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Vase und Suff – Odyssee 2021 CW40

10.October – Mein „r“ ist immer noch kaputt; und über den Durst getrunken habe ich gestern auch mit Freunden, aus Freude über etwas lang Gesuchtes; heute morgen habe ich mich dann daran erinnert, warum es so selten geworden ist; man fühlt sich am Tag danach so semi-gut; auf keinen Fall schlecht, aber irgendwie – leer.

Selbst das Schreiben ist heute mühsam und das nicht nur wegen dem defekten „r“.

Ich glaube, heute mache ich nix mehr, außer meine neue Vase voller Begeisterung bestaunen; nach über fünf Jahren Suche, habe ich nämlich gestern, durch Zufall, wie es dann oft so ist –  wenngleich wir alle wissen, dass es so etwas wie Zufall nicht gibt, aber es sagt sich irgendwie so leicht und organisch und klingt auch ganz schön, obwohl man weiß, dass es nicht korrekt ist – bei mir nebenan, in der Galerie von Valerie Maffre, eine wirklich sehr schöne Vase gefunden und sie sofort gekauft, nachdem ich – probeweise – langstielige Lilien reinstellte und mit dem Ergebnis hochzufrieden war – und bin!

Und weil ich kaum noch Lust habe und heute unsagbar faul bin, nehme ich mir heute die Freiheit heraus, den heutigen Sonntag ganz offiziell, zum Vasentag zu klären….sie lebe dreimal hoch…hoch…hoch…hoch…..

Sie tat es aus Liebe – Odyssee 2021 CW08

D saß mit verschränkten Armen und Beinen auf einem Sofa. Draußen dröhnte Verkehr und Grundrauschen geschäftiger Menschen, während er nachdenklich aus den großen Fenstern des ersten Stocks sah und dem beginnenden Frühling in den offenen Schoß blickte.

D’s Freundin hatte ihre beste Freundin Eva besucht, weil diese von ihrem Partner Mattieu in den kommenden Monaten zum Altar geführt werden sollte und D gesellte sich am Nachmittag dazu.

Eigentlich hatte er vor, zu Maxxess zu fahren, um ein paar Dinge für sein Motorrad zu besorgen, musste jedoch nach wenigen unmotivierten Schritten in seiner Wohnung feststellen, dass er heute offenkundig sogar zum Atmen zu faul zu sein schien. So lud ihn seine Freundin ein, zum Café dazuzukommen.

Mit wachsender Freude, dachte er an den Café, während er durch die Sonne von Toulouse flanierte und sich kurzfristig entschied, das Angebot anzunehmen; eine kurze digitale Nachricht an seine Freundin gab ihr letzte Möglichkeiten zu intervenieren, um das Angebot zurückzuziehen; da dies ausblieb, bog D am Place de la Daurade rechts ab und schwebte dem verlockenden Angebot zielstrebig entgegen.

Schon beim Eintreten, bemerkte D, dass die Damen bereits einige Gläser Champagner intus hatten. Es lag nicht nur allein am schrillen Lachen von Eva, sondern vielmehr an den Themen, die anscheinend schon länger halbseiden zu sein schienen, aber noch keine Grenze des Geschmacks überschritten hatten, dass D sich Sorgen hätte machen müssen.

Es war vielmehr die Wortwahl, die eine unübersehbare beginnende Schlüpfrigkeit unterstrich, die D grundsätzlich begrüßte, besonders an Samstagnachmittagen.

Eva war so etwas wie der Prototyp der idealen Fransösin: Schön und gebildet, noch dazu mit Eigenschaften wie Geschmack, Humor und Empathie hübsch verziert, dass D gerne und völlig frei von Ironie von einem wunderbaren Qualitätsprodukt der fünften Republik sprach.

Auch auf D’s Freundin traf das Meiste davon zu, wenngleich man bei ihr vergeblich die selbe elegant überdeckte Arroganz suchte, mit der ihre Freundin Eva ihren schön hingewachsen Wirtskörper durch die Welt schob.

Schon vor vielen Jahrzehnte entdeckte D diese schwer einzusortierende Eigenschaft an sich, fremde Frauen immer irgendwie ein wenig anziehender zu finden, als seine Partnerin.

