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Digitales Kellerloch – Odyssee 2021 CW21

30.Mai – 2021, die ganze ist von der Digitalisierung befallen. So oder so ähnlich, bezeichnete D diesen Technologie-Virus, der ebenfalls in höchstem Maße kursierte. Würde es uns gelingen, auseichend viele analoge Inseln in unserem Leben zu erschaffen, um nicht permanent hysterisch herumzuflattern?

Neben vielen anderen, beschäftigte D ganz besonders diese Eine schon ne ganze Weile – nicht nur aus eigenem Antrieb heraus, vielmehr, weil er eine wachsende Distanz zwischen sich und seinem Umfeld wahrnahm, den er den DK-Faktor nannte. (DK = Digitales Kellerloch)

Was steckte dahinter?

Zuerst einmal unterschiedliche Datenmengen. Dabei ging es noch gar nicht um die Funktion und Qualität der Datenware, wie D sie nannte, sondern schlicht um Menge versus Auswirkung in den zwei Realitäten – nämlich der Virtuellen und der Physischen Welt.

Und hier gab es schon signifikante Unterschiede, die in einem starken Spannungs-Verhältnis zur Freizeitgestaltung stehen – oder in anderen Worten:

Je mehr ich soziale Kontakte digital Pflege, nimmt im gleichen Verhältnis die physische Kontaktpflege ab. Soll heißen, wenn ich das Verhältnis 1:1 als eine ausgewogene Ausgangsbasis bezeichne, würde ein digital sehr aktiver Mensch mit einem Verhältnis 1,5:0,5 daherkommen, was automatisch eine schleichende Entfremdung mit sich bringt.

Warum?

Ein einfaches Beispiel. Vermutlich würde kaum ein Shitstorm-Teilnehmer auch nur einen seiner Beiträge zu einem Menschen sagen, der ihm direkt gegenüber sitzt und zwar aus vielerlei Gründen. Zum einen, weil wir nur 8% inhaltsbezogen kommunizieren, womit Stimme, Tonlage und Köpersprache sagenhafte 92% ausmachen – und zum Zweiten, weil wir nicht nicht auf physische Präsenz reagieren können – oder in anderen Worten:

Es fehlt der Stammtisch!

Doch was tun? D zumindest löschte alle social Media APP’s auf seinem Smartphone, um sich nicht ständig selber prüfen zu müssen, ob es sich noch um reine Informationen-Suche, oder schon um Entertainment handelte.

Denn auch hier waren die Grenzen schwimmend und nur schwer auszumachen, zumal man außerdem noch dazu sagen musste, das D nicht die leiseste Lust hatte, sein eigenes Digitales Kellerloch auszuheben, um zuzusehen, wie er darin dann langsam vermoderte.

Und die Moral von der Geschicht‘?

Eine Apéro-Whattsapp-Gruppe kann eine gute Sache sein, solange sie darauf abzielt, eben jenen zu organisieren. Ersetzen kann sie ihn aber nicht, weswegen es oft gar nicht leicht ist, die richtigen Themen für den F2F Apéro aufzusparen und nicht schon aus Ungeduld im Vorwege zu teilten, so dass man die digitale Krücke aufwertet – denn die hilft in keinster Weise, neue Stammtische zu erschaffen…

Die Moral von der Geschicht – Odyssee 2021 CW10

Scheinen ist mehr als einfach nur Sein. So, oder so ähnlich jedenfalls sprach D vor Kurzem zu Perikles von Korinth, als es ihnen darum ging über das Sein im Grundsätzlichen zu plaudern und dabei von den multi-dimensionalen Wirklichkeitsfeldern jedes Individuums zu universell gültigen Verhaltensweisen im Alltag kamen, bis sie sich nach stundenlanger Diskussion erschöpft, aber zufrieden auf eine Formulierung einigen konnten, die sie – natürlich – mit einem Glas Wein begossen.

So gestalteten sich D’s Tage tagaus und tagein.

