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Zukunft, du mir Unbekannte – Odyssee 2021 CW01

10.Januar – Nachdenklich erkannte D, dass der Schein eben doch auch Sein zu sein schien. Merkwürdig, die Worte so angeordnet zu sehen, als hätte man Messer und Gabel vertauscht und kann nichts essen, obwohl doch nichts fehlt.

Konnte man sich ändern?

Was passierte, wenn wir nach Jahrzehnten erkannten, dass wir die Fischsuppe, die wir jeden Samstag vorgesetzt bekamen, uns in Wahrheit nicht schmeckte? Und was passierte auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, wo man vielleicht ebenfalls nach Jahrzehnten erkannte, dass man die Samstags-Fischsuppe in Wahrheit hasste und nur ihm zuliebe kochte, weil er sie so leidenschaftlich anpries ?

In D hatten sich Bilder und Gedanken angesammelt, die sich um jene geheimnisumwobene Unbekannte drehten; täglich bauten wir Brücken, zwischen Gestern, heute und morgen – nach und nach kamen erste Eindrück; immer mehr Worte gesellten sich dazu; bald schon bildeten sie eine neue Sippe – so geschah es, das D sprach:

Vergangenheit:

wer mochte nicht gerne auf dir segeln,

sich über wunderbare Momente schippern assen;

voll Ego und Leidenschaft wir schöner schienen,

doch es in Wahrheit nie waren;

erschien Vergangenheit auch glanzvoll, so blieb sie was sie immer war,

Kunst-Ausstellung gelebter Exponate;

lasst uns nun die Ruhmeshallen verlassen,

hinein in Trubel und Leben springend;

seht, wie er magisch plätschert und glitzert,

der rauschende Fluss;

wie er hinfortreißt,

zu unbekannten Ufern;

winkend grüßen uns die Ahnen,

endlich sind wir wieder frei;

auf zu unbekannten Ufern,

mögen sie lange Fremde bleiben;

unser Jetzt aus vollen Bechern trinkend,

bis der letzte Durst gelöscht;

bald weisen schemenhafte Schatten,

den nächsten unbekannten Hafen;

abermals gebar die Überfahrt,

die nächste Ruhmeshalle;

lasst das Reisen niemals enden,

möge es auch kurz erscheinen;

um zu bleiben, was wir immer waren,

Reisende, bis zum nächsten Hafen;

Dort bei reichlich Wein sprach ich einst:

Vergangenheit,

wer mochte nicht gerne auf dir segeln…..

 

 

Aθήνα – Odyssee 2020 CW43

25.Oktober – seit Monaten schob Schwerenöterin Corona D‘s Termin stetig weiter nach rechts, den er mit seiner Brieffreundin in Athen verabredet hatte. Ursprünglich sollte es im Sommer geschehen. Beide sprachen von Juni oder Juli. Doch die hochgekrempelten Arme aller euröpäischen Regierungen sorgten auch in Hellas für Ungemach, noch dazu spielte die Besorgnis der Bevölkerung eine große Rolle, die sich wie eine wild austreibende Weinrebe ausbreitete und das Alltagsleben immer fester umschloss, bis es quasi völlig zugewuchert zum Erliegen kam.

Mancherorts nannte man es Lockdown – aus D’s Sicht das Unwort des Jahres 2020.

Doch plötzlich bewegte sich was. Selbst die handlungswütigen unter den regierenden Südeuropäern erkannten die Sackgasse, in die sie sich gleichermaßen, wie die Nordeuropäer, hineinmanövriert hatten – den ökonomische Freitod – den sie ganz offen riskierten, wenn sie weiterhin die eigene Wirtschaft in Ketten gefangen hielten.

Dann nach regem Austausch, schien es endlich so weit zu sein: D hatte mit Nicól ein Zeitfenster verabredet, wo die griechischen Götter auf ihrer Seite zu sein schienen, allen voran Askläpios, der Gott der Heilkunst, mit dem D schon in 2019 einen innigen Austausch in Epidauros hatte – nicht auszuschließen, dass Nicól heimlich insistiert hatte, wo sie doch einen guten Draht zu ihnen hat, aber dazu später.

