannis heißt, gesellt sich zu mir. Ich biete ihm von meinem Weißwein an; wir prosten uns zu, bis mein Essen kommt und Giannis (der junge Wirt) dem älteren Giannis ebenfalls Lamm hinstellt, damit wir zusammen essen können. Wein fließt in Strömen. Schnell sitzen beide Giannis bei mir. Munter prosten wir uns zu. Irgendwann wechseln wir auf Raki.

Giannis der Ältere holt sein Komboloi heraus, eine kleine Perlenkette, die zur Grundausstattung des gepflegten griechischen Mannes zählt. Er spielt mit ihr herum, eine Art Zeitvertreib, mit ziemlich hohem meditativem Potenzial. Er bestätigt, dass es ein kulturellen Hintergrund hat, noch weit vor byzantinischen Zeiten. Man vermutet, dass schon die alten Griechen diese Perlenschnüre hatten, als eine Art Glücksbringer. Mir macht es Freude zuzuschauen, das Klicken der Perlen zu hören, was meiner Schläfrigkeit unterstützt, bis wir drei zufrieden heimgehen und ich mich leise lächelnd ins Bett fallen lasse.

Bettenwechsel am Mittwoch – Nach einem ausgedehnten Frühstück packe ich meine Sachen, verabschiede mich von Stella und Giannis und fahre glücklich in Douliana los, grobe Richtung Iraklio. Mein Ziel, Damasta, mein kleines Bergdörfchen, daßß* sich widerspenstig, hoch in den Bergen Kretas, seit Jahrhunderten festklammert. Ich nehme nicht die Bundesstraße, sondern habe mir fest vorgenommen, über die Berge dorthin zu gelangen.

Langsam, wie eine kleine Zahnradbahn klettere ich mit meiner kleinen Enduro die steilen Hügel hinauf, um sie im gleichen Tempo wieder zu verlassen. Mühselig hangle ich mich durch dutzende Bergdörfer, schwinge mich zum Eingang, eines ärmer, bunter und schöner als das andere, die nur noch von den Menschen selber übertroffen werden, besonders die Alten, denen ich allen freundlich zunicke und die alle, fast überschwänglich zurückwinken, manche fröhlich lachen, oder es mir einfach nur nachmachen, freundlich, mit scheren Augen zurückzunicken. So passiere ich sie alle, schraube mich von einer Serpentine in die nächste Senke, umfahre Felsen und komme zum Nächsten , dessen Ausgang ich genauso beeindruckt verlasse, wie all die anderen zuvor.

Vier Stunden später überquere ich in Damasta die Ziellinie, das genauso still, wie eh und je der Zeit beim weiterfahren zusieht. Zorba wartet auf mich, um mir die Schlüssel zu übergeben, und um mit mir, natürlich ein paar Raki’s zu trinken, bevor er sich wieder auf nach Iraklio macht, um dort bis spät am Abend zu arbeiten. Heute hat Katys Taverna geschlossen, weswegen ich mich müde in den nächsten Ort schleppe, um dort ein Omelet mit ein paar leckeren Beilagen zu essen, sowie einen Retzina trinke, der mir genauso gut bekommt, wie der Strauß Raki’s später in meiner Hütte, die ich zufrieden auf meiner Bank an der Straße trinke, um jedem Farmer, der mit seinem Pickup vorbeirauscht zuzuprosten und ein laut schallendes SPERA und freudiges Hupen zu ernten. Leicht fallen Monsieur Thalamus und ich in einen bleiernen Schlaf.

Donnerstag – Kaffee und Kekse auf meiner Bank in Damasta. Meine lange Griechenlandrundfahrt nähert sich dem Ende zu. Es kommt mir länger als ein halbes Jahr vor; in manchen Momenten wie ein Ganzes. Heute will ich Lyktos suchen, Kinderstube vom großen Zeus. Neugierig trabe ich mit meinem Rappen Richtung Osten, wieder über Berge und komme nach über zwei Stunden in Kastelli, einem Fliegerhorst an, in dessen Nähe der geheimnisumwobene Ort liegen soll, wo der oberste aller griechischen Götter ausgetragen und Teile seiner Kindheit verleben durfte. Ein wenig mühselig ist es, bis ich ein verblasstes Ortsschild mit einem Hinweis darauf finde.

