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Odyssee 2019 – CW32

Ich habe ein neues Fahrrad. Es ist blau und fährt viel besser als das Alte. Keine Ahnung warum, aber der Vorgänger war nicht ganz dicht; ständig verloren seine Schläuche Luft und das völlig egal, wie lange das Rad rumstand. Wenn es eine Woche nicht bewegt wurde, waren die Reifen genauso platt, wie wenn ich den übernächsten Tag loswollte. Ich glaube, das Rad und ich passten nicht zusammen. Sowas soll es ja geben. Warum nicht? Mit Menschen ist es ja ähnlich. Passt es nicht mehr, geht man – früher oder später. Aber meistens hat man sich so schnell an einander gewöhnt, dass man sein Rad erst ersetzt, wenn es gestohlen wird. Wir Menschen hangen halt schnell aneinander und an Dingen.

Montag – ich musste dringend Ablage machen. Ständig bekam ich Ermahnungen von Versicherungen, Banken und natürlich, meinem Steuerberater, der zum Glück mein geduldiger Freund ist. Ihn machte ich zuerst glücklich. Keine Ahnung wie ich das schaffte, aber ich konnte ihm alle Belege und Informationen geben, um meine Steuern abzugeben. Als wahrer Europäer zahle ich sogar doppelt – in Frankreich und Deutschland. Ich rede mir ein, dass es für eine gute Sache ist, ähnlich wie für den WWF oder Atac. Nachmittags dann Buntwäsche. Am frühen Abend hatte ich ein paar Eingebungen. Schnell saß ich auf und ritt drei Stunden in den Autoren-Sonnenuntergang, bis der Wörterkrug ausgegossen war. Mit Krügen habe ich es zur Zeit irgendwie. Zum Abschluss ein paar Gläschen Rosé, sonst nichts.

Dienstag – ich bekam Besuch aus Hamburg. Man wollte mich interviewen. Keine Ahnung, warum ich auf einmal interessant geworden bin. Die Lady war sogar sehr nett, was man grundsätzlich ja nicht von allen sagen kann. Umgekehrt gilt das natürlich genauso, der political correctness sei dies geschuldet. Wie auch immer. Sie wollte alles von mir wissen. Warum ich schreibe, wieso ich in Südfrankreich lebe, weshalb ich keine Leseempfehlungen gebe und warum es keine Aufzeichnungen von mir gibt, ob ich eine Freundin habe, wieviel ich schlafe und vor Allem, wie oft ich, wieviel schreibe. Es ging den ganzen Tag so. Zwischendrin gab es Lunch und später Dinner. Sie wollte wissen, ob ich mir vorstellen könne, ins Fernsehen, oder zum Radio zu gehen. Fragen über Fragen. Fernsehen, nein. Radio, JA. Irgendwann gegen Mitternacht trennten wir uns. Geschafft von all dem Gefrage viel ich ins Bett.

Mittwoch – Interview, Klappe die Zweite – wir rannten durch Toulouse, klapperten meine üblichen Bistros, Kneipen und Restaurants ab und zeichneten meine täglichen Rituale nach. Mir wurde klar, wie dringend ich Urlaub brauchte. Wenn du jeden Tag Bergwerk machst, noch dazu Untertage, musst du hin und wieder mal raus ans Licht. Mag das so platt eigentlich nicht raushauen, weil ich viele Freunde habe, die viel mehr Verantwortung, mit Frau, Kindern, Haus und Hof haben als ich, noch dazu mit Garten und Haustieren. Finde das wichtig, mich daran regelmäßig zu erinnern. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass man über manche Dinge gar nicht miteinander reden kann. Mit so viel Verantwortung kann man gar nicht so viel hinterfragen. Man muss funktionieren.

