Archiv des Autors: Don Tango

Odyssee 2019 – CW33

Montag – Wäsche, einkaufen, ein wenig schreiben. Horus, was sonst! Ein Kumpel meldet sich bei mir. Er hat bereits Urlaub und ist zurück von seiner ersten Woche. Julio hat eine Woche lang Eltern und Familie, droben im hohen Norden Frankreichs besucht. Sagte, dass es ihm gut gefallen hätte – abends dann Apero um sieben, mit anschließendem Dinner. Wir diskutierten den ganzen Abend, wann wir uns wo in Griechenland treffen wollen. Wir fahren zur selben Zeit hin, zwar etwas versetzt, aber mit einem großen gemeinsamen Zeitfenster von über einer Woche. Werden uns auf der Peleponnes Halbinsel treffen. Freue mich. Haben dann, wie immer, recht intensiv diskutiert und kamen etwas spät aus dem Resto, nachdem jeder eine Flasche schweren Rotwein, sowie ein erwachsenes Entrécôte verspeist hatte. In wenigen Sekunden fiel ich in einen komatösen Schlaf.

Dienstag – wieder Zweitjob in der Industrie. Zur Zeit ist es sehr ruhig. Alle Franzosen sind im Sommer. Ich nicht, dafür schreiben an Horus, was das Zeug hält. Komme etwas besser voran, mit dieser Zweigleisigkeit. Bin aber immer noch unzufrieden, mit den feinen Nuancen und seiner verdammten Stimmung. Es bleibt alles noch zu sehr an der Oberfläche, und das, obwohl ich mit ihm Tiefseetauchen will, bis der Leser seine Spiegel zuhause abklebt. Konzentriere mich heute ganz auf den Content. Habe heute zehn, nahezu druckreife Seiten geschafft. Nicht schlecht, wie ich finde. Am Abend meine ich den Durchbruch hinbekommen zu haben. Ich glaube, bin davon überzeugt, den richtigen Weg gefunden zu haben. Spät Abends habe ich mich für die Schwingung von Horus entschieden. Jetzt sollte es leichter gehen, es sei denn, Horus will selbst bestimmen, wie sich seine Stimmung entwickelt. Irgendwann gegen Mitternacht schlafe ich über dem Laptop ein. Ich glaube es wird Zeit für meine Lesebrille, denke ich bis zuletzt, als ich ins Bett falle und sofort wegsegel.

Mittwoch – es geht aufs andere Gleis, heute sind Stimmung und Nuancen dran. Boah, wie der Penner sich sträubt; er will einfach nicht in die Tiefe; kackfrech treibt er mit seiner Oberflächlichkeit auf dem Wasser herum; könnte ausflippen. Okay, also anders rum. Du musst einen Weg finden, zwei völlig unterschiedliche Stile zu finden, ohne dass sie zu unterschiedlich sind, und ohne, dass man es lesen und sehen kann. Es muss da auf dem Papier sein, aber man darf es nicht sehen. Es muss zwischen den Zeilen stehen, aber man darf es nicht finden. Verdammt! Schon immer wahren die ungeschriebenen Worte jene, die am schwersten zu schreiben sind. Ich modelliere den ganzen Tag herum. Abends Apéro mit Dinner bei Freunden in der Nachbarschaft, mit anschließendem Elektro, reichlich Rosé und Zigaretten. Ein wenig zuviel von Letzterem, für meinen Geschmack. Irgendwann gegen eins liege ich im Bett, mit einem leichten Glimmer und schwebe davon.

Donnerstag – Maria Himmelfahrt, Feiertag. Wusste nicht, dass wir frei haben. Auch nicht, dass Maria ebenfalls in den Himmel gefahren ist. Ich dachte, da ist nur der Latschenträger hin. Maria auch? Hm, irgendetwas ist da an mir vorbeigezogen. Habe 13 Stunden gepennt, fast den ganzen Tag gefrühstückt und Zeitung, Nachmittags und Abends dann an meinem Nuch weitergelesen. Der Gattopardo, großartiges Buch. Uralt und ur-fantastisch. Sowas könnte man heute, meiner Meinung nach, nicht mehr schreiben. Jeder Verlag würde dich vom Hof jagen. Schade eigentlich. Gehe mit dem Buch ins Bett und knipse das Licht gegen elf aus. Gute Nacht, Don

Freitag – ich starte den Tag mit Sport und anschließendem Frühstück. Anschließend Zweitbroterwerb in der Industrie. Mache spät gegen zwanzig Uhr Schluss. Manches ist liegengeblieben, wo so viele im Urlaub sind, das übliche. Man fegt halt hinterher, so wie überall. Spätes Abendesse. Dann Bettlektüre. Um kurz vor Mitternacht fallen mir die Augen zu.

