Aller Schnecken Fang

Streunend lief ich umher – tagelang. An manchen tat ich nicht mal das.

Flirrende Hitze überm Horizont. Damokles nicht weit – Unendlichkeit zehrt mich aus. Bluthunde die an Knochen nagen.

Willenlos lauf ich Dünen empor, erklimm sie selig, nicht ohne Mühe. Für kurze Zeit Gipfel Hoffnung die zusammenfällt. Asche nachrutschend.

Schlüpfrig-ölige Angst. Weicher mehliger Rücken, kurz zuvor mit Stolz erklommen. Ewig geht es weiter – erst eine, dann die Nächste.

Gefühle längst abhanden-gekommen. Keine Orientierung, wohin ich auch geh. Wind lässt monotone Bilder zu Boden gehen. Laue Lüftchen umschleichen mich.

Schmetterlinge die Wirbelschleppen feinster Seide zogen, Beine umkreisend. Vage die Wirkung – real oder nicht.

Dunkler Punkt in weiter Ferne – beharrlich näherkommend. Tragische Fällen, Bergsteiger oder Abenteurer, in Stille vertrocknend eingegangen.

Blätter – saftig grün, als Laub zu Boden gegangen – hat’s all die schönen Zeiten nie gegeben?

Gefällter Baum, lautlos, vom Winde verweht zu Boden gehend.

Wüstenei

Sand, soweit das Auge reicht. Wind streicht über aberwitzig geformte Dünen-Kämme, verfängt sich an ihren unsichtbaren Schultern, kreist sich, dreht sich immer mehr um sich selbst ein, bis er zu feinem Staub zu Boden rieselt – kleine, große, ein Meer von ihnen, wohin ich auch sehe – in unendlichen Weiten sich verlierende Horizonte – habe die Orientierung verloren, fühle mich wie betrunken.

Bin in Seenot geraten, auf hoher See – mitten im Ozean des weiten unendlichen Sandes – bin von Bord gegangen, war nicht mehr einverstanden mit den Rhythmen der menschlichen Gezeiten – hab mich abgewendet – alleine auf hoher See – stampfe gewaltige Wellenkämme empor – wie eingefroren liegen sie da, warten darauf von mir bestiegen, erstmalig erklommen zu werden.

Sand umstreicht seidig meine Beine, versucht mich zu verführen, mich abzubringen, vom Pfad den neu ich begonnen – so, wie immer – habe keine Hetze, drehe mich langsam um mich selbst; Leuchtturm auf hoher See, stur reicht mein einsamer Felsen aus dem Wasser empor, auf dem mein Leuchtfeuer ich einst errichtet – nun denn, last uns weitermachen.

Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen – alles so neu, als wäre ich ein Neugeborenes, das seine ersten Schritte tut – tapsig, unsicher, ewig schwankend darauf wartend, zu Boden zu gehen und doch weiter voranzutaumeln. Pfeifend zeigt der Wind mir den Weg – blinzelnd schau ich nach vorne – schwer ist der Gang, tief sinke ich ein, schwer ist die See – ich gehe einfach weiter und weiter – wird so schlimm nicht sein und wenn ja, was änderte es.

Weitermachen, immer weiter und weiter machen – so wie alle zu allen Zeiten – nicht fragen, einfach annehmen, danken, lächeln und weitergehen – aufrecht, gerade und stolz, mögen sich auch die Weltenstürme noch so sehr an mir abnagen, sattfressen, bis sie zu platzen drohen, vor Freude, Sättigung – dekadenter Langeweile, erste Anzeichen vom nahen Ende, mögen einem die Aasgeier noch nicht aufgefallen sein, wie sie gierig Krallen und Schnäbel blecken – bereit um zuzustoßen.

Keine Menschenseele, weit breit – nicht einmal einer ohne – kein Strauch, kein Baum, nur ein unendlich weites sandiges und staubiges Nichts. Komme mir vor wie ein Wüstenschiff – rauf den Wellenberg, bis zur Spitze, endlich drüber, dann wieder hinunter, den langgezogenen Wellenrücken, bis die nächste heranrollt – wieder rauf, kleine Schritte, obacht, nicht wanken – einen vor den anderen Fuß setzen – Sand prasselt hin und wieder auf mich ein, bildet sandige Kokusmakronen in meinen Augenwinkeln, die ich nach und nach weg-blinzle, aus den Ecken rausreibe, wie ungenutzter Blütenstaub.

