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Wie bitte, immer noch? Odyssee 2019 – CW44

Ich war mal wieder in meiner Heimat, korrekterweise „auf“ ihr – Mallorca. Ist’n schweres Wort, finde ich – „Heimat“. Viel will ich darüber aber nicht verlieren; es liegt mir manchmal zu sperrig im Magen, weswegen ich es ausführlich in meinem vierten Buch behandle – Titel wird noch nicht verraten – es handelt aber von meiner philosophischen Betrachtung des Lebens, soviel sei vorab verraten.

Jedenfalls, soviel steht eben auch fest, ist das Gefühl, was wir mit „HEIMAT“ verbinden, angenehm und stark, eventuell beides zusammen; bei 20 – 25 Grad Sonne, gutem Essen & Trinken und mit Freunden beisammensein, bleiben eh wenig Wünsche offen; auch hierrüber will ich nicht länger schreiben, noch mehr Worte verlieren.

Meinen angenehmen Kurztrip ins Heimatdorf genießend, haben sich meine üblichen Kanäle geöffnet, so wie immer, wenn ich dort bin – die Schwingung ist auch nach all den Jahrzehnten, auffallend inspirierend; wundert daher nur wenige, warum sich dort Landarbeit und kreatives Schaffen so wunderbar ergänzen und gegenseitig befruchten.

Eher so ganz nebenbei konnte ich meinen gordischen Knoten im Kopf lösen; genauer gesagt, ist es seine Auflösung und die Folgen dessen. Um es nicht allzu kryptisch klingen zu lassen: Jeder würde es als gegeben sehen, dass Gedanken, Wort und Schrift frei sind; das stimmt leider nur bedingt; wir können kaum frei denken und Schreiben, weil wir zu viele Schichten über unserem Zellkern liegen haben, das unser wahres Wesen nur äußerst selten, tendenziell eher so gut wie nie, klar und ungefiltert heraustritt und Hervorscheint.

Wieso das so ist? Abgekürzt formuliert: Unsere Prägung während Kindheit, Jugend, kombiniert mit Schulbildung und Berufsausbildung und anschließenden Studien eingeschlossen, geben uns zwar reiches Handwerkzeug an die Hand, dass wir jedoch nur sehr selten, mit unseren eigenen, frei herausgearbeiteten Bedürfnissen, Empfindungen und Werten bedienen; eigene und fremde Erwartungen und Ansprüche sein hier nur als Spitze des Verhinderungs / Verkomplizierungs-Eisbergs genannt, der direkt vor unserer Nase, die Fahrrinne versperrt.

Meine Freude ist deswegen umso größer, dass ich mich von weiteren Teilen befreien, sie bei Spaziergängen am Wasser abstreifen konnte; es ist tatsächlich äußerst anstrengend, sich seinem eigenen Schreibstil treu zu bleiben, ihm konsequent zu folgen. Zu schnell tauchen wir auch im Leben in verwässerte Gefälligkeit, in nahezu unverständliches Diplomaten-Schreib-und-Sprech ab, weswegen von unserem eigentlichen Ansinnen oft nichts erreicht & übrig bleibt.

Feuer und Wasser war immer schon schwer zusammenzubringen – Öl und Wasser geht eher; jeder einzelne von beiden hat tolle Eigenschaften; zusammen, als gründlich vermischte Emulsion, sind sie gut anwend.- sprich verreibbar; gründliche Durchmischung, lautet das Geheimnis. Endlich ist mir, genau das, beim Schreiben gelungen. Ewig lang haben das Dritte und ich miteinander gerungen; alle möglichen inneren Stimmen und fremde Kommentare wuchsen wie wild-wuchernde Pilze in meinem Kopf.

Jetzt – nach einer knappen Woche in der Heimat, bekam ich ‘nen Griff dran; jene innere permanente Wachsamkeit zu schüren, bedarf täglicher Arbeit und Disziplin, um das Schwert scharf zu halten – auf einen guten Schliff, lieber Schreibschmied.

