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Odyssee 2019 – CW41

Broterwerb am Montag – ein unschönes Wort; sein Brot er-werben, was implizit heißt, dass man es tun muss, weil es sonst nichts zu essen gibt; wir verbringen viel Zeit damit – Erschaffung von Schuld & Sühne, welch geniale Idee, Macht durch Wissen auszuüben und das schon so lange. Heute ist Kapital die neue Kirche. Instrument der Macht? Wissen; alte Bekannte im edlen Gewand elitärer Akademien – alte Platte, mögest du ewig weiternudeln, so wie früher!

Dienstag – stülpte ich mein Innerstes nach außen, ohne zu verkleben. Um sieben aufstehen, 30min laufen, ohne Pause – dann ausmümmeln, duschen und Frühstücken, hintereinander, nicht gleichzeitig; dann Broterwerb in Büro-Kaserne; erwäge im nächsten Jahr meine Arbeitszeit zu verkürzen; schönes Wort, Arbeits-Zeit-Verkürzung – wun-wun-wunnaba. Mittag mit „Me-myself-and-Ei“ – mag das zu dritt in der Kantine zu sitzen. Dreibeine sind auch statisch gesehen das Ideal; da kippelt rein gar nichts. Nachmittags, früher Abend schreiben; dann ging die Sonne unter; ich haste in den Supermarkt, Gemüse, Lachs, Brot und Kleinkram; draußen erste Zeichen vom güldenen Eichenlaub – Mitternacht dann heia-bubo.

Mittwoch – Letzter Tag vor Moped-Wanderung; vormittags Mahlzahn mit Brille und Laptop; Nachrichten und Termine mit dem Rechen gehakt, gewendet, getrocknet und zu Heu verarbeitet; ich mag Gras; Lunch mit einem Freund an der Garonne; Wein zum Mittag in der Woche zeigt, dass du alles richtig gemacht hast; kannst du nur keinem sagen; ihr habt Verständnis, ich kenne euch, zumindest tief verborgen, wo es muffig und feucht ist. Abends ein paar Sachen gepackt, dann Lachs mit Toast – guten Abend!

Donnerstag – Wecker um 5:00 Uhr! Heute bring ich meine CBR600, die ich liebevoll Wanze nenne, zurück zur Quelle, droben im Norden, zu Loka; komme pünktlich um sieben am Flughafen an; dort steht sie seit fünf Monaten; lasse den Starter nudeln, nichts; nur ein wenig hüsteln; weiternudeln, schnell macht die Bakterie die Grätsche; dann anschieben, bis die Knie zittern; ein paar Biker helfen, bis unsere Beine weich wie Pudding sind; bald stellt sich heraus, dass die alte Dame in den 5 Monaten 5 Liter Sprit durch die Unterhose hat laufen lassen.

Also los, Kanister gekauft, Sprit rein, geschwind zurückgefahren; hinein mit dem Humpen, frisch löungsgeglüht genudelt und kawumm – bravó-bravó! Und losfahren – merkwürdig, wie schwer die sich lenken und fahren lässt; völlig normal bei 2 Plattfüßen; abenteuerlich, wie ich die erste Autobahnraststätte anlaufe – endlich Luft in die Rueda’s und weiter; im eleganten 200KM-Takt getankt, gepinkelt und weitergefahren; zum Glück regnet es, da trocknet die Erde nicht aus; schön all die Gischt auf dem Visier; gut dass ich Samstag noch Regenkalmotten gekoft hab.

Frankreisch ist schön – Brücken, Berge, Bäume fahren wie ein Quentin Tarantula Streifen vorbei; Reisetempo 120-140, besser iss das; Brive-de-la-Gaillarde crossing; Clemong-Ferrong taucht auf Schildern auf; Hamburg sucht man vergeblich, dafür reichlich Paris; geographisch geht es jetzt radikal rechts-ab, Richtung Cle-Fe; einsam reite ich grüne Berge rauf und schroffe Täler nunter; nimmer-endendes Asphaltband, hin und wieder unterbrochen von Mautstationen; wieder anfahren alle Gänge durchschalten, Affen hinter Cockpitscheibe machen, Beine einrollen und weiter-rauschen; nach Clement geht es durch Vichy, Quellwasserfreaks aufgepasst; dann weiter Richtung Chalon-sur-Sàone; Schafe, Weiden, sympatisch-verlodderde Häuser, Traktoren, klapprige Auto’s; Gemütlichkeit.

Zwischendurch tanken, dann weiter Richtung Nancy und Metz; tanken, pinkeln, weiterfahren; es läuft ganz gut so ohne Pause; dann Luxemburg; endlich Pause beim goldenen M; die Bedienung nimmt keine Bestellungen mehr auf, das machen jetzt Service-Stationen, wo ich mein Kram eintippen darf; nach 15min gebe ich auf; ein junger Franzose zeigt mir die Prozess-Schritte, die ich bis eben gerade nicht hätte wissen wollen; ich bekomme einen Zettel, mit meiner Bestellung drauf, den es nicht geben würde, wenn ich sie wie immer akustisch geteilt hätte; was für ein Schwachsinn; Müll produzieren, um die Effizienz auf Kosten der Kunden zu erhöhen; good-bye Mc-Donalds, wie hast du mir noch nie gefehlt! Natürlich ist nicht alles auf meinem Tablett, als meine Nummer auf dem Bildschirm erscheint – ähnlich wie bei Arbeits.- oder KFZ-Zulassungsstelle – ich suche die Kamera vergeblich; schöne neue Realität.

Auf Klo soll ich einen weiteren Automaten mit 70cent füttern; Geld verdienen mit meiner Notdurft, wahnsinn! Wutentbrandt krabble ich unter dem Drehtor durch, beobachtet von einer entsetzten Klofrau; bevor sie die Polizei ruft, hauche ich ihr schneidend-leise zu: „Ich werde nicht in die Hose pinkeln, weil ich vorher meinen Schein kleinmachen muss, iss klar, oder?“ – sie lässt mich gewähren; ich kann es nicht fassen, springe auf meine alte Dame und fahre weiter Richtung Trier; die Dämmerung drückt das Licht zu Boden; bald gleiten wir über A1, dann A48; Ulm geht es ab Richtung Nürburgring, alte Heimat; 10 Jahre Kreisfahren, mit und ohne Kontakt; Etappenziel erreicht, Pension-Müller Herschbroich, Franziskaner-Weizen und Zigarette zum Abschluss; erste Etappe geschafft, gute Nacht.

Freitag – 8:00 Uhr aufstehen, 8:45 „In-der-Dell“, 9:00 Uhr Frühstück bei Rewe in Breidscheid. Um 10:00 Uhr Abfahrt in den Norden; rolle zufrieden an der Ahr entlang; alles heil geblieben die letzten 47 Jahre, mehr oder weniger; zu viele Tränen und Kollateralschäden; manchmal merkt man nicht, dass man die Axt im Wald ist; A61, dann A1; Frankreich war leer, Deutschland ist voll; ich fege durch den Pott, zum Mittag Kamener-Kreuz, dann auf die A2, fluchs durch die Porta Wesfalica, Bückeburg, mit Berg und brauner Vergangenheit; tanken, pinkeln, weiterfahren, nichts hat sich verändert; meinen Knochen geht es wunderbar.

Rasthof Allertal Pause, mit Burger-Krieg, ähem, King; Menschen bedienen mich und das Essen ist besser, ein Glück! Jedoch auch hier 70cent für die Notdurft; ich ziehe das Drehtor ein wenig in meine Richtung; siehst du, da pass ich locker durch, blockiere es bis es brummt und schlüpfe unbeobachtet hindurch; mit meiner Notdurft wird nicht abkassiert – ist ethisch und moralisch verwerflich; gegen Nachmittag endlich Ankunft in Wilstedt-Siedlung bei alten Freunden; hier wird die alte Dame Rente einreichen – feiern, trinken, essen, lachen und schluchzen, alles gleichzeitig, wunderbar; gegen Elch dann Taxi nach Siek – Waidmannsheil!

