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News, Satire, Geschichten und Wahnsinn aus dem Alltag.

Zivilisation – Teil1

Draußen scheint die Sonne. Es sieht wirklich sehr einladend aus. Immerhin was. Wenn man sich in Norddeutschland in diesen Stunden warm genug anzieht, kann man einen erfrischenden Spaziergang machen. Drinnen ist es aber auch ganz schön, wenn man all die bunt angezogenen Fische, Schnecken und Kraken am Aquarium vorbeiziehen lässt und sie dabei beobachtet.

Ich habe mit meinem Frühjahrsputz begonnen. In 2019 ist mein Mindpalace, wie ihn der Angelsachse nennen würde, als Erstes dran. Als ich vom Nebengang 3 A, sein beschaulicher Name ist „Krokodilgehirn“ – ich fange immer in der Steinzeit an, da kenn ich mich am Besten aus – zum Zentrum schlendere, all die Eindrücke, Sinneswahrnehmungen, einschließlich deren Täuschungen, Erinnerungen und Schnappschüsse an mir vorbeihetzen sehe, was mich immer mit einem warmen Bauchgefühl beglückt, da es mir sagt, haha wir leben noch und da ist sogar richtig was los, mit der Absicht, beim moderneren, manchmal avantgardistisch-anmutenden Haupt-Trakt 7B, mit dem schönen Namen „Neokortex“ auf einen Kaffee vorbeizuschauen, stolpere ich über einen gewaltigen Karton, der mitten im Gang steht und um den herum sich schon herbe Verwirbelungen und Wirbelschleppen gebildet haben, weil seine kantige, würfelförmige Statur nicht gerade zum reibungsarmen Vorbeigleiten einlädt.

Als ich mich diesem Hindernis nähere, springen mich die übergroßen Buchstaben so aggressiv an, dass ich kurz davor bin umzudrehen und wegzulaufen, so bösartig kletten sie sich fest, dass ich schnell aufgebe, sie loszuwerden und sie stattdessen sorgfältig betrachte, mit reichlich Douglasien-Borke auf der Stirn, bis ich Klang und Bedeutung entschlüsselt habe, was letzten Endes nur dafür sorgt, dass beides mehr und mehr in meinem Mund wächst, bis es meinen ganzen Rachen verstopft und ich ihn nur noch gedacht, aber auf keinen Fall ausgesprochen bekomme, ist er doch so groß in den wenigen Sekunden gewachsen:

Zivilisation!

Andächtig nehme ich meinen nicht vorhanden Hut ab:

„Hallo, darf ich mich vorstellen?“

„Ja, bitte. Nur zu.“

„Ich bin Don Tango“

„Tango, wie der Tanz?“

„Ja genau.“

„Dann will ich es Ihnen gleich machen – man nennt mich Zivilisation“

„Tatsächlich? So, wie..?“

„Genau, so wie DIE Zivilisation – will sagen, ich bin die…“

„Zutiefst erfreut, sehr geehrte – entschuldigung, was sind Sie eigentlich?“

„Wie meinen Sie das, was bin ich? Ich dachte, das wäre Allgemeinbil…“

„Ist es auch, aber..“

„Wie, aber? Wollen Sie jetzt etwa…?“

„Nein, auf keinen Fall, eher im Gegenteil; wenn ich schon das Glück habe Sie zu treffen, dann möchte ich…“

„Ja-a?“

„Ich meine, alles fängt doch mit einer gescheiten Ansprache, oder sagen wir mal, Anrede an, finden Sie nicht?“

„Hm-m-m-m, ja-ja – weiter-weiter!“

„Also, die Zivilisation ist doch das Aller-aller…“

„Nun übertreiben Sie nicht, Herr Tango; so wichtig habe ich mich noch nie genommen; es gibt doch so viele wunderbare…“

„Aber bitte, bitte, liebe – ja, was denn jetzt? Herr oder Frau?“

„Was erlauben Sie sich! Sieht man mir etwa nicht an, dass ich eine Dame bin?“

„Ehrlich gesagt, nein; vergessen Sie bitte nicht, meine Teuerste, Sie stecken in einem Karton!“