 

Odyssee 2019 – CW34

Montag – eine neue Woche. Ich muss mir eine Unterkunft auf der Peleponnes Halbinsel und ein Motorrad besorgen, der Urlaub naht. Ich werde in Drepano fündig. D. ist ein kleiner Ort direkt am Wasser und Theodora eine nette Dame, die noch reichlich Energie mit sich herumträgt. Motorräder sind jedoch weniger leicht zu kriegen, noch dazu in einem vertretbaren Rahmen. Auf dem Festland sind die Preise deutlich höher, als auf Kreta. Um mich schnell den südeuropäischen Gepflogenheiten anzupassen, picke ich mir drei Anbieter raus – euphorisch beginne ich zu verhandeln. Nach und nach zeichnet sich ab, dass ich nicht der einzige bin – meine Verhandlungen laufen daher etwas zäh, bis ich eine alteingesessene Firma an der Strippe habe, die wieder die sprichwörtliche griechische Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft aufleuchten lässt. Wir werden uns einig, inklusive gutem Preis, Top-Case und zweitem Helm.

Dienstag – letzte Vorbereitungen für meinen Urlaub. Plötzlich fällt mir auf, dass ich noch gar keinen Flug gebucht habe! Verdammt noch mal, manchmal bin ich wirklich ein Traumtänzer, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht – doch das Glück ist mir hold – 57€ für ein One-way-Ticket ist nicht zu viel, noch dazu mit Aegan, die Mittag anbieten und mit Stolz von sich behaupten können, das netteste Kabinenpersonal auf dem Globus ihr Eigen zu nennen. Glück muss man haben. Langsam festigt sich meine Planung. Abends dann noch ein wenig Griechisch lernen und ab in die Falle.

Mittwoch – Frühstücken, Flug einchecken, ein paar Maschinen Wäsche durchjagen, Sachen packen und ein wenig Griechisch lernen – ich habe wirklich keine Lust, irgendein Wort dort auf Englisch zu sprechen. Doch dafür muss ich mich noch etwas lang machen, um eine leichte Konservation, einigermaßen anständig führen zu können. Mitten drin ein wenig an Horus schreiben. Abends noch einmal etwas Sport. Ein paar organisierende Telefonate, ein wenig lesen, noch einmal Griechisch pauken und dann ab ins Lummerland.

Donnerstag – Wecker auf halb Acht, endlich Urlaub! Ein gemütliches Frühstück, mit Zeitungslesen, Eiern und Kaffee sorgt dafür, dass ich recht zufrieden lächle und in eine gute Stimmung komme. Um zehn Uhr bin ich am Flughafen. Boah, wie ich das liebe, dass ich in Toulouse mit dem Motorrad direkt vorm Terminal parken darf – und das noch for free. Kurz Helm abgeschlossen, durch die Security und gemütlich zum Gate gepilgert. Direktflug nach Athen, mein erstes Mal aufs griechische Festland. Wir heben pünktlich ab. Leichte Turbulenzen sorgen dafür, dass unser Mittagessen ein wenig Zero-Gravity feeling bekommt. Pünktlich um 15:20 landen wir in Athen.

Die Sonne, brennt. Gefühlt haben wir vierzig Grad. Ein Fahrer wartet auf mich – ich lese meinen Namen beim Ausgang. Dimitrios ist ein stiller Intellektueller, der Literatur studiert. Sofort haben wir einen Draht und tauschen uns über Gott und die Welt aus. Es ist wie Juni auf Kreta: Griechen tragen ihr Herz auf der Zunge, wenn man sie lässt, einfach wunderbar. Als ich aussteige bedankt er sich dafür, dass ich ihm ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert habe. Ich gebe das Kompliment gerne zurück und wir hoffen beide, dass wir uns wieder sehen. Ein Motorrad muss man mir nicht weiter erklären – Savvas und sein Team machen es trotzdem, sie meinen es gut. Honda Transalp, ein Klassiker. Wir haben 39 Grad unter der Akropolis. Ich merke, dass ich die Wärme immer mehr mag.