Es musste etwas mit gestohlenen Äpfeln zu tun haben, die immer besser schmecken, als die rechtmäßig erworbenen. So fiel es D also an diesem Samstag nachmittag, nach dem Genuss von mehreren Gläsern Champagner zum so und so vielten Mal vor die Füße, dass er Eva mit den gleichen Blicken taxierte, wie die einladende Fleischtheke beim Schlachter nebenan, wo er mit geübtem Blick ein vorzüglich aussehendes Entrécôte erspähte, dass ihm blitzartig der Zahn tropfte.

Und Beine hatte sie!

D musste oft aus dem Fenster sehen, um sich nicht von dieser graziösen Strumpfhose und den Stilettos verzaubern zu lassen; noch dazu hatte sie mit ihren 32 Jahren auch noch ein Alter, dass ihrer Natur alle Möglichkeiten gab, das pulsierende Leben hinter jedem Quadratzentimeter Haut zu finden, die sich nur mit Mühe im Korsett aus Anstand, guter Kinderstube und großbürgerlicher Erziehung im Zaume halten ließ, das D wie zur eigenen Beruhigung seine Hand auf den Oberschenkel seiner Freundin legte, deren Beine in Form, Länge und Farbe in keinster Weise hinter Evas hinterherhinkten.

Sie waren lediglich schlichter hinter Jeansstoff verpackt, was auch hübsch anzusehen war, jedoch nicht diese archaische Wirkung auf D ausübte, wie Nylons in hohen Hacken.

Du meine Güte, hat die Natur dich einfach gestrickt!

dachte D, verzweifelte jedoch nicht allzu lange, weil er der ausgelassenen Unterhaltung der zwei Ladies lauschte, die gerade das nächste Level an Dynamik und Lebensfreude erreicht hatte, wie D unschwer hörte, als weitere Lachkrämpfe der zwei ausgelassen Champagner trinkenden Damen wie Tsunamis über ihn zusammenbrachen, dass er sich immer wieder mal verstohlen umblickte, um breiter und breiter lächelnd nach versteckten Kameras zu suchen.

Eva: (laut lachend, fast ein wenig schmutzig)…wenn er dann fertig ist, sieht er mich immer an, als wenn er unsicher ist, ob er sich Bedanken oder um Entschuldigung bitten soll, weil er nicht weiß, ob er gut genug war – dass kannst du dir nicht vorstellen! Er trägt mich auf Händen; noch nie hab ich einen solch verliebten Mann gesehen; dass Mattieu dann mit dem Antrag um die Ecke kommen würde war mir klar – und bei ihm nahm ich mir diesmal vor, ja zu sagen!

Don’s Freundin: Er ist wirklich ein seltenes Exemplar, Eva, das musst du zugeben; sowas von höflich, nett und zuvorkommend; ein wahrer Gentleman, ganz anders als meiner hier, nicht wahr, Don? (lautes Lachen der zwei Frauen)

Don: (schmunzelte in seinen sieben Tage Bart und nahm sich vor, ein wenig zu zündeln)……wenn Mattieu noch gut kochen und aufräumen kann und noch dazu handwerklich begabt ist, wie du sagst, Eva, dann hast du doch deinen Traum-Prinzen gefunden, der euren zukünftigen Kombi zuverlässig und unfallfrei von der Schule zur Arbeit und wieder nachhause zurückfährt – ich gratuliere – und wieder hast du alles richtig gemacht! (ein wenig sarkastisch und bittersüß ließ D seine Worte einsickern)

Eva: Im Ernst Don: Mattieu ist der perfekte Ehemann! Gut aussehend, aber nicht zu gut, sportlicher Körper, volles Haar, braune liebevolle Augen und ein Maß an Freundlichkeit und Zuverlässigkeit, wie sie nur ein 40 Jähriger haben kann!