Lange gewartet, nie gebraucht – einen vor den anderen – erstaunlich vielfältig die Struktur der Dünen, all die Formen, quirligen Vertiefungen, Formen und Verwerfungen, die einem erst Sicht und dann Verstand rauben – einfach weitermachen – Hitze lässt Sicht und Herz flimmern – habe aufgehört zu zählen, müssen bereits Dutzende sein, die ich hinaufgekrackselt und hintergerodelt bin – keine Ahnung wie lange es schon so geht – Sekunden? Minuten oder Stunden? Gar Jahre?

Niemand weiß es – ist auch nicht wichtig – Neues nicht in Frage stellen – Sonnenstrahlen strömen um mich herum, verhüllen, was schon immer bin gewesen – hab die Vergangenheit losgelassen, kann nun endlich wieder fliegen – keine Last mehr, die mich will halten am Boden, bloß nicht zulassen, dass er wieder aufsteigt – nie wieder ward gesehen.

Wann endlich werd Land ich sehen? Bleibt in Wahrheit jeder auf ewig allein? Geh weiter Leuchtturm, bis endlich Land und Frau wirst finden – dann zögere nicht, steige an Land, gehe vor Anker, bestell einen Garten, schlage Feuerholz, streiche Wände, baue Betten und sei bereit, fürs große Ganze.

 

Odysseus der Neuzeit

Etwas Unbekanntes hat sich meiner bemächtigt – so wie morgendlicher Frühlingsnebel, den man zwar wie dicke Suppe sieht, aber nicht greifen kann. Man hat mich umstellt – umzingelt von einer teigigen Präsenz. Etwas ist zu Besuch gekommen, hat sich eingenistet in meinem Fleisch und Geist und hält meine Seele umklammert.

Was ist geschehen?

Die Luft riecht luftig und leicht – Sonnenstrahlen vermehrten sich wie Schnecken und scheuchen meine tiefschlafende Natur mit roher Gewalt auf, indem sie Säfte durch meine Kapillaren jagen, gleich Bauern, die des Morgens ihre Schweine mit Mistgabeln aus den Ställen treiben. Sogar die Vögel, wundern sich, dass sie noch lieblicher als sonst herumzwitschern und ertappen sich dabei, wie sie sich selbstverliebt zuhören.

Was ist passiert?

Hab ich irgendetwas Unbekanntes eingeatmet, oder ist in mich eingedrungen und saust durch meine Blutbahnen, alle Organe zu einer großen Feier einladend? Ist es was Physisches? Mein Gedächtnispalast jedenfalls, hat zur Zeit das Schild „geschlossen“ vor die Tore gehängt.

Etwas hat mich durch Mark und Bein erschüttert.

Nach der letzten Drachenbändigung, hatte ich dem schlafendem Ungeheuer, vorsichtig und ganz sachte, Stück für Stück einzelne Schuppen aus dem Panzer gezogen, um mir eine unzerstörbare Rüstung für mein Herz zu bauen. Doch wie konnte mich jetzt sein Pfeil treffen? Hat er am Ende meinen Drachenpanzer durchschlagen und ist mir bis zum tiefsten Punkt ins Herz gefahren?

Es ist offensichtlich – der Bogenschütze hat mich erwischt, es konnte nicht anders sein. Dabei habe ich ihn nicht mal gesehen – es ist zum verrückt werden. So ein abgekartetes Spiel – noch nie strauchelte ich so sehr – krachend zu Fall gehend, unter tosendem Weltengelächter.

Seitdem fahre ich ziellos auf dem Meer herum.

Kapitän auf großer Fahrt und kein Land in Sicht – hoffentlich erschlägt mich all das Wasser nicht. Man läuft Gefahr, nicht ins Paradies, sondern zu Monstern, Medusen und Riesen zu kommen. Deswegen schön weiterfahren, ohne zu ahnen wohin, geschweige zu wissen warum und weshalb.