Donnerstag – Zeit für den zusätzlichen Broterwerb, ein paar Münzen verdienen. Noch zahlt die Industrie gut. Mal sehen wie lange es noch dauert, bis die große Rezession kommt. Ich tippe auf heute in einem Jahr – sagen wir mal großzügig, Herbst 2020. Ich habe oft das Gefühl, dass viele Firmenlenker keine klaren Vorstellung haben, wie ihre Zukunft aussehen soll, wo reduzierte Märkte nach kleineren Stückzahlen fragen und das mitten in der digitalen Revolution. Entweder stehen bald viele Menschen auf der Straße, oder wir entwickeln neue Produkte und Geschäftsfelder. Dafür benötigen wir jedoch Ideen und Menschen, die Mut haben, sich neue Dinge zuzutrauen. Ich bin sehr auf die nächsten Monate gespannt. Abends dann wieder Bergwerk – habe an Horus geschrieben, es geht voran.

Freitag – den ganzen Tag schreiben. Ich bin furchtbar unzufrieden. Horus bäumt sich immer wieder auf. Mir will seine Stimmung nicht aufs Papier kommen, der Unterschied des vorher und nachher ist das Entscheidende. Man muss beim Lesen unter seine Haut kommen, muss fühlen, was in ihm vorgeht, warum er all die Jahre einfach weitergemacht hat, und vor Allem, was uns alle angeht, warum wir alle einfach weitermachen. Ich will zeigen, warum bei ihm ein Schalter umgelegt wird, wann und wieso. Fahre daher jetzt zweigleisig. Ein Teil des Schreibens verwende ich auf den Content und die andere Hälfte auf den Stil und die feine Abstimmung. Vielleicht gelingt es mir, mich nicht ständig in einer Ecke festzufressen.

Samstag – morgens Laufen, dann Frühstück, Eiern und Toast – am Nachmittag, frühen Abend dann Fahrt zu Jean-Marc nach Saint Germain du Puch – drei Stunden auf dem Motorrad. Ging eigentlich ganz gut. Habe seinen 2018er Jahrgang probiert, was für ein Wahnsinn! Der hat eine Wucht wie ein ausgewachsener Corbières, kombiniert mit der Feinheit eines Bordeaux. Natürlich ist er noch sehr jung, man muss erst einmal abwarten, wie er sich entwickelt, aber was er jetzt und heute schon zeigt, schmeckt mehr als vielversprechend. Werde mir auf jeden Fall einige Kartons sichern. Haben bei ihm im Garten zu Abend gegessen, über Wein und das Leben philosophiert. Abends dennoch früh zu Bett.

Sonntag – ein nebliger Morgen segnet uns mit Dauerregen. Es prasselt in Bindfäden und dann Motorrad fahren, na wunderbar. Ich nutze die Gunst der Stunde und bleibe einfach im Bett liegen. Mittags soll es angeblich aufklaren. Sogar die Sonne soll wieder rauskommen. Na also, manchmal hilft es, einfach liegen zu bleiben. Und tatsächlich: Die Sonne kam raus und wir konnten im Garten Mittag machen. Irgendwann sah ich auf die Uhr, ich wusste, ich musste los. Eigentlich hatte ich keine Lust. Ich wäre gerne einfach mit Jean-Marc sitzen geblieben. Rückfahrt dann in Rekordtempo: 2:15 – von Saint Germain nach Toulouse. Mach ich nie wieder. Ist totaler Schwachsinn so zu hetzen – vor Allem, wozu? Man holt sich einen steifen Hals und hat von der Natur nichts gesehen. Nächstes Mal fahre ich über Landstraße, ganz sicher.

 

 

Weine, Bücher und Erste-Hilfekasten

Ich mag Wein – nicht das ich ihn brauche, wie die Luft zum Atmen, sicherlich nicht, aber wenn ich ehrlich bin, nicht so weit davon entfernt – natürlich kann ich ohne ihn leben, aber will ich das?

Luxus hat für mich nichts mit Ferrari oder Porsche fahren zu tun, in teurer Architektur zu wohnen und ausgedehnten Cluburlaub zu machen, wenngleich ich mir vorstellen kann, dass das auch Spaß macht – so ist das nicht, aber ich bin von Haus aus sehr wartungsarm und anspruchslos – Luxus ist für mich, zwischen verschiedenen Weinen auswählen zu können und ein Körbchen im Warmen zu haben.

