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Lebenszeit – Odyssee 2020 CW06

Gestern klopfte der Tod an meiner Tür. Nicht als Sensenmann, oder gar als knöchernes Klappergerüst, dass einem im schwarzen Umhang in Angst und Schrecken versetzt, nicht die Bohne – Poseidon besuchte mich in einem Traum. Er hatte mir ne Menge zu erzählen. Ich wunderte mich die ganze Zeit, warum er so einen Redebedarf hatte. Normalerweise, sind wir Menschen die Jenigen, die zu schwimmen beginnen, wenn uns Götter besuchen.

Wir plauderten über das Leben, was es ausmacht und so. Ziemlich schnell kamen wir an den Punkt, dass wir Menschen meist nicht wissen, wann uns das Lebenslicht ausgeblasen wird, mal abgesehen von denen, die eine furchterregende medizinische Diagnose zu hören bekommen haben. Mich treibt das Thema zur Zeit ziemlich um, keine Ahnung warum. Es geht mir dabei um den Wert von Lebenszeit. Wir realisieren ihn nicht. Erst, wenn unsere übriggebliebenen Jahre weniger und weniger werden, fängt es an in uns zu rumoren.

Wenn ich durch eine Diagnose nur noch ein Jahr zu leben hätte, sind plötzlich alle kommenden 364 Tage das Wertvollste auf Erden. Kenne ich dies Limit nicht, habe ich wenig Skrupel, meine kostbare Zeit zum Beispiel mit Nachbarschaftsstreit zu verbringen, wo es um Grenzen überragende Obstbäume geht. Wenn ich weniger als 400 Tage habe, wird mir gleiches Thema herzlich egal sein.

Alles bekommt seinen Wert durch Begrenzung und Limitierung. Ich bin ziemlich davon überzeugt dass es mit Allem so ist. Ständig sind wir mit irgendetwas beschäftigt, was uns vom Kern abhält. Doch wie sich so ein Lebensgefühl bewahren, oder bekommen? Dazu habe ich ziemlich viele Gedanken in meinem Kopf, die ich zuerst einmal sortieren muss.

Vermutlich kommt das Meiste von uns Selbst. Ich muss mit ein paar klugen Menschen sprechen, um meine Gedanken zu sortieren – manches ist davon vermutlich krudes Zeugs, doch im Kern glaube ich fest daran, dass wir schon alles in uns tragen, um zufrieden zu sein.

Nächste Woche mehr – hasta luego.

 

Müßiggang – Odyssee 2020 CW05

Letztens hatte ich Besuch von Monsieur Thalamus. Warte mal, stimmt gar nicht, es war umgekehrt, ich habe IHN besucht. Er kann ja nicht richtig weg von seiner Kanzel, wenn er den ganzen anstürmenden Kram beobachtet und navigiert. Beschwert hat er sich. Er meinte, dass ich mir mehr Zeit für Müßiggang nehmen sollte, nicht nur, weil er dann relaxen kann, vor Allem, weil es, zumindest aus unserer Sicht kaum Besseres gibt. Für was zum Teufel lebt man denn, wenn man nicht zwischendurch die Seele baumeln lässt? So ein wenig Wu-Wei ist doch für jeden wichtig. Man kommt doch sonst aus dem Tritt.

Interessanterweise, gibt es kaum noch Menschen die das praktizieren, oder gar verstehen, was das ist. Erst neulich, vor wenigen Tagen hatte ich eine Unterhaltung, die immer mehr anzog, als es um Freizeitgestaltung ging – wir kamen irgendwie auf Hobbys und was man für Leidenschaften pflegt. Alles in Allem, sind die Menschen sehr aktiv, besonders zuhause. Wir haben zwar überall, mehr oder weniger, geregelte Arbeitszeiten, aber das ändert nichts daran, dass man zuhause dennoch wenig ausruht und verschnauft, gar fünfe gerade sein lässt – kennt keiner mehr.

„Und was machst du sonst so, außer schreiben, lesen und hin und wieder Sport?“

„Essen und trinken. Wein mag ich besonders gern…“, irgendwie fühlte ich mich wie in einem Verhör.

„Okay, du kannst es genießen, okay, aber machen das nicht alle? Was sonst?“

„Müßiggang liebe ich. Irgendwie komme ich nicht so oft dazu, wie ich gerne….“

„Warte mal, Müßiggang? Du meinst Nichtstun…?“

„Nein – ich meine Müßiggang, das Gegenteil von Nichtstun…!“

„Wie soll ich mir das vorstellen? Du liegst auf dem Sofa und machst…..was…?