Natürlich auf die Gefahr hin, wie eine zu schnell abgeschossene Flipperkugel, unkontrolliert durch den Orbit herumzuschippern, ohne die leiseste Ahnung, wohin die Reise geht – fast immer dabei verbrennend, verglühend, wie wunderschöne Sternschnuppen – um unter rauschendem Beifall wieder und wieder neu aus der Asche zu fahren.

Ungeduld und Ansprüche, nähren unser Fegefeuer der Eitelkeit, in dem wir uns selbst knusprig rösten, bis wir den Götter serviert werden. Die einzige Macht die wir haben, den Weg raus aus dem galaktischen Flipperautomat zu finden, hinein zum Licht, ist das Verweilen, die Muße. Mit Gelassenheit und Ruhe können wir sie aus der Reserve locken – Spiel umdrehen, die Angebote des Lebens abwarten. Geduldig sein und tapfer weiterfahren.

Wer nicht alles riskiert, kann auch nicht alles gewinnen.

 

Müll und andere Geschenke

Seit einiger Zeit kann ich nicht mehr richtig schreiben. Keine Ahnung warum. Wenn ich anfange, ein paar dieser Worte aneinanderreihe, dann sehen mich die Buchstaben an und zeigen mir den Stinkefinger. Zum Glück geht es mir ähnlich, sonst wäre es wirklich schwer zu ertragen.

Alles was ich zur Zeit schreibe finde ich Scheiße – selbst wenn sich die Herren Buchstaben und Frauen Buchstabinnen noch so anstrengen, einen gescheiten Fluss herstellen zu wollen – es nützt nichts. Alles, wirklich alles, was mir seit ein paar Wochen aus der vermeintlichen Feder läuft, ist nicht besser, als der feuchte Film, der sich um alte Abflussrohre legt, mit dem man niemals in Berührung kommen will – schlimmer noch – alleine die Tatsache, dass man weiß dass es diesen Film gibt, ist mehr als genug.

Mir geht es da übrigens ähnlich wie mit Klopapier.

Ich weiß, dass ich es brauche, natürlich – aber ich will nicht wissen wofür, verdammt nochmal. Ich mag Fäkalien nicht sonderlich – natürlich kenne ich mich mit dem menschlichen Stoffwechsel hervorragend aus und das nicht nur, weil ich in Bio eine zwei hatte – aber ich würde es gerne lieber nicht wissen müssen. Und tatsächlich mache ich da keinen Unterschied, ob es sich um physische, schriftliche oder akustische Ausscheidungen handelt – ich kann sie nicht leiden. Nicht, dass ich mich ihnen verweigere, im Gegenteil.

Ich lebe in Demut mit und unter ihnen, aber das heißt nicht – verdammt noch Mal – dass man mich als Scheißhaus, als Komposthaufen, oder als Müllkiste missbrauchen darf oder gar kann – wo ja ständig irgendeiner kann oder muss – und dem man all die Dinge reinschaufelt, die man recyceln oder schlicht und einfach – loswerden will.

Es ist der Mechanismus der mich anwidert.

Dass die Dinge irgendwann raus müssen ist klar. Aber die Tendenz, dass es sich immer, wirklich immerzu um eine Art Einbahnstraße handelt, dass der Entleerer immer nur gibt, statt nimmt – dass ist eine Vorgehensweise, die ich nicht mag – wo ich mich wirklich schwer tue, ihn zu akzeptieren. Deswegen sind für mich auch die Müllmänner der Städte und Kommunen die wahren Helden der Zivilisation. Sie, und nur sie tun das einzig Richtige, was zu tun ist – die Welt am Laufen halten, damit nichts den natürlichen Fluss blockiert, damit die Dinge nachrutschen, damit wir alle weiteressen, weiterleben können – dank moderner Abfluss-Systeme und Müllmänner – einer, so wie ich.

Im Ernst – so ein bischen Dünger im Garten ist nicht schlecht – natürlich, ich weiß das und das nicht nur, weil ich ein grundsätzlich offener und hilfsbereiter Mensch bin, wenngleich es einige Menschen gibt, die das anders sehen.

Ja, wirklich – mit mir meint man über alles reden zu können!

