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News, Satire, Geschichten und Wahnsinn aus dem Alltag.

Wüstentraum

Wankend, fast schwebend, streune ich durch den Sand – hier und da ragt ein Stein aus dem gelb-beigen Mehl heraus. Hitze lässt meinen Gedächtnispalast kochen; ich kann spüren wie Monsieur Thalamus schwitz und erschöpft mit seinen Armen herumwedelt – bestimmt macht er jetzt ein paar Fehler, so wie ich.

In weiter Entfernung sehe ich seltsame stachelige Formen aus dem Sand ragen – keine Ahnung, ob es sich um eine Fatamorgana handelt, oder ob es echt ist. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo es mir egal ist. Sand knirscht zwischen meinen Zähnen – das Tuch ist verrutscht. Jetzt drückt feiner Staub durch die Ritzen und droht, alles zu verstopfen.

Eigentlich mag ich das Scheuern unter den Lippen. Es ist ein wenig so, wie wenn man Sand im Getriebe schön findet – mich interessiert, ob es dem Ganzen standhält, ob es trotzdem funktioniert. Vielleicht bin ich deswegen immer ein Grenzgänger geblieben.

Ich blinzle mit den Augen. Erinnerungen kommen mir hoch, so wie schlechtes Essen – von weit weg, als wenn es jemand ganz anderes gewesen ist, der sich verdorbenen Mist reingeschlungen hat.

Ein paar von ihnen rauben mir den letzten Atem, als sie wie Schnellzüge, ohne zu halten, durch meinen Hauptbahnhofdonnern, dass es mich fast von den Beinen holt und ich taumelnd von Einem auf das andere tänzle, um nicht zu Boden geworfen zu werden, so wie es der Wind schon vor Jahrzehnten versuchte, als ich jung und knirpsig mit dem Laufrad unterwegs und mich der ölige Himmel beeindruckte, der heute, ein paar Jahrzehnte später, nichts weiter ist, als ein hellblauer Lichtspiegel, der mir das Mark in den Knochen kocht, das sich mein ganzer Körper wie eine, mit flüssiger Lava gefüllte Marionette des Irrsinns anfühlt, die von innen heraus verkohlt, bis sie zu Asche zusammenfällt.

Noch Minuten später flattern verlorene Zeitungsseiten über den Bahnsteig, als hätten sie Landeverbot.

 

Aller Schnecken Fang

Streunend lief ich umher – tagelang. An manchen tat ich nicht mal das.

Flirrende Hitze überm Horizont. Damokles nicht weit – Unendlichkeit zehrt mich aus. Bluthunde die an Knochen nagen.

Willenlos lauf ich Dünen empor, erklimm sie selig, nicht ohne Mühe. Für kurze Zeit Gipfel Hoffnung die zusammenfällt. Asche nachrutschend.

Schlüpfrig-ölige Angst. Weicher mehliger Rücken, kurz zuvor mit Stolz erklommen. Ewig geht es weiter – erst eine, dann die Nächste.

Gefühle längst abhanden-gekommen. Keine Orientierung, wohin ich auch geh. Wind lässt monotone Bilder zu Boden gehen. Laue Lüftchen umschleichen mich.

Schmetterlinge die Wirbelschleppen feinster Seide zogen, Beine umkreisend. Vage die Wirkung – real oder nicht.

Dunkler Punkt in weiter Ferne – beharrlich näherkommend. Tragische Fällen, Bergsteiger oder Abenteurer, in Stille vertrocknend eingegangen.

Blätter – saftig grün, als Laub zu Boden gegangen – hat’s all die schönen Zeiten nie gegeben?

Gefällter Baum, lautlos, vom Winde verweht zu Boden gehend.