Bestens gelaunt schwinge ich mich auf mein Pferd und reite raus aus Athen, schnurstracks Richtung Korinth. Wie ein gewaltiger Fön bläst mir die heiße Luft durch die Klamotten – links das Mittelmeer, rechts erste Hügel, die mich daran erinnern, dass die Hellenen bergisches Land bewohnen – träge wälzt sich Piräus, der Hafen von Athen an uns vorbei. Nach vierzig Minuten geht es runter von der Autobahn, die mit drei Maudstationen dennoch günstig sind. Eine kleine Straße windet sich Richtung Nafplio. Links und rechts säumen mich Olivenhaine. Hügel wachsen überall aus der Erde, als würden die Truppen Spartas noch gestern Staub aufgewirbelt haben. Nachdem ich mehrmals angehalten habe, um die atemberaubenden Landschaften zu genießen, erreiche ich meine Unterkunft in Drepano-Beach. Theodora ist ein Schatz und entlässt mich schnell zu meinem Apéro – die Muscheln danach sind genauso großartig, wie der lokale Weißwein. Irgendwann nach Mitternacht schlurfe ich müde in mein neues Heim. Zwei Uhr – Feierabend.

Freitag – mein erster Tag. Lange schlafen und Frühstück um zwölf. Gegen vierzehn Uhr packt mich Unternehmungslust und Neugierde, das Theater von Epidauros zu sehen. Schon fahre ich los und komme nach dreißig Minuten an. Ein wenig Schlange stehen und schon schreite ich andächtig die Stufen hoch, zu diesem Monument, griechischer Baukunst – und tatsächlich: Als sich das Theater in seiner ganzen Pracht öffnet, stockt mir der Atem! Das gibt es doch gar nicht. Das Stadium liegt, wie ein viel zu altes, oder zu neues Bauwerk in der Natur eingebettet vor mir. Wie ist das Bloß möglich, dass die alten Griechen so etwas vor über 2500 Jahren bauen konnten? Was für eine Eleganz und Perfektion.

Was machen wir Menschen eigentlich heute mit unserer Zeit? Ich steige ergriffen die Ränge hoch und setze mich auf die obersten Stufen, um das ganze Ausmaß seiner Dimension zu erfassen – was für ein beeindruckendes Bauwerk, noch dazu, mit der atemberaubenden Aussicht auf die schöne Natur – und das alles um die Ecke. Bestimmt sitze ich zwei Stunden, bevor ich andächtig auf die andere Seite gehe und dann den ultimativen Klangtest mache, von dem ich so viel gelesen habe. Ich stelle mich ins Zentrum und spreche in normaler Lautstärke – und tatsächlich: Es ist magisch, wie man seine eigen Stimme vom Raum absorbiert und auf allen Rängen gleich wiedergegeben fühlt.

Was für großartige Baumeister müssen das gewesen sein! Alle Ränge hat man nach den Regeln des goldenen Schnitts angelegt – Höhen und Tiefenverhältnisse – hier hat man alles perfekt gemacht, von Materialen, bis hin zur gesamten Architektur. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich und macht mich sehr nachdenklich. Touristen sind wenige da, weswegen ich das Stadium fast für mich alleine habe. Ich könnte jetzt ein ganzes Buch darüber schreiben, was sich in diesen paar Stunden in mir abgespielt hat, aber aus Respekt vor dem Bauwerk und den Griechen, schweige ich und lege dies Erlebnis vorsichtig in meinem Gedächtnispalast ab. Hier muss man hin und es selbst erlebt haben. Darüber reden bringt wenig. Abends gehe ich schweigsam in eine kleine Taverna, esse wunderbare Muscheln, trinke tollen lokalen Weißwein und lerne Yannis, einen Kellner kennen. Völlig überwältigt von all den Erlebnissen, schleiche ich in mein kleines Cottage, putze meine stillen Zähne und rolle mich schüchtern im Bett zusammen.

