Tor zu Korinth – Griechenland Interview Teil1 – Odyssee 2020 CW30

21.Juli – eigentlich hatte D vor, nach Griechenland zu fliegen, genauer gesagt, nach Athen. Einmal, weil er dort eine inspirierende Philosophin hoffte, treffen zu können, und weil er Menschen, Sprache und Kultur für sein seelisch-spirituelles Gleichgewicht brauchte. Doch es sollte ganz anders kommen.

Nachdem D erfahren hatte, dass man zur erfolgreichen Einreise eine Applikation 48 Stunden vorher ausfüllen musste, um einen QR-Code für die Einreise zu generieren, was schwierig zu sein schien, weil es hauptsächlich Störungen gab, dass kaum jemand erfolgreich einen erhalten hatte, so dass nahezu jeder bei Einreise 500€ zahlen musste, wenn man den QR-Code nicht vorwies.

Sofort erkannte D, dass die Griechen den alten Brauch des Wegezolls neu ausgegraben hatten, um in Corona-Zeiten neue Stabilität und wünschenswerte Zukunftstrends vorzuschlagen und an zwei urzeitliche Bedürfnisse der Menschen erinnerten:

Handeln und Reisen.

Um diese alten Menschheitsträume nicht nur angemessen zu würdigen, sondern vor Allem, alle Herausforderungen zu verstehen und sie ausreichend zu beleuchten, hatte D einen Termin mit dem 2700 Jahre alten Torwächter von Korinth, der – wie sich später herausstellte – sogar den Bau des Diolkos am Isthmus von Korinth begleitet hatte. Perikles von Korinth hatte sich mittlerweile an die neuen Zeiten angepasst und vor kurzem ein Smartphone erworben.

Ganz angetan von den modernen Möglichkeiten, miteinander reden und sich dabei sehen zu können, ohne wirklich physisch präsent sein zu müssen, führte er den ganzen Tag Gespräche mit Freunden und Bekannten und erklärte ihnen in ausschweifenden Beschreibungen Bau und Funktionsweise des antiken Schiffkarrenwegs, der den Korinthischen mit dem Saronischen Golf verband.

D saß mit seinem zweiten Glas Rezina und seinem Headset vor dem Laptop und wartete darauf, dass sich der fidele Grieche einwählte. Kurz darauf tauchte sein Gesprächspartner vor der Kamera auf.

DT: Giasas Perikles, wie geht es dir?

PvK: Kalimera Dirk, sehr gut, vielen Dank – und selbst?

DT: Auch gut, danke – was macht so ein alter hochgestellter Amt und Würdenträger in Zeiten von Corona?

PvK: Oh, wenn ich ehrlich bin, ist es manchmal schwer zu wissen womit ich anfangen soll, weil es so viel zu tun gibt…..

DT: Ein wenig bin ich schon überrascht – nicht nur über dein Alter, sondern vor allem, was du so Vieles zu tun hast. Hat es eventuell mit den neuen Bestimmungen in Griechenland zu tun?

PvK: Hm, wie fange ich am besten an? Lass mich mal überlegen…….

DT: Nur zu…..

PvK: Alles fing damit an, dass die griechische Regierung mich bat, bei dem wieder ansteigenden Tourismus über Möglichkeiten nachzudenken, die ansteigenden Kosten zu begleichen – UND – aus meiner Sicht viel wichtiger, den Wert des Reisens zu erhöhen.

DT: Wie soll ich mir das vorstellen?

PvK: Ganz einfach – früher nannte man so etwas Wegzoll. So etwas hat es schon damals zu meiner Zeit gegeben. Damals hatte ich jedoch viel weniger zu tun, weil man weniger reiste als heute. Man war ja froh wenn man genug zu essen hatte und halbwegs gesund war.

DT: Warte mal Perikles: Du willst mir sagen dass die griechische Regierung heute wieder Wegzoll von mir verlangt, so wie im antiken Griechenland und die Idee dazu kommt von dir?

PvK: In aller Bescheidenheit – ja – von mir. Wurde ja auch höchste Zeit……!

DT: Wie bitte? Du willst mich auf den Arm nehmen…..

PvK: Überhaupt nicht – im Gegenteil!

DT: Was? Wir leben in Europa – wir sind gewohnt frei herumzureisen, wohin wir wollen – seit wann ist es richtig, Wegzoll dafür zu verlangen?

PvK: Es ist unsere einzige Einnahmequelle die wir haben – und mit Verlaub müssen wir auch von etwas leben. Wer soll all die vielen Wege warten und instand setzen, die Touristen benutzten? Früher konnten auch nur diejenigen reisen, die Handel betrieben. Reisen ist eine Ware wie jede andere.