„Ach-ja, richtig!“

„Da kann alles möglich in Erscheinung treten und drin sein, meinen Sie nicht?“

„Nun-gut, ich will mal nicht so sein und Gnade vor Recht ergehen lassen, dass Sie heute morgen, ganz offenkundig, mit dem falschen Bein aufgestanden sind und ihre Umwelt, aus literarischer Sicht, mit einem, sagen wir mal vorsichtig, taumelnden, leicht torkelnden Gang, beglücken, als hätten sie hinten rechts einen Plattfuß, oder nur einen Schuh, beim vor die Tür treten angezogen!“

„Tatsächlich? So charmant sind sie nun auch nicht gerade, meine Durchlauchtigste!“

„Was erlauben Sie…?“

„Diva würde eher passen, was natürlich, da muss ich Ihnen schon wieder zustimmen, ganz eindeutig weiblich, nahezu erzengel-gleich feminin daherkommt, dass ich geneigt bin..“

„Junger Mann, ich nehme Ihnen ihre flegelhaften Allüren, ausnahmsweise, nicht – mit Betonung auf, NICHT, übel, da meine Großzügigkeit und Großherzigkeit..“

„Sicher-sicher, alles groß und mächtig..:“

„noch viel gewaltiger ist, als mein Charme und Humor!“

„Da gebe ich Ihnen schon wieder recht…“

„Wie bitte? Wobei jetzt denn schon wieder? Habe ich einen Lauf, ja?“

„Das weiß ich nicht, ich lerne Sie ja gerade jetzt erst kennen…“

„Wie bitte? Sie kannten mich vorher etwa nicht? Sie belieben zu scherzen!“

„Jedenfalls gebe ich ihnen Recht….“

„Wobei denn jetzt, biite-schön…“

„Sehen Sie?“

„Was?“

„Sie lassen einen nicht zu…“

„Tue ich wohl!“

„Sehen Sie?“

„Was?“

„Okay, ich gebe es auf…“

„Wobei wollten Sie mir denn wieder zustimmen?“

„Das ihre Großherzigkeit größer als Charme und Bescheidenheit ist!“

„Ich danke Ihnen – Moment: von Bescheidenheit war nie die Rede!“

„Das stimmt in der Tat; das wäre mir aufgefallen“

„Aber genau – äh, Moment mal – wie bitte?“

„Sehen Sie, wie wir uns im Kreis drehen? Wir sind nicht einen Schritt weiter, weil…“

„Junger Mann…“

„Danke, das habe ich länger nicht gehört; ihr Charme ist tatsächlich größer als..“

„Danke, aber lassen Sie jetzt bitte das ständige Unterbrechen..“

„Na gut“

„Jedes Kind weiß, dass – die Zivilisation – feminin ist; auch und sowohl in anderen Sprachen; ich dachte, solche Banalitäten müsste ich ihnen nicht…“

„Sie haben Recht!“

„mehr erklären, weil…“

„Wieder Mal! Sie haben wirklich ziemlich viel davon, muss ich Ihnen sagen..“

„Wovon?“

„Vom Recht!“

„Ach so, tatsächlich?“

„Natürlich, das sag ich doch die ganze Zeit, aber wo wir beide jetzt schon aufeinander-getroffen sind, was mich aufs Äußerste mit Glückseligkeit erfüllt, dass ich mich am liebsten satt-saufen würde bis….“

„Sie drohen abzuschweifen, merken Sie das…?“

„Nein, nein – es ist die reine Freude, dass ich…. nun, es ist das erste Mal, dass ich Sie hier treffe; wo waren Sie all die Zeit? Und wenn sie da waren, ja, wo denn?“

„Das sind jetzt eine Menge Fragen..“

„Wie geht es Ihnen überhaupt? Ca va?“

„Das wird ja immer mehr; da verliere ich ja den Überblick…“

„Sagen Sie…“

„Ja, bitte?“

„Finden Sie nicht auch, dass wir die Unterhaltung viel besser bei einem..“

„Ja, das finde ich auch..“

„Sie wissen doch gar nicht, was…“

„Doch, weiß ich..“

„Okay, lassen Sie es mich trotzdem, der vollendeten Form halber, wo wir hier ja am Hofe sind, vollständig ausformulieren; finden Sie nicht auch, dass…“

