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News, Satire, Geschichten und Wahnsinn aus dem Alltag.

Smartphones retten die Welt – Teil2

Ich lebe im Stadtzentrum von Toulouse. Meine Wohnanlage war früher mal ein altes Kloster. Es ist völlig verbaut und verschachtelt, wie die Katakomben Roms. Überall gibt es Innenhöfe. Zusammengeflochtene Häuser bilden weit verschachtelte Gruppen, die dominokettengleich kleine Carées bilden, mal zu drei, oder vier Stockwerken aufgetürmt.

Einfachheit und Größe laden nur Studenten und Niedriglohnverdiener ein hier zu leben. Der asphaltierte Innenhof in den ich gucke misst dreißig mal dreißig Meter; Mandelbäume sorgen für einen Hauch Natur und Garten. Mir gegenüber wohnen ein paar ausgelassene Genossen, die ihre Stadtfahrräder dauergemietet haben.

Bei Sonnenschein pflegen die Genossen auf ihnen herumzufahren, manchmal ein paar Minuten, oft aber auch über Stunden. Den Figuren die sie fahren sind natürliche Grenzen gesetzt. Achten sind ihr Liebstes. Kreise sind auch oft dabei, oder Rechtecke mit abgerundeten Ecken. Oft telefonieren sie dabei mit ihren Smartphones.

Da Mützetragen auch im Sommer verbreitet ist, klemmen sich die Nachbarn ihr Telefone gerne darunter; wenn sie ohne Kopfbedeckung fahren ist einhändiges Fahren erstes Gebot. Fast immer telefonieren sie über Lautsprecher, halten also das Gerät in zwanzig bis dreißig Zentimeter Abstand vor den Mund und sprechen lauthals zur Muschel. Manche wiederum hören einfach nur Musik und singen mit.

Wenn die Sonne scheint, trauen sich auch junge Damen raus. Enge Sportleggins und Trainingshosen sind immer noch modern. Schminke und Makeup sind Pflicht. Zigarette rauchend stehen die Damen am Rand der Manage, in der sich die mutigen Radfahrer Hals über Kopf stürzen, um ihre beeindruckenden Runden zu drehen.

Je später die Stunde, desto lauter die Gespräche. Ich finde das normal. Alkohol hat eine wunderbar einladende Wirkung, auch wenn wir es oft von uns schieben. Er enthemmt uns, lässt uns Dinge sagen und machen, die wir uns sonst nie trauen würden.

Die rasanten Fahrten der Hasardeure haben mich oft von einer brennenden Frage abgelenkt: Warum fahren sie nicht durch Stadt und schauen sich die Welt an? Warum bevorzugen sie ihr Gehege? Sind es die Freunde, die ihnen applaudieren? Oder sind es die reizenden Damen, die sie mit ihren Kunststücken beeindrucken?

Ziehen sie ihre kompakte Welt, mit den bekannten festen Größen der großen weiten Welt da draußen vor? Ist Bekanntes attraktiver und leichter zu beeindrucken als Unbekanntes?

Sind offene Tore einladender als Geschlossene?

Ist Freiheit ein Segen?

Oder gar Glück?

 

Smartphones retten die Welt – Teil1

Seit ich hier wieder regelmäßig schreibe, kommen auch erste Leserbriefe. Manche sind ganz nett, andere dafür weniger. Eine Leserin gar schreibt, ich zitiere – „Sie freue sich, dass ich wieder meine Sicht auf das Leben mit den Menschen teile und darüber schreibe, wenngleich sie die Art und Weise nicht so sehr mag, weil ich mich über die Menschen lustig mache“- Zitat Ende.

Hm, da musste ich erst einmal in mich gehen, was diese Aussage mit mir macht, wo ich mir doch eigentlich Gedanken über die Rettung der Erde mache – man muss die Dinge im Leben eben nehmen, wie sie kommen. In Wahrheit kann ich nämlich gar nicht viel zum Leserbrief der netten Leserin sagen, außer vielleicht, dass ich mich natürlich über UNS Menschen im Allgemeinen lustig mache – natürlich – und es schließt mich selbst ein. Ich mache mich über mich selber sogar am meisten lustig.