DF: Bleib aber lieb zu ihm Eva, okay? Der liebt dich wirklich, behandle ihn gut, versprichst du mir das? Bei Mattieu kannst du dir alles erlauben, du hast das schon ganz richtig bemerkt: Er trägt dich auf Händen; alles wird er für dich machen und noch mehr…

D: (D bemerkte, dass der Alkohol bereits ein gerüttet Maß an Feinsinnigkeit bei den Damen übertünchte)…..du sag mal Eva, für mich klingt das aber eher so wie auf einem Pferdemarkt; hast du denn auch sein Gebiss ausreichend begutachtet? Er ist also zur Zucht geeignet, offensichtlich sogar zu deiner Eigenen?

Eva:…..ich habe mit Feude JA gesagt!

Don: Das habe ich mir bereits gedacht, Eva – aber viel wichtiger ist doch, dass du ihn liebst – den Eindruck habe ich bisher nicht; so wie du über ihn redest klingt es so, als wenn du über einen netten Freund oder einen Kollegen sprichst und nicht über deinen zukünftigen Gemahl!

Das hatte gesessen; D wollte eine Reaktion auslösen, vielleicht klappte es so, dacht er sich; während er sprach hatte seine Freundin nach seiner Hand gegriffen, die immer noch auf ihrem Schenkel lag und hatte angefangen sie a-zyklisch immer wieder leicht zu drücken. Als er dann auf Liebe zu sprechen kam, fuhr sie erschrocken zusammen.

Warum wusste D an diesem Nachmittag noch nicht. War es seine forsche Art, mit der er Eva offen attackierte? Oder war es die wachsende Furcht vor Evas Antwort, die sich immer weiter ausbreitete?

D wusste es nicht.

Eva: Wie jetzt, Liebe? Von was redest du denn da, Don? Natürlich liebe ich ihn nicht! Darum geht es doch gar nicht; ich will Kinder haben, das geht nun einmal nicht ohne Kerl; so etwas wie Kinder hält doch keine Beziehung aus, schau dich doch mal um; wie naiv bist du denn? Wir haben zehn gute Jahre, dann sind die Kinder schon ein paar Jahre in der Schule und dann trenne ich mich sowieso von ihm; ich habe doch keine Lust, mein Leben mit ihm zu verbringen, wie komme ich dazu?

D: Aber…….(sprachlos blickt D mit offenem Mund in die lodernen Augen Evas)

Eva:…nix aber, lieber Don! Aus welchem Märchenland kommst du denn geritten? Wir leben im Jahr 2021 und nicht 1821, schon bemerkt? Heute kann Frau alles machen, sein und haben, so wie die Männer! Ich kann doch mit Kindern keinen hübschen Kerl zuhause gebrauchen, der womöglich fremdgeht, gar fremdvögelt, wie komme ich dazu?

Deswegen darf er auch nicht zu gutaussehend sein, so dass sich alle Frauen nach ihm umdrehen, um Gottes Willen, Don – Kinder sind harte Arbeit, da musst du dich aufeinander verlassen können, sonst hast du schnell Probleme – und die wollen wir ja wohl alle nicht, oder?

Ich will einen gut aussehenden, zuverlässigen, freundlichen Kombifahrer, der mich auf Händen trägt, so lange ich Lust darauf habe und wenn nicht, dann geht das Leben ohne ihn weiter – ist doch das Normalste von der Welt…!

D: Ach so ist das – so hatte ich das noch gar nicht gesehen; wann wollt ihr heiraten?

Eva: Im Juli. Wir suchen zur Zeit nach einem geeigneten Termin, um im Anschluss unsre Flitterwochen zu machen……mir ist eigentlich egal wo, Hautsache Sonne und Strand!

D: Na, da bin ich mir sicher, dass ihr was Passendes findet…Mist ich erinnere mich gerade daran, dass ich doch glatt vergessen habe, ein paar Besorgungen zu machen…

Eva: Du musst los, Don? Na dann können wir uns ja in Ruhe über dich herziehen! (laut lachende Frauen)

D: Da bin ich mir sicher, Eva…

D’s Freundin lässt seine Hand nur widerwillig los und ist sich nicht sicher, ob sie noch länger bleiben soll. Selbst die Champagner-Wirkung hatte etwas an Leichtigkeit und Ausgelassenheit eingebüßt. Schon stand D mitten im Wohnzimmer und machte Anstalten sich zu verabschieden. Mit Sicherheit würde seine Freundin aus Anstand noch bleiben.