Im Ernst, für mich gibt es nichts Schöneres, als mit einem guten Rotwein und einem spannenden Buch auf dem Sofa zu sein und mich von beiden genüsslich durch den Nachmittag und Abend führen zu lassen. Die Farben variieren je nach Jahreszeit – natürlich trinke ich im Winter weniger Weiß, dafür im Sommer umso mehr – und Rosé ist auch dabei, aber eher Mittags, keine Ahnung warum – manchmal verirrt sich sogar ein Pastis mit dazu – im Grunde ist das Leben doch ein Durchhangeln, von einem Aperitif zum Nächsten – mit ausreichend Essen und Schlaf dazwischen.

Ich hab heute Nachmittag das Muster der Nofretete fertig geprüft und mir dann ein Gläschen gegönnt. Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich, dass ich gleich nachschenken möchte, dabei ist es gerade erst 17:00 Uhr – aber was soll ich machen? Wir haben spät Pasta gegessen – zum Mittag muss ich gestehen trinke ich immer Wein, hat für mich auch irgendwie was mit Essenskultur zu tun, finde ich – für mich ist das völlig normal.

Während ich also vom köstlichen Respide trinke, habe ich mir gedacht, ob man nicht auch Bücher mit Wein zusammen verkaufen könnte – so eine Art First-Aid-Kit, oder besser – Late-Afternoon-Pack für Erwachsende, mit Hang zu Kultur, Genuss und Geschmack.

Ich finde das eine schöne Idee – natürlich habe ich nicht genug Wein zuhause, um jetzt jedem Buch eine Flasche beizulegen – ich gebe gerne, so ist das nicht, aber ich besorge mir gerade professionelle Hilfe – (nicht wegen dem Weinkonsum, sondern wegen dem Buch-Marketing) – weswegen ich da nicht mehr so frei schalten und walten kann, wie ich es gewohnt bin und man mir schon mit vielen Stirnrunzeln auf meine komischen Ideen und Fragen geantwortet hat – ich glaube Manches ist schwierig umzusetzen.

Aber ich bin wirklich davon überzeugt, dass eine Sonderserie, mit Wein, vielleicht mit Widmung, eine gute Sache sein müsste – was meint ihr? Würdet ihr das gut finden? Vielleicht sogar aus einer kleinen Liste Wein zum Buch auszusuchen? Ich mein dass Ernst – vielleicht finde ich einen Weinhändler, der die Idee gut findet, der mitmacht – manchmal geht sowas ruck-zuck.

Wenn ihr mir sagen würdet, was ihr ganz ehrlich darüber denkt, würde ich mich sehr freuen – schreibt mir gerne über Facebook, Twitter, oder einfach per email – vielen Dank im Voraus.

Herzlichst,

Don

 

Wörterberge

Zu viele Buchstaben sind in meinem Kopf. Ungeordnet, wie ein Knäul Wolle vorm Spinnen, türmen sich Berge von Buchstaben in ihm auf – sicher, dann und wann kommt was raus, ich bin ja noch kein völlig verkauzter Kommunikationsautist, hoffe ich zumindest, aber es ist wirklich zu viel – die Tür zum Kellerloch zuziehen hilft auch nicht, im Gegenteil – früher oder später, ertrinkt man im Meer der Wörterwogen – in solchen Momenten hilft Tapetenwechsel.

Gestern war ich mal wieder mit Freunden zusammen – Entre deux Mers, wunderschöne Landschaft –umschlungen von Garonne und Dordogne, östlich von Bordeaux, ein kleines Kaff, voller netter schräger Individualisten und Winzer – vor allem Letzteres findet man in Saint Germain du Puch, so wie mein Freund.

Als wir gegen 18:00 Uhr den ersten Aperitif hatten – ein fruchtiger, knackiger Weißwein aus dem Baskenland sollte den Startschuss geben – ahnte ich nicht, wie leicht ich meinen Wörterberg vergessen sollte. Längst schmeckten wir den Atlantik, als sich frische Austern dazugesellten, und wir einen weißen Bordeaux aus dem Ort dazu nachschenkten – doch auch in der Umgebung von Bordeaux wird es irgendwann dunkel – was will man machen – so wie die Farbe der Weine – er hatte seinen neuen 2016er da, sowie eine Vielzahl anderer Flaschen, Jahrgänge und Chateaus, die wir nach kurzer Zeit offen hatten und munter durchprobierten.