Nie war ihm dabei bewusst, dass er des Wurzels Übel war, der mit seiner brennenden Neugier jeden Strauch verbrannte, bis alles um ihn herum gegrillt aussah und letzten-endes zumeist auch war. D wollte die Dinge halt wirklich durchdringen – das ging so weit, dass er etwas stahl, um zu schauen, was sich in ihm drinnen abspielte und vor Allem, wer derjenige war, der ihn das tun ließ.

Er bemerkte nämlich, dass in Wahrheit keiner eine Ahnung von Etwas haben konnte, ohne die Dinge tatsächlich erlebt zu haben; oder in anderen Worten – eine heiße Herdplatte war nicht vorstellbar, was das bedeutete, weil man mit dem Zustand, „heiß“, sowie mit dem Gegenstand „Herdplatte“ so richtig gar nichts anfangen konnte, solange man die Dinge nicht gesehen, oder gar benutzt und bedient hatte.

Es war halt das Indianer-Schiff-Ding, dass man Unbekanntes weder sah, noch richtig wahrnahm, solange man sie nicht gezeigt und erklärt bekam. Woher sollte also irgendeiner wissen was eine „heiße Herdplatte“ ist, ohne mit beidem Erfahrungen gemacht zu haben?

Gang genau – D wusste es nicht, wie so Vieles andere auch.

Es dauerte zwar viele anstrengende Stunden, aber letztendlich gelang es Perikles von Korinth und D sich nach langem Ringen darauf zu einigen, dass die Aufklärung und all ihre großen Philosophen als Solches zwar vom Namen her existierte, jedoch in keinster Weise ihren Job gemacht und sich auch nicht weiterentwickelt hatte, geschweige ihrem eigentlichen Auftrag, nämlich aufzuklären, nachgekommen war.

Ganz offenkundig waren sie in Schaffenslaune und hatten genug Schwung mitgenommen, dass sie so ganz nebenbei auch den äußerst attraktiv und klug klingenden Satz über – die vollends aufgeklärte Welt, die im Zeichen triumphalen Unheils erstrahlt – zwar beide uneingeschränkt großartig fanden und sich ehrfürchtig davor verneigten, ihn aber nach langer Auseinandersetzung mit der dahinter befindlichen Aussage genauso einstimmig als Quatsch und Unfug abtaten, wie auch immer sie ihn verstehen und auslegten.

So kamen sie keuchend und schnaufend ans Ziel, schienen mit ihrem Ergebnis zufrieden zu sein und verabschiedeten sich zur Siesta, die sie beide akribisch pflegten, jedoch gab es für D keinen Frieden. Sein Geist kaute so intensiv auf Diskussion und Ergebnis herum, dass er einfach nicht zur Ruhe kam.

An Schlaf war überhaupt nicht zu denken.

Gerade wollte er sich durch ein anderes Bild in den Schlaf zwingen, als auf einmal ein paar unbekannte Türen in seinem Gedächtnispalast aufgingen und Monsieur Thalamus plötzlich mit Feder bewaffnet auf seine Kanzel sprang und die folgenden Sätze markerschütternd laut in D’s Unterbewusstsein donnerte, dass dieser erschrocken hochschoss, seinen Griffel packte und wie im Fieberwahn die Botschaft seines wahren Herrns niederschrieb:

„Ethik und Moral sind nicht national;

sie haben weder Pass noch Heimat;

sie sind universell, alles und Jeden gleichbetreffend;

selbst nach dem eigenen Davonsegeln kann man sehen,

welchen Trampelpfad man hinterlassen hat;

ein von Schönheit und Barmherzigkeit gepflasterten,

oder eine Schneise der ohnmächtigen Verwüstung;

darum lebe still und bescheiden,

erschaffend und fördernd…!“

Erschrocken prallte D zurück und starrte die Worte an. Nach und nach drangen sie in sein Bewusstsein, setzten sich dort langsam wie Staub ab, so dass er zufrieden und erleichtert zusammensank und in einen tiefen traumlosen Schlaf hinfortglitt…

Mallorca Interview Teil2 – Odyssee 2020 CW27

5.Juli – seit elf Tagen lebte D wieder zuhause. Nachdem er mehrere Tage gegen eine Armada Flöhe kämpfte, die ihm seine Beine mit ihrem gewaltigen Appetit derart gründlich abgenagt hatten, das überall Messer und Gabel im Beinfleisch steckten, setzte sich der Heilungsprozess langsam aber stetig fort, so dass er wieder klarer Denken und das Schreiben fortsetzte.