D: Ich würde wirklich noch gerne bleiben, aber wenn ich nicht vor 17:30 im Supermarkt bin, lassen die mich nicht mehr rein…ihr kennt ja diese blöde 18:00 Uhr Regelung, die wir immer noch in La France genießen dürfen…bis später, Schatz – bis zum nächsten Mal Eva und noch einmal: Herzlichen Glückwunsch…

Bananen-Republik – Odyssee 2020 CW47

22.November – seit wenigen Tagen war D wieder zuhause in Toulouse. Es war nicht nur der mediterrane Duft der Pinien und das höhere Ozon-Niveau, das ihn lächeln ließ, sondern war es vielmehr auch die etwas gelassenere Art mit dem Leben umzugehen – und eben Allem, was so dazu gehörte, Südeuropa eben.

D bemerkte zum zweiten Mal, wie rigoros auf der einen Seite die Fünfte Republik fuhrwerken konnte, allen voran Manu Bonaparte, der all seine Compatrioten zuhause einschloss, um Gesundheits-System und Bürger zu schützen – was diese grundsätzlich goutierten – während auf der anderen Seite, die feudal-zentralistische Administration mit ihren ausdruckbaren und digitalen Ausnahme-Bescheinigungen jegliche Kreativität der Bürger einlud, ausgelebt zu werden.

Oder in anderen Worten: Wer verdeckte, sowie nicht offensichtliche Flexibilität und Interpretations-Spielräume mit seiner Willenskraft kombinierte, konnte nahezu alles machen, wie vor Corona. Dies, sowie viele hundert unausgesprochene Gründe, ließen D einen besonderen Dialog mit Emmanuel Macron führen, den D insgeheim für den größten europäischen Zampano hielt, dass er ihn sogar als Präsident für Europa vorschlagen könnte, wenn man D endlich Redefreiheit geben würde.

Das Gespräch fand im Geheimen statt – Manu hatte D‘s Nummer durch D’s Lektorin bekommen, die als waschechte Pariserin – nicht zu verwechseln mit den Kondomen – immer noch hervorragende Verbindungen mit der französischen Hauptstadt pflegte und die darin mündeten, dass D letzte Nacht eine Whattsapp-Nachricht von Monsieur Presidente Manu bekam. Zuerst schaltete D nicht, bis er begriff, dass er den Bewohner des Elysee-Palastes persönlich am buchstäblichen Rohr hatte. Und so geschah es:

M: Salut Don, wie geht es dir?

D: Wer bist du denn?

M: Na ich, Emmanuel Macron….

D: Im Ernst? Woher hast du denn meine Nummer? Können wir auf Videocall wechseln, damit ich dich sehe? Ich verspreche, dass ich keine Screenshots mache…

M: Na klar, warte…

(Nach wenigen Sekunden nimmt D den Videocall-Request von Emmanuel Macron an)

D. Wau, ich glaub es nicht, du bist es wirklich…

M: Na klar…aber zurück zu deiner Frage: Du kannst dir vorstellen, dass ich Menschen im Team habe, die mir Nummern zuspielen, wenn ich sie brauche, oder?

D: Klar, wahrscheinlich kannst du jede Nummer haben, wenn du willst…

M. Vermutlich…kannst du dir vorstellen, warum ich gerade dich kontaktiere?

D: Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Du hast doch so viel schlaue Leute um dich herum, warum dann gerade ich?

M: Ich möchte von einem Ausländer hören, der verschiedene Kulturen kennt, wie es sich bei uns lebt – UND – ich möchte wissen, was du von meiner Ausgangssperre und unseren Corona-Maßnahmen hälst.

D: Oha! Da sprichst du aber gleich ziemlich dicke Brocken an; können wir mit dem Ersten Thema beginnen? Irgendwie fänd ich das netter…

M: Ehrlich gesagt wäre mir Zweites lieber, aber wie du wünschst…

D: Nett von dir! Also: Ich bin richtig happy bei dir in Frankreich, weißt du warum?

M: Wegen unserer Kultur und Sprache?

