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Odyssee 2019 – CW37

Ein weiterer Montag bei den Hellenen – mittlerweile schlafe ich jede Nacht mindestens sieben Stunden. Auch träumen tue ich jedes Mal – sogar sehr viel und intensiv. Ich muss mir wieder Notizen nach dem Aufwachen machen. Zu oft verschanzen sie sich in Morpheus‘ Reich – haben offensichtlich wohl keine Lust ein tristes Alltagsdasein zu fristen. Ich verstehe das.

Die wenigen Tage in Athen verpassen mir das letzte bisschen Entschleunigung, um mich wie ein Daoist zu fühlen, der nur noch im hier und jetzt ist, weder an gestern, noch an morgen denkt – nur noch sein. Wozu noch irgendetwas machen? Mehr und mehr verstehe ich Diogenes von Sinope, der ein Leben in Armut und im Jetzt wählte – angeblich in seiner sagenumwobenen Tonne.

Hemden zur Reinigung bringen? Versicherungen bezahlen, Steuererklärungen machen und Derartiges erscheinen mir geradezu absurd. Längst wasche ich nur noch mit der Hand. Verzicht bringt Erleichterung – die richtige Stimmung, um Exarchia, die alternative Hochburg Athens, das Headquarter der autonomen Szene zu besuchen – ein Viertel, groß wie ganz Altona, mit dem Spirit der Schanze vor 10 Jahren, ein atemberaubender Augenöffner.

Ich wandere von der Akropolis direkt auf’s Politechniko zu, jene Universität, in der Studenten in den sechziger Jahren gegen die Militärjunta demonstrierten und die als Vergeltung dann die Hochschule mit Panzern stürmen ließ, gar Tote in Kauf nahm! Heute ist die Uni im Dornröschen-Schlaf, von außen zugekleistert mit Graffiti, nur von innen erkennt man ihre einstige Schönheit und Reinheit. Jetzt sind nur noch Architekten und Linguisten in ihr tätig, immerhin etwas.

Ich hoffe, das Gebäude wird auf ewig von Studenten mit Leben erfüllt bleiben. Aus Pietät habe ich keine Fotos vom Innersten gemacht – aus Respekt vor dem, was hier geschah – man kann den Spirit spüren, kann fühlen, was für eine Energie in diesem Viertel steckt, wie das Polytechniko das lebende Herz Athens ist.

Andächtig schleiche ich durch die Gassen, blicke mit scheuen Augen hier und dort hin. Besuch eines ethisch-moralischen FKK-Strandes, den ich nur ungern angezogen betrete. Verwachsen, durchdrungen und verbohrt von Schönheit, Würde, übergossen von Düften, Blumen und Tavernen, kleinen Verlagen, Druckereien und Buchhändlern, durchmischt von Verfall.- Untergangs.- und Abfallgestank, liegt Exarchia mir zu Füßen, zeigt unverhohlen, was es war, was es ist, was es immer sein wird.

Politiker aller Generationen bluteten hier aus, werden auch heute, auf immer und ewig hier scheitern, wenn wir uns nicht gemeinsam weiterentwickeln und den so unumgänglichen notwendigen Dialog beginnen. Hier spüre ich den Puls aller Griechen, hier fühle ich, was es heißt so zu fühlen – wild, leidenschaftlich, voller ungebremstem Temperament, bereit jedem Tag das Maximum abzuringen, egal wo auf der Welt, ob unter der Brücke, oder eigenen vier Wänden.

Noch immer sind die Griechen die gleichen ungeschliffenen Rohdiamanten, die sie schon seit Jahrtausenden immer gewesen sind. Heute, im dritten Jahrtausend, überzogen, garniert von fremden Sprachen und politischer Piraterie und privatem Gaunertum; Andenken früherer Zeiten, als es kein geeintes Hellas, sondern nur eine wilde Anzahl stolzer Stadtstaaten gab.