Samstag – Frühstück, einkaufen, Buchpakete nach Griechenland aufgeben, neue Bücher im Laden abholen; mein Hirn braucht Futter; dann Physiotherapeut zuhause; ächzen und stöhnen; dann schreiben, schreiben schreiben; abends dann Freund mit Rotwein für die Seelen, reden für‘s Leben; es geht um Trennung und Neuanfang, Life is a bitch! Gegen eins ins Bett, gute Macht!

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – dann Kumpel-Besuch, mit Ente, Wein und Bier, aber nicht zu viel – Zeilen fertig-tippen, korrigieren, hochladen und ab-dafür.

 

Odyssee 2019 – CW38

Mein vorerst letzter Montag bei den Hellenen. Die letzten Wochen stecken mir tief in den Knochen. Vieles habe ich erwartet. Und doch hat meine Vorstellung nicht für DAS gereicht, was ich hier täglich erlebe. Eine Woche gleicht mehr einem Monat, oftmals sogar noch mehr. Mit den Notizen klappt das nur mäßig. Zu sehr bin ich von den Momenten überwältigt. Mein Gedächtnispalast ist dafür hell erleuchtet. Monsieur Thalamus hat schon oft signalisiert, dass er, im wahrsten Sinne sozusagen, fertig mit den Nerven ist. Heimlich freut er sich natürlich und ist zugleich froh, dass ich lang genug schlafe, wo er langsamer machen kann.

Heute knattere ich Richtung Souda, einem nahen Hafen bei Chania; haben ziemlich viel Militär hier, denk ich und halte mich nicht länger damit auf. Mein Ziel: Chania. Möchte mir Zeit für den alten venezianischen Hafen und seinen Leuchtturm machen. Ich schlängle mich durch die Altstadt und schlüpfe irgendwie aus der Blechschlange, parke irgendwo direkt am Hafen. Gemütlich schlendere ich in seine Richtung. Die Sonne ist nach wie vor mächtig; angenehm zwar mit dem Wind, doch starke Nerven fordernd, wenn er ruht. Es riecht nach Meerwasser und Fisch. Überall wimmelt es von kleinen Tavernen. Ein paar Ausstellungen gibt es hier und da; Kunst, ein wenig Geschichte, von Allem ein wenig. Wellrauschen, Möwen schreien mit Kleinkindern um die Wette.

Touristen erkennt man schnell. Sie sind sauberer. Ihre Kleidung zieren leuchtende Farben. Ihre Finger sind rein und weiß, wie die eines Klavierspielers. Tätowierungen und SUV’s bleiben die letzten Abenteuer des reichen Westens. Im Osten bleibt einem nur noch das blanke Überleben. Bestimmt ist das Leben hier in manchen Momenten schön und wundervoll, doch mit Sicherheit häufiger hart und unbarmherzig. Vielleicht einer der Gründe, warum Griechen so sehr im Moment leben, als wäre es ihr Letzter.

Abends bin ich in der Tabakeria, einem sehr guten Fischrestaurant, direkt am Hafen. Tische stehen im Sand, Sonnenuntergang inklusive. Mein Gott, was für eine Location. Viele griechische Wohlbetuchte umzingeln mich. Ich höre Griechisch, Englisch, Italienisch und Deutsch. Ich bestelle meinen ersten frischen gegrillten Oktopus, es folgt ein frisches, ebenfalls gegrilltes Schwertfischfilet, sowie einen tollen Weißen dazu. Still genieße ich andächtig diesen Gaumenschmaus. Selbst meine Gedanken schweigen, um Sonnenuntergang und Leben zu genießen. Zum Glück kann niemand das jeden Tag haben. Man könnte es nicht aushalten.

Langsam fahre ich gegen Mitternacht zurück nach Douliana, trinke meinen letzten Raki, höre noch ein wenig entspannte Musik, ziehe meine Knie ans Kinn, lasse die Daumen an der Hand und schwebe langsam davon, bis mich erste Träume umschließen und Morpheus mir wieder auf die Schultern schlägt.

Ein ebenfalls letzter Dienstag, vorerst – Nur langsam komme ich hoch. Ein sumpfiger schergewichtiger Traum zerrt noch ein paar letzte Momente an mir, bis ich, immer mehr, da bin. Ich koche mir einen Kaffee, tunke ein paar Kekse hinein und sitze an der Sonne, sonst nichts. Brauche meinen morgendlichen Ablauf, um den Vortag ausreichend verdauen, um wieder atmen und Neues erleben zu können. Andernfalls würde ich den lieben Monsieur Thalamus auf dem Gewissen haben.

Heute will ich zum Leuchtturm von Drepano, der nördlichste Punkt Kreta’s. Eigentlich ist das nicht weit, aber ich habe schon ein paarmal erlebt, wie schnell man sich hier verfransen kann, wie schnell man dann für zehn Kilometer mal eben über ne Stunde braucht. Langsam knattere ich Richtung Küste. Ungezählte Kurven schlängle ich mich entlang, vorbei an unendlichen Reihen Kaktusfeigen, die wie stachelige Soldaten Spalier stehen. Ein paarmal biege ich ab, aber nicht oft. Ich meine in der richtigen Richtung unterwegs zu sein und lande irgendwann in der Pampa, mit einem üblen Schotterweg vor mir. Ich schaue nochmal auf mein Smartphone und siehe da: Ich bin nur einmal falsch abgebogen und schwupp’s ist man komplett raus.

Wende ich halt. Langsam rolle ich talwärts, finde den richtigen Abzweiger und schlängle mich wieder empor, immer weiter hinauf zum, Kliff. Langsam öffnet sich die gedrungene Landschaft; endlich, das Meer. Glatt, metallisch-glänzend liegt es vor mir. Ein paar krause Falten, lassen weiße Kronen wachsen. Ich fahre weiter, bis ans äußerste Ende. Schamlos liegen nackte Felsen nebeneinander; hier und da wächst Moos, die Luft ist erfüllt von Salbei und Rosmarin. Hin und wieder quillt verführerischer Feigenduft irgendwo in den Himmel empor; salzig geschwängert um-wabert mich Meeres-Luft; noch ein paar hundert Meter, da ist er.

Klein, gedrungen steht er an der Kante, denke ich und parke meinen Blechesel. Wie rau und schön es hier ist. Langsam komme ich dahinter, was Schriftsteller und Philosophen, wie Perikles Giannopoulous und Dimitrios Liantinis antrieb. Mein Gott, beim großen Zeus, ich verstehe sie. Stundenlang sitze ich nur da und blicke auf Land und Meer. Ein Kreuzfahrtschiff läuft aus. Eine kleine Fregatte, der griechischen Marine; ein paar kleine Fischerboote fahren herum; hier und dort ankert eins. Ein paar Insekten finden Gefallen an meinem Apfel. Auch der Wind bekommt Appetit und flaut immer weiter ab, während ich Stück für Stück meine Kleidung ablege, bis ich nur noch in Unterhose vor den Göttern sitze, weswegen diese zu mir herablächeln und mich gewähren lassen.

Abends dann mein letzter Abend bei Giannis. Stella’s Mann, der auch Giannis heißt, gesellt sich zu mir. Ich biete ihm von meinem Weißwein an; wir prosten uns zu, bis mein Essen kommt und Giannis (der junge Wirt) dem älteren Giannis ebenfalls Lamm hinstellt, damit wir zusammen essen können. Wein fließt in Strömen. Schnell sitzen beide Giannis bei mir. Munter prosten wir uns zu. Irgendwann wechseln wir auf Raki.

