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News, Satire, Geschichten und Wahnsinn aus dem Alltag.

Esel und Prinz – Odyssee 2021 CW14

11.Apil – Nach langer Zeit besuchte der kleine Prinz seinen Freund, den Esel. Wie all die Jahre fand er ihn in seiner kleinen Casita, drunten am Meer, an der Platja. Stahlende Sonne empfang ihn, als der Esel fröhlich von drinnen rief – komm rein, komm rein, es ist offen! – Nachdem sie sich herzlich umarmt hatten, bot der Esel ein Glas Weißwein ein, um gemeinsam anzustoßen.

„Prost, mein Lieber – schön dass du wieder mal vorbeischaust!“

„Ganz meinerseits -zum Wohl!“

Sie tranken einen großen Schluck und freuten sich, nach so vielen Jahren, wieder einander zu begegnen. Nachdem der kleine Prinz sich ein wenig umsah, bemerkte er, wie sehr sich der kleine Stall des Esels verändert hatte.

Überall standen Pflanzen rum, ein paar Vasen mit frischen Schnittblumen prunkten stolz auf einem gläsernen Tisch; auch ihn gab es früher nicht, während der kleine Prinz auch über die vielen Bilder staunte, sowie die vielen Postkarten, bunten Flaschenöffner, Tablettendosen, verschiedene Aschenbecher aus Jade, Granit, Messing und eine große Auswahl von Wanderstöcken und Regenschrimen, die in allen Varianten, Farben und Größen daherkamen.

„Wo hast du denn die vielen Andenken her und vor Allem, wieso bist du hier drinnen, wo draußen so ein schönes Wetter ist?“

„Hast du denn nicht von den gefährlichen Viren gehört, die zur Zeit die Welt da draußen in eine gefährliche Wildnis verwandelt haben?“ Mit offenem Mund stand der kleine Prinz in der bunt geschmückten Casita des Esels und kratzte sich am Kinn.

„Meinst du diese Grippe, von der alle reden?“ Plötzlich fing der Esel zu lachen an, so sehr, dass er sich den Bauch hielt. Nachdem er sich Tränen der Freude aus den Augen wischte, stemmte er stolz die Hufe in die Hüfte und sprach:

„Grippe? Na du machst mir Spaß! Hast du nicht die Nachrichten gehört, wie viele Abertausende Menschen schon gestorben sind? Wie die Fliegen fallen die um, man kommt gar nicht hinterher, sie zu beerdigen, hast du das nicht gehört? Du meine Güte in welcher Welt lebst du denn, kleiner Prinz?“

Ein wenig beschämt blickte der kleine Prinz zu Boden. Er wusste nicht so recht, was er jetzt sagen konnte, entschloss sich jedoch schluss-endlich bei seiner Sicht der Wahrheit zu bleiben.

„Natürlich habe ich davon gehört, aber fliegen nicht ständig irgendwelche Viren in der Luft herum? Also, ich meine heute, jetzt, morgen, aber auch gestern? Willst du denn solange in deiner Casita bleiben, bis jemand Entwarnung ausspricht?“

Schnaubend vor Zorn, scharrte der Esel mit den Hufen und senkte den Kopf, wie ein wilder Stier.

„Es ist gefährlich rauszugehen; ich schütze auch die anderen, wenn ich hier drinnen bleibe…ich bin nicht so gedankenlos und egoistisch, wie du…“

Ohne auf diese Spitze einzugehen, lächelte der kleine Prinz und ging nicht weiter darauf ein, wusste er doch, dass der Esel sehr dickköpfig sein konnte. Stattdessen, nahm er sich vor, ihm ein wenig von seiner Sicht zu vermitteln, denn auch der kleine Prinz wusste von den diesen neuen Viren, die in vielen verantwortungslosen Medien Killer-Viren genannt wurden, weswegen sich der kleine Prinz entschloss, diesem geistigen Gift, keinen Nährboden zu geben.