In einer barock geschriebenen Whattsapp-Nachricht schlug Frau Dr. Claudia Meyer-Paradiso vor, das Interview fortzusetzen, um weiterzukommen, aber auch, um mehr über den Fortschritt seines neuen Buches zu erfahren, wie sich hinterher herausstellte. Mit Café, Zigarette, sowie seinem Headset bewaffnet, saß D vor dem Laptop und freute sich auf das Gespräch mit der quirligen Journalistin.

CMP: Guten Morgen, wie geht es dir?

DT: Hola, ganz okay und selbst?

CMP: Hervorragend, wie ist deine Woche gewesen?

DT: Appetitlich, wenn ich im Namen der Flöhe sprechen darf, die mich seit Ankunft auf ihrer Speisekarte haben.

CMP: Oh! Das tut mir leid, konntest du bei dem Juckreiz denn schlafen?

DT: Doch-doch, das geht schon, wenngleich meine Beine wirklich abenteuerlich aussehen….

CMP: Kann ich mir vorstellen. Fühlst du dich gut genug, um unser Interview fortzusetzen?

DT: Ist kein Problem, willst du dort weitermachen, wo wir aufgehört hatten?

CMP: Natürlich, zum Auflockern beginnen wir mit ein paar einfachen Fragen, einverstanden?

DT: Okay!

CMP: Hallo Herr Tango, um unser Interview fortzusetzen, stelle ich Ihnen ein paar Fragen zur Auflockerung.

DT: Gerne, warum nicht?

CMP: Wein oder Bier?

DT: Wein

CMP: Berge oder Meer?

DT: Beides.

CMP: Glücklich oder unglücklich?

DT: Unglücklich!

CMP: Halbvoll oder halbleer Glastyp?

DT: Halbvoll!

CMP: Das widerspricht sich, weil……

DT: Tut es nicht, weiter…..

CMP: Dann müssen wir gleich nochmal darauf zurückkommen…..

DT: Okay, weiter-weiter….

CMP: Raucher oder Nichtraucher?

DT: Nichtraucher, der hin und wieder raucht

CMP: Politisch links, oder rechts?

DT: Natürlich links……

CMP: Warum ist das natürlich?

DT: Weil ein solidarisch-denkender, halbwegs gebildeter, kultivierter und neugieriger Mensch unmöglich rechts sein kann, weil dort jegliche Form von Zukunft und Kunst verhungert!

CMP: Wow! Was wäre, wenn ich rechts oder faschistisch wäre?

DT: Nichts, ist ihr gutes Recht zu wählen was sie wollen, nennt sich Demokratie, glaube ich.

CMP: Könnten Sie eine faschistische, konservativ-rechts denkende Frau küssen?

DT: Natürlich! Wer bin ich, über Menschen zu urteilen und ihre anderen positiven Eigenschaften auszublenden? Boris Becker war ein wunderbarer Ausnahmesportler im Tennis und später im Geschäftsleben weniger erfolgreich als Warren Buffet. Niemand kann überall ein Supertalent sein…..

CMP: Lassen Sie uns zu ihrem Widerspruch zurückkommen…..

DT: Okay.

CMP: Wie können sie „unglücklich“ wählen, aber ein „Halbvollglastyp“ sein?

DT: Weil ich „unglücklich“ produktiver und kreativer bin, als glücklich. Außerdem weiß ich nicht einmal was Glück sein soll – ich gehe daher davon aus, dass es mich faul und bequem, wie das Paradies macht – also Zustände und Orte, die ich nicht mag.