Giannis der Ältere holt sein Komboloi heraus, eine kleine Perlenkette, die zur Grundausstattung des gepflegten griechischen Mannes zählt. Er spielt mit ihr herum, eine Art Zeitvertreib, mit ziemlich hohem meditativem Potenzial. Er bestätigt, dass es ein kulturellen Hintergrund hat, noch weit vor byzantinischen Zeiten. Man vermutet, dass schon die alten Griechen diese Perlenschnüre hatten, als eine Art Glücksbringer. Mir macht es Freude zuzuschauen, das Klicken der Perlen zu hören, was meiner Schläfrigkeit unterstützt, bis wir drei zufrieden heimgehen und ich mich leise lächelnd ins Bett fallen lasse.

Bettenwechsel am Mittwoch – Nach einem ausgedehnten Frühstück packe ich meine Sachen, verabschiede mich von Stella und Giannis und fahre glücklich in Douliana los, grobe Richtung Iraklio. Mein Ziel, Damasta, mein kleines Bergdörfchen, daßß* sich widerspenstig, hoch in den Bergen Kretas, seit Jahrhunderten festklammert. Ich nehme nicht die Bundesstraße, sondern habe mir fest vorgenommen, über die Berge dorthin zu gelangen.

Langsam, wie eine kleine Zahnradbahn klettere ich mit meiner kleinen Enduro die steilen Hügel hinauf, um sie im gleichen Tempo wieder zu verlassen. Mühselig hangle ich mich durch dutzende Bergdörfer, schwinge mich zum Eingang, eines ärmer, bunter und schöner als das andere, die nur noch von den Menschen selber übertroffen werden, besonders die Alten, denen ich allen freundlich zunicke und die alle, fast überschwänglich zurückwinken, manche fröhlich lachen, oder es mir einfach nur nachmachen, freundlich, mit scheren Augen zurückzunicken. So passiere ich sie alle, schraube mich von einer Serpentine in die nächste Senke, umfahre Felsen und komme zum Nächsten , dessen Ausgang ich genauso beeindruckt verlasse, wie all die anderen zuvor.

Vier Stunden später überquere ich in Damasta die Ziellinie, das genauso still, wie eh und je der Zeit beim weiterfahren zusieht. Zorba wartet auf mich, um mir die Schlüssel zu übergeben, und um mit mir, natürlich ein paar Raki’s zu trinken, bevor er sich wieder auf nach Iraklio macht, um dort bis spät am Abend zu arbeiten. Heute hat Katys Taverna geschlossen, weswegen ich mich müde in den nächsten Ort schleppe, um dort ein Omelet mit ein paar leckeren Beilagen zu essen, sowie einen Retzina trinke, der mir genauso gut bekommt, wie der Strauß Raki’s später in meiner Hütte, die ich zufrieden auf meiner Bank an der Straße trinke, um jedem Farmer, der mit seinem Pickup vorbeirauscht zuzuprosten und ein laut schallendes SPERA und freudiges Hupen zu ernten. Leicht fallen Monsieur Thalamus und ich in einen bleiernen Schlaf.

Donnerstag – Kaffee und Kekse auf meiner Bank in Damasta. Meine lange Griechenlandrundfahrt nähert sich dem Ende zu. Es kommt mir länger als ein halbes Jahr vor; in manchen Momenten wie ein Ganzes. Heute will ich Lyktos suchen, Kinderstube vom großen Zeus. Neugierig trabe ich mit meinem Rappen Richtung Osten, wieder über Berge und komme nach über zwei Stunden in Kastelli, einem Fliegerhorst an, in dessen Nähe der geheimnisumwobene Ort liegen soll, wo der oberste aller griechischen Götter ausgetragen und Teile seiner Kindheit verleben durfte. Ein wenig mühselig ist es, bis ich ein verblasstes Ortsschild mit einem Hinweis darauf finde.

Nachdem ich einen staubigen Feldweg, voller Löcher, übersäht mit gewaltigen Steinen langsam durchfahre, stehe ich davor, eine kleine Kapelle, auf dem Gipfel eines Berges. Andächtig klettere ich hinauf. Überall sind alte Schriftzeichen in Steine geschlagen. Und die Steine sind alt, sehr alt, aus der sie gebaut wurde; keine Ahnung wie alt sie sein mag; sie scheint keinen Kirchlichen Hintergrund zu haben, als ich um sie herumgehe, meinen Blick in alle Himmelsrichtung schweifen lasse, trifft mich der Schlag; der ganze Berg ist umgeben von Mauern, Türmen, alten Mühlen, Räumen und prächtigen Ruinen. Ist wunderschön, ganz allein hier sein zu dürfen. Still esse ich zwei Äpfel, lausche dem Wind, höre in weiter Ferne die ein oder andere Glocke einer grasenden Ziege oder kauenden Schafe.

Ein wenig streune ich herum und finde, ein völlig unentdecktes, überwachsendes kleines Gebäude, dessen Wände und Dach eingestürzt sind. Säulen liegen darin herum. Marmorplatten liegen zersplittert daneben. Griechische Schriftzeichen sind sorgfältig in Steine geschlagen worden. Hier und da liegen Reste eines alten Tonkruges herum, vermutlich Wein, oder Olivenöl. Wieso hat das noch niemand entdeckt? Oder hat man und kann sich mangels Geldes nicht darum kümmern? Wenn ich ehrlich sein soll, gefällt mir der Gedanke daran, dass man diese Stätte so offen, frei und ungeschützt sich selbst überlässt und Schafe und Ziegen darin weiden lässt, am Ursprünglichsten, im Grunde am Schönsten.

Alte Monumente einzuzäunen und versuchen für die Unsterblichkeit zu konservieren, finde ich irgendwie widerwärtig. Man empfindet sie doch erst als historische Monumente, weil sie uralt und verfallen sind. Außerdem sind Dinge doch schon sehr resistent, wenn sie viele 1000 Jahre überleben und noch sicht.- und begehbar sind. Lyktos ist für mich einer der schönsten altgriechischen Plätze überhaupt. Nicht so, wie die Akropolis in Athen. Aber Mykene nicht unähnlich, eben nicht mehr glamourös und mächtig sondern weit über tausend Jahre älter.

Schwer beeindruckt ziehe ich von dannen, nachdem ich mit einem alten Schäfer ein paar Worte gewechselt habe und ihm zuschaue, wie er sich, von ständigen Pausen unterbrochen, den Berg hochschleppt, auf den er in jungen Jahren vermutlich genauso beschwingt emporstürmte, wie ich es vor wenigen Stunden tat. Er sieht noch recht vital aus, scheint aber über neunzig zu sein, was vermutlich auch für seinen Toyota-Pickup gilt, der übelst verbeult neben meiner Enduro steht.

Abends dann überraschendes Essen in Malia – ein alter Freund ist mit seiner Freundin in einem Touri-Hotel untergekommen. Ich freue mich riesig ihn zu sehen, jedoch ist die Umgebung für mich völlig befremdlich. Überall Deutsche. Abendbrot von 18-21:00 Uhr. Frühstück von 6-10:00. Spinnen die denn hier alle? Glücklicherweise essen wir außerhalb in einer Taverna – hier scheint es zumindest griechisch aussehendes Essen zu geben. Das Essen ist mittelmäßig. Wäre mein Griechisch besser, hätte ich es denen um die Ohren gehauen. So belasse ich es dabei, da ich merke, dass die beiden eigentlich nur ihre Ruhe, am besten alles wie in Deutschland haben wollen, nur eben mit Sonne, der Gegenentwurf, zu meinem Idealurlaub.

Dennoch aufs Höchste erfreut umarmen wir uns bei der Verabschiedung und lesen beide zwischen den Zeilen, dass wir in unterschiedlichen Welten leben, was nichts macht. Müssen ja nicht alle das Gleiche wollen. Unglaublich erleichtert fahre ich mit meinem treuen Pferd Richtung Iraklio und reite die Berge hinauf zu Damasta, um selig und in Frieden dort einzuschlummern.

