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News, Satire, Geschichten und Wahnsinn aus dem Alltag.

Odyssee 2019 – CW42

Herbst in Norddeutschland. Bunte Blätter hängen in Bäumen und Gedanken rum. Frühe Dunkelheit sorgt für ausreichende Melancholie. Rum im Tee für wohligen Müßiggang mit Rauch auf der Zunge. Frühstücken, dann zum Amt; muss meine alte Lady abmelden; 25 Jahre pflichtbewusstes Überleben. Ist nicht jedem gelungen. Zu schnell verheddert man sich und fällt durchs Rost. Ein paar Mahnungen sind mit der Post gekommen; scheint so, als wenn meine Abneigung gegen administrativem Bullshit größer wird. Kann sie physisch spüren. Keine Ahnung warum Menschen so hinter ihr her sind. Nachmittags schreiben, kein Mittagsstündchen. Dann Besuch von Karsten, mit Wein und Chips. Pünktlich ins Bett. Muss weniger saufen.

Dienstag – ich befürchte, ich brauche eine Lesebrille. Mache zwar ständig Übungen, um die Augen nicht durchs stumpfe Geradeaussehen einrosten zu lassen, aber es ist mühselig und ich bin schlecht in Disziplin, was grundsätzlich toll für Müßiggang, aber schlecht für Alltagsabläufe ist. Musste zum Verleger. Hat mir die Hammelbeine langgezogen, warum das dritte buch so lange dauert; richtig sauer war der. Kapiere das nicht; egal was ich mache, Menschen werden schnell stinkig, besonders Frauen. Warum nur? Komisch. Gestern zum Beispiel: Bekomme da wieder eine Hasstirade von Susanna. Wahnsinn. Ist sechs Jahre her; hab da keine Worte mehr. Abends Buch lesen ohne Brille.

Mittwoch – Besuch bei der Lektorin. Sie wollen Hörbücher rausbringen; nichts dagegen. Habe derzeit andere Themen im Kopf. Muss Horus fertig machen, damit ich mich an mein Haupt-Werk setzen kann. Mann und Frau driften immer weiter auseinander, zwei Rollenmodelle die sich auflösen; die alten Griechen haben es vorgemacht; kein Wunder, dass die ständig im Krieg waren. Bin knapp 4 Wochen aus Griechenland weg und muss sagen, dass mir Land und Leute fehlen, später dazu mehr. Nachmittags wieder zurück an den Schreibtisch, spätes Mittagessen, dazu Milch – kein Wein. Abends dann Doku im Internet; habe keine Aquarium oder Fernsehen um’s Licht auszumachen. Eine späte Zigarette, dann ins Bett.

Donnerstag – draußen regnet‘s. Heute bleibe ich im Bett liegen. Habe Bock auf nichts. Lesen, dösen, Decke anstarren. Späten Vormittag dann die Überwindung. Aufstehen und ab zum Broterwerb; Mittag mit zwei Surf-Kumpels. Mag deren Frohsinn und Aktivität. Immer ist bei denen was los. Spaziergang an der Elbe nach dem Essen. Locker quatschen und Blankenese aufs Schambein starren. Danach wieder arbeiten. Mache heute zeitig Schluss. Abendbrot bei Doku. Danach Lesen – immer noch ohne Brille.

Freitag – spätes aufstehen, gegen Elch in der Stadt. Verlag und Lektorin wollen das Manuskript vom Horus, nur um es schon mal vorab durchzuarbeiten; bin dagegen; ich will keine Kommentare, bevor es nicht fertig ist; das ist so ähnlich, wie wenn du Migräne-Tabletten für deine zukünftige Frau kaufst, die du noch nicht kennengelernt hast. Abends Dinner mit meinem Freund und Steuerberater – im Ono. Teurer Laden, mit vielen schicken Slim-Fit Hamburgern. Kohle-Futter-Balance ist noch okay. Wir haben reichlich Spaß, quatschen von früher, heute und auch morgen. Ein schöner Abend, bis die Bedienung uns um kurz nach elf vor die Tür setzen will. Denke ich höre nicht richtig. Gebe der Lady ein strammes Feedback.

„Darf ich sie duzen oder lieber…?“

„Nein,nein dozen gerne…!“, ihre Augen werden größer, sie geht einen Schritt zurück. Ich muss eine entschlossene Austrahlung haben.