CMP: Sie wissen nicht was Glück ist?

DT: Nein, weiß ich nicht, was nicht heißt, dass ich keine glücklichen Momente erlebe, aber das ist etwas gänzlich anderes……

CMP: Schlagen wir die Brücke, zu unserem Gespräch von vor einer Woche….

DT: Gerne!

CMP: Sie sprachen von Quantenphysik, Schrödingers Katze und dass für Sie die Literatur das wahre Leben ist, weil Sie Erlebtes oder Nicht-Erlebtes ohne Zeitlimitierung in jeder möglichen Tiefe schreiben, also leben können – wie sollen wir uns das vorstellen und welche Verbindung sehen Sie zu ihrem aktuellen Werk?

DT: Sie können nicht agieren und sich dessen darüber, im gleichen Atemzug bewusst sein, in der Literatur kann ich das, daher ist es für mich dass wahre Leben, deswegen ist es für Schreiberlinge so wichtig, zu reisen, den ohne neue Reize, können sie zwar wie Proust im Bett bleiben und alltägliche Dinge bis in den Molekularbereich genau beschreiben, aber irgendwann ist der Kelch ausgetrunken – reisen, ist eine schöne Art, sein Fass wieder und wieder zum Überlaufen zu bringen.

CMP: Sie haben nichts zu meiner Frage zu ihrem nächsten Buch gesagt, reiner Zufall oder Absicht?

DT: Beides ein wenig……

CMP: Wollen Sie ihren möglichen potenziellen Lesern nicht einen Vorgeschmack geben?

DT: Eigentlich nicht…..vielleicht ändere ich nochmal alles, und dann?

CMP: Aber das Thema bleibt doch das Gleiche, oder könnte es sein, dass Sie auch das über den Haufen werfen?

DT: Nein! Also gut, es wird ein Wirtschaftskrimi, der sehr gut in die aktuelle Zeit passt…..

CMP: Warum?

DT: Weil Kapitalismus, der sich ausschließlich auf wirtschaftliches Wachstum konzentriert, die Mehrheit der Menschen in die Mittellosigkeit zwingt und eine Minderheit unermesslich reich werden lässt, inklusive dem vollständigen Versagen von Ethik und Moral. Daher muss es andere Formen des Wachstums geben und über das Bürgergeld ernsthaft gesprochen werden. Wie soll das Menschsein der Zukunft aussehen, wenn uns Maschinen die Mehrheit abnimmt? Sprechen Sie mit Richard David Precht und Harald Welzer, oder lesen und hören Sie, was die zu sagen haben – die bringen diese Themen sehr gut auf den Punkt.

CMP: Interessant, das werde ich machen! Zurück zu ihrem Buch, ein Wirtschaftskrimi sagen Sie? Wo spielt er und wie heißt der Protagonist?

DT: Das werde ich Ihnen nicht sagen, falls ich noch Änderungen vornehme.

CMP: Wann wird es erscheinen?

DT: Mein Verlag meint Ende Juli, ich denke es wird vermutlich eher August.

CMP: Warum geben Sie uns nicht mehr Hinweise, mögen Sie keine Vorfreude?

DT: Es programmiert und erzeugt Erwartungen, nein, ich bin kein Freund von Erwartungen aber ein großer Befürworter vom jungfräulichen Erleben, im eigentlichen Sinne – stellen Sie sich vor, sie gehen in ein Museum und da steht vor jedem Kunstwerk, was es ausdrückt – Eine Katastrophe, weil dann raubt man Ihnen ihre intime Eigenbetrachtung, weil man ihren Geist bereits kontaminierte…….

CMP: Aber in ganz vielen Ausstellungen macht man das so……

DT: Ich weiß, aber deswegen muss es nicht gut oder richtig sein, nur weil alle es machen, geschweige muss man es nachmachen; ich habe mit einigen Kuratoren Streitgespräche gehabt, ohne Namen zu nennen…

CMP: Schade, mich hätte interessiert, wen Sie da aufs Korn genommen haben…..