Freitag – heute werde ich meinen zweiten Tag am Strand erleben und das nicht an irgendeinem, sondern in Kommos, was auch der alte Minoische Hafen von Phaistos liegt. Die Sonne strahlt wie jeden Tag üppig vom Himmel. Gemütlich schüssel ich nach einem langsamen Kaffee, mit gedipptem Keks in Richtung Lybisches Meer, ja richtig gelesen, Lybisches Meer. Kommos liegt nur 300km gegenüber von Afrika und so sind auch die Temperaturen hier.

Mit warmem Wind im Gesicht geht es die Berge hinunter, an Iraklio, ungezählten kleinen Dörfern vorbei, entlang an Phaistos, um im heißen Wüstensand zu stranden und meinem ersten Hippie und FKK-Erlebnis in die Arme zu laufen. Da das Historische Komos abgeriegelt ist, um die Ausgrabungen nicht zu gefährden, bleibt mir nur der Blick durch den Zaun, weswegen ich aber eher zum Schwimmen im Lybischen Meer komme, zum ersten Mal seit dreißig Jahren nackt! Was für ein Erlebnis. Überall liegen langhaarige Hippies, mit unermesslich viel Ruhe und Zeit. Hin und wieder geht einer schwimmen, um zehn Minuten später wieder frisch abgekühlt heraus zukommen und sich wieder in die Sonne zu legen. Für mich der schönste Strand, den ich je gesehen habe. Leer, nur mit Ortsansässigen und einer Frieden preisenden Kultur gesprenkelt.

Nach vielen Stunden mache ich mich bereit für die Abreise. Ich spüre, wie meine Zeit in Griechenland zu Ende geht, es aber nicht will, weil ich eigentlich hier bleiben, einfach so weitermachen möchte. Zwei Stunden fahre ich nachdenklich und langsam zurück nach Damasta, um mein erstes Abendessen bei Katy zu haben. Sie freut sich riesig und schimpft nochmal mit mir, wegen meinem kleinen Abflug im Juni, um mir ohne Umschweife wunderbare gegrillte Lamm-Koteletts zu bringen, zusammen mit Tsaziki und einem Krug Weißwein.

Wir plaudern ein wenig. Langsam gesellen sich neue Worte zu meinem kleinen Griechisch. Wir bekommen mehr gesprochen, als im Juni. Ein paar Farmer aus dem Dorf kommen dazu, geben mir einer nach dem anderen einen aus und lassen mir keine Möglichkeit, mich zu revangieren. Bis kurz vor Mitternacht sitzen wir, bis wir uns alle nach Hause trollen, um am nächsten Morgen wieder raus aufs weite Feld, oder durchs schöne Griechenland zu ziehen.

Samstag – mein letzter ganzer Tag in Hellas. Schwer komme ich aus dem Strudel frei, mache mir einen großen Kaffee und dippe meine Kekse. Heute will ich nach Anogia, ein Ort hoch in den Bergen, der in der Vergangenheit eine wichtige Rolle im Widerstand gegen die Deutsche Besatzung spielte. Ein weiterer zwei Stunden langer Ritt hinauf in die Berge, um am Ende vor einem sehr schroff aussehenden Ort zu stehen, wo der Wind kalt bläst, bei höchstens zehn Grad. Weiter oben liegt der Minoische Ort Zomintha, den man erst 1986 entdeckt hat, weswegen ich ihn genauso eingezäunt vorfinde, wie Kommos und nichts anderes tun kann, als durch den Zahn zu schauen, um ein paar Fotos zu machen, was mir ganz entgegen kommt, da es hier wirklich arschkalt ist!

Abendessen mit Zorba und Maria, meine Hosts in Damasta. Wir feiern lang und ausgedehnt. Wein fließt in Strömen, Raki heute mal nicht. Katy und ich stoßen mit Whisky an. Es bleibt nicht bei einem, nicht nur, weil eine kleine Hochzeitsgesellschafft, bestehend aus 10 Frauen zwischen 20 und 25, uns ständig neuen hinstellt, bis ich irgendwann gegen zwei Uhr nachts am Ende meiner Geduld bin, meine Augen offen zu halten und meine letzte Nacht in Hellas antrete, fürs Erste!

Sonntag – der Tag meiner Abreise. Stumm packe ich. Trinke Kaffee, dippe Kekse, gehe rüber zu Vicky, drücke sie, belade meinen kleinen Packesel und fahre, einfach so, ohne mich umzuschauen, runter nach Iraklio, um meine kleine Enduro abzugeben, durch das Security-Gate zu gehen und nach Toulouse zu fliegen, einfach so, als wäre nichts gewesen. Doch Aegean-Airways wurde betrogen: Sie transportierten nur meinen Körper nach Frankreich. Geist und Seele sind immer noch dort, fühle ich, als ich diese Worte von meiner Griechenland-Rundfahrt 2019 tippe und hochlade…..

*das „ßß“ ist aus Protest gesetzt, für all die hässlichen Rechtschreibreformän, sowie diese blöde Audokorrekduhr, die einem die Worte mit ständig roten, oder blaun Streifen unterrmalt, um mich darauf hinzuweisen – was weiß Microsoft schon, von der Evolution von Sprachen…..!!

 

Odyssee 2019 – CW37

Ein weiterer Montag bei den Hellenen – mittlerweile schlafe ich jede Nacht mindestens sieben Stunden. Auch träumen tue ich jedes Mal – sogar sehr viel und intensiv. Ich muss mir wieder Notizen nach dem Aufwachen machen. Zu oft verschanzen sie sich in Morpheus‘ Reich – haben offensichtlich wohl keine Lust ein tristes Alltagsdasein zu fristen. Ich verstehe das.

Die wenigen Tage in Athen verpassen mir das letzte bisschen Entschleunigung, um mich wie ein Daoist zu fühlen, der nur noch im hier und jetzt ist, weder an gestern, noch an morgen denkt – nur noch sein. Wozu noch irgendetwas machen? Mehr und mehr verstehe ich Diogenes von Sinope, der ein Leben in Armut und im Jetzt wählte – angeblich in seiner sagenumwobenen Tonne.

Hemden zur Reinigung bringen? Versicherungen bezahlen, Steuererklärungen machen und Derartiges erscheinen mir geradezu absurd. Längst wasche ich nur noch mit der Hand. Verzicht bringt Erleichterung – die richtige Stimmung, um Exarchia, die alternative Hochburg Athens, das Headquarter der autonomen Szene zu besuchen – ein Viertel, groß wie ganz Altona, mit dem Spirit der Schanze vor 10 Jahren, ein atemberaubender Augenöffner.

Ich wandere von der Akropolis direkt auf’s Politechniko zu, jene Universität, in der Studenten in den sechziger Jahren gegen die Militärjunta demonstrierten und die als Vergeltung dann die Hochschule mit Panzern stürmen ließ, gar Tote in Kauf nahm! Heute ist die Uni im Dornröschen-Schlaf, von außen zugekleistert mit Graffiti, nur von innen erkennt man ihre einstige Schönheit und Reinheit. Jetzt sind nur noch Architekten und Linguisten in ihr tätig, immerhin etwas.

Ich hoffe, das Gebäude wird auf ewig von Studenten mit Leben erfüllt bleiben. Aus Pietät habe ich keine Fotos vom Innersten gemacht – aus Respekt vor dem, was hier geschah – man kann den Spirit spüren, kann fühlen, was für eine Energie in diesem Viertel steckt, wie das Polytechniko das lebende Herz Athens ist.

Andächtig schleiche ich durch die Gassen, blicke mit scheuen Augen hier und dort hin. Besuch eines ethisch-moralischen FKK-Strandes, den ich nur ungern angezogen betrete. Verwachsen, durchdrungen und verbohrt von Schönheit, Würde, übergossen von Düften, Blumen und Tavernen, kleinen Verlagen, Druckereien und Buchhändlern, durchmischt von Verfall.- Untergangs.- und Abfallgestank, liegt Exarchia mir zu Füßen, zeigt unverhohlen, was es war, was es ist, was es immer sein wird.