„Schmeißen Sie uns jetzt etwa raus?“

„Sie sind die letzten Gäste; wir würden gerne….“

„Darf ich das als JA, deuten? Ich will Ihnen dann mal eine Kundenrückmeldung geben: Das geht überhaupt nicht, was ihr hier gerade macht; ihr wollt hohen Anspruch haben, Qualität in Luxus-Porno-Qualität, alles edel und geil und dann, weil wir die Letzten sind, uns vor die Tür setzen, im Ernst? Um 23 Uhr auf einem Freitag? Ist klar, dass wir nie wieder kommen, oder? Als Gast nimmt man die niedrige Qualität im Essen hin, wenn der Service super ist; umgekehrt nie, kapiert?“ Bin wirklich sauer, über diese Popper-Läden, die meinen mit geiler Location, cooler Deko und tätowierten Bedienungen den Laden zu Rocken – das langt nicht, Leute! Ihr könnt mit gutem Service Werbung machen, vor Allem aber müsst ihr den vorleben; habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, grolle ich noch vor mich hin und fahre heim. Zuhause beende ich mein Dinner mit einem Glas Wein und einer Zigarette – Fuck-Off. Gute Nacht!

Samstag – Frühstücken, Buchpaket an meine Freunde von der Zeit schicken, damit sie bei all der Haute-Cuisine, die in ihrem Feuilleton verstoffwechseln zwischendurch auch mal einen herb-gewürzten Eintopf bekommen. Dann Deal mit kleinem Laden für meine Ware gemacht. Bücher müssen gelesen werden, oder? Abends Dinner mit Freundin in Ottensen; Restaurant in meiner alten Straße, Nernstweg.

Komme früher an und wandle durch die Gassen; viel hat sich verändert; zuviel Hochglanz, zu viel Neues und Buntes für meinen Geschmack; das ganze Viertel ist ein Freeshop geworden; Hippster-Bärte und Tätowierungen, wohin ich auch sehe; Erinnerungen kommen hoch; platte Reifen, Geschreie, Flaschen die an der Wand zerschellen; mochte gerne hier leben; irgendwann sah für mich alles gleich aus; musste dann weg; war vielleicht falsch, den Typen das Feld zu überlassen.

Mein alter Kämpfer Ede lebt noch mit Familie dort; unnachgiebig halt er die Fahne hoch; ich bewundere ihn dafür; oft wünschte ich mir, noch dort zu sein; heute nun, wegen einer Freundin – habe sie lange nicht mehr gesehen; hängt ziemlich durch die Gute; Arbeit, Leben, Liebe, der pure Stress; will ihr Leben ändern, kürzer treten, ein wenig auschecken und dann weitersehen.

Ist ne komische Welt da draußen: Diejenigen, die sich um sie kümmern, werden vergrault. Merkwürdig. Hab noch nicht kapiert warum. Kommt vielleicht noch. Gegen Mitternacht gehen wir in eine Bar, nehmen ein letztes Glas Wein mit Zigaretten – beim Zahlen kommt ein junger kerl, der die Rechnung zählt: „Tessera, pente….“, freue mich und frage ihn auf griechisch, ob er Hellene ist; er freut sich dass ich seine Sprache lerne; wir plaudern ein wenig, mitten in Hamburg; ich bekomme Heimweh, obwohl es erst vier Wochen her ist – gehe mit Kloß im Hals zum Auto und fahre Heim.

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – gegen Abend Kumpel-Besuch mit schnacken, lachen und vermutlich….na wollen mal sehen.

 

Odyssee 2019 – CW41

Broterwerb am Montag – ein unschönes Wort; sein Brot er-werben, was implizit heißt, dass man es tun muss, weil es sonst nichts zu essen gibt; wir verbringen viel Zeit damit – Erschaffung von Schuld & Sühne, welch geniale Idee, Macht durch Wissen auszuüben und das schon so lange. Heute ist Kapital die neue Kirche. Instrument der Macht? Wissen; alte Bekannte im edlen Gewand elitärer Akademien – alte Platte, mögest du ewig weiternudeln, so wie früher!

Dienstag – stülpte ich mein Innerstes nach außen, ohne zu verkleben. Um sieben aufstehen, 30min laufen, ohne Pause – dann ausmümmeln, duschen und Frühstücken, hintereinander, nicht gleichzeitig; dann Broterwerb in Büro-Kaserne; erwäge im nächsten Jahr meine Arbeitszeit zu verkürzen; schönes Wort, Arbeits-Zeit-Verkürzung – wun-wun-wunnaba. Mittag mit „Me-myself-and-Ei“ – mag das zu dritt in der Kantine zu sitzen. Dreibeine sind auch statisch gesehen das Ideal; da kippelt rein gar nichts. Nachmittags, früher Abend schreiben; dann ging die Sonne unter; ich haste in den Supermarkt, Gemüse, Lachs, Brot und Kleinkram; draußen erste Zeichen vom güldenen Eichenlaub – Mitternacht dann heia-bubo.