„Ich sehe meinen Gedanken zu, wie sie gemütlich kreisen und manchmal….“

„Deinen Gedanken zusehen…? Ist das nicht Zeitverschwendung…?“

„Für dich vielleicht. Aus meiner Sicht ist es das höchste Gut des Menschen. Nur aus diesem Urschlamm von Zeit und Gedanken, daher nennt man das auch „Seele baumeln lassen, entwickle ich Ideen oder schöne Tagträume. Laufen, spazieren-gehen, sich generell bewegen geht auch, aber nur, wenn ich genug Phasen habe, in dem ich einfach so da bin….“

Eine Weil ging das hin und her – schlussendlich wurden wir uns nicht einig und wir merkten, dass wir aus unterschiedlichen Welten kommen, was nicht ganz verwunderlich schien. Nur wenn ich überlege, wieviele dem Nachgehen, kann ich die nicht einmal an einer Hand abzählen. Warum eigentlich? Früher war es das höchste Gut des Bürgertums. Wieso ist es fast allen abhandengekommen? Fühlen wir uns unterschwellig permanent dazu animiert, etwas, oder gar irgend etwas zu tun? Lesen tut man auch kaum noch habe ich gelesen und selbst das ist meilenweit vom Müßiggang entfernt.

Nun ist natürlich klar, dass man das nur kann, wenn man die Grundbedürfnisse abgesichert hat, was für mehr als 99% der Weltenbürger, dank des effizienten Ausbeutens von Menschen und irdischen Resourcen, absolut unmöglich ist, daher will ich das nur einmal kurz angemerkt haben – die vielen Millionen, zumindest in Europa, könnten das deutlich intensiver praktizieren. Sie würden damit die Konsummaschine verlangsamen. Ich weiß, ich weiß – will niemand hören. Warum mache ausgerechnet ich mir Gedanken.

Keine Ahnung, irgendeiner sollte, oder nicht? Ist alles ein Ergebnis von Müßiggang, den ich gleich wieder praktiziere, sobald ich diese Zeilen hochgeladen habe – versprochen!

 

Odyssee 2020

Heute morgen, so zwischen dem zweiten und dritten Eigelblöffel, fragte ich mich, ob sich in 2020 irgendetwas anders anfühlt. Bis jetzt noch nicht, würde ich tendenziell sagen. Doch wenn ich ehrlich bin, müsste ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe. DAS ist das einzige, was ich schon seit Jahren sage – das ich nur weiß, dass ich nichts weiß – und ehrlich gesagt, ist es bis heute nicht anders geworden, eher umgekehrt. Mein Nichtwissen ist mit jedem kleinen Baustein gewachsen, den ich mir mühsam erschließen durfte. Komisch, nicht wahr? Oder ist es gar natürlich?

Wenn wir uns bemühen Vernunft.- und Wahrheitsliebend vorzugehen, landen wir zwar bei vielen Dingen, die uns die Wissenschaften hinterlassen haben, von denen wir jedoch, sein wir mal ehrlich, kaum bis wenig verstehen weswegen wir es zu Recht nicht „Unser Wissen“ nennen können, weswegen sich ein „ich weiß…..“ per-se verbietet. Ich kenne Werner Heisenberg, auch was er im Groben gemacht hat, aber wissen tue ich es nicht. Und ob ich der langen Liste, Sigmund Freud, sowie eine Unmenge weiterer kluger Köpfe hinzufüge, wird sich nichts daran ändern, eher im Gegenteil.

Wir müssen uns auch nicht gleich mit der Gretchenfrage peinigen, die für sich genommen schon so schwer ist, dass sie einem jahrelang, ach was rede ich, ein ganzes Leben im Bauch liegt. Stattdessen können wir es mit etwas Schlichtem versuchen, mit einer einfachen Verabredung. Anhand dieses Beispiels, möchte ich zeigen, was uns, nach meinem Dafürhalten, in den letzten Jahrzehnten, eher mehr, statt weniger, abhanden-gekommen ist – betrachtet es als Teaser, als Entrée für das junge und frische Jahr 2020.