Humor und Satire ist doch das Einzige, was uns Menschen bleibt, oder nicht?

Über sich und die Menschen zu lachen ist gesund – solange man es liebevoll und mit Respekt & Achtsamkeit tut. Das Leben liefert unendlich viel Material, über das man schreiben sollte. Jeden Tag, jede Stunde und Minute. Atemberaubend finde ich, wie wenig wir Menschen davon mitkriegen und ich meine damit jeden – egal ob er beim Staat, oder in der Firmen-Leitung eines börsennotierten Konzerns sitzt – Aktion-gleich-Reaktion – allerdings muss ich sagen, dass es sich leichter sagen, als leben lässt, gerade im Zwischenmenschlichen – in Partnerschaften ist es ganz besonders herausfordernd.

Aber ich schweife ab und das will ich nicht; daher jetzt, an dieser Stelle meine These: Ich behaupte, die Digitalisierung wird den Planeten retten – genau genommen vermute ich, sind es die Smartphones, die die Welt retten.

Ja, richtig gelesen – die Smartphones.

Im Gegenzug wird uns die Digitalisierung dafür den gesunden Menschenverstand abtrainieren, bis wir uns – wenn wir nicht aufpassen – zur Kaulquappe zurückentwickeln, wir vorher in einer hoffentlich fernen Zukunft zuerst wieder auf allen Vieren krabbeln, uns von Ast zu Ast hangeln, bis wir uns zum Quastenflosser, zum Fisch weiterentwickeln und irgendwann eben, wie schon erwähnt, als connected Smart-Plankton im Weltenmeer herumtreiben, bis der Zyklus von vorne beginnt.

Aber wieso? Ist einfach erzählt. Das Phänomen hat sogar einen Namen:

Das Schweinegatter-Gesetz.

Nicht, dass die Landwirtschaft jetzt die Welt rettet, ganz besonders nicht, wo Agrar und Chemie-Riesen Gen-Futter und Dünger wie Oblaten verteilen – es ist eine süße kleine wahre Geschichte, über ein Schweinchen mit dem niedlichen Namen Kurt.

So wie ich mich erinnere, war Kurt eines von sechs oder sieben kleinen Ferkeln – keine Ahnung, ob das Erste, Letzte oder sonst etwas. Kurt jedenfalls war neugierig und fragte den Bauern:

-Wieso leben wir in einem Gehege? Warum sind wir eingesperrt?

-Nun, lieber Kurt: Was willst du denn als Hausschwein anderes machen, außer durch das Gatter in die Welt schauen?

-Vielleicht möchte ich mir die Welt ansehen?

-Wirklich, willst du das, Kurt?

-Ja, würde ich!, insistierte das kleine tapfere Ferkel, als der Bauer plötzlich um die Ecke ging und das große Gatter öffnete.

-So, du bist frei. Geh wohin du willst, hinaus in die große weite Welt.

Vorsichtig ging Kurt durch das offene Gatter; es war riesig-groß – er kam sich auf einmal ganz klein und verloren vor, jetzt wo in seinem Zuhause dies gewaltige Loch klaffte; Kurt staunte und blieb minutenlang sprachlos stehen und machte ein paar Schritte vorwärts, hinaus aus dem Gatter; zum ersten Mal im Leben bekam er einen Geschmack davon, was es hieß frei zu sein. Ein wenig fühlte er sich von der Größe der Welt erschlagen.

-Wie groß ist denn die Welt?, fragte Kurt den Bauern, weil er zumindest eine Vorstellung haben wollte.

-Bis ans Ende des Horizontes und noch viel weiter, antwortete dieser.

-Ist das sehr weit?, fragte Kurt den Bauern, weil er bis heute sein Gatter nur von innen kannte.

-Auf jeden Fall größer als dein Gehege, lieber Kurt – aber schau es dir selber an – geh.

-Wohin denn?, fragte Kurt und wurde immer kleinlauter und stiller.

-Wohin du möchtest; das nennt sich Freiheit, liebes Kurtchen.