Mittwoch – Letzter Tag vor Moped-Wanderung; vormittags Mahlzahn mit Brille und Laptop; Nachrichten und Termine mit dem Rechen gehakt, gewendet, getrocknet und zu Heu verarbeitet; ich mag Gras; Lunch mit einem Freund an der Garonne; Wein zum Mittag in der Woche zeigt, dass du alles richtig gemacht hast; kannst du nur keinem sagen; ihr habt Verständnis, ich kenne euch, zumindest tief verborgen, wo es muffig und feucht ist. Abends ein paar Sachen gepackt, dann Lachs mit Toast – guten Abend!

Donnerstag – Wecker um 5:00 Uhr! Heute bring ich meine CBR600, die ich liebevoll Wanze nenne, zurück zur Quelle, droben im Norden, zu Loka; komme pünktlich um sieben am Flughafen an; dort steht sie seit fünf Monaten; lasse den Starter nudeln, nichts; nur ein wenig hüsteln; weiternudeln, schnell macht die Bakterie die Grätsche; dann anschieben, bis die Knie zittern; ein paar Biker helfen, bis unsere Beine weich wie Pudding sind; bald stellt sich heraus, dass die alte Dame in den 5 Monaten 5 Liter Sprit durch die Unterhose hat laufen lassen.

Also los, Kanister gekauft, Sprit rein, geschwind zurückgefahren; hinein mit dem Humpen, frisch löungsgeglüht genudelt und kawumm – bravó-bravó! Und losfahren – merkwürdig, wie schwer die sich lenken und fahren lässt; völlig normal bei 2 Plattfüßen; abenteuerlich, wie ich die erste Autobahnraststätte anlaufe – endlich Luft in die Rueda’s und weiter; im eleganten 200KM-Takt getankt, gepinkelt und weitergefahren; zum Glück regnet es, da trocknet die Erde nicht aus; schön all die Gischt auf dem Visier; gut dass ich Samstag noch Regenkalmotten gekoft hab.

Frankreisch ist schön – Brücken, Berge, Bäume fahren wie ein Quentin Tarantula Streifen vorbei; Reisetempo 120-140, besser iss das; Brive-de-la-Gaillarde crossing; Clemong-Ferrong taucht auf Schildern auf; Hamburg sucht man vergeblich, dafür reichlich Paris; geographisch geht es jetzt radikal rechts-ab, Richtung Cle-Fe; einsam reite ich grüne Berge rauf und schroffe Täler nunter; nimmer-endendes Asphaltband, hin und wieder unterbrochen von Mautstationen; wieder anfahren alle Gänge durchschalten, Affen hinter Cockpitscheibe machen, Beine einrollen und weiter-rauschen; nach Clement geht es durch Vichy, Quellwasserfreaks aufgepasst; dann weiter Richtung Chalon-sur-Sàone; Schafe, Weiden, sympatisch-verlodderde Häuser, Traktoren, klapprige Auto’s; Gemütlichkeit.

Zwischendurch tanken, dann weiter Richtung Nancy und Metz; tanken, pinkeln, weiterfahren; es läuft ganz gut so ohne Pause; dann Luxemburg; endlich Pause beim goldenen M; die Bedienung nimmt keine Bestellungen mehr auf, das machen jetzt Service-Stationen, wo ich mein Kram eintippen darf; nach 15min gebe ich auf; ein junger Franzose zeigt mir die Prozess-Schritte, die ich bis eben gerade nicht hätte wissen wollen; ich bekomme einen Zettel, mit meiner Bestellung drauf, den es nicht geben würde, wenn ich sie wie immer akustisch geteilt hätte; was für ein Schwachsinn; Müll produzieren, um die Effizienz auf Kosten der Kunden zu erhöhen; good-bye Mc-Donalds, wie hast du mir noch nie gefehlt! Natürlich ist nicht alles auf meinem Tablett, als meine Nummer auf dem Bildschirm erscheint – ähnlich wie bei Arbeits.- oder KFZ-Zulassungsstelle – ich suche die Kamera vergeblich; schöne neue Realität.