Samstag – ich gehe früh einkaufen und setze mich zeitig an die Maschine. Ich will den ganzen Tag schreiben. Es geht gut voran, auf beiden Gleisen. Horus‘ Stimmung nähert sich an, ohne zu verschwimmen und ohne, dass man es merkt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er mit mir ein Spiel spielt, als wenn er bestimmt, wie er wird und nicht ich. Ich bin etwas zufriedener und reite tapfer den ganzen Tag durch. Irgendwann gegen 21 Uhr undnach weiteren acht Seiten, merk ich, dass meine Augen am Ende sind. Ich mach eine paar Übungen, sehe nach draußen, stelle den Fokus auf weit, schaue nach links, recht, oben und unten, versuche die Augen zu stimulieren. Dann ein leichtes Abendbrot. Später buche ich die letzten Einzelheiten für meine Wochen in Griechenland. Ich freue mich riesig und gehe zufrieden ins Bett.

Sonntag – um kurz nach acht gehe ich mal wieder laufen. Dem Fuß geht es blendend, wenn ich ihn bewege, so wie dem ganzen Körper. Muss mich mehr bewegen. Ich sitze zu viel. Dann Frühstück mit Griechisch lernen. Anschließend klemme ich mich wieder auf den Gaul und reite in den Autoren-Sonnenuntergang. Später am Abend dann Dinner mit Freundin. Müssen meine kleine Minzpflanze einpflanzen. Sie hat mir einen kleinen Ableger geschenkt, den ich liebevoll mit meinem Spezial-Wasser gegossen habe. Seit dem ist sie abgegangen wie eine Rakete, hat Wurzeln gebildet und sich in rasender Geschwindigkeit aus dem Glas gelehnt. Werde später auch etwas für uns kochen. Freue mich darauf.

 

 

Odyssee 2019 – CW32

Ich habe ein neues Fahrrad. Es ist blau und fährt viel besser als das Alte. Keine Ahnung warum, aber der Vorgänger war nicht ganz dicht; ständig verloren seine Schläuche Luft und das völlig egal, wie lange das Rad rumstand. Wenn es eine Woche nicht bewegt wurde, waren die Reifen genauso platt, wie wenn ich den übernächsten Tag loswollte. Ich glaube, das Rad und ich passten nicht zusammen. Sowas soll es ja geben. Warum nicht? Mit Menschen ist es ja ähnlich. Passt es nicht mehr, geht man – früher oder später. Aber meistens hat man sich so schnell an einander gewöhnt, dass man sein Rad erst ersetzt, wenn es gestohlen wird. Wir Menschen hangen halt schnell aneinander und an Dingen.

Montag – ich musste dringend Ablage machen. Ständig bekam ich Ermahnungen von Versicherungen, Banken und natürlich, meinem Steuerberater, der zum Glück mein geduldiger Freund ist. Ihn machte ich zuerst glücklich. Keine Ahnung wie ich das schaffte, aber ich konnte ihm alle Belege und Informationen geben, um meine Steuern abzugeben. Als wahrer Europäer zahle ich sogar doppelt – in Frankreich und Deutschland. Ich rede mir ein, dass es für eine gute Sache ist, ähnlich wie für den WWF oder Atac. Nachmittags dann Buntwäsche. Am frühen Abend hatte ich ein paar Eingebungen. Schnell saß ich auf und ritt drei Stunden in den Autoren-Sonnenuntergang, bis der Wörterkrug ausgegossen war. Mit Krügen habe ich es zur Zeit irgendwie. Zum Abschluss ein paar Gläschen Rosé, sonst nichts.

