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Musik vom Wurzelshakra – Odyssee 2020 CW07

Heute Mittag ging ich spazieren. Sie Sonne dröhnte frech vom Himmel, als würde es kein Unrecht im Universum geben. Fast die halbe Welt schien draußen zu sein, so voll war es an der Garonne. In langsamen Tempo schlenderte ich dem gemächlich dahinfließenden Strom entlang, der sich auf die Canneles in Bordeaux im Geiste vorbereitete.

Ich näherte mich einer Bank, auf dem ein Mann um die Sechzig saß, der entspannt dem Gleiten des Wassers zusah, wie es sich um die Biegung an der Pount Neuf schlängelte, an der man vor 400 Jahren den ersten Spatenstich tat und über 100 Jahre brauchte, um sie fertig zu stellen. Sowas nenn ich mal Geduld und langen Atem. Dagegen ist der BER ein Witz, wenn man bedenkt, wie schnell man den errichtet hat. Vielleicht hat man ganz bewusst ein paar Architekten aus Südeuropa einfliegen lassen, um dem BER eine barocke Eleganz und Nonchalance einzuhauchen, bevor er fertig genannt wird.

Eine Zeit sitze ich so da und höre, wie uns aus weiter Entfernung angenehme Musik, sanft wie der Strom umwabert. Nichts dabei ahnend höre ich mich rein. Bald bin ich ganz darin abgetaucht, vergessen sind Zeit und Raum. Nach einer Weile schaltet sich mein Gedächtnis-Palast ein, was nicht immer automatisch Gutes heißen muss. Monsieur Thalamus fragt mich, wo denn die Musik herkommen mag. Ich sag ihm, dass es mich nicht interessiert, solange sie da ist. Natürlich lässt mein Unterbewusstsein nicht locker. Anscheinend kommt die Musik von dem Mann neben mir, der glücklich in die Welt lächelt. Ich horche ganz bewusst hin – und tatsächlich: Sie kommt von ihm. Zufrieden lehne ich mich zurück und lausche den angenehmen Tönen.

Nach einer Weile, es war mir klar, dass Monsieur M. nicht ruhig sitzen konnte, bohrte er mir eine weitere Frage ins Großhirn – wie zum Teufel macht er die Musik? Hat er so einen kleinen Bluetouth-Speaker in der Tasche? Ich hatte wenig Lust, an so einem unwichtigen Thema herumzuspekulieren und sprach ihn an:

„Entschuldigen Sie; ich höre, dass Sie Musik dabei haben; wo kommt die her? Haben Sie einen kleinen Lautsprecher in der Jackentasche?“ Freundlich und beseelt lächelt er mich an.

„Sie kommt aus meinem Arsch!“ Erschrocken und ein wenig angewidert, von dieser derben, rohen, im Grunde unerwartet schmutzigen Antwort, pralle ich zurück, in der Hoffnung mich verhört zu haben. Sekundenlang ringe ich mit mir, mich angeekelt abzuwenden, mit der Ahnung, irgendeinen Perversen erwischt zu haben, entschließe mich aber aus irgendeinem Grund dagegen.

„Entschuldigen Sie, wie bitte? Woher kommt die Musik?“

„Sie haben richtig gehört, aus meinem Arsch! Übrigens sind Sie der Erste, der nachfragt und nicht schockiert davonläuft.“

„Aus ihrem Arsch? Wie macht er das?“

„Ganz einfach; dort, wo sie ihr Arschloch haben, habe ich einen Lautsprecher.“ Anscheinend bin ich in einem surrealen Traum, der sich überraschend real anfühlt und fühle mich eingeladen nachzufassen.

„Wie soll ich mir das vorstellen? Müssen sie nicht auch hin und wieder, ich meine wie wir alle, zum Klo gehen? Haben sie etwa einen zweiten Ausgang, als wären sie der eine, mit drei Nasenlöchern?“

„Nein, ganz im Gegenteil; ich habe wirklich eine Art Lautsprecher, anstelle einem Darmausgang, wissen Sie…“

„Aber wie funktioniert denn ihr Stoffwechsel? Essen und Trinken Sie nichts?“

„Doch natürlich und sogar reichlich, schauen Sie….“

„Und wo landet das alles? Sie können doch unmöglich….“

„Das versuche ich Ihnen ja gerade zu erklären; was meinen Sie, wie viele Ärzte mich schon untersucht haben; anscheinend funktioniert mein Körper wie jeder andere; er zieht aus der Nahrung die wertvollen Stoffe raus, damit ich am Leben bleibe, mit dem kleinen Unterschied, dass er den vermeintlichen unbrauchbaren Rest wirklich in Musik verwandelt, sozusagen….“