Bald schwirrte mir der Kopf vor lauter wohlklingender Namen, die genauso weich und vollmundig waren, wie ihr Geschmack. Als der Maître sich dann an ein Pilz-Omelett machte, hatten wir eine seriöse und ehrbare Menge Weine probiert, sowie unsere Gemüter in Hochform gebracht. Schnell, wie bei der Wahl der Weine, wurden die Themen schwer – auch im Weinparadies, ist man unglücklich über Glyphosat – wieso sprüht man eigentlich Gift über die eigene Nahrung?  – sowie über die weltweit wachsende Anzahl, autokratischer Größen, die unsere weinselige Gesellschaft eher an Geschichtsbücher und Muppet-Show erinnerten, als an demokratische Wirklichkeit, wenngleich die Vergangenheit, kulturell betrachtet, uns wunderschöne Dinge beschert hat.

Eines hat der gestrige Abend auf jeden Fall zu Tage gebracht – das Wein und Bücher irgendwie gut zusammengehen, und das Winzer und Schreiberlinge, zumindest in einem Punkt völlig d’accord sind – nämlich, dass ein munterer Abend, mit Speis und Trank, tatsächlich Leib und Seele zusammenhält und das man nicht alles in der Welt zu ernst nehmen muss – es gibt einfach so vieles nicht zu tun – man muss damit unbedingt anfangen, denn der Berg wächst täglich – genau darum fange ich heute damit an – Müßiggang.

 

Glas Wein

Schweigend lässt der Korken sich ziehen. Flüchtig riecht sie an seinem Hosenboden. Elegant sieht es aus, lässt aber auch Gleichgültigkeit, die hässlichen Gespenster Routine und Alltag durchblitzen. Seriöses Lächeln, verbindlich, mit genügend Distanz für zwei Welten. Schenkt beeindruckend, mechanisch-entschlossen ein, als hätte sie Augen einer versteckten Kamera aufgespürt, vor der sie, emsig ihr Charakter, gründlich wie die Enkelin eines KZ-Schließers, ihr tragisch-absurdes Theater aufführt. Zum Kotzen.

Rollen und Masken, von morgens bis abends.

Goldig-glänzend, wie flüssiges Sonnenlicht, fließt Wein ins Glas. Sezierend ihr Blick, als prüfe sie ihn bei seiner Ankunft im kelchich-erstarrten Mineral. Feucht-saftig, der Reflex ihrer Lefzen, ihre Oberlippe, fast ein wenig gierig anhebend, ihre Zähne zu sehr freilegend, wenngleich sie schön gewachsen sind, zur Zucht geeignet. Wie ihre Mundwinkel noch weiter einreißen, sich höher und tiefer in ihre slawischen Wangenknochen eingraben, durch durstigen Speichel ausgelöst, als würde gleich ne Ente, oder was weiß der gemästete Kuckuck, für ein Federvieh, auf dem Opferaltar, der kunstvoll angerichteten Delikatessen, unstillbar hungrig verspeist.

Verführerisch plätschernd, wie aus Mutters Busen, ergießt sich milchige Sonne ins Glas. Bohrend verlangend ihr Blick, Anerkennung erwartend, das Glück hoffentlich schnell begreifend, von ihr bedient zu werden. Sei schön artig, hörst du? Ich weiß nicht, ob du es verdient hast, aber angebracht wäre es schon, dass du mir deine Dankbarkeit zeigtest, verstanden? Meiner Mutter nicht unähnlich, als sie mit meiner Geburt, das tollwütig drehende Lebens-Rad meines Vaters, mit diesem unbändig-jungen wachsenden Stock, zum Blockieren zu bringen versuchte, als hätte sie vom Kosmos selbst, Reichsapfel und Zepter erhalten, um grausam zu richten, über alles und des Vaters Leben, dass aus ihrer Sicht, schon zu lange, zu glücklich und viel zu fröhlich verlief.

