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Zeit ist Geld – Teil1

Es ist Sonntag. Langsam erhebe ich mich und schlurfe vorsichtig aus dem Schlafzimmer. Ich stehe vor dem Spiegel, wieder fühle ich mich älter.

„Scheiße, wieder ein Wochenende ohne Zwischenfälle!“, murmle ich vor mich hin.

Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob ich unvorhergesehene Abwechslung oder dahinplätschernde Monotonie mehr genieße. Ich weiß es einfach nicht. Vermutlich machen wir Menschen einfach irgendwas, ohne sich darüber tiefgreifende Gedanken zu Machen, nicht wahr? Sollten wir etwa? Oder ist es besser, wie es ist?

Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass wir immer noch Frühling haben; alle Pflanzen blühen und treiben weiter aus, als sie je getrieben haben und das obwohl bereits der September begonnen hat, das muss man sich mal vorstellen. Während ich so in der Küche stehe und die Kaffeemaschine bewache, schaue ich mir mein Spiegelbild an, wie es in Shorts, grob gestrickten Socken und seinem blutarm arbeitsscheuen Körper dasteht. Wieder kommt mir die ursprünglichste aller Fragen hoch:

„Was um Alles in der Welt ist die Zeit? Was bedeutet Zeit haben? Was meint man mit dem Satz „wie viel Zeit bleibt uns noch. Was ist die Natur, der Zeit? Ist es ein Konstrukt von uns Menschen, die Natur zu verstehen? Oder ein Versuch Dinge in Reihenfolge zu bringen?“

Vermutlich ist die Zeit aber auf jeden Fall eines : es ist die gebräuchlichste Art bestimmte Abläufe in ihrer Reihenfolge zu bestimmen. Oder ist es lediglich eine nüchterne Art den eigenen Verschleißes darzustellen?

Wieder starte ich den Versuch mit meinem eingeschränkten Bewusstsein, zu umschreiben, zu begreifen, was „Zeit“ ist. Erfahrungsgemäß stellen wir bei komplexen Themen fest, dass man sie aus größerer Entfernung besser betrachten kann, als bei engem Kontakt. Grundsätzlich räume ich mir grundsätzlich alle Fehler, Verwirrungen und Fehlannahmen ein, weil ich so unvoreingenommen nachdenken und mutmaßen kann.

Endlich ist der Kaffee durch. Mit vollem Becher bewaffnet setze ich mich jetzt vors Tor meines Gedächtnispalasts und warte ab; wahrscheinlich passiert so wenig, das ich gar nicht bemerke, wie der Abend heranrollt……..

 

El vino viejo

„Salute“, klingeln ihre Worte in meinen Ohren, einer jungen Messdienerin gleich, die ihre unbesudelten Hände schüchtern im schwarzen Keuschheitsgewand vergräbt, bloß keine Dummheiten machen, ständig angestiftet von ungeduldig treibenden Brüsten. Nicht minder tief und dumpf meine glockenähnlichen Worte, „Salute, Guapa, salute.“, die einladen, verführen, zu weiß der Teufel was, meine Hände in Unschuld waschend, sollte ich erfolgreich sein.

Unnachgiebig gierig klammern sich meine Lippen an den Rand, nippen am honigfarbenen Nass, erst sparsam, bald wie hungernde Säugling immer gieriger. Ölig, fast ein wenig zäh. Fruchtig-trocken, herb wie Leder, an frisches Birken-Blut erinnernd. Als Kind liebte ich es, ihre Leiber mit meinem Taschenmesser aufgeschlitzt, tief reingesteckt, nach ihren Adern schnüffelnd, weit unter ihren Borken schabend.

Frisch, leicht süßlich, angenehm kühl, ein Geschmack, den ich nie vergesse, mag er auch noch so tief unter dem Gerümpel unnützen Zeugs begraben sein, mit dem ich mich tiefer, immer weiter eingrabe, bis Wind den Sand in alle Herren Winde verweht, den Zugang erschwert, verschleiert, versteckt, als hätte es ihn nie gegeben, wie eine verschollen geglaubte Kammer im Tal der Könige, abertausende Jahre hinfort-geschlummert, bis ein aus dem Nichts auftauchender Wein, das Licht der Vergangenheit entstaubt, in neuer Blüte entfaltend, eine Mittelmeer-Brise am Abgang schmeckend, als hätten die Götter es mit dem ploppenden Korken jungfräulich erschaffen.

Schaukelnd taumelt der erste Schluck in meinem Mund trunken herum. Schmeckt ähnlich meinem Allerersten. Ich erinnere es genau, war kaum älter als sechs oder sieben Jahre, als Freunde mir den Ersten unter der entsetzt-bebenden Stimme meiner Mutter verabreichten. Es schien, als würde sie es mit aller ihr möglichen Gewalt verhindern. Habe noch heute ihre keifende Stimme, die selbst jetzt, im Tal der Könige, in meinem Ohr zu wohnen scheint, Amboss und Hammer für alle Zeiten mit geifernder Hysterie einölend, ganz von Angst erdrückt, mein Gott die Arme, panisch nach Verstärkung suchend, Waffen jeglicher Art, sei es Küche, Abstellraum, oder Sonstiges.