„Das ist ja Wahnsinn, Sie sind das erste Lebewesen, das die vollständige Resteverwertung erreicht hat, was für ein Wahnsinn; was für Musik spielen Sie denn so? Sind die Ärzte nicht auf…..?“

„Natürlich! Man hat mich ungezählte Male untersucht, in der Hoffnung mein System zu kopieren; stellen Sie sich mal vor, wenn wir den ganzen Müll der Welt in Musik verwandeln könnten? Abwasser, Verpackungen, jegliche Form von Schrott; alleine der ganze Atommüll, all die vielen Brennstäbe, die wir in der Erde verscharren; wir könnten…..!“

„Natürlich, ganz genau – überall würde schöne Musik erschallen, wenn Abfälle verwertet werden; was für ein Wahnsinn; wie können Sie denn die Musik beeinflussen? Haben sie eine Art Hitparade entwickeln können, bei welchen Speisen, ich denke da zum Beispiel an die Unterschiede zwischen Fisch und Fleisch; wie wirkt sich das…..?“

„In der Tat ist das ein gewaltiger Unterschied; aus irgendeinem Grund macht mein Körper aus Fisch und Gemüse klassische Musik, vornehmlich Beethoven und Mozart, während er bei Rind und Lamm, also dunklem Fleisch eher zu Elektro tendiert. Schwein und schwere Sachen im Allgemeinen lässt Rock’n’Roll und Post-Punk Musik entstehen. Nur wie ich Chansons hinbekomme, das entzieht sich leider meiner….….“

„Sie retten die Welt, wissen Sie das? Mit Ihnen als Beispiel, kann die Wissenschaft riesige Fortschritte, die ganze Menschheit einen gewaltigen Schritt, bei der Rettung des Planeten machen – Sie glauben gar nicht, wie erleichtert ich…..“

„Freuen Sie sich nicht zu früh; es gibt auch andere Meinungen die behaupten….“

„Sie nehmen mich auf den Arm, oder? Welcher geistig gesunde Mensch….?“

„Zum Beispiel die Gewerkschaft der Müllwirtschaft; die wollen mir ein Musikverbot erteilen, weil ich sie um ihre Arbeit bringe, wenn plötzlich aller Müll vom Planeten verschwindet; auch die Recycle.- und Transport-Industrie; sie glauben gar nicht, wie viele am Unrat, an der Beschädigung des Planeten verdienen; neulich hat mich sogar die Kirche scharf angegriffen, ob ich denn meine christlichen Werte verloren hätte, wo ich so viel Arbeitslosigkeit und unwiderrufliche Veränderungen auslösen würde, was zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Verwerfungen zwangsläufig führen muss; sie können sich das gar nicht vorstellen, mit was man mich da täglich konfrontiert….!“ Sprachlos sitze ich ihm still gegenüber, unfähig meinen offenen Mund zu schließen. Langsam finde ich Worte, die ich nur mühsam zusammengefegt bekomme.

„Wollen Sie mir allen Ernstes sagen, dass……?“

„Ja, so ist es; niemand ist in Wahrheit daran interessiert; weder an Musik, noch an der musikalischen Müllbeseitigung, bei der ich….……“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche; ich habe da eine sehr technische Frage; wie soll ich mir das denn vorstellen…?“ In diesem Moment steht er auf, öffnet seinen Gürtel, lässt die Hose heruntergleiten, was die Passanten zu weiten Bögen und erschrockenen Blicken animiert, während er sich seine Unterhose runterzieht, sich wie beim Proktologen elegant nach vorne beugt und mir seinen haarigen Arsch entgegenstreckt, in dem in der Mitte, wahrhaftig, so wahr mir Zeus helfe, ein kleiner Lautsprecher prangt, mit vielleicht fünf Zentimetern im Durchmesser, einfach unglaublich!

Entsetzte Mütter ziehen ihre beugierigen Töchter vorbei, murmeln hinter vorgehaltenen Händen ihr Entsetzen, während sein Hinterteil wunderbare Melodien dahinsäuselt. Nachdem er sich die Hosen wieder hochgezogen hat und mir die staunende Verwunderung die Sprache wiedergegeben hat, will ich mehr Details haben.