Ähnlich wie Tante Maria, die nichts aus Leidenschaft, Freude und Neugier tat, geschweige hörte, um gar Neues zu erfahren, stattdessen die Welt mit mürbe und müde-machenden Wiederholungen und Wortgewittern unter Wasser setzt, auf das einem schlagartig das Selbige bis zur Stirn steht, man sich hektisch umdreht, fragend nach der alten Arche suchend. Mütter, wieviel Zuneigung erträgt die Welt? Wie viel Entzug?

„Bon proveccio. Lass es dir schmecken,“, haucht sie zu mir herab, drehend letzte Tropfen in die Flasche zurückdrängend, als wäre sie der kostbare Kelch des Lebens. Gründlichkeit, der immergrünen Seriösen, die nur still und heimlich unter und mit sich alleine im Keller lacht, gewaschene Ernten diverser Trommeln, wöchentliche Rationen frischer String-Tangas bügelnd. Ordnung ist das halbe Leben. Wie schön!

Abgenommen hat sie. Gut siehst du aus. Ein wenig verrucht und doch herzzerreißend ehrlich, wie sich feine Spinnennetze des Lebens an ihre Augen schmiegen, die kleinen Vogelnester bewachend. Elegant, die wedelnden Weiden-Wimpern; grün-grau, ihre schimmernden Murmeln, die sich immer noch weigern, ersten Glanz zu verlieren, erste Ansprüche aufgebend, zurück ins Regal der Eitelkeiten stellend.

Streng, lang und schwarz der Pferdeschwanz.

Prall ihr Hemd. Zum Bersten gefüllte Hosen, die mehr an auflackierten, statt hineingezwängten Stoff erinnern. Fest im Fleisch, eine 36iger Vorratspackung Kondome darauf verwettend, dass es eher hell, als dumpf klatschend klänge, gäbe ich ihr einen liebevollen anerkennenden Klapps auf den Hintern. Leider kann ich mich benehmen. Und sie erst. Hat alles im Griff, auch sich selbst.

Brust, Hintern raus, Bauch rein. Haltung, Timing ist alles.

Kerzengrade, nur um sich selbst und die Sonne, wie eine Spindel drehend, fährt sie herum, beschenkt mich mit ihrem tiefen Sphinx-Lächeln, während ich zum Glase greife, eine meiner elegantesten Bewegungen. Stiel lang und elegant, die Tulpe schlank, schmal und hoch. Hebe das Glas, alten Männer gleich andächtig schwankend und schwenkend, halte meine grobporige, von Sonnen.- und Altersflecken verzierte Nase erst drüber, dann tief rein.

Sauge Luft auf sechs und zwölf Uhr; denke an altes Gestein, an brüchigen Kalk, Drusen, alte Mineralien; rot-blutende Erde, Duft von tief verbohrten Olivenwurzeln; an rasiermesserscharfes Gras, das Hände schneidet, Finger blutig kratzt; an Kamille, den Duft von tropfend-reifen Kakis; dickhäutige, beulige Zitronen, fruchtigen Honig, cremig-zart wie Schlagsahne, Roggen und Eisen.

Versuche, den ersten Schluck hinauszuzögern, den Büßergürtel enger zu schnallen. Muss mich mehr disziplinieren, muss aufhören, meiner Faulheit, ständigem Müßiggang hinterherzurennen. Wasser läuft mir im Mund zusammen, will sich mit dem köstlich-kühlen Nass vereinen; nein, so nicht; stelle das Glas wider hin; zu leicht gebe ich nach, gebe mich zu oft dem Genuss hin; lenke mich ab, wie ein dekadenter Römer; blick mich wie ein adliger Franzose um, beobachte Gäste; Bullshitmaschinen des Konsums, vertrocknete Felder verstaubter Kreativität, vorbei die genialen Einfälle, früher üppig und saftig gefüttert von Mangel und Zorn.

Es ist meine Haltung. Alles stelle ich in Frage. Nichts fresse ich einfach auf. Warum ist das so? Wieso müssen wir dies, das, Jenes tun? Was bedeutet, Pflicht? Kadavergehorsam kann ich nicht.