„Was ist, wenn die Entwarnung nie kommt? Und vor Allem, warum lässt du jemand anderen über deine Freiheit bestimmen? Wie jeder Esel musst auch du hin und wieder raus und frische Luft tanken und dich bewegen; jeden Tag kann dir doch ein Missgeschick geschehen, du kannst einen Fehltritt, unten bei den Klippen machen und stürzt in die tödliche Tiefe.

Auch davor kann dich niemand schützen; ein Risiko, deine Gesundheit zu schwächen hast du doch dein ganzes Leben…“ Auf einmal lächelte der Esel verschlagen, so, als wenn der heilige Gal vor seinen Füßen lag.

„Schau mal, kleiner Prinz; das mag für dich jetzt merkwürdig klingen, aber für Esel wie mich, die schon ihr ganzes Leben draußen waren, ist es eine schöne Abwechslung, jetzt endlich mehr Zeit drinnen verbringen zu können; ich kann mich um meine Inneneinrichtung kümmern, mir endlich Zeit zum Kochen nehmen und endlich mal gründlich aufräumen, so wie ich es seit Jahren schon wollte.

Du glaubst gar nicht, wie befriedigend es sein kann, sich beim Betrachten der vielen Andenken daran zu erinnern, was ich schon alles gesehen habe, ich bin priviligiert, weißt du das eigntlich? Ich habe genug essen und trinken, ein Dach über den Kopf, ein schönes Bett, bin gesund, so werde ich glatt hundert Jahr alt, wenn ich nicht aufpasse…“, worüber sich der Esel kaputt lachte. Nachdenklich sah der kleine Prinz seinen Freund an.

„Dir ist also Sicherheit und Gesundheit wichtiger als Freiheit…?“

„Ja aber natürlich…“ Als der kleine Prinz das hörte fing stattdessen er an zu lachen.

„Dann könntest du ab jetzt den Rest deines Lebens hier verbringen?“

„Aber natürlich, ich habe doch schon alles gsehen…?“

„Und was ist mit den jungen Generationen? Willst du die alle einsperren…?“ Da schwieg der Esel zum ersten Mal und blickte betrübt zu Boden. Seine ganze Freude und Überlegenheit war plötzlich wie verflogen, quasi, als hätte es sie nie gegeben.

„Ich habe Angst…“

„Wovor…?“

„Vor dem Virus und das ich mich anstecke und ganz schnell sterbe…“

„Warum hattest du denn nicht vorher all die Jahre die gleiche Angst, wenn das Leben doch ähnlich gefährlich war…?“

„Keine Ahnung, irgendwie ist mir mein Optimismus abhanden gekommen…“ Da schlang der kleine Prinz seine Arme um den Hals des Esel und umarmte seinen Freund.

„Pass auf, wir beide gehen jetzt zusammen runter ans Meer, so wie früher, du wirst sehen, dass gibt dir Kraft und Zuversicht und im Nu sind deine Sorgen wie weggeblasen; so ein kleines Virus wird doch so einen stolzen Esel wie dich nicht ins Bockshorn jagen, und wenn wir unten sind, suchst du dir etwas Schönes vom Strandgut aus und nimmst es als Andenken mit zu dir in deine Casita…“

Da lächelte der Esel und strahlte über alle vier Backen, dass selbst die Blumen weiter zu wachsen schienen. Gemeinsam trabten sie gemütlich runter ans Wasser, so wie früher und erzählten sich Geschichten von früher und von morgen, weil sie auch schon weitere Pläne für die Tage danach machten…

Und so geschah es…

Ochsen und Messer – Odyssee 2021 CW13

Oster-Sonntag, 04.Apil – Richtig, falsch oder neutral blieben die Kategorien, in denen D seine Welt erschloss. D bemühte sich, seinen philosophischen Anspruch in seinem Alltag anzuwenden; besonders leicht ging ihm dies bei Wein von der Hand.