Dienstag – ich bekam Besuch aus Hamburg. Man wollte mich interviewen. Keine Ahnung, warum ich auf einmal interessant geworden bin. Die Lady war sogar sehr nett, was man grundsätzlich ja nicht von allen sagen kann. Umgekehrt gilt das natürlich genauso, der political correctness sei dies geschuldet. Wie auch immer. Sie wollte alles von mir wissen. Warum ich schreibe, wieso ich in Südfrankreich lebe, weshalb ich keine Leseempfehlungen gebe und warum es keine Aufzeichnungen von mir gibt, ob ich eine Freundin habe, wieviel ich schlafe und vor Allem, wie oft ich, wieviel schreibe. Es ging den ganzen Tag so. Zwischendrin gab es Lunch und später Dinner. Sie wollte wissen, ob ich mir vorstellen könne, ins Fernsehen, oder zum Radio zu gehen. Fragen über Fragen. Fernsehen, nein. Radio, JA. Irgendwann gegen Mitternacht trennten wir uns. Geschafft von all dem Gefrage viel ich ins Bett.

Mittwoch – Interview, Klappe die Zweite – wir rannten durch Toulouse, klapperten meine üblichen Bistros, Kneipen und Restaurants ab und zeichneten meine täglichen Rituale nach. Mir wurde klar, wie dringend ich Urlaub brauchte. Wenn du jeden Tag Bergwerk machst, noch dazu Untertage, musst du hin und wieder mal raus ans Licht. Mag das so platt eigentlich nicht raushauen, weil ich viele Freunde habe, die viel mehr Verantwortung, mit Frau, Kindern, Haus und Hof haben als ich, noch dazu mit Garten und Haustieren. Finde das wichtig, mich daran regelmäßig zu erinnern. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass man über manche Dinge gar nicht miteinander reden kann. Mit so viel Verantwortung kann man gar nicht so viel hinterfragen. Man muss funktionieren.

Donnerstag – Zeit für den zusätzlichen Broterwerb, ein paar Münzen verdienen. Noch zahlt die Industrie gut. Mal sehen wie lange es noch dauert, bis die große Rezession kommt. Ich tippe auf heute in einem Jahr – sagen wir mal großzügig, Herbst 2020. Ich habe oft das Gefühl, dass viele Firmenlenker keine klaren Vorstellung haben, wie ihre Zukunft aussehen soll, wo reduzierte Märkte nach kleineren Stückzahlen fragen und das mitten in der digitalen Revolution. Entweder stehen bald viele Menschen auf der Straße, oder wir entwickeln neue Produkte und Geschäftsfelder. Dafür benötigen wir jedoch Ideen und Menschen, die Mut haben, sich neue Dinge zuzutrauen. Ich bin sehr auf die nächsten Monate gespannt. Abends dann wieder Bergwerk – habe an Horus geschrieben, es geht voran.

Freitag – den ganzen Tag schreiben. Ich bin furchtbar unzufrieden. Horus bäumt sich immer wieder auf. Mir will seine Stimmung nicht aufs Papier kommen, der Unterschied des vorher und nachher ist das Entscheidende. Man muss beim Lesen unter seine Haut kommen, muss fühlen, was in ihm vorgeht, warum er all die Jahre einfach weitergemacht hat, und vor Allem, was uns alle angeht, warum wir alle einfach weitermachen. Ich will zeigen, warum bei ihm ein Schalter umgelegt wird, wann und wieso. Fahre daher jetzt zweigleisig. Ein Teil des Schreibens verwende ich auf den Content und die andere Hälfte auf den Stil und die feine Abstimmung. Vielleicht gelingt es mir, mich nicht ständig in einer Ecke festzufressen.

Samstag – morgens Laufen, dann Frühstück, Eiern und Toast – am Nachmittag, frühen Abend dann Fahrt zu Jean-Marc nach Saint Germain du Puch – drei Stunden auf dem Motorrad. Ging eigentlich ganz gut. Habe seinen 2018er Jahrgang probiert, was für ein Wahnsinn! Der hat eine Wucht wie ein ausgewachsener Corbières, kombiniert mit der Feinheit eines Bordeaux. Natürlich ist er noch sehr jung, man muss erst einmal abwarten, wie er sich entwickelt, aber was er jetzt und heute schon zeigt, schmeckt mehr als vielversprechend. Werde mir auf jeden Fall einige Kartons sichern. Haben bei ihm im Garten zu Abend gegessen, über Wein und das Leben philosophiert. Abends dennoch früh zu Bett.