Wie ein Frischgeborenes taste ich umher, wandle bis in die späten Abendstunden herum, bis erste Orks aus den dunkeln Verließen kriechen und sich in die Gassen drängen, durch die man besser nur mit Schwert oder stählernem Willen schreitet. Heute bin ich bereit dazu, den Käfig zu betreten. Ein dunkler Platz zieht mich magisch an. Düstere Gestalten hängen in gebeugter Haltung herum, sofort auf mich aufmerksam machend, langsam, wie ein Rudel Untoter an mich heranschleichend – Gesichter, wie aus düsteren Märchen.

Geschundene, ärmlich aussehende, deren Augen immer noch vom selben wahnsinnigen Feuer gespeist warden. Wir alle sind Elendige, Verdammte, Verstoßene, um ewig hier herum zu wandeln und wahlweise Paradiese oder Höllenfeuer zu erschaffen, in denen wir langsam oder blitzschnell garen, bis sich unsere Seelen aus dem Knochenmark lösen und emporsteigen, bis wir, nach kurzer Rast wieder hinabgeschickt werden, um neuen Aufgaben nachzugehen. Göttlicher Kreislauf der Ewigkeit. Irgendwann weit nach Mitternacht krabble ich in meinen Kokon, rolle mich wie ein Säugling ein und entschlummere, um den Göttern kurz hallo zu sagen.

Dienstag – Ich schieße hoch, boah war das ein krasser Traum! Wir haben erst Anfang der Woche, dabei fühlt sie sich schon so mächtig wie ein Monat an – ich rolle mich langsam aus meiner kleinen Metamorphosen-Gondel und schleiche still zum Kaffee an der Ecke. Frühstück mit Baklava und Griechischem Kaffee. Ich merke, wie ich immer stiller und andächtiger werd, wie ich schweigend das Leben anstaune, wie ich alles wissen, schmecken, spüren, umarmen und erleben möchte, wie ich im gleichem Atemzug fühle, es nicht zu schaffen, aber mich selig fühle bei der Vorstellung, es jeden Tag erneut zu versuchen. Mag es auch noch so schrill, jung und naiv klingen: Ich bin lieber ein Utopie liebender glücklicher Thor, als ein kluger und vernünftiger Realist.

Ich muss noch mal nach Exarchia, oder Anarchia, wie ich das Viertel liebevoll taufe. Solche Spots laugen mich aus mit ihrer Intensität. Genau dafür liebe ich sie. Berauschend lebendig-feminin, wahnsinnig geworden von der eigenen Virilität, den unkontrollierten Ausbrüchen, erschüttert und verwüstet von ihren Verhehrungen, ihren Feuersbrünsten, die wie flammende Schwerter durch die Gassen fuhren. Noch heute kann man die tiefen Wunden sehen und spüren, wo beide Seiten aufeinanderprallten. Noch heute wimmelt es von Polizisten und Soldaten.

Aber man kann Gedanken und deren Ideale nicht kontrollieren, geschweige besiegen; man kann nur überzeugen, oder annehmen. Umtausch, oder gar andere Lösungen haben die Götter bei der Erschaffung des Menschen nicht vorgesehen.

Abendessen an der Akropolis. Eine klassische Taverna. Sie lockt mit Musik und Tanz. Das Essen ist okay, aber kein Burner, so wie die Folklore, die mit zu viel aufgesetzter Fröhlichkeit verziert ist, die weder echt, noch ehrlich gemeint ist, dennoch funktioniert. Touristen allen Alters sind aus dem Häuschen und werden gemolken, was Euter hergeben und Milchkannen fassen.

Übersättigt, schlurfe ich um die Akropolis herum, mache halt, um den Ausblick über Athen zu genießen, eine Zigarette zu rauchen und friedlich, schweigend und still wieder in meine Wabe zu schlüpfen, bis mich Morpheus wieder auf die Erde zurücklässt.

Mittwoch – letzter Tag in Athen. Heute ist der große Tag, an dem Akropolis und ich aufeinandertreffen. Um nicht von den Ameisenarmeen der Touristen zertrampelt zu werden, muss man vor neun Uhr dort sein, andernfalls wird man Zeuge, der unaufhaltsamen Planierraupe. Glücklicherweise schaffe ich es und beginne den Anstieg, nachdem ich die knackigen zwanzig Euro gezahlt habe. Doch diese Zahl hat man vergessen, wenn man die Stufen emporsteigt und vor ihr steht, mit Nike-Tempel und all den anderen Monumenten rundherum, seien sie daneben, oder zu Füßen liegend.