Natürlich kannte D nicht alle Rotweine der Welt, vermutlich blieb es ein verschwindend kleiner Teil, den er in seinem Leben bis heute kosten durfte, was nichts daran änderte, dass es mehr als Beispielsweise zehn waren; realistischen Einschätzungen nach mussten es bereits mehr als hundert gewesen sein, womit D zumindest für sich eine statistisch beweisbare Aussage machen konnte, woraus sich über die Jahre passende Begrifflichkeiten weiterentwickelt hatten, wie eben richtig und falsch.

Ein für D’s Gaumen, leichter Rotwein aus dem Ahrtal blieb für ihn so leichtgewichtig, dass er sie tendenziell zu den falschen als zu den neutralen Rotweinen einordnete, abhängig davon, wieviel Charakter sie hatten; kamen sie mit heraus-schmeckbarem Körper daher, schafften sie es in D’s Wein-Liga immerhin auf einen soliden neutralen Platz.

Natürlich wollte D nicht jeden Tag den gleichen Wein trinken, was alleine schon deshalb schwierig blieb, weil er ja täglich in anderen Stimmungen und Momenten lebte, weswegen er auch mit anderen Geschmacks-Idealvorstellungen daherkam, so dass sich in der Familie der „Richtigen“ eine bunte Mischung südeuropäischer Rotweine angesammelt hatte, die D’s Leben verschönerten.

So auch diesen Ostersonntag.

Perikles von Korinth hatte sich nach langem wieder mal angekündigt. P, wie D ihn gerne nannte, hatte einen ähnlichen Weingeschmack und auch sonst sich ähnelnde Rituale, weswegen sie sich vorgenommen hatten, mal wieder einander physisch zu-zu-prosten.

Ein Krug „Sang de Bou“ stand auf dem Tisch, den D leichthändig über dem Tisch kreisen ließ, das P an Kettenkarusselle und Achterbahnen dachte, als der Krug dann leicht nachwippend vor ihm halt machte und mit lautem Gluckern seinen Kelch füllte.

D war in Hochstimmung.

Durchaus mochte es an den Tonbechern liegen, die er sich bereits zu Gemüte geführt hatte, bevor P seine gute Stube betat, die ihm bereits einen nicht zu unterschätzenden Vorsprung gaben, sowie Kredit auf Nachmittag und Abend auszahlten, das Perikles sich achtungsvoll am Tisch festhielt, als D seinen Trinkspruch hinterherschob – que fa rem – was auf mallorquinisch so viel hieß wie „man kann nichts machen / oder was soll man machen?“ und D seinen Becher augenzwinkernd zum Mund führte, nicht ohne zufriedene Seufzer aus tiefster Kehle strömen zu lassen.

Nachdem die andächtige Stille, kulturell angemessen untermalt durch das gurgelnde Schlucken der zwei angegrauten Kater, ausreichend gefüllt und schlussendlich vertrieben wurde, machten sich beide mit einem erwartungsvollen Dialog-Sparring warm, dass sich beide wohlig fühlten und am Zusammensein labten.

„So, mein Lieber – da wären wir mal wieder; und..?“

„Wie und…?“

„Du weißt mindestens so gut wie ich, dass es sich hier um eine Art Einleitung, quasi eine Brücke handelt, um einen angeregten Dialog mit dir zu beginnen, in dessen Zentrum eine hoffentlich anspruchsvolle These steht; du weißt, wie sehr mich belangloses Palieren langweilt…“

„Aber natürlich…wenngleich ich hinzufügen muss, dass ich noch nicht ganz verstanden habe, was diesen Wein, zu einem „Richtigen“ macht; ja, ich mag ihn, aber es gibt doch sicherlich noch viele andere, die ebenfalls richtig sein dürften, oder etwa nicht?“

„Natürlich! Es ist wie mit dem Guten; auch dort gibt es ja mehr als ein „Gutes“ – und so ist es natürlich auch mit den „Richtigen“ Weinen; wenn du dir eine Skala von links nach rechts vorstellst, befinden sich auf der einen Seite…“