Samstag – zweiter Tag. Der erste fühlt sich schon wie eine ganze Woche an. Zu mächtig sind meine Eindrücke. Doch nicht genug, im Gegenteil. Heute geht es nach dem Frühstück nach Mykene. Auch das liegt 20min um die Ecke, also noch dichter, als Epidauros. Als sich die Festung vor mir auftürmt wird mir mulmig. Dieser Ort ist nicht leicht, luftig und magisch, wie Epidauros, sondern das Gegenteil. Geduckt und unheimlich wuchtig erschlagen mich die Megalitmauern, die mich sofort an den Herrn der Ringe denken lassen. Hier also hat König Agamemnon gelebt.

Als ich die Spitze erreiche, verschlägt es mir die Sprache. Dieser Ort ist über 1500 Jahre älter als Epidauros – und was er ausstrahlt ist bedrohlich und irgendwie düster. Schon auch magisch und beeindruckend, aber nicht leicht und kosmisch, wie das Stadium. Was war in dieser Ecke von Europa nur früher los? So viele mächtige Königreiche und Stadtstaaten dicht beieinander, nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Was für ein Schmelztiegel von Kultur und Macht.

Des Königs Gemächer liegen ganz oben. Von hier kann man die ganze Ebene überblicken – und – was mich völlig aus der Fassung bringt, die Festung von Argos, ebenfalls nur wenige Kilometer entfernt. Meine Eindrücke erschlagen mich. Meinen Empfindungen geht es nicht viel anders. Völlige Reizüberflutung. Ein sehr spätes Abendbrot lässt mich den heutigen Götterdienst abschließen. Mit zum Bersten gefüllten und geladenen Sinnen schleppe ich mich gegen Mitternacht ins Bett.

Sonntag – griechischer Kaffee, zum Wachwerden. Anschließend fahre ich nach Nafplio, der ersten Hauptstadt, des neuen Griechenlands, das unter König Otto neu emporstieg. Diese kleine Hafenstadt verbindet alle Südeuropäischen Kulturen, und das mit einem Charme, der den meisten Hauptstädten völlig abgeht. Hier ist alles nett und klein. Nicht groß und mächtig, wie man es heute so anstrebt. Die wunderschöne Altstadt ist von alten Festungen umgeben und lässt einen staunen, nicht nur, weil alle Fußgängerzonen des Zentrums mit Marmor ausgelegt sind – auch Nafplio liegt nur wenige Kilometer von all den anderen großen Stätten, nur 15min von Deprano entfernt.

Mein erster Apéro erinnert mich daran, dass ich heute gemütlich umherschlendere und mich treiben lasse, um die ersten zwei Tage zu verdauen – was mir, nebenbei gesagt – nicht leicht fallen wird, da diese schöne Stadt ebenfalls mächtig beeindruckt. Nachdem ich die Stadt besichtigt habe, ein gutes Lammgericht zu mir genommen habe, mit leckerem ortsansässigem Nemea-Wein, fahre ich gegen Mitternacht heim und beschließe, nicht auf das Dorffest zu gehen, dass mit reichlich Folklore lockt – für heute langt es mir und ich fange an, die ersten Zeilen zu tippen. Ich denke, dass ich gleich eine letzte Zigarette rauche und dann zu Bett gehen werde – gute Nacht!

 

Odyssee 2019 – CW33

Montag – Wäsche, einkaufen, ein wenig schreiben. Horus, was sonst! Ein Kumpel meldet sich bei mir. Er hat bereits Urlaub und ist zurück von seiner ersten Woche. Julio hat eine Woche lang Eltern und Familie, droben im hohen Norden Frankreichs besucht. Sagte, dass es ihm gut gefallen hätte – abends dann Apero um sieben, mit anschließendem Dinner. Wir diskutierten den ganzen Abend, wann wir uns wo in Griechenland treffen wollen. Wir fahren zur selben Zeit hin, zwar etwas versetzt, aber mit einem großen gemeinsamen Zeitfenster von über einer Woche. Werden uns auf der Peleponnes Halbinsel treffen. Freue mich. Haben dann, wie immer, recht intensiv diskutiert und kamen etwas spät aus dem Resto, nachdem jeder eine Flasche schweren Rotwein, sowie ein erwachsenes Entrécôte verspeist hatte. In wenigen Sekunden fiel ich in einen komatösen Schlaf.