Eine Verabredung, zum Beispiel, zum Dinner. Machen wir es uns nicht zu schwer, indem wir ein Dinner mit der Familie, gar unseren Eltern wählen, sondern unter Freunden. Man verabredet sich „gegen 18:00 Uhr“ um einen gemeinsamen Aperitif zu trinken und um auf das neue Jahr anzustoßen. Bei der Verabredung mit dem wichtigen Schlüsselwort „gegen“ kann man schon sehen, dass es sich vermutlich um Menschen handelt, die beide über 40 Jahre zählen. Utopische erscheinende Präzision, wie die Nutzung des alternativ verwendbaren Wortes „um“, das eine selten anzutreffende Klarheit und nicht interpretierbare sprachliche Reinheit vorlebt, verwandelt solch simple Alltäglichkeit in nahezu 100% aller Fälle in unerfüllte Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen, die wir wie Fallobst, verfault und vergoren aufheben können, was impliziert, dass wir wieder einmal, nicht gut genug, oder schlicht, zu spät waren.

Daher ist anzunehmen, dass die beiden, vermutlich recht menschlichen Individuen, die sich erfolgreich auf „gegen“ geeinigt hatten, bereits ein gewisses Maß an Weisheit und Lebenserfahrung besitzen, oder, für den Fall, dass sie jünger sind, was man mit großer Freude, nicht ausschließen kann, ein überdurchschnittliches Maß an Reife mitbringen, ohne überreif geworden zu sein. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir zwei menschliche Individuen vor uns haben, die sich zu einem gemeinsamen Dinner, „gegen“ 18:00 verabreden, bleibt die Frage im Raume stehen, was das bedeutet.

Sprache, ist nämlich, besonders die Deutsche, ein solch scharfer Skalpell, dass wir meist zu unbedacht damit umgehen. Die faktuelle Wahrheit, sich auf „gegen“ 18:00 Uhr verabredet zu haben, bietet nämlich ein gewaltiges Maß an Flexibilität und Bewegungsspielraum, der nur dann halbwegs erfolgreich ist, wenn beide Vertragspartner, das gleiche Verständnis haben – was in aller Regel, niemals vorher abgeglichen worden ist, wenn wir ehrlich sind.

Nun werden sich wieder viele an den Kopf fassen und fragen, was das Ganze soll – vielleicht täusche ich mich auch. Hintergrund ist, dass wir zu schnell sagen „ich weiß“ – ich spreche hier für mich selbst. Die oft verwendete Floskel „ich weiß“, wird von uns in Wahrheit meist unbewusst genutzt, weswegen wir es mit großer Wahrscheinlichkeit, zu häufig anwenden. Einen großen Teil meines Lebens habe ich nämlich damit zugebracht, die andere Seite zu verstehen, was mir, heute traue ich es mir zu es in aller Ehrlichkeit zum Ausdruck zu bringen, so gut wie nie, ich wiederhole, so gut wie NIE gelungen ist.

Egal welches Wort verwendet wurde, habe ich alle Wirklichkeiten in meine Realität erleben und kosten dürfen. Mal war ich „um“ 18:00 Uhr da, der Besuchte war noch gar nicht zuhause, bis hin zur „gegen“ 18:00 Uhr Dinner-Verabredung, bei der das Essen seit Punkt 18:00 Uhr auf dem Tisch stand, was einen erahnen lässt, dass es bei meinem Eintreffen „gegen“ 18:15 bereits lauwarm bis kalt war, was nicht nur für lautstarke Entrüstung sorgte, sondern auch in Wutausbrüche der Gastgeber endete, die nur mit größter Mühe und mit dem Hochhalten der allgemein gültigen Menschenrechte der Vereinten Nationen davon abzuhalten waren, in physische Gewalt auszuufern. In seltenen Fällen wurden volle Weinflaschen nach mir geworfen, denen ich nur mit größter Mühe ausweichen konnte. Die Weinflaschen-Werf-Vorfälle zähle ich übrigens zu den „nicht gewalttätigen“, für den Fall, dass hier Klarheit vermisst wird.

Was kann uns das sagen? Für meinen Teil, dass wir Worte mit unterschiedlichen Inhalten besetzen. Außerdem kommt dazu noch die genutzte Oberfläche des Wortes – hier spreche ich vom Unterschied zwischen, was „meint“ man und was „sagt“ man. Wenn jedes Wort also zwei Eigenschaften besitzt, Inhalt und Oberfläche – wie sehr vergrößert sich die Komplexität, wenn ich ihr Umfeld, ihren Kontext, Stimme und Körpersprache hinzuziehe? Lassen wir mal die physischen Komponenten weg, belassen wir es bei der reinen schriftlichen Form. Also die Wortumgebung und Kontext fügen wir hinzu. Damit können wir recht fundiert sagen, dass jedes Wort von einer vierfachen Komplexität umgeben ist, ohne dass wir begonnen haben zu kommunizieren.