„Ich kann es mir vorstellen, lieber D; weiter weiter…“

„Okay; dann spule ich vor; wie weit…?“

„Wie du magst…“

„Okay; wir müssen uns den Weinen, wie bei Allem übrigens im Leben, über Extreme annähern; welche sind trinkbar, aber nicht besonders charaktervoll, also vielleicht neutral, welche gehen gar nicht und welche sind schlicht und ergreifend „richtig“; ein Beispiel mit etwas völlig Anderem, aber repräsentativ für quasi Alles; kennst du das Messer-Experiment?“

„Nein, noch nie gehört; kommt das wieder aus deiner dunklen Psycho-Kiste? Von wem hast du das…?“

„Nein, es ist ne Eigenkreation…“ Im Hintergrund schenkt D erneut die Tonbecher gluckernd voll. Sich fröhlich zunickend stoßen die zwei Männer erneut an und heben dabei die tulpenförmigen Gefäße in die Höhe.

„Na, dann bin ich gespannt…“ P lächelt breit und erwartungsvoll und legt sich ein paar stramme Argumente, als Dialog-Munition zurecht, um den derart motivierten D schnell zurück auf den Boden zu holen, bevor er in zu große Höhen abdriftet, von denen er nur langsam wieder hinuntersegelt, meist erst nach Stunden, wenn seine sprudelnden Gedanken zur Ruhe kamen.

„Also…“ D stand auf und machte sich in der Küche zu schaffen.

„Ich höre…“ Überrascht sah sich P um und versuchte zu ergründen, was D anstellte, als dieser mit Holzbrett und großem Messer zurückkam; überrascht blickte Perikles auf.

„Was soll denn das..?“ Perikles rückte unbewusst vom Tisch ab.

„Leg deine Hand auf das Brett, los doch…“

„Wie bitte? Und dann…?“

„Los doch…“

„Welche denn…?“

„Ist völlig egal…“, worauf P seine linke Hand auf das Holzbrett legte.

„Gut! Jetzt nehme das Messer in deine Rechte….“

„Was? Wieso, was soll denn das alles…?“

„Wirst du gleich sehen; es ist nicht gefährlich und schmerzhaft, aber im wahrsten Sinne einschneidend…“

„Jetzt machst du mich ein wenig unruhig…“, dennoch nahm Perikles von Korinth das große scharfe Messer in seine rechte Hand, genauso, worum ihn D gebeten hatte.

„So! Jetzt streck deinen kleinen Finger aus und lege das Messer mit der Klinge auf das Ende deiner Fingerkuppe, so als würdest du sie abschneiden…“

„Wie bitte, spinnst du…?“

„Nein, sei unbesorgt, es passiert dir nichts…“

„Na gut; und jetzt?“ Tatsächlich tut P wie ihm geheißen und zuckt zusammen, als die kalte scharfe Klinge auf der Fingerkuppe seines kleinen Fingers lag; schon alleine durch das Eigengewicht von Hand und Arm, spürte P, wie die Haut angeritzt wurde, wenngleich ohne dass Blut hervortrat.

„Wie fühlt sich das an, mein teurer Freund…?“

„Merkwürdig, irgendwie falsch…und jetzt?“

„Was würdest du jetzt üblicherweise tun…?“

„Wie meinst du „üblicherweise“; so etwas hätte ich ja nie getan, wenn du mich nicht darum gebeten hättst; wie soll ich also jetzt wissen, was ich als nächstes tun würde…?“

„Ganz genau! Du machst das zum ersten Mal und hast keine Ahnung, was als Nächstes kommt…dann frag ich dich jetzt, was tust du als Nächstes, wenn du ab dieser Sekunde frei bist, zu tun und lassen, was du willst?“

„Wie bitte?“

„Du hast ganz richtig gehört; los doch, was machst du als Nächstes?“

„Ich würde das Messer entfernen und weglegen…“

„Warum?“

„Wie warum? Wieso denn nicht? Was denn auch sonst?“

„Du würdest dir also nicht die Fingerkuppe abtrennen, wie ein Yakuza-Mitglied, das einen Auftrag nicht völlig zufriedenstellend ausgeführt hat?“

„Natürlich nicht, was soll denn der Quatsch?“ Perikles nimmt das Messer von seinem Finger weg und legt es etwas skeptisch auf den Tisch, neben das Holzbrett.