Dienstag – wieder Zweitjob in der Industrie. Zur Zeit ist es sehr ruhig. Alle Franzosen sind im Sommer. Ich nicht, dafür schreiben an Horus, was das Zeug hält. Komme etwas besser voran, mit dieser Zweigleisigkeit. Bin aber immer noch unzufrieden, mit den feinen Nuancen und seiner verdammten Stimmung. Es bleibt alles noch zu sehr an der Oberfläche, und das, obwohl ich mit ihm Tiefseetauchen will, bis der Leser seine Spiegel zuhause abklebt. Konzentriere mich heute ganz auf den Content. Habe heute zehn, nahezu druckreife Seiten geschafft. Nicht schlecht, wie ich finde. Am Abend meine ich den Durchbruch hinbekommen zu haben. Ich glaube, bin davon überzeugt, den richtigen Weg gefunden zu haben. Spät Abends habe ich mich für die Schwingung von Horus entschieden. Jetzt sollte es leichter gehen, es sei denn, Horus will selbst bestimmen, wie sich seine Stimmung entwickelt. Irgendwann gegen Mitternacht schlafe ich über dem Laptop ein. Ich glaube es wird Zeit für meine Lesebrille, denke ich bis zuletzt, als ich ins Bett falle und sofort wegsegel.

Mittwoch – es geht aufs andere Gleis, heute sind Stimmung und Nuancen dran. Boah, wie der Penner sich sträubt; er will einfach nicht in die Tiefe; kackfrech treibt er mit seiner Oberflächlichkeit auf dem Wasser herum; könnte ausflippen. Okay, also anders rum. Du musst einen Weg finden, zwei völlig unterschiedliche Stile zu finden, ohne dass sie zu unterschiedlich sind, und ohne, dass man es lesen und sehen kann. Es muss da auf dem Papier sein, aber man darf es nicht sehen. Es muss zwischen den Zeilen stehen, aber man darf es nicht finden. Verdammt! Schon immer wahren die ungeschriebenen Worte jene, die am schwersten zu schreiben sind. Ich modelliere den ganzen Tag herum. Abends Apéro mit Dinner bei Freunden in der Nachbarschaft, mit anschließendem Elektro, reichlich Rosé und Zigaretten. Ein wenig zuviel von Letzterem, für meinen Geschmack. Irgendwann gegen eins liege ich im Bett, mit einem leichten Glimmer und schwebe davon.

Donnerstag – Maria Himmelfahrt, Feiertag. Wusste nicht, dass wir frei haben. Auch nicht, dass Maria ebenfalls in den Himmel gefahren ist. Ich dachte, da ist nur der Latschenträger hin. Maria auch? Hm, irgendetwas ist da an mir vorbeigezogen. Habe 13 Stunden gepennt, fast den ganzen Tag gefrühstückt und Zeitung, Nachmittags und Abends dann an meinem Nuch weitergelesen. Der Gattopardo, großartiges Buch. Uralt und ur-fantastisch. Sowas könnte man heute, meiner Meinung nach, nicht mehr schreiben. Jeder Verlag würde dich vom Hof jagen. Schade eigentlich. Gehe mit dem Buch ins Bett und knipse das Licht gegen elf aus. Gute Nacht, Don

Freitag – ich starte den Tag mit Sport und anschließendem Frühstück. Anschließend Zweitbroterwerb in der Industrie. Mache spät gegen zwanzig Uhr Schluss. Manches ist liegengeblieben, wo so viele im Urlaub sind, das übliche. Man fegt halt hinterher, so wie überall. Spätes Abendesse. Dann Bettlektüre. Um kurz vor Mitternacht fallen mir die Augen zu.