Nachdem ich einen staubigen Feldweg, voller Löcher, übersäht mit gewaltigen Steinen langsam durchfahre, stehe ich davor, eine kleine Kapelle, auf dem Gipfel eines Berges. Andächtig klettere ich hinauf. Überall sind alte Schriftzeichen in Steine geschlagen. Und die Steine sind alt, sehr alt, aus der sie gebaut wurde; keine Ahnung wie alt sie sein mag; sie scheint keinen Kirchlichen Hintergrund zu haben, als ich um sie herumgehe, meinen Blick in alle Himmelsrichtung schweifen lasse, trifft mich der Schlag; der ganze Berg ist umgeben von Mauern, Türmen, alten Mühlen, Räumen und prächtigen Ruinen. Ist wunderschön, ganz allein hier sein zu dürfen. Still esse ich zwei Äpfel, lausche dem Wind, höre in weiter Ferne die ein oder andere Glocke einer grasenden Ziege oder kauenden Schafe.

Ein wenig streune ich herum und finde, ein völlig unentdecktes, überwachsendes kleines Gebäude, dessen Wände und Dach eingestürzt sind. Säulen liegen darin herum. Marmorplatten liegen zersplittert daneben. Griechische Schriftzeichen sind sorgfältig in Steine geschlagen worden. Hier und da liegen Reste eines alten Tonkruges herum, vermutlich Wein, oder Olivenöl. Wieso hat das noch niemand entdeckt? Oder hat man und kann sich mangels Geldes nicht darum kümmern? Wenn ich ehrlich sein soll, gefällt mir der Gedanke daran, dass man diese Stätte so offen, frei und ungeschützt sich selbst überlässt und Schafe und Ziegen darin weiden lässt, am Ursprünglichsten, im Grunde am Schönsten.

Alte Monumente einzuzäunen und versuchen für die Unsterblichkeit zu konservieren, finde ich irgendwie widerwärtig. Man empfindet sie doch erst als historische Monumente, weil sie uralt und verfallen sind. Außerdem sind Dinge doch schon sehr resistent, wenn sie viele 1000 Jahre überleben und noch sicht.- und begehbar sind. Lyktos ist für mich einer der schönsten altgriechischen Plätze überhaupt. Nicht so, wie die Akropolis in Athen. Aber Mykene nicht unähnlich, eben nicht mehr glamourös und mächtig sondern weit über tausend Jahre älter.

Schwer beeindruckt ziehe ich von dannen, nachdem ich mit einem alten Schäfer ein paar Worte gewechselt habe und ihm zuschaue, wie er sich, von ständigen Pausen unterbrochen, den Berg hochschleppt, auf den er in jungen Jahren vermutlich genauso beschwingt emporstürmte, wie ich es vor wenigen Stunden tat. Er sieht noch recht vital aus, scheint aber über neunzig zu sein, was vermutlich auch für seinen Toyota-Pickup gilt, der übelst verbeult neben meiner Enduro steht.

Abends dann überraschendes Essen in Malia – ein alter Freund ist mit seiner Freundin in einem Touri-Hotel untergekommen. Ich freue mich riesig ihn zu sehen, jedoch ist die Umgebung für mich völlig befremdlich. Überall Deutsche. Abendbrot von 18-21:00 Uhr. Frühstück von 6-10:00. Spinnen die denn hier alle? Glücklicherweise essen wir außerhalb in einer Taverna – hier scheint es zumindest griechisch aussehendes Essen zu geben. Das Essen ist mittelmäßig. Wäre mein Griechisch besser, hätte ich es denen um die Ohren gehauen. So belasse ich es dabei, da ich merke, dass die beiden eigentlich nur ihre Ruhe, am besten alles wie in Deutschland haben wollen, nur eben mit Sonne, der Gegenentwurf, zu meinem Idealurlaub.

Dennoch aufs Höchste erfreut umarmen wir uns bei der Verabschiedung und lesen beide zwischen den Zeilen, dass wir in unterschiedlichen Welten leben, was nichts macht. Müssen ja nicht alle das Gleiche wollen. Unglaublich erleichtert fahre ich mit meinem treuen Pferd Richtung Iraklio und reite die Berge hinauf zu Damasta, um selig und in Frieden dort einzuschlummern.

Freitag – heute werde ich meinen zweiten Tag am Strand erleben und das nicht an irgendeinem, sondern in Kommos, was auch der alte Minoische Hafen von Phaistos liegt. Die Sonne strahlt wie jeden Tag üppig vom Himmel. Gemütlich schüssel ich nach einem langsamen Kaffee, mit gedipptem Keks in Richtung Lybisches Meer, ja richtig gelesen, Lybisches Meer. Kommos liegt nur 300km gegenüber von Afrika und so sind auch die Temperaturen hier.