Irgendwie musste Kurt einräumen, dass ihn diese komische Freiheit ganz schön erschlägt und ihn kleinlaut werden lässt, so klein, dass er es mit der Angst zu tun bekam, noch dazu, wo ihm niemand sagte, wo er hingehen sollte; der Bauer meinte sogar, dass er gehen könne, wohin er will; was sollte das bloß heißen? Und woher sollte er wissen, wohin?

Wind strich Kurt um die Nase; es war ihm ein wenig frisch um den rosa Bauch. Noch immer stand er einige Meter in der unbekannten Freiheit. Langsam drehte er sich um und blickte zurück in sein Zuhause, dass ihm auf einmal ganz behaglich und gemütlich vorkam. Aufkommender Tumult drinnen im Stall ließ ihn aufhorchen. Seine Brüder und Schwestern grunzten aufgeregt herum, die Abendbrotzeit nahte. Dann schaute Kurt wieder nach vorne in die weite Welt. Kalter Wind bließ ihm entgegen, längst hatte sein Magen angefangen zu knurren. Vergnügtes Grunzen der Herde ließ ihn lächeln, bevor er fröhlich in sein Gehege zurücklief.

-Geht nichts, über ein schönes Zuhause, wo alles seinen Platz und Ordnung hat und den gewohnten Gang ging, dachte Kurt und war glücklich über sein Leben, besonders, als er zum reichlich gefüllten Trog rannte und sich mit Schwung zwischen seine Brüder und Schwestern schmiss. Sofort wärmten die vielen Körper seinen kleinen rosa Leib.

Kurt freute sich – er freute sich so sehr, dass er sogar eine kleine Freudenträne wegdrückte, als er über sein Leben nachdachte und kräftig zulangte und sich den Magen so vollschlug, wie lange nicht mehr, dass er sich danach in sein kleines Bettchen einrollte und mit wunderschönen Schweineträumen davonflog.

 

Neue Nummer

Techno wummert mir entgegen, als ich in den Frisör-Salon eintrete – so, wie immer. Da Cindy alleine ist und für ihre kranke Kollegin einspringt, heißt das Zauberwort, Entschleunigung. Ich schmeiß mich in einen der schwarz-bezogenen Shampoonier-Stühle, von denen es vier in der Reihe gibt, den höflichen Anweisungen Cindys folgend.

Gerade sitze ich ein paar Minuten und fang an, meinen geistigen Leerlauf zu genießen – das ist in etwas so, wie wenn man den Kopf mit warmen, flüssigen und goldenen Sonnenlicht auffüllt und das warm-weiß-gelbe Licht genießt, das einem den Kopf von innen neu tapeziert, bis nichts mehr übrig ist als Freude, Zufriedenheit, eine angenehme Schwingung – als Madamme Pierette sich neben mich schmeißt und lossprudelt:

-Das hält man im Kopf nicht aus, seit drei Wochen geht das jetzt….

-Was denn? , ich bin schon abgehängt, bevor sie beschleunigt, Wahnsinn die Dame.

-Mit dem verdammten Telefon…!

-Was ist denn damit….achja, stimmt, habe ich gemerkt, als ich anrufen wollte – tatsächlich versuchte ich Mittwoch oder Donnerstag anzurufen, wählte die eingespeicherte Nummer, woraufhin mir die weibliche Stimme mitteilte, dass diese Nummer leider nicht mehr erreichbar ist – ich natürlich gedacht, dass ich mich bestimmt vertippt hatte, woraufhin ich es noch ein paar Mal versucht hatte, mit immer dem gleichen Ergebnis.

-Diese Penner haben mir meine Telefonnummer abgeklemmt, einfach so, von heute auf Morgen. Verdammt, ich habe einen Frisörsalon, alle Kunden Machen Termine telefonisch ab….

-Ja, wie kann denn das sein? Ich habe es dreimal versucht und habe dann…

-Zuerst rufe ich bei den Orange-Heinis an, da geht so ein Algerier an die Strippe; ich habe nichts gegen andere Länder und Kulturen, geschweige deren Sprachen, im Gegenteil, aber wenn die mir einen Typen in den Telefonservice setzen, der kaum meine Sprache spricht, wie soll denn dann Kundenser…

-Das ist ja verrückt; stimmt, nachdem ich dreimal…..