„Ja-ha?“

„Wir unsere Unterhaltung besser mit einem Aperitif fortsetzen sollten?“

„Ja, unbedingt; schlagen Sie eine Location vor..“

„Mit größtem Vergnügen, allerdings wäre es von größtem Vorteil, wenn wir Sie erst einmal auspacken und aus dem Karton lassen, meinen Sie nicht auch?“

„Das klingt nach einer hervorragenden Idee – fangen Sie an, junger Mann!“.

 

Lona Misa

Schon Februar – keine Ahnung, was ich im ersten Monat gemacht, was ich alles gelassen habe – viel war es nicht. Diese nassen dunklen Tage, furchtbar. Stundenlang sitze ich vor dem Fenster und spähe hinaus. Uboot-Ausguck, allein auf hoher See – ständig hoffe ich, dass es aufhört. Jetzt, schau nur – da hinten kommt strahlendblauer, doch nicht. Das gleiche Grau.

– Aber jetzt, sieh nur, da hinten – kannst du den Scheiß jetzt mal lassen? Es ist Januar. Das Wetter ist immer Mist, da kannst du so lange warten wie du willst.

Nach einer Weile sehe ich mir die Regentropfen an, wie sie sich am Glas der Fensterscheibe vereinen, dann schneller fließen, Abzweigungen nehmen – so gut wie nie, den direkten Weg nach unten wählen – hin und wieder innehalten, bis die Oberflächenspannung die Luft anhält und am Ende, reißt – die Ansammlung aller Tropfen freigibt, dass sie sich auf den Weg machen, hierhin, dorthin, wohin auch immer, während ich ihnen auf der anderen Seite zusehe, wie sie Schneckenspuren hinterlassen.

Alles ist in so’n leichten Grauton getunkt – Häuser, Straßen, Autos, Mülltonnen, Menschen, als würde er alle Farben aufsaugen und langsam, ganz sachte verdauen, bis nichts mehr von ihnen übrig ist, als dumpfer, grauer Brei, mit dem man die Welt anstreicht – Wände, Kleidung, Fenster, Brillen, Klodeckel – alles schmeckt nach Maggi.

„Herr Tango – sieh haben gleich ihre Anwendung; machen Sie sich bitte bereit – aber vor allen Dingen, ziehen sich etwas an!“

Kaum zu glauben, woher kommen bloß all die Wolken? Gerade im Januar. Alles riecht nach feuchtem Hund, Turnhalle und saurem Abfall. Der Zwiebel und Kohlgeruch im Treppenhaus ist noch schwerer als sonst. Wie ein tropischer Duschvorhang hängt er vor der Tür – totsicher musst du irgendwann hindurch. Resigniert lassen Bäume ihre graubraunen Schultern und Arme hängen. Alles ersäuft im Dauerregen – die fehlenden Farben sind viel schlimmer; sie erinnern mich daran, dass die Sonne keine Freude und Wärme verteilt.

Gestern im Supermarkt habe ich ein Lächeln von der Kasse bekommen – keine Ahnung warum. Sonst ist nicht viel passiert. Nur das Übliche – Einkaufen. Habe ein wenig gelesen; später auf Papier herumgemalt; könnte unendlich lange schreiben; ewig, bis zum jüngsten Tag; doch irgendwie finden meine Worte den Ausgang nicht; mittags ein leichtes Essen, dann Spaziergang, um graue Gesichter herum. Leere Blicke – Gullimurmeln, verstopft vom Rollsplit des Lebens. Hier und dort Hundekot, ein paar gelbe Rinnsale; Zwei.- und Vierbeiner.

Hubschrauberknattern, Polizeisirenen jaulen ein paar Straßen weiter. Übles Frauen-Gekreische im Stock über mir. – Dieser ständige Regen weicht mich mehr und mehr auf. Nagender Trommelwirbel am Fenster. Hab aufgeräumt; nicht hysterisch gründlich, nur ein bisschen der Vernunft willen. Ein paar Sachen konnte ich weschmeißen; Ich mag meinen Staubsauger; er hat am Heck zwei große schöne Räder, mit kräftiger Gummierung; ein zentrales Lenkrad vorne, eine gelungene Konstruktion – fast saugt er so gut, wie er rollt – und leise ist er, ein Wahnsinn.

