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Explosion in der Küche – Odyssee 2021 CW32

15.August – Vorgestern Abend wurde es wieder etwas später. Ich glaub es war so zwei Uhr nachts, als ich mich nackt aufs Bett legte und hoffte, dass Morpheus mich bald heimsucht. Doch so einfach ging das nicht. Wir hatten immer noch 30 Gad und es blies ein solch warmer Wind aus Afrika, dass ich dachte, mich aus Versehen in einen Umluftherd gelegt zu haben.

Ob das Auswirkungen der Klimakrise sind?

Irgendwann steckte ich mir Ohrenstopfen rein, um das Surren und Schmatzen der Insekten nicht mehr zu hören, während sie mich auffraßen. Ab Mitte August ist es nämlich meist schon so lange trocken, dass sich unsere lieben Feunde wirklich auf Alles stürzen, was irgendwie nach Nahung aussah oder duftete.

Zum Glück gibt es eine Müdigkeit, wo das funktioniert, während man sich bei einer Siesta meistens wütend um sich schlägt, bis man entweder erschöpft einschläft, oder voller Verzweiflung aufgibt. Als ich mich dann in der Küche zu schaffen machte, begann ich wie immer mit Tee.

Ich trinke morgens zwei Tassen Tee, bevor ich auf Café wechsle, aber nur wenn ich zuhause in meinem Dorf auf Mallorca bin; wenn ich dann meine in Tee gedippte Madeleines verzehrt habe, wird Stufe zwei gezündet. Immer mache ich italienischen Espresso, mit der alten Alukanne, also ganz klassisch – aber nur in meinem Heimatdorf auf Mallorca.

Ihr seht, wohin man auch sieht – überall Rituale.

Wie immer füllte ich Wasser und Kaffeepulver ein, schraubte das Ganze zusammen und stellte die Kanne auf die Gasflamme – wie immer setzte ich mich dann wieder an den Tisch, weil es in der Regel 10-15min dauerte, bis alles Wasser durch den Steigschacht gedampft ist, was sich mit Fauchen und Zischen ankündigte und einem sagte – du kannst mich bald vom Herd nehmen und das Feuer ausschalten.

So tat ich es und Gott sah, das es……nein, in diesem Fall nicht….!

Wie immer ging ich zum Herd, um nachzuschauen, ob das schwarze Gold sprudelte; in Wahrheit ist nämlich Café das schwarze Gold und nicht Erdöl, aber das ist eine ganz andere Geschicht, die ich im neuen Buch erzähle – heute morgen jedenfalls lief alles wie immer, bis ich kurz den Deckel hob, um reinzusehen und mich gerade umdrehte, als die Kaffemaschine….

explodierte!

Gerade, als ich mich vom Herd wegdrehte – die griechischen Götter sein Dank – gab es einen lauten Knall, wie man ihn am ehesten auf dem Truppenübungsplatz in Munster erwartete, wo man mit richtigen Granaten und nicht mit italienischen Kaffeemaschinen übte – und in seiner Küche erwartet man so etwas schon mal gar nicht!

Warum das Sicherheitsventil nicht funktionierte, weiß ich nicht.

Viel interessanter fand ich das Gemälde, in das das kochende Kaffeepulver meine Küche verwandelte. Alles war mit feinstem schwarzem Pulver überzogen, während um den Bombenkrater eine grobkörnige Druckwelle die weiße Wand, samt Herd, Kücheninstrumente, Geschirr und was noch so alles herumlag, in ein zum Sterben schönes mattschwarz tunkte, dass es eine Wonne war, wie wunderbar dies Stillleben jede Form von Licht verschlang.

Tja – was sagte man dazu?

Man konnte manchmal Glück im Leben haben, oder war es Vorsehung? Wer weiß das schon – meine Freunde im Dorf jedenfalls sagten sofort, dass es ein Zeichen sei – welches sagten sie nicht – auch unser Dorfdruide blickte ernst drein und sah das Ganze als Zeichen des Kosmos und des globalen Wandels.