-Nach zwanzig Minuten bestätigt er mir, dass….

-das ging dann aber flott! ,ich fange an zu lachen, meinen Faden habe ich längst verloren; ich versuche ihn später einzuweben, wenn mir Mme Pierrette Raum lässt…

-dass ich jetzt so einen neue Telefonbox bekomme, wegen der Umstellung von analog zu digital; ich so zu ihm – Kollege, schicken Sie mir das einfach her, was sie da für mich haben…..

-Und, kam was an, außer ner Rechnung….? , ich ahne es wird bunt….

-Drei tage später kommt so ein express-liefer-fuzzi genau zu der Zeit, wo ich zur Bank gehe, will Cindy das Paket nicht geben und lässt mich stattdessen zur Post laufen, inklusive fünfzehn Euro extra-kosten für erschwerte Zulieferung, ist das zu glauben?

-Im Ernst?, ihre übergroße Brille rutscht aufgeregt auf ihrer Nase hin und her, so wie ihre lange Wollmütze, die sie trotz angenehmer Temperaturen trägt, weil ihre zwei Millimeter kurzgeschorenen weißen Haare nicht genug wärmen und sie als ungefähr siebzig Jahre alte südfranzösische Pflanze sowieso immer friert, sobald es kälter als fünfundzwanzig Grad ist….

-Im Ernst; das Beste aber ist, dass ich zwar jetzt so ne Box hatte, aber immer noch keine neue Telefon-Nummer; hatten sie vergessen zu vergeben…und sowieso müsse ein Techniker kommen, der die Box anschließt; das könne ich nicht einfach selber machen….

-Das gibts gar nicht…!

-Doch, die Box von Orange, der Techniker von France Telecom; am fünften Tag kam er dann, bohrte sich lange in der Nase, Gott sei Dank nirgendwo anders, klemmt die bescheuerte Box an, was genau zehn Minuten dauert und jedes Kind gekonnt hätte, worauf ich…

-Was? So schnell und dafür all der…?

-Genau, ganz genau dafür! Und dann händigt er mir eine Rechnung aus, die er in einem Umschlag überreicht; ich ahnte schon warum; sobald du den Umschlag angenommen hast, stimmst du nämlich den Konditionen zu; ich also schnell aufgerissen und sehe unten rechts fünfundachtzig euro….!

-Wie bitte, für die paar Minuten…?

-Aber ne Telefonnummer hatte ich immer noch nicht…..als der Vogel flüchten will, frag ich ihn nach meiner neuen Nummer, worauf er nur lächelt und mir fröhlich-arrogant erwidert, er wäre nur Techniker und installiere Boxen…mit den Nummern hat er nichts zu schaffen….!

-Das kann doch nicht wahr sein….

-Ich also wieder die Hotline angerufen, diesmal keinen Araber, sondern irgendeinen Inder, den ich auch kaum verstehen konnte; ich so, Leute – wo bleibt meine Nummer – er so, die ist unterwegs – ich so, wie unterwegs, sie haben mich doch am Telefon….geben sie mir doch einfach jetzt die nummer durch….ich habe ein Geschäft….….worauf der Vogel einfach seinen Text wiederholt, dass die nummer unterwegs sei und alles……

-Weißt du, woher ich eigentlich deine neue….

-ich habe die doch noch gar nicht….!! Langsam wird sie porös die Arme.

-Was für eine Nummer ist denn die, die ich…..

-Meine private Handynummer; ich habe die im Internet angegeben, damit mich überhaupt irgend-jemand erreicht…das ist doch verrückt, zum ausflippen; ich suche schon kameras in den Ecken; das kann unmöglich echt sein, das alles hier!