Habe Müll rausgebracht, ein paar kaputte Kleidungsstücke weggeschmissen. Im Hof steht das Wasser zentimeterhoch. Auch die Wolken sehen aufgeweicht aus. Sieh nur! Habe Post bekommen; die Elektrizitätswerke. Ich soll nen Wisch unterschreiben und zurücksenden, wenn ich per Dauerauftrag überweisen möchte; muss man jedes Jahr neu beauftragen; finde das gut; muss alles seine Ordnung haben.

Müsste meine Schuhe wieder putzen und am Horus weiterschreiben. Irgendwie male und zeichne ich mehr, wenn es ohne Unterlass….gestern abend dann ein überraschendes Gespräch mit einem Freund. Er hat gefragt wie es mir geht – ich ahnte, dass es ein schwieriges Gespräch wird.

– Ganz gut, und dir? Wie ist das Wetter auf Mallorca? – So lala. Es regnet viel, noch dazu der Wind. Du, wir können uns nicht mehr sehen! – Totenstille in der Leitung. – Wie meinst du das? Wir kennen uns seit bald zwanzig. – Ich weiß; schau wir leben in unterschiedlichen Welten, ich bin viel älter als du, ich habe nicht mehr viel Zeit – wie meinst du das, nicht mehr viel Zeit? Wovon redest du? Bist du krank? – Nein, nein. Ich will dir nur sagen, dass wir uns nicht mehr sehen. Du lebst dein Leben und ich meins und fertig; jeder für sich, mit Respekt.

– Ja, ich meine, nein! Wieso den das? Ich kapiere es nicht;  – Es ist besser so. – All die Jahre, wir haben so viel zusammen unternommen, soll das alles…..  – Du willst es nicht verstehen, oder? Irgendwann wirst du; mach es gut – ciao!

Lautes Knacken in der Leitung. Dann Grabesstille. Merkwürdig, dies 2019. Alles lässt los, nabelt sich ab. Was Jahrzehntelang herrlich, wunderbar schien, verabschiedet sich binnen Minuten und Stunden – abgetrennt durch kurzen Schnitt. Merkwürdig – haben Werte, Erinnerungen und Wärme keine Bedeutung mehr?

Habe mir Salat gemacht, griechische Art, Salatgurke mit halbierten Cocktailtomaten. Gurke längs aufgeschnitten und in Ecken geschnippelt – etwas Salz, Pfeffer, Oregano und reichlich Olivenöl, fertig. War total lecker. Hab ein paar Eier dazu gekocht. Ein Glas Rotwein dazu, fertig. Gerade bricht die Dämmerung herein. Es regnet immer noch – vielleicht ist es weniger geworden, aber nicht viel.

Mein Verlag hat sich in den Kopf gesetzt, meine Bücher in Französisch zu übersetzen, keine Ahnung wie er darauf kommt. Der Buchmarkt wäre lebendiger, als der Deutsche. Man hielt mir ne lange Rede, von wegen trockene Wüste, Monokultur und schlechter Dünger; ist richtig wütend geworden, keine Ahnung warum – wir verkaufen doch, oder nicht? Wahrscheinlich ist es der Regen, so wie bei meinem Kumpel auf Mallorca. Irgendwie lösen sich die Menschen auf. Sie werden grau, ganz wässrig. Kein Wunder bei dem vielen Wasser. Bestimmt werden wir bald alle Fische sein.

Nach dem Salat, habe ich eines der Eier gegessen. Ich mach immer ein paar mehr, so kann ich eins zwischendurch oder zum Frühstück essen. Habe beim Aufräumen ein paar Bücher gefunden; kannte sie gar nicht; teilweise waren die Widmungen über zehn Jahre alt. 2006, alles Gute zu Weihnachten und so; war ganz gerührt; habe ich die alle nicht gelesen? Mensch, das ist dreizehn Jahre her. Wo warst du da eigentlich? Achja, du bist nach Hamburg gekommen, bist von einer Insel aufgebrochen, um auf einer Neuen zu landen, gelernt ist gelernt.