DT: Ich kann Ihnen aber die Antwort geben, mit der mich einer der Herrschafften, es war übrigens keine Frauschafft dabei, beglückte….

CMP: Sagen Sie schon……

DT: Er schrieb, dass die Besucher ihre Beschreibungen sehr schätzen würden, weil es Orientierung gäbe…

CMP: Das finde ich auch, und das ist doch etwas Gutes, finden Sie nicht?

DT: Nein, natürlich NICHT! Darum geht es doch in der Kunst, um Freiheit, darum, eigene Erlebnisse, sich der eigenen Phantasie, der eigenen Empfindung hinzugeben – meine unbefleckte jungfräuliche Sicht töten Sie, noch bevor sie geboren ist, indem man etwas vorwegnimmt und es beschreibt – Kuratoren und ihre Ausstellungen haben einen Bildungsauftrag gegenüber dem Bürger – den die Mehrheit von völlig verfehlt, jedenfalls in Deutschland…..wollen wir an dieser Stelle pausieren?

CMP: Gerne! Haben Sie vielen Dank Herr Tango – was werden Sie heute noch machen?

DT: Jetzt einen Apéro zu mir nehmen und schreiben – und Sie?

CMP: Essen zubereiten….

DT: Na dann bonne app…..et à bientôt

Klacken in der Leitung. D legt auf, schenkt sich Rotwein ein und beginnt weiterzuschreiben.

 

Digitale Transformation – Odyssee 2019

Eben beim Frühstück kamen sie mir hoch, die Unwörter des Jahres. Digitalisierung und Transformation. Wie Fliegen auf Scheiße, springt unsere übergeschnappte Welt auf diesen Hype. Jeder ist digital unterwegs. Irgendetwas ist jeder am Transformieren. Der eine im Business, der nächste Privat und der Übernächste sein ganzes Leben.

Ich für meinen Fall gehe da nicht so weit. Analoger Mann in digitaler Welt, trifft auf mich mehr zu. Nicht weil ich negativ, gar pessimistisch oder unmotiviert bin, im Gegenteil. Optimist bin ich, zwar ein kritischer, aber ein echter Fall von Halbvollglas-Charakter. Neugierig bin ich auch. Alles will ich wissen. Alles und sofort. Geduld habe ich auch, aber nicht mit der Gießkanne, über alles gleich verteilt. Eher gezielt ausgesucht.

Gestern habe ich ein wirklich disruptiven, spannenden Transformationstag gehabt, in dem ich in die hochverdichtete braune, dampfende Masse der Digitalisierung getreten bin, ohne es zu merken. Seit gestern habe ich den Beweis, dass die Digitalisierung uns eventuell bereits entglitten ist. Nein, nein, nicht wie Dorothee Bär, die Staatsministerin im Bundeskanzleramt es gerne hinstellt, dass wir Acht geben müssen, die Daten der Bürger zu schützen und sie im Auge zu behalten. Wieso nur die Daten? Wieso nicht den ganzen Bürger, frag ich mich? Seit gestern habe ich die Antwort. Mir drängt sich dei Vermutung auf, dass Bürger das Medium der Digitalisierung, nicht das Zentrum sind, um das es geht.

These1: Beeinflusst die Digitalisierung meinen Alttag? Wenn ja, wie? Verbessert, oder verschlechtert er sich? Stagniert er gar? Heranführung1: Meine braunen Lieblings-Stiefel sind kaputt. Glatt in der Mitte gebrochen. Leider habe ich vergessen, ein Foto zu machen. Nun gibt es in Deutschland die Handwerkerinnung. Bereits seit hunderten von Jahren. Mehr als fünfzehn Gewerke gibt es. Für Kraftfahrzeuge, Zimmerer, und natürlich Schuhmacher.

Zu Letzterem gehe ich immer dann, wenn meine Schuhe einen Plattfuß haben und wenn ich neue Birki‘s brauche. Ihr wisst schon Birkenstock Sandalen. Früher nur von Hippies, Religionslehrern, Aussteigern und Jointrauchern getragen, heute hip und chick, seit Hollywood darin rumstolziert. Was das mit Dorothee zu tun hat? Schauen wir mal.