„Du würdest dir also keinen Schaden zufügen und stattdessen das Messer weglegen, habe ich dich richtig verstanden? Waum…?“

„Wie warum? Ich verstehe ich nicht, was soll das alles?“

„Warum fügst du dir keinen Schaden zu? Versuche die Frage so präzise wie möglich zu beantworten…“

„Weil ich mir keinen Schaden zufügen möchte; ich fühle mich unversehrt und gesund wohler!“

„Ganz genau! Sehr gut…“

„Und?“ Perikles nimmt jetzt einen großen Schluck aus dem Becher.

„Nichts, das war das Experiment…“

„Wie bitte? Und was ist die Erkenntnis?“

„Das du dich offensichtlich ungerne selber beschädigst…“

„Dafür brauchte ich kein Experiment…!“, gab Perikles ziemlich forsch und angespannt heraus und zündet sich eine Zigarette an, während D immer zufriedener lächelt.

„Vorsichtig! Was denkst du, wobei kann dir dies Experiment helfen, wenn es dir offenkundig so wenig Mehrwert gibt? Wozu könnte es anregen…?“

„Hm, lass mich mal nachdenken…“

„Nur zu…“

„Hmm……“ Perikles runzelte die Stirn und stemmte seine Hand unter das Kinn, so wie man es bei alten Statuen. Doch es kam nichts Nennenswertes aus seinem Mund, auch nach mehreren Minuten nicht, so das D sich eingeladen fühlte, seinen Erkenntnisprozess auf andere Art und Weise anzuregen, weil er ein großer Freund der Mäeutik blieb.

„Wieso brauchst du nicht lange grübeln, ob du dir deine Fingerkuppe abschneiden willst…?“

„Na weil ich recht gut weiß, was mir guttut und was nicht…“

„Ganz genau! Doch wieso ist etwas offensichtlich Einfaches dennoch im Alltag sehr hilfreich, auch wenn es dir so simpel und selbsterklärend erscheint…?“ Langsam erhellte sich die Miene von Perikles; mehr und mehr lächelte er, bis er D breit anstrahlte.

„Aber natürlich; die offensichtlichen Dinge, entschlüpfen uns am schnellsten, weil wir quasi den einzelnen Baum vorm Wald nicht mehr erkennen können…!“ D schwieg und ließ seinen Freund allen gedanklichen Auslauf.

„…und weil wir uns daher sehr häufig im Leben gar nicht sicher sein können, was gut oder schlecht für uns ist, weil wir nie genug Distanz aufbauen, um eine vernünftige Lösung zu finden…“ D trank aus seinem Becher und schenkte lächelnd und nickend nach; er konnte förmlich spüren, wie Perikles den Kreis in den nächsten Minuten schließen dürfte.

„Ha, jetzt hab ich es! Du kleiner Schlawiner, du ausgekochtes Schlitzohr! Es geht bei dem Experiment gar nicht um Messer und Finger…du benutzt dies haptische, in der Tat sehr einschneidendes Beispiel als psychologischen Anker für jeden Moment, in dem ich mir unsicher sein könnte….das ist wirklich perfide, mein Lieber…so scheuche ich mich in Zukunft selber zur ausreichenden Distanz auf, dank der kalten scharfen Schneide, die mir in der Tat den Finger geritzt hat…um mit genügend Distanz und Ruhe meine eigene, statt übernommene Entscheidungen der anderen unbewusst zu kopieren…herzlichen Dank dafür…also, dann lass uns auf den Osterhasen, den Leib der Herren da draußen, die griechischen Götter und das Blut kastrierter Bullen anstoßen:

Santé!“

Weltwunder – Odysse 2021 CW12

Sonntag, 28.März – D saß auf seinem Lieblingsstein am Mittelmeer. Seit Freitag war er wieder zuhause und freute sich am einnehmend-schönen Frühling, der offenkundig über Nacht Anstalten gemacht hatte, sich direkt in den Sommer zu verwandeln.