Von den menschlichen Komponenten, wie geht es mir während ich schrieb, oder dem / der / den Besuchten? Wie ist das werte befinden? Geht es mir gut, oder schlecht? Bin ich frisch verliebt, oder frisch getrennt? Was für Dinge sind vorher geschehen und lustwandeln in unseren Köpfen herum? Welches Stress-Niveau haben wir, beeinflusst durch Gesundheit, Beruf, Umwelt und Lebensrituale? Je länger wir darüber nachdenken, stellen wir fest, dass es offenkundig mehr als vier weitere Komplexitätsebenen und Faktoren gibt. Natürlich können wir mit diesem Wissen jetzt nicht wie ein Großrechner, alle Wahrscheinlichkeiten durcharbeiten, um einen einfachen Satz, eine alltägliche Verabredung zu tätigen – mitnichten.

Aber es kann uns daran erinnern, dass wir in unserer Zwischenmenschlichen Kommunikation eine Menge Geduld, Gelassenheit und Respekt benötigen, um miteinander friedlich und harmonisch zurecht zu kommen. Wenn ein Mensch der mich mag, vielleicht sogar mehr als das, wenn Menschen aus alltäglichen Gründen, zu solch einer breiten Spanne von Regungen fähig sind, bei Menschen die sie mögen, vielleicht lieben, was wundert uns dann irgendeine Gewalttat auf diesem Planeten? Das Morden und Töten ist unser Alltag, egal ob selbst verübt oder durch fremde Hand.

Was schlummert alles in uns, wenn wir selbst mit dem geliebtem Menschen gewaltvoll umgehen, egal ob rein verbal oder gar physisch? Genau – Alles! Was Liebreizendes und etwas Zerstörerisches. Krieg und Frieden, Liebe oder Hass. Immer beides zur gleichen Zeit. Wenn ich möchte, dass Menschen mit mir gut und achtsam umgehen, dann muss ich zuallererst Gleiches mit ihnen tun – ich muss den ersten Schritt wagen, oder ich kann mein Leben lang vergeblich darauf hoffen.

Was das alles mit 2020 zu tun hat? Das schauen wir uns später an…..

 

Odyssee 2019 – CW38

Mein vorerst letzter Montag bei den Hellenen. Die letzten Wochen stecken mir tief in den Knochen. Vieles habe ich erwartet. Und doch hat meine Vorstellung nicht für DAS gereicht, was ich hier täglich erlebe. Eine Woche gleicht mehr einem Monat, oftmals sogar noch mehr. Mit den Notizen klappt das nur mäßig. Zu sehr bin ich von den Momenten überwältigt. Mein Gedächtnispalast ist dafür hell erleuchtet. Monsieur Thalamus hat schon oft signalisiert, dass er, im wahrsten Sinne sozusagen, fertig mit den Nerven ist. Heimlich freut er sich natürlich und ist zugleich froh, dass ich lang genug schlafe, wo er langsamer machen kann.

Heute knattere ich Richtung Souda, einem nahen Hafen bei Chania; haben ziemlich viel Militär hier, denk ich und halte mich nicht länger damit auf. Mein Ziel: Chania. Möchte mir Zeit für den alten venezianischen Hafen und seinen Leuchtturm machen. Ich schlängle mich durch die Altstadt und schlüpfe irgendwie aus der Blechschlange, parke irgendwo direkt am Hafen. Gemütlich schlendere ich in seine Richtung. Die Sonne ist nach wie vor mächtig; angenehm zwar mit dem Wind, doch starke Nerven fordernd, wenn er ruht. Es riecht nach Meerwasser und Fisch. Überall wimmelt es von kleinen Tavernen. Ein paar Ausstellungen gibt es hier und da; Kunst, ein wenig Geschichte, von Allem ein wenig. Wellrauschen, Möwen schreien mit Kleinkindern um die Wette.

Touristen erkennt man schnell. Sie sind sauberer. Ihre Kleidung zieren leuchtende Farben. Ihre Finger sind rein und weiß, wie die eines Klavierspielers. Tätowierungen und SUV’s bleiben die letzten Abenteuer des reichen Westens. Im Osten bleibt einem nur noch das blanke Überleben. Bestimmt ist das Leben hier in manchen Momenten schön und wundervoll, doch mit Sicherheit häufiger hart und unbarmherzig. Vielleicht einer der Gründe, warum Griechen so sehr im Moment leben, als wäre es ihr Letzter.