Blechern ertönte die Stimme des Kapitäns aus den Lautsprechern. „Cabin Crew, 10min to landing“. Schlingernd flog der Airbus A320 über die Ägäis. D sah Piräeus, den verlängerten Arm Athens am Wasser liegen, wie eine langausgestreckte Eidechse, die sich sonnte und deren Schuppen in der Sonne glitzerten. Rumpelnd setzte die Maschine auf. Hellas! – dachte D – war es erst ein Jahr her, dass er griechischen Boden betreten hatte.

Wieder empfing ihn die gleiche weiche Sonne und die gleiche würzig-flirrende Luft, wenngleich nicht mehr ganz so warm, wie im Sommer. Ein munter lossprudelnder Taxifahrer beschwerte sich über den Verkehrsinfarkt, den er täglich erlebte und der den Alltag oft nur schwer erträglich machte – wen auch immer man fragte:

Alle Athener zeichnete eine Art Hass-Liebe zu ihrer Stadt aus, die sich wie ein gewaltiger nimmersatter Organismus bis an die fern entlegenen Berge ausgedehnt hatte und in dem bereits 50% der in Hellas lebenden Griechen ihren Alltag beschickten.

Nachdem D einen Scooter bei Savvas von Motorent.gr bekam – D’s geliebte Honda Innova war leider noch nicht aus der Werkstatt wiedergekommen – preschte er schon an der Akropolis vorbei und bewegte sich in dem wahnwitzigen Verkehrsfluss der verrücktgewordenen Stadt, als hätte er die letzten Jahre nichts anderes gemacht.

Zwar blieb er wieder mal einer der Wenigen, der mit Helm und Handschuhen fuhr, aber das störte D wenig, hatte er doch in 2019 bereits ausreichend Bodenkontakt mit griechischem Asphalt gemacht. Bunten Pilotfischen gleich wuselten dutzende Scooter und Mopeds um Busse und Auto’s als wären sie gemästete Opferanoden von König Kekrops.

Ein paar überraschende, nicht minder beeindruckende Bocksprünge zeigten, dass die Straßenverhältnisse trotz Asphalt an vielen Stellen eine Art Acker blieb, bei dem D nur durch spontanes Aufstehen, seine letzte Rettung fand, um stechende Schmerzen im Souterrain zu vermeiden.

Innerlich hob D seinen Hut, als er durch Marousi sauste, erinnerte er sich doch noch gut an das Buch von Henry Miller „Der Koloss von Marousi“, dass er schon als junger Mann gelesen hatte, was schon damals seine Neugier auf Hellas wachsen ließ. Nach vierzig Minuten kam er ans Ziel – Kifisia, nördlichster Stadtteil der Hauptstadt.

Und nach kurzem Klingeln öffnete Nicól die Tür – trotz, oder gerade wegen Corona, umarmten sie sich lange und stießen fluchs mit einem Glas Weißwein auf ihr erstes Treffen an – nun war es also geschehen: Ihre Liebe zur Philosophie und zum Leben hatte sie zusammengebracht – schon nach wenigen Minuten ging in Nicóls Küche ein wahres Feuerwerk großer Namen hoch.

Schnell kamen sie von Heraklit, zu Sokrates, Platon, Aristoteles – bis sie einen kurzen Zwischenstopp bei den Herren der Aufklärung machten und die grundsätzliche, leicht erkennbare Missmutigkeit bei Schopenhauer und Kant einstimmig entdeckten, bis Nicól zu einem Vortrag über die drei Hauptthesen Heraklits ansetzte, dass D lächelnd lauschte, während er an seinem Wein nippte.

Hintergrund des ganzen war D’s Versuch, die heraklitischen Thesen, die man nämlich so auslegen konnte, dass Eros und Thanatos das Gleich sind, in Resonanz mit dem Freud’schen Lustprinzip und Todestrieb zu bringen, um diesen Kreis mit Wilhelm-Reich und Heraklit zu schließen, um das allgemeingültige Naturgestz der neutralen Lebenskraft zu beweisen, sowie die heraklitische Regel „παντα ρεί“ nicht nur natürlich, sondern auch meta-physich erneut zu beweisen und zu unterstreichen.

Über eine gemeinsame mögliche Abhandlung, über die alltägliche Begegnung mit der Heisenbergschen-Unschärferelation in Bezug auf das menschlichen Bewusstsein, hatten sie ebenfalls bereits gesprochen, was den Abend nicht nur zum Leuchten brachte, sondern auch zusätzliches Fleisch für D’s Messer lieferte, sowie sein nächstes Buch.