D: Nicht schlecht, sehr dicht dran…aber nein…möchtest du weiter raten, oder soll ich sagen?

M: Hm, warte: Auch ich mag Ratespiele, aber sag es keinem weiter. Also: Weil unser Land so schön ist und wir immer noch Wert auf Essen und Trinken legen?

D: Was soll ich sagen, alle Argumente sind richtig…okay, ich löse es auf: Weil ich mein Leben lang schon in Kuba oder der Karibik leben wollte!

M: Wie bitte? Aber was machst du dann bei uns?

D: Ich erkläre es dir: Kuba und Karibik sind für mich Ausdruck für etwas, was ich mir schon als Kind wünschte, nämlich in einer Bananenrepublik zu leben…

M: Entschuldige bitte, aber sind wir in der Fünften Republik nicht etwas gänzlich anderes als…?

(D unterbricht Emmanuel, der das nicht gewohnt ist, weswegen er überrascht in die Kamera schaut)

D: Halt halt, lass mich zuerst etwas Entscheidendes auflösen: Bananenrepubliken sind laut Wikipedia ein Begriff von den USA, den man abfällig benutzte, weil manch ein lateinamerikanischer Staat oftmals direkt oder indirekt von Kapitalgebern abhängig wurde, in jener Zeit eben Großimporteure für Früchte.

Heute aber, wo wir ALLE in Europa vom internationalen Kapital abhängig sind, ihr in Frankreich nicht minder als die Deutschen, wenngleich bei euch eher Chateaus auf dem Speiseplan der Chinesen stehen, während man bei den Allemannen eher Großindustrie und Waffenhersteller reichlich verschlingt…

(Der Präsident der fünften französischen Republik blickt ein wenig angesäuert und verwirrt drein)

M: Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich dich richtige verstehe…

D: Das sehe ich…schau, ich lebe in Toulouse, genauer gesagt…

M: Ich weiß…

D: Ach tatsächlich?

M: Ich bin der Präsident, also, ich denke, ich kann Dinge herausfinden lassen…

D: Stimmt, hab ich vergessen…also: Wenn ich diesen Begriff benutze, dann meint er für mich etwas Schönes, während du den Begriff bestimmt negativ aufgefasst hast, nicht wahr…?

M: Kann man wohl sagen…

D: Dachte ich mir…also: Hier in der Region Toulouse ist das Wetter sonnig, sagen wir mediterran, es gibt gute Weine in Hülle und Fülle, gutes Essen, man kleidet sich ein wenig wie in der Karibik, besonders die Frauen und während man in Lateinamerika noch etwas folkloristischer unterwegs ist, gibt es ein höheres Maß an Ordnung, die immerhin 55% Prozent deiner Bürger Arbeit gibt, was man für das 21.Jahrhundert feudal und barock, oder sozial nennen kann – sozusagen eine first Class Bananenrepublik.

M: Erzähl weiter…ich ahne zu verstehen…

D: Ihr habt eine großzügige Administration – eben die famosen 55% des Staatshaushalt – die nicht sehr effizient ist, während ihr im gleichen Atemzug den Menschen ausreichend Flexibilität gebt, so dass ich mich während deines Confinements mit weniger Freiheit, wohler als in Deutschland fühle, obwohl ich dort freier bin – wenn das mal keine Ode auf eure dritte Republik ist…!

M: Excuse-moi, cher Don, die Fünfte Republik…

D: Komm schon, du weißt es besser als ich: Es ist in Wahrheit die Dritte, in neuen Kleidern, einer vermeintlich Fünften, wenn man von ein paar Kleinigkeiten absieht, wie Präsidentenamtszeit, Kirchen-Unabhängigkeit und staatliches Schulsystem…wenn du wie ich Ironie und Sarkasmus magst…

M: Okay, ich habe dein Gedanken-Konzept verstanden…was aber denkst du…

D: Sorry, das ich wieder unterbreche: Was das Ganze für mich so angenehm macht, ist die Tatsache, dass man wirklich nahezu alles verhandeln kann…weißt du, was ich meine? Es gibt die Rote Linie, an die sich jeder hält, aber in Wahrheit findet das Leben links und rechts davon statt…und wenn ich…

M: Hab ich alles verstanden…was ist denn der Unterschied zu den Deutschen?