Abends bin ich in der Tabakeria, einem sehr guten Fischrestaurant, direkt am Hafen. Tische stehen im Sand, Sonnenuntergang inklusive. Mein Gott, was für eine Location. Viele griechische Wohlbetuchte umzingeln mich. Ich höre Griechisch, Englisch, Italienisch und Deutsch. Ich bestelle meinen ersten frischen gegrillten Oktopus, es folgt ein frisches, ebenfalls gegrilltes Schwertfischfilet, sowie einen tollen Weißen dazu. Still genieße ich andächtig diesen Gaumenschmaus. Selbst meine Gedanken schweigen, um Sonnenuntergang und Leben zu genießen. Zum Glück kann niemand das jeden Tag haben. Man könnte es nicht aushalten.

Langsam fahre ich gegen Mitternacht zurück nach Douliana, trinke meinen letzten Raki, höre noch ein wenig entspannte Musik, ziehe meine Knie ans Kinn, lasse die Daumen an der Hand und schwebe langsam davon, bis mich erste Träume umschließen und Morpheus mir wieder auf die Schultern schlägt.

Ein ebenfalls letzter Dienstag, vorerst – Nur langsam komme ich hoch. Ein sumpfiger schergewichtiger Traum zerrt noch ein paar letzte Momente an mir, bis ich, immer mehr, da bin. Ich koche mir einen Kaffee, tunke ein paar Kekse hinein und sitze an der Sonne, sonst nichts. Brauche meinen morgendlichen Ablauf, um den Vortag ausreichend verdauen, um wieder atmen und Neues erleben zu können. Andernfalls würde ich den lieben Monsieur Thalamus auf dem Gewissen haben.

Heute will ich zum Leuchtturm von Drepano, der nördlichste Punkt Kreta’s. Eigentlich ist das nicht weit, aber ich habe schon ein paarmal erlebt, wie schnell man sich hier verfransen kann, wie schnell man dann für zehn Kilometer mal eben über ne Stunde braucht. Langsam knattere ich Richtung Küste. Ungezählte Kurven schlängle ich mich entlang, vorbei an unendlichen Reihen Kaktusfeigen, die wie stachelige Soldaten Spalier stehen. Ein paarmal biege ich ab, aber nicht oft. Ich meine in der richtigen Richtung unterwegs zu sein und lande irgendwann in der Pampa, mit einem üblen Schotterweg vor mir. Ich schaue nochmal auf mein Smartphone und siehe da: Ich bin nur einmal falsch abgebogen und schwupp’s ist man komplett raus.

Wende ich halt. Langsam rolle ich talwärts, finde den richtigen Abzweiger und schlängle mich wieder empor, immer weiter hinauf zum, Kliff. Langsam öffnet sich die gedrungene Landschaft; endlich, das Meer. Glatt, metallisch-glänzend liegt es vor mir. Ein paar krause Falten, lassen weiße Kronen wachsen. Ich fahre weiter, bis ans äußerste Ende. Schamlos liegen nackte Felsen nebeneinander; hier und da wächst Moos, die Luft ist erfüllt von Salbei und Rosmarin. Hin und wieder quillt verführerischer Feigenduft irgendwo in den Himmel empor; salzig geschwängert um-wabert mich Meeres-Luft; noch ein paar hundert Meter, da ist er.

Klein, gedrungen steht er an der Kante, denke ich und parke meinen Blechesel. Wie rau und schön es hier ist. Langsam komme ich dahinter, was Schriftsteller und Philosophen, wie Perikles Giannopoulous und Dimitrios Liantinis antrieb. Mein Gott, beim großen Zeus, ich verstehe sie. Stundenlang sitze ich nur da und blicke auf Land und Meer. Ein Kreuzfahrtschiff läuft aus. Eine kleine Fregatte, der griechischen Marine; ein paar kleine Fischerboote fahren herum; hier und dort ankert eins. Ein paar Insekten finden Gefallen an meinem Apfel. Auch der Wind bekommt Appetit und flaut immer weiter ab, während ich Stück für Stück meine Kleidung ablege, bis ich nur noch in Unterhose vor den Göttern sitze, weswegen diese zu mir herablächeln und mich gewähren lassen.

Abends dann mein letzter Abend bei Giannis. Stella’s Mann, der auch Giannis heißt, gesellt sich zu mir. Ich biete ihm von meinem Weißwein an; wir prosten uns zu, bis mein Essen kommt und Giannis (der junge Wirt) dem älteren Giannis ebenfalls Lamm hinstellt, damit wir zusammen essen können. Wein fließt in Strömen. Schnell sitzen beide Giannis bei mir. Munter prosten wir uns zu. Irgendwann wechseln wir auf Raki.