Sonntag – ein nebliger Morgen segnet uns mit Dauerregen. Es prasselt in Bindfäden und dann Motorrad fahren, na wunderbar. Ich nutze die Gunst der Stunde und bleibe einfach im Bett liegen. Mittags soll es angeblich aufklaren. Sogar die Sonne soll wieder rauskommen. Na also, manchmal hilft es, einfach liegen zu bleiben. Und tatsächlich: Die Sonne kam raus und wir konnten im Garten Mittag machen. Irgendwann sah ich auf die Uhr, ich wusste, ich musste los. Eigentlich hatte ich keine Lust. Ich wäre gerne einfach mit Jean-Marc sitzen geblieben. Rückfahrt dann in Rekordtempo: 2:15 – von Saint Germain nach Toulouse. Mach ich nie wieder. Ist totaler Schwachsinn so zu hetzen – vor Allem, wozu? Man holt sich einen steifen Hals und hat von der Natur nichts gesehen. Nächstes Mal fahre ich über Landstraße, ganz sicher.

 

 

Odyssee 2019 Teil2 – Chroniken

Es ist übergelaufen, zum ersten Mal. Ich ahnte, dass es irgendwann passieren würde – aber ich hatte gehofft, dass es noch etwas auf sich warten lässt – nun denn, es ist angerichtet. Als Mensch, besonders als Mann, sollte man versuchen immer ehrlich mit sich zu sein – warum, besonders wir Männer? Weil wir, uns selbst glaube ich immer eine Spur toller finden, als Frauen sich selbst – eine gesunde Prise Selbstkritik und Bescheidenheit hilft ungemein – natürlich gibt es auch unter den Frauen saftige Alpha-Weibchen, die unfähig sind, sich selbst mit Bodenkontakt zu versehen – aber tendenziell findet sich das auf der männlichen Halbkugel öfters – ich weiß wovon ich rede!

Ich werde alt – ja wirklich.

Drumherum reden nutzt nichts mehr. Jeden Tag spüre ich es. Am Anfang kann man es sich schön reden. Irgendwann aber sprangen mir die Ereignisse so zahlreich mit nacktem Arsch ins Gesicht, dass ich einfach gezwungen war, hinzusehen – man fragt sich nicht, warum man das Etikett auf der Weinflasche nicht mehr lesen kann, bis man begreift, dass man eine Lesebrille braucht. Damit ging es los. Doch das war erst der Anfang. Letzte Woche habe ich zum ersten Mal vergessen, mein Fahrrad anzuschließen – natürlich hat eine Stadt wie Toulouse sofort erzieherische Maßnahmen parat – als ich wiederkam war es natürlich weg – meine Freundin fand das ungeheuerlich, so direkt vor der Nase – ich denke, es ist richtig so!

Lernen durch Schmerzen – manchmal klappt es nur so.

Mittlerweile ertappe ich mich, dass ich zweimal nachschaue, ob ich das Bügeleisen ausgemacht habe – ich kenne mich, ich weiß dass ich das Zeug dazu in mir trage, es zu vergessen, oder mir erfolgreich lediglich vorstelle, dass ich den Stecker gezogen und es auch überprüft habe. Heute Morgen bekam ich dann die längst überfällige Bestätigung. Grell leuchtend lächelte mich eine Kochplatte an – ich dachte mir, warum glühst du noch? – bis ich bemerkte, dass ich sie offensichtlich vergessen hatte auszuschalten, nachdem Kaffee und Eier fertig zubereitet waren. Das ist mir noch nie passiert – jetzt langt es, dachte ich mir! Sofort fasste ich den Entschluss, dass ich ab sofort, hier und heute nicht nur wieder regelmäßig schreibe, sondern mit völlig offenem Visier meine Chroniken erschaffe, mein Logbuch. Wochen.- statt Tagebuch.

Und so soll es heißen: Odyssee 2019 – und es beginnt hier und jetzt!

Woche 31

Ich musste nach Hamburg fliegen. Eigentlich hatte ich keine Lust. Aber Steuer, Arbeit und ein paar andere behördliche, äußerst unangenehme Sachen konnten keinen Aufschub mehr vertragen. Zum Kotzen, dieser ganze administrative Scheiß! Man kann mich lieber zu einer Biopsie zwangsverpflichten, als meine Ablage zu machen – ist für mich eine mentale Vergewaltigung – einfach furchtbar dieser ganze Mist. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Prozesse, Methoden und Gesetze wichtiger als Menschen geworden sind.

