Schlagwort-Archive: Tot

Mephisto am Sonntag – Odyssee 2020 CW19

Wie jeden Morgen stand D mürrisch auf und erschrak im Spiegel, über das stetig schroffer werdende Korallenriff, dass er sein Gesicht nannte. Nachdem er einen ersten überraschenden Angriff seiner tief in ihm wohnenden Faulheit abwehren konnte, auf das morgendliche Zähneputzen zu verzichten, nestelte er widerwillig am Rand des Waschbeckens herum, bis er Bürste und Tube fand.

Fünf Minuten später streifte er eine der herumliegenden Jeanshosen über, griff mit spitzen Fingern ein sauber aussehendes T-Shirt, schlüpfte in Schuhe und machte sich in der Küche zu schaffen, während er eine halbwegs rhythmische Melodie pfiff. Gedankenlos blickte D aus dem Fenster, während ein kleiner Kochtopf auf der Herdplatte gemütlich vor sich hinzischte, als er bemerkte, dass es ihm heute gut passieren könnte, Muttertag zu vergessen.

Von außen betrachtet schien D eigentlich ein ganz netter Kerl zu sein, wenn man von seinen unangekündigten störrischen Reaktionen absah, die an borstige Esel, aus katalanischen Tiefebenen erinnerten und nicht an einen ruhelosen Schreiberling, der seit zwei Jahrzehnten versuchte herauszufinden, warum Wasser nass ist.

Während er hin und wieder am Café nippte und in seine Zeitung blickte, fragte D sich, was er nun wirklich von all den Verrücktheiten da draußen halten sollte. Täglich warfen sich seine müden Augen in das gewaltige Daten.- und Zahlenmeer, dass die Medien stündlich in tsunamigleichen Schockwellen in die Straßen gossen, bis alle, einer nach dem anderen, langsam aber sicher in den Fluten ertrank.

Nicht nur, weil D großen Respekt vor den Weltmeeren hat, aber eben auch, schwimmt er täglich, nach kurzer Zeit zurück ans Ufer, zieht sich am eigenen Schopfe aus dem Strudel des globalen Informations-Gewitters und nimmt sich aufs Neue vor, noch kürzer zu treten. Doch womit eigentlich? D vertritt seit Jahren die These, dass es zum Menschsein dreierlei Dinge bedarf. Seiner Ansicht nach, stellen Armut, Freiheit und Tot die einzigen Grundbedürfnisse dar, um Mensch zu werden.

Nicht ganz überraschend erschien ihm daher die Erkenntnis, dass er vom Corona-Wahnsinn, oder der weltlichen Werte-Implosion, wie er die aktuelle Situation gerne nennt, recht wenig hielt. Sicherlich, auch ihn hatte Manu Bonaparte eingesperrt, aber das hatte ihn genauso wenig gestört, wie die pikierte Reaktion der französischen Reporterin, die ihn während eines Interviews vor einigen Tagen zu spitzen Bemerkungen eingeladen hatte.

Darunter befand sich unter anderem seine These, dass zwischen dem Trumpismus, „Amerika’s first“ und dem „Vive la France, vive la République“ der aktuellen Fünften, sich in Wirklichkeit kein inhaltlicher Unterschied finden ließ, außer der sprachlichen Form, die im Falle Frankreichs, elegant daherkam.

Nachdem die ebenso hübsche wie auch bornierte Journalistin D’s Ansicht zu Europa zu ergründen versuchte, zeichnete sich schnell ab, dass auch in Sachen EU seine Betrachtungen derzeit auf wenig Resonanz trafen, da es seiner Ansicht nach unmöglich ist ein europäisches Wir-Gefühl aufkommen zu lassen, solange sich Einzelstaaten einsperren und niemand den Anfang macht.

Dies und jenes ging in D’s Gedächtnispalast vor, während seine Augen den Artikeln seiner Wochenzeitung folgten und seine Ohren das stetige Summen eines beachtlichen Brummers vernahmen, der sein dünnhäutiges Nervenkostüm malträtierte.

