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Odyssee 2019 – CW41

Broterwerb am Montag – ein unschönes Wort; sein Brot er-werben, was implizit heißt, dass man es tun muss, weil es sonst nichts zu essen gibt; wir verbringen viel Zeit damit – Erschaffung von Schuld & Sühne, welch geniale Idee, Macht durch Wissen auszuüben und das schon so lange. Heute ist Kapital die neue Kirche. Instrument der Macht? Wissen; alte Bekannte im edlen Gewand elitärer Akademien – alte Platte, mögest du ewig weiternudeln, so wie früher!

Dienstag – stülpte ich mein Innerstes nach außen, ohne zu verkleben. Um sieben aufstehen, 30min laufen, ohne Pause – dann ausmümmeln, duschen und Frühstücken, hintereinander, nicht gleichzeitig; dann Broterwerb in Büro-Kaserne; erwäge im nächsten Jahr meine Arbeitszeit zu verkürzen; schönes Wort, Arbeits-Zeit-Verkürzung – wun-wun-wunnaba. Mittag mit „Me-myself-and-Ei“ – mag das zu dritt in der Kantine zu sitzen. Dreibeine sind auch statisch gesehen das Ideal; da kippelt rein gar nichts. Nachmittags, früher Abend schreiben; dann ging die Sonne unter; ich haste in den Supermarkt, Gemüse, Lachs, Brot und Kleinkram; draußen erste Zeichen vom güldenen Eichenlaub – Mitternacht dann heia-bubo.

Mittwoch – Letzter Tag vor Moped-Wanderung; vormittags Mahlzahn mit Brille und Laptop; Nachrichten und Termine mit dem Rechen gehakt, gewendet, getrocknet und zu Heu verarbeitet; ich mag Gras; Lunch mit einem Freund an der Garonne; Wein zum Mittag in der Woche zeigt, dass du alles richtig gemacht hast; kannst du nur keinem sagen; ihr habt Verständnis, ich kenne euch, zumindest tief verborgen, wo es muffig und feucht ist. Abends ein paar Sachen gepackt, dann Lachs mit Toast – guten Abend!

Donnerstag – Wecker um 5:00 Uhr! Heute bring ich meine CBR600, die ich liebevoll Wanze nenne, zurück zur Quelle, droben im Norden, zu Loka; komme pünktlich um sieben am Flughafen an; dort steht sie seit fünf Monaten; lasse den Starter nudeln, nichts; nur ein wenig hüsteln; weiternudeln, schnell macht die Bakterie die Grätsche; dann anschieben, bis die Knie zittern; ein paar Biker helfen, bis unsere Beine weich wie Pudding sind; bald stellt sich heraus, dass die alte Dame in den 5 Monaten 5 Liter Sprit durch die Unterhose hat laufen lassen.

Also los, Kanister gekauft, Sprit rein, geschwind zurückgefahren; hinein mit dem Humpen, frisch löungsgeglüht genudelt und kawumm – bravó-bravó! Und losfahren – merkwürdig, wie schwer die sich lenken und fahren lässt; völlig normal bei 2 Plattfüßen; abenteuerlich, wie ich die erste Autobahnraststätte anlaufe – endlich Luft in die Rueda’s und weiter; im eleganten 200KM-Takt getankt, gepinkelt und weitergefahren; zum Glück regnet es, da trocknet die Erde nicht aus; schön all die Gischt auf dem Visier; gut dass ich Samstag noch Regenkalmotten gekoft hab.

Frankreisch ist schön – Brücken, Berge, Bäume fahren wie ein Quentin Tarantula Streifen vorbei; Reisetempo 120-140, besser iss das; Brive-de-la-Gaillarde crossing; Clemong-Ferrong taucht auf Schildern auf; Hamburg sucht man vergeblich, dafür reichlich Paris; geographisch geht es jetzt radikal rechts-ab, Richtung Cle-Fe; einsam reite ich grüne Berge rauf und schroffe Täler nunter; nimmer-endendes Asphaltband, hin und wieder unterbrochen von Mautstationen; wieder anfahren alle Gänge durchschalten, Affen hinter Cockpitscheibe machen, Beine einrollen und weiter-rauschen; nach Clement geht es durch Vichy, Quellwasserfreaks aufgepasst; dann weiter Richtung Chalon-sur-Sàone; Schafe, Weiden, sympatisch-verlodderde Häuser, Traktoren, klapprige Auto’s; Gemütlichkeit.