(Info & Anliegen zugleich: Liebe Frau Bär, ich finde es super, dass es sie gibt – aber ich rege an, noch mal ein wenig auf ihrem Mandat herum-zu-meditieren, da es mitnichten um digitale Daten der Bürger geht, sondern um die Frage, wie das Leben der Bürger durch Digitalisierung verbessert wird – UND – ich betone es noch mal in aller Bescheidenheit – UND – um Aufzuklären, welche Verantwortung der Bürger darin hat – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Alltag!)

These2: Setzen wir Menschen moderne Technologien gezielt und effizient ein? Oder schlagen wir über die Stränge, indem wir neue Gadgets für alles Mögliche verwenden, weil es in aller Munde und daher unsere Standardantwort und Allzweckwaffe ist? Heranführung2: Seit Monaten ist Herbst. Nein, nicht seit 1977. Seit Oktober verlieren die un-digitalen, völlig natürlichen Bäume ihre Blätter.

Seitdem hat man den Eindruck in Vietnam oder Kambotscha zu leben – ich zumindest – denn seit dem das erste Blatt hinuntergefallen ist, verpesten laut brummende Laub-Gebläse Nasen und Gehöre, dass die buchstäbliche Schwarte kracht. Erst einmal trägt der arme Blatt-Operator ca. 5-10Kg extra auf der Schulter, verbrennt fossile Kraftstoffe und verpestet seine eigene Luft, die er einatmet, anstelle die alte Methode zu wählen, die für den Körper gesünder ist, wenn man sich beim Haken mit den Seiten abwechselt.

Zurück zu Heranführung1: Ich also hin zu Schuhmeister Stehle in Lütjensee. Er und seine Frau führen ihren Laden dort seit 40 Jahren. In Zahlen: Vierzig! Der Gute Meister Stehle sieht einem aus Entfernung an, ob man Einlagen braucht, oder ob man Schwierigkeiten mit seinem Bewegungsapparat hat, mindestens so gut wie ein Orthopäde, was daran liegt, dass er auch ein staatlich geprüfter Orthopädie-Schuhmeister ist. Natürlich hat er seit fast 40 Jahren – in Zahlen FAST 40 Jahren – Birkenstock Sandalen angeboten, weil die tatsächlich voll gut sind, ey!

Als ich also zum gefühlt hundersten Mal das Geschäft betrete, springt mich zuallererst die gähnende Leere an, die im Geschäft herscht. Herr und Frau Stehle sind so freundlich und nett wie eh und je. Tür öffnen, eine Klingel schellt, bring-bring. Ich trete ein.

„Moin. Ich habe zwei Anliegen. Schauen sie mal. Ist glatt in der Mitte gebrochen. Können Sie das reaprieren, Herr Stehle?

„Na sicher. Zeigen Sie mal. Ja kein Problem. Und das Zweite?“

„Ich brauche neue Birkenstock-Sandalen. In Größe 45, schwarz, ich glaube das Model heißt…“

„Nee, dass wird leider nichts!“

„Wieso denn das….?“ Sprachlos bleibt mir der Mund offen stehen.

„Birkenstock beliefert uns seit 2015 nicht mehr…….“

„Wie meinen Sie das, beliefert…..Birkenstock will nicht mehr, dass Sie deren Schuhe verkaufen…?“

„Doch schon, aber seit Kurzem, wollen die, dass wir ein Schuhsortiment im Wert von 10.000 Euro kaufen, sowie vorab benennen, welche Modelle darin enthalten sind, obwohl wir doch gar nicht wissen, welche Schuhe sie als Kunde wollen….“

„Häh…? Was soll denn der Quatsch…? Seit vierzig Jahren…..“ Herr Stehle unterbricht vehemennt.