Gerädert blättert D eine Seite weiter, nippt an seinem bereits kalten Kaffee, als der Brummer direkt vor seiner Nase eine unscheinbare Notlandung hinlegt, mit anschließendem Auf-den-Rücken-Werfen und Mit-den-Beinen-strampeln. So etwas hatte D noch nie gesehen. Wie wild strampelte die Fliege mit den Beinen, deren Flügel wie unbeteiligt liegen blieben. Ganz vorsichtig, versuchte er das kleine Fluggerät auf die Beine zu drehen – ohne Erfolg. Es strampelte so vehement mit den Beinchen, dass ein Aufstellen unmöglich blieb.

Mehr und mehr machte es den Anschein, als hätte die Fliege kein Interesse weiterzufliegen. Gebannt sah D der Fliege zu, wie ihre Beine in der Luft wild rumfuchtelten, als sie plötzlich, wie aus heiterem Himmel regungslos erstarrten, als hätte die Schöpfung den Stecker gezogen.

Völlig überrumpelt von den sich überschlagenden Ereignissen, nutze D die Gunst der Stunde und stellte die Fliege auf ihre Beine – wieder ohne Erfolg. Völlig erstarrt fiel die Fliege wieder und wieder um, ohne sich zu regen. Geschockt erkannte D: Sie ist tot! Direkt vor meinen Augen gestorben. Noch nie ging vor D’s Augen etwas ohne Fremdeinwirkung in die ewigen Jagdgründe.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, murmelte er sichtlich ergriffen in Richtung des Leichnams.

„Soll mir das was sagen?“, fragte er laut, jedoch ohne Antworten zu bekommen. Minutenlang blickte D zur Fliege, in der Hoffnung, es handelte sich um eine Art Blitzschlaf, wie er es von Kater Garfield kannte. Aber nein. Noch viele Stunden später, sah man die gleichen Stirnrunzeln auf seinem Gesicht, wie just nach dem Aufschlag des Flugobjekts, das ihn den ganzen Muttertag lang, zum Nachdenken zwang.

Nur mühsam gelang es seinen Gedanken von den letzten Krumen der nackten Erkenntnis abzulassen, das er das Leben auch als Krankheit ansehen könnte, von dem ihn der Tot befreit, womit er den Tot als Medizin und nicht als Unheil ansehen könnte.

Vielleicht ist es auch so mit dem Drinnen und Draußen; vielleicht gibt es all das in Wirklichkeit nicht; könnte es nicht sein, dass alles nur eine Frage der Skalierung ist? Doch all die Grübeleien ließen D nicht von der Erkenntnis entkommen, dass der Tot, vor seinen Augen, seine langen Arme nach dieser Fliege ausgestreckt hatte, während er seelenruhig Zeitung las, als wäre nichts geschehen.

Vermutlich, dachte D, ist das die Erklärung für alles: In Wahrheit ging es nicht um den Killer-Virus; es ging einzig und alleine darum, dass auch nach tausenden von Jahren, die Angst vor dem Tot immer noch größer ist, als jede andere. Angst und Furcht schienen die vorübergehenden Wachstumsmotoren unserer Gegenwart zu sein.

„Hoffentlich machen sie bald Platz für positivere Lebensmodelle“, dachte D, als er sich auf seinem Sofa ausstreckte und mit seiner Katze im Arm ein nicht ganz unverdientes Mittagsschläfchen machte.

 

 

Odyssee 2019 – CW41

Broterwerb am Montag – ein unschönes Wort; sein Brot er-werben, was implizit heißt, dass man es tun muss, weil es sonst nichts zu essen gibt; wir verbringen viel Zeit damit – Erschaffung von Schuld & Sühne, welch geniale Idee, Macht durch Wissen auszuüben und das schon so lange. Heute ist Kapital die neue Kirche. Instrument der Macht? Wissen; alte Bekannte im edlen Gewand elitärer Akademien – alte Platte, mögest du ewig weiternudeln, so wie früher!