Es war so warm, dass D bereits in kurzer Hose und Oberkörper frei am Wasser saß und das Gefühl hatte, sich bereits im Mai oder Juni zu befinden.

Vergangenen Abend hatte D sich alte Bilder angesehen.

Staunend saß er vor den vielen Erinnerungen, die sich wie riesige Berg auftürmten und ihn auch nach dem so und so vielten Mal beeindruckten. Es war nicht jene atemlose Beeindruckung, die man als Kind mit Elefanten oder Giraffen hat; auch keine, wie wenn man realitätsgroße Modelle von Dinosauriern, oder zum ersten Mal live und in Farbe den Rheinfall von Schaffhausen, die Pyramiden von Gizeh oder andere beeindruckende Bauwerke bestaunte, die man ohne Schwierigkeiten als alte oder neue Weltwunder bezeichnen musste.

Es schien diese seltene Art zu sein, die man nicht richtig greifen kann, als hätte man zu viel in zu kurzer Zeit erlebt und käme erst hinterher aus der Puste, wenn man eine Pause einlegt, zurückblickt und erschrickt, was man alles fabriziert hatte.

Hierbei ging es nicht um eine Form des Vergleichens, etwa in der Art, dass man sich mit Beethoven, Mozart, Platon, Camus oder anderen großen Geistern verglich und feststellte, dass man weder Genie, noch nennenswerte Schaffenskraft in sich spürte, die sich im Ergießen von Schriften, Kunstwerken, oder anderen beeindruckenden Werken ergossen hatte, dass die Welt samt Zeitgenossen Chapeau ausriefen und selbigen lupften.

Zu jener Art Menschenkind zählte D nicht.

Sicherlich ließen der Koloss von Rhodos und all die vielen anderen fantastischen Bauwerke die Menschen faszinierte Atemlosigkeit erleben, kombiniert mit einer kurzfristigen Sprachlosigkeit, jedoch nicht D.

Ihn faszinierten weder megalomanische Denkmäler, noch andere Menschenversuche, sich zu verewigen, was nicht hieß, dass er nicht genauso begeistert vor der Akropolis oder dem Poseidontempel stand, wie jeder andere; ihn faszinierte mehr der menschliche Geist. Für D war sein eigener Gedächtnispalast Wunder genug.

Was es da alles zu erleben und entdecken gab, wenn er in ihm herum-spazierte; welch eine Wucht von Dimensionen und Möglichkeiten; was hatte er nicht schon alles getan; rumgeflogen war er, in Tiere hatte er sich verwandelt und eine ganze Reihe anderer Dinge, die wir an dieser Stelle nicht näher erläutern wollen.

Woher kam bloß der menschliche Wunsch nach Größe, Bedeutung, Exzellenz, schlicht nach Herausragung? Trug man nicht schon alles in sich?

D fand, ja!

Wenn man sich gesund in die Sonne legen konnte, eine gute Mahlzeit zubereiten durfte, warum nicht mit einem guten Wein passend untermalt, sich an den schwarzen Punkten der Marienkäfer erfreute und sich an Natur, Tieren, Pflanzen und Mitmenschen im Besonderen erfreute, hatte man dann nicht schon alles, wofür es sich zu leben lohnte?

War es ein Defekt der modernen schnell-lebigen Zeit, wenn einem diese Erkenntnis immer wieder entglitt, bis sie einem durch Schicksalsschläge, oder schwere Krankheiten gewaltsam vor Augen geführt wurde?

Auch dies wusste D nicht!

Er lebte einfach gerne. Nicht auf so eine stolze, gar laute, sondern eher unaufgeregte, leise und unauffällige Art. Unbemerkt zufrieden zu sein erschien ihm am Erstrebenswertesten. Und er konnte sich eine gewisse Zufriedenheit darüber nicht ganz verkneifen, dass er dies offensichtlich bereits erreicht hatte, dachte er satt seufzend, sich auf die andere Seite drehte und sich einfach von der Sonne weiter wärmen ließ.