Auf Klo soll ich einen weiteren Automaten mit 70cent füttern; Geld verdienen mit meiner Notdurft, wahnsinn! Wutentbrandt krabble ich unter dem Drehtor durch, beobachtet von einer entsetzten Klofrau; bevor sie die Polizei ruft, hauche ich ihr schneidend-leise zu: „Ich werde nicht in die Hose pinkeln, weil ich vorher meinen Schein kleinmachen muss, iss klar, oder?“ – sie lässt mich gewähren; ich kann es nicht fassen, springe auf meine alte Dame und fahre weiter Richtung Trier; die Dämmerung drückt das Licht zu Boden; bald gleiten wir über A1, dann A48; Ulm geht es ab Richtung Nürburgring, alte Heimat; 10 Jahre Kreisfahren, mit und ohne Kontakt; Etappenziel erreicht, Pension-Müller Herschbroich, Franziskaner-Weizen und Zigarette zum Abschluss; erste Etappe geschafft, gute Nacht.

Freitag – 8:00 Uhr aufstehen, 8:45 „In-der-Dell“, 9:00 Uhr Frühstück bei Rewe in Breidscheid. Um 10:00 Uhr Abfahrt in den Norden; rolle zufrieden an der Ahr entlang; alles heil geblieben die letzten 47 Jahre, mehr oder weniger; zu viele Tränen und Kollateralschäden; manchmal merkt man nicht, dass man die Axt im Wald ist; A61, dann A1; Frankreich war leer, Deutschland ist voll; ich fege durch den Pott, zum Mittag Kamener-Kreuz, dann auf die A2, fluchs durch die Porta Wesfalica, Bückeburg, mit Berg und brauner Vergangenheit; tanken, pinkeln, weiterfahren, nichts hat sich verändert; meinen Knochen geht es wunderbar.

Rasthof Allertal Pause, mit Burger-Krieg, ähem, King; Menschen bedienen mich und das Essen ist besser, ein Glück! Jedoch auch hier 70cent für die Notdurft; ich ziehe das Drehtor ein wenig in meine Richtung; siehst du, da pass ich locker durch, blockiere es bis es brummt und schlüpfe unbeobachtet hindurch; mit meiner Notdurft wird nicht abkassiert – ist ethisch und moralisch verwerflich; gegen Nachmittag endlich Ankunft in Wilstedt-Siedlung bei alten Freunden; hier wird die alte Dame Rente einreichen – feiern, trinken, essen, lachen und schluchzen, alles gleichzeitig, wunderbar; gegen Elch dann Taxi nach Siek – Waidmannsheil!

Samstag – Frühstück, einkaufen, Buchpakete nach Griechenland aufgeben, neue Bücher im Laden abholen; mein Hirn braucht Futter; dann Physiotherapeut zuhause; ächzen und stöhnen; dann schreiben, schreiben schreiben; abends dann Freund mit Rotwein für die Seelen, reden für‘s Leben; es geht um Trennung und Neuanfang, Life is a bitch! Gegen eins ins Bett, gute Macht!

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – dann Kumpel-Besuch, mit Ente, Wein und Bier, aber nicht zu viel – Zeilen fertig-tippen, korrigieren, hochladen und ab-dafür.

 

Odyssee 2019 – CW40

Montag konnte ich meine Steuer 2018 erfolgreich bei der Behörde einreichen, obwohl ich, wieder mal zu spät war. Passiert mir zur Zeit öfters, dass ich für alles Mögliche lange brauche. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich so viel Zeit habe; mit dieser Lebenseinstellung – und für andere noch viel schwerer nachzuvollziehen – und Wahrnehmung bin ich mutterseelen-usw. Da gibt’s niemand anderen außer mir. Manchmal fühl ich mich deswegen alleine. Nicht einsam, eher wie ein Glücklicher auf seiner unbekannten Insel, die er gerne mit anderen teilen möchte. Schreiben hilft. Habe endlich den Knoten bei Horus gelöst bekommen und mich den ganzen Tag ran-gesetzt, bis mir die Lichter ausgingen.

Dienstag – schreibtechnisch geht es mir wieder besser, aber sonst muss ich sagen, dass mir vieles auf den Wecker geht. Zum Glück drückt es mir nicht zu sehr auf die Drüsen und die Stimmung, aber im Großen und Ganzen hat doch schon eine recht gewaltige Ratlosigkeit von mir Besitz ergriffen. Ständig begegnet mir diese Divergenz, überall.