Wüstenei

Sand, soweit das Auge reicht. Wind streicht über aberwitzig geformte Dünen-Kämme, verfängt sich an ihren unsichtbaren Schultern, kreist sich, dreht sich immer mehr um sich selbst ein, bis er zu feinem Staub zu Boden rieselt – kleine, große, ein Meer von ihnen, wohin ich auch sehe – in unendlichen Weiten sich verlierende Horizonte – habe die Orientierung verloren, fühle mich wie betrunken.

Bin in Seenot geraten, auf hoher See – mitten im Ozean des weiten unendlichen Sandes – bin von Bord gegangen, war nicht mehr einverstanden mit den Rhythmen der menschlichen Gezeiten – hab mich abgewendet – alleine auf hoher See – stampfe gewaltige Wellenkämme empor – wie eingefroren liegen sie da, warten darauf von mir bestiegen, erstmalig erklommen zu werden.

Sand umstreicht seidig meine Beine, versucht mich zu verführen, mich abzubringen, vom Pfad den neu ich begonnen – so, wie immer – habe keine Hetze, drehe mich langsam um mich selbst; Leuchtturm auf hoher See, stur reicht mein einsamer Felsen aus dem Wasser empor, auf dem mein Leuchtfeuer ich einst errichtet – nun denn, last uns weitermachen.

Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen – alles so neu, als wäre ich ein Neugeborenes, das seine ersten Schritte tut – tapsig, unsicher, ewig schwankend darauf wartend, zu Boden zu gehen und doch weiter voranzutaumeln. Pfeifend zeigt der Wind mir den Weg – blinzelnd schau ich nach vorne – schwer ist der Gang, tief sinke ich ein, schwer ist die See – ich gehe einfach weiter und weiter – wird so schlimm nicht sein und wenn ja, was änderte es.

Weitermachen, immer weiter und weiter machen – so wie alle zu allen Zeiten – nicht fragen, einfach annehmen, danken, lächeln und weitergehen – aufrecht, gerade und stolz, mögen sich auch die Weltenstürme noch so sehr an mir abnagen, sattfressen, bis sie zu platzen drohen, vor Freude, Sättigung – dekadenter Langeweile, erste Anzeichen vom nahen Ende, mögen einem die Aasgeier noch nicht aufgefallen sein, wie sie gierig Krallen und Schnäbel blecken – bereit um zuzustoßen.

Keine Menschenseele, weit breit – nicht einmal einer ohne – kein Strauch, kein Baum, nur ein unendlich weites sandiges und staubiges Nichts. Komme mir vor wie ein Wüstenschiff – rauf den Wellenberg, bis zur Spitze, endlich drüber, dann wieder hinunter, den langgezogenen Wellenrücken, bis die nächste heranrollt – wieder rauf, kleine Schritte, obacht, nicht wanken – einen vor den anderen Fuß setzen – Sand prasselt hin und wieder auf mich ein, bildet sandige Kokusmakronen in meinen Augenwinkeln, die ich nach und nach weg-blinzle, aus den Ecken rausreibe, wie ungenutzter Blütenstaub.

Lange gewartet, nie gebraucht – einen vor den anderen – erstaunlich vielfältig die Struktur der Dünen, all die Formen, quirligen Vertiefungen, Formen und Verwerfungen, die einem erst Sicht und dann Verstand rauben – einfach weitermachen – Hitze lässt Sicht und Herz flimmern – habe aufgehört zu zählen, müssen bereits Dutzende sein, die ich hinaufgekrackselt und hintergerodelt bin – keine Ahnung wie lange es schon so geht – Sekunden? Minuten oder Stunden? Gar Jahre?

Niemand weiß es – ist auch nicht wichtig – Neues nicht in Frage stellen – Sonnenstrahlen strömen um mich herum, verhüllen, was schon immer bin gewesen – hab die Vergangenheit losgelassen, kann nun endlich wieder fliegen – keine Last mehr, die mich will halten am Boden, bloß nicht zulassen, dass er wieder aufsteigt – nie wieder ward gesehen.