Vermutlich las er es in den Knochen vom Lamm…..

Als dann noch Internet und Smartphones von 16:00 Uhr bis morgens tot blieben, war für ihn klar, dass es an Feitag dem Dreizehnten oder Blackfriday lag, der die neue Worldorder ausrief, worauf er schon so lang wartete – als dann niemand darüber schrieb und sprach und es so aussah, dass es nur Mallorca betroffen hatt, weil vormittags dutzende Nachrichten aus allen Herren Ländern reintröpfelten, die man unterdessen gesendet hatte, wunderte er sich und sah enttäuscht aus. Schnell wechselte er das Thema auf Corona, um was zum Meckern zu haben.

Manchmal glaube ich, dass Komfort sich wirklich nur negativ auswirkt; ständig nörgelt man an Allem rum; wenn es dann noch still und friedlich ist, muss man ja regelrecht ausflippen oder nicht? Ich sag’s ja immer – ohne Krieg ist der Mensch nicht glücklich und sei es ein Streitgespräch unter Freunden – ich für meinen Teil hatte jedenfalls genug, nachdem sich meine Küche in einen Handgranatenwurfstand verwandelte…..

Zum Glück gab‘s in unserer Dorfbar auch leckeren Café….

Kill’em all – Odyssee 2021 CW27

11.Juli – Als D die Wohnung von M betrat fiel ihm sofort der mattschwarze metallene Gegen-stand auf, der in der Mitte des ovalen Glastischs lag. Zuerst tat D so, als wenn er ihn übersehen, oder nicht wahrgenommen hatte, eine besondere Art von Höflichkeit, weil D der Mei-nung war, jeder verdiente es, die Dinge selbst anzusprechen, bevor sich Vorurteile virenhaft ausbreiteten.

„Hey, wie geht es dir…?

„Alles cool, und selbst? Willst du‘n Bier?“ M ging in die Küche und machte sich am Kühlschrank, sowie an ein paar verschiedenen Schubladen zu schaffen. Zweimaliges Zischen ließ D anfangen zu glauben, dass er mit der Suche Erfolg hatte. Nur Sekunden später kam M mit zwei Flaschen und einem Aschenbecher wieder und stellte alles auf den Tisch, als würde es den mattschwarzen metallenen Gegenstand nicht geben. D griff sich die am Nächsten zu ihm stehende Flasche und sah M erfreut und mindestens genauso neugierig an.

„Prost – auf das Leben!“, gab M zum Besten, schlug seine Flasche äußerst kräftig gegen D’s, grinste über alle vier Backen und genoss den Moment, dass D’s Gemüter auf den Zehenspitzen standen. Unterdessen nickte der unruhig und ungeduldig, mochte sich aber zunächst nicht von seiner abwartenden Position verabschieden.

„Was macht dein aktuelles Buch?“, fing M mit Smalltalk an und wartete ebenso ungeduldig darauf, dass D hoffentlich bald mit seinem Fragen beginnen würde.

„Stockt zur Zeit ein wenig….“, überrascht blickte M auf.

„Wieso denn das…?“, hatte er doch erwartet, dass auf D’s Seite alles wie geschmiert lief. Doch das tat es schon lange nicht mehr. Nur redete er mit niemandem darüber, weil zum Einen, aus D’s Sicht keiner wirklich interessiert war, sowie kaum einer die Geduld aufbrachte, um wirklich zu zuhören, geschweige verstehen zu wollen. Niemand interessierte sich für was. Unerwartet brach es dann aus D heraus.

„Kein Schwein ist noch an irgendetwas interessiert; entweder reden die Leute über Scheiß-Corona, über Klima-Katastrophe, oder ihren neuen Tesla – zum Kotzen!“ Damit hatte M nicht gerechnet und grinste immer breiter und breiter.

„Sieh an, sieh an; hat es dich also auch erwischt…“

„Was meinst du? Womit…?“

„Na was schon, den Blues meine ich, was sonst…?“

„Okay, von mir aus; wo wir gerade dabei sind: Kannst du mir sagen, was da auf dem Tisch liegt?“ D legte seine Diskretion von einer Sekunde zur anderen ab und ging mit aufgepflanztem Bajonette auf M los.