D: Wollte ich gerade sagen: Bei den Deutschen ist es ähnlich, nur ist der Abstand zur roten Linie im Alltag kleiner als hier…das macht für mich das Gefühl von Freiheit und Elastizität aus…in jeder Hinsicht!

M: Also lebt es sich in Frankreich besser, als in Deutschland…?

D: Nicht besser, sondern anders! Die Wiese ist nicht grüner, sondern sie sind halt unterschiedlich; ihr habt halt ein paar andere Prioritäten; Deutschland hat sich in den letzten 30 Jahren zu den Mini-USA von Europa entwickelt, wenn man sich die Kapitalhörigkeit anschaut und die Tatsache begreift, dass Deutschland das reichste Land Europas ist, aber die Bürger des Landes zur gleichen Zeit das geringste Vermögen pro Haushalt in Europa besitzen.

Das zeigt schlicht und ergreifend, in welch rasender Geschwindigkeit die Umsätze gestiegen, aber diejenigen, die ihn erwirtschaftet haben, nicht daran teilgehabt hatten – oder in etwas abschreckenderen Worten: Heurschreckenkapitalismus vom Feinsten, à la USA!

M: Auch wir müssen aufpassen, dass uns nicht Ähnliches passiert…

D: Allerdings, in der Bildung seit ihr schon gut dabei, wenn man sich die Semester-Kosten bei einigen Universitäten ansieht…

M: Ich dachte da jetzt eher an unsere Wirtschaft…die Kapitalflucht ist halt auch bei uns ein Thema…

D: Wie überall…so etwas muss geächtet werden…entzieht doch den Bürgern die Staatsbürgerschaft, wenn sie ihre Steuern nicht bei euch zahlen wollen…

M: Gute Idee, wird aber schlecht durchzusetzen sein…

D: Wenn du dich dem annimmst, könnte es Marine das Wasser abgraben…

M: Da ist was dran…ich werde mal mit meinem Team drüber reden…also, ich habe verstanden, dass unsere fünfte Republik aus deiner Sicht eine first class Bananenrepublik ist, die noch die Feudalität der Dritten und Vierten beheimatet, was du im Großen und Ganzen aber gar nicht negativ siehst, hab ich das richtig wiedergegeben…?

D: Perfekt!

M: Dann sag mir mal, in wenigen Worten, was du von unsere C-Politik hälst…

D: Hm, schwieriges Thema…aber so viel vorab: Das Confinement muss schnell weg. Nie wieder darfst du das aussprechen; auch müssen alle Bars und Restaurant wieder auf sein; das Leben muss wieder stattdfinden, eben halt mit Corona; sonst gehen wir alle pleite und du riskierst einen Bürgerkrieg.

Die Menschen nehmen lieber das Risiko auf sich krank zu werden und dabei frei zu bleiben, als in einem Gefängnis zu leben, in dem alle vermeintlich geschützter leben, was wir in Wahrheit nicht tun, wenn du dir die Zahlen anschaust…stärke das Gesundheitssystem…schau es dir bei deinen Nachbarn an; lerne von ihnen…

Wenn du deinen Bürgern wieder volle Freiheit gibst, mit Eigenverantwortung und dem Risiko, so wie vorher, dass man sich Krankheiten einfangen kann, dann werden die Leute das sich zu Herzen nehmen…davon bin ich überzeugt!

M: Ich danke dir! Ich muss jetzt Schluss machen; ist es okay, wenn wir demnächst mal wieder plaudern?

D: Gerne, wenn du mir vorher ein wenig Zeit gibst, dann würdest du mich nicht im Schlafanzug im Bett überraschen, sondern ich könnte ein wenig angemessener gekleidet sein, okay?

(Manu schmunzelt, nickt und winkt, während er sich vom Bildschirm entfernt und selbiger schwarz wird)

Noch mindestens zehn Minuten saß D vor seinem Smartphone, das er auf seinen aufgeklappten Laptop gestellt hatte, um es nicht die ganze Zeit in Händen halten zu müssen. Noch immer konnte er nicht begreifen, dass er mit dem französischen Präsident einen Video-Call hatte.