„Wie sieht es denn hinter dem Lautsprecher aus; haben die Ärzte dazu etwas….?“

„Natürlich; sie meinen nachgewiesen zu haben, dass sich mein Enddarm zu einem echten und wahrhaftigen physischen Wurzelshakra transformiert hat, das alles in Frequenzen, in Musik verwandelt.“

„Wie wunderbar; geben Sie auch Konzerte?“

„Nein, um Gottes Willen; ich habe es einmal versucht; als ich für den besseren Klang meine Hose runterlassen wollte, so wie eben, haben ein paar Frauen die Polizei geholt, die mich schnurstracks abführen ließ; es war der helle Wahnsinn, dass kann ich ihnen sagen….!“

„Und dann?“

„Ich verbrachte ein paar Monate in der geschlossenen Anstalt, bis Ärzte mir Glauben schenkten! Sie müssen übrigens sehr aufpassen, weil…..“

„Wieso, wovor?

„Wenn Sie genug Zeit mit mir verbringen, kann sich ihr Wurzelshakra auf meines einschwingen und dann machen Sie die gleiche Transformation durch, geben Sie fein Acht…deswegen lasse ich Sie jetzt besser alleine; ich kann das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass Sie auch einen Arsch bekommen, der Musik macht……“

Seit gestern sitze ich jetzt länger auf Klo und horche vorsichtig in die Stille hinein, in der Hoffnung etwas Neues zu hören; manchmal meine ich schon zarte Klänge, ähnlich wie eine Mozartserenade zu hören…….“

 

 

Blume, Mensch, Hologram

Ich denke zu viel. Gestern hab ich es gemerkt. Ich hatte eine SMS bekommen. Das passierte immer wieder. Ich muss gestehen, dass ich lieber schreibe, als telefoniere. Mir fehlt die Körpersprache meines Gegenübers. Auch seine Stimme brauche ich. Wenn ich nur einen Apparat in der Hand halte, der zu mir spricht, dann habe ich das Gefühl ich spreche mit einer Maschine. Die Stimmen klingen mir oft auch völlig befremdlich. Außerdem spuken mir immer Worte im Kopf herum, dass ich manchmal ein Komisches erwische. Ich unterstelle mir, dass ich das nur mache, um ein bisschen Spaß zu haben. Wenn das so ist, wäre das ziemlich egoistisch, besonders wenn der Andere davon nichts weiß. Im Grunde ist es sogar unfreundlich, richtig rücksichtslos. Deswegen schreibe ich lieber. Das ist für alle besser. Schreiben ist für mich lebenswichtig. Es hat mich schon oft gerettet. Allerdings muss ich sehr aufpassen. Wenn ich zu viel schreibe, oder zu viel darüber nachgrüble, was ich schreiben möchte und keinen Ausgleich habe, dann mutiere ich irgendwann zu einem schrägen, wortpuristischen Einsiedlerkrebs. Wenn ich mich dann verwandelt habe,  das geschieht meistens völlig unbemerkt, so unbemerkt, dass ich es nicht mal selber merke, erschrecke ich mich irgendwann, weil ich Offensichtliches, nicht mehr verstehe. Dann weiß ich, dass es wieder passiert ist. Gestern war das so und ich musste sofort an Peter Bichsel und an „Ein Tisch ist ein Tisch“ denken.

Gerade hatte ich Maria-Antonia angerufen und ihr zum Geburtstag gratuliert, als kurz darauf das Handy vibrierte und anfing unruhig vor sich hinzublinken. Ich drückte an dem Gerät herum, bis das Blinken aufhörte und mich eine neue Nachricht ansprang:

„Hallo Don; deine Post aus Ottensen ist zurückgekommen!!!! Gruß Stefanie“

Ich las die Worte nochmal und nochmal. Nichts. Rein gar nichts. Es war nichts zu machen. Ich verstand nicht was das bedeutete. Ich schaute mir die Worte einzeln an. Das ging gut. Die Botschaft blieb mir jedoch verborgen. Und außerdem, wer war Stefanie?

Hatte ich vor kurzem Post verschickt? Ich erinnerte mich nicht. Hatte diese Stefanie mir Post zuschicken wollen, die mir nicht zugestellt werden konnte und deswegen kam sie zu ihr zurück? Ich wohne ja, wo ich wohne. Also, will sagen, ich bin ja da. Mein Name steht auf dem Postfach. Der Postbote kennt mich. Warum sollte er mir was vorenthalten? Oder mir etwas nicht zustellen wollen, wenn es etwas für mich zum Zustellen gab? Ich kapierte es nicht. Ich antwortete auf die SMS so unmissverständlich, wie es möglich war.