Giannis der Ältere holt sein Komboloi heraus, eine kleine Perlenkette, die zur Grundausstattung des gepflegten griechischen Mannes zählt. Er spielt mit ihr herum, eine Art Zeitvertreib, mit ziemlich hohem meditativem Potenzial. Er bestätigt, dass es ein kulturellen Hintergrund hat, noch weit vor byzantinischen Zeiten. Man vermutet, dass schon die alten Griechen diese Perlenschnüre hatten, als eine Art Glücksbringer. Mir macht es Freude zuzuschauen, das Klicken der Perlen zu hören, was meiner Schläfrigkeit unterstützt, bis wir drei zufrieden heimgehen und ich mich leise lächelnd ins Bett fallen lasse.

Bettenwechsel am Mittwoch – Nach einem ausgedehnten Frühstück packe ich meine Sachen, verabschiede mich von Stella und Giannis und fahre glücklich in Douliana los, grobe Richtung Iraklio. Mein Ziel, Damasta, mein kleines Bergdörfchen, daßß* sich widerspenstig, hoch in den Bergen Kretas, seit Jahrhunderten festklammert. Ich nehme nicht die Bundesstraße, sondern habe mir fest vorgenommen, über die Berge dorthin zu gelangen.

Langsam, wie eine kleine Zahnradbahn klettere ich mit meiner kleinen Enduro die steilen Hügel hinauf, um sie im gleichen Tempo wieder zu verlassen. Mühselig hangle ich mich durch dutzende Bergdörfer, schwinge mich zum Eingang, eines ärmer, bunter und schöner als das andere, die nur noch von den Menschen selber übertroffen werden, besonders die Alten, denen ich allen freundlich zunicke und die alle, fast überschwänglich zurückwinken, manche fröhlich lachen, oder es mir einfach nur nachmachen, freundlich, mit scheren Augen zurückzunicken. So passiere ich sie alle, schraube mich von einer Serpentine in die nächste Senke, umfahre Felsen und komme zum Nächsten , dessen Ausgang ich genauso beeindruckt verlasse, wie all die anderen zuvor.

Vier Stunden später überquere ich in Damasta die Ziellinie, das genauso still, wie eh und je der Zeit beim weiterfahren zusieht. Zorba wartet auf mich, um mir die Schlüssel zu übergeben, und um mit mir, natürlich ein paar Raki’s zu trinken, bevor er sich wieder auf nach Iraklio macht, um dort bis spät am Abend zu arbeiten. Heute hat Katys Taverna geschlossen, weswegen ich mich müde in den nächsten Ort schleppe, um dort ein Omelet mit ein paar leckeren Beilagen zu essen, sowie einen Retzina trinke, der mir genauso gut bekommt, wie der Strauß Raki’s später in meiner Hütte, die ich zufrieden auf meiner Bank an der Straße trinke, um jedem Farmer, der mit seinem Pickup vorbeirauscht zuzuprosten und ein laut schallendes SPERA und freudiges Hupen zu ernten. Leicht fallen Monsieur Thalamus und ich in einen bleiernen Schlaf.

Donnerstag – Kaffee und Kekse auf meiner Bank in Damasta. Meine lange Griechenlandrundfahrt nähert sich dem Ende zu. Es kommt mir länger als ein halbes Jahr vor; in manchen Momenten wie ein Ganzes. Heute will ich Lyktos suchen, Kinderstube vom großen Zeus. Neugierig trabe ich mit meinem Rappen Richtung Osten, wieder über Berge und komme nach über zwei Stunden in Kastelli, einem Fliegerhorst an, in dessen Nähe der geheimnisumwobene Ort liegen soll, wo der oberste aller griechischen Götter ausgetragen und Teile seiner Kindheit verleben durfte. Ein wenig mühselig ist es, bis ich ein verblasstes Ortsschild mit einem Hinweis darauf finde.