„Das ist eine Pistole, falls du es noch nicht erkannt hast“, spöttelte M vollmundig.

„Was willst du denn damit…?“

„Mich verteidigen, wenn das große Endspiel beginnt….“

„Welches Spiel meinst du…?“

„Na der große letzte Krieg: Reich gegen arm….!“ Jetzt horchte D auf.

„Hat der nicht längst begonnen?“

„Natürlich, deswegen liegt ja auch die Knarre da, du Witzbold; heute hast du wirklich eine lange Leitung; oder etwa noch kein Wein gehabt? Hast noch kein Standgas, wie?“, zwinkerte M seinem Kumpel zu.

„Okay, bevor wir uns weiter im Kreis drehen; diesen Einstieg konnte ich mir selber ausmalen, aber wo und wie gedenkst du, sie einzusetzen, und warum jetzt…?“ M machte auf einem Mal eine ernste Miene und sah D an, als wäre er Hades persönlich.

„Was auch immer ich mache, kaufe, miete, oder verhandle, man verarscht und übervorteilt mich, egal wo ich bin, egal was ich tue, oder brauche, kannst du mir folgen?“ D spürte die gewaltige Wut in seinem Kumpel aufsteigen und fragte sich, ob die Pistole wohl geladen sei. Schwer nickend, ließ er es aus dem Freund herausbrechen.

„Ich bezahle Versicherungen und wenn ich sie brauche, lassen sie mich alleine, oder winden sich aus der Verantwortung raus, natürlich mit Erfolg, weil man es vom Staate her zulässt; die Klamotten fertigt man in Billiglohnländern und verkauft sie mir zu horrenden Preisen, was nichts anderes ist, als moderner Kapital-Kolonialismus, den ich natürlich brav abtalern darf; ich zahle doppelt und dreifach Steuern und werde bei Allem abgezockt, während ich meinen eigenen Arbeitsplatz abschaffe, ohne es zu merken, weil ich zu kurzsichtig denke, wenn ich meinen ganzen Plunder bei Amazon kaufe; und wenn ich mich dann mit vermeintlichen Freunden treffe, versuchen wir uns gegenseitig mit Besitz oder Status zu übertrumpfen – was ist das bloß für eine große Fäkalientonne, die wir Leben nennen – aber das hört jetzt auf! Der Nächste, der mich verarschen will kriegt ‘n Knarre an Kopp!“

„Wow, das ist mal ‘ne Ansage…“,

„Es ist mehr als das; mit zunehmendem Reichtum verändern sich die Menschen und ihr Cha-rakter; früher war es die Aristokratie, heute ist es das Kapital; hast du genug Geld, hören dir die Menschen zu; bist du arm, bist du niemand, so einfach ist das!“

„Ich stimme dir leider zu, aber…..“, doch M hatte noch nicht fertig.

„Kapitalismus zerstört Solidarität und Altruismus; unsere eigene Gier entfernt uns von unse-rem Selbst und letztendlich voneinander, oder in anderen Worten: Geld sorgt dafür, dass du dich von dir selbst und damit vom Humanismus entfernst und unweigerlich hin zum Materia-lismus wechselst; mehr und mehr zählen nur noch Sachen; Menschen sind uns Menschen völlig egal; was meinst du weswegen Frontex in so kurzer Zeit so wachsen konnte; Stefan Zweig hatte Recht, als er sagte – wer einmal sich selbst gefunden, kann nichts mehr auf dieser Welt verlieren!“

„Damit hatte er Recht……aber wofür willst du die Knarre…..?“, doch M ließ ihn nicht zu Wort kommen, weil er zum Einen n‘en Lauf hatte und zum Zweiten ahnte, was D sagen wollte, weswegen sich M eingeladen fühlte, ihm das Wort abzuschneiden.