Mit warmem Wind im Gesicht geht es die Berge hinunter, an Iraklio, ungezählten kleinen Dörfern vorbei, entlang an Phaistos, um im heißen Wüstensand zu stranden und meinem ersten Hippie und FKK-Erlebnis in die Arme zu laufen. Da das Historische Komos abgeriegelt ist, um die Ausgrabungen nicht zu gefährden, bleibt mir nur der Blick durch den Zaun, weswegen ich aber eher zum Schwimmen im Lybischen Meer komme, zum ersten Mal seit dreißig Jahren nackt! Was für ein Erlebnis. Überall liegen langhaarige Hippies, mit unermesslich viel Ruhe und Zeit. Hin und wieder geht einer schwimmen, um zehn Minuten später wieder frisch abgekühlt heraus zukommen und sich wieder in die Sonne zu legen. Für mich der schönste Strand, den ich je gesehen habe. Leer, nur mit Ortsansässigen und einer Frieden preisenden Kultur gesprenkelt.

Nach vielen Stunden mache ich mich bereit für die Abreise. Ich spüre, wie meine Zeit in Griechenland zu Ende geht, es aber nicht will, weil ich eigentlich hier bleiben, einfach so weitermachen möchte. Zwei Stunden fahre ich nachdenklich und langsam zurück nach Damasta, um mein erstes Abendessen bei Katy zu haben. Sie freut sich riesig und schimpft nochmal mit mir, wegen meinem kleinen Abflug im Juni, um mir ohne Umschweife wunderbare gegrillte Lamm-Koteletts zu bringen, zusammen mit Tsaziki und einem Krug Weißwein.

Wir plaudern ein wenig. Langsam gesellen sich neue Worte zu meinem kleinen Griechisch. Wir bekommen mehr gesprochen, als im Juni. Ein paar Farmer aus dem Dorf kommen dazu, geben mir einer nach dem anderen einen aus und lassen mir keine Möglichkeit, mich zu revangieren. Bis kurz vor Mitternacht sitzen wir, bis wir uns alle nach Hause trollen, um am nächsten Morgen wieder raus aufs weite Feld, oder durchs schöne Griechenland zu ziehen.

Samstag – mein letzter ganzer Tag in Hellas. Schwer komme ich aus dem Strudel frei, mache mir einen großen Kaffee und dippe meine Kekse. Heute will ich nach Anogia, ein Ort hoch in den Bergen, der in der Vergangenheit eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Deutsche Besatzung spielte. Ein weiterer zwei Stunden langer Ritt hinauf in die Berge, um am Ende vor einem sehr schroff aussehenden Ort zu stehen, wo der Wind kalt bläst, bei höchstens zehn Grad. Weiter oben liegt der Minoische Ort Zomintha, den man erst 1986 entdeckt hat, weswegen ich ihn genauso eingezäunt vorfinde, wie Kommos und nichts anderes tun kann, als durch den Zahn zu schauen, um ein paar Fotos zu machen, was mir ganz entgegen kommt, da es hier wirklich arschkalt ist!

Abendessen mit Zorba und Maria, meine Hosts in Damasta. Wir feiern lang und ausgedehnt. Wein fließt in Strömen, Raki heute mal nicht. Katy und ich stoßen mit Whisky an. Es bleibt nicht bei einem, nicht nur, weil eine kleine Hochzeitsgesellschafft, bestehend aus 10 Frauen zwischen 20 und 25, uns ständig neuen hinstellt, bis ich irgendwann gegen zwei Uhr nachts am Ende meiner Geduld bin, meine Augen offen zu halten und meine letzte Nacht in Hellas antrete, fürs Erste!

Sonntag – der Tag meiner Abreise. Stumm packe ich. Trinke Kaffee, dippe Kekse, gehe rüber zu Vicky, drücke sie, belade meinen kleinen Packesel und fahre, einfach so, ohne mich umzuschauen, runter nach Iraklio, um meine kleine Enduro abzugeben, durch das Security-Gate zu gehen und nach Toulouse zu fliegen, einfach so, als wäre nichts gewesen. Doch Aegean-Airways wurde betrogen: Sie transportierten nur meinen Körper nach Frankreich. Geist und Seele sind immer noch dort, fühle ich, als ich diese Worte von meiner Griechenland-Rundfahrt 2019 tippe und hochlade…..

*das „ßß“ ist aus Protest gesetzt, für all die hässlichen Rechtschreibreformän, sowie diese blöde Audokorrekduhr, die einem die Worte mit ständig roten, oder blaun Streifen unterrmalt, um mich darauf hinzuweisen – was weiß Microsoft schon, von der Evolution von Sprachen…..!!