Auf der Straße, wo kopfhörer-verstöpselte mir vor das Motorrad laufen, oder in der Schlange an der Kasse vor mir lauthals Telefonate führen, als wären sie nur von stumpfen Robo’s umgeben; stundenlang könnte ich jetzt weiteraufzählen, habe ich aber keine Lust zu; ist mir zu langweilig, diese neue soziale Welt, in dem du wettbewerbsgleich Dinge mit der ganzen Welt teilst und in der Realität beim massenhaften Wettbewerb „Meins ist größer und Schöner als Deins“ mitmachst.

Ich kann da nichts mit anfangen, sorry. Noch dazu diese Regel.- / Reglementierungswut, das Ausgießen von Kubikmetern von Gesetzen, national und auf EU-Ebene, als hätten wir die letzten 6000 Jahre nichts gelernt. Habe mich deswegen entschlossen, als nächstes mein bereits angefangenes Philosophisches Buch zu vollenden – es wird Zeit!

Mittwoch – habe mich beim Frühstück über das Thema Wissen echauffiert, keine Ahnung wie es dazu kam. Doch, jetzt weiß ich es wieder; nachdem ich ein paar Stunden geschrieben hatte, habe ich mir beim Mittagessen den kompletten Vortrag von Bruce Lipton über die menschliche Biologie und seine Funktionsweise reingezogen. Genau, dass war es. Bin da fast ausgeflippt, über die Vielzahl unserer Überdeckungen.

Was er en-detail als Wissenschaftler aufmalt hat mir mein Bauch schon seit Jahrzehnten gesagt und Bruce zeigt deutlich, dass mein Bauch von Anfang an richtig war und viel interessanter, warum Bäuche viel schlauer als Gehirne sind und auch sein müssen. Seit dem steht für mich das fest, was ich bereits in Athen, beim Besuch der Platonischen Akademie spürte: Die Wissenschaft ist eigentlich tot……!

Donnerstag – nach dem ich mich lange genug darum gedrückt habe, gab es kein Entkommen mehr, mochte die Festtagsbeleuchtung auch noch so sehr in meinem Gedächtnispalast leuchten: Hausarbeit und Sport war angesagt. Buntwäsche, helle Wäsche, Staubsaugen, feucht Durchwischen, Einkaufen und Ablage machen. Ein Tag zum Vergessen, wenn ich mich nicht grundsätzlich bemühen würde, an Allem Spaß zu haben, was mir, muss ich nun einmal zugeben, nicht immer gelingt – ein Podcast über Hemisphären-Synchronisation während des Mittagessens, schien mir eine schöne Abwechslung zu sein. Zum Abend dann ein wenig lessen.

Habe mir zum Frühstückskaffee am Freitag vorgenommen, am Abend wieder eine Flugstunde zu nehmen. Doch zuerst hieß es ein wenig Gas geben, wenngleich ich diesen ur-teutschen Ausdruck nicht mehr gut leiden kann; Gas geben, schon immer klang das irgendwie gezwungen, als wenn man sich für etwas aufraffen muss, was man sonst nicht hinbekommt. Wenn Letzteres galt, sollte man es auf einen anderen Tag verschieben oder jemanden machen lassen, dem es leicht von der Hand geht.

Los, gib Gas: Das ist, als wenn ich dir hinten ins Auto fahre, wie damals beim Autoscooter, du meine Güte; wann kamen wir endlich weiter aus dem Dickicht der Steinzeit. Abends war es dann endlich soweit: Edgar Cayce Flugstunde, genauer gesagt, Edgar’s Meditation, was so ziemlich das Gleiche ist. Nach einigen Jahren wollte ich es mal wieder probieren – und es gelang. Mehrere Stunden stieg ich aus mir heraus und flog umher – nachts landete ich sanft und rollte mich auf die Seite.

Samstag – nur ganz langsam wurde ich wach, nur Schritt für Schritt kam ich wieder in die Realität. Bis meine Füße wieder Boden spürten, vergingen fast zwei Stunden. Mittags fuhr ich eine Freundin abholen, um mit ihr zu Maxxess zu fahren; ich brauche ein Topcase, Regenklamotten und Kettenspray. Wir hatten uns bei ihr verabredet, jedenfalls erinnerte ich das so. Als ich klingelte fuhr sie mir direkt durch das Intercom, was ich denn hier machen würde; wieder einmal verstand ich die Welt nicht.