Nachdem ich einen staubigen Feldweg, voller Löcher, übersäht mit gewaltigen Steinen langsam durchfahre, stehe ich davor, eine kleine Kapelle, auf dem Gipfel eines Berges. Andächtig klettere ich hinauf. Überall sind alte Schriftzeichen in Steine geschlagen. Und die Steine sind alt, sehr alt, aus der sie gebaut wurde; keine Ahnung wie alt sie sein mag; sie scheint keinen Kirchlichen Hintergrund zu haben, als ich um sie herumgehe, meinen Blick in alle Himmelsrichtung schweifen lasse, trifft mich der Schlag; der ganze Berg ist umgeben von Mauern, Türmen, alten Mühlen, Räumen und prächtigen Ruinen. Ist wunderschön, ganz allein hier sein zu dürfen. Still esse ich zwei Äpfel, lausche dem Wind, höre in weiter Ferne die ein oder andere Glocke einer grasenden Ziege oder kauenden Schafe.

Ein wenig streune ich herum und finde, ein völlig unentdecktes, überwachsendes kleines Gebäude, dessen Wände und Dach eingestürzt sind. Säulen liegen darin herum. Marmorplatten liegen zersplittert daneben. Griechische Schriftzeichen sind sorgfältig in Steine geschlagen worden. Hier und da liegen Reste eines alten Tonkruges herum, vermutlich Wein, oder Olivenöl. Wieso hat das noch niemand entdeckt? Oder hat man und kann sich mangels Geldes nicht darum kümmern? Wenn ich ehrlich sein soll, gefällt mir der Gedanke daran, dass man diese Stätte so offen, frei und ungeschützt sich selbst überlässt und Schafe und Ziegen darin weiden lässt, am Ursprünglichsten, im Grunde am Schönsten.

Alte Monumente einzuzäunen und versuchen für die Unsterblichkeit zu konservieren, finde ich irgendwie widerwärtig. Man empfindet sie doch erst als historische Monumente, weil sie uralt und verfallen sind. Außerdem sind Dinge doch schon sehr resistent, wenn sie viele 1000 Jahre überleben und noch sicht.- und begehbar sind. Lyktos ist für mich einer der schönsten altgriechischen Plätze überhaupt. Nicht so, wie die Akropolis in Athen. Aber Mykene nicht unähnlich, eben nicht mehr glamourös und mächtig sondern weit über tausend Jahre älter.

Schwer beeindruckt ziehe ich von dannen, nachdem ich mit einem alten Schäfer ein paar Worte gewechselt habe und ihm zuschaue, wie er sich, von ständigen Pausen unterbrochen, den Berg hochschleppt, auf den er in jungen Jahren vermutlich genauso beschwingt emporstürmte, wie ich es vor wenigen Stunden tat. Er sieht noch recht vital aus, scheint aber über neunzig zu sein, was vermutlich auch für seinen Toyota-Pickup gilt, der übelst verbeult neben meiner Enduro steht.

Abends dann überraschendes Essen in Malia – ein alter Freund ist mit seiner Freundin in einem Touri-Hotel untergekommen. Ich freue mich riesig ihn zu sehen, jedoch ist die Umgebung für mich völlig befremdlich. Überall Deutsche. Abendbrot von 18-21:00 Uhr. Frühstück von 6-10:00. Spinnen die denn hier alle? Glücklicherweise essen wir außerhalb in einer Taverna – hier scheint es zumindest griechisch aussehendes Essen zu geben. Das Essen ist mittelmäßig. Wäre mein Griechisch besser, hätte ich es denen um die Ohren gehauen. So belasse ich es dabei, da ich merke, dass die beiden eigentlich nur ihre Ruhe, am besten alles wie in Deutschland haben wollen, nur eben mit Sonne, der Gegenentwurf, zu meinem Idealurlaub.

Dennoch aufs Höchste erfreut umarmen wir uns bei der Verabschiedung und lesen beide zwischen den Zeilen, dass wir in unterschiedlichen Welten leben, was nichts macht. Müssen ja nicht alle das Gleiche wollen. Unglaublich erleichtert fahre ich mit meinem treuen Pferd Richtung Iraklio und reite die Berge hinauf zu Damasta, um selig und in Frieden dort einzuschlummern.

Freitag – heute werde ich meinen zweiten Tag am Strand erleben und das nicht an irgendeinem, sondern in Kommos, was auch der alte Minoische Hafen von Phaistos liegt. Die Sonne strahlt wie jeden Tag üppig vom Himmel. Gemütlich schüssel ich nach einem langsamen Kaffee, mit gedipptem Keks in Richtung Lybisches Meer, ja richtig gelesen, Lybisches Meer. Kommos liegt nur 300km gegenüber von Afrika und so sind auch die Temperaturen hier.