Huch, mein Glas ist alle – das ist das Schöne am Regen – reichlich Grund zum Nachschenken.

 

 

Danke für den Fisch

Es ist acht Uhr abends, der Tag vor dem fünften Advent. Ich habe Hunger. Den ganzen Tag habe ich nichts Gescheites gemacht, oder sagen wir besser mal, ich habe, nach gesellschaftlicher Betrachtung, nichts Vernünftiges getan, was auch immer das heißen mag.

Ich für meinen Teil, als derjenige, der sich, ganz offenkundig, auf der anderen Uferseite des gesellschaftlichen Flusses befindet, muss zugeben, nicht ganz ohne Stolz, dass ich sehr wohl Bedeutsames geleistet, ja regelrecht angestoßen habe und das nicht nur bedingt durch den erfreulichen Genuss von mehreren Apèro’s, mit meinem Freund Dionysos.

Geleistet – was für ein schönes Wort, was grundsätzlich missverstanden, missinterpretiert wird, hängt es doch immer im Auge des Betrachters, aus dem mehr oder minder vorverurteilt wird, was in den adligen Stand der Leistung erhoben wird und was nicht.

Ich für meinen Teil, und hier insistiere ich aufs Allerheftigste, halte es mit meinen bürgerlichen Urahnen, die den Müßiggang als Solchen, als das höchste aller vernünftiger menschlicher Ziele, nicht nur in den Adelsstand erhoben, sondern, und hier möchte ich es noch einmal in allem Ernst betonen, seine Wartung und Pflege, als das Wertschätzendste und Wertvollste betrachten, dem ich mich mit leichtem Herzen anschließen kann und muss.

Mittlerweile ist es zehn Minuten nach acht. Nachdem ich hier so barock und ausladend schwadroniert habe, merke ich immer noch meinen Hunger; ich greife nach einem Paket eingeschweißtem Räucherlachs, mich blauäugig der Illusion hingebend, das er von einem gesunden vollbärtigen, glücklichen, fair und gut bezahlten norwegischen Fischer gefangen wurde, der ihn von seiner schönen Wikingerin hat räuchern lassen, die ihm ein halbes Dutzend gesunder und schöner Kinder gebar, bevor sie sich ihrer Wurzeln besannen und zurück in den Schoße der Natur zogen, wo sie frei und zufrieden, meinen Lachs fangen und verarbeiten – und eben kein un-totes Industrie-Produkt, dass man in einem zu kleinen Wassergefängnis hat aufgezogen, um für einen frühen und fetten Tod glücklich zu sterben, bevor sein Leib von meinem Kiefer zermahlen wird, während ich ihn mit einem weißen Bordeaux herunterspüle , what the fuck!

Wie ich so gemütlich vor mich hin-kaue, denke ich über meinen bevorstehenden Umzug nach. Mir graust davor. Jegliche Form von Karton packen, versetzt mich in eine Art Schockstarre – das liegt mitnichten an der Veränderung oder Dergleichen, sondern mehr an den ganzen Relikten, die ich immer finde und die mich an all das Erlebte erinnern.

– Hier das Foto aus glücklichen Jugendtagen – man, weißt du noch? Anja, deine erste Freundin? Du warst so verliebt, dass dein pochendes Herz in keinen Raum passte, nicht mal unter freien Himmel. Regelmäßig musstest du dich betäuben, um Kopf und Körper abzulenken und mit etwas anderem zu beschäftigen.

– Dort ein Schlüsselanhänger, eine alte Schallplatte, ein paar besondere Bücher, Kleidungsstücke oder Pokale aus Zeiten, wo du nach Podesten strebtest.

Gerade sehe ich eines meiner ersten Tagebücher, als mir ein stechender Schmerz in die Magengrube fährt. Als würde mir einer in den Bauch treten. Ich verharre für Sekunden.

– Was ist das?