Oben in ihrem Flur stehend bekam ich erst einmal eine Standpauke, dass wir nicht verabredet wären, sowie eine lange Liste von Dingen, die ich, wieder einmal, offenkundig ganz unzulänglich missachtet hatte. Mein erster Gedanke für ihr Aus-der-Haut-Fahren war ihre monatliche Menstruation. Ich hatte ein begnadetes Händchen dafür. Natürlich konnte ich es ihr nicht sagen; sie wäre mir ganz sicher an die Gurgel gesprungen, so wie sie in Fahrt war. Also hieß es Stahlhelm aufsetzen, Schild hoch und stramm am Körper halten, wie die alten Spartiaten und der Dinge harren, die da geflogen kamen.

Nach einer Stunde rhetorischen Kampfhandlungen, holte sie etwas Luft und machte eine kleine Pause, fürs Erste. Langsam sahen wir uns um, was für ein Schlachtfeld, was für eine Verwüstung. Frauen konnten mich täglich ins Staunen versetzen, wie am jüngsten Tag. Unser Nachmittag war dennoch schön und endete damit, dass sie sich in ein Motorrad verliebte – doch dazu an anderer Stelle mehr. Den Abend verbrachte ich mit Schreiben und zeitigem zu Bett gehen.

Sonntag – nach dem Kaffee telefonierte ich mit einer anderen Freundin. Ich wollte sie mal wieder hören und wissen wie es ihr ging; außerdem wollte ich ihre Meinung zum Thema Kommunikation hören. Sina ist Sprachwissenschaftlerin. Schon oft haben wir uns gefetzt, besonders dann, wenn es um ihre Benutzung ging; kaum einer benutzt sie noch auf einem, sagen wir, kreativen und verschwenderischem Niveau.

Nach 5min war klar, dass wir uns heute nicht verstehen würden, und mehr als das: Wir merkten schnell, dass zwei Welten aufeinanderprallten. Zuerst begann Sie von der Historie der Sprachen, ihren Evolutionen, dem alltäglichen Umgangsformen und Tönen und den schulischen Herausforderungen zu reden. Nach 15min holte sie Luft und weckte mich mit pfeifendem Einatmen, eines Apnoe-Tauchers. Dankend nahm ich ihre dargebotene Sprechmupfel und holte, für ihren Geschmack, etwas zu weit aus; bald dämmerte ihr, dass ich gerade dabei war, vom Niedergang der Universitäten zu sprechen, dass sie nicht wüssten, was Akademien im ursprünglichen Sinne sein.

Ganz besonders pikiert war sie, als ich das Beispiel der Machtausübung durch Bildung und Wissen anführte, dass es sich erst die Kirche zunutze machte, dann Politik und später Geld und Macht und das es heute garantiert nicht mehr um die Sache, sondern um Egobefriedigung und das Schützen von staatlichen und oder universitären Status-Quo gehe und eben nicht um das Schaffen von neuem Wissen.

Da war bei ihr der Ofen aus. Sie fühlte sich von mir angegriffen und herabgesetzt, weswegen ich unseren Dialog hier nicht 1:1 wiedergeben möchte. Abends bekam ich dann die gute Nachricht, dass es mit der französischen Übersetzung von Nofrete weiterging – na endlich!

 

Odyssee 2019 – CW39

Mein erster Montag wieder in Toulouse. Körperlich bin ich da; Geist und Seele jedoch nicht. Beim Aufstehen ist es offensichtlich wie ich durch die Gegend schleiche. Was mache ich hier? Erst einmal Kaffee kochen. Ein paar trockene Kekse sollen mein Frühstück sein. Ich gehe zum Briefkasten. Ihm geht es umgekehrt zum Kühlschrank. Brechend voll mit Zeugs platzt er auseinander, als ich ihn aufschließe.

Verdammt, schon wieder eine Nachricht vom Finanzamt. Was wollen die schon wieder? Ich schmeiße eine Maschine Wäsche an; mache eine Einkaufsliste und gehe los. Hab nichts, brauche alles, steht drauf. Wie ein falsch verdrahteter Robocop schlurfe ich zum Supermarkt. Mechanisch rumpeln meine Lebensmittel in den Korb. Keine Ahnung, ob sie von selbst reinhüpfen, oder ob ich das bin, der sie dazu zwingt. Als ich zahlen will, quatsche ich die Kassiererin Griechisch an – habe noch nicht wieder umgeschaltet. Okay, halte besser die Klappe. Stumm zahle ich.