„FAST vierzig Jahre. Seit 2015 nicht mehr……“

„…okay, FAST vierzig Jahren, verkaufen sie Birkenstock und jetzt auf einmal nicht mehr….?“

„…Naja, die haben früher ein großes Lager gehabt, um alle Schuhe für Sie als Kunden bereit zu haben, damit sie jederzeit alle Modelle bekommen…….“

„Ach so und jetzt verlagert man die Lagerkosten einfach, indem man vorab liefert und die Ware dann bei Ihnen steht, inklusive Vorkasse…?“

„So in etwa.“

„Hm, das ist ziemlich einseitig, finden Sie nicht?“

„Wem sagen Sie das….“

„Oh, ich sehe sie schließen am 24.12. für Urlaub? Schön. Bleiben Sie hier oder fahren Sie…..“

„Kein Urlaub. Wir schließen…….“

„Wie, Sie schließen? Klar schließen Sie, ist ja Weihnachten….“

„Sie verstehen nicht, junger Mann. Wir schließen unser Geschäft. Feierabend. Schluss. Ende.“

„Ja, aber, haben Sie keinen Nachfolger?“

„Nein, wo denken Sie hin? Handwerk will heute keiner mehr…..schon gar nicht hier draußen!“

„Wie meinen Sie das? Will keiner? Sie haben doch immer gut zu tun…..“

„Natürlich. Aber die jungen Leute wollen in die Stadt. Außerdem gibt es heute Online-Schuhläden. Wer repariert denn heute noch? Man geht mit der Mode. Kauft flott über das Internet….und fertig. Was meinen Sie, wieviele sich bei mir beraten lassen und dann im Internet bestellen….viele…..“

„Aber das ist doch das Gegenteil von Nachhaltig, wenn ich mehr wegschmeiße als repariere? Ich will doch den Schuh anprobieren? Wieso bestelle ich Schuhe im Internet? Auf Foto’s sehen die doch anders aus, als in echt? Kapiere ich nicht….“

„Sie denken so, aber die Mehrheit……“ Ich unterbreche energisch, mir schwillt der Kamm.

„Sie sagen, dass viele zu Ihnen kommen, von ihrer Erfahrung und Ihrem Wissen profitieren und dann im Internet Geld sparen, weil es noch dazu bequemer ist…..?“

„…für das erste Ja. Geld sparen, tun Sie im Internet aber nicht. Oft sind die Preise die gleichen. Und ob es bequemer ist, Schube wieder zurückzubringen, wenn sie nicht passen oder den Vorstellungen nicht entsprchen, dass wage ich zu bezweifeln……wir sollten irgendwann alle fünf Jahre Prüfungen ablegen, um den Schein als orthopädischer Schuhmacher zu halten, der kostet 5000€. Außerdem haben sie dann eine gewaltige Adminstrationsmaschine zu füttern, wenn Sie mit den Krankenkassen zu tun bekommen. Ohweh, wenn Sie mal einen Fehler machen. Wir haben uns dann entschieden, aufzuhören, weil es nicht mehr um gute Schuhe und zufriedene Kunden, sondern der neuen digitalen Welt offensichtlich um was anderes, jedenfalls um etwas anderes als uns, geht. Daher fiel uns der Entschluss leicht.“

„Aber, dann gibt es hier auf dem Land keinen Schuhmacher mehr, oder wie sehe ich das…?

„Richtig. Da müssen Sie dann nach Hamburg reinfahren….“

„Und was ist, mit all denen, die nicht mal eben nach Hamburg reinfahren können….?“

„Tja, für die wird es schwerer, Schuhe zu bekommen…….“

„So einfach ist das? Zusammenfassend gesagt: Wachsende Bürokratie im Gesundheitswesen, kombiniert mit bequemen, voll digital-geblitzt-dingste, noch dazu rücksichtslose, ihre Verantwortung als Kunden ablenende Bürger sorgen dafür, dass in Lütjensee, ab 2020 kein Schuhmacher mehr ist, zum ersten Mal, seit bestehen des Dorfes, ist das so?“

„So ist es. Lassen Sie sich doch keine grauen Haare wachsen. Wenn Sie sehen würden, mit was für einen Tunnelblick die Autofahrer hier durch den Ort fahren, da wette ich, dass es niemand merkt, wenn wir weg sind. Erst, wenn jemand mal einen kaputten Schu hat, so wie Sie jetzt….aber ihre Schuhe repariere ich noch. Kommen Sie am 24.12. bis 12:30 vorbei. Das letzte Paar Schuhe, das ich repariere…….“ ich ringe nach Worten….

