Archiv für den Monat: Januar 2020

Digitale Schizophrenie – Odyssee 2020 CW03

Heute morgen bin ich laufen gewesen. An sich mag ich es, weil es extrem anregend ist. Fast alle meine Ideen habe ich, wenn ich mich bewege und je mehr, desto besser. Im Grunde liegt es ja auch auf der Hand. Wenn man nur rumsitzt, wird halt alles zur Qual, wenn du dich mehr….naja, und so weiter. Zu meinem ausgedehnten Sonntags-Frühstück I’m Anschluss gesellte sich meine Zeitung und ich las einen Bericht über den raueren Umgang im Deutschen Bundestag, seit die AfD einzog.

Hm, komisch dachte ich, irgendwie wirkte der Bericht auf mich verstörend, nicht wegen der AfD, sondern wegen der Empörung, die sich zwischen den Zeilen in allen Farben ergoss. Demokratie braucht doch den Streit. Noch heute höre ich die Worte von Franz-Josef Strauß, der einmal sagte, ich zitiere „Rechts von der CSU befindet sich nur noch die Wand!“ und das meinte der Gute FJS bitter-ernst. Natürlich hatte er mit Helmut Schmidt ein mindestens ebenbürtiges Gegengewicht, aber Demokratie ohne Streit, ist keine!

Was das mit mir zu tun hat? Nun, ich liebe Demokratie und Freiheit. Was man dafür tun muss ist mir klar, dafür brauche ich weder den Staat, noch eine Partei, was nicht heißt, dass letztere nicht immens wichtig sind und genau DA, glaube ich, hapert es. Es macht einen GROSSEN Unterschied, wenn sich keine Partei mehr die großen Fragen stellt. Vermutlich strauchelt man schon bei der Identifizierung eben Solcher. Eine GROSSE zum Beispiel ist nicht, ob Parteien wie die AfD Platz im Deutschen Bundestag haben – sollte jemand die Frage stellen, gehört er sofort in die Grundschule vierte Klasse befördert, weil man in der fünften meist in Politik das Thema Demokratie bekommt.

Eine große Frage, zumindest für mich, ist, wie soll mein Land, meine Republik, meine Demokratie, unsere und meine Zukunft aussehen? Wie wollen wir leben und arbeiten? Heute, morgen, in 30 Jahren? Wenn in Deutschland im Jahre 2019, über 85% der Haushalte, unter 40.000€ Jahreseinkommen haben, und die übrigen 15% die Mittelschicht und Oberschicht repräsentieren, ohne über die Verteilung von Vermögen zu sprechen, dann muss man nicht Professor für Wirtschaftsethik sein, um zu erkennen, dass a) der Mittelstand ausstirbt und b) die Schere von Reichtum versus unterem Lebensstandard weiter und weiter auseinanderdriftet.

Was das mit Demokratie und Freiheit zu tun hat? Na, alles. Daraus leitet sich doch eine zentrale große Frage ab: Wenn der heutige Kapitalismus diesen Trend unterstützt, wollen wir das dann so lassen, oder ändern? Sagen wir mal in Deutschland, wenngleich sich diese Frage jedes Land in Europa, am Ende die ganze Welt stellen muss – doch lasst uns mal der Komplexität halber mit dem Eigenen Land anfangen, vielleicht sogar mit uns selbst – ist vermutlich volksnäher.

Unsere Wahrnehmung ist nämlich genauso selektiv und bruchstückhaft, wie alles an uns. Wir mögen nur nicht den Preis zahlen – Zechpreller sind wir in Wahrheit – vielleicht müssen wir erst einmal akzeptieren, dass die einzige Konstante unsere menschliche Gier ist, die Sucht nach höher, weiter und mehr – und nach Helden, nicht zu vergessen, die digitale Empörung, die einem beim Ansprechen von Selbigem auf allen Kanälen entgegenschlägt.

Aber Darüber wundern? Das sollten wir nicht! Es liegt ja vor unserer Nase, wir müssen nur hinschauen, wollen wir aber aus guten Gründen nicht. Stattdessen schauen wir in weite Ferne, wo das Elend groß ist und nicht schnell an unsere Tür klopfen kann.