Samstag – ich gehe früh einkaufen und setze mich zeitig an die Maschine. Ich will den ganzen Tag schreiben. Es geht gut voran, auf beiden Gleisen. Horus‘ Stimmung nähert sich an, ohne zu verschwimmen und ohne, dass man es merkt. Manchmal habe ich den Eindruck, dass er mit mir ein Spiel spielt, als wenn er bestimmt, wie er wird und nicht ich. Ich bin etwas zufriedener und reite tapfer den ganzen Tag durch. Irgendwann gegen 21 Uhr undnach weiteren acht Seiten, merk ich, dass meine Augen am Ende sind. Ich mach eine paar Übungen, sehe nach draußen, stelle den Fokus auf weit, schaue nach links, recht, oben und unten, versuche die Augen zu stimulieren. Dann ein leichtes Abendbrot. Später buche ich die letzten Einzelheiten für meine Wochen in Griechenland. Ich freue mich riesig und gehe zufrieden ins Bett.

Sonntag – um kurz nach acht gehe ich mal wieder laufen. Dem Fuß geht es blendend, wenn ich ihn bewege, so wie dem ganzen Körper. Muss mich mehr bewegen. Ich sitze zu viel. Dann Frühstück mit Griechisch lernen. Anschließend klemme ich mich wieder auf den Gaul und reite in den Autoren-Sonnenuntergang. Später am Abend dann Dinner mit Freundin. Müssen meine kleine Minzpflanze einpflanzen. Sie hat mir einen kleinen Ableger geschenkt, den ich liebevoll mit meinem Spezial-Wasser gegossen habe. Seit dem ist sie abgegangen wie eine Rakete, hat Wurzeln gebildet und sich in rasender Geschwindigkeit aus dem Glas gelehnt. Werde später auch etwas für uns kochen. Freue mich darauf.

 

 

Odyssee 2019 Teil2 – Chroniken

Es ist übergelaufen, zum ersten Mal. Ich ahnte, dass es irgendwann passieren würde – aber ich hatte gehofft, dass es noch etwas auf sich warten lässt – nun denn, es ist angerichtet. Als Mensch, besonders als Mann, sollte man versuchen immer ehrlich mit sich zu sein – warum, besonders wir Männer? Weil wir, uns selbst glaube ich immer eine Spur toller finden, als Frauen sich selbst – eine gesunde Prise Selbstkritik und Bescheidenheit hilft ungemein – natürlich gibt es auch unter den Frauen saftige Alpha-Weibchen, die unfähig sind, sich selbst mit Bodenkontakt zu versehen – aber tendenziell findet sich das auf der männlichen Halbkugel öfters – ich weiß wovon ich rede!

Ich werde alt – ja wirklich.

Drumherum reden nutzt nichts mehr. Jeden Tag spüre ich es. Am Anfang kann man es sich schön reden. Irgendwann aber sprangen mir die Ereignisse so zahlreich mit nacktem Arsch ins Gesicht, dass ich einfach gezwungen war, hinzusehen – man fragt sich nicht, warum man das Etikett auf der Weinflasche nicht mehr lesen kann, bis man begreift, dass man eine Lesebrille braucht. Damit ging es los. Doch das war erst der Anfang. Letzte Woche habe ich zum ersten Mal vergessen, mein Fahrrad anzuschließen – natürlich hat eine Stadt wie Toulouse sofort erzieherische Maßnahmen parat – als ich wiederkam war es natürlich weg – meine Freundin fand das ungeheuerlich, so direkt vor der Nase – ich denke, es ist richtig so!

Lernen durch Schmerzen – manchmal klappt es nur so.

Mittlerweile ertappe ich mich, dass ich zweimal nachschaue, ob ich das Bügeleisen ausgemacht habe – ich kenne mich, ich weiß dass ich das Zeug dazu in mir trage, es zu vergessen, oder mir erfolgreich lediglich vorstelle, dass ich den Stecker gezogen und es auch überprüft habe. Heute Morgen bekam ich dann die längst überfällige Bestätigung. Grell leuchtend lächelte mich eine Kochplatte an – ich dachte mir, warum glühst du noch? – bis ich bemerkte, dass ich sie offensichtlich vergessen hatte auszuschalten, nachdem Kaffee und Eier fertig zubereitet waren. Das ist mir noch nie passiert – jetzt langt es, dachte ich mir! Sofort fasste ich den Entschluss, dass ich ab sofort, hier und heute nicht nur wieder regelmäßig schreibe, sondern mit völlig offenem Visier meine Chroniken erschaffe, mein Logbuch. Wochen.- statt Tagebuch.