Er war wieder zuhause….nier blieb das Leben einfach und schön…

Tage wie diese – Odyssee 2021 CW11

Es begann damit, das D wach wurde und einen leichten Hangover an sich bemerkte. An und für sich nichts Schlimmes, weil er irgendwann vorüberzieht, wenn da nicht dieser widerwillige Hausschuh war, der beim Aufstehen einfach nicht über D‘s Span gleiten wollte, dass er etwas zu nachdrücklich nachhalf, das er sich dann plötzlich völlig verkanntete und D nicht mehr sauber auftreten konnte, schlussendlich ins Schwanken kam und nur deswegen nicht die Treppe runtersegelte, weil er mit letzter Not den Schuh vom Fuß schoss und eine Schimpfkanonade hinterherschickte – du verdammtes Arschloch – um strauchelnd, aber unbeschadet und mit nur einem Hausschuh an den Füßen am Parterre anzukommen.

Sofort war D klar, dass es ein besonderer Tag werden musste. Und so kam es. Offensichtlich hatten sich auch die gekochten Eier gegen D verschworen, weil sie sich trotz Abschrecken so schlecht pulen ließen, dass die Hälfte dran blieb und zu allem Unglück gleich das erste D aus den Händen glitt und auf dem Boden zerplatzte, was eine beachtliche Farbenpracht auf dem Boden, sowie den leber-farbenen Leder-Latschen und den weinroten Stricksocken hinterließ.

„So eine Scheiße, verflucht noch mal, das darf doch nicht wahr sein!“

Als D dann endlich sein fertiges Frühstück nebst Kaffee auf dem Tisch gestellt hatte, fiel ihm auf, das er den Aschenbecher gestern vergessen hatte zu leeren, was offenkundig der Grund zu sein schien, warum seine ganze Wohnung wie ein kaltes Aschenloch roch, was er sich schnurstracks vornahm zu ändern und das Fenster öffnete.

Gerade bewegte D den vollen Aschenpott Richtung Fenster, als plötzlich eine starke Windböhe den gesamten Inhalt des Aschenbechers, über seine vorsichtig auseinander gepulten Eier verteilte, dass D so erschrocken von diesem Schicksalsschlag zurückprallte, dass er an seinen geliebten Kaffeebecher stieß, der dann im Geiersturzflug dem Erdboden entgegenraste.

Wie in Zeitlupe sah D dem Becher hinterher.

Er wollte nicht glauben, was da gerade alles in seinem Leben geschah und wartete sehnsüchtig darauf, dass er aus diesem schlimmen Traum Schweiß gebadete aufwachte, um erleichtert festzustellen, dass all das zum Glück nicht wahr sein brauchte.

Doch es kam anders.

D musste mitansehen, wie sein Lieblingsbecher am Boden in hundert Teile zerbrach, was an sich schon ausreichend schlimm zu sein schien, selbst aus der Distanz; als dann aber der kochend heiße griechische Kaffee-Sud durch den grobmaschigen Strumpf drang und D’s Haut auf der Oberseeite des Fußes verbrühte, sprang er wutentbrannt zum Bad, wo er den Fuß nebst Strumpf kalt abduschte und den Sockendanach  an die Tischkabine klatschte, wo er still und schweigend in Kopfhöhe hängen blieb!

Nun hatte D genug. Es langte.

Wutschnaubend riss er das Fenster auf, schmiss den Teller nebst Aschen-Spiegeleier und Toastbrot in hohem Bogen aus dem Fenster, dass alles mit lautem Scheppern in den Innenhof prasselte, wo es für eine anerkennender Maßen beeindruckende Farbpracht sorgte.

„Das hast du jetzt davon!“

Donnernd schlug D das Fenster zu, ließ die schweren Holzläden ebenfalls zuknallen, knipste jegliches Licht aus, kroch sicherheitshalber auf allen Vieren die Treppe hoch, zog sich wieder aus, rollte sich in seinem Bett ein, schob den Kopf unter das Kissen und schlief binnen weniger Minuten wieder ein…