Während er sich einen Rotwein einschenkte fragte er sich, ob er zu offen und ehrlich gewesen war; aber D wusste es nicht und hörte stattdessen ein wenig klassische Musik, um den Abend ausklingen zu lassen…

 

Spuren im Wind – Odyssee 2020 CW42

18.Oktober – D erinnerte sich an den Geburtstag eines Freundes; und daran, dass es Zeit wurde nach Hellas zu gehen; auch daran, dass er davon absehen wollte, die Welt vollständig aufzuklären und für alles eine Antwort zu finden; es sind Werte wie Unsicherheit, Unkenntnis und Optimismus, die Gefühle wie Gelassenheit und Freiheit gedeihen lassen.

Längst hatten Medien und Regierungen die Macht ihrer Worte, sowie die eigene Verantwortung zu Gunsten der Jagd nach der nächsten Empörungswelle, sowie herbstlichen Begleiterscheinungen, missbraucht, weswegen die Berichterstattungen Furcht und Angst in den Bevölkerungen schürten; wo versteckten sich bloß die Erkenntnisse des eigenen Glücks? Lasst uns nicht ins Bockshorn jagen, von Wörterscharlatanen, die auf Züge der unbekannten Zukunft springen.

Ungeachtet der bewegenden Momente der letzten Monate blieb D fröhlich und gelassen; für ihn war klar, dass weder Welt noch Menschheit untergingen, jedenfalls nicht in den nächsten hundert Jahren, weder durch Wahlen, oder sonstige Versuche, eine Form von vermeintlicher Normalität herzustellen; alles blieb was es schon immer gewesen schien – ein ewiges παντα ρεί – alles fließt; Heraklit sei es gedankt, dass sich niemand fürchten muss.

Und so kam es, dass D wieder ein paar poetische Worte vom Baume der Lyrik pflücken durfte, um sich trotz – oder gerade wegen all der Merkwürdigkeiten, die da draußen herumrumorten – seines endlichen Lebens zu erfreuen, mit all den Sagenhaftigkeiten – und so geschah es:

Spuren im Wind

Ein sonniger Spaziergang durch die verwinkelten Gassen der rosa Stadt Toulouse;

Bäckereien, Zigarettenrauch, lebendige Unterhaltungen und Sonnengefunkel in Weingläsern;

Düfte, Geräusche, Farben und Formen durch die ich schwimme, ständig drohe darin unterzugehen;

versuche alles wahrhaftig mit dem Innersten zu berühren, auf Umgekehrtes dabei hoffend;

Blicke die sich kreuzen, taxieren und abwarten, suchend, ohne zu wissen wieso und wonach;

süßer Müßiggang mit mir vorüberschreitend, lasse mich treiben, von der Sonne wärmen;

und bleibe unfähig, meinen überwältigten Sinnen Töne gar Worte zu geben;

versuche eine Melodie zu summen, an deren Klang ist alles zu hören, was ich nie vermochte;

zu sagen, geschweige zu schreiben, mögen alle meine Spuren später für sich selber sprechen;

wenn übrig geblieben, wie unsichtbare Lüfte in Ästen, längst vergangene Worte und Verse;

neblige Netze aus Worten, die versuchten auszudrücken, was ich dachte zu fühlen;

bevor mich das Leben übermannte, dem reißenden Strom entriss und mich ans Ufer setzte;

mögen verblichene Schatten erzählen wer ich war, wenn ich hätte gefunden passende Worte;

niedergeschrieben, nachdem aus dem tosenden Leib gerissen und mir die Haare raufte;

damit Morpheus erneut Rätsel schickte, die ich zu entziffern, zu erinnern wagte udn hochschoss;

um neu unterzugehen im Rausch der Worte und Bedeutungen, dem eigenen Turm zu Babel;

blieb all das doch nur ein Versuch, möge er lange dauern, der Ritt auf dem tosenden Strom;

bis das schöngeschnäbelte Schiff am letzten Morgen mit Rosenfingern mich weckt;

um heimzukehren, nach langer Reise, um zu verschnaufen, bis die Nächste beginnt…

………