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Lebenszeit – Odyssee 2020 CW06

Gestern klopfte der Tod an meiner Tür. Nicht als Sensenmann, oder gar als knöchernes Klappergerüst, dass einem im schwarzen Umhang in Angst und Schrecken versetzt, nicht die Bohne – Poseidon besuchte mich in einem Traum. Er hatte mir ne Menge zu erzählen. Ich wunderte mich die ganze Zeit, warum er so einen Redebedarf hatte. Normalerweise, sind wir Menschen die Jenigen, die zu schwimmen beginnen, wenn uns Götter besuchen.

Wir plauderten über das Leben, was es ausmacht und so. Ziemlich schnell kamen wir an den Punkt, dass wir Menschen meist nicht wissen, wann uns das Lebenslicht ausgeblasen wird, mal abgesehen von denen, die eine furchterregende medizinische Diagnose zu hören bekommen haben. Mich treibt das Thema zur Zeit ziemlich um, keine Ahnung warum. Es geht mir dabei um den Wert von Lebenszeit. Wir realisieren ihn nicht. Erst, wenn unsere übriggebliebenen Jahre weniger und weniger werden, fängt es an in uns zu rumoren.

Wenn ich durch eine Diagnose nur noch ein Jahr zu leben hätte, sind plötzlich alle kommenden 364 Tage das Wertvollste auf Erden. Kenne ich dies Limit nicht, habe ich wenig Skrupel, meine kostbare Zeit zum Beispiel mit Nachbarschaftsstreit zu verbringen, wo es um Grenzen überragende Obstbäume geht. Wenn ich weniger als 400 Tage habe, wird mir gleiches Thema herzlich egal sein.

Alles bekommt seinen Wert durch Begrenzung und Limitierung. Ich bin ziemlich davon überzeugt dass es mit Allem so ist. Ständig sind wir mit irgendetwas beschäftigt, was uns vom Kern abhält. Doch wie sich so ein Lebensgefühl bewahren, oder bekommen? Dazu habe ich ziemlich viele Gedanken in meinem Kopf, die ich zuerst einmal sortieren muss.

Vermutlich kommt das Meiste von uns Selbst. Ich muss mit ein paar klugen Menschen sprechen, um meine Gedanken zu sortieren – manches ist davon vermutlich krudes Zeugs, doch im Kern glaube ich fest daran, dass wir schon alles in uns tragen, um zufrieden zu sein.

Nächste Woche mehr – hasta luego.

 

Interview – Odyssee 2020 CW02

Letzte Woche habe ich schlussendlich mit dem großen Sterben aufgehört, was mich selber zum Nachdenken einlud, mal kurz zu hinterfragen, worum es mir eigentlich geht – also:

„Worum geht es dir?“

„Mir? Hm, gute Frage.“

„Ja, dir.“

„Mir geht es um Sinnhaftigkeit meiner Zeit.“

„Okay, was meinst du damit?“

„Naja, dass ich mit meiner Zeit etwas Sinnvolles….“

„Schon klar, ich denke wir können ein wenig das Tempo erhöhen, immerhin kennen wir uns.“

„Indeed!“

„Okay, was zum Beispiel ist etwas Sinnvolles für dich?“

„Ich reise gerne. Neugierig bin ich auch. Alles möchte ich verstehen. Zum Beispiel…“

„Warte kurz: Also reisen und lernen? Was noch?“

„Halt mal, wir machen das ganz anders, es fängt an mich zu langweilen, daher…“

„Was, jetzt schon? Wir haben doch eben erst….“

„Ja und? Und wenn schon, wir machen das anders, ich wusste schon immer, dass ich ein großer Freund der Mäeutik bin, dass ich sie im Grunde mein Leben lang……“

„Der was? Wie heißt das, Mä….?“

„Ist nicht wichtig, erklär ich dir später, pass auf: Unser Tag hat 24 Stunden, nicht wahr?“

„Hey Moment, erklär mir erst mal….“

„Nein, können wir später Machen. Oder kannst du selber nachlesen, los jetzt, komm schon…“

„Ausnahmsweise! Aber freundlich ist anders, das ist dir hoffentlich…..“

„Ich habe nie gesagt, das sich freundlich bin, im Gegenteil. Man zählt mich nicht zu den Netten. Also, weiter, wir waren bei den 24 Stunden, d’accord?“

„Na klar, blöde Frage, wie soll ich….“

„Sie ist nicht blöd, wirst du gleich merken. Wie viele Stunden Schlaf brauchst du so im Mittel, sechs, sieben, acht oder wie oder was…?“

„Sieben wären schon gut, warum…?“

„Okay, bleiben uns 17h übrig. Wieviel Zeit investierst du für Aufstehen, Anziehen, Umziehen, auf Klo gehen und dich Bettfertig machen, wie viel?“

„Wie bitte? Keine Ahnung…“

„Ey, keine Ahnung ist die einzige Antwort die nicht akzeptiert wird, wen sonst, wenn nicht dich soll ich fragen, deine Mutter? Also, noch mal, wie lange?“