Zum Glück ist mein Steuerberater mein Freund, noch dazu ein äußerst Geduldiger. Ich glaube er wollte schon ein paarmal das Handtuch schmeißen. Mit ziemlicher Sicherheit denkt er, dass ich entweder begriffsstutzig bei steuerlichen Dingen bin, oder dass ich sonst wie eine seltene geistig-kapazitive einschränkende Krankheit habe, die mich all diese Steuersachen nicht kapieren lassen. Montagabend waren wir dann nett essen. Die paar Hausaufgaben für mich hat er mir toll erklärt, so dass ich sie gleich am nächsten Morgen fertig machen und an ihn abliefern konnte. Ich war ein wenig stolz auf mich – ich hoffe, er auch.

Dienstag – Bergwerk, untertage; auch schreiben genannt. Nachmittags Treffen mit einem Schreib-Kollegen. Hat ein tolles Buch über sein Sabatical gemacht – Schrauben, Schlafen, Surfen oder so heißt es, glaube ich. Er ist ein lebenslustiger Surfer-Typ – sieht das Leben meist von seiner Sonnen.- und Wellenseite. Wir saßen an der Elbe, bei Bier und Apero-Spritz, quatschten über dit-un-dat, sogar über Jenes. Netter, kurzweiliger und angenehm zerstreuender Abend, mit anschließendem Abendessen – hat viel Spaß gemacht und viele Hamburg-Erinnerungen hervorkommen lassen – vor sechs Jahren hatte ich vor hier zu heiraten. Manchmal ist das Leben merkwürdig – immer wenn ich denke, es fest im Griff zu haben, entschlüpft es wieder – das war dann auch meine Erkenntnis: Nicht versuchen das Leben festzuhalten, sondern es zuzulassen – sei durchlässig und nehme es an, ohne Widerstand, jedoch mit Bodenhaftung und gutem Gespür für das Selbst und die eigenen Bedürfnisse.

Mittwoch – Bergwerk, Klappe die Zweite – mein drittes Buch zerrt wieder an mir. Endlich! Und ich bekomme wieder richtig gut Zugang – bin motiviert, Martin Horus jetzt endlich fertig zu machen – freue mich darauf. Hatte viele Wochen, ganze Monate, wo mich das nicht anfixte, wo ich keinen Zugang, geschweige den Eingang zur Story fand – hatte natürlich auch mit meinem Motorrad-Unfall auf Kreta zu tun. Hab den Tag dann richtig Gas gegeben; abends kam mein alter Kumpel Rape zu Besuch. Wir kennen uns schon über fünfundzwanzig Jahre, haben viel zusammen erlebt und durchlebt. Bier in der Sonne, mit anschließendem Abendbrot. Sprachen von früher, heute und morgen. Emeritierter Wissenschaftler, mit Schwerpunkt Biologie und Psychologie – nun im verdienten Ruhestand. Redeten darüber, wieviel fremde Sorgen ein Mensch aufnehmen und verkraften kann; wie lange man sich eine gewisse Leichtigkeit bewahrt, ohne eines Tages mit hängenden Schultern heim zu gehen. Ziemlich lange, wie er mit bestem Beispiel bewiesen hat – konnte ihn verstehen, als er nach all den Jahren, Jahrzehnten seine Praxis schloss. Irgendwann hat jeder Kater sein Körbchen am warmen Kamin verdient.

Donnerstag – zuerst Broterwerb, ein paar extra Münzen verdienen mit meinen Ideen, dann Bergwerk. Habe an Horus geschrieben, geht jetzt gut voran. Will das Buch Ende des Jahres fertig haben. Muss wieder mehr Disziplin mit dem Schreiben bekommen, so wie früher. Horus muss aus meinem Kopf raus; ist wie bei Früchten, wenn sie reif sind, musst du sie ernten, sonst wird‘s Fallobst. Habe mich einige Stunden durchgekämpft – dann spätes Abendbrot mit ausreichend Wein. Trinke ich zu viel? Nach Rape’s Meinung nicht; im Schnitt über die Woche verteilt, jeden Tag ne halbe Falsche Wein ist für ihn völlig gesund und überschaubar. Finde ich auch. Dann Sabatical-Buch vom Kollegen lesen. Irgendwann fiel es mir auf die Nase. Kurz die schroffen Klippen wienern, Gute-Nacht-Meditation zum Einschlafen und ready 4 take-off.