„Für Penner und Materialisten…..!“ Nachdenklich sah D auf den mattschwarzen metallenen Gegenstand, der nach frischem Pulver roch und fragte sich, bei welcher Gelegenheit er wohl zuletzt abgedrückt hatte.

„Hast du Probeschüsse gemacht, oder warum riecht die Wumme nach Pulver?“ M lächelte ver-schwörerisch und legte die Hand an den Mund, als er zu flüstern begann.

„Nachbarshund ist in den Himmel aufgestiegen; ich hab ‘nen Schalldämpfer; hat nur ganz leicht PFFT gemacht und schon streckte Lumpi enttäuscht alle Viere von sich; hatte wohl ge-hofft, dass er die Nachbarschaft noch länger terrorisieren könnte; damit lag er leider daneben; nun kann er nochmal neu über Los gehen und als geläuterter Lumpi frisch reinkommen; mach dir keine Sorgen; ich hab ihn nicht liegen gelassen; ich habe die Gartenpforte aufgemacht, damit Herr-chen und Frauchen denken, er ist ausgewandert; hab ihn in so’nen robusten Müllsack gesteckt und ein paar Blocks weiter inne Mülltonne gesteckt…..“

„Hast du das wirklich gemacht…?“ Ein wenig erschüttert starrte D den mattschwarzen metal-lenen, nach Pulverschmauch riechenden Gegenstand an, dessen Namen er als echter Pazifist aus dem Gedächtnis gestrichen gehofft zu haben glaubte. M sah das Entsetzen auf D’s Gesicht, war sich aber nicht sicher, ob es gespielt, oder echt war, weswegen er sich entschied ein paar Nebelbomben zu schmeißen.

„Nein natürlich nicht, ich kille doch nicht einfach so, mir nichts dir nichts den Nachbarshund, was denkst du denn von mir…?“ und zwinkerte D dabei so gekonnt an, dass dieser nicht mehr wusste, ob er flunkerte, oder Lumpi wirklich heimgeleuchtet hatte.

Es schien alles beim Alten zu bleiben. D hielt weiterhin an seiner Erkenntnis fest, das die Menschen mit Frieden nicht umgehen konnten; ohne evolutionären oder humanitären Gegen-druck tendierten sie zur Zerstreuung oder zettelten Kriege zum Zeitvertreib an, egal ob für Glauben, Land, Leute, Recht oder Geld….aber wen interessierte das schon…..

Alltagswahnsinn – Odyssee 2020 CW52

27.Dezember – D hatte schlecht geschlafen. Nur mühselig kam er gegen elf Uhr hoch und wusch sich die schlafenden Zähne. Als er nach der Zahnpasta griff, stellte er fest, dass sie leer war; beim Griff in den WC-Schrank, nestelten seine Finger durch allerlei Krams, fanden aber keine neue Tube. „Scheiße!“, stöhnte D und begann sich die fahlen Beißwerkzeuge mit Resten seiner Baldrian-Tinktur zu putzen, während er den ungewohnt krautigen Geschmack genoss, der ihm in langen Speichelfäden aus dem müden Maul tropfte.

Nach einer Weile – D hatte flüchtig sein Gesicht gewaschen – kam er aus dem Bad gekrochen und schlurfte angesäuert durch seine Bude, um sich einen ersten Kaffee zu machen; ungeduldig prasselten Kaffeebohnen in die alte Mühle von D’s Ur-Ur-Großältern (extra mit „ä“ geschrieben, für alle Regel-Fetischisten) und er begann zu kurbeln; nachdem das Mahlen und Knirschen seine Wohnung erfüllt hatte, als ob man die Gebeine des heiligen Fellatios von Päderastien zerkleinerte, blieb nichts mehr übrig, außer brauner wohlriechender Kaffee-Staub.

Geduldig füllte D das duftende Mehl in den Becher, huschte geschwind um den Tresen seiner offenen Küche herum, um Milch aus dem Kühlschrank zu holen, als er beim Rückweg völlig überrascht an der Arbeitsplatte hängen blieb: Erbost fluchte D die schwere Holzplatte an, „Blödes Arschloch!“, als einer seiner Füße unerwartet auf dem verstaubten Boden ausrutschte, so dass D eine gründliche Bauchlandung machte, die unglücklich verlief, da er sich den Kopf an einer der zwei leeren Bierkisten stieß, die er mehrmals vergessen hatte wegzubringen.