Ich blinzle verstohlen, blicke mich um, als würde man mich verfolgen, als könnte man mich beobachten und dabei zusehen, wie ich langsam durchdrehe. Mein Atem geht schneller, meine Augenlider flackern – eigentlich ist es mehr ein hochfrequentes Flirren, als Flimmern – das Leben findet wie in slow-motion statt – eigentlich großartig, wie wenn du einen rauchst – jetzt aber ist es richtig ernst. Ich fange an zu hecheln – Schweiß bildet sich auf meiner Stirn.

– Was ist das für eine Scheiße? Denke ich. Fuß und Fingerspitzen fangen an zu kribbeln. Mir wird kalt und kälter, auch meine Nase ist eiskalt. Was ist das? Mein Magen schwelt vor sich hin, fühlt sich an, als hätte man ihn mit glühender Lava ausgegossen

– Es fühlt sich an wie die ultimative Kernschmelze, als hätte ich eine Sonne geschluckt, die mich jetzt von innen heraus verbrennt, verzehrt und abrauchen lässt, wie eine zu fleischgewordene Wunderkerze, die noch ein letztes Mal, knisternd aufleuchtet, bevor sie zusammengekrümmt, verschrumpelt und verdorrt zu Staub zerfällt.

Längst habe ich angefangen zu zittern. Mir ist schweinekalt, mein Mund ausgedörrt, wie die Wüste Gobi; mein Magen glüht und brennt vor sich hin; Schweiß läuft mir in Bächen die Stirn hinab; meine Zehen krampfen sich zu Krallen, als würden sie sich auf einem unsichtbaren Ast verhaken und festbeißen.

Langsam raffe ich mich vom Stuhl auf, schlurfe zur Spüle, lasse Wasser laufen – mit zitternder Hand halte ich das Glas unter den festen Strahl – mein vibrierender Arm verschüttet die Hälfte. Mein Linker packt das Handgelenk der Rechten; jetzt geht es; keine Ahnung was es ist; es reißt mich hinfort, in einen Strudel, dem ich nicht entkommen kann; vielleicht sollte man einen Exorzisten kommen lassen, denke ich noch und schlüpfe in voller Montur unter die Decke, wo ich mich zu einem überdimensionalen Fötus zusammenrolle und geduldig weiter vor mich hinklapper.

– Mein Gott, ist mir arschkalt! Zwei paar dicke Socken, Hosen und Pullover nützen nichts; ich schlottere wie ein Eskimo unter der dicken Decke; keine Ahnung, wie lange; mittlerweile knirschen auch meine Zähne wie wild.

Stundenlang wälze ich mich von links nach rechts; irgendwann wird mir warmer; Bahl sei Dank! Meine Rückenmuskulatur ist verspannt vom ewigen Krampfen; auch meine Bauchmuskeln sind hart wie Gletscherspalten, was ist nur los? Hin und wieder trinke ich Wasser aus einer Flasche, die ich mit Engelsgeduld gefüllt hatte, von erster dunkler Ahnung genährt, dass es eine längerfristige Geschichte sein könnte.

In den schlotternden Stunden träume ich schräges Zeug; keine Ahnung ob ich träume, halluziniere oder wach bin; vor vielleicht fünfundzwanzig Jahren habe ich mit Pilzen experimentiert; irgendwann hatte ich die richtige Dosierung raus; es fühlte sich ähnlich an.

Gegen ein Uhr in der Nacht geht das Telefon, meine Freundin. Was ich so mache, wie es mir geht. Sie ist sehr modern, wechselt von Audio auf Video-Call – ich lächle vage vor mich hin, sehe furchtbar aus. In wenigen Augenblicken wird die Unterhaltung militärisch.