Dienstag – stülpte ich mein Innerstes nach außen, ohne zu verkleben. Um sieben aufstehen, 30min laufen, ohne Pause – dann ausmümmeln, duschen und Frühstücken, hintereinander, nicht gleichzeitig; dann Broterwerb in Büro-Kaserne; erwäge im nächsten Jahr meine Arbeitszeit zu verkürzen; schönes Wort, Arbeits-Zeit-Verkürzung – wun-wun-wunnaba. Mittag mit „Me-myself-and-Ei“ – mag das zu dritt in der Kantine zu sitzen. Dreibeine sind auch statisch gesehen das Ideal; da kippelt rein gar nichts. Nachmittags, früher Abend schreiben; dann ging die Sonne unter; ich haste in den Supermarkt, Gemüse, Lachs, Brot und Kleinkram; draußen erste Zeichen vom güldenen Eichenlaub – Mitternacht dann heia-bubo.

Mittwoch – Letzter Tag vor Moped-Wanderung; vormittags Mahlzahn mit Brille und Laptop; Nachrichten und Termine mit dem Rechen gehakt, gewendet, getrocknet und zu Heu verarbeitet; ich mag Gras; Lunch mit einem Freund an der Garonne; Wein zum Mittag in der Woche zeigt, dass du alles richtig gemacht hast; kannst du nur keinem sagen; ihr habt Verständnis, ich kenne euch, zumindest tief verborgen, wo es muffig und feucht ist. Abends ein paar Sachen gepackt, dann Lachs mit Toast – guten Abend!

Donnerstag – Wecker um 5:00 Uhr! Heute bring ich meine CBR600, die ich liebevoll Wanze nenne, zurück zur Quelle, droben im Norden, zu Loka; komme pünktlich um sieben am Flughafen an; dort steht sie seit fünf Monaten; lasse den Starter nudeln, nichts; nur ein wenig hüsteln; weiternudeln, schnell macht die Bakterie die Grätsche; dann anschieben, bis die Knie zittern; ein paar Biker helfen, bis unsere Beine weich wie Pudding sind; bald stellt sich heraus, dass die alte Dame in den 5 Monaten 5 Liter Sprit durch die Unterhose hat laufen lassen.

Also los, Kanister gekauft, Sprit rein, geschwind zurückgefahren; hinein mit dem Humpen, frisch löungsgeglüht genudelt und kawumm – bravó-bravó! Und losfahren – merkwürdig, wie schwer die sich lenken und fahren lässt; völlig normal bei 2 Plattfüßen; abenteuerlich, wie ich die erste Autobahnraststätte anlaufe – endlich Luft in die Rueda’s und weiter; im eleganten 200KM-Takt getankt, gepinkelt und weitergefahren; zum Glück regnet es, da trocknet die Erde nicht aus; schön all die Gischt auf dem Visier; gut dass ich Samstag noch Regenkalmotten gekoft hab.

Frankreisch ist schön – Brücken, Berge, Bäume fahren wie ein Quentin Tarantula Streifen vorbei; Reisetempo 120-140, besser iss das; Brive-de-la-Gaillarde crossing; Clemong-Ferrong taucht auf Schildern auf; Hamburg sucht man vergeblich, dafür reichlich Paris; geographisch geht es jetzt radikal rechts-ab, Richtung Cle-Fe; einsam reite ich grüne Berge rauf und schroffe Täler nunter; nimmer-endendes Asphaltband, hin und wieder unterbrochen von Mautstationen; wieder anfahren alle Gänge durchschalten, Affen hinter Cockpitscheibe machen, Beine einrollen und weiter-rauschen; nach Clement geht es durch Vichy, Quellwasserfreaks aufgepasst; dann weiter Richtung Chalon-sur-Sàone; Schafe, Weiden, sympatisch-verlodderde Häuser, Traktoren, klapprige Auto’s; Gemütlichkeit.