Donnernd kippte eine um; alle Flaschen verteilten sich über den Boden, wobei einige zu Bruch gingen und sich sorgfältig mit der leerlaufenden Milchtüte vermischten, die D in seiner unkoordinierten Verzweiflung durch die Wohnung geschüttet hatte, was er aus immer schmaler werdenden Sehschlitzen beobachtete, weil ihn der Schlag auf den Kopf ins Land der Träume katapultierte, bis seine schlaffen Mundwinkel ein gnädiges Lächeln umflorte!

Nach einer Weile kam D wieder zur Besinnung, stöhnte und ächzte wie eine alte Lokomotive, „Was ist denn das jetzt wieder für ein Anschlag gewesen? Hab ich etwas verbrochen?“, fragte D sich, während Glasscherben unter seinen Sandalen knirschten und er den Fehler wiederholte, die Haftung des schmierigen Untergrunds zu überschätzen, dass D erneut ausrutschte und mit aufgerissenen Augen auf einige empfindlich weit hochragende Scherben niedersauste, dass sein Gedächtnispalast Alarm schrie, während er im Sausetempo auf die gläsernen Stacheln zuraste!

Instinktiv wusste D‘s Körper, dass es ihm an die Wäsche ging; das Wegziehen des Armes verhinderte ein jesus-ähnliches Durchstechen der Hand, aber nicht die empfindlich tiefe Schnittwunde, die sofort zu Bluten begann, als hätten sich Pulsadern geöffnet; in großen Schüben pumpte sein Herz roten Saft raus, während der Blutdruck empfindlich abrutschte, dass D ganz schummrig wurde, als er Richtung Sofa schlingerte, um Beine und Leben hoch zu halten.

Unterdessen drückte er mit seinem Daumen instinktiv die blutende Wunde zu, von der bleicher werdenden Hoffnung unterstrichen, „Wird so schlimm nicht sein!“

D lachte über die Absurdität des benutzt schmeckenden Tages immer lauter und lauter, bis ihm Tränen der Freude die Wangen runterliefen und sein pochender Kopf ihn an den ersten Sturz erinnerte. Nach einer Weile stand D erneut auf. „So schnell kriegt ihr mich nicht, das habe ich euch die letzten Male schon gesagt!“, fluchte er, den Griechischen Göttern dabei mit erhobener Faust drohend.

Nachdem er ein gefaltetes Stück Klopapier auf die blutende Wunde gepresst und ein Pflaster provisorisch drüber geklebt hatte, fing er an sich zu fragen, ob er das vielleicht nähen sollte, immerhin machten das Männer im Antiken Griechenland so, warum also nicht jetzt, in modernen Corona-Zeiten, dachte D, wo man in Krankenhäusern weit Wichtigeres zu tun hatte, als unglücklich hingeschlagene Zeitgenossen zu flicken?

Für D schien alles klar zu sein, schmierte Jod auf die Wunde und sah sich den Milch-Scherben-Schlamassel an, den er in seiner Wohnung angerichtet hatte und lachte erneut auf, diesmal jedoch mit respektvoller Vorsicht.

Eine sprudelnde Kopfschmerztablette bildete die Vorspeise, bevor D sich dem Hauptgang widmete, seinem Café, den er mit den letzten Resten der verbliebenen Milch färbte und sich mit pochender Hand aufs Sofa setzte und sich langsam, aber achtsam über das Leben wunderte.

Merry Xmas nachträglich  an alle, die im Leben straucheln, es aber mit Würde erdulden….

Krieg und Frieden – Odyssee 2020 CW50

13.Dezember – schon seit langem trieb D ein Thema um, dass er mitten in der Nacht erschrocken hochschoss; die unruhige Triebfeder und rohe Natur des Menschen, seine Welt mit Krieg zu überziehen.