Zwischendurch tanken, dann weiter Richtung Nancy und Metz; tanken, pinkeln, weiterfahren; es läuft ganz gut so ohne Pause; dann Luxemburg; endlich Pause beim goldenen M; die Bedienung nimmt keine Bestellungen mehr auf, das machen jetzt Service-Stationen, wo ich mein Kram eintippen darf; nach 15min gebe ich auf; ein junger Franzose zeigt mir die Prozess-Schritte, die ich bis eben gerade nicht hätte wissen wollen; ich bekomme einen Zettel, mit meiner Bestellung drauf, den es nicht geben würde, wenn ich sie wie immer akustisch geteilt hätte; was für ein Schwachsinn; Müll produzieren, um die Effizienz auf Kosten der Kunden zu erhöhen; good-bye Mc-Donalds, wie hast du mir noch nie gefehlt! Natürlich ist nicht alles auf meinem Tablett, als meine Nummer auf dem Bildschirm erscheint – ähnlich wie bei Arbeits.- oder KFZ-Zulassungsstelle – ich suche die Kamera vergeblich; schöne neue Realität.

Auf Klo soll ich einen weiteren Automaten mit 70cent füttern; Geld verdienen mit meiner Notdurft, wahnsinn! Wutentbrandt krabble ich unter dem Drehtor durch, beobachtet von einer entsetzten Klofrau; bevor sie die Polizei ruft, hauche ich ihr schneidend-leise zu: „Ich werde nicht in die Hose pinkeln, weil ich vorher meinen Schein kleinmachen muss, iss klar, oder?“ – sie lässt mich gewähren; ich kann es nicht fassen, springe auf meine alte Dame und fahre weiter Richtung Trier; die Dämmerung drückt das Licht zu Boden; bald gleiten wir über A1, dann A48; Ulm geht es ab Richtung Nürburgring, alte Heimat; 10 Jahre Kreisfahren, mit und ohne Kontakt; Etappenziel erreicht, Pension-Müller Herschbroich, Franziskaner-Weizen und Zigarette zum Abschluss; erste Etappe geschafft, gute Nacht.

Freitag – 8:00 Uhr aufstehen, 8:45 „In-der-Dell“, 9:00 Uhr Frühstück bei Rewe in Breidscheid. Um 10:00 Uhr Abfahrt in den Norden; rolle zufrieden an der Ahr entlang; alles heil geblieben die letzten 47 Jahre, mehr oder weniger; zu viele Tränen und Kollateralschäden; manchmal merkt man nicht, dass man die Axt im Wald ist; A61, dann A1; Frankreich war leer, Deutschland ist voll; ich fege durch den Pott, zum Mittag Kamener-Kreuz, dann auf die A2, fluchs durch die Porta Wesfalica, Bückeburg, mit Berg und brauner Vergangenheit; tanken, pinkeln, weiterfahren, nichts hat sich verändert; meinen Knochen geht es wunderbar.

Rasthof Allertal Pause, mit Burger-Krieg, ähem, King; Menschen bedienen mich und das Essen ist besser, ein Glück! Jedoch auch hier 70cent für die Notdurft; ich ziehe das Drehtor ein wenig in meine Richtung; siehst du, da pass ich locker durch, blockiere es bis es brummt und schlüpfe unbeobachtet hindurch; mit meiner Notdurft wird nicht abkassiert – ist ethisch und moralisch verwerflich; gegen Nachmittag endlich Ankunft in Wilstedt-Siedlung bei alten Freunden; hier wird die alte Dame Rente einreichen – feiern, trinken, essen, lachen und schluchzen, alles gleichzeitig, wunderbar; gegen Elch dann Taxi nach Siek – Waidmannsheil!

Samstag – Frühstück, einkaufen, Buchpakete nach Griechenland aufgeben, neue Bücher im Laden abholen; mein Hirn braucht Futter; dann Physiotherapeut zuhause; ächzen und stöhnen; dann schreiben, schreiben schreiben; abends dann Freund mit Rotwein für die Seelen, reden für‘s Leben; es geht um Trennung und Neuanfang, Life is a bitch! Gegen eins ins Bett, gute Macht!

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – dann Kumpel-Besuch, mit Ente, Wein und Bier, aber nicht zu viel – Zeilen fertig-tippen, korrigieren, hochladen und ab-dafür.