Und so soll es heißen: Odyssee 2019 – und es beginnt hier und jetzt!

Woche 31

Ich musste nach Hamburg fliegen. Eigentlich hatte ich keine Lust. Aber Steuer, Arbeit und ein paar andere behördliche, äußerst unangenehme Sachen konnten keinen Aufschub mehr vertragen. Zum Kotzen, dieser ganze administrative Scheiß! Man kann mich lieber zu einer Biopsie zwangsverpflichten, als meine Ablage zu machen – ist für mich eine mentale Vergewaltigung – einfach furchtbar dieser ganze Mist. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Prozesse, Methoden und Gesetze wichtiger als Menschen geworden sind.

Zum Glück ist mein Steuerberater mein Freund, noch dazu ein äußerst Geduldiger. Ich glaube er wollte schon ein paarmal das Handtuch schmeißen. Mit ziemlicher Sicherheit denkt er, dass ich entweder begriffsstutzig bei steuerlichen Dingen bin, oder dass ich sonst wie eine seltene geistig-kapazitive einschränkende Krankheit habe, die mich all diese Steuersachen nicht kapieren lassen. Montagabend waren wir dann nett essen. Die paar Hausaufgaben für mich hat er mir toll erklärt, so dass ich sie gleich am nächsten Morgen fertig machen und an ihn abliefern konnte. Ich war ein wenig stolz auf mich – ich hoffe, er auch.

Dienstag – Bergwerk, untertage; auch schreiben genannt. Nachmittags Treffen mit einem Schreib-Kollegen. Hat ein tolles Buch über sein Sabatical gemacht – Schrauben, Schlafen, Surfen oder so heißt es, glaube ich. Er ist ein lebenslustiger Surfer-Typ – sieht das Leben meist von seiner Sonnen.- und Wellenseite. Wir saßen an der Elbe, bei Bier und Apero-Spritz, quatschten über dit-un-dat, sogar über Jenes. Netter, kurzweiliger und angenehm zerstreuender Abend, mit anschließendem Abendessen – hat viel Spaß gemacht und viele Hamburg-Erinnerungen hervorkommen lassen – vor sechs Jahren hatte ich vor hier zu heiraten. Manchmal ist das Leben merkwürdig – immer wenn ich denke, es fest im Griff zu haben, entschlüpft es wieder – das war dann auch meine Erkenntnis: Nicht versuchen das Leben festzuhalten, sondern es zuzulassen – sei durchlässig und nehme es an, ohne Widerstand, jedoch mit Bodenhaftung und gutem Gespür für das Selbst und die eigenen Bedürfnisse.

Mittwoch – Bergwerk, Klappe die Zweite – mein drittes Buch zerrt wieder an mir. Endlich! Und ich bekomme wieder richtig gut Zugang – bin motiviert, Martin Horus jetzt endlich fertig zu machen – freue mich darauf. Hatte viele Wochen, ganze Monate, wo mich das nicht anfixte, wo ich keinen Zugang, geschweige den Eingang zur Story fand – hatte natürlich auch mit meinem Motorrad-Unfall auf Kreta zu tun. Hab den Tag dann richtig Gas gegeben; abends kam mein alter Kumpel Rape zu Besuch. Wir kennen uns schon über fünfundzwanzig Jahre, haben viel zusammen erlebt und durchlebt. Bier in der Sonne, mit anschließendem Abendbrot. Sprachen von früher, heute und morgen. Emeritierter Wissenschaftler, mit Schwerpunkt Biologie und Psychologie – nun im verdienten Ruhestand. Redeten darüber, wieviel fremde Sorgen ein Mensch aufnehmen und verkraften kann; wie lange man sich eine gewisse Leichtigkeit bewahrt, ohne eines Tages mit hängenden Schultern heim zu gehen. Ziemlich lange, wie er mit bestem Beispiel bewiesen hat – konnte ihn verstehen, als er nach all den Jahren, Jahrzehnten seine Praxis schloss. Irgendwann hat jeder Kater sein Körbchen am warmen Kamin verdient.