Freitag – wollte eigentlich mein Auto in den Süden fahren. Doch zum ersten Mal will es nicht anspringen. Ich weiß, dass viele Deutsche Angst vor Südeuropa haben, aber Fahrzeuge? Mein Auto-Maestro und ich kratzten uns ratlos an den Haaren, dabei hatte ich mir so ein schönes Roadmovie ausgemalt. Ein anderes Mal. Habe mir dann fix einen Flug nachhause über München besorgt. Herrlich, als die Toulouser dreißig Grad über mich herfielen, nachdem Hamburg mir mit 17 Gard eher die kalte Schulter meinte zeigen zu müssen – abends Apéro und Abendbrot mit Freunden aus der Nachbarschaft, inklusive Zigarre rauchen, was immer ein Zeichen für reichlich-gut gefüllte Gläser ist. Zwei Uhr, ich gehe zu Bett, mit der üblichen überfahrenen Ratte im Mund.

Samstag – ausschlafen mit rumdösen, dann gemütlich Frühstück, Eiern und Toast – hinterher ein paar Waschmaschinen; aufräumen, Altpapier wegbringen, abwaschen, Staub saugen und duschen – dann ab zu Decathlon, neues Fahrrad kaufen. Und Überraschung: Das Fahrrad kostet nach drei Jahren noch die gleichen 300, wie erfreulich. Flux ein neues Schloss gekauft und ab in die große weite Welt. Bin zwei Stunden wie ein glückliches Kind durch die City geradelt, auch um eine Brasserie oder ein Resto zu finden, dass noch warme Küche hat, vergebens. Um sechzehn Uhr ist nichts mehr zu wollen in Toulouse – es bleiben einem dann nur drei Lösungen; zuhause selber kochen, Döner-Laden oder dergleichen, oder irgendeinen der 24/7 Touri-Läden aufsuchen, um sich was Durchschnittliches rein-zu-pfeifen – Cäsar-Salat mit nem Glas Rosé. Ne schlappe vier für das Futter, ne gute zwei-bis-drei für den Wein aus der Provence. Dann nachhause – schreiben, genau diese Zeilen hier.

Sonntag – ich schreibe zum ersten Mal über die Zukunft. Will nach dem Unfall versuchen laufen zu gehen. Danach duschen, mit anschließendem Brunch irgendwo in Toulouse – will jeden Tag wie meinen Letzten genießen. Es gibt kein „später“ oder „machen wir morgen oder übermorgen“ – es gibt nur jetzt, immerzu, ständig. Seht ihr? Jetzt schon wieder. Ich bin gesund, einigermaßen klar bei Verstand, kann mir ein Leben leisten, das mich zufrieden macht, weiß wie privilegiert ich bin und wie schnell alles zu Ende sein kann. Von jetzt auf gleich. In Bruchteilen von Sekunden. Wir können nichts mitnehmen, nicht mal das Leben. Will meines daher wie ein rauschendes Fest feiern, bis der letzte Tropfen des Kruges ausgegossen – jeden Tag, jede Stunde – jetzt.

 

Odyssee 2019 – Teil1

Adonis sprach von der Weisheit der Götter, dass Griechenland ständig im Clinch mit sich selbst, oder mit einem oder mehreren Eroberern gleichzeitig lag, er holte noch weiter aus und erklärte mir, warum die Sterne so großen Einfluss auf uns Menschen haben, warum wir Menschen ein Wunder sind, auch wenn wir so viel Leid verbreiten und dass er sie aber immer noch von ganzem Herzen liebt – dass den Griechen und ganz besonders den Kretern das Teilen und Geben ihrer Natur entspringt, warum er seine Frau und das Matriarchat verehrt und warum der weiseste Mensch, den er je in seinem Leben treffen durfte, ein Schafhirte ohne Schulabschluss ist.

Keine Ahnung, wie lange wir in seinem kleinen Blechcontainer am Flughafen standen – ich glaube, eine kleine Ewigkeit – irgendwann, schwenkten wir auf Pferde und Motorräder um. Ich hatte eins bei ihm gemietet. Als Pauschaltourist über diese geheimnisumwitterte Insel zu kommen und mich in irgendwelchen Touri-Hochburgen sattfressen, während mechanisch-lächelnde Inselbewohner sich genötigt fühlen, angelsächsische Mundflora-vergewaltigende Anglizismen zu benutzen, kam für mich nicht in Frage – weder wollte ich Deutsche, Briten oder Russen, englisch reden, noch ihre imperialistischen Verhaltensstörungen spüren.