-Da muss man ja schon am frühen Morgen einen Aperitif haben und abends munter nachschenken…

Vor Aufregung beginnt sie mit ihren bunten Sandalen über den Boden zu scharren, in den ihre dunkelbraunroten sockenlosen Füße stecken – die Sandalen sehen aus wie von einem zehnjährigen Mädchen…vermutlich sind das ihre, die sie bekam als sie klein war…..ich stelle sie mir gerade vor, wie sie wohl ausgesehen hatte, mit zehn Jahren, vermutlich wie Intschoschi, Winnetous Schwester, während die Lautsprecher knackige Techno-Klangteppiche unter uns ausbreiten und wir wie lustige, psychedelische bunte Bälle von diesen elktronischen Bass-Flächen hin und hergeschüttelt werden, dass ich auch beim dritten Mal überhöre, das Cindy mir zubrüllt:

-Setz dich schon mal auf den freien Stuhl, damit wir anfangen können…..

Während mein Kopf von warmem Gold, viel orange und metallisch-industriellen Klangmustern besetzt ist, bis ein Arm nach mir greift und mich vor dem Spiegel pflanzt und der Rasierer hinter meinem Ohr aufgesetzt wird und mir eine Brandschutzschneise in den Schädel fräst, dass ich zusammenfahre und Cindy nachsetzt:

-neun oder? wir fangen immer mit neun an, nicht wahr?

Im Spiegel sieht es eher nach zwei, als neun aus – ich nicke einfach und lass sie mir die Rübe schaben – manchmal muss man einfach laufen lassen…..

 

 

Der Blog ist tot – lang lebe der Blog!

Seit einiger Zeit schreibe ich nicht mehr regelmäßig. Früher konnte man die Uhr nach mir stellen, zumindest auf diesem Blog – egal was passierte, jeden Sonntag gab es eine neue Geschichte. So ging das über Jahre. Irgendwann, keine Ahnung weswegen, fing ich an herumzuexperimentieren. Ich lud Auszüge neuer Büchern genauso fröhlich hoch, wie Neu-überarbeitetes, das schon mal das Licht der Welt erblickt hatte, in der Hoffnung, dass die Schminke verbarg, dass es zum Hauptgang Wiedergekäutes gab.

Seit dem, nimmt die Leserschaft radikal ab – keine Überraschung – der Preis fürs Herumprobieren. Ich glaube nämlich, in Wahrheit können wir Menschen mit zuviel Veränderung nicht umgehen – können vielleicht, wollen wir aber nicht. Ich verstehe das. Oft geht es mir ähnlich. Ist zu anstrengend. Wir brauchen unsere Rituale – Kaffee und Frühstücksei am Morgen, Mittagessen immer pünktlich um 12:30 mit anschließender Zigarette oder Zigarre, Abendbrot 18:30 – Tagesschau im direkten Anschluss. Wir lieben das – das gibt uns Halt und Stabilität, verleht unserem Leben Rhythmus, den eigenen Klang.

Mein Blog hat so ein Diagnose-Tool, das mir genau sagt, wie viele Besucher ich habe. Damit kann man angeblich eine ganze Menge machen – ich leider nicht. Ich mag Technologie, so ist es nicht – im Gegenteil, ich verstehe sie meistens recht flott und kann sie daher heilmachen, wenn sie kaputt geht – bei digitaler Technologie scheinen meine Fähigkeiten eingeschränkt zu sein, auch was den Zugang, das Verständnis von Oberflächen angeht – offensichtlich beruht das auf Gegenseitigkeit, denn seit mein Blog vor kurzem ein paar Software-Updates bekommen hat, funktionieren diverse Tools nicht mehr – unter anderem das, naja – ihr ahnt es schon.

Erst sagt man mir, dass ich all das brauche und wenn ich zustimme, wird mir der Zugang verweigert. Komische Zeiten sind das. Ich für meinen Teil mache meine Temperaturmessung jetzt anders – anstelle das digitale Fieberthermometer unter die Zunge zu legen, stecke ich es jetzt wieder an den bekannten altmodischen Ort!

Früher habe ich regelmäßig Nachrichten bekommen, wie gut oder schlecht meine Arbeit ist – manch ein Brief war länger als der von mir geschriebene Text. Heute kommt gar nichts mehr. Ich brauche kein Diagnose-Toolkit, um zu merken, dass kein Schwein meinen Blog liest. Ich kann mir doch selber einen Reim darauf machen – vielleicht ist er einfach langweilig und öde geworden.