Wieder zuhause mache ich meinen Rechner an, schaue, ob irgendetwas in meiner Abwesenheit passiert ist. Habe ne Menge Nachrichten. Hauptsächlich Rechnungen. Auch mein Verlag meckert rum, wo mein Manuskript bleibt. Was denken die eigentlich? Zwischendurch Wäsche aufhängen; dann eine weitere Maschine starten. Zum Mittag esse ich nur eine Kleinigkeit. Dann wieder e-mails. Ein paar Leserbriefe. Man will wissen, warum ich so und so schreibe. Gefallen tun die Bücher aber. Immerhin was. Doch die Stückzahlen sind Kacke. Ein paar Hundert, sonst nichts. Es kleckert so vor sich hin.

„Du schreibst halt nichts für so zwischendurch, heißt es immer. Wundere dich da nicht, dass du immer der unbekannte Freak bleibst. Versuch disziplinierter zu sein; mach was für die breite Masse, sagen Verlag und Lektorat….“ – na toll denke ich und setzte mich an den Schreibtisch. Gegen Mitternacht wache ich auf. Muss eingenickt sein. Habe ein paar Seiten geschafft, bevor ich eingepennt bin; jetzt aber nichts wie ab ins Bett – für heute langt es.

Dienstag – wie schon am Montag komme ich nur langsam hoch. Bin mit’m falschen Fuß aufgestanden. Mache mir einen Kaffee, zwei weichgekochte Eier auf Toast und lese die Zeitung. In Nahost wird wieder gezündelt. In Kaschmir ist auch Alarm. Sogar die Inder flippen jetzt aus. Ich dachte immer der Hinduismus erzieht zum Pazifismus. Kapiere das nicht mehr. Entweder ist es immer so gewesen und es kommt mir nur mehr vor, weil so viel darüber berichtet wird, oder es ist wirklich eine weitere Epoche, der autokratischen Dumpfbacken und Egoisten-Schweine.

Muss Staub saugen, so wie die Wollmäuse mir aus den Ecken zuzwinkern. Gegen Mittag sitze ich wieder am Schreibtisch, vier Stunden am Stück. Dann Mittagsschlaf. Danach schreibe ich bis Spätabends um Zehn. Habe ganz vergessen zu essen. Gönne mir ein paar Rollmöpse mit Wasser. Muss weniger saufen. Habe in Griechenland mächtig zugeschlagen. Muss wieder mit Sport anfangen. Nachts lese ich die letzten Seiten von Lampedusa’s Gattopardo. Sonst nichts.

Mittwoch, Bergfest – heute muss ich zu meinem Nebenjob; keine Zeit für Rumdödelei. Schwinge mich auf meinen Drahtesel und bretter durch die Stadt. Im Büro angekommen, das gleiche wie zuhause: Noch mehr E-mails, noch mehr Chaos. Wunderbar! Könnte gleich wieder abhauen. Ich nehme alle 600 E-mails und lösche sie ungesehen. Gegen vierzehn Uhr mache ich außerhalb Mittag. Ein paar Kollegen haben mich einladen wollen. Hatte aber noch keine Lust auf das ganze Berichten. Wurschtel mich so durch den Tag. Komme nicht richtig auf Trapp. Abends wieder schreiben. Ich schaffe vier Seiten, es läuft ganz gut.

Spät am Abend Anruf von Frau Mutter. Wie es mir geht, will sie wissen. Ich antworte Mutter-Gerecht und gebe ihr den Ball zurück. Wann ich mal wieder kommen würde. Bald-bald, ganz sicher – verspreche ich. Zehn Minuten später hat sie keine Lust mehr und legt auf. Ist immer noch genauso verschroben wie eh und je. Ich will weiterschreiben, merke aber, dass mir die Augen zufallen. Auch ist es unabwendbar, dass ich eine Lesebrille brauche. So ein Fuck, pöble ich, putze meine müden Zähne, rolle mich ein und segle davon.

Donnerstag – hatte ganz vergessen mein Einschreiben vom Finanzamt bei der Post abzuholen. Schnappe mir nach dem Frühstück meinen Ausweis und renne los. Bin ganz nervös, weil ich erst vor ein paar Monaten schon Strafe für 2017 zahlen musste. Jetzt knallen sie mir gleich das nächste Jahr um die Ohren. Kann mit diesem Admin-Scheiß nicht um; muss ich aber; bin Mitte vierzig und sollte auch meine Ablage im Griff haben. Schweres Kapitel, schwere Kost. Man ermahnt mich höflich, umgehend meine Steuer zu zahlen. Haben mir sogar ein Formular reingelegt, immerhin.