Nicól war für D nämlich mehr als eine unabdingbare Gesprächspartnerin; sie war vielmehr auch feste wissenschaftliche Größe, dessen Nordwand D nun mit all seinen Thesen im Gepäck, begonnen hatte zu besteigen, mit der festen Absicht, eine neue Gesamtheitliche These und Abhandlung zur Menschwerdung zu erarbeiten, bei der Nicól geneigt schien, unterstützen zu wollen.

Nikolitsa Georgopoulou-Liantini ist Professorin für Philosophie in Athen und ist sehr aktiv, wenn es um die Deutung der antiken, sowie jungen Philosophen geht, sowie allzeitbereit, wenn es darum geht, neue Thesen zu entwickeln, die möglicherweise auf Bekannten aufbauen.

Und so geschah es – Nicol und D begannen bereits Sonntag-Mittag mit einer Fortsetzung, ihres angeregten Gedankenaustauschs, der darin mündete, dass D begann sich Notizen zu machen, weil er bei der täglich wachsenden Gedanken-Pflanze kaum Schritt halten konnte, weswegen er sich erstmalig gezwungen sah, auf altmodischen Zettel und Stift zurückzugreifen, um Monsieur Thalamus in seinem Gedächtnispalast bei seiner Arbeit zu unterstützen.

Gerade in diesem Moment zogen sich die zwei zu einer kleinen Siesta zurückgezogen, um bei späterem Kaffee und Kuchen fortzufahren.

Wir werden sie weiterbegleiten, um zu sehen, was sie zusammen anstellen……

……

Freiheit und Schnupfen – Odyssee 2020 CW21

Ein weiterer Sonntag-Morgen, diesmal 8:30. Nachdem D bereits dreißig Minuten wach lag, zog er sich flott um, schlüpfte in seine Laufschuhe und lief in leichtem Trab die Garonne entlang. Schon die ganze Nacht hatte er über ein paar Dinge nachgedacht, wie zum Beispiel, wie hielten es Europäer mit der Freiheit und der damit verbundenen Selbstbestimmung; was bedeuteten für sie Worte wie Risikogruppe und Systemrelevanz, vorausgesetzt, allen schien klar, von welchem System man sprach.

Wie immer, tat D sich schwer mit dem vermeintlich üblichen Gebrauch von Worten, aber vor Allem, tat er sich deswegen schwer Worte und ihre Nutzung zu verstehen, weil ihre Mehrdeutigkeiten und abgeleiteten Gebräuche in exponentielle Interpretations-Varianzen mündeten, dass viele seiner Gedanken lange brauchten, um ihn zu neuen Erkenntnissen zu bringen, oder eben nicht.

Nicht nur, dass sich die Ungenauigkeiten über tausenden von Jahren hinzogen, so gut wie nie korrigiert wurden, sondern, und das wog für D viel schwerer, sich munter weitervervielfältigten, dass selbst erfahrene und verantwortungsbewusste Journalisten sich schwer taten, im Dickicht der komplexen deutschen Sprache noch halbwegs klar zu sehen, geschweige eine wirksame Schneise in den gewaltigen Buchstaben-Dschungel schlagen zu können.

Mehr und mehr bemerkte D, dass er drohte zu verkauzen, wenn er nicht ausreichend Kontakt mit andersdenkenden und lebenden Menschen hatte; immer wieder setzte er kleine Testbojen in seinem Wörtermeer aus, um zu schauen, wie die Mitmenschen reagierten. Apokalypse, war so ein früh misshandeltes und falsch benutztes Wort, dass, wen wunderte es, seit dem Einzug in die christlichen Testamente, im kollektiven Bewusstsein der Alten Welt und ihrer Bürger eingemeißelt blieb, ohne im entferntesten zu erinnern, wofür es ursprünglich stand.

Doch wie sollte Europa seine Bürger in die vollständige Freiheit erneut entlassen, wenn das Verständnis unterschiedlich, Beschneidungen anders wahrgenommen und ihr Fernbleiben nicht registriert, weil der Bürger sich nicht mehr sicher war, was Freiheit eigentlich bedeutete?

Doch es kam aus D’s Sicht noch viel dicker:

Wie sollte man jemandem etwas wiedergeben, wenn er nicht merkte, dass man es entfernt hatte, oder noch besser, wie ging man mit etwas um, das offensichtlich niemand mehr selber verantworten wollte?