 

Sissyphos

Ich saß in den Dünen. Struppiges, ein wenig störriges Gras wucherte hier und da. Man meinte zu glauben, dass es überall wachsen könnte. Ich sah in die Ferne. Mein Atem ging ruhig und langsam. Hin und wieder schweifte mein Blick träge umher. Mal links, ein anderes Mal nach rechts. Wind peitschte mich durch. Manchmal aus. Ich glaube er war sauer. Eine Mischung aus Überraschung und Anerkennung, weil ich immer noch da war. Mächtig zerrte er an mir. So wie der Sand, der sich aufgeregt mitreißen ließ, der Finger und Wangen wie tausend kleine Stecknadeln malträtierte; so wie seine senffarbenen Körner, die in meine Augen sprangen und boshaft Lied und Auge zu Tränen raspelten; so wie das abgerissene Gesträuch, den der Sturm über den menschenleeren Strand fegte; so wie all den Dreck und Unrat, den man mir um die Ohren bläst und mich zum Verspeisen zwingt; so wie das Leben.

Ungeduldig wuchs das junge Jahr in die Höhe, forderte wild und mächtig, rüttelte an mir rum, scheuchte mich auf und hoch. Bevor ich mich versah, pustete der stürmische Wind Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen daher, die hier und da sich manchmal in meinen Wimpern verfingen, energisch festklammerten und herumwippten, als wäre ich ein Ast, dessen Obst man durch wüstes Gezerre zum Herunterfallen zwingen musste. Nie hörte es auf. Soweit mein fröhlich Äug auch sehen mochte: Überall dasselbe. Grotesken siegten immerzu. Mit gezeitenhafter Zuverlässigkeit, wurde jedes kleine Licht, dass mein Gemüt im trüben Grau des Weltenwahnsinns erhellen wollte, mit stumpfem Stil und schwerem Hammer eingefangen und in den Hades der Bourgeoise gesteckt, dass jedes Leuchten das Weite suchte. Was nützte einem das Fliehen? Was, das Ausblenden, spürte man doch, dass das Absurde sich vor einem biblisch auftürmte und weiter wuchs?

In weiter Ferne spazierte ein Hund mit einem Mensch. Unregelmäßig drehte er seinen Kopf, sah sich um, ob der Zweibeiner verlorengegangen war. Zwei untrennbar miteinander Verbundene; des Hundes bester Freund. Strandgut lag herum. Des Himmels schmieriges Grau verschmolz mit dem matten Metall der Nordsee, die ihren Glanz von der drahtigen Windenbürste abgekauft bekam. Fauchend schrie der Wind zuweilen auf, heulte sich weiter unter die Haut. Es war grausig kalt, so sehr, dass selbst die Knochen zitterten. Der arktisch-beißende Wind ließ Solschenizyns Gulagimpressionen hochkommen. Zerzauste Schaumkronen, hüpften auf den Wellen, zeigten mir meinen Platz in der Welt. Viel galt es zu tun, um ein wenig Stille und Frieden zu bekommen, war er auch fragil, wo ein jeder an ihm rüttelte und hoffte das babylonische Glück zum Einsturz zu bringen.

Ich griff das verfilzte Dünengras, ließ es durch meine klammen Finger gleiten. Gierig biss es sich in meiner Haut fest, riss an meinem Fleisch. So wie es alle fleischfressenden Pflanzen taten. So wie die Zeit. Ich dachte an den Morgen. Gut, wie der Leibarzt des Papstes hatte ich geschlafen. Geträumt hatte ich, viel und beeindruckend, dass selbst Morpheus anerkennend genickt hätte. Nach einiger Zeit bemerkte ich den fragenden achteckigen Duschkopf, der über mir wie eine Guillotine baumelte. Offensichtlich war ich aus dem Bett raus. Hallendlaut geschwiegene Worte starrten die Brause an, als wäre sie ein Vogel Strauß, der mit seinem Kopf hoch über uns aufgeragt zu uns herabschaute. Meine Füße wurden kalt, versuchten sich einzurollen und festzukrallen, als würde ich auf einem Ast sitzen. Begriffe waren so ersetzbar wie das große Alles.