Für mich gab es nur eins: Ein Dorf in den Bergen, wo es nur und ausschließlich eine Hand voll Inselbewohner gab, die garantiert nur ihr kreta-griechisch sprechen, damit ich endlich einsam und verlassen und hoffentlich schnell verloren war.

Erobern wollte ich die Insel – mit Leib und Seele spüren – Kultur, Sprachen, Menschen, Speisen, Farben und ihre mir unbekannten Eigenarten einatmen – sie schmecken – erleben, wie sie mit mir umgehen – herzlich und liebevoll, oder ruppig, abweisend, vielleicht sogar feindselig – einen riesigen Bogen um jeden Kompromiss wollte ich machen, soviel war klar. Als mir Adonis die XT660 an mich übergab, fühlte ich mich wie Alexander der Große, der auf Anhieb Bukephalos zähmte – wir waren füreinander bestimmt – ich spürte es sofort.

Mit der Halbschale auf dem Kopf, dem plötzlich handzahm gewordenen Rassepferd unterm Hintern, der Sonne über mir und der geballten Energie von hundert-tausenden Kretern um mich herum, hatte ich das Gefühl, mich gleich direkt mit Zeus anlegen zu können – er hätte keine Chance gehabt, Göttermacht und Blitze hin oder her.

Beseelt und bereit für mein Abenteuer lächelten wir uns an, nickten wie Blutsbrüder, bis ich stolz und hocherhobenen Hauptes aus Adonis sicherem Hafen auslief und nach wenigen Metern, vom quirligen Verkehr verschluckt wurde, wie eine Flaschenpost vom Amazonas. Sonne, Wind, Freiheit – wie fantastisch konnte das Leben sein, dachte ich und knatterte zur ersten Kreuzung, die eher an einen Kreisverkehr erinnerte, als an ein nach Farben geordnetes Verkehrssystem – Ampeln blinkten in allen Farben – Autos, Motorräder und Lieferwagen schoben sich abwechselnd durch den gewaltig pulsierenden Blechsalat, der wechselweise mal zu platzen oder zu schrumpfen drohte – herrlich, was für ein Wahnsinn, einfach wundervoll!

Irgendwann dröhnte ich mit meinem Pferd auf die Autobahn. Nicht nur, dass die Auffahrt schon wie ein Feldweg dritter Klasse aussah, völlig zugewachsen und übersät mit abgerissenen Pflanzen-Köpfen und ich der einzige auf der Insel zu sein schien, der einen Helm meinte tragen zu müssen, nein es wurde noch viel besser – hier und da spazierten Menschen am Straßenrand, mit und ohne Kindern an der Hand – Seitenwechsel schien auf Autobahnen genauso üblich zu sein, wie die Tatsache, dass man mit jedweder Geschwindigkeit fahren konnte.

Mofas mit höchstens vierzig Stundenkilometern, beritten von Hundertjährigen, die mit Zigarrenstumpen, fleckigen Unterhemden, Flipflops und Shorts unwirkliche Mengen Leergut in ihren Plastiktüten spazieren fuhren, während weißes Haar sie umflatterte, wie Intschutschuna, den großen Häuptling der Apatschen, das im schönen Kontrast zu den hageren, zerklüfteten und ausgemergelten Gesichtern stand, die an Mahagoniholz, oder lederbezogene Korallenriffe erinnerten.

Reisebusse, die sich nachdrücklich wippend und nickend vorbeischoben; röhrende Autos, die aussahen, als wären sie bis eben Statisten in einem Sergio-Leone-Western gewesen, während uns diese bunte Emir-Kusturika-Aspahaltschlange aus Heraklion gebar, die wie ein offener Organismus in der Sonne pochte, pulsierte und seine Bewohner durch enge Kapillare drückte, Vehikel und Menschen mit großer Reibung aneinander vorbeizwängte, um eine drohende Verstopfung, einen Infarkt zu verhindern.

Noch nie sah ich so offen gelebtes lebendiges wahres Leben – noch nie sah ich so viel Leidenschaft auf einem Haufen, auf einem Flecken Erde – was für eine erleuchtende Erfahrung. Berührt, wie ein Sängerknabe trabten Bukephalos und ich weiter – nach und nach änderte sich die Farbe der an uns vorbeiziehenden Landschaft – das satte Weiß der Stadt wich mehr und mehr den bunten Farben der Berge und Dörfer – schon bald sah ich das ersehnte Schild, „Gazi“.