Meine Güte – ich bin Sprachlos! Es ergeht mir ähnlich wie in Epidauros. Was zum Teufel machen wir nur jeden Tag auf diesem Planeten? Was tun wir mit unserem Leben? Was? Wie können wir so weitermachen? Wie konnte es zu all dem kommen, von damals bis heute, wo wir doch schon viel weiter waren. Warum schreiten wir auch heute wieder überall zurück? Als der Besucher-Tsunami heranrollt und die Welle mit voller Wucht herniederschlägt, mache ich meinen Frieden, sage den heiligen Steinen lebe Wohl und schreite andächtig herab.

Jetzt weiß ich, warum alle Gegner versuchten sie zu zerstören. Sie ist das leuchtende Herzen aller Griechen, eine Stütze, an der man sich anlehnen, sich erholen kann, um auszuruhen, um zu verschnaufen, neue Kraft schöpfen und vom Glück zehren zu können, sie wahrhaftig vor sich zu haben, mit ihr zu leben, sie bei sich zu tragen, mag man auch fern der Heimat sein.

Am Nachmittag machen wir Pick-Nick in einem schönen Park – Filia und Elektra haben Wein und Essen vorbereitet – ich bin überwältigt, wie viel und gerne sie geben, wie liebevoll Griechen mit mir sind. Wir reden den ganzen Nachmittag über Literatur, Philosophie, Freiheit, Demokratie und Krieg und Frieden. Auch schlagen wir erste Pflöcke ein, um über die konkreten Möglichkeiten meiner Bücher und deren Übersetzung vorzubereiten.

Nach ein paar Stunden lösen wir die angenehme Dreisamkeit auf, die wir jedoch, nach Siesta, am Abend fortsetzen. Auch der Abend wird herrlich. Wir bleiben bei Filia zuhause. Käse und Wein leisten uns Gesellschafft, sowie spannende Themen aus Vergangenheit und Gegenwart. Gegen drei Uhr nachts sind meine Worte verbraucht. Still rolle ich mich ein und murmle ein paar unverständliche Worte, bis ich hinfortsegle.

Donnerstag – Zeit Sachen zu packen und aufzubrechen. Ich verabschiede mich von Filia und Elektra. Ein letztes Mal fahre ich durch Athen, den südeuropäischen Schmelztiegel. Am Nachmittag lande ich pünktlich in Heraklion. Mein neues Moped übernehmend, wähle ich den Weg Richtung Chania, Ziel Douliana, ein kleines archaisches Bergdorf, in dem man kaum Englisch spricht und noch weniger von den großen Firmen Europas gehört hat, sowie wenig von den Problemen der Großstädte weiß.

Sokratia, mein neuer Host zeigt mir mein kleines Steinhaus, dessen Kühlschrank mit hausemachtem Wein und Raki gefüllt ist. Ich wandere ein wenig in diesem Kleinod umher, um gegen Abend in einer kleinen Taverna zu landen, wo ich Tsatsiki, gegrillte Lamm-Rippchen, herrlicher Musik und einen ausgezeichneten Hauswein bekomme, der mit einer mir unbekannten Fruchtigkeit und Lebendigkeit aufwartet. Perikles führt es mit seiner Frau und ihren drei Töchtern.

Nach dem ich ein kleines Fläschchen Raki zum Abschluss getrunken und viele Gedanken genossen habe, gleite ich zurück in mein neues Refugium und freue mich auf den kommenden Tag. Morgen werde ich die Gegend in Richtung Chania erkunden, sind meine letzten Gedanken, bevor ich einschlafe.