Wenn man ohne Leidenschaft zusammenhanglose Leseproben rauspustet, muss man sich nicht wundern, dass die Welt genauso reagiert – leidenschaftslos und gelangweilt. Das Schöne dabei ist, dass ich ganz alleine etwas daran ändern kann – und genau das mache ich: Ab heute, einen Tag vor dem 198zigsten Jahrestag der griechischen Revolution, verspreche ich feierlich, dass ich ab sofort wieder jeden Sonntag schreiben werde – und zwar ausschließlich über Dinge aus meinem ganz normalen Alltags-Wahnsinn, versprochen!

Genug gibt es ja – im Gegenteil, es hat sich sogar reichlich was angestaut – gestern war wieder so ein glorreicher Tag. Der Freitag kündigte schon ein spannendes Wochenende an, als mich beim Broterwerb zwei Kollegen anbrüllten, dass sie mich und mein Projekt nicht brauchen würden – komischerweise haben sie sich vorher beschwert, dass sie kein Geld für dieses Jahr von mir bekommen haben, weswegen sie jetzt offensichtlich schmollen. Eigentlich möchten sie mitmachen, aber wenn ich frage, was sie konkret damit tun, dann drucksen sie rum. Ich verstehe das. Haben ist besser als Brauchen. Aber die Firma in der ich mein Brot verdiene ist keine karitative NGO, echt nicht!

Wohin ich auch sehe, überall das gleiche Muster – Menschen entfernen sich und insistieren, dass sie mich nicht brauchen – ist völlig in Ordnung. Warum manche es aber herausbrüllen müssen und sich insgeheim trotzdem eine Zusammenarbeit wünschen, kann ich nur dunkel erahnen – ich hoffe, es gelingt mir genau so wie bei meinem Blog.

Ich bin irritiert.

Natürlich weiß ich, dass nicht die ganze Welt Don Tango Bücher mag – im Gegenteil: Die Leserschaft ist wirklich überschaubar, verglichen zu sieben Milliarden Erdbewohnern, mit maximal 100 Millionen, die der deutscen Sprach emächtig sind. Da gibt es schon ein paar, denen nicht gefällt, was ich schreibe – aber schreit man deswegen im Supermarkt das feingemahlene Espressokaffeepulver an, dass man es nicht mag? Eher nicht, oder? Man sieht hin, lächelt, nickt vielleicht, denkt sich – ne du, lass mal und geht lächelnd weiter, zu den anderen Angeboten.

Wieder saß ich auf meinem Esel mit gesenkter Lanze vor Windmühlen. Es war daher nur natürlich, dass es am Samstag damit weiterging.

Zum Frisör wollte ich.

Madamme Pierette hat den coolsten Salon der Welt – ich habe schon mal darüber geschrieben. Mme P. ist eine schlaue Frau, sie nimmt nur Bargeld – weil man aber in Südfrankreich, selbst in halbverlassenen Dörfern, jede Lakritz-Schnecke mit der Kreditkarte bezahlen kann, habe ich selten welches bei mir. Ich also los.

-Stimmt da hinten in der Rue des Tourneurs steht ein Automat!

Gemessenen Schrittes geh ich 13:59 los. Salon-Termin? 14:00 – darf man wohl südeuropäische Pünktlichkeit nennen – hat nichts mit mangelndem Respekt zu tun, sondern nur damit, dass ich nicht an Bargeld gedacht hatte.. Als ich vor dem Automaten steh und fröhlich meine Karte zücke, sehe ich einen bunten Farbfleck auf dem verbrannten Display – das System ließ hinter der verkrusteten Plastikborke ein wild-zuckendes Hitze-Blitze-Gewitter herabrieseln – live wurde ich Zeuge seines verfrühten Ablebens, um in den IT-Himmel aufzusteigen und irgendwann als Staubsauger-Steuerung wiedergeboren zu werden.