D musste mit jemandem darüber sprechen; ein paar bekannte Größen waren zu sehr mit dem Weltgeschehen beschäftigt, so dass D sich entschied, mit Perikles von Korinth zu video-telefonieren.

Der pensionierte Torwärter vom Isthmus war ihm ein willkommener Freund und Gesprächspartner. Und so geschah. Es knackte in D’s Kopfhörern und kurze Zeit später tauchte das bärtige Gesicht des Griechen auf.

PvK: Giasou Don

DT: Giasou Perikles

PvK: Wie geht es dir?

DT: Gemischt, wie immer; du weißt, dass ich nie Ruhe finde; physisch schon gerne und oft, aber nicht geistig und spirituell – besonders nicht in Zeiten wie diesen!

PvK: Da sagts du was……

DT: Wo bist du gerade?

PvK: In Kechries, ich sitze am Strand vorm Isis-Tempel…..und du?

DT: Ich sitze in meinem Dachsbau in Toulouse……

PvK: Schöne Umschreibung……

DT: Du sag mal…..

PvK: Was kann ich für dich tun?

DT: Warum war Krieg im antiken Hellas so weitverbreitet?

PvK: Das ist eine merkwürdige Frage, besonders von dir; du kennst doch die menschliche Natur…..

DT: Ja, ich will sagen nein…..ich meine……

PvK: Jaha….?

DT: Wieso habt ihr den Krieg so sehr kultiviert? Hättet ihr nicht in Frieden leben können, wär das nicht einfacher?

PvK: Natürlich, aber nur wenn man dich lässt…..wenn jemand an deiner Tür klopft, weil er dich unterwerfen, oder deine Stadt erobern will, dann hast du wenig Wahl, findest du nicht?

DT: Natürlich! Aber warum so gründlich…?

PvK: Das hat etwas mit Arete zu tun….erinnerst du dich noch?

DT: Natürlich, wie kann ich sie vergessen……du meinst, alles was ihr damals getan habt, wolltet ihr mit maximaler Leidenschaft tun…?

PvK: So in etwa……aber das ist nicht das, was dich umtreibt, nicht wahr?

DT: Richtig! Es geht um Frieden und Krieg….

PvK: Du meinst Krieg und Frieden…?

DT: Nein, Frieden und Krieg….ich nenne den Frieden zuerst, weil er mir wichtiger ist…..

PvK: Du weißt aber schon, dass du für Krieg gerüstet sein musst, wenn du Frieden möchtest, wie wir alten Griechen zu sagen pflegten….oder?

DT: Ja,ja, natürlich…..so wie Sparta zum Beispiel…..

PvK: Genau, wenngleich man in der ganzen Weltgeschichte das wahre Wesen der Sparti missgedeutet hat; sie waren keine Kriegstreiber, oder gar Freunde des Krieges…..sie wollten lediglich frei leben und sich von niemandem etwas vorschreiben lassen…..ein wie ich finde, leicht nachvollziehbarer Gedanke…..deswegen, begriffen Lykurg und die Geronta, dass man ein schlagkräftiges Militär brauchte, wenn man so klein war……

DT: Natürlich, aber heute……schau dich mal um, überall ist Krieg, so wie damals……

PvK: Vor Allem auch viel im Verborgenen……in unserem Selbst……

DT: Genau darum geht es mir…….um die weitverbreitete Unfähigkeit des Menschen, in Stille und Frieden zu leben; beide sind unerträglich für ihn; ohne Lärm und Feindbild, kann er nicht existieren….heute mehr denn je…..

PvK: Aber natürlich! Wie sollte es auch anders sein; für die Menschen ist die Corona-Pandemie ein Glücksfall…..

DT: Wie bitte? Das musst du mir genauer erklären….ich ahne zwar, was du meinst, aber……

PvK: Tust du das? Wirklich….?

DT: Naja, das die Menschen sich schwer mit Frieden tun, ist ja nicht neu……es gibt natürliche Gründe, warum man den Nachbarn verklagt, wenn sein Apfelbaum über den Zaun wächst……

PvK: Weiter, weiter…..was noch?