Donnerstag – zuerst Broterwerb, ein paar extra Münzen verdienen mit meinen Ideen, dann Bergwerk. Habe an Horus geschrieben, geht jetzt gut voran. Will das Buch Ende des Jahres fertig haben. Muss wieder mehr Disziplin mit dem Schreiben bekommen, so wie früher. Horus muss aus meinem Kopf raus; ist wie bei Früchten, wenn sie reif sind, musst du sie ernten, sonst wird‘s Fallobst. Habe mich einige Stunden durchgekämpft – dann spätes Abendbrot mit ausreichend Wein. Trinke ich zu viel? Nach Rape’s Meinung nicht; im Schnitt über die Woche verteilt, jeden Tag ne halbe Falsche Wein ist für ihn völlig gesund und überschaubar. Finde ich auch. Dann Sabatical-Buch vom Kollegen lesen. Irgendwann fiel es mir auf die Nase. Kurz die schroffen Klippen wienern, Gute-Nacht-Meditation zum Einschlafen und ready 4 take-off.

Freitag – wollte eigentlich mein Auto in den Süden fahren. Doch zum ersten Mal will es nicht anspringen. Ich weiß, dass viele Deutsche Angst vor Südeuropa haben, aber Fahrzeuge? Mein Auto-Maestro und ich kratzten uns ratlos an den Haaren, dabei hatte ich mir so ein schönes Roadmovie ausgemalt. Ein anderes Mal. Habe mir dann fix einen Flug nachhause über München besorgt. Herrlich, als die Toulouser dreißig Grad über mich herfielen, nachdem Hamburg mir mit 17 Gard eher die kalte Schulter meinte zeigen zu müssen – abends Apéro und Abendbrot mit Freunden aus der Nachbarschaft, inklusive Zigarre rauchen, was immer ein Zeichen für reichlich-gut gefüllte Gläser ist. Zwei Uhr, ich gehe zu Bett, mit der üblichen überfahrenen Ratte im Mund.

Samstag – ausschlafen mit rumdösen, dann gemütlich Frühstück, Eiern und Toast – hinterher ein paar Waschmaschinen; aufräumen, Altpapier wegbringen, abwaschen, Staub saugen und duschen – dann ab zu Decathlon, neues Fahrrad kaufen. Und Überraschung: Das Fahrrad kostet nach drei Jahren noch die gleichen 300, wie erfreulich. Flux ein neues Schloss gekauft und ab in die große weite Welt. Bin zwei Stunden wie ein glückliches Kind durch die City geradelt, auch um eine Brasserie oder ein Resto zu finden, dass noch warme Küche hat, vergebens. Um sechzehn Uhr ist nichts mehr zu wollen in Toulouse – es bleiben einem dann nur drei Lösungen; zuhause selber kochen, Döner-Laden oder dergleichen, oder irgendeinen der 24/7 Touri-Läden aufsuchen, um sich was Durchschnittliches rein-zu-pfeifen – Cäsar-Salat mit nem Glas Rosé. Ne schlappe vier für das Futter, ne gute zwei-bis-drei für den Wein aus der Provence. Dann nachhause – schreiben, genau diese Zeilen hier.

Sonntag – ich schreibe zum ersten Mal über die Zukunft. Will nach dem Unfall versuchen laufen zu gehen. Danach duschen, mit anschließendem Brunch irgendwo in Toulouse – will jeden Tag wie meinen Letzten genießen. Es gibt kein „später“ oder „machen wir morgen oder übermorgen“ – es gibt nur jetzt, immerzu, ständig. Seht ihr? Jetzt schon wieder. Ich bin gesund, einigermaßen klar bei Verstand, kann mir ein Leben leisten, das mich zufrieden macht, weiß wie privilegiert ich bin und wie schnell alles zu Ende sein kann. Von jetzt auf gleich. In Bruchteilen von Sekunden. Wir können nichts mitnehmen, nicht mal das Leben. Will meines daher wie ein rauschendes Fest feiern, bis der letzte Tropfen des Kruges ausgegossen – jeden Tag, jede Stunde – jetzt.