„Ich habe keine Ahnung, warum die Post zurückgekommen ist. Ich wohne hier seit einigen Jahren. Eben habe ich nachgesehen: Mein Briefkasten ist noch da. So wie ich.“

Vermutlich werde ich bald Post von Stefanie bekommen. Ich weiß zwar immer noch nicht, wer sie ist, aber ich finde es noch taktloser nachzufragen. Ich bin vergesslich. Es hat auch nichts mit Wichtigkeit zu tun, obwohl mir das ein paar Frauen gesagt, sogar vorgeworfen haben. Mein Unbewusstes macht gar keine Unterschiede. Jedenfalls nicht, das ich mir dessen bewusst bin. Es schert alles über ein und denselben Kamm. Ich glaube einfach, dass es sich für Manche unangenehm anfühlt, wenn ich vergesse mich an sie zu erinnern. Doch für ihre Gefühle bin ich nicht schuld. Sie fühlen sich so, weil sie in mein-vergesslich-sein etwas anderes hineininterpretieren. Das wäre ungefähr so, als wenn ich Stefanie vorwerfen würde sich nicht genug Mühe mit meiner Post gegeben zu haben.

Diese ganze Schose erinnerte mich auch daran, dass ich seit Monaten laufen will. Irgendwie hat das oft nicht geklappt. Ich habe es immer wieder verschoben. Wieder und wieder. Erst um Tage, dann um Wochen. Ich glaube nämlich, dass ich auch zu viel rumsitze. Das ist nicht gut für mich. Bewegung ist wichtig. Bevor ich gestern einschlief, nahm ich mir fest vor, es am nächsten Tag zu tun. Dieser Tag ist heute. Und tatsächlich: ich bin gelaufen. Das war super. Es war zwar sehr grau und windig, aber ich fühlte, wie der frische Sauerstoff meinen Körper in Wallung brachte. Ein tolles Gefühl. Beim Laufen kamen mir auch viele neue Ideen.

Ich erinnerte mich daran, dass ich mich mehr um Giulia kümmern wollte. Sie ist eine interessante Frau. Mit ihr habe ich gerade ein Déjà-vu. Es ist wie bei Alessandra und Maya. Wir Menschen leben manchmal so vor uns hin, dass wir gar nicht merken, dass wir uns von unserem Selbst entfernt haben. Dafür haben wir richtiges Talent. Sowas gelang uns über Jahre. Wir konnten, von unserem Selbst ganz unbemerkt, in unserem all-inklusive Hologramm leben, ohne etwas zu spüren und ohne zu merken dass wir uns nichts Gutes mehr tun.

Als ich die Elbe erreicht hatte, erinnerte ich mich an Mayas Worte, als wir auf Helgoland waren. Sie findet, dass ich mich in manchen Geschichten über Vieles lustig mache. So über das Leben, die Menschen und das alles. Ich würde keine Lösungen haben. Oder Alternativen zeigen und sowas. Sich nur lustig zu machen, ohne dem Leser etwas anzubieten, fände sie etwas wenig. Maya’s Meinung ist mir sehr wichtig. Ich mag Maya sehr, auch wenn sie über Manches anders denkt als ich. Das gerade finde ich so schön an ihr. Alles was sie sagt, hat Gewicht. Wirklich alles.

Ich lief an einer Kirche vorbei. Ein paar Uniformierte legten einen Kranz nieder, was mich daran erinnerte, dass wir Volkstrauertag hatten. Maya’s Worte klingelten mir noch in den Ohren. Wer hatte denn Antworten für das Leben, außer dass Eigene zu leben? Ich bin ein einfacher Mann. Ich lache über mich und skurrile Dinge genauso, wie über Dinge die ich nicht verstehe. Ich habe keine Angst zu fragen, auch wenn es oft ist. Je länger ich darüber nachdachte, fand ich schon, dass ich auch Ideen hatte. Vielleicht drücke ich mich nicht immer gut aus. Das könnte es sein. Davon mal abgesehen finde ich, dass Humor eine ganz passable Weise ist, die Welt zu betrachten. Ich möchte nämlich kein Dauer-Melancholiker sein.

Ich habe zwei Freunde die auch schreiben. Martin hat schon zweimal versucht sich umzubringen und Bernd trinkt. So wollte ich nicht sein. Richtiger Schwermut ist wirklich sehr anstrengend. Manisch Depressive kenne ich. Mal fliegen sie mir was vor, das ich denke ich bin ein Einzeller und mal trauern sie und verscharren sich, dass ich an Ramses und das Tal der Könige denke. Von einem Extrem ins Nächste. Das zerrt an den Kräften.