„Na, warte, lass mich mal nachdenken, na vielleicht 1h Stunde?“

„Eine nur? Das glaubst du doch selber nicht. Siehst du was passiert? Du hast keine Ahnung, womit du deine Zeit, dein Leben verbringst. Ich fragte nach Allin, schon vergessen?“

„Okay, okay – sagen wir zwei Stunden. Ja, das ist vermutlich realistischer glaube ich, weil…“

„Kapiert, also bleiben uns noch 15 Stunden vom Tag übrig, richtig?“

„Genau!“

„Gut, wieviel Zeit nimmst du dir für deine Mahlzeiten? Sind sie dir wichtig? Oder ist essen für dich nur eine Notwendigkeit?“

„Hm, eigentlich ist Essen und Trinken mir schon wichtig, doch. Ich würde sagen, dass ich mir Zeit dafür nehme und gerne genieße, warum…?“

„Na komm, da kommst du selber drauf, oder?“

„Achso, okay. Ja, kapiert. Wieviel Zeit, lass mich mal nachdenken. So als Jahresmittel, Urlaub und so nicht mit hinzugezogen, okay?“

„Wie du willst, es ist dein Leben.“

„Bestimmt weitere zwei Stunden.“

„Okay, merkst du was? Wir sind bei 13 Stunden angelangt. Wie ist das mit Sport? Bewegst du dich, oder sitzt du nur noch rum und wartest, dass die Knochen einrosten?“

„Klar, mache ich Sport. Vielleicht pro Tag eine weitere Stunde…..?“

„Okay, macht 12h als Rest. Merkst was? Schon 50% des Tages ist rum, ohne dass wir von Arbeit, Hobbys, Familie, Einkaufen oder deinen großen Träumen und Zielen gesprochen haben…“

„Wie krass!“

„Genau, hin und wieder macht es Sinn da hinzuschauen. Also, weiter geht‘s. Was ist dir wichtig im Leben? Du sprachst von Sinnhaftigkeit. Bis jetzt haben wir nur davon geplaudert, dass…..“

„Liebe und Leidenschaft finde ich….“

„Jetzt wird es gemütlich, also Partnerschaft, Freunde, Familie….“

„Genau. Teilen finde ich grundsätzlich schön, aber damit meine ich…“

„Nicht nur Partnerschaft, sondern teilen mit Menschen im Allgemeinen…“

„Absolut! Mit den Menschen teilen, die mir wichtig sind bedeutet für mich, zusammen eine höhere Frequenz als alleine zu haben. Man spürt das sofort, wenn man mit jemandem zusammen ist. Entweder fühlt man sich wohl, oder nicht. Dazwischen gibt es genauso wenig, wie halb-schwanger sein!“

„Siehst du?“

„Was?“

„Wir sind immer noch nicht bei Hobbys und Arbeit. Kommen wir da heute noch hin, oder machen wir das ein…..?“

„Nein, nein. Machen wir alles heute, ich wollte nur sagen, dass….“

„Wenn du das heute machen willst, müssen wir etwas gezielter vorgehen, weil du mir sonst wieder ausbrichst und wie ein Jeck hin und her hüpfst. Also, womit willst du…?“

„Stimmt. Ich muss mich….“

„Natürlich, also wieviel Zeit wendest du….?“

„Halt mal, so haben wir nicht gewettet…..“

„Was meinst du..?“

„Wir reden von meinem Leben. Wir wollen doch mein Wertvollstes nicht zu einer rein zeitökonomischen Rechnerei verkommen lassen, oder was?“

„Nein, natürlich nicht. Aber letztendlich ist alles eine Frage der limitierten Lebenszeit, die uns allen bleibt. Stell dir vor, du hättest die Diagnose Krebs, mit maximal einem Jahr Lebenserwartung. Was würdest du tun?“

„Das ist ein böses Beispiel. Wie soll ich mich…“

„Ist es das? Warum? Was ändert es, wenn du dein Ende weißt, oder nicht weißt? Warum würde sich was für dich ändern? Würdest du nicht grundsätzlich die für dich wichtigsten Dinge deines Lebens, an jedem deiner Tage tun, als könnte er dein Letzter sein? Und wenn du das nicht tust, wie kannst du jemals etwas anderes getan haben, wo du dein Ende nicht kennst?“

„Ich finde das ein ziemlich schweres und ernstes Thema. Können wir nicht von etwas Fröhlicherem…?“

„Warum ist dein Ende etwas Trauriges für dich? Wir reden nur davon, was dir im Leben wichtig ist, weil du damit angefangen hast, sinnhafte Dinge in deinem Leben tun zu wollen. Also, was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hast? Denn in Wahrheit musst du so handeln, weil du dein Ende nicht kennst. Los doch, erzähl mal…“

„Hm, vermutlich würde ich mich nur noch auf die Dinge konzentrieren, die mir eine Herzensangelegenheit sind und die mir restlos gut tun.“