„Schau mal, wie wäre es mit ein paar weiteren Pferdeäpfeln für deine Blumen – deine Rosen würden sich freuen, meinst du nicht? Nein? Warum nicht? Du hast dich doch sonst für jeden Mist hergegeben, warum jetzt plötzlich nicht mehr? Wir haben ein Recht auf Kontinuität – du kannst nicht einfach so nein sagen, dich aus dem Staub machen und so tun, als hättest du vorher nicht all die Gülle brav umgegraben, die wir dir in deinen filigranen Garten gedonnert haben, bis dir der Mist bis zu den Knien stand!“

(Welch wunderbares Bild, findet ihr nicht?)

Ich erinnere es genau – mein Garten sah so sauber und rein aus. Überall glänzte es. Welch Stolz und Freude ich spürte, wenn Besuch kam – wie er neidvoll staunte, über meine kleine Insel Mainau, einfach wunderbar. Ganz anders die dauerhaft verwüstete Runkelrübenlandschaft, nachdem man mir reichlich eingeschenkt hatte – eine Mischung aus Bombentrichtern und Erdhügeln, reichlich gefüllt mit dem Auswurf meiner Mitmenschen – und wie beeindruckend es bei mir stank – wie ich all das Hinkippen und Hinschmeißen sprachlos annahm – wie man mich immer mehr vollspritzte, bis ich von oben bis unten mit Matsch, Dreck und Unrat zukleistert war – wahnsinnige Vogelscheuche, die stolz und stoisch zugleich im Sturm des Lebens, im Orkan des Schmutzes und Unbills stehen blieb, den mir meine lieben Mitmenschen ungefragt angedeihen ließen – vermutlich ganz tief drinnen sogar irgendwie gut gemeint.

Genau so fühle ich mich – wie eine unsortierte, unüberschaubare Müllhalde.

Dort, wo einst mein kleiner sorgsam gepflegter Garten glücklich gedieh, der mit seinen feinsten Früchten und schönsten Blumen bis weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus für Furore sorgte, dass die Menschen bei seinem Anblick beschämt zu Boden blickten und schwiegen – manche vergaßen sogar das Weiteratmen, weil ihr eigener Acker nur mit schweren Gummistiefeln begehbar blieb, auf dem speckige Rüben wie Pilze vor sich hinsprießen, ausgedrückt wie überreife Pickel, ausgeworfen von fettiger Erde, die ermüdet und ausgelaugt von ewiger Monokultur, zu einem elendigen Nutzacker verkommen war, nachlässig gepflegt, weil es mit mehr Freude erfüllt, die liebevoll gepflegten Gärten der Anderen zu verwüsten, ihre Blumen und Pflanzen niederzutrampeln, anstatt sich um den Eigenen zu kümmern, damit unsere Seelen vom Glanz abbekommen – die wir, zum Gluck, ein wenig gründlicher putzen als unsre Toiletten, die, verseucht durch scharfe Reiniger, einen genauso willkommen heißen , wie Abdeckereien in schwülen Sommernächten, die vor sich hin-ächzen, auf dass sich Pflanzen und Tiere am Boden wälzen, bis Müdigkeit und Abscheu sie in furchtbare Träume jagen, aus dem sie des Morgens schweißgebadet erwachen und hochschießen, als säßen sie auf dem elektrischen Stuhl – und nicht im Dental-Labor des Lebens – so wie ich.

Doch mein Zorn verfliegt leider schneller, als er aufbraust – was ich schade finde, so ähnlich wie das gute Essen, was meine Freundin kocht und was immer viel länger dauert, als die letztendliche Speisung. Kann man sich nicht mal etwas mehr Zeit nehmen? Zumindest ein klein wenig? Muss alles immer schnell schnell gehen?

Reinschlingen, hurtig gekaut, geschluckt und verdaut? Eben noch ein wunderbar dekoriertes Dinner, mit Kerzen und Silber, bald schon erdiger Herbst, gemalt von Beuys oder Hurst?

Vielleicht bekomme ich das ganze ja doch noch eingefangen, wenn ich mehr bei den Zubereitungen der Dinge helfe, sie selber mache, statt vorsetzen zu lassen.

Ist das die Antwort auf alle Fragen? Machen, um zu genießen – anstatt zu beobachten und nur zu konsumieren? Ein Versuch ist es allemal wert!