Freitag – mein erster voller Tag auf dieser besonderen Insel. Ich habe eine BMW G310 als Muli bekommen und knattere fröhlich los. Vorbei an unendlichen Olivenhainen, übersät mit Kaktusfeigen und Blumen kurve ich die engen Kehren hinab in Richtung Wasser. Dort angelangt fahre ich an der tosenden Brandung vorbei und krieche Schritt für Schritt Richtung venezianischem Hafen. Chania ist eine Perle. Uralt und durchmengt von quirligen Menschen und Mofas ist für mich schnell klar, dass diese Stadt zusammen mit Nafplio zu den vermutlich schönsten Orten Griechenlands zählt.

Doch die gewaltigen Touristen-Ströme haben nach wie vor eine abschreckende Wirkung auf mich. Mein großes Dilemma. Ich weiß, dass ohne sie das ganze Land recht schlecht aussieht. Zu wenige Alternativen hat man, weswegen man darauf angewiesen ist. Ich meine bei allen eine Art Wut auf diese stillschweigend akzeptierte Abhängigkeit zu fühlen, wie ein Kranker, der auf die Schwester angewiesen ist und hofft, auch wenn er sie mag, bald ohne sie leben zu können. Hierbei bedarf es vermutlich Phantasie und Hilfe. Man wird sehen. Für mich ist heute genug.

Gemütlich lenke ich meinen Gaul zurück, Richtung Douliana. Kurz davor fahre ich nach Vamos, um dort Geld und ein paar lebensnotwendige Dinge zu kaufen, wie Milch, Tabak und Sonnencreme. Letzteres ist existenziell, da man hier sonst schnell kross gebraten wird. Im kleinen Mini-Markt von Vamos begegne ich einem wilden Gesicht. Ein Kreter, unbestimmten Alters. Er könnte 70 oder elendige 45, so mein Alter sein.

Faltig, verbraucht, müde, mit zerzausten Haaren, reichlich trinkenden Augen, die immer noch voll von Wahnsinn blitzen. Abgemagert, wie der Erlöser selbst, ein Knochengerüst überzogen mit Haut, einem schmutzigen T-Shirt und einer dreckigen Jeans. Sekunden denke ich darüber nach, ein Foto zu machen. Schon lange will ich eine Foto-Reihe von markerschütternden Gesichtern und Menschen machen. Doch ich verwerfe, wie früher, diesen Gedanken.

Nachdem ich eine kurze Siesta gehalten habe, wird mein abendliches Essen bei Giannis und Familie genauso schön wie das Vorige. Heute gibt es Schwein. Köstlich angerichtet, mit Rotwein diesmal und Oliven dazu, lasse ich es mir gutgehen. Gegen Mitternacht merke ich, wie mir die Augen zufallen. Mittlerweile bin ich gefühlt seit mehr als sechs Monaten unterwegs. Ich komme an meine Grenzen. Wäre das Schreiben nicht, würde ich vermutlich ausflippen.

Sowieso stele ich mir immer mehr existenzielle Fragen. Wie will ich weiterleben? Und vor allen Dingen, wo? Natürlich sind meine Freunde wichtig. Man kann sich nicht beliebig oft umtopfen und darauf hoffen, dass es so weitergeht. Manchmal gibt es Veränderungen im Leben, die man nicht vorhersehen kann. Doch zuallererst muss man sich selber klar sein was man will. Schon länger fühle ich mich wie ein Vogel, der umherfliegt, hier oder dort landet, sich umschaut und weiterfliegt.

Geht es ewig so weiter? Bin ich nicht mehr gemacht für‘s Sesshaftsein? Ist das meine Bestimmung? Kommt jetzt die große Bewegung, Unruhe und Rastlosigkeit? Wie bringe ich alles unter einen Hut? Und wie soll er aussehen? Wir Menschen sind Sozialtiere, wir brauchen Austausch und Kontakte mit unserer Art. Man läuft sonst zu schnell Gefahr, zu verkauzen, wenn man nicht offen und beweglich bleibt. Doch wieviel Bewegung ist gesund? Wieviel Rituale brauche ich selbst?