Hatten Demokratien ausgespielt? kamen sie nach 2500 Jahren aus der Mode und wenn ja, warum? Weil nur die Dinge uns Menschen Werte gaben, für die wir kämpften? D wusste es nicht.

Glasklar war ihm aber, dass für ihn, als menschliches System, die Freiheit absolut systemrelevant blieb und dass Selbstbestimmung für ihn bedeutete, jederzeit Schnupfen zu bekommen, wenn er zu leicht bekleidet umherrannte, dass er das hausgemachte Risiko erhöhte krank zu werden, wenn er weiter viel trank und rauchte und dass er später, mit Mitte Siebzig weiterhin selbst entscheiden würde, wann er, um welche Uhrzeit vor die Tür ging, weil SEIN Körper, SEIN Leben, SEIN Geist nur IHM gehörten, weswegen ER damit machen konnte was ER wollte – was ER wollte.

Für D hieß Freiheit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, was hieß, dass er bei Rot nicht die Ampel kreuzen sollte, wenn er nicht sicher war, dass die Straße frei blieb, dass, wenn er mal wieder fernab von asphaltierten Straßen auf Schotterwegen mit seinem Motorrad unterwegs war und diesmal schwer stürzte, nicht so leicht wie auf Kreta vor einem Jahr, sondern so schwer dass er sich ein paar Knochen brach, das er ganz alleine dafür die Verantwortung zu tragen hatte, denn er selbst war es, der sich für diesen Weg entschied.

Das blieb D‘s Lebensprinzip, vollständig von Konstantinos Kavafis wunderbarem Poem „Ithaka“ abgeleitet – war in diesen magischen Zeilen nicht alles enthalten?

Warum dachten so viele Parlamente, dass man Bürgern sagen musste, dass ihr Leben tödlich gefährlich sein konnte, wenn man zu viel wagte? Warum dachten und erwarteten Bürger, dass Regierungen ihnen sagten, was sie zu tun und lassen hatten, wenn ein Virus durch die Straßen fegte?

Wussten sie nicht jeden Tag, dass man jemanden mit schwerer Grippe nicht unbedingt besuchen sollte, wenn man selbst schon alt, oder krankheitsbedingt wacklig auf den Beinen war? Mussten Politiker ihren Bürgern sagen, dass man sich durchzechte Nächte fürs Erste schenken sollte, wenn man mit schwerem Fieber und Schüttelfrost das Bett hütete?

Über dies und vieles Anderes grübelte D, als er über die Pont Neuf nachhause lief, die sonnendurchfluteten Straßen und Häuser dabei betrachtend, um wieder zur Erkenntnis zu gelangen, dass für ihn Freiheit das wertvollste Gut blieb, für das es sich immer lohnte zu streiten und zu kämpfen, besonders dann, wenn ängstliche Menschen in neuralgisch wichtigen Positionen, aus vorschnellem Wohlwollen, sie einzuschränken gedachten, zum Wohle ihrer Bürger, die darüber bitte schön auch weiterhin selber richten wollten, was sie mit wem in ihrem Leben tun wollten.

Vielleicht barg diese merkwürdige Zeit eine Riesenchance für alle, damit wir nach unserem Freiheitsverlust, aufs Neue für sie kämpften und stritten, damit wir sie wieder neu wertschätzen lernten, wie etwas, dass man überraschend verloren hatte und auf einmal, aus dem Nichts, wieder auftauchte – vielleicht lassen wir sie uns beim nächsten Mal nicht noch mal wegnehmen……dachte D und ging, ein paar abschließende Dehnübungen machend in seine Küche, um ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück vorzubereiten.

 

Sokrates Satire – Odyssee 2020 CW16

Sonntag, 19.April 2020 – genauer gesagt, Ostersonntag, wenn man gewohnt ist, den griechisch-orthodoxen Ritualen zu folgen; gerade bin ich wach geworden; normalerweise bleibe ich länger im Bett liegen und genieße das langsame auftauen, aber nicht heute. Zu mächtig war mein Traum, an den ich mich vollständig bis ins Detail, erinnere.

Irgendwie habe ich auf einem Berg meditiert, keine Ahnung wo das war, jedenfalls hatte er Wasser-Nähe; es sah eher nach Meer als nach einem See aus; ich meditiere da so vor mich hin, konzentriere mich auf existenzielle Dinge wie den letzten und nächsten Urlaub, sowie den letzten und nächsten Apéro, was einen vor erstaunliche Fragen stellt, jetzt mit dem verlängerten Confinement in La France, als mir auf einmal Sokrates erscheint, aber nicht so flaschengeistmäßig, so halb durchsichtig und so, sondern richtig in echt, direkt vor mir stehend; ich schrecke zusammen und merke, dass ich unsanft auf dem Kissen lande; jetzt steht also der Meister aller Meister vor mir, au Backe!