Politiker aller Generationen bluteten hier aus, werden auch heute, auf immer und ewig hier scheitern, wenn wir uns nicht gemeinsam weiterentwickeln und den so unumgänglichen notwendigen Dialog beginnen. Hier spüre ich den Puls aller Griechen, hier fühle ich, was es heißt so zu fühlen – wild, leidenschaftlich, voller ungebremstem Temperament, bereit jedem Tag das Maximum abzuringen, egal wo auf der Welt, ob unter der Brücke, oder eigenen vier Wänden.

Noch immer sind die Griechen die gleichen ungeschliffenen Rohdiamanten, die sie schon seit Jahrtausenden immer gewesen sind. Heute, im dritten Jahrtausend, überzogen, garniert von fremden Sprachen und politischer Piraterie und privatem Gaunertum; Andenken früherer Zeiten, als es kein geeintes Hellas, sondern nur eine wilde Anzahl stolzer Stadtstaaten gab.

Wie ein Frischgeborenes taste ich umher, wandle bis in die späten Abendstunden herum, bis erste Orks aus den dunkeln Verließen kriechen und sich in die Gassen drängen, durch die man besser nur mit Schwert oder stählernem Willen schreitet. Heute bin ich bereit dazu, den Käfig zu betreten. Ein dunkler Platz zieht mich magisch an. Düstere Gestalten hängen in gebeugter Haltung herum, sofort auf mich aufmerksam machend, langsam, wie ein Rudel Untoter an mich heranschleichend – Gesichter, wie aus düsteren Märchen.

Geschundene, ärmlich aussehende, deren Augen immer noch vom selben wahnsinnigen Feuer gespeist warden. Wir alle sind Elendige, Verdammte, Verstoßene, um ewig hier herum zu wandeln und wahlweise Paradiese oder Höllenfeuer zu erschaffen, in denen wir langsam oder blitzschnell garen, bis sich unsere Seelen aus dem Knochenmark lösen und emporsteigen, bis wir, nach kurzer Rast wieder hinabgeschickt werden, um neuen Aufgaben nachzugehen. Göttlicher Kreislauf der Ewigkeit. Irgendwann weit nach Mitternacht krabble ich in meinen Kokon, rolle mich wie ein Säugling ein und entschlummere, um den Göttern kurz hallo zu sagen.

Dienstag – Ich schieße hoch, boah war das ein krasser Traum! Wir haben erst Anfang der Woche, dabei fühlt sie sich schon so mächtig wie ein Monat an – ich rolle mich langsam aus meiner kleinen Metamorphosen-Gondel und schleiche still zum Kaffee an der Ecke. Frühstück mit Baklava und Griechischem Kaffee. Ich merke, wie ich immer stiller und andächtiger werd, wie ich schweigend das Leben anstaune, wie ich alles wissen, schmecken, spüren, umarmen und erleben möchte, wie ich im gleichem Atemzug fühle, es nicht zu schaffen, aber mich selig fühle bei der Vorstellung, es jeden Tag erneut zu versuchen. Mag es auch noch so schrill, jung und naiv klingen: Ich bin lieber ein Utopie liebender glücklicher Thor, als ein kluger und vernünftiger Realist.

Ich muss noch mal nach Exarchia, oder Anarchia, wie ich das Viertel liebevoll taufe. Solche Spots laugen mich aus mit ihrer Intensität. Genau dafür liebe ich sie. Berauschend lebendig-feminin, wahnsinnig geworden von der eigenen Virilität, den unkontrollierten Ausbrüchen, erschüttert und verwüstet von ihren Verhehrungen, ihren Feuersbrünsten, die wie flammende Schwerter durch die Gassen fuhren. Noch heute kann man die tiefen Wunden sehen und spüren, wo beide Seiten aufeinanderprallten. Noch heute wimmelt es von Polizisten und Soldaten.

Aber man kann Gedanken und deren Ideale nicht kontrollieren, geschweige besiegen; man kann nur überzeugen, oder annehmen. Umtausch, oder gar andere Lösungen haben die Götter bei der Erschaffung des Menschen nicht vorgesehen.

Abendessen an der Akropolis. Eine klassische Taverna. Sie lockt mit Musik und Tanz. Das Essen ist okay, aber kein Burner, so wie die Folklore, die mit zu viel aufgesetzter Fröhlichkeit verziert ist, die weder echt, noch ehrlich gemeint ist, dennoch funktioniert. Touristen allen Alters sind aus dem Häuschen und werden gemolken, was Euter hergeben und Milchkannen fassen.

Übersättigt, schlurfe ich um die Akropolis herum, mache halt, um den Ausblick über Athen zu genießen, eine Zigarette zu rauchen und friedlich, schweigend und still wieder in meine Wabe zu schlüpfen, bis mich Morpheus wieder auf die Erde zurücklässt.

Mittwoch – letzter Tag in Athen. Heute ist der große Tag, an dem Akropolis und ich aufeinandertreffen. Um nicht von den Ameisenarmeen der Touristen zertrampelt zu werden, muss man vor neun Uhr dort sein, andernfalls wird man Zeuge, der unaufhaltsamen Planierraupe. Glücklicherweise schaffe ich es und beginne den Anstieg, nachdem ich die knackigen zwanzig Euro gezahlt habe. Doch diese Zahl hat man vergessen, wenn man die Stufen emporsteigt und vor ihr steht, mit Nike-Tempel und all den anderen Monumenten rundherum, seien sie daneben, oder zu Füßen liegend.

Meine Güte – ich bin Sprachlos! Es ergeht mir ähnlich wie in Epidauros. Was zum Teufel machen wir nur jeden Tag auf diesem Planeten? Was tun wir mit unserem Leben? Was? Wie können wir so weitermachen? Wie konnte es zu all dem kommen, von damals bis heute, wo wir doch schon viel weiter waren. Warum schreiten wir auch heute wieder überall zurück? Als der Besucher-Tsunami heranrollt und die Welle mit voller Wucht herniederschlägt, mache ich meinen Frieden, sage den heiligen Steinen lebe Wohl und schreite andächtig herab.

Jetzt weiß ich, warum alle Gegner versuchten sie zu zerstören. Sie ist das leuchtende Herzen aller Griechen, eine Stütze, an der man sich anlehnen, sich erholen kann, um auszuruhen, um zu verschnaufen, neue Kraft schöpfen und vom Glück zehren zu können, sie wahrhaftig vor sich zu haben, mit ihr zu leben, sie bei sich zu tragen, mag man auch fern der Heimat sein.

Am Nachmittag machen wir Pick-Nick in einem schönen Park – Filia und Elektra haben Wein und Essen vorbereitet – ich bin überwältigt, wie viel und gerne sie geben, wie liebevoll Griechen mit mir sind. Wir reden den ganzen Nachmittag über Literatur, Philosophie, Freiheit, Demokratie und Krieg und Frieden. Auch schlagen wir erste Pflöcke ein, um über die konkreten Möglichkeiten meiner Bücher und deren Übersetzung vorzubereiten.

Nach ein paar Stunden lösen wir die angenehme Dreisamkeit auf, die wir jedoch, nach Siesta, am Abend fortsetzen. Auch der Abend wird herrlich. Wir bleiben bei Filia zuhause. Käse und Wein leisten uns Gesellschafft, sowie spannende Themen aus Vergangenheit und Gegenwart. Gegen drei Uhr nachts sind meine Worte verbraucht. Still rolle ich mich ein und murmle ein paar unverständliche Worte, bis ich hinfortsegle.