Ich dachte an meinen Traum. Es war wieder der Turm. Er kam jetzt immer häufiger vor, besuchte mich fast jede Nacht, wie ein gieriger Alb der seine lästigen Geschichten loswerden wollte. Riesig groß türmte er sich vor mir auf. Ich sah einen Eingang. Da war eine Treppe. Wie viele Stufen es wohl waren, bis man ganz oben war? Vielleicht war es ein Leuchtturm, oder so was? Langsam, fast vorsichtig, um den Turm ja nicht aufzuwecken, ging ich zum Eingang. Um mich herum ein Meer von Irgendwas. War es Wasser? Felder, Steine oder die Steppe der Belanglosigkeit? Ich erinnere es nicht mehr. Ich begann mit dem Aufstieg. Er war lang, so wie der Einkauf im Supermarkt zu Sylvester, kurz vor Ladenschluss. Jedes Jahr dachten die Menschen, dass sie Neujahr nichts mehr bekamen. Vorratskammern wurden gefüllt; selbst die unnötigsten Dinge wurden gekauft, jene die man das ganze Jahr erfolgreich gemieden hatte; selbst in die dickste Schlange reite man sich ein, um den Zeitpunkt der letzten Zahlung soweit es ging hinauszuzögern und alle zeitlichen Möglichkeiten miteinbeziehend, an die letzten kleinen Dinge, Jene die man dann doch vergessen hatte, ganz überraschend einfallen zu sehen. Siebzig. Mittlerweile war ich schon eine Weile die Treppe hochgewandert; irgendjemand zählte mit.

Nach einer Weile kam ich oben an. Gute Sicht. Weit und klar. Jedoch das gleiche Feld der Bedeutungslosigkeit wie unten. Nur mit mehr Sicherheit, dass sich auch in größerer Entfernung nichts ändern würde. Komischer Aufstieg. Bekam man nicht meistens ein Hochgefühl geschenkt, wenn man den Aufstieg schaffte? Bekam nicht auch der Bergsteiger Eines, wenn er den fünftausend Meter Hohen besiegt hatte? Waren Ziele alleine nicht Grund genug sie anzugehen?

Mit einem riesigen Fragezeichen im Gepäck und im Gesicht machte ich mich an den Abstieg. Wo war da der Sinn, wenn das Ziel keines war? Während ich gemütlich vor mich hin weiter und immer weiter hinabschritt, fing ich aus unerklärlichen Gründen an zu lächeln. Immer breiter und breiter. Komisch, dass der Aufstieg immer länger, als der Abstieg dauerte. Warum auf einen Berg gehen, wenn das Ziel nicht der Erwartung entspricht? Hatte man immer welche? Warum sich bemühen, wenn die Mühe so wenig lohnte?

Wieder weite Ferne. Hund und Mensch gingen längst getrennt. Ich sah, wie eine riesige Distanz zwischen den beiden klaffte. Der Wind hatte meine Hände, trotz der dicken Handschuhe, völlig ausgekühlt. Beißend grub sich die Kälte eine Welle kratzender Unterkühlung in mein Fleisch. Der Sand schmirgelte mir die Gesichtshaut ab. Das zischende Pfeifen des Windes grub tiefe Löcher in meine Gelassenheit. Wie ein fröhlicher Eiszapfen tropfte meine Nase leise vor sich hin. Alles war absurd. Man konnte machen was man wollte, es wurde nicht besser, nicht sinnführender. Alle haben es versucht; durchbohrten die Begriffe mit ihren intellektuellen Werkzeugen wie einen Schweizer Käse; alle rackerten sich daran ab; was blieb war die Absurdität des Ganzen. Doch was war mit der Freude? War sie ebenfalls absurd? War sie so etwas wie die böse Zwillingsschwester? Was war sie? Konnte die Freude gar der Sinn sein, auch wenn er so absurd blieb, wie ein Lemming, der kurz vor dem Sprung in den Tod erkennt, dass er gerne Lemming war?

In meinem ungeträumten Traum sind alle Menschen glücklich. Jeder mit sich selbst. Manche mit sich und Jemandem zusammen. Sie alle sind Träumer eines surrealen Lebens, das sich gleich einer Wendeltreppe durch die projizierte Zeit schraubt, wissend, dass es egal ist, an wessen Leinenende, Treppenende man geht, solange man sich dessen bewusst ist und den absurden Gang in die nächste Skurrilität lächelnd, mit Freude geht. Dann hätte unser Leben einen Sinn, selbst nachdem all die Zweifler, Nörgler und Denker, die doch nur Furcht vor Selbiger haben, jeden Baum der Erkenntnis gefällt, der vom Pilz des Zweifels befallen war:

Freude!