„Guten Morgen Don, du hattest nach mir gerufen?“ Völlig verdattert komme ich ins Stottern.

„Äh, Meister, äh, gerufen? Vielleicht eine e-mail, aber so mit Pferd und so machen wir das eigentlich nicht mehr….“ Kann man, darf man Sokrates eigentlich widersprechen…?

„Sei es, wie es sei, lieber Don; gestern kam ein Bote geritten, der mir die Nachricht überbrachte, dass du mich zu sprechen wünschest; so habe ich mich aufgemacht; was kann ich für dich tun….?“

Voll krass! Ich kneif mich in die Innenseite meines Oberschenkels, wo es besonders weh tut, um sicher zu sein, dass ich nicht träume; es schmerzt höllisch, verdammt, er steht wirklich vor mir; okay, sammel dich; was könnte ich ihn denn mal; so ein Mist, immer werden Wünsche war, wenn man nicht vorbereitet ist; beeindruckend tiefe Stirnrunzeln hat er; ganz schön lässig, wie er so mit Chiton, dem langen weißen Bart und den lockigen weißen Haaren vor mir steht und darauf wartet, mir, ausgerechnet MIR zu helfen……das glaubt mir niemand!

„Setz dich bitte, ja, du kannst mir tatsächlich helfen…“ Er setzt sich sehr langsam auf einen neben ihm liegenden Stein, wenn er jetzt den Kopf auf einen seiner Arme stützt, werfe ich mich sofort den Berg runter…..

„Ja, ich höre, womit kann ich dir helfen……?“ Er soll das mit der Hilfe lassen, es macht einen ja ganz wuschig; wie soll man sich auf etwas konzentrieren, wenn der große Meister dich besucht und ständig wiederholt, dass er ausgerechnet DIR helfen will; ich habe doch gestern Abend keine Drogen genommen, warum ist der Kerl denn jetzt da; hast du ihn dir herbeigewünscht? Merkwürdig; okay, konzentriere dich, also was könntest du? Ach ja, Corona! Nee, mit so etwas kannst du ihm nicht….oder doch? Ach, frag ihn doch erst einmal…..genau…..

„Sag mal, wie wir hier jetzt so zusammensitzen, weißt du eigentlich, was zwischen deinem Schluck aus dem Giftbecher und heute alles passiert ist…?“ Jetzt habe ich es! Ich muss seinen Geist geweckt haben, als ich sein Gefängnis im letzten Jahr besuchte; habe da ein paar Sachen vor mich hingemurmelt………

„Finde ich übrigens echt stark, dass du ihr Urteil aus Respekt vor dem Staat angenommen hast, Hut ab, mein Lieber! Da müsstest du heute lange suchen, um so einen zu finden, der aus ähnlichem Holz geschnitzt ist, das kann ich dir sagen…..!“ Aber echt, heute geht es den Herrschenden ja bloß um, ja worum eigentlich? Wissen wir das? Achtung, er lächelt, hör genau hin was er sagt, hörst du…?

„Lieber Don, sei dir gewiss, dass die Hintergründe meiner Urteilsanerkennung und die Verurteilung selbst, nicht ganz so stattgefunden haben, wie ihr es euch heute erzählt; nach so einer langen Zeit und all der furchtbaren Anhimmelung meiner Person, was ich grundsätzlich ablehnungswürdig finde, schlage ich vor, dass wir uns schlicht auf die wenigen geschichtlich wahren Fakten einigen, nämlich dass ich den Schierlingsbecher akzeptierte und ihn daher trank; wie du weißt, bin ich dann verschieden, einverstanden…?“

„Okay-okay, einverstanden…!“ Wie kann man das denn nicht sein? Nein, Sokrates, ich bin dagegen, ich habe einen besseren Vorschlag…? Ist ja lächerlich……

„Gut! Und zugegebener Maßen erinnere ich das ja bald selber schon nicht mehr, wie die Geschichte ging; aber zurück zu dir; womit kann ich dir helfen….?“

Stimmt, wir sind keinen Schritt weiter; was wollte ich ihn eigentlich; man bist du nervös; komm doch mal runter; ach so ja, jetzt hab ich es….