Zwischendurch tanken, dann weiter Richtung Nancy und Metz; tanken, pinkeln, weiterfahren; es läuft ganz gut so ohne Pause; dann Luxemburg; endlich Pause beim goldenen M; die Bedienung nimmt keine Bestellungen mehr auf, das machen jetzt Service-Stationen, wo ich mein Kram eintippen darf; nach 15min gebe ich auf; ein junger Franzose zeigt mir die Prozess-Schritte, die ich bis eben gerade nicht hätte wissen wollen; ich bekomme einen Zettel, mit meiner Bestellung drauf, den es nicht geben würde, wenn ich sie wie immer akustisch geteilt hätte; was für ein Schwachsinn; Müll produzieren, um die Effizienz auf Kosten der Kunden zu erhöhen; good-bye Mc-Donalds, wie hast du mir noch nie gefehlt! Natürlich ist nicht alles auf meinem Tablett, als meine Nummer auf dem Bildschirm erscheint – ähnlich wie bei Arbeits.- oder KFZ-Zulassungsstelle – ich suche die Kamera vergeblich; schöne neue Realität.

Auf Klo soll ich einen weiteren Automaten mit 70cent füttern; Geld verdienen mit meiner Notdurft, wahnsinn! Wutentbrandt krabble ich unter dem Drehtor durch, beobachtet von einer entsetzten Klofrau; bevor sie die Polizei ruft, hauche ich ihr schneidend-leise zu: „Ich werde nicht in die Hose pinkeln, weil ich vorher meinen Schein kleinmachen muss, iss klar, oder?“ – sie lässt mich gewähren; ich kann es nicht fassen, springe auf meine alte Dame und fahre weiter Richtung Trier; die Dämmerung drückt das Licht zu Boden; bald gleiten wir über A1, dann A48; Ulm geht es ab Richtung Nürburgring, alte Heimat; 10 Jahre Kreisfahren, mit und ohne Kontakt; Etappenziel erreicht, Pension-Müller Herschbroich, Franziskaner-Weizen und Zigarette zum Abschluss; erste Etappe geschafft, gute Nacht.

Freitag – 8:00 Uhr aufstehen, 8:45 „In-der-Dell“, 9:00 Uhr Frühstück bei Rewe in Breidscheid. Um 10:00 Uhr Abfahrt in den Norden; rolle zufrieden an der Ahr entlang; alles heil geblieben die letzten 47 Jahre, mehr oder weniger; zu viele Tränen und Kollateralschäden; manchmal merkt man nicht, dass man die Axt im Wald ist; A61, dann A1; Frankreich war leer, Deutschland ist voll; ich fege durch den Pott, zum Mittag Kamener-Kreuz, dann auf die A2, fluchs durch die Porta Wesfalica, Bückeburg, mit Berg und brauner Vergangenheit; tanken, pinkeln, weiterfahren, nichts hat sich verändert; meinen Knochen geht es wunderbar.

Rasthof Allertal Pause, mit Burger-Krieg, ähem, King; Menschen bedienen mich und das Essen ist besser, ein Glück! Jedoch auch hier 70cent für die Notdurft; ich ziehe das Drehtor ein wenig in meine Richtung; siehst du, da pass ich locker durch, blockiere es bis es brummt und schlüpfe unbeobachtet hindurch; mit meiner Notdurft wird nicht abkassiert – ist ethisch und moralisch verwerflich; gegen Nachmittag endlich Ankunft in Wilstedt-Siedlung bei alten Freunden; hier wird die alte Dame Rente einreichen – feiern, trinken, essen, lachen und schluchzen, alles gleichzeitig, wunderbar; gegen Elch dann Taxi nach Siek – Waidmannsheil!

Samstag – Frühstück, einkaufen, Buchpakete nach Griechenland aufgeben, neue Bücher im Laden abholen; mein Hirn braucht Futter; dann Physiotherapeut zuhause; ächzen und stöhnen; dann schreiben, schreiben schreiben; abends dann Freund mit Rotwein für die Seelen, reden für‘s Leben; es geht um Trennung und Neuanfang, Life is a bitch! Gegen eins ins Bett, gute Macht!

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – dann Kumpel-Besuch, mit Ente, Wein und Bier, aber nicht zu viel – Zeilen fertig-tippen, korrigieren, hochladen und ab-dafür.