Mit warmem Wind im Gesicht geht es die Berge hinunter, an Iraklio, ungezählten kleinen Dörfern vorbei, entlang an Phaistos, um im heißen Wüstensand zu stranden und meinem ersten Hippie und FKK-Erlebnis in die Arme zu laufen. Da das Historische Komos abgeriegelt ist, um die Ausgrabungen nicht zu gefährden, bleibt mir nur der Blick durch den Zaun, weswegen ich aber eher zum Schwimmen im Lybischen Meer komme, zum ersten Mal seit dreißig Jahren nackt! Was für ein Erlebnis. Überall liegen langhaarige Hippies, mit unermesslich viel Ruhe und Zeit. Hin und wieder geht einer schwimmen, um zehn Minuten später wieder frisch abgekühlt heraus zukommen und sich wieder in die Sonne zu legen. Für mich der schönste Strand, den ich je gesehen habe. Leer, nur mit Ortsansässigen und einer Frieden preisenden Kultur gesprenkelt.

Nach vielen Stunden mache ich mich bereit für die Abreise. Ich spüre, wie meine Zeit in Griechenland zu Ende geht, es aber nicht will, weil ich eigentlich hier bleiben, einfach so weitermachen möchte. Zwei Stunden fahre ich nachdenklich und langsam zurück nach Damasta, um mein erstes Abendessen bei Katy zu haben. Sie freut sich riesig und schimpft nochmal mit mir, wegen meinem kleinen Abflug im Juni, um mir ohne Umschweife wunderbare gegrillte Lamm-Koteletts zu bringen, zusammen mit Tsaziki und einem Krug Weißwein.

Wir plaudern ein wenig. Langsam gesellen sich neue Worte zu meinem kleinen Griechisch. Wir bekommen mehr gesprochen, als im Juni. Ein paar Farmer aus dem Dorf kommen dazu, geben mir einer nach dem anderen einen aus und lassen mir keine Möglichkeit, mich zu revangieren. Bis kurz vor Mitternacht sitzen wir, bis wir uns alle nach Hause trollen, um am nächsten Morgen wieder raus aufs weite Feld, oder durchs schöne Griechenland zu ziehen.

Samstag – mein letzter ganzer Tag in Hellas. Schwer komme ich aus dem Strudel frei, mache mir einen großen Kaffee und dippe meine Kekse. Heute will ich nach Anogia, ein Ort hoch in den Bergen, der in der Vergangenheit eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Deutsche Besatzung spielte. Ein weiterer zwei Stunden langer Ritt hinauf in die Berge, um am Ende vor einem sehr schroff aussehenden Ort zu stehen, wo der Wind kalt bläst, bei höchstens zehn Grad. Weiter oben liegt der Minoische Ort Zomintha, den man erst 1986 entdeckt hat, weswegen ich ihn genauso eingezäunt vorfinde, wie Kommos und nichts anderes tun kann, als durch den Zahn zu schauen, um ein paar Fotos zu machen, was mir ganz entgegen kommt, da es hier wirklich arschkalt ist!

Abendessen mit Zorba und Maria, meine Hosts in Damasta. Wir feiern lang und ausgedehnt. Wein fließt in Strömen, Raki heute mal nicht. Katy und ich stoßen mit Whisky an. Es bleibt nicht bei einem, nicht nur, weil eine kleine Hochzeitsgesellschafft, bestehend aus 10 Frauen zwischen 20 und 25, uns ständig neuen hinstellt, bis ich irgendwann gegen zwei Uhr nachts am Ende meiner Geduld bin, meine Augen offen zu halten und meine letzte Nacht in Hellas antrete, fürs Erste!

Sonntag – der Tag meiner Abreise. Stumm packe ich. Trinke Kaffee, dippe Kekse, gehe rüber zu Vicky, drücke sie, belade meinen kleinen Packesel und fahre, einfach so, ohne mich umzuschauen, runter nach Iraklio, um meine kleine Enduro abzugeben, durch das Security-Gate zu gehen und nach Toulouse zu fliegen, einfach so, als wäre nichts gewesen. Doch Aegean-Airways wurde betrogen: Sie transportierten nur meinen Körper nach Frankreich. Geist und Seele sind immer noch dort, fühle ich, als ich diese Worte von meiner Griechenland-Rundfahrt 2019 tippe und hochlade…..

*das „ßß“ ist aus Protest gesetzt, für all die hässlichen Rechtschreibreformän, sowie diese blöde Audokorrekduhr, die einem die Worte mit ständig roten, oder blaun Streifen unterrmalt, um mich darauf hinzuweisen – was weiß Microsoft schon, von der Evolution von Sprachen…..!!