Donnerstag – Zeit Sachen zu packen und aufzubrechen. Ich verabschiede mich von Filia und Elektra. Ein letztes Mal fahre ich durch Athen, den südeuropäischen Schmelztiegel. Am Nachmittag lande ich pünktlich in Heraklion. Mein neues Moped übernehmend, wähle ich den Weg Richtung Chania, Ziel Douliana, ein kleines archaisches Bergdorf, in dem man kaum Englisch spricht und noch weniger von den großen Firmen Europas gehört hat, sowie wenig von den Problemen der Großstädte weiß.

Sokratia, mein neuer Host zeigt mir mein kleines Steinhaus, dessen Kühlschrank mit hausemachtem Wein und Raki gefüllt ist. Ich wandere ein wenig in diesem Kleinod umher, um gegen Abend in einer kleinen Taverna zu landen, wo ich Tsatsiki, gegrillte Lamm-Rippchen, herrlicher Musik und einen ausgezeichneten Hauswein bekomme, der mit einer mir unbekannten Fruchtigkeit und Lebendigkeit aufwartet. Perikles führt es mit seiner Frau und ihren drei Töchtern.

Nach dem ich ein kleines Fläschchen Raki zum Abschluss getrunken und viele Gedanken genossen habe, gleite ich zurück in mein neues Refugium und freue mich auf den kommenden Tag. Morgen werde ich die Gegend in Richtung Chania erkunden, sind meine letzten Gedanken, bevor ich einschlafe.

Freitag – mein erster voller Tag auf dieser besonderen Insel. Ich habe eine BMW G310 als Muli bekommen und knattere fröhlich los. Vorbei an unendlichen Olivenhainen, übersät mit Kaktusfeigen und Blumen kurve ich die engen Kehren hinab in Richtung Wasser. Dort angelangt fahre ich an der tosenden Brandung vorbei und krieche Schritt für Schritt Richtung venezianischem Hafen. Chania ist eine Perle. Uralt und durchmengt von quirligen Menschen und Mofas ist für mich schnell klar, dass diese Stadt zusammen mit Nafplio zu den vermutlich schönsten Orten Griechenlands zählt.

Doch die gewaltigen Touristen-Ströme haben nach wie vor eine abschreckende Wirkung auf mich. Mein großes Dilemma. Ich weiß, dass ohne sie das ganze Land recht schlecht aussieht. Zu wenige Alternativen hat man, weswegen man darauf angewiesen ist. Ich meine bei allen eine Art Wut auf diese stillschweigend akzeptierte Abhängigkeit zu fühlen, wie ein Kranker, der auf die Schwester angewiesen ist und hofft, auch wenn er sie mag, bald ohne sie leben zu können. Hierbei bedarf es vermutlich Phantasie und Hilfe. Man wird sehen. Für mich ist heute genug.

Gemütlich lenke ich meinen Gaul zurück, Richtung Douliana. Kurz davor fahre ich nach Vamos, um dort Geld und ein paar lebensnotwendige Dinge zu kaufen, wie Milch, Tabak und Sonnencreme. Letzteres ist existenziell, da man hier sonst schnell kross gebraten wird. Im kleinen Mini-Markt von Vamos begegne ich einem wilden Gesicht. Ein Kreter, unbestimmten Alters. Er könnte 70 oder elendige 45, so mein Alter sein.

Faltig, verbraucht, müde, mit zerzausten Haaren, reichlich trinkenden Augen, die immer noch voll von Wahnsinn blitzen. Abgemagert, wie der Erlöser selbst, ein Knochengerüst überzogen mit Haut, einem schmutzigen T-Shirt und einer dreckigen Jeans. Sekunden denke ich darüber nach, ein Foto zu machen. Schon lange will ich eine Foto-Reihe von markerschütternden Gesichtern und Menschen machen. Doch ich verwerfe, wie früher, diesen Gedanken.

Nachdem ich eine kurze Siesta gehalten habe, wird mein abendliches Essen bei Giannis und Familie genauso schön wie das Vorige. Heute gibt es Schwein. Köstlich angerichtet, mit Rotwein diesmal und Oliven dazu, lasse ich es mir gutgehen. Gegen Mitternacht merke ich, wie mir die Augen zufallen. Mittlerweile bin ich gefühlt seit mehr als sechs Monaten unterwegs. Ich komme an meine Grenzen. Wäre das Schreiben nicht, würde ich vermutlich ausflippen.

Sowieso stele ich mir immer mehr existenzielle Fragen. Wie will ich weiterleben? Und vor allen Dingen, wo? Natürlich sind meine Freunde wichtig. Man kann sich nicht beliebig oft umtopfen und darauf hoffen, dass es so weitergeht. Manchmal gibt es Veränderungen im Leben, die man nicht vorhersehen kann. Doch zuallererst muss man sich selber klar sein was man will. Schon länger fühle ich mich wie ein Vogel, der umherfliegt, hier oder dort landet, sich umschaut und weiterfliegt.

Geht es ewig so weiter? Bin ich nicht mehr gemacht für‘s Sesshaftsein? Ist das meine Bestimmung? Kommt jetzt die große Bewegung, Unruhe und Rastlosigkeit? Wie bringe ich alles unter einen Hut? Und wie soll er aussehen? Wir Menschen sind Sozialtiere, wir brauchen Austausch und Kontakte mit unserer Art. Man läuft sonst zu schnell Gefahr, zu verkauzen, wenn man nicht offen und beweglich bleibt. Doch wieviel Bewegung ist gesund? Wieviel Rituale brauche ich selbst?

Eine meiner zentralen Fragen, an deren Beantwortung ich seit Jahren arbeite. Ein Optimum habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es das auch nicht. Und dann sind da noch meine Bücher. Ich muss Ende des Jahres Horus abliefern. Langsam wird es knapp. Zu mächtig sind die Eindrücke in diesem schönen Land. Mehr und mehr spüre ich, dass ich ein paar Entscheidungen treffen muss. Mit diesem wilden Knäuel Gedanken segle ich in stürmische Träume davon und brause in die tosende Nacht.

Samstag – spät erwache ich. Nur schwer kann ich mich aus dem Strudel des Traums befreien, verpasse es jedoch, mir ein paar Notizen zu machen. Mist! Ich mache mir einen großen Kaffee und esse vom Kuchen, den mir Sokrata als Willkommens-Geschenk überreicht hat. Heute will ich mehr hinter die Kulissen schauen. Touristenattraktionen interessieren mich nicht. Ich will das Pure.

Euphorisch schwinge ich mich auf mein Pferd und reite die sanften Hügel hinab. Nachdem ich am Hafen von Souda vorbeigefahren bin, den beachtlich großen Navy-Sperrbereich bestaune, der mehr als den halben Ort einnimmt, biege ich in Richtung Flughafen ab und folge meiner Nase, die mich tiefer und tiefer in die tiefste Wildnis führt. Irgendwann endet der Asphalt. Kleine Sandwege und umliegende Olivenbäume rücken enger und enger zusammen.

Die Wege sehen aus, als wenn hier seit Jahrzehnten niemand mehr vorbeigesehen hat. Ein beklemmendes Gefühl überkommt mich, ähnlich wie vor Kaiadas, dem Höllenschlund der Spartaner. Ich schaue mich um, wende und fahre wieder raus aus dem Dickicht. Ein paar Stunden kurve ich noch umher, ich liebe es, die Nase im Wind zu haben und ihr blind zu folgen und nur dann abzubiegen, wenn ihr danach ist.

Gegend acht Uhr abends komme ich heim. Kurze Dusche, dann Abendessen bei Giannis. Heute nehme ich Souflaki, was ebenfalls sehrgut ist, nicht nur wegen dem Weißwein, den ich dazu habe. Ein paar Raki runden den Abend ab. Ich merke, dass meine Fässer wieder gelehrt werden müssen. Zuviel schwirrt mir im Kopf herum.