Eine meiner zentralen Fragen, an deren Beantwortung ich seit Jahren arbeite. Ein Optimum habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht gibt es das auch nicht. Und dann sind da noch meine Bücher. Ich muss Ende des Jahres Horus abliefern. Langsam wird es knapp. Zu mächtig sind die Eindrücke in diesem schönen Land. Mehr und mehr spüre ich, dass ich ein paar Entscheidungen treffen muss. Mit diesem wilden Knäuel Gedanken segle ich in stürmische Träume davon und brause in die tosende Nacht.

Samstag – spät erwache ich. Nur schwer kann ich mich aus dem Strudel des Traums befreien, verpasse es jedoch, mir ein paar Notizen zu machen. Mist! Ich mache mir einen großen Kaffee und esse vom Kuchen, den mir Sokrata als Willkommens-Geschenk überreicht hat. Heute will ich mehr hinter die Kulissen schauen. Touristenattraktionen interessieren mich nicht. Ich will das Pure.

Euphorisch schwinge ich mich auf mein Pferd und reite die sanften Hügel hinab. Nachdem ich am Hafen von Souda vorbeigefahren bin, den beachtlich großen Navy-Sperrbereich bestaune, der mehr als den halben Ort einnimmt, biege ich in Richtung Flughafen ab und folge meiner Nase, die mich tiefer und tiefer in die tiefste Wildnis führt. Irgendwann endet der Asphalt. Kleine Sandwege und umliegende Olivenbäume rücken enger und enger zusammen.

Die Wege sehen aus, als wenn hier seit Jahrzehnten niemand mehr vorbeigesehen hat. Ein beklemmendes Gefühl überkommt mich, ähnlich wie vor Kaiadas, dem Höllenschlund der Spartaner. Ich schaue mich um, wende und fahre wieder raus aus dem Dickicht. Ein paar Stunden kurve ich noch umher, ich liebe es, die Nase im Wind zu haben und ihr blind zu folgen und nur dann abzubiegen, wenn ihr danach ist.

Gegend acht Uhr abends komme ich heim. Kurze Dusche, dann Abendessen bei Giannis. Heute nehme ich Souflaki, was ebenfalls sehrgut ist, nicht nur wegen dem Weißwein, den ich dazu habe. Ein paar Raki runden den Abend ab. Ich merke, dass meine Fässer wieder gelehrt werden müssen. Zuviel schwirrt mir im Kopf herum.

Bleibt zu hoffen, dass ich bald an Horus schreiben kann. Muss dafür disziplinierter und regelmäßiger schreiben. Spätestens wenn ich aus Griechenland weg bin. Aber was, wenn ich bleibe? Was, wenn ich hier sesshaft werde? Muss einen Weg finden, hier regelmäßig zu schreiben und schlafe mit diesen Gedanken zufrieden ein.

Sonntag – Schreibtag. Nach langem Schlaf setze ich mich mit Kaffee und Gebäck hin und starte die Schreibmaschine. Plötzlich klopft es an der Tür. Sokrata steht mit dampfendem Mittagessen und frisch gebackenen Keksen vor mir. Überwältigt schlucke ich schwer und ringe um Worte.

Immer wenn ich mal was brauche, stehen Griechen vor meiner Tür. Es ist herzergreifend. Vor Rührung bekomme ich feuchte Augen. Das Essen ist fantastisch, die Kekse auch. Eine Verdauungszigarette mit dem ersten Glas Wein des Tages macht die Pause erfrischend & rührend.

Frisch gestärkt springe ich wieder zurück ins Wörter-Meer. Mit kräftigen Zügen schwimme ich raus in die offene See, immer weiter und weiter. Eine schöne Vorstellung darin unterzugehen, denke ich und fange an den Text zu korrigieren und ihn hochzuladen. Zum Wohl!

 

Surrealismus und Licht

Mein Bauch wurde wach. Einfach so. Irgendwann der Rest. Heute war er sogar vor allen anderen da. Manchmal machte er was er wollte, lief dem Palast den Rang ab. Keine Ahnung wann er oben im Turm die Lampe gebeten hatte sich zu drehen. Meistens schlief ich schon wenn er des Nachts hochging. Wenn er seinen Rundgang machte, im Schloss nachsah ob alles Recht war und dann das Licht leise löschte, doch genug Kerzen brennen ließ, um dem armen Monsieur Thalamus gerade so viel Rest zu lassen, dass er die Tresen-Bewohner versorgen konnte.