Hier musste ich wieder runter – es kam mir vor, als wäre ich schon Stunden lang gefahren und hatte alle meine Tanks mit Reizüberflutung gefüllt, stattdessen fuhr ich erst wenige Minuten und war jetzt schon hin und weg. Beim Abfahren wackelte mein Blechpferd komisch herum – ich dachte zuerst an ein loses Hinterrad, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hatte ich doch ein wenig Werkzeug eingepackt – dann schob ich den unruhigen Lämmerschwanz auf die groben Stollenreifen, die bekannt dafür sind, dass sie ein Eigenleben haben.

Nachdem ich ein paar Mal kräftig am Gas gezogen hatte, stabilisierte sich die Fuhre – es ging weiter und weiter. Als die Ampel, vor der ich zum Stehen kam, anfing zu blinken, wusste ich als erfahrener Kreter bereits, dass losfahren grundsätzlich erstes Gebot schien – wieder schlingerte Bukephalos, was das Zeug hielt.

Langsam schraubten wir uns in die Berge – Damásta – endlich sah ich ein erstes Schild, mit dem verheißungsvollen Namen drauf. In langen und manchmal knackigen Serpentinen kletterten wir weiter und weiter hinauf – hier und da knallten Bodenwellen direkt in Knochen, sowie in Weichteile – halb so wild – nach und nach gewöhnten Bukephalos und ich uns aneinander – wir wurden mutiger.

In guter Offroad-Manier bliesen wir zum Angriff, gegen alle Insel-Gebirge – im Galopp fegten wir auf die engen Kehren zu, um mit Schwung durch sie hindurch zu brausen, wie der heiße Scirocco aus der Sahara, dass einem nur noch Zähneknirschen übrig blieb. Hin und wieder zitterte Bukephalos Hinterteil, ähnlich wie auf der Autobahnabfahrt, jedoch nur sehr schwach – ich schenkte dem Phänomen keine Beachtung mehr und genoss meinen Sturm in den Himmel.

Ein erstes Straßenschild, erinnerte mich daran, dass es von ihnen kaum welche gab, ebenso die Gründe und das allgemeine Niveau ihrer Wertschätzung der Inselbewohner gratis mit dazu – von dutzenden Kugeln durchsiebt stand es einsam und verlassen im heulenden Wind – beeindruckt vom Drang der Insulaner, lieber zu handeln, als zu warten, erinnerte es mich wieder daran, welche Parole die Griechen und ihr Land hochhalten: „Freiheit oder Tod!“ – langsam dämmerte mir, dass ich nicht nur auf dem südlichsten Punkt Europas, sondern auf einem ganz anderen Planeten gelandet war!

Immer größere Berge schoben sich aus der Deckung – manche karg und ermahnend, doch die Mehrheit bunt überdeckt mit gewaltigen Teppichen aus Kräutern und Sträuchern, die vermutlich seit Jahrtausenden üppig wuchsen, nicht nur mächtig angefeuert, durch das vulkanische Gestein, das der große Vulkanausbruch von Santorin über der gesamten Insel, vor ungefähr drei bis viertausend Jahren, hinabregnen ließ, sondern wahrscheinlich auch ungezählte Schlachten von Helden, die ihr Blut gegen Feinde und Monster vergießen mussten, dass die Erde noch heute dunkelrot in der Sonne glänzt, als wären die letzten erste gestern und nicht vor hunderten von Jahren gefallen.

Wind begann stärker zu blasen – keine Ahnung in welcher Höhe wir uns befanden. Nur einmal kurz, konnte ich Heraklion sehen, wie es weit weg, klitzeklein, weit hinten und unten zusammengekauert, auf den nächsten Tag zu warten schien, um seine Bewohner weiter durchs Leben zu scheuchen. Ein erster kleiner Ort kündigte erste Bergbewohner an – ein Ortsschild huschte gemächlich an meinem Rappen vorbei – doch zu schnell, um den Namen mit meinen wenigen Sprachkenntnissen lesen, geschweige richtig aussprechen zu können – beim nächsten Mal.

Pickups ermahnten mich, wo ich mich hier befand. Nackte Kinder rannten hin und wieder über die Straße, mit und ohne Ball – ein paar Knäule Gesträuch rollten über den glänzenden Teer, als spielte ich die Hauptrolle in einem Quentin Tarantino Streifen.