„Ich kann sonst auch später wiederkommen, wenn es dir besser passt…..“

„Nein-nein, bleib wo du bist…entschuldigung, will sagen……ich hab’s schon; also……“

„Ja-ha? Womit kann ich dir helfen, lieber Don…? Der macht mich wahnsinnig, mit seiner unaufgeregten Art und dem ständigen Wiederholen; okay, los doch, konzentrier dich; stell dir vor, er besucht dich nur einmal in deinem lausigen Leben; womit soll, kann, oder muss er dir helfen, was du nicht selber, alleine hier….okay, genau, das ist es…..

„Kannst du machen, dass sich die Menschen mehr mögen? Damit sie weniger Streit und Krieg machen und dieser ganze Kram, wie dem Errichten von Grenzen endlich aufhört? Vielleicht könnten wir dann endlich ein geeintes Europe werden, was meinst du…..?“

„Möchtest du, dass ich dir erst bei deiner Sympathie-Frage helfe, oder möchtest du zuerst meine Meinung zu deinem skizzierten geeinten Europa hören….?“ Boah ist der anstrengend, wie kann man jedes Wort auf die Waagschale legen, da musst du ja höllisch aufpassen, was du sagst; okay, sei dir klar, was du willst.

„Sympathie, zuerst die Sympathie bitte…..!“

„Wie du wünscht, lieber Don…also, zuerst einmal sollten wir zusammen feststellen, was du zwischen den Menschen verbessern möchtest; du sprachst davon, ob ich machen kann, dass die Menschen, ich zitiere dich…“sich mehr mögen“…ist das so richtig wiedergegeben….?“

„Genau, sie sollen einander mehr mögen, sich sympathischer sein…..…..“

„Warte lieber Don, nicht so hastig; lass uns zuerst einmal die Grundlage zusammen festlegen; ich habe dich also richtig verstanden? Das ist ein guter Anfang; meine Antwort ist NEIN.“

„Äh, wie bitte? Wie NEIN….du bist Sokrates, wer DENN, wenn nicht du kann machen, dass….?“

„Sei kein Narr, Don; ich bin lediglich ein alter Mann, der zu viele Fragen gestellt hat; wie im Namen aller griechischen Götter soll ich machen, dass sich alle Menschen; wie viele seit ihr noch? Acht Milliarden? Wie soll ich dir, gar allen Menschen helfen, gar MACHEN, dass sie sich mehr mögen? Abgesehen davon, bin ich nicht gerade bekannt dafür ein besonders sympathischer Mann zu sein, deinen / euren Wortgebrauch ausnahmsweise nutzend; ich verwende übrigens den Begriff und seinen Inhalt, also die Bedeutung des Wortes ganz anders, als ihr das tut; nein, hierbei kann ich dir und den Menschen nicht helfen; was kann ich sonst für dich tun?“

„Aber Sokrates! Was müsste denn geschehen, DAMIT, die Menschen mehr….?“

„Mein lieber Don; ich kenne die heutigen Menschen nicht; das ging mir schon damals so; kannst du mir sagen, was einen Menschen KENNEN für dich bedeutet? Ich weiß es nämlich nicht….“

„Jetzt hör aber auf, mich auf den Arm zu nehmen, geschätzter Sokrates! Du wirst doch wohl dich und deine Nächsten, Freunde und Familie genauestens…..?“

„Wie könnte ich? Selbst heute, über 2400 Jahre nach meinem Tot, verstehe ich die Mehrheit der Dinge um mich herum nicht; nehmen wir zum Beispiel meine Frau, wie sollte ich sie kennen? Sie kennt sich selbst ja nicht; wie soll ich sie dann…?“

„Moment mal! Du willst mir sagen, dass du deine eigene Frau nicht kennst; dass du nicht weißt, wer sie ist; willst du weiterhin Scherze mit mir treiben, oder können wir….?“ Langsam werde ich sauer; wie selten und geil, sauersein auf Sokrates; ich muss mir das Gefühl irgendwie konservieren und für später aufheben.