DT: Okay, einverstanden – aber warum macht ihr das nicht auf offene Art und Weise, so dass man weiß, wofür und vor Allem – WAS – man da bezahlt…..

PvK: Weil alle wie du reagieren – mit Unverständnis und langen Debatten, die am Flughafen nur für lange Schlangen sorgen, die in Wahrheit niemand will.

DT: Wow – eine heftige Antwort – heftig an Ehrlichkeit, meine ich!

PvK: Warum? Alles dreht sich um Handel – und das seit es Menschen gibt. Was ist daran heftig?

DT: Vielleicht ist es die Art und Weise, wie ihr das macht – eventuell stoße ich mich daran, dass man es so versteckt macht – muss was mit meinem Charakter zu tun haben.

PvK: Es ist doch in Wahrheit nicht versteckt, sondern das Gegenteil…….

DT: Was? Nun mach mal halblang……

PvK: Okay Don, bei dir muss ich offensichtlich ein wenig mehr ausholen…..

DT: Ich bitte drum, Perikles – übrigens, wieso sprichst du so akzentfrei Deutsch?

PvK: Danke – ich habe viele Jahrzehnte in Deutschland gelebt…

DT: In welcher Zeit, wenn ich fragen darf?

PvK: In verschiedenen – immer dann, wenn es in Hellas wenig zu tun gab…..

DT: Ich bin beeindruckt.

PvK: Also – im antiken Griechenland gab es die ersten Grenzwachen – ich war so einer. Droben in den Bergen zwischen Korinth und Kechries. Dort gab es überall Mauern und nur an wenigen Stellen ein Tor. Nachdem wir merkten, dass es in den Bergen wenig Verkehr gab, bauten wir unsere Zollstelle am Isthmus auf. Das war noch bevor man die Idee vom Diolkos hatte.

Anfangs konnte ich das alleine meistern, aber als wir merkten, dass sich die Beziehungen zwischen Sparta und Athen verschlechterten, wussten wir, dass es bald zum Krieg kommen musste. Von da an verstärkten wir die Zollübergänge, doch hatte das auch Vorteile für die Handeltreibenden – denn durch uns gab es mehr Sicherheit. Von da an konnten alle Händler leichten Herzens reisen und mussten nicht mehr riskieren, an jeder Ecke wie ein Weihnachtslamm ausgenommen zu werden.

DT: Beeindruckend, dass du das alles noch erinnerst – und einleuchtend ebenfalls, warum aber denkst du, dass diese antiken Methoden, jetzt wieder die Richtigen sind? Warum erhebt ihr nicht ganz einfach wieder euren Wegzoll – ohne Corona und den fadenscheinigen QR-Code? Warum das Versteckspiel?

PvK: Weil man große Veränderung langsam einführen muss – man kann nicht einfach Wegzoll erheben, nicht mal im antiken Zeitalter. Auch ich habe damit langsam begonnen. Du musst die Menschen langsam daran gewöhnen, sonst gibt es Tumult in den Schlangen am Grenzübergang oder heute am Flughafen.

DT: Nur deswegen die fehlerhafte App, um über den wahren Grund hinwegzutäuschen?

PvK: Natürlich! Jedes Kind entwickelt dir in Windeseile eine perfekte und fehlerfreie App – für eine fehlerhafte App musst du dich anstrengen – das musst du schon in Auftrag geben – zumal man ja nichts ändert oder verbessert wenn man zahlt. Nein, Wegzoll ist der einzige Weg, eine Reise aufzuwerten, besonders, wenn du ein Land besuchst, dass man so oft über den Tisch gezogen hat, wie Griechenland.

DT: Warte, was meinst du, Perikles?

PvK: Na, ich meine die EU und insbesondere Deutschland……..!

DT: Kannst du das eventuell etwas genauer ausführen?

PvK: Beim nächsten Mal – für heute würde ich gerne Schluss machen. Es ist Mittagszeit.

DT: Wie bitte, um 16:00 Uhr?

PvK: Natürlich, wann sonst?

DT: Okay, was machst du danach?

PvK: Eine Siesta und du?

DT: Ich auch – ich esse übrigens auch erst jetzt.

PvK: Hast du dir griechische Essenszeiten angewöhnt?

DT: Sozusgane – mach es gut, Perikles – bis nächsten Sonntag.

PvK: Danke, du auch – Geia.

DT: Geia.

Don ging nachdenklich in die Küche und war überrascht von der Wende in der Europapolitik und schenkte Rezina nach, um anschließend griechischen Yoghurt zum Mittag zu essen.

 

 

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