Also, zurück zur großen Frage: Will ich, wollen wir das ändern? Und dabei ist die Antwort der wahrlich schwierige Teil, denn er offenbart, wie groß und tief die Heuchelei reicht. Ist sie rein oberflächlich, oder sind wir längst bis ins Mark von Komfort, Luxus und Dekadenz korrumpiert worden? Denn WENN wir das ändern wollten, müssen wir dementsprechend handeln,

Früher war es das natürliche Gebiet der SPD. Da die schon unter Gerd Schröder mit der Agenda 2010 nicht kapiert hat, dass sie sich ihr eigenes Grab dadurch schaufelt, weil ausgerechnet ein SPD-Kanzler mit Herrn Harz gemeinsame Sache machte, um der vermeintlich freundlichen Wirtschaft den Rücken zu stärken, während man heute, zwei Dekaden später zugeben muss, dass es das ganze Land noch weiter auseinandergetrieben hat, vorausgesetzt, man möchte das erkennen. Dass es dabei keinen Aufschrei gab, war für mich ein deutliches Zeichen, dass man in Deutschland, nach über 80 Jahren, mal wieder mit Allem durchkommen kann.

Deswegen ist es auch kein Wunder, dass es im Netz, in Zeitungen und auf Arbeitsplätzen, wo wir gleichen Menschen arbeiten, von Unzufriedenheit, Hass, Missgunst und Schizophrenie nur so wimmelt. Kein Wunder, dass wir früher oder später krank warden – und auch hier, wie vor unserem super-digitalen Fernsehprogramm,  ist die Auswahl an Krankheiten reichlich, wie man am Beispiel der stetig weiter-wachsenden Konsum-Schizophrenie erkennen kann.

Beispiel E-Fahrrad und E-Roller. Mittlerweile spricht die ganze Welt von Umweltschutz, weswegen sich aber die gleichen Leute diese elektrisch unterstützten Fortbewegungsmittel kaufen, erschließt sich mir nicht. Neulich sprach ich mit einem darüber. Mein Argument war, wenn du zu Fuß gehst, oder den Plattfuß an deinem alten Fahrrad heil machst, brauchst du dir beides nicht kaufen, womit du dem Planeten Müll ersparst und du gleichzeitig mehr für deine Gesundheit tust. Umweltschutz ist praktizierter KONSUM-Verzicht.

Als mein Gegenüber anfing davon zu reden, wieviel Kraftstoff er seitdem nicht mehr verbrennt, wo er jetzt mit Strom fährt, musste ich schmerzhaft erkennen, dass wir auch beim Thema Eigenverantwortung noch reichlich Raum nach oben haben. Spätestens, als ich meine Zeitung weiterblätterte und mir eine gewaltige Werbung ins Gesicht sprang, wo ein Bayrischer Premium-Automobilhersteller seinen 2,5 Tonnen schweren SUV mit Hybrid und Elektro-Antrieb anpries, bekam ich einen Lachanfall.

Wenn ich immer weiter mache, füttere ich die fette Hure Kapitalismus. Wenn ich sie doof finde, kann ich mein Verhalten ändern. Klar wird man mit zwei Rädern mal nass, aber wenn ich im Stadtzentrum täglich Probleme mit Parkplatz habe, wobei ich noch dazu ständig im Stau stehe und für meinen Parkplatz / Stellplatz 150€ im Monat zahle aber trotzdem nichts ändere?

Mein Lieblingsthema Pflanzenschutzmittel, ich weiß nicht mal, was das sein soll, weil es ja andere Pflanzen tötet und nicht schützt. Faschismus, oder noch passender müsste man es einen Genozid nennen, wenn ich eine Sorte ausrotte, um eine andere zu schützen, oder zu stärken, damit sie groß und….mein Gott, damit wird einem ja schlecht…!

Wohin man auch sieht – Schizophrenie. Als man das Planzen-Genozid-Mittel von Monsanto letztendlich doch freigab, konnte ich mir nicht verkneifen zu denken, ein wenig zynisch auf die Erklärung hierfür zu warten. Ich glaube es war die Landwirtschaftsministerin, oder irgendein Regierungsvertreter, gemeinsam mit den Vertretern der Landwirtschaft, die erklärten, dass die Ernten sonst schwächer ausfallen würden….! Hat man noch Töne?

Natürlich tun sie das, deswegen nennt sich die Natur auch Natur, weil alles an ihr natürlich ist. Wenn die Landwirtschaft mit geringeren Erträgen nicht leben kann, ist das System falsch, weil ein System, in dem man das Spritzen der eigenen Ländereien in Kauf nimmt, um diese von Gift begossenen Lebensmittel zu essen, nicht ganz bei Trost sein kann. Überdüngung muss aufhören, sowie das Spritzen von Gift. Wie sollen die 85% der Deutschen sich gesund ernähren, wenn alles was sich Bio nennt, nur von den oberen 15% bezahlbar ist?

Wir haben so viele fundamentale große Themen vor der Brust, dass man wirklich nur noch nachschenken kann, im Ernst! Stattdessen wird über die AfD geschrieben. Sie ist doch auch nur ein Ergebnis von mangelnder lebendiger Demokratie im tausendjährigen Angela-Merkel-Reich. Wut, Energie, Wasser und Strom sucht sich immer seinen Weg und findet ihn auch. Solange wir das Potential jedes einzelnen Bürgers, jedes Individuum nicht nutzen, wird der Lebensstil der oberen 15% durch die Unzufriedenheit der Schlechtbehandelten und Schlechtbezahlten bedroht – und das zu Recht!

Wirklich fremdschämen kann man sich deswegen nur gegenüber jenen, die sich immer wieder aufs Neue wundern. Über die Flüchtlinge, über den Trump, über den bösen Putin, die vielen Chinesen und Inder und überhaupt, warum kann nicht einfach alles so schön gemütlich und heimelig bleiben, wie es mal war? Wieso nicht?

Das, liebe Genossin und Genossen, sollten wir bei einem Glas Wein besprechen, ach was sage ich, ein Glas, eine ganze Flasche, mindestens – sonst gehen wir uns nämlich schlussendlich noch an den Kragen und das wollen wir doch nicht, nicht wahr? Wir wollen, dass alles so schön kuschelig und überschaubar bleibt, wie wir es früher so liebten, mit Modelleisenbahn, Kneipe im Keller, Landschaftstapeten und Schlagern von Roland Kaiser und Wolfgang Petry – Prost !

 

Interview – Odyssee 2020 CW02

Letzte Woche habe ich schlussendlich mit dem großen Sterben aufgehört, was mich selber zum Nachdenken einlud, mal kurz zu hinterfragen, worum es mir eigentlich geht – also:

„Worum geht es dir?“

„Mir? Hm, gute Frage.“

„Ja, dir.“

„Mir geht es um Sinnhaftigkeit meiner Zeit.“

„Okay, was meinst du damit?“

„Naja, dass ich mit meiner Zeit etwas Sinnvolles….“

„Schon klar, ich denke wir können ein wenig das Tempo erhöhen, immerhin kennen wir uns.“

„Indeed!“

„Okay, was zum Beispiel ist etwas Sinnvolles für dich?“

„Ich reise gerne. Neugierig bin ich auch. Alles möchte ich verstehen. Zum Beispiel…“

„Warte kurz: Also reisen und lernen? Was noch?“

„Halt mal, wir machen das ganz anders, es fängt an mich zu langweilen, daher…“

„Was, jetzt schon? Wir haben doch eben erst….“

„Ja und? Und wenn schon, wir machen das anders, ich wusste schon immer, dass ich ein großer Freund der Mäeutik bin, dass ich sie im Grunde mein Leben lang……“

„Der was? Wie heißt das, Mä….?“

„Ist nicht wichtig, erklär ich dir später, pass auf: Unser Tag hat 24 Stunden, nicht wahr?“

„Hey Moment, erklär mir erst mal….“

„Nein, können wir später Machen. Oder kannst du selber nachlesen, los jetzt, komm schon…“

„Ausnahmsweise! Aber freundlich ist anders, das ist dir hoffentlich…..“

„Ich habe nie gesagt, das sich freundlich bin, im Gegenteil. Man zählt mich nicht zu den Netten. Also, weiter, wir waren bei den 24 Stunden, d’accord?“

„Na klar, blöde Frage, wie soll ich….“

„Sie ist nicht blöd, wirst du gleich merken. Wie viele Stunden Schlaf brauchst du so im Mittel, sechs, sieben, acht oder wie oder was…?“

„Sieben wären schon gut, warum…?“

„Okay, bleiben uns 17h übrig. Wieviel Zeit investierst du für Aufstehen, Anziehen, Umziehen, auf Klo gehen und dich Bettfertig machen, wie viel?“

„Wie bitte? Keine Ahnung…“

„Ey, keine Ahnung ist die einzige Antwort die nicht akzeptiert wird, wen sonst, wenn nicht dich soll ich fragen, deine Mutter? Also, noch mal, wie lange?“

„Na, warte, lass mich mal nachdenken, na vielleicht 1h Stunde?“

„Eine nur? Das glaubst du doch selber nicht. Siehst du was passiert? Du hast keine Ahnung, womit du deine Zeit, dein Leben verbringst. Ich fragte nach Allin, schon vergessen?“

„Okay, okay – sagen wir zwei Stunden. Ja, das ist vermutlich realistischer glaube ich, weil…“

„Kapiert, also bleiben uns noch 15 Stunden vom Tag übrig, richtig?“

„Genau!“

„Gut, wieviel Zeit nimmst du dir für deine Mahlzeiten? Sind sie dir wichtig? Oder ist essen für dich nur eine Notwendigkeit?“

„Hm, eigentlich ist Essen und Trinken mir schon wichtig, doch. Ich würde sagen, dass ich mir Zeit dafür nehme und gerne genieße, warum…?“

„Na komm, da kommst du selber drauf, oder?“

„Achso, okay. Ja, kapiert. Wieviel Zeit, lass mich mal nachdenken. So als Jahresmittel, Urlaub und so nicht mit hinzugezogen, okay?“

„Wie du willst, es ist dein Leben.“

„Bestimmt weitere zwei Stunden.“

„Okay, merkst du was? Wir sind bei 13 Stunden angelangt. Wie ist das mit Sport? Bewegst du dich, oder sitzt du nur noch rum und wartest, dass die Knochen einrosten?“

„Klar, mache ich Sport. Vielleicht pro Tag eine weitere Stunde…..?“

„Okay, macht 12h als Rest. Merkst was? Schon 50% des Tages ist rum, ohne dass wir von Arbeit, Hobbys, Familie, Einkaufen oder deinen großen Träumen und Zielen gesprochen haben…“

„Wie krass!“

„Genau, hin und wieder macht es Sinn da hinzuschauen. Also, weiter geht‘s. Was ist dir wichtig im Leben? Du sprachst von Sinnhaftigkeit. Bis jetzt haben wir nur davon geplaudert, dass…..“

„Liebe und Leidenschaft finde ich….“

„Jetzt wird es gemütlich, also Partnerschaft, Freunde, Familie….“

„Genau. Teilen finde ich grundsätzlich schön, aber damit meine ich…“

„Nicht nur Partnerschaft, sondern teilen mit Menschen im Allgemeinen…“

„Absolut! Mit den Menschen teilen, die mir wichtig sind bedeutet für mich, zusammen eine höhere Frequenz als alleine zu haben. Man spürt das sofort, wenn man mit jemandem zusammen ist. Entweder fühlt man sich wohl, oder nicht. Dazwischen gibt es genauso wenig, wie halb-schwanger sein!“

„Siehst du?“

„Was?“

„Wir sind immer noch nicht bei Hobbys und Arbeit. Kommen wir da heute noch hin, oder machen wir das ein…..?“

„Nein, nein. Machen wir alles heute, ich wollte nur sagen, dass….“

„Wenn du das heute machen willst, müssen wir etwas gezielter vorgehen, weil du mir sonst wieder ausbrichst und wie ein Jeck hin und her hüpfst. Also, womit willst du…?“

„Stimmt. Ich muss mich….“

„Natürlich, also wieviel Zeit wendest du….?“

„Halt mal, so haben wir nicht gewettet…..“

„Was meinst du..?“

„Wir reden von meinem Leben. Wir wollen doch mein Wertvollstes nicht zu einer rein zeitökonomischen Rechnerei verkommen lassen, oder was?“

„Nein, natürlich nicht. Aber letztendlich ist alles eine Frage der limitierten Lebenszeit, die uns allen bleibt. Stell dir vor, du hättest die Diagnose Krebs, mit maximal einem Jahr Lebenserwartung. Was würdest du tun?“

„Das ist ein böses Beispiel. Wie soll ich mich…“

„Ist es das? Warum? Was ändert es, wenn du dein Ende weißt, oder nicht weißt? Warum würde sich was für dich ändern? Würdest du nicht grundsätzlich die für dich wichtigsten Dinge deines Lebens, an jedem deiner Tage tun, als könnte er dein Letzter sein? Und wenn du das nicht tust, wie kannst du jemals etwas anderes getan haben, wo du dein Ende nicht kennst?“

„Ich finde das ein ziemlich schweres und ernstes Thema. Können wir nicht von etwas Fröhlicherem…?“

„Warum ist dein Ende etwas Trauriges für dich? Wir reden nur davon, was dir im Leben wichtig ist, weil du damit angefangen hast, sinnhafte Dinge in deinem Leben tun zu wollen. Also, was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hast? Denn in Wahrheit musst du so handeln, weil du dein Ende nicht kennst. Los doch, erzähl mal…“

„Hm, vermutlich würde ich mich nur noch auf die Dinge konzentrieren, die mir eine Herzensangelegenheit sind und die mir restlos gut tun.“

„Nicht schlecht. Das setzt voraus, dass du weißt, welche das sind, was wiederum voraussetzt, dass du wissen musst, wer du bist und was du brauchst, um dich wohl zu fühlen. Weißt du all das…?“

„Ich meine schon. Bücher sind mir wichtig. Zum Lesen und meine eigenen. Reisen muss ich deswegen, viel rumkommen, weil die Abwechslung mir und meiner Neugier gut tut und weil sie mich inspiriert…“

„Klingt überschaubar, wenig ausgefallen. Sonst nichts? Das war es?“

„Natürlich macht all das mit einer Partnerin mehr, manches macht dann doppelt viel Spaß. Aber ja, mehr ist es nicht.“

„Wow! Und? Klappt das, bekommst du alles unter einen Hut, oder hättest du gerne mehr Zeit..?“

„Jetzt muss ich vorsichtig sein, was ich meine, spüre, denke und sage….“

„Warum, was ist los…?“

„Broterwerb brauchen wir alle, damit wir ein Dach überm Kopf und einen halbwegs gefüllten Kühlschrank haben. Sollten manche dem nicht nachgehen müssen, so stellen sich am Ende die gleichen Fragen, nämlich, was machen wir mit der kurzen oder langen Zeit, je nachdem, wie sie uns vorkommt – was?“

„Und was fiel dir jetzt schwer, bei dieser Unterhaltung? Die war doch recht kurzweilig…..“

„Na komm. Immer kommst du mit so ernsten Themen. Kannst du nicht mal mit was Leichtverdaulichem antanzen? Muss es immer diese schwere Kost sein?“

„Du meinst Ablenkung, Entertainment, Müßiggang…?

„Ha, das hatte ich nicht erwähnt….!“

„Was?“

„Müßiggang. Den lasse ich mit in meinen Tag einfließen, in dem ich mir viel Zeit für die Dinge nehme, um mich meinen Tagträumereien hingeben zu können. Macht bestimmt eine Stunde pro Tag, mindestens…“

„Dann sind wir also bei 11 Stunden. Jeden Tag hast du den?“

„Naja, schon, würde ich sagen. Zumindest nehme ich mir das vor und versuche genug kreative Inseln im Meer des Alltags stehen zu lassen, um sie zwischendurch aufzusuchen…“

„Finde ich gut, dass du das….“

„Natürlich gelingt mir das nicht jeden Tag. Aber ich versuche…“

„Darum geht es, dass du es ständig…..“

„Genau, sehe ich auch so…..“

„Lass uns noch mal zusammen auf den Tod schauen….“

„Warum denn das nun wieder, wir haben doch eben…?“

„Weil du eine wichtige Frage nicht beantwortet hast, vielleicht weil du nicht kannst, oder nicht willst. Genau das will ich herausfinden. Also, wenn du….“

„Manchmal kannst du ganz schon nerven…..“

„Hatten wir nicht am Anfang verabredet uns konzentrieren zu wollen, um…?“

„Okay, okay. Hast Recht. Hatten wir gesagt. Welche Frage….?“

„Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest….?

„Hm, keine einfache Frage……“

„Lass dir Zeit, aber nicht zu viel. Geht alles von deiner Lebenszeit ab….!“

„Ist natürlich nur hypothetisch, ist klar oder? Wie sich das anfühlt, wenn man so eine Diagnose bekommt, wissen nur jene, die das erleben mussten. Ich glaube ich würde nichts anderes machen als heute…“

„Tatsächlich? Alles gleich, nichts würdest du ändern….?“

„Ich glaube schon. All meinen Ballast habe ich bereits vor Jahren über Bord geworfen. Übrig geblieben ist, was ich mit dir geteilt habe. Nein, ich würde nichts anders machen……“

„Und was ist mit Zeit? Hast du genug Zeit für die Dinge, die dir….?“

„Können wir das bitte auf nächstes Wochenende verschieben? Irgendwie langt es mir jetzt, meinst du nicht?“

„Hm, gerade bin ich mir unschlüssig, wer hier eigentlich Chef ist, ich, deine Vernunft, oder du, das Es und Über-Es…?“

„Ist das wichtig? Langt nicht, dass einer von uns beiden keinen Bock mehr hat….?“

„Und jetzt? Was willst du machen? Dich ablenken, oder was….?“

„Naja, keine Ahnung. Vielleicht will ich mir darüber keine Gedanken machen und mich von dir die ganze Zeit ausfragen lassen. Manchmal will man einfach nicht denken, oder spüren, sondern einfach nur sein..“

„Echt?“

„In echt!“

„Na gut. Wollen wir uns dann für nächstes Wochenende schon einmal…?“

„Können wir das nicht offen und ungeplant auf uns zukommen lassen…?“

„Naja, schon. Aber da unsere Zeit knapp ist, dachte ich, dass es dir….!“

„Schluss jetzt! Geh zurück auf deine dunkle Jang-Seite……“

„Na gut. Bis später….“

„Tschüß….“

 

Odyssee 2020

Heute morgen, so zwischen dem zweiten und dritten Eigelblöffel, fragte ich mich, ob sich in 2020 irgendetwas anders anfühlt. Bis jetzt noch nicht, würde ich tendenziell sagen. Doch wenn ich ehrlich bin, müsste ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe. DAS ist das einzige, was ich schon seit Jahren sage – das ich nur weiß, dass ich nichts weiß – und ehrlich gesagt, ist es bis heute nicht anders geworden, eher umgekehrt. Mein Nichtwissen ist mit jedem kleinen Baustein gewachsen, den ich mir mühsam erschließen durfte. Komisch, nicht wahr? Oder ist es gar natürlich?

Wenn wir uns bemühen Vernunft.- und Wahrheitsliebend vorzugehen, landen wir zwar bei vielen Dingen, die uns die Wissenschaften hinterlassen haben, von denen wir jedoch, sein wir mal ehrlich, kaum bis wenig verstehen weswegen wir es zu Recht nicht „Unser Wissen“ nennen können, weswegen sich ein „ich weiß…..“ per-se verbietet. Ich kenne Werner Heisenberg, auch was er im Groben gemacht hat, aber wissen tue ich es nicht. Und ob ich der langen Liste, Sigmund Freud, sowie eine Unmenge weiterer kluger Köpfe hinzufüge, wird sich nichts daran ändern, eher im Gegenteil.

Wir müssen uns auch nicht gleich mit der Gretchenfrage peinigen, die für sich genommen schon so schwer ist, dass sie einem jahrelang, ach was rede ich, ein ganzes Leben im Bauch liegt. Stattdessen können wir es mit etwas Schlichtem versuchen, mit einer einfachen Verabredung. Anhand dieses Beispiels, möchte ich zeigen, was uns, nach meinem Dafürhalten, in den letzten Jahrzehnten, eher mehr, statt weniger, abhanden-gekommen ist – betrachtet es als Teaser, als Entrée für das junge und frische Jahr 2020.

Eine Verabredung, zum Beispiel, zum Dinner. Machen wir es uns nicht zu schwer, indem wir ein Dinner mit der Familie, gar unseren Eltern wählen, sondern unter Freunden. Man verabredet sich „gegen 18:00 Uhr“ um einen gemeinsamen Aperitif zu trinken und um auf das neue Jahr anzustoßen. Bei der Verabredung mit dem wichtigen Schlüsselwort „gegen“ kann man schon sehen, dass es sich vermutlich um Menschen handelt, die beide über 40 Jahre zählen. Utopische erscheinende Präzision, wie die Nutzung des alternativ verwendbaren Wortes „um“, das eine selten anzutreffende Klarheit und nicht interpretierbare sprachliche Reinheit vorlebt, verwandelt solch simple Alltäglichkeit in nahezu 100% aller Fälle in unerfüllte Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, die wir wie Fallobst, verfault und vergoren aufheben können, was impliziert, dass wir wieder einmal, nicht gut genug, oder schlicht, zu spät waren.

Daher ist anzunehmen, dass die beiden, vermutlich recht menschlichen Individuen, die sich erfolgreich auf „gegen“ geeinigt hatten, bereits ein gewisses Maß an Weisheit und Lebenserfahrung besitzen, oder, für den Fall, dass sie jünger sind, was man mit großer Freude, nicht ausschließen kann, ein überdurchschnittliches Maß an Reife mitbringen, ohne überreif geworden zu sein. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir zwei menschliche Individuen vor uns haben, die sich zu einem gemeinsamen Dinner, „gegen“ 18:00 verabreden, bleibt die Frage im Raume stehen, was das bedeutet.

Sprache, ist nämlich, besonders die Deutsche, ein solch scharfer Skalpell, dass wir meist zu unbedacht damit umgehen. Die faktuelle Wahrheit, sich auf „gegen“ 18:00 Uhr verabredet zu haben, bietet nämlich ein gewaltiges Maß an Flexibilität und Bewegungsspielraum, der nur dann halbwegs erfolgreich ist, wenn beide Vertragspartner, das gleiche Verständnis haben – was in aller Regel, niemals vorher abgeglichen worden ist, wenn wir ehrlich sind.

Nun werden sich wieder viele an den Kopf fassen und fragen, was das Ganze soll – vielleicht täusche ich mich auch. Hintergrund ist, dass wir zu schnell sagen „ich weiß“ – ich spreche hier für mich selbst. Die oft verwendete Floskel „ich weiß“, wird von uns in Wahrheit meist unbewusst genutzt, weswegen wir es mit großer Wahrscheinlichkeit, zu häufig anwenden. Einen großen Teil meines Lebens habe ich nämlich damit zugebracht, die andere Seite zu verstehen, was mir, heute traue ich es mir zu es in aller Ehrlichkeit zum Ausdruck zu bringen, so gut wie nie, ich wiederhole, so gut wie NIE gelungen ist.

Egal welches Wort verwendet wurde, habe ich alle Wirklichkeiten in meine Realität erleben und kosten dürfen. Mal war ich „um“ 18:00 Uhr da, der Besuchte war noch gar nicht zuhause, bis hin zur „gegen“ 18:00 Uhr Dinner-Verabredung, bei der das Essen seit Punkt 18:00 Uhr auf dem Tisch stand, was einen erahnen lässt, dass es bei meinem Eintreffen „gegen“ 18:15 bereits lauwarm bis kalt war, was nicht nur für lautstarke Entrüstung sorgte, sondern auch in Wutausbrüche der Gastgeber endete, die nur mit größter Mühe und mit dem Hochhalten der allgemein gültigen Menschenrechte der Vereinten Nationen davon abzuhalten waren, in physische Gewalt auszuufern. In seltenen Fällen wurden volle Weinflaschen nach mir geworfen, denen ich nur mit größter Mühe ausweichen konnte. Die Weinflaschen-Werf-Vorfälle zähle ich übrigens zu den „nicht gewalttätigen“, für den Fall, dass hier Klarheit vermisst wird.

Was kann uns das sagen? Für meinen Teil, dass wir Worte mit unterschiedlichen Inhalten besetzen. Außerdem kommt dazu noch die genutzte Oberfläche des Wortes – hier spreche ich vom Unterschied zwischen, was „meint“ man und was „sagt“ man. Wenn jedes Wort also zwei Eigenschaften besitzt, Inhalt und Oberfläche – wie sehr vergrößert sich die Komplexität, wenn ich ihr Umfeld, ihren Kontext, Stimme und Körpersprache hinzuziehe? Lassen wir mal die physischen Komponenten weg, belassen wir es bei der reinen schriftlichen Form. Also die Wortumgebung und Kontext fügen wir hinzu. Damit können wir recht fundiert sagen, dass jedes Wort von einer vierfachen Komplexität umgeben ist, ohne dass wir begonnen haben zu kommunizieren.

Von den menschlichen Komponenten, wie geht es mir während ich schrieb, oder dem / der / den Besuchten? Wie ist das werte befinden? Geht es mir gut, oder schlecht? Bin ich frisch verliebt, oder frisch getrennt? Was für Dinge sind vorher geschehen und lustwandeln in unseren Köpfen herum? Welches Stress-Niveau haben wir, beeinflusst durch Gesundheit, Beruf, Umwelt und Lebensrituale? Je länger wir darüber nachdenken, stellen wir fest, dass es offenkundig mehr als vier weitere Komplexitätsebenen und Faktoren gibt. Natürlich können wir mit diesem Wissen jetzt nicht wie ein Großrechner, alle Wahrscheinlichkeiten durcharbeiten, um einen einfachen Satz, eine alltägliche Verabredung zu tätigen – mitnichten.

Aber es kann uns daran erinnern, dass wir in unserer Zwischenmenschlichen Kommunikation eine Menge Geduld, Gelassenheit und Respekt benötigen, um miteinander friedlich und harmonisch zurecht zu kommen. Wenn ein Mensch der mich mag, vielleicht sogar mehr als das, wenn Menschen aus alltäglichen Gründen, zu solch einer breiten Spanne von Regungen fähig sind, bei Menschen die sie mögen, vielleicht lieben, was wundert uns dann irgendeine Gewalttat auf diesem Planeten? Das Morden und Töten ist unser Alltag, egal ob selbst verübt oder durch fremde Hand.

Was schlummert alles in uns, wenn wir selbst mit dem geliebtem Menschen gewaltvoll umgehen, egal ob rein verbal oder gar physisch? Genau – Alles! Was Liebreizendes und etwas Zerstörerisches. Krieg und Frieden, Liebe oder Hass. Immer beides zur gleichen Zeit. Wenn ich möchte, dass Menschen mit mir gut und achtsam umgehen, dann muss ich zuallererst Gleiches mit ihnen tun – ich muss den ersten Schritt wagen, oder ich kann mein Leben lang vergeblich darauf hoffen.

Was das alles mit 2020 zu tun hat? Das schauen wir uns später an…..