Hier gab es Nichts zu holen, wenn ich nicht riskieren wollte, dass die sterbende Maschine meine Karte mit in den Tartarus hinunterzieht.

-Okay, denke ich – es gibt noch andere Geldmaschinen im Viertel.

14:05.

Keine drei Minuten um die Ecke steuere ich den nächsten Automaten an – Credit Agricolle hieß der in einladenden sanften Farben bemalte Kollege, den man wohlwissend schon mal mit einer robusten Massiv-Holz-Verkleidung verrammelt hatte, immerhin in passendem Türkis, um Corporate-Identity zu demonstrieren – offensichtlich schützt man sogar in Südfrankreich sein Eigentum. Wundervoll, dachte ich – immer noch bestens gelaunt.

14:08.

Als ich den nächsten Automaten ansteuere, frage ich mich, ob ich als Chef von Credit-Agricolle, den 2 Minuten um die Ecke stehenden Automaten ungeschützt, den hier eben gerade benannten Kollegen aber dafür wie Fort Knox einsam und verlassen, vor seinen verdienten Beschädigungen bewahre – mitnichten. Ebenfalls hermetisch abgeriegelt kamen alle folgenden Automaten daher, womit meine Chancen, Bargeld für meinen Haarschnitt zu bekommen, beträchtlich sanken – unabhängig davon, dass ich mich wie ein Spielzeug-Auto einer verstaubten Carrera-Bahn fühlte, dass achterbahn-gleiche Schleifen im Viertel drehte.

In ferner Zukunft sah ich mich schon mit schulterlangem Haar herumlaufen. Vielleicht keine schlechte Idee, spart man doch Zeit und Geld, ganz zu schweigen von den Nerven.

Irgendwann fand ich eine Santander-Bank. Offenkundig hatte die spanische Konkurrenz keine Ahnung, was hier am Wochenende zwischen Demonstranten und Gendarmerie abging. Zwar war auch dies Display mit einem fröhlich-aufgesprühten Mattschwarz verziert – gesegnet sei die südeuropäische Kreativität – was meine einfallsreichen Vorgänger nicht davon abhielt, neuralgisch wichtige Stellen freizukratzen – wie herrlich, Einfallsreichtum auf beiden Seiten. Es klappte. Ich bekam Geld, dazu einen reichlichen Nachschlag Zuversicht, sowie eine Gratis-Verspätung von 30 Minuten.

14:30

In Madamme Pierettes Salon wummerte wie immer unermüdlicher Elektro auf die Straße – brav und ehrlich entschuldigte ich mich, für die unverzeihliche Verspätung. Cindy, die bunt tätowierte, Metall behangene, fröhlich-frankophone Asiatin, begrüßte mich mit trällerndem Toulouser-Akzent, wiederholte mehrmals, dass meine Verspätung überhaupt kein Problem sei, weil ihre ernüchternden Worten zeigen sollten, dass auch Verspätung, auf beiden Seiten vorherrschen sollte – Kreativität und Pünktlichkeit mit gleichem Ernst gelebt – Frankreich konnte ein Paradies sein.

Cindy erörterte mir mit ihrer lebhaft vor meiner Nase herumtanzenden Schere, die sie teilweise wie einen Degen hielt, dass ihre Kollegin wegen Krankheit ausgefallen sei und sie daher erst Marine fertig machen müsse – die wohl schon vor Stunden in den Seessel vor mir ausgegossen worden war und sich just in diesem Moment langsam und geduldig zu mir umdrehte und mich das explodierte Sofakissen auf ihrem Kopf so stark beeindruckte, dass ich offensichtlich keinen besonders intelligenten Gesichtsausdruck machte und überhörte, wie sie Pierre und Nicolas ebenfalls mitaufzählte, die wie Orgelpfeifen auf ihren Sitzen kauerten und ebenfalls vor mir dran zu sein schien.

So ließ ich mich ein wenig erschöpft, dafür gelassen auf einen der Shampoonier-Plätze nieder, um mir Mme Pierettes Geschichte ihrer neuen Telefon-Nummer anzuhören – aber dazu mehr am nächsten Wochenende.

VG – euer Don.