Gedankenversunken stiere ich auf die blaugrauen Schlieren des Marmor-Tischs; fühle mich betrunken, hinabgezogen vom Strudel meiner Gedanken, immer weiter und weiter; kubanische Musik im Kopf; nichtssagendes Dahin-Plätschern; menschlicher Smalltalk; Kälte und Abwesenheit; feistes museales Leben, das mir den Blick versperrt; Atem raubend ins Grab hinunterziehend.

Plötzliches Kreischen, lautes Lachen; Hunger der an Därmen zerrt, am offenen Käfig rüttelt; Durst, der sprudelnd Speichel produziert; klirrendes Geschirr, klappernde Teller; fühle mich wie auf Gras; Wände und Decke kommen näher, kreisen mich ein, versuchen mich zu erdrücken.

Irgendetwas ist schiefgelaufen. Eigentlich will ich gar nicht hier sein. Zum wiederholten Mal, habe ich mir vorgenommen, selber zu kochen. Anscheinend, kann ich mich nicht einmal davon überzeugen, die paar Dinge zu tun, die ich mir vornehm. An meiner zarten Seele liegt es nicht. Sie verstecke ich, wohlbehütet, vom vererbten väterlichen Wahnsinn & Zorn, verteidigt durch den Schild provokanter Redewendungen, mit denen ich versuche alles einzuspinnen, einzuweben, dass meinen Kosmos mit ödem wollen, brauchen und sollen versperrt.

Nein, selbst die, in den ersten Jahren, verzweifelt gesuchten genetischen Splitter, der weithin bekannten devoten Unterwürfigkeit meiner Mutter, fand meine geschätzte Familie nicht. Zentnerweise entzündete Kerzen zur Sonntagsmesse, armdicke Weihrauchstäbe, die mehr an Stämme, als an Äste erinnerten, selbst wochenlanges Verklappen für schwer Erziehbare, zornig zerstochene Voodoo-Puppen, nachdem man anfing die Unabwendbarkeit der traurigen Wirklichkeit, den allgemeinen Reinfall beschämt akzeptierte und die Wirklichkeit widerwillig angenommen hatte, konnten uns weder zur Räson, noch auf einen vermeintlich rechten, oder linken Pfad, noch zu irgendeiner langweiligen, unterwürfigen Vernunft bringen, die sich meine großartige Familie, besonders das Muttertier, von mir sehnlichst herbeiwünschte.

Nur der Herr Vater, der sich uns gegenüber auffällig liebevoll zurückhielt, was sonst nicht seine Art ist, freute sich wie ein kleines Kind, als mein unbekümmerter Jungen-Wille, borstig-stachelig durch jedes Pergament stach, das sie mir anzulegen versuchten. Kein Wunder, dass meien fragile Frau Mama zwei von dieser Sorte nicht ertrug. Selbst einer, schien mehr als genug, blieb eine unverdauliche Herausforderung, obwohl doch auch ihr Gen-Pudding in meinen Gebeinen schlummerte, ohne zu wissen, was die Auswirkungen hätten sein können.

Ihre liebevolle Zurückhaltung, die sie in unerkennbare Liebe verwandelte, die sie heimlich still und leise für mich hegte, versuchte über alles Mögliche zu lächeln, musste alles mit angemessener Anerkennung adeln, was der Sprössling verzapfte, mochte ich auch noch so zerstörerisch brandschatzend durch die Welt ziehen. Gerade diese übertrieben höfische Diskretion, ihr bedingungsloses, verabscheuungswürdiges Verlangen, gefallen zu wollen, wirkte wie ein Stachel in meinem Fleisch.

„Salute“, tönt es von weit her, reißen mich plötzliche Worte aus meinen Gedanken, fahren Blitze donnernd, mit fauchender Bestimmtheit hernieder, meinen Gedanken einen Maulkorb gebend, daran erinnernd, das Glas in Händen zu halten, während meine Zunge um Gnade winselt.

„Salute, guapa, salute.“