Bleibt zu hoffen, dass ich bald an Horus schreiben kann. Muss dafür disziplinierter und regelmäßiger schreiben. Spätestens wenn ich aus Griechenland weg bin. Aber was, wenn ich bleibe? Was, wenn ich hier sesshaft werde? Muss einen Weg finden, hier regelmäßig zu schreiben und schlafe mit diesen Gedanken zufrieden ein.

Sonntag – Schreibtag. Nach langem Schlaf setze ich mich mit Kaffee und Gebäck hin und starte die Schreibmaschine. Plötzlich klopft es an der Tür. Sokrata steht mit dampfendem Mittagessen und frisch gebackenen Keksen vor mir. Überwältigt schlucke ich schwer und ringe um Worte.

Immer wenn ich mal was brauche, stehen Griechen vor meiner Tür. Es ist herzergreifend. Vor Rührung bekomme ich feuchte Augen. Das Essen ist fantastisch, die Kekse auch. Eine Verdauungszigarette mit dem ersten Glas Wein des Tages macht die Pause erfrischend & rührend.

Frisch gestärkt springe ich wieder zurück ins Wörter-Meer. Mit kräftigen Zügen schwimme ich raus in die offene See, immer weiter und weiter. Eine schöne Vorstellung darin unterzugehen, denke ich und fange an den Text zu korrigieren und ihn hochzuladen. Zum Wohl!

 

Die Berni Miller situation

Manchmal wird Großes durch Kleines ausgelöst. Oft wissen die Beteiligten nicht mal, dass sie der unbekannte Auslöser sind. Wenn sie Morgens im Bad vorm Spiegel stehen, wenn ihr ganzes Elend über sie kommt, wenn sie ganz genau wissen, dass sie nicht die Ballkönigin im Bett liegen haben und dass ihr ganzes verfluchtes Leben nichts weiter ist, als eine unzählige Verkettung von Katastrophen, dann spüren sie was Leben ist.

Bernd war immer zur falschen Zeit am falschen Ort; er trat immer in die Hundescheiße, um die die anderen rumgegangen waren; er trank zu viel und hatte Pech mit den Frauen. Doch das war nicht immer so. Es begann vor langer Zeit, so wie alle guten Geschichten, die sich deswegen so lange hielten, weil sie eben gut waren.

Damals, ich glaube es war im Jahr 2015, gab es eine große Wende. Überall auf der Welt wurden kleine lokale Kriege vom Zaun gebrochen. Oft langten banale Gründe: Du bist nicht wie ich; du sprichst eine andere Sprache, verehrst andere Götter, Götzen und Dämonen…..die Gründe waren immer die Gleichen. Dann wurde die kritische Masse erreicht:

Es kamen radikale Splittergruppen dazu; Glaubenskriege wurden vom Zaun gebrochen; Bomben wurden gezündet, wie Preisangebote in Supermärkten. Zu der Zeit war Bernd Teil eines Sondereinsatzkommando. Vielleicht war es auch ein mobiles Einsatzkommando; ich weiß es nicht mehr genau. Bernd kam aus Hamburg und war als harter Hund bekannt. Er war hart, aber fair. Fleißig, pflichtbewusst und gründlich. Immer. So war Bernd.

Damals strömten tausende politische Flüchtlinge nach Europa. Besonders nach Deutschland. Rechtsradikale und Gutmenschen warteten schon auf sie; mit offenen Armen und mit entsicherten Waffen. Erst wurden Care-Pakete verschenkt. Gutsituierte hielten sich ihren eigenen Syrer, so wie eine Art Diener. Kurze Zeit später, es wurde überraschend Herbst und Winter, brannte die erste Asylantenunterkunft. Deutschland hatte von jeher einen Ruf, eine Tradition zu verlieren. Das Verfolgen von Randgruppen und Minderheiten, stellte schon immer ein hohes kulturelles Gut dar.

Plötzlich brannten zwei. Bald drei. Immer mehr gingen in Flammen auf. Man wunderte sich, weshalb es keine Verletzten gab. Schnell hatte man verschiedene Einsatzkommandos unter Verdacht: Kamera-Teams schlichen um die Brennpunkte herum, wie Schmeißfliegen um das dürftige Licht eines Schweinestalls; man sah allen auf die Finger.

Eines späten Abends, Bernd hatte Spätdienst, war schon sehr müde, hatte am Abend zuvor mal wieder Streit mit Freundin Angela, da wurde er von einem Schwarzen provoziert, der Zigarette rauchend auf einem Zaun saß und ihn breit lächelnd angrinste:

„Hey Bulle, wie läuft‘s denn so? Alles cool? Pass schön auf, nicht das uns noch was passiert.“

Bernd ließ sich nichts anmerken, ging wortlos an ihm vorbei.

„Bulle, ich rede mit dir, oder hast du keine Eier in der Hose? Hast du Angst vor so einem kleinen Nigger wie mir? Hast du etwa Angst?“

Nun, es ist ja manchmal im Leben so wie es eben ist: Manchmal passiert, was passieren kann. Bernd konnte sich später nicht mehr genau daran erinnern, ob es seine Müdigkeit war, die Kredite bei der Bank für das bescheuerte Scheißauto, oder die Hypotheken für die Wohnung; oder der letzte gemeinsame Urlaub auf Mallorca, bei dem er und Angela sich die meiste Zeit gestritten hatten; oder ob es die laue Sommerluft war, sein Durst, seine Kopfschmerzen oder seine dicken Eier, weil Angela ihn seit dem letzten Streit immer noch nicht rangelassen hatte.

Fakt war, und das erinnerte Bernd noch ganz genau und das gab er später präzise, fast ein wenig stolz zu Protokoll, dass er einfach stehenblieb, wider besserem Willen umdrehte, schnurstracks auf den Nigger zuging, ihm wortlos eine dumpf knallende Kopfnuss verpasste, was ihm an diesem besagten Abend leider nicht langte, sondern den zu Boden gehenden Kopf des Niggers packte und ihm mit dem rechten Knie einen solch üblen Pferdekuss gab, das das knirschend zu Bruch gehende Nasenbein an einen knackenden morschen Ast erinnerte und nicht an die ehemals recht gesunde Nase von Makele Putombo aus Ghana.

Tausend Mal konnte man seinen Job gut machen; Millionenmal konnte man zuverlässig gewesen sein:

Wenn dein einziger Ausrutscher im Leben ins Fernsehen kommt, weil ein junger und gieriger, nach einer geilen Story lechzender Journalist, die Story seines Lebens wittert, weil er kurzes Säbelrasseln in seiner Nähe gehört hatte, sich eine Kamera geschnappt und unauffällig rüber geschlichen kam, dann weißt du, warum man dein Leben per Mausklick in die Kloake spülen kann.

Schnell nahmen Kollegen Abstand; schnell war sein Name stadtbekannt. Jeder kannte das Gesicht; Steine flogen durch die Fenster; Reifen wurden zerstochen; er begann zu trinken. Doch es war nicht die Sache an sich; nein, überhaupt nicht. Du meine Güte, solche Scharmützel passierten doch ständig; es gab was in die Fresse und dann entschuldigte man sich und ging nach Hause. So war es, wenn es Nasenbluten gab.

Wirklich niemand hätte die Szene ins Fernsehen gebracht; ganz bestimmt niemand, nicht mal die privaten Kanäle hätten an seiner kleinen Rangelei Interesse gehabt, wenn der Knie-Stoß nicht so gründlich gewesen wäre und das Nasenbein vom guten Makele nicht mit solch einer Wucht ins Gehirn getrieben worden wäre, das es mehr als 6 Zentimeter tief in den Kortex geschossen wurde und in wenigen Bruchteilen einer Sekunde alle lebensnotwenigen Kabel durchknipste, die Makele lächeln, essen, trinken, rauchen, ficken und scheißen ließen.

Sofortige Suspendierung. Untersuchungsausschuss. Psychologische Untersuchungen, mit dem von den Medien sehnlichst erwarteten vorrausehbaren Ergebnis, nun zum Glück amtlich beglaubigt, für den Polizeidienst ab sofort unbrauchbar zu sein und aus dem Verkehr gezogen zu werden: Endstation. Feierabend.