Nachmittags dann Gespräch mit dem Verleger, was denn jetzt mit dem Buch wäre – sag mal, hackt es noch, oder was? Ist ja wie beim Militär. Keine Ahnung, Ende des Jahres, wenn ihr mich in Ruhe lasst, brülle ich ins Telefon und schmeiße den Hörer hin. Für heute haben sie mir die Suppe versalzen. Ich lese ein wenig über alte griechischen Philosophen.

Abends dann Musik mit griechischem Bauernsalat und Wasser, mit einem Spritzer Zitrone. Vier Tage ohne Wein und Raki. Ich meine, so etwas wie stolz zu fühlen, bin mir aber nicht sicher. Zum Schluß lesen, wie üblich Zähne putzen und ab ins Bett. Meine Schulter ist fast wieder okay, denke ich und ziehe die Knie ans Kinn.

Freitag – heute ist Sport angesagt. Schluss mit dem Sumpfen. Ich mache ein paar Übungen. Renne 30min um die Garonne, frühstücke anschließend und bekomme aus heiterem Himmel ein dutzend Whatsapp-Nachrichten von Susanna. Sie würde mich hassen und den Tag verfluchen, wo sie mich kennengelernt hat. Sie nennt mich einen Bastard. Ich wäre ein Monster, dass sie bis ans Ende aller! Tage verflucht. Ich sei verrückt; weggeschlossen gehöre ich. Ich könne niemals genug zahlen, für das was ich ihr angetan habe; sowas und noch einiges mehr. In solchen Momenten bin ich sehr nachdenklich und traurig. Was Männer und Frauen sich gegenseitig antun ist unbeschreiblich.

Ich antworte seit Jahren nicht mehr. Gibt sofort Telefonterror ohne Ende. Sie verdrängte damals die Wahrheit. Zum Glück erinnere ich noch gut. Ihrer Meinung nach ist es unmöglich, mein Antlitz im Spiegel zu sehen. Wie ich das machen würde. Eines dunkles Kapitel. Bin doch eigentlich ganz umgänglich, grüble ich vor mich hin und schlafe gegen 21:00 Uhr ein,

Samstag – fahre nach Clermont-Ferrand, um mit einem Freund einen Roller abzuholen, den er günstig erstanden hat. Wir rauschen durchs Grüne rauf und Nachmittags wieder runter. Frankreich ist ein schönes Land. Wenn man sich genug Zeit nimmt kann man es sogar genießen. Sechster Tag nach Hellas. Bin immer noch in Gedanken dort, denke ich und träume vor mich hin, während wir die Autobahn entlangfahren.

Habe im Auto ein langes Telefonat mit einem Freund aus Bordeaux. Die Weinlese hat begonnen. Ich müsse unbedingt wieder vorbeikommen. Vielleicht klappt es ja nächstes Wochenende. Roadmovies mag ich. Wenn man länger unterwegs ist, hat es immer so einen Abenteueranstrich, besonders, wenn man gemütlich fährt. Gegen Mitternacht kommen wir zurück, da wir uns ein paar kleine Dörfer auf dem Weg angesehen habe. Hatten sternenklaren Himmel. Zuhause angekommen fühle ich mich zufrieden und müde. Gute Nacht.

Sonntag – ich beginne den Tag mit Sport. Danach besuche ich meinen griechischen Freund Adonis; wir genießen unsere griechischen Nachmittage und Abende – wir lachen, singen, tanzen und weinen – vor Freude, Glück und Sehnsucht. Zwischendurch denken wir, komplett überzuschnappen, doch das tun wir nicht, im Gegenteil: Wir erfreuen uns einfach des Lebens. Für viele ist es schwer zu ertragen, geschweige nachzuvollziehen. Ist zu intensiv. Thema meines Lebens. Alles was ich tat, machte ich exzessiv.

Frei nach dem dem Motto, wenn schon, denn schon – doch das ist nur die halbe Wahrheit: Es ist Lebensfreude. Ich finde im Leben gehört beides zusammen; Müßiggang und Leidenschaft. Irgendwann Spätabends komme ich heim. Für einige Stunden dachte ich, wieder in Hellas zu sein. Jetzt im Bett, merke ich, dass es ganz anders ist. Mist! Ich muss noch meine Woche niederschreiben und hochladen. Sofort setze ich mich ran, lade meine Zeilen drei Stunden später hoch und gehe ins Bett. Jetzt habe ich Frieden.