Wie ein kleines trauriges Spitz-Mäuschen aussehend, dessen Heiligen-Schrein, zum zwangsweisen durchbiegen befüllt, mit Mäusebüchern und Mäuse-Kerzen, abgerundet und vollgestellt von Mäuse-Dekoration, verziert mit dem Kreuz des heiligen Mäuserichs im Herzen des Ganzen, nicht verhindern kann, dass der wahre Wert der Frucht, schneller als erwartet, vom Dreck leuchtenden Lebens besudelt, für alle Zeiten von Lebendigkeit entstellt.

Liebe beide, tief und innig, von jenem Tag an, wie ein Teil von mir, im Geheimen dankbar, uns aus dem kindlichen Tiefschlaf geweckt zu haben. Ist das nicht ätzend, dies ewige Achtgeben? Selbst beim Vor-die-Tür-Gehen, immer aufpassend, auf dies und Jenes. Warum eigentlich? Kein Mensch ist blind, auch Kinder nicht. Eher weniger. Ihr ewiges Versorgungs-Programm, das sie wie einen welken Lochstreifen abspielt, wie einen Einkaufszettel, ferngesteuert und entrückt runter-rattert, auf dem Dinge wie Frühstück, Kleidung, Essen, Wärme und Liebe stehen, die sie in sparsamen sorgfältigen Dosen verabreicht, als wäre ich ein Sparkonto, in das sie Ersparnisse einzahlt, investiert, um irgendwann ein schöne Summer wiederzubekommen, selber unfähig, das eigene Glas zu füllen, daher mein Kleines vorsätzlich, fürs erste leicht benetzt, weswegen ihre abendliche Umarmung vorm Zu-Bett-Gehen, genauso warm und innig ausfällt, wie das Schneiden von Brot.

Vielleicht ist es streng zu sagen, dass zwischen Menschen alles ein ewiger Handel bleibt. Wahrscheinlich wartet man deswegen immer auf eine Rechnung, weil niemand einfach so, altruistisch gibt, sei es aus Enttäuschung, sei es aus, am eigenen Käfig rüttelnder Vergangenheit, Nerven abnagender Alltag.

Schlecht riechende Menschen, Plattfüße, strenge Eltern oder keine. Durchgescheuerte Socken, gerissene Strumpfhosen, rostende Baumwolle. Dauerregen, quietschende Scheibenwischer, Eisen-Drei-Oxid-mangel, Dachschäden. All der Scheiß, der unserem kleinen Krämerladen, alles nimmt, uns wie eine Park-Leiche fleddert, plündert, uns mit erschauernd-gähnend-leeren Regalen zurücklässt, dass man beim Betreten des nächstbesten Kunden zum Eingang läuft und höflich-lächelnd, aber bestimmt, zuschlägt.

Erster Wein, kredenzt von zwei Künstlern und Anthroposophen, eine keifende Maus-Mutter, mit ihrem entgleisten ur-zornigen Gesicht, Nagetier-Seelenleben, ihren wahren Charakter ungewollt hölzern offenlegt, wie der ausgenommene Fisch seine Blase, Mauern einreißender Erkenntnis gewinnend, dass eine kleine Zelle nicht die ganze Welt, aber Selbige in einer Solchen gefeiert werden kann, das Wasser nass aber nicht gefährlich und Feuer Wärme, nicht nur verbrannte Erde hinterlassen kann.

Wer hätte gedacht, dass ein schlafender Erdenbewohner durch den Einen nicht nur geweckt, sondern in Brand gesteckt werden konnte. Hat jemand, nur eine Sekunde daran gezweifelt?

Natürlich, jeder!

Seit dem, ich schwör es, renne ich durch die Welt, wie ein entfesselter, vogelfreier Vagabund, alles verstehen, wissen wollend, so viel ich kann. Ständig hinterfragend, ist dies, jenes oder Welches wirklich so? Ein kindlicher Heranwachsender, ewiger Verhaltens-Säugling. Finde daher Junges, Frauen sind Ausnahme, langweilig, Altes umso erquickender und spannender, hat es doch Geschichte um den empfindlichen Körper gewickelt, Ecken und Kanten von Erlebtem, abgenagt und eingerissen von Erfahrung und vergangenen Stürmen. Dielen von Holzwürmern zerschossen, durchlöchert, Gebäude rissig und beulig, kann es mir jeden Abend Geschichten erzählen, ewig lernen und ausprobieren.

Schlucke, stelle das Glas auf den glänzenden Marmortisch. Wasserperlen laufen herunter, ein paar auf meine Finger. Schließe meine Augen. Mäuse, Frauen und Mütter. Künstler, Maler, Musik, bunte Bilder, gemalt in Öl, Acryl, Wasser, Blut, Eisen und Wein. Berge, kleine und große. Wasser und Meer, wildes, ruhiges und wunderschönes. Bäume, große junge, kleine knorrige Alte. Erde, weiß und fein, rot und schwer. Licht und Sonne, kalt und heiß. Alles ewig, tief, wahr und jetzt.

Ich öffne meine Augen. Halte immer noch das Glas, fühle mich beobachtet. Blicke nach links. Lächelnd sieht sie in mich hinein, blickt nach ein paar Sekunden schüchtern zu Boden, als hätte ich sie ertappt, ihre Gedanken gelesen. Hebe das Glas, um uns wieder Raum zur Landung zu geben und nippe am Wein.