Seit ein paar Wochen lässt er es einfach an. Er lässt es immer weiter und weiterdrehen. Er hat seinen Heidenspaß damit, den milchigen Lichtkegel über das weite, offene Meer wandern zu lassen, wie ein neugieriges Auge, das Angst hat etwas von der Welt, etwas vom Leben zu übersehen, die unstillbare Flamme der Furcht in sich schwelen zu fühlen, kurz vorm Wegsehen die brennende Ungewissheit sich entfachen zu lassen, etwas übersehen zu haben.

Mein Schlaf musste gut gewesen sein. Es war immer noch da. An der gleichen Stelle. Meine Rechte hielt das Buch über das ich eingeschlafen war, nachdem der Weißwein geholfen hatte die Augen langsam, ganz langsam und müde, immer schwerer werden zu lassen, bis Morpheus mir mein Lächeln zurückgab. Der morgendliche ungeduldige Wind pustete seine energische Frische durch die Fenster, während weißen Lilien für die Herrschaft der Blumen kämpften.

Ein Arm, ich glaube es war Meiner, lag lang ausgestreckt neben mir. Der rechte Daumen lag noch auf der gleichen Linken Seite, um einen Abdruck zu hinterlassen. Der Zeigefinger, zur Rechten des rechten Daumens, bewachte die ebenso ziemlich rechte Seite des Buchs, wobei er sich lässig auf die Seite gelegt hatte, um den Buchstaben unkeusch wie er war, bei ihrer entblößenden Satzgestaltung zuzuschauen, die stille Hoffnung niemals und unter gar keinen Umständen aufgebend, einen unbedeckten, lüstern-weichen Schimmer zu erhaschen, der ihn stundenlang an Ort und Stelle warten ließ, bis ihn der erste Sonnenstrahl erlöste.

Die linke Hand lag immer noch zwischen Bauchnabel und Ätna und schlief. Dort wo die leichte Senke Becken und Torso verband. Frisch, würzig, mit einem Hauch Torfgeruch drang die Luft in meine Nase, weckte sie vorsichtig auf, während sich Selbige abregte, nachdem sie die Brise angelächelt hatte. Im Gedächtnispalast wurden die ersten Bilder von Dünen, Salzgräsern, stürmischen Wolken und Schaumkronen gezeigt, bevor der Bauch wusste wie man wohl Wasser schreiben könnte. Einem feuchten Handtuch gleich, saß der Sandmann auf meinen Augen, als wenn er sie nie wieder freigeben wollte. Vögel zwitscherten. Meine Lungen ließen tiefe lange Ströme in langsamen Flüssen rein und raus fließen.

Irgendjemand versuchte unter meinem Fenster den Fahrradstand zu öffnen. Unter lautem Fluchen versuchte man den Schlüssel ins Schloss zu stoßen. Es gelang nicht. Das grelle metallische Kratzen ließ nichts Gutes erahnen. Vermutlich sollte aus einem nicht Passenden, ein halbpassender sich irgendwie öffnender Kompromiss geschmiedet werden. Verzweifelt wehrte sich das Schloss. Zeternd strampelte es mit Händen und Füßen den Bart weg, von der schreienden Hoffnung ermutigt, das Schlimmste verhindern zu können. Fauchend hörte ich irgendwann die Erleichterung am Fahrradstand ausatmen, als das Schloss gewahr wurde, dass der Mensch seinen Irrtum einsah, den falschen Schlüssel geführt zu haben. Glückspilze. Manchmal gab es sie. Man musste nur lang genug warten und hinsehen.