„Nicht schlecht. Das setzt voraus, dass du weißt, welche das sind, was wiederum voraussetzt, dass du wissen musst, wer du bist und was du brauchst, um dich wohl zu fühlen. Weißt du all das…?“

„Ich meine schon. Bücher sind mir wichtig. Zum Lesen und meine eigenen. Reisen muss ich deswegen, viel rumkommen, weil die Abwechslung mir und meiner Neugier gut tut und weil sie mich inspiriert…“

„Klingt überschaubar, wenig ausgefallen. Sonst nichts? Das war es?“

„Natürlich macht all das mit einer Partnerin mehr, manches macht dann doppelt viel Spaß. Aber ja, mehr ist es nicht.“

„Wow! Und? Klappt das, bekommst du alles unter einen Hut, oder hättest du gerne mehr Zeit..?“

„Jetzt muss ich vorsichtig sein, was ich meine, spüre, denke und sage….“

„Warum, was ist los…?“

„Broterwerb brauchen wir alle, damit wir ein Dach überm Kopf und einen halbwegs gefüllten Kühlschrank haben. Sollten manche dem nicht nachgehen müssen, so stellen sich am Ende die gleichen Fragen, nämlich, was machen wir mit der kurzen oder langen Zeit, je nachdem, wie sie uns vorkommt – was?“

„Und was fiel dir jetzt schwer, bei dieser Unterhaltung? Die war doch recht kurzweilig…..“

„Na komm. Immer kommst du mit so ernsten Themen. Kannst du nicht mal mit was Leichtverdaulichem antanzen? Muss es immer diese schwere Kost sein?“

„Du meinst Ablenkung, Entertainment, Müßiggang…?

„Ha, das hatte ich nicht erwähnt….!“

„Was?“

„Müßiggang. Den lasse ich mit in meinen Tag einfließen, in dem ich mir viel Zeit für die Dinge nehme, um mich meinen Tagträumereien hingeben zu können. Macht bestimmt eine Stunde pro Tag, mindestens…“

„Dann sind wir also bei 11 Stunden. Jeden Tag hast du den?“

„Naja, schon, würde ich sagen. Zumindest nehme ich mir das vor und versuche genug kreative Inseln im Meer des Alltags stehen zu lassen, um sie zwischendurch aufzusuchen…“

„Finde ich gut, dass du das….“

„Natürlich gelingt mir das nicht jeden Tag. Aber ich versuche…“

„Darum geht es, dass du es ständig…..“

„Genau, sehe ich auch so…..“

„Lass uns noch mal zusammen auf den Tod schauen….“

„Warum denn das nun wieder, wir haben doch eben…?“

„Weil du eine wichtige Frage nicht beantwortet hast, vielleicht weil du nicht kannst, oder nicht willst. Genau das will ich herausfinden. Also, wenn du….“

„Manchmal kannst du ganz schon nerven…..“

„Hatten wir nicht am Anfang verabredet uns konzentrieren zu wollen, um…?“

„Okay, okay. Hast Recht. Hatten wir gesagt. Welche Frage….?“

„Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest….?

„Hm, keine einfache Frage……“

„Lass dir Zeit, aber nicht zu viel. Geht alles von deiner Lebenszeit ab….!“

„Ist natürlich nur hypothetisch, ist klar oder? Wie sich das anfühlt, wenn man so eine Diagnose bekommt, wissen nur jene, die das erleben mussten. Ich glaube ich würde nichts anderes machen als heute…“

„Tatsächlich? Alles gleich, nichts würdest du ändern….?“

„Ich glaube schon. All meinen Ballast habe ich bereits vor Jahren über Bord geworfen. Übrig geblieben ist, was ich mit dir geteilt habe. Nein, ich würde nichts anders machen……“

„Und was ist mit Zeit? Hast du genug Zeit für die Dinge, die dir….?“

„Können wir das bitte auf nächstes Wochenende verschieben? Irgendwie langt es mir jetzt, meinst du nicht?“

„Hm, gerade bin ich mir unschlüssig, wer hier eigentlich Chef ist, ich, deine Vernunft, oder du, das Es und Über-Es…?“

„Ist das wichtig? Langt nicht, dass einer von uns beiden keinen Bock mehr hat….?“

„Und jetzt? Was willst du machen? Dich ablenken, oder was….?“

„Naja, keine Ahnung. Vielleicht will ich mir darüber keine Gedanken machen und mich von dir die ganze Zeit ausfragen lassen. Manchmal will man einfach nicht denken, oder spüren, sondern einfach nur sein..“

„Echt?“

„In echt!“

„Na gut. Wollen wir uns dann für nächstes Wochenende schon einmal…?“

„Können wir das nicht offen und ungeplant auf uns zukommen lassen…?“

„Naja, schon. Aber da unsere Zeit knapp ist, dachte ich, dass es dir….!“

„Schluss jetzt! Geh zurück auf deine dunkle Jang-Seite……“

„Na gut. Bis später….“

„Tschüß….“