Wann endlich werd Land ich sehen? Bleibt in Wahrheit jeder auf ewig allein? Geh weiter Leuchtturm, bis endlich Land und Frau wirst finden – dann zögere nicht, steige an Land, gehe vor Anker, bestell einen Garten, schlage Feuerholz, streiche Wände, baue Betten und sei bereit, fürs große Ganze.

 

Odysseus der Neuzeit

Etwas Unbekanntes hat sich meiner bemächtigt – so wie morgendlicher Frühlingsnebel, den man zwar wie dicke Suppe sieht, aber nicht greifen kann. Man hat mich umstellt – umzingelt von einer teigigen Präsenz. Etwas ist zu Besuch gekommen, hat sich eingenistet in meinem Fleisch und Geist und hält meine Seele umklammert.

Was ist geschehen?

Die Luft riecht luftig und leicht – Sonnenstrahlen vermehrten sich wie Schnecken und scheuchen meine tiefschlafende Natur mit roher Gewalt auf, indem sie Säfte durch meine Kapillaren jagen, gleich Bauern, die des Morgens ihre Schweine mit Mistgabeln aus den Ställen treiben. Sogar die Vögel, wundern sich, dass sie noch lieblicher als sonst herumzwitschern und ertappen sich dabei, wie sie sich selbstverliebt zuhören.

Was ist passiert?

Hab ich irgendetwas Unbekanntes eingeatmet, oder ist in mich eingedrungen und saust durch meine Blutbahnen, alle Organe zu einer großen Feier einladend? Ist es was Physisches? Mein Gedächtnispalast jedenfalls, hat zur Zeit das Schild „geschlossen“ vor die Tore gehängt.

Etwas hat mich durch Mark und Bein erschüttert.

Nach der letzten Drachenbändigung, hatte ich dem schlafendem Ungeheuer, vorsichtig und ganz sachte, Stück für Stück einzelne Schuppen aus dem Panzer gezogen, um mir eine unzerstörbare Rüstung für mein Herz zu bauen. Doch wie konnte mich jetzt sein Pfeil treffen? Hat er am Ende meinen Drachenpanzer durchschlagen und ist mir bis zum tiefsten Punkt ins Herz gefahren?

Es ist offensichtlich – der Bogenschütze hat mich erwischt, es konnte nicht anders sein. Dabei habe ich ihn nicht mal gesehen – es ist zum verrückt werden. So ein abgekartetes Spiel – noch nie strauchelte ich so sehr – krachend zu Fall gehend, unter tosendem Weltengelächter.

Seitdem fahre ich ziellos auf dem Meer herum.

Kapitän auf großer Fahrt und kein Land in Sicht – hoffentlich erschlägt mich all das Wasser nicht. Man läuft Gefahr, nicht ins Paradies, sondern zu Monstern, Medusen und Riesen zu kommen. Deswegen schön weiterfahren, ohne zu ahnen wohin, geschweige zu wissen warum und weshalb.

Natürlich auf die Gefahr hin, wie eine zu schnell abgeschossene Flipperkugel, unkontrolliert durch den Orbit herumzuschippern, ohne die leiseste Ahnung, wohin die Reise geht – fast immer dabei verbrennend, verglühend, wie wunderschöne Sternschnuppen – um unter rauschendem Beifall wieder und wieder neu aus der Asche zu fahren.

Ungeduld und Ansprüche, nähren unser Fegefeuer der Eitelkeit, in dem wir uns selbst knusprig rösten, bis wir den Götter serviert werden. Die einzige Macht die wir haben, den Weg raus aus dem galaktischen Flipperautomat zu finden, hinein zum Licht, ist das Verweilen, die Muße. Mit Gelassenheit und Ruhe können wir sie aus der Reserve locken – Spiel umdrehen, die Angebote des Lebens abwarten. Geduldig sein und tapfer weiterfahren.

Wer nicht alles riskiert, kann auch nicht alles gewinnen.