Herr S. ist Mieter über mir. Er fluchte heute sehr früh. Seit ihn seine Frau verlassen hatte, fluchte er mehr als vorher. Manchmal schimpft er mit ihr, so als wenn sie noch da wäre. Ich glaube manchmal, dass er gar nicht wusste, wofür er eine haben wollte. Es machte bei ihm gar keinen Unterschied. Er war immer gleich mies drauf. Mit ihnen und ohne sie. Manchmal weinte er in der Nacht. Er weint aber nicht über ihren Verlust. Er bedauerte sich schlicht selbst. Manchmal zerschmiss er eine Bierflasche. Oder Zwei. Weinflaschen waren selten dabei. Die klirrten dumpfer und gemütlicher. Bierflaschen bellten aggressiver. Danach ging es ihm meistens ein bisschen besser. Er hatte dann diesen zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Wenigstens für ein paar Minuten hatte er dann Frieden, bis ihn Wut und Angst wieder packten.

In der Wohnung neben Herrn S. gab es ein neues Wii-Spiel vom Weihnachtsmann. Kinder hopsten und tanzten herum, ließen die hundertjährigen Pitch-Pine-Bohlen ächzen und stöhnen. Irgendwo weiter oben wurde eine Spülung gezogen. Jemand schlug eine Tür zu. Laufschuhe trappelten die Stufen herunter, hin und wieder von einem stumpf-lächelnden Labrador begleitet. Die Kinder im Innenhof spielten Fußball, trafen den glänzenden Aluminium-Rahmen öfter, als das Netz. Das blanke Knallen schepperte hallend durch den Innenhof. Ihr Geschrei sprang in meine Ohren. Es dauerte ungefähr 100 liegende Atmungen:

Dann öffnete ich die Augen, rekelte mich und gähnte. Meine Augen erschraken ein wenig, als sie das Licht sahen. Es war weiß. Mein Über-Es untersuchte es sorgfältig. Langsam erkannte es die einzelnen Spektralfarben zwischen all dem Weiß. Farben, wohin ich auch sah. Der Stuck an der Decke war eher creme als weiß, mit einer leichten pastell-gelb Note. Draußen fing es schon wieder dunkelgrau an zu regnen. Und zu stürmen. Eigentlich wollte ich heute laufen. Ich setzte mich auf die Bettkante, bewegte meine Zehen, ließ meine Schultern ein wenig rotieren und stand auf. Dann drückte ich die Knie durch, wollte mit den Fingerspitzen den Boden berühren. Spätestens dann erinnerte ich mich wieder, dass ich 188cm groß war. Irgendwann klappte es. Lautes Scheppern über mir. Bellend ging eine weitere Bierflasche im Leben von Herrn S. zu Bruch. Es musste Mittag sein. Ich ging in die Küche, am langsam rotierenden Gaszähler vorbei, blieb vorm Fenster stehen und knetete meine Nase. Regen und Graupel peitschten uns durch. Die Kinder waren längst reingerannt. Fußball. Komisches Spiel. Ich schnitt ein Stück vom Ingwer ab, wollte mir einen Tee machen. Mit der Löffelspitze kratzte ich die Haut herunter, zerschnitt die Knolle in kleine Würfel und fütterte die Knoblauchpresse. Normalerweise gab es eine enorme Schweinerei, wenn man nicht aufpasste. Damit es die nicht gab, steckte ich beim Zerdrücken die Presse in einen Krug, aus dem ich später trinken würde, um die zerplatzenden, spritzenden Säfte und Stücke nicht in meinem Gesicht und in der ganzen Bude zu verteilen. Hin und wieder vergaß ich das. Ingwer brennt ziemlich stark in den Augen. Fußball. Mannschafts-Ballspiele an sich fand ich nicht spannend. Egal welche. Waren alle gleich langweilig. Zum Selbermachen sowieso. Mannschaftssportarten waren nicht meine Sache. Es hielt sich sowieso keiner an Seine. Das klappte doch zwischen zwei Personen schon nicht oft. Wie stellte man sich das bei Volley.-, Fuß.- oder Handball vor?

Geschwindigkeit, kombiniert mit Technik mochte ich dagegen sehr. Wenn ein Spiel variantenreich und schnell war, sah die Welt anders aus. Squash entwickelte sich damals zu meiner Leidenschaft. Das war schnell und man spielte mit 4 Wänden. Und alleine gegen einen Gegner. Am meisten liebte ich aber Jai-Alai. Aber die Courts standen fast alle in Bilbao und Umgebung. In Hamