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Stille – Odyssee 2020 CW45

08.November – Geburtstage und vieles Mehr ließen D. nach Norddeutschland fliegen. Dort traf er, nach all dem Drunter und Drüber nicht nur Freunde und Familie, sondern auch eine alte Bekannte, die er schon länger nicht mehr gesehen und erlebt hatte; Zu viel meinen wir Menschen tun zu müssen, um unsere bekannten und unbekannten Listen zu füttern, um unserem Leben Sinn und Inhalt zu geben.

Denn was wäre sonst zu tun, wenn man nicht irgendetwas zu erledigen, oder zu beschaffen hätte. Schon sein ganzes Leben vertraute D seinem Bauch; nur er wusste, was wirklich wichtig zu sein schien – und so geschah es: D hörte Monsieur Thalamus und dem Gedächtnispalast zu und griff zum Stift, um ihr und dem Müßiggang ein paar Zeilen zu widmen.

Stille,

wann zuletzt spürte, hörte und fühlte ich dich,

jene unbekannte Schwester der Pallas Athene;

wenn sie sich erst vorsichtig, dann immer schneller,

weiter ausbreitet, bis du mein ganzes Selbst ausfüllt;

wenn für jenen kurzen Moment all mein Sein und Ego

sich unsichtbar machen, ergeben der Unbekannten lauschend;

wenn sich mein kleines Menschendasein mit dem Kosmos,

verbindet, für jenen seltenen Moment der Balance;

zwischen wollen, brauchen und müssen – meiner Ruhelosigkeit,

die sich bis zur völligen Betäubung Beschäftigung erwünscht;

bis ich unter den Trümmern gebildeter Zivilisationen begraben liege,

von der eigenen Zufriedenheit überwältigt und bis ins Mark erschüttert;

wenn ich für jenen kurzen Moment alles weiß und verstehe,

bis mich meine weltliche Ruhelosigkeit wieder hinfortreißt;

um wieder Teil des weltlichen Dröhnens zu werden,

bis ich mich wieder zurückziehe, um erneut

den Sternen zu lauschen…….

 

 

Poseidontempel – Odyssee 2020 CW44

01.November – es war überfällig, fand D. Nun war er schon so oft in Hellas, hatte König Minos in Knossos guten Tag gesagt, sowie Zeus` Geburts- und Jugendort aufgesucht, sowie nahezu jede antike Ausgrabungsstelle in Athen besucht und hatte doch all die Zeit einen wichtigen Baustein in der griechischen Mythologie ausgelassen: König Aigeus / Ägäis! Der alte und ehemalige König von Attika.

D’s Hang zum Melancholischen ließ ihn immer wieder bei den Erfindern der Melancholie landen – bei den Griechen und ihren Attischen Tragödien. Solch eine war auch jene von König Ägeus. Und seit einigen Monaten dachte D immer öfter an ihn, warum, war ihm dabei nie so ganz klar, aber dazu später.

Die Geschichte von König Ägeus und seinem Sohn Theseus, der später noch zu unerwartetem Ruhm kommen sollte, als er den Minotaurus besiegte – weswegen sich die natürlich schöne Ariadne in ihn verliebte, was nebenbei noch dazu Minos‘ Tochter war – soll hier nicht weiter ausgerollt werden.

D empfiehlt, die Geschichten über König Minos und seinen Minotaurus in Ruhe durchzulesen, nicht nur weil es sich lohnt, sondern weil sie auch voller Fantasie und schöner Namen sind. (Anm.: Über den Ort das Labyrinths des Minotaurus werden auch heute noch hitzige Debatten geführt, je nachdem, mit wem man darüber spricht)

Im Schnelldurchlauf also – auch wenn manche das als Vergehen gegen die Griechische Geschichte ansehen, was in Wahrheit das Gegenteil ist, aber auch dazu später vielleicht mal mehr.

Also, König Ägeus und sein Sohn Theseus verabredeten, dass er bei Erfolg weiße Segel beim Rückweg von Kreta setzen sollte und schwarze, bei Versagen. Theseus war es leid, dass die Athener, im Besonderen sein Vater, jedes Jahr sieben Jungfrauen und Jünglinge dem Minotauros opfern mussten, weil sie gegen König Minos verloren hatten, weswegen Theseus kurzerhand entschied, diese Kreuzung aus Stier und Mensch selber auszuschalten.

Weil Theseus Erfolg hatte – Schnurspannen, um sich nicht zu verirren konnten wir später noch in anderen Märchen und Geschichten lesen – und deswegen so Siegestrunken war, dass er nur noch Augen für Ariadne hatte, vergaß er doch glatt die weißen Segel zu setzen (Anm: Beim Hinweg hatten sie schon die Schwarzen) so dass der ungeduldige Vater auf dem Poseidon-Tempel in Sounion wartete, bis er plötzlich das schöngeschnäbelte Schiff mit den verräterischen düsteren Segeln sah, der Arme!

Doch statt erst einmal abzuwarten, was es damit auf sich hatte und wie groß Verlust und Niederlage wirklich waren, wie es sich für einen weisen König gehörte, fackelte König Ägeus nicht lange und stürzte sich voller Trauer von der 60 Meter hohen Klippe ins Meer und kam dabei ums Leben. Daher benannte man die Ägäis nach ihm.

Dies und vieles mehr, waren die Gründe, warum D bei sonnigen 23 Grad mit seinem Scooter zu genau diesen Ort fuhr, weil der zusätzlich noch genau gegenüber vom Leuchtturm von Drepano auf Kreta lag, den D bereits im letzten Jahr besucht hatte und dessen Bild er vor zwei Wochen teilte. Angeblich ist von dort auch Theseus losgefahren, wie D Ausgrabungen dort gezeigt haben.

Aus der Sicht von D ist die Geschichte von König Ägeus eine schöne Didaktik für die heutigen Politiker in Zeiten von Corona.

Schon länger ist D der Ansicht, dass selbst, wenn wir ungezählte Kontroll- und Sicherheitsmechanismen installieren, finden Menschen und Leben immer Wege, sich diesen Überwachungsmechanismen zu entziehen – häufig passiert das sogar unbewusst, was für den natürlichen Freiheitsdrang des Menschen spricht.

Während König Ägeus nun so früh wie möglich wissen wollte, ob sein Sohn Erfolg hatte, vergaß dieser das väterliche Frühwarnsystem und löste dadurch einen völlig überflüssigen Selbstmord aus.

Heutzutage würde man ihn vermutlich der Mittäterschaft bezichtigen und sowieso erst einmal einen Corona-Test machen lassen. So einfach über das offene Meer zu fahren wäre heute grob fahrlässig, auch für die Matrosen und besonders die Matrosinnen an Bord. Und dann diese Gedankenlosigkeit gegenüber dem Vater – du meine Güte! Ariadne wär das nicht passiert.

D ist sich da sicher – Männer werden schludrig, wenn sie Siege einfahren; sie nehmen es dann nicht mehr so genau; fünfe gerade sein lassen und so; nennt man heute auch noch so; dass Theseus schlussendlich durch das überraschte Ableben des ängstlichen Vaters eher als gedacht König von Athen wurde und die Demokratie einführte, mag heute in Zeiten, wo eben diese gerade auf allen Kontinenten aus verschiedenen Gründen stark beschädigt wird, besonders zum Nachdenken anregen.

Manch einer könnte auf die Idee kommen, dass die nationalen Reaktionen in Europa eine Art Ablöseprozess beschleunigen, weil genau wie König Ägeus, gute Intentionen dahinter stehen, die aus der Sicht heutiger Psychologen, selten gut sind, ganz nach dem Motto: Gut gemeint, ist selten gut!

Im heutigen C-Fall, geht es um Sicherheit und Gesundheit – die stärksten Argumente überhaupt, weswegen sich niemand traut dagegen zu opponieren – nach Religion und Glauben, wenngleich man hier aus gegebenen Anlass etwas Vorsicht im Wording walten lassen sollte.

Übertragende Botschaft / Didaktik könnte sein, dass sich das Leben nun einmal nicht kontrollieren lässt, weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Man kann sich mit Versicherungen überhäufen, und gefühlt gegen alles absichern; alles gefährliche meiden und jedes Risiko ausschalten, oder zumindest minimieren: Am Ende ist man Sklave seiner eigenen Furcht und der abgeleiteten Überwachungsmechanismen und ist weder spontan, noch frei.

Wenn man versucht, sich ein gewisses Maß an Optimismus zu bewahren, nach dem Motto – wird schon irgendwie weitergehen, auch wenn ich gerade nicht weiß wie – dann hat man vermutlich mehr Chancen auf ein sorgenfreieres Leben, mit dem angenehmen Nebeneffekt, sich freier zu fühlen und es auch zu sein.

Was das alles mit Hellas und D zu tun hat?

Vielleicht mehr, als wir auf dem ersten Blick sehen. Es nützt ja herzlich wenig, wenn man die bestmöglichen Hygiene und Gesundheitsmaßnahmen auswählt und man anschließend pleite ist – vielleicht sind die zweit- oder drittbesten Maßnahmen passender, wenn man im Gegenzug wie üblich Arbeit und Freizeit nachgehen kann und man stattdessen regelmäßig prüft, ob man genug Krankenhausbetten hat, egal ob wegen Viren, oder anderer Verletzungen, wenn den Menschen das Geld ausgeht.

D ließ sich jedenfalls seine gute Laune nicht nehmen und erfreute sich an einem griechischen Salat, mit Tsatsiki und Brot, sowie einem Krug Weißwein, den er bei sommerlichen Temperaturen genoss, genauso, wie die Rückfahrt entlang an der wunderschönen Küste nach Athen, vorbei an der Akropolis und hoch nach Kifisia.

Die gesamte Woche war bereits farbenreich und voller schöner Gespräche und Momente – im Besonderen mit Nikolitsa Liantini, ihrer Tochter Diotima Liantini, sowie vielen anderen.

Sollten die Flugverbindungen aufrecht erhalten bleiben, wird D bestimmt nicht wieder ein ganzes Jahr lang warten, um das schöne Hellas zu besuchen.

Dann dürfen wir sicher sein, das er Mittel und Wege findet, um möglichst bald wieder hier zu sein…

 

Aθήνα – Odyssee 2020 CW43

25.Oktober – seit Monaten schob Schwerenöterin Corona D‘s Termin stetig weiter nach rechts, den er mit seiner Brieffreundin in Athen verabredet hatte. Ursprünglich sollte es im Sommer geschehen. Beide sprachen von Juni oder Juli. Doch die hochgekrempelten Arme aller euröpäischen Regierungen sorgten auch in Hellas für Ungemach, noch dazu spielte die Besorgnis der Bevölkerung eine große Rolle, die sich wie eine wild austreibende Weinrebe ausbreitete und das Alltagsleben immer fester umschloss, bis es quasi völlig zugewuchert zum Erliegen kam.

Mancherorts nannte man es Lockdown – aus D’s Sicht das Unwort des Jahres 2020.

Doch plötzlich bewegte sich was. Selbst die handlungswütigen unter den regierenden Südeuropäern erkannten die Sackgasse, in die sie sich gleichermaßen, wie die Nordeuropäer, hineinmanövriert hatten – den ökonomische Freitod – den sie ganz offen riskierten, wenn sie weiterhin die eigene Wirtschaft in Ketten gefangen hielten.

Dann nach regem Austausch, schien es endlich so weit zu sein: D hatte mit Nicól ein Zeitfenster verabredet, wo die griechischen Götter auf ihrer Seite zu sein schienen, allen voran Askläpios, der Gott der Heilkunst, mit dem D schon in 2019 einen innigen Austausch in Epidauros hatte – nicht auszuschließen, dass Nicól heimlich insistiert hatte, wo sie doch einen guten Draht zu ihnen hat, aber dazu später.

Blechern ertönte die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern. „Cabin Crew, 10min to landing“. Schlingernd flog der Airbus A320 über die Ägäis. D sah Piräeus, den verlängerten Arm Athens am Wasser liegen, wie eine langausgestreckte Eidechse, die sich sonnte und deren Schuppen in der Sonne glitzerten. Rumpelnd setzte die Maschine auf. Hellas! – dachte D – war es erst ein Jahr her, dass er griechischen Boden betreten hatte.

Wieder empfing ihn die gleiche weiche Sonne und die gleiche würzig-flirrende Luft, wenngleich nicht mehr ganz so warm, wie im Sommer. Ein munter lossprudelnder Taxifahrer beschwerte sich über den Verkehrsinfarkt, den er täglich erlebte und der den Alltag oft nur schwer erträglich machte – wen auch immer man fragte:

Alle Athener zeichnete eine Art Hass-Liebe zu ihrer Stadt aus, die sich wie ein gewaltiger nimmersatter Organismus bis an die fern entlegenen Berge ausgedehnt hatte und in dem bereits 50% der in Hellas lebenden Griechen ihren Alltag beschickten.

Nachdem D einen Scooter bei Savvas von Motorent.gr bekam – D’s geliebte Honda Innova war leider noch nicht aus der Werkstatt wiedergekommen – preschte er schon an der Akropolis vorbei und bewegte sich in dem wahnwitzigen Verkehrsfluss der verrücktgewordenen Stadt, als hätte er die letzten Jahre nichts anderes gemacht.

Zwar blieb er wieder mal einer der Wenigen, der mit Helm und Handschuhen fuhr, aber das störte D wenig, hatte er doch in 2019 bereits ausreichend Bodenkontakt mit griechischem Asphalt gemacht. Bunten Pilotfischen gleich wuselten dutzende Scooter und Mopeds um Busse und Auto’s als wären sie gemästete Opferanoden von König Kekrops.

Ein paar überraschende, nicht minder beeindruckende Bocksprünge zeigten, dass die Straßenverhältnisse trotz Asphalt an vielen Stellen eine Art Acker blieb, bei dem D nur durch spontanes Aufstehen, seine letzte Rettung fand, um stechende Schmerzen im Souterrain zu vermeiden.

Innerlich hob D seinen Hut, als er durch Marousi sauste, erinnerte er sich doch noch gut an das Buch von Henry Miller „Der Koloss von Marousi“, dass er schon als junger Mann gelesen hatte, was schon damals seine Neugier auf Hellas wachsen ließ. Nach vierzig Minuten kam er ans Ziel – Kifisia, nördlichster Stadtteil der Hauptstadt.

Und nach kurzem Klingeln öffnete Nicól die Tür – trotz, oder gerade wegen Corona, umarmten sie sich lange und stießen fluchs mit einem Glas Weißwein auf ihr erstes Treffen an – nun war es also geschehen: Ihre Liebe zur Philosophie und zum Leben hatte sie zusammengebracht – schon nach wenigen Minuten ging in Nicóls Küche ein wahres Feuerwerk großer Namen hoch.

Schnell kamen sie von Heraklit, zu Sokrates, Platon, Aristoteles – bis sie einen kurzen Zwischenstopp bei den Herren der Aufklärung machten und die grundsätzliche, leicht erkennbare Missmutigkeit bei Schopenhauer und Kant einstimmig entdeckten, bis Nicól zu einem Vortrag über die drei Hauptthesen Heraklits ansetzte, dass D lächelnd lauschte, während er an seinem Wein nippte.

Hintergrund des ganzen war D’s Versuch, die heraklitischen Thesen, die man nämlich so auslegen konnte, dass Eros und Thanatos das Gleich sind, in Resonanz mit dem Freud’schen Lustprinzip und Todestrieb zu bringen, um diesen Kreis mit Wilhelm-Reich und Heraklit zu schließen, um das allgemeingültige Naturgestz der neutralen Lebenskraft zu beweisen, sowie die heraklitische Regel „παντα ρεί“ nicht nur natürlich, sondern auch meta-physich erneut zu beweisen und zu unterstreichen.

Über eine gemeinsame mögliche Abhandlung, über die alltägliche Begegnung mit der Heisenbergschen-Unschärferelation in Bezug auf das menschlichen Bewusstsein, hatten sie ebenfalls bereits gesprochen, was den Abend nicht nur zum Leuchten brachte, sondern auch zusätzliches Fleisch für D’s Messer lieferte, sowie sein nächstes Buch.

Nicól war für D nämlich mehr als eine unabdingbare Gesprächspartnerin; sie war vielmehr auch feste wissenschaftliche Größe, dessen Nordwand D nun mit all seinen Thesen im Gepäck, begonnen hatte zu besteigen, mit der festen Absicht, eine neue Gesamtheitliche These und Abhandlung zur Menschwerdung zu erarbeiten, bei der Nicól geneigt schien, unterstützen zu wollen.

Nikolitsa Georgopoulou-Liantini ist Professorin für Philosophie in Athen und ist sehr aktiv, wenn es um die Deutung der antiken, sowie jungen Philosophen geht, sowie allzeitbereit, wenn es darum geht, neue Thesen zu entwickeln, die möglicherweise auf Bekannten aufbauen.

Und so geschah es – Nicol und D begannen bereits Sonntag-Mittag mit einer Fortsetzung, ihres angeregten Gedankenaustauschs, der darin mündete, dass D begann sich Notizen zu machen, weil er bei der täglich wachsenden Gedanken-Pflanze kaum Schritt halten konnte, weswegen er sich erstmalig gezwungen sah, auf altmodischen Zettel und Stift zurückzugreifen, um Monsieur Thalamus in seinem Gedächtnispalast bei seiner Arbeit zu unterstützen.

Gerade in diesem Moment zogen sich die zwei zu einer kleinen Siesta zurückgezogen, um bei späterem Kaffee und Kuchen fortzufahren.

Wir werden sie weiterbegleiten, um zu sehen, was sie zusammen anstellen……

……

Sokrates Satire – Odyssee 2020 CW16

Sonntag, 19.April 2020 – genauer gesagt, Ostersonntag, wenn man gewohnt ist, den griechisch-orthodoxen Ritualen zu folgen; gerade bin ich wach geworden; normalerweise bleibe ich länger im Bett liegen und genieße das langsame auftauen, aber nicht heute. Zu mächtig war mein Traum, an den ich mich vollständig bis ins Detail, erinnere.

Irgendwie habe ich auf einem Berg meditiert, keine Ahnung wo das war, jedenfalls hatte er Wasser-Nähe; es sah eher nach Meer als nach einem See aus; ich meditiere da so vor mich hin, konzentriere mich auf existenzielle Dinge wie den letzten und nächsten Urlaub, sowie den letzten und nächsten Apéro, was einen vor erstaunliche Fragen stellt, jetzt mit dem verlängerten Confinement in La France, als mir auf einmal Sokrates erscheint, aber nicht so flaschengeistmäßig, so halb durchsichtig und so, sondern richtig in echt, direkt vor mir stehend; ich schrecke zusammen und merke, dass ich unsanft auf dem Kissen lande; jetzt steht also der Meister aller Meister vor mir, au Backe!

„Guten Morgen Don, du hattest nach mir gerufen?“ Völlig verdattert komme ich ins Stottern.

„Äh, Meister, äh, gerufen? Vielleicht eine e-mail, aber so mit Pferd und so machen wir das eigentlich nicht mehr….“ Kann man, darf man Sokrates eigentlich widersprechen…?

„Sei es, wie es sei, lieber Don; gestern kam ein Bote geritten, der mir die Nachricht überbrachte, dass du mich zu sprechen wünschest; so habe ich mich aufgemacht; was kann ich für dich tun….?“

Voll krass! Ich kneif mich in die Innenseite meines Oberschenkels, wo es besonders weh tut, um sicher zu sein, dass ich nicht träume; es schmerzt höllisch, verdammt, er steht wirklich vor mir; okay, sammel dich; was könnte ich ihn denn mal; so ein Mist, immer werden Wünsche war, wenn man nicht vorbereitet ist; beeindruckend tiefe Stirnrunzeln hat er; ganz schön lässig, wie er so mit Chiton, dem langen weißen Bart und den lockigen weißen Haaren vor mir steht und darauf wartet, mir, ausgerechnet MIR zu helfen……das glaubt mir niemand!

„Setz dich bitte, ja, du kannst mir tatsächlich helfen…“ Er setzt sich sehr langsam auf einen neben ihm liegenden Stein, wenn er jetzt den Kopf auf einen seiner Arme stützt, werfe ich mich sofort den Berg runter…..

„Ja, ich höre, womit kann ich dir helfen……?“ Er soll das mit der Hilfe lassen, es macht einen ja ganz wuschig; wie soll man sich auf etwas konzentrieren, wenn der große Meister dich besucht und ständig wiederholt, dass er ausgerechnet DIR helfen will; ich habe doch gestern Abend keine Drogen genommen, warum ist der Kerl denn jetzt da; hast du ihn dir herbeigewünscht? Merkwürdig; okay, konzentriere dich, also was könntest du? Ach ja, Corona! Nee, mit so etwas kannst du ihm nicht….oder doch? Ach, frag ihn doch erst einmal…..genau…..

„Sag mal, wie wir hier jetzt so zusammensitzen, weißt du eigentlich, was zwischen deinem Schluck aus dem Giftbecher und heute alles passiert ist…?“ Jetzt habe ich es! Ich muss seinen Geist geweckt haben, als ich sein Gefängnis im letzten Jahr besuchte; habe da ein paar Sachen vor mich hingemurmelt………

„Finde ich übrigens echt stark, dass du ihr Urteil aus Respekt vor dem Staat angenommen hast, Hut ab, mein Lieber! Da müsstest du heute lange suchen, um so einen zu finden, der aus ähnlichem Holz geschnitzt ist, das kann ich dir sagen…..!“ Aber echt, heute geht es den Herrschenden ja bloß um, ja worum eigentlich? Wissen wir das? Achtung, er lächelt, hör genau hin was er sagt, hörst du…?

„Lieber Don, sei dir gewiss, dass die Hintergründe meiner Urteilsanerkennung und die Verurteilung selbst, nicht ganz so stattgefunden haben, wie ihr es euch heute erzählt; nach so einer langen Zeit und all der furchtbaren Anhimmelung meiner Person, was ich grundsätzlich ablehnungswürdig finde, schlage ich vor, dass wir uns schlicht auf die wenigen geschichtlich wahren Fakten einigen, nämlich dass ich den Schierlingsbecher akzeptierte und ihn daher trank; wie du weißt, bin ich dann verschieden, einverstanden…?“

„Okay-okay, einverstanden…!“ Wie kann man das denn nicht sein? Nein, Sokrates, ich bin dagegen, ich habe einen besseren Vorschlag…? Ist ja lächerlich……

„Gut! Und zugegebener Maßen erinnere ich das ja bald selber schon nicht mehr, wie die Geschichte ging; aber zurück zu dir; womit kann ich dir helfen….?“

Stimmt, wir sind keinen Schritt weiter; was wollte ich ihn eigentlich; man bist du nervös; komm doch mal runter; ach so ja, jetzt hab ich es….

„Ich kann sonst auch später wiederkommen, wenn es dir besser passt…..“

„Nein-nein, bleib wo du bist…entschuldigung, will sagen……ich hab’s schon; also……“

„Ja-ha? Womit kann ich dir helfen, lieber Don…? Der macht mich wahnsinnig, mit seiner unaufgeregten Art und dem ständigen Wiederholen; okay, los doch, konzentrier dich; stell dir vor, er besucht dich nur einmal in deinem lausigen Leben; womit soll, kann, oder muss er dir helfen, was du nicht selber, alleine hier….okay, genau, das ist es…..

„Kannst du machen, dass sich die Menschen mehr mögen? Damit sie weniger Streit und Krieg machen und dieser ganze Kram, wie dem Errichten von Grenzen endlich aufhört? Vielleicht könnten wir dann endlich ein geeintes Europe werden, was meinst du…..?“

„Möchtest du, dass ich dir erst bei deiner Sympathie-Frage helfe, oder möchtest du zuerst meine Meinung zu deinem skizzierten geeinten Europa hören….?“ Boah ist der anstrengend, wie kann man jedes Wort auf die Waagschale legen, da musst du ja höllisch aufpassen, was du sagst; okay, sei dir klar, was du willst.

„Sympathie, zuerst die Sympathie bitte…..!“

„Wie du wünscht, lieber Don…also, zuerst einmal sollten wir zusammen feststellen, was du zwischen den Menschen verbessern möchtest; du sprachst davon, ob ich machen kann, dass die Menschen, ich zitiere dich…“sich mehr mögen“…ist das so richtig wiedergegeben….?“

„Genau, sie sollen einander mehr mögen, sich sympathischer sein…..…..“

„Warte lieber Don, nicht so hastig; lass uns zuerst einmal die Grundlage zusammen festlegen; ich habe dich also richtig verstanden? Das ist ein guter Anfang; meine Antwort ist NEIN.“

„Äh, wie bitte? Wie NEIN….du bist Sokrates, wer DENN, wenn nicht du kann machen, dass….?“

„Sei kein Narr, Don; ich bin lediglich ein alter Mann, der zu viele Fragen gestellt hat; wie im Namen aller griechischen Götter soll ich machen, dass sich alle Menschen; wie viele seit ihr noch? Acht Milliarden? Wie soll ich dir, gar allen Menschen helfen, gar MACHEN, dass sie sich mehr mögen? Abgesehen davon, bin ich nicht gerade bekannt dafür ein besonders sympathischer Mann zu sein, deinen / euren Wortgebrauch ausnahmsweise nutzend; ich verwende übrigens den Begriff und seinen Inhalt, also die Bedeutung des Wortes ganz anders, als ihr das tut; nein, hierbei kann ich dir und den Menschen nicht helfen; was kann ich sonst für dich tun?“

„Aber Sokrates! Was müsste denn geschehen, DAMIT, die Menschen mehr….?“

„Mein lieber Don; ich kenne die heutigen Menschen nicht; das ging mir schon damals so; kannst du mir sagen, was einen Menschen KENNEN für dich bedeutet? Ich weiß es nämlich nicht….“

„Jetzt hör aber auf, mich auf den Arm zu nehmen, geschätzter Sokrates! Du wirst doch wohl dich und deine Nächsten, Freunde und Familie genauestens…..?“

„Wie könnte ich? Selbst heute, über 2400 Jahre nach meinem Tot, verstehe ich die Mehrheit der Dinge um mich herum nicht; nehmen wir zum Beispiel meine Frau, wie sollte ich sie kennen? Sie kennt sich selbst ja nicht; wie soll ich sie dann…?“

„Moment mal! Du willst mir sagen, dass du deine eigene Frau nicht kennst; dass du nicht weißt, wer sie ist; willst du weiterhin Scherze mit mir treiben, oder können wir….?“ Langsam werde ich sauer; wie selten und geil, sauersein auf Sokrates; ich muss mir das Gefühl irgendwie konservieren und für später aufheben.

„Aber mitnichten, lieber Don; manche kennen sich nicht einmal auf dem Sterbebett; ich kann jemanden sympathisch, dem ursprünglichen Wort nach, finden; also das zugewandte Fühlen zu einer Person hin; ich kann dir sagen, dass meine Frau gut kochen kann, dass sie den Haushalt unheimlich gut organisiert und unser weniges Geld beeindruckend gut zusammenhält; dass sie Geranien lieber als Rosen hat und Wein dem Wasser bevorzugt; das wir uns auch heute, zueinander hingezogen fühlen, aber kennen……“

„Aber Sokrates! Wie können wir Menschen uns weiterentwickeln, wenn wir beide uns schon bei einzelnen Begriffen nicht einig und unterschiedlicher Auffassungen sind? Wie…..?“

„Wenn du die Antwort nicht kennst, lieber Don; wenn ich sie nicht, wenn niemand sie hat, wie denkst du, könntest du vorgehen?“

Ich habe den Eindruck, mehr Fragen als Antworten zu bekommen; das soll Sokrates sein; ist der aber was von anstrengend……

„Na wie schon, indem ich suche……?“

„Dieser Weg erscheint der passende für dich zu sein; suche, lieber Don und nimm es einem alten Mann nicht übel, nicht auf alles eine Antwort zu haben“

„Schon gut, du bist Sokrates, was du nicht weißt und kannst, was sollen wir dann schon….?“

„Ich bin nur ein alter Mann, der dir dabei versucht zu helfen, deine eigenen Erkenntnisse zu gebären; suche, soviel dir möglich ist……..“

„Okay-okay, ich hab’s verstanden; wie lange denn? Wie lange denkst du muss ich…..?“

„Bis du dich selbst erkennst……“ Ich ahnte es….

„Eine Frage habe ich aber noch, geht das…?“

„Nur zu; ich bin hier, weil du mich gerufen hast; womit kann ich dir helfen, lieber Don?“ Wenn er das noch einmal sagt, vergesse ich mich….!

„Warum haben dich die Athener eigentlich wirklich zum Tode verurteilt? Das kann unmöglich der überall nachlesebare Quatsch sein, dass du angeblich die Götter missachtest und zweifelhaften Einfluss auf die Jugend hast; all diese Dinge hatten doch überhaupt keinen Einfluss auf die Stadt und das öffentliche Leben und das Respektieren geltenden Rechts….?“

„Lieber Don…das Leben, mit allem darin ist viel einfacher, als wir Menschen wahrhaben wollen; Menschen zum Nachdenken und Hinterfragen einzuladen ist und bleibst die gefährlichste aber auch schönste Sache im Leben eines jeden Menschen; tun das viele und zeigen diese alle dankend auf dich, wenn man sie nach dem Grund befragt, wird jeder seinen Becher kriegen, mag er auch in unterschiedlicher Gestalt daherkommen…….Mit was kann ich dir noch helfen….?

„Ich glaube für heute langt es; nimm es nicht persönlich; ich spüre gerade eine ziemliche Lehre in meinem Kopf; könnten wir verabreden, dass….?“

„Allen meinen Schülern ging es wie dir; die Mehrheit hat es nicht offen gewagt zu zeigen und auszudrücken, wie du, lieber Don, aber ich kann es euren Gesichtern ansehen, wenn euch die Lust und Neugier vorrübergehend verlässt; entschuldige, ich hatte dich unterbrochen; was wolltest du vorschlagen……?“

„Können wir verabreden, dass ich dich wieder rufe, wenn ich eine Frage habe….?“

„Können wir so machen…..ich habe dir auch einen Vorschlag zu machen…..schreibe alternativ die Dinge auf, die du mich fragen möchtest und versuche, in einem fiktiven Dialog herauszufinden, ob du meine Antworten vielleicht schon kennst, einverstanden….?

„Einverstanden!“ Na da habe ich mir ja was eingebrockt….

„Ich würde mich dann wieder zurückziehen….ist das in Ordnung…?

„Natürlich-natürlich; war schön dich zu treffen, Sokrates. Merkwürdig, irgendwie weiß ich jetzt auch nicht mehr von dir, wie kommt das bloß…..?

„Aus Wiedersehen, lieber Don; hat mich auch sehr gefreut. Siehst du? Schon erlebst du den ersten positiven Effekt; du verstehst etwas nicht und beginnst sofort mit dem Suchen……Mach es gut,…..bis bald…….

„Tschüß……!“

Plötzlich schieße ich hoch und liege in meinem Bett und nicht mehr auf dem Berg. Vielleicht sollte ich jetzt langsam mal aufstehen und mir einen Kaffee machen……