„Was hast du gegessen?“

„Nichts besonderes; Räucherlachs vom glücklichen Per-Arne.“

„Wie bitte?“

„Ist nur ein Wortwitz; ich habe die Vorstellung, dass ein gut bezahlter…..“

„Ja-ja, ist klar; hast du aufs Haltbarkeitsdatum geschaut?“

„Auf was? Auf das Haltbarkeits..? Wieso denn das?“

„Ich meine es ernst, hast du, oder hast du nicht?“

„Wieso denn? Nein, habe ich nicht – mache ich nie!“

„Du willst mich auf den Arm nehmen, oder? Du willst mir sagen, dass du über vierzig Jahre zählst und noch nie nachgesehen hast, ob du verderbliche Ware zu dir nimmst?“

Meine Freundin ist sehr besorgt; ich liebe das, wenn sie so ist, auch wenn der Anlass Mist ist – nicht, weil ich Mitleid bekomme, nein, ganz im Gegenteil;  jemandem etwas zu bedeuten ist das Schönste überhaupt; wenn jemand mir zeigt, dass ich ihm wichtig bin; ist der Gipfel der Menschlichkeit, jedenfalls für mich; für sie ist es glaube ich gerade was Anderes.

„Würdest du bitte nachsehen, wie alt der Lachs ist!“

„Ja-ja, sicherlich – warte.“ Mein Magen glüht immer noch wie ein Schmelztiegel; mittlerweile habe ich einige Gläser Wasser heruntergestürzt, keine Ahnung wie viele. Schleppend erreiche ich den Mülleimer.

„Bist du noch dran, Schatz?“

„Ja, natürlich – und?“

„Warte – gleich hab ich es; so, was steht denn da; man, ist das schlecht lesbar. Oh!“

Langsam lese ich das Datum, von einem namenlosen Digitaldrucker auf die Plastikfolie geplottet; ich lese es nochmal und nochmal; zwischendrin drehe ich die Verpackung um hundertachtzig Grad, um jeden Irrtum auszuschließen.

„Und? Wie lange ist er noch haltbar; was steht denn da; mach es nicht so spannend, du brauchst nur ablesen!“ Sie wird ungeduldig, warten ist nicht ihre Stärke.

„Was soll ich sagen, Schatz: vor über vierzehn Tagen abgelaufen!“

 

Wüstentraum

Wankend, fast schwebend, streune ich durch den Sand – hier und da ragt ein Stein aus dem gelb-beigen Mehl heraus. Hitze lässt meinen Gedächtnispalast kochen; ich kann spüren wie Monsieur Thalamus schwitz und erschöpft mit seinen Armen herumwedelt – bestimmt macht er jetzt ein paar Fehler, so wie ich.

In weiter Entfernung sehe ich seltsame stachelige Formen aus dem Sand ragen – keine Ahnung, ob es sich um eine Fatamorgana handelt, oder ob es echt ist. Ich bin an dem Punkt angelangt, wo es mir egal ist. Sand knirscht zwischen meinen Zähnen – das Tuch ist verrutscht. Jetzt drückt feiner Staub durch die Ritzen und droht, alles zu verstopfen.

Eigentlich mag ich das Scheuern unter den Lippen. Es ist ein wenig so, wie wenn man Sand im Getriebe schön findet – mich interessiert, ob es dem Ganzen standhält, ob es trotzdem funktioniert. Vielleicht bin ich deswegen immer ein Grenzgänger geblieben.

Ich blinzle mit den Augen. Erinnerungen kommen mir hoch, so wie schlechtes Essen – von weit weg, als wenn es jemand ganz anderes gewesen ist, der sich verdorbenen Mist reingeschlungen hat.

Ein paar von ihnen rauben mir den letzten Atem, als sie wie Schnellzüge, ohne zu halten, durch meinen Hauptbahnhofdonnern, dass es mich fast von den Beinen holt und ich taumelnd von Einem auf das andere tänzle, um nicht zu Boden geworfen zu werden, so wie es der Wind schon vor Jahrzehnten versuchte, als ich jung und knirpsig mit dem Laufrad unterwegs und mich der ölige Himmel beeindruckte, der heute, ein paar Jahrzehnte später, nichts weiter ist, als ein hellblauer Lichtspiegel, der mir das Mark in den Knochen kocht, das sich mein ganzer Körper wie eine, mit flüssiger Lava gefüllte Marionette des Irrsinns anfühlt, die von innen heraus verkohlt, bis sie zu Asche zusammenfällt.

Noch Minuten später flattern verlorene Zeitungsseiten über den Bahnsteig, als hätten sie Landeverbot.