Ein paar Jahre später, an einem ganz normalen Tag:

„Jetzt hau ich dir was in die Fresse, du verdammte Schlampe! “

Bernd nahm einen tiefen Schluck vom Scotch, so einen bei dem man seine Zunge ganz flach auf den Boden legt und die Wangen wie Ballons aufblähte, bevor man schluckte. Er sprang auf und rannte hinter seiner Freundin her. Doch Wut, Verzweiflung und Alkohol sind eine verflixte Mischung. Seine Finger berührten schon den zarten Stoff ihrer nachlässig gebügelten, billigen Seidenbluse, da stolperte er ungeschickt über seine Füße und machte eine schwere Bauchlandung. Sein Körper knarzte und knackte dabei, wie ein alter Dachstuhl.

„So eine verfluchte Scheiße; diese gottverdammten Weiber! “,

schrie Bernd mit irrem Blick; seine Augen waren Blut unterlaufen. Angela bremste aus vollem Lauf, drehte sich um und sah dass ihr Kerl auf der Schnauze lag. Breit grinsend lachte sie schrill, was mehr wie ein halbhysterisches Kreischen klang.

„Nur Saufen und Schreien; hast du dir die Fresse zerschlagen? Kannst du nicht mal mehr laufen? Aber aufs Scheißhaus gehen kannst du alleine, oder?“

Sie konnte schlimm sein. Richtig derbe, dreckig und billig. Manchmal fand Bernd das toll. Aber auch nicht selten zum Kotzen. Blutrünstige Zornesröte schoss in seinen Kopf und ließ ihn leuchten wie ein Flutlichtstrahler im Fußball-Stadion. Er versuchte nach ihren Beinen zu schnappen, was nicht ganz klappte, weil seine Hände mittlerweile schnell wie eingerostete Blechscheren waren. Sie schnappten ins Leere.

Ganz anders Angela. Sie war desillusioniert, gealtert und sauer, dass sie ihre Zeit mit diesem Versager verschwendete. Mit voller Wucht donnerte sie ihm den Schuh auf die Hand, als wenn sie eine leere Blechdose für den Müll zusammentreten wollte. Bellend schrie er auf, wurde rasend vor Wut.

Schnelle hastige Schritte trugen sie zur Wohnungstür. Eine hart geworfene Rotweinflasche, zerplatzte neben ihr an der Wand und ließ sie zusammenfahren. Gerade wirbelte sie herum und sah, wie der Werfer die Treppe herunterrennen wollte.

„Scheiße, wieso kommt der so schnell auf die Beine?“,

kreischte sie. Bernd war geladen wie eine Drehbasse kurz vorm Entern einer Piratenkogge:

„Diesmal leg ich die verfluchte Schlampe um!“

Bittere Galle kam ihm hoch: Seine Botten waren bei der Verfolgung hilfreich wie Holzbeine. Plötzlich stolperte er ein zweites Mal und segelte die Treppe runter, wie die havarierte Preußen vor dem Hafen von Dover und zerschellte mit lautem Ächzen & Stöhnen krachend am Boden, wie das stolze 5-Mast Vollschiff an den Klippen im Ärmelkanal. Es war Montag.

„Das ich auch nicht den Mumm habe erst die Alte und dann mich umzulegen, das kotzt mich an!“,

wimmerte er, wobei er sich nicht ganz klar war was ihn mehr nervte: Seine Feigheit oder sein trauriges Dasein.

Bernd war 52 kinderlose Totensonntage alt. Wenn er genug getrunken hatte, fühlte er sich 13 Minuten wie zur Konfirmation.

Nachdem ihn die Polizei rausgeschmissen hatte, wurde er typischer Privatdetektiv der 2. oder 3. Garnitur: Er soff, war depressiv und hielt sich gerade so über Wasser. Er war nicht schlecht. Ein paar komplexe Fälle konnte er lösen. Sie brachten ihm zwar nicht den großen Erfolg, aber immerhin so viel Geld, das er genug zu Essen und Trinken und ein Dach überm Kopf hatte.

Angela, war weder Model, Musikerin, noch Klassenbeste auf dem Goethe-Gymnasium: Sie war ehemalige Nutte. Anfänglich vögelten sie nur hin und wieder. So wie es sich halt ergab. Irgendwann hatten sie so etwas wie eine Beziehung. Angela arbeitete in einer Spielhalle hinterm Tresen. Sie liebte Bernd. Doch das sagte sie ihm nie.

Angelas Karriere war klassisch und beeindruckend. Mit 17 in die Lehre, mit 20 auf den Strich und mit 35 überm Zenit, obwohl sie immer noch einen geilen Arsch hatte. Irgendwann kam Bernd als Freier zu ihr, nachdem er nach 4 traurigen Jahren ohne Sex dachte, sein Leben wär zu Ende. Irgendwann kam er wieder und sie verlangte kein Geld mehr, weil ihr als Nutte passiert war, was das Ende ihrer Karriere bedeutete: Sie hatte sich in einen Freier verknallt.

Ihre Wohnungen waren nur ein paar Atemzüge auseinander. Bernd war der Meinung, dass ihn Weiber irgendwann ins Grab bringen würden. Deswegen wollte er sicherheitshalber auch keine bei sich wohnen haben.

„So ein Miststück; ich glaub es einfach nicht; die schafft mich!“

lamentierte er und stand langsam wieder auf. Angela war weg, der Schmerz da, die Melancholie kam zurück und seine Wut flaute weiter ab. Sein umnebelter Geist sah wieder den Wahnsinn des Alltags.

„Dann wollen wir mal die Maschine in Gang bringen.“,

rief er sich zur Ordnung und brühte einen starken Kaffee. Ein Mann konnte untergehen, wenn er sich nicht hin und wieder selber aus dem Dreck zog. Angenehm verbreitete sich der behagliche Kaffeeduft in der Wohnung und glättete letzte kraftlose Wogen. Er zog sich ein Hemd an und ging runter auf die Straße. Ein kleiner Spaziergang sollte Tag und Körper in Schwung bringen. Vertraute Schlupflöcher der Zivilisation wurden aufgesucht. Es gab Kneipen in denen man rund um die Uhr sitzen konnte, wenn man vorm Hamsterrad fliehen wollte. Eigentlich trank Bernd lieber zuhause und ließ das Leben wie eine alte Bimmel-Bahn vorüberziehen.

Heute aber war ihm nach Abwechslung. Er ging in die nächste Kneipe und bestellte ein Gedeck. Kalter Rauch hing schwer in Luft und Vorhängen. Die Bardame quälte sich ein halbnüchternes Lächeln ab und hoffte auf Erlösung wie alle. Heute war Bernd alleine; keiner hatte Erbarmen mit ihm; irgendwann sah er es ein. Das Lächeln der Bedienung und die übervollen Aschenbecher vom Vortag geleiteten ihn nach dem 3. Gedeck nach draußen in das gleißende Sonnenlicht.

Immer noch Montag.

Eine Zeitung, zwei Mettbrötchen, sowie eine Flasche Scotch und mehrere Flaschen Wein machten den Vormittag gemütlich. Ein Paket Tabak rundete den Morgen ab und gab der Mittagsstunde die Hand. Er ließ sich mit schwerem Seufzer auf sein Sofa nieder, faltete die Hände ernst, fast selig und schloss sachte die Augen zum Dösen, als es an der Tür klingelte; Bernd raffte sich auf und ging leicht schleppend zur Tür, sah vorsichtig durch den Spion, sah niemanden und wollte gerade vorsichtig die Tür öffnen, als sie mit großer Wucht aufgestoßen wurde, ihn am Kopf traf und er schwer getroffen zu Boden ging. Nach den Sternen kam die Dunkelheit. Dann verlor er das Bewusstsein.