„Aber mitnichten, lieber Don; manche kennen sich nicht einmal auf dem Sterbebett; ich kann jemanden sympathisch, dem ursprünglichen Wort nach, finden; also das zugewandte Fühlen zu einer Person hin; ich kann dir sagen, dass meine Frau gut kochen kann, dass sie den Haushalt unheimlich gut organisiert und unser weniges Geld beeindruckend gut zusammenhält; dass sie Geranien lieber als Rosen hat und Wein dem Wasser bevorzugt; das wir uns auch heute, zueinander hingezogen fühlen, aber kennen……“

„Aber Sokrates! Wie können wir Menschen uns weiterentwickeln, wenn wir beide uns schon bei einzelnen Begriffen nicht einig und unterschiedlicher Auffassungen sind? Wie…..?“

„Wenn du die Antwort nicht kennst, lieber Don; wenn ich sie nicht, wenn niemand sie hat, wie denkst du, könntest du vorgehen?“

Ich habe den Eindruck, mehr Fragen als Antworten zu bekommen; das soll Sokrates sein; ist der aber was von anstrengend……

„Na wie schon, indem ich suche……?“

„Dieser Weg erscheint der passende für dich zu sein; suche, lieber Don und nimm es einem alten Mann nicht übel, nicht auf alles eine Antwort zu haben“

„Schon gut, du bist Sokrates, was du nicht weißt und kannst, was sollen wir dann schon….?“

„Ich bin nur ein alter Mann, der dir dabei versucht zu helfen, deine eigenen Erkenntnisse zu gebären; suche, soviel dir möglich ist……..“

„Okay-okay, ich hab’s verstanden; wie lange denn? Wie lange denkst du muss ich…..?“

„Bis du dich selbst erkennst……“ Ich ahnte es….

„Eine Frage habe ich aber noch, geht das…?“

„Nur zu; ich bin hier, weil du mich gerufen hast; womit kann ich dir helfen, lieber Don?“ Wenn er das noch einmal sagt, vergesse ich mich….!

„Warum haben dich die Athener eigentlich wirklich zum Tode verurteilt? Das kann unmöglich der überall nachlesebare Quatsch sein, dass du angeblich die Götter missachtest und zweifelhaften Einfluss auf die Jugend hast; all diese Dinge hatten doch überhaupt keinen Einfluss auf die Stadt und das öffentliche Leben und das Respektieren geltenden Rechts….?“

„Lieber Don…das Leben, mit allem darin ist viel einfacher, als wir Menschen wahrhaben wollen; Menschen zum Nachdenken und Hinterfragen einzuladen ist und bleibst die gefährlichste aber auch schönste Sache im Leben eines jeden Menschen; tun das viele und zeigen diese alle dankend auf dich, wenn man sie nach dem Grund befragt, wird jeder seinen Becher kriegen, mag er auch in unterschiedlicher Gestalt daherkommen…….Mit was kann ich dir noch helfen….?

„Ich glaube für heute langt es; nimm es nicht persönlich; ich spüre gerade eine ziemliche Lehre in meinem Kopf; könnten wir verabreden, dass….?“

„Allen meinen Schülern ging es wie dir; die Mehrheit hat es nicht offen gewagt zu zeigen und auszudrücken, wie du, lieber Don, aber ich kann es euren Gesichtern ansehen, wenn euch die Lust und Neugier vorrübergehend verlässt; entschuldige, ich hatte dich unterbrochen; was wolltest du vorschlagen……?“

„Können wir verabreden, dass ich dich wieder rufe, wenn ich eine Frage habe….?“

„Können wir so machen…..ich habe dir auch einen Vorschlag zu machen…..schreibe alternativ die Dinge auf, die du mich fragen möchtest und versuche, in einem fiktiven Dialog herauszufinden, ob du meine Antworten vielleicht schon kennst, einverstanden….?

„Einverstanden!“ Na da habe ich mir ja was eingebrockt….

„Ich würde mich dann wieder zurückziehen….ist das in Ordnung…?

„Natürlich-natürlich; war schön dich zu treffen, Sokrates. Merkwürdig, irgendwie weiß ich jetzt auch nicht mehr von dir, wie kommt das bloß…..?

„Aus Wiedersehen, lieber Don; hat mich auch sehr gefreut. Siehst du? Schon erlebst du den ersten positiven Effekt; du verstehst etwas nicht und beginnst sofort mit dem Suchen……Mach es gut,…..bis bald…….

„Tschüß……!“

Plötzlich schieße ich hoch und liege in meinem Bett und nicht mehr auf dem Berg. Vielleicht sollte ich jetzt langsam mal aufstehen und mir einen Kaffee machen……