„Ja……………. ! Will sagen NEIN…..ich bin nicht einverstanden, dass Sie schließen. Und all das, was sie da sagen, lässt mich wütend werden. Um was geht es denn? Um Schuhe. Stattdessen bekommt man klar gezeigt, dass Adminstration, Zahlen und digitaler, vermeintlicher Internet-Komfort wichtiger sind, als die Sache selbst, nämlich, dass ich Schuhe brauche, und welche repariert haben muss…..zum Kotzen!“

„Ärgern Sie sich nicht……“

„Doch, verdammt…..das hat doch nichts mit nachhaltig, vegan und ökologisch zu tun, wenn ich mein Geld zu Internet-Firmen bringe, während die kleinen Händler um die Ecke alle dicht machen…..dann schaffe ich doch meinen eigene Arbeitsplatz übermorgen ab……..kapiert das in diesem Land keiner….wir sehen uns Dienstag, am Heiligen Abend – im wahrsten Sinne….!“

Anmerkung des wütenden Autors: Geschätzte Frau Bär – ich habe mir die Zeit geniommen, Ihre Seite zu besuchen. Ihre Digitale Agenda liest sich ganz gut, allerdings fehlt ein entscheidender Passus. Menschen sollten wieder vermehrt auf dem Land leben und dort arbeiten, um weniger Straßen zu nutzen, die Umwelt weniger zu verschmutzen und um mehr Arbeitsplätze auf dem Land zu erhalten und neue zu erschaffen. Hierfür brauchen wir in der Tat überall ein gut ausgebautes Daten-Netz – Kern des Ganzen muss aber die Dezentralisierung sein.

Städte müssen aufhören zu wachsen, auch um der Mietpreise Willen. Bevor jedoch neue Möglichkeiten wie Startup’s im Ländlichen wachsen, müssen die vorhandenen Geschäfte modernisiert werden. Schlachter, Bäcker, Handwerksbetriebe, Schuhmeister etc. müssen mit ihren Erfahrungen gestärkt und gefördert werden. Man muss ihnen zuhören. Vereinfachen statt verkomplizieren. Der Bürger und seine Bedürfnisse muss im Mittelpunkt stehen, keine Adminstration.

Erfahrene Meister müssen gezielt mit jungen möglichen Nachfolgern zusammengebracht werden. Hier können Sie helfen. Bringen sie die junge digitale Generation mit der analogen zusammen. Schaffen Sie wirklich Neues – auf dem Land, nicht in der Stadt, damit die wachsende Zahl der Rentner ebenfalls die Möglichkeit hat, daran teil zu haben. Zur Zeit verödet das Land auch in Sachen Geschäfte und Unternehmen. Dieser Trend muss aufgehalten werden, im Sinne der Bürger und der Umwelt.

Dies muss das wahre Ziel der Digitalisierung sein udn keine Transformation zum Selbstzweck, als unregulierbares Phänomen. Jedoch bedarf es hierfür einen aufgeklärten Bürger und Konsumenten, der sich seiner Verantwortung bewusst ist. Auch dies ist ihre Verantwortung – Digitale Aufklärung, oder in anderen Worten, die „Digitalisierung und ihre Folgen“

PS: Jetzt muss ich meine Latschen selber reparieren, wo ich keine neuen bekommen – save the Planet!

(siehe Link, Digitale Agenda 2014 – 2017 ab Seite 2 – Einleitung „Digitale Agenda für Deutschland)

http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/themen/it-digitalpolitik/digitale-agenda.pdf?__blob=publicationFile&v=4