Während ich so vor mich hinlief, dachte ich mir, dass wir unser Leben nur ändern, wenn ein Meteorit einschlägt. Oder wenn wir unerwartet krank werden, oder wenn uns jemand wachrüttelt, vorausgesetzt, wir ließen es zu.

Mit Giulia bin ich sehr gerne zusammen. Ich habe sie gerne bei mir. Sie hat ein tolles Lachen und einen trockenen Humor, den sie manchmal mit Chili würzt. Letztens haben wir im Café de Paris gefrühstückt. Sie hatte ein Strickkleid an, was ihre schönen langen Beine betonte. Sie sah toll aus. Ich fühlte mich wie Wile E Coyote, der mit gewetztem Messer hinter dem Roadrunner her ist. Wenn es Giulia gut geht, kann sie das blühende Leben sein. Im Cafe de Paris sah sie auch so aus.  Seit kurzer Zeit ist sie leider mehr eine traurige Blume, deren Blätter schwer unter den dicken Tropfen der Melancholie und Schwermütigkeit zu tragen haben, mit dem ihr Leben sie unkontrolliert besprenkelt und gießt. Ich glaube es gibt ein paar Dinge die sie stören. Wenn dann der Herbst kommt, mit grauer Wettersuppe, mit Wind & Kälte, wenn die Unzufriedenheit wuchert und den Tisch verziert, wenn munter durch die Luft vagabundierende Erkältungsviren erst an unserer Nase, dann an der Tür klopften, dann sind wir für-war leichte Beute.

Ich war auf dem Rückweg und lief das kurze Stück am Indochine vorbei, wo ich gestern ein paar Fotos gemacht hatte. Dann rannte ich den Neumühler Kirchenweg hoch und kam wieder an der Kirche vorbei. Der verlassene Kranz bewachte traurig das feuchte, metallischglänzende Mahnmal. Vor langer Zeit hatte man es zu Ehren der Gefallenen aufgestellt. Gerade warf ich noch einen kurzen Blick, sah den gesenkten Blick des Marmors, als es durch mich hindurch fuhr: Mich ärgert es, das Giulia so vor sich her mäandert und von Entzündungen, Kopfschmerzen und akuter Schlappheit gebeutelt ist. Das fing an, mich richtig zu nerven.

„Die werde ich mir schnappen. Ich werde mich um sie kümmern, aber richtig. Nicht mehr reden: Handeln. Klar, wenn sie nichts ändern will, nicht offen für Veränderung ist, dann lass ich sie weitermachen und weiterziehen. Aber ich werde ihr ein paar Sachen zeigen, ein paar Dinge anbieten. Ha, das wäre ja wohl gelacht, wenn ich die nicht aus ihrem Kokon und Dornröschenschlaf gerissen bekomme!“

Ich fragte mich, warum ich das machen wollte. Wozu? Warum?  Ist es Neugier? Oder war es etwas anderes? Ich hatte den letzten Kilometer vor mir. Buntes, verklebtes Laub auf dem Boden. Der Belag wechselte ständig. Es war ziemlich rutschig. Ich musste aufpassen. Ich horchte weiter und weiter. Nichts. Da plötzlich sah ich eine stille Vorfreude lächeln. Das war es: Es ist Freude und Neugier. Das ist wie Sneak-Preview. Du machst es, ohne zu wissen was herauskommt. Das ist es. Ich bin gespannt, was zum Vorschein kommt. Manchmal gab es die größten Überraschungen. Hin und wieder nahm es ganz unerwartete Formen an, wenn man einen Menschen auspackte. Wenn er neue Facetten an sich fand, die er mochte, vielleicht sogar anfing zu lieben, konnten die tollsten Sachen passieren. Es ist Neugier und Instinkt, gepaart mit Vorahnung. Bei Charlotte, Alessandra und Maya hatte es geklappt. Bei Giulia würde es das auch. Es würde gut werden.

Ich bog um die letzte Ecke und ging den Rest. Ich machte ein paar Atem und Dehnübungen und freute mich auf mein Frühstück, mit Café und wachsweich gekochten Eiern.

Als ich die Tür aufschloss, sah ich im Briefkasten nach. Vielleicht gab es am Sonntag Post von Stefanie. Als ich die Treppe hochging dachte ich an die Geschichte, die ich schreiben wollte. Schon pflückte ich ein paar saftige Worte und sortierte den Inhalt:

„Ich denke zu viel. Gestern habe ich es bemerkt.“