DT: Jetzt haben wir endlich wieder einen Krieg mit Feindbild, wahlweise im Virus selbst, oder in Politiker und diverse Reiche und Mächtige hineinprojiziert…….wenngleich das meist unbewusst passiert….schlussendlich ist auch das wieder nur Ablenkung, wie das Meiste im Leben…….

PvK: Weswegen du nicht unruhig sein brauchst…..der Mensch ringt und kämpft sein ganzes Leben, ohne die Eischale zu durchbrechen und zu erkennen, dass er gegen sich selbst kämpft…..

DT: Genau das lässt meine Katze im Gedächtnispalast um Monsieur Thalamus Beine herumstreichen, dass er närrisch wird…..

PvK: Warum das?

DT: Weil, weil……

PvK: Ja-ha…..?

DT: Es ist zum Haareraufen……

PvK: Das sehe ich…(lächelt und lacht dann leise in sich hinein)

DT: Ich komme mir so albern vor……warum……

PvK: Weil niemand weiß, wie heiß die Herdplatte ist, bis er draufgefasst hat…….

DT: Du meinst, ohne Erfahrung kein Wissen…?

PvK: Richtig…….ohne Erfahrung kannst du lediglich von Bildung sprechen, jedoch nicht von Wissen. An jene rare wahre Erkenntnisform gelangt man nur durch Erfahrung…….oder in den modernen Worten von Nassim Nicholas Taleb: Skin in the Game…..

DT: Also hast du aufgegeben?

PvK: Nein, ganz im Gegenteil; wie kommst du denn darauf?

DT: Weil du so selenruhig über die Nichterkenntnis sprichst……

PvK: Das kann ich nur, weil ich positiv geblieben bin, wie sonst sollte es möglich sein…?

DT: Wieso habe ich eigentlich immer hinterher vergessen, worüber ich grollig war, wenn wir beide miteinander sprechen?

PvK: Weil ich dir zuhöre; niemand tut das mehr; wenn du mir erzählst, was dich umtreibt, geht es dir selbstverständlich besser; du hast dir dann alles von der Leber geredet, wie die alten Deutschen früher sagten; heute sagt man in dem Land ja nicht mehr allzu viel……

DT: Findest du?

PvK: Na hör mal! Überall herrscht zurzeit Gleichmacherei und Sprachlosigkeit…..man redet sich um Kopf udn Kragen, sagt aber kaum etwas…..die Menschen sind noch genauso ängstlich wie eh und je, nur deswegen rufen sie immer in gewissen Abständen nach Führern, weil sie Angst haben sich selbst zu führen.

DT: In der Tat; können wir ihnen nicht helfen?

PvK: Doch natürlich, indem wir mit ihnen reden……

DT: Mach ich, mach ich……

PvK: Weswegen bist du dann unruhig…?

DT: Keine Ahnung……vielleicht sollte ich wieder regelmäßig meditieren.

PvK: Denke ich auch……inneren Frieden zu pflegen erfordert Disziplin und Ausdauer…..

DT: Danke.

PvK: Wofür?

DT: Das du zugehört hast.

PvK: Gern geschehen. Wann kommst du eigentlich wieder nach Hause nach Hellas?

DT: Hoffentlich bald!

PvK: Das ist nicht sehr konkret, musst du zugeben…….

DT: Ich weiß.

PvK: Was hindert dich?

DT: Keine Ahnung…..

PvK: Klingt nach einem schwierigen Sonntag…….lass es dir trotzdem gut gehen und lass den Kopf nicht hängen, versprochen?

DT: Versprochen!

PvK: Bis bald….

DT: Pass auf dich auf.

PvK: Danke. Du ebenfalls. Giasou.

DT: Giasou.

Es knackte in der Videoleitung. D war wieder alleine, mit sich und seinen Gedanken. Und da sein Magen zu knurren begonnen hatte, macht er sich in der Küche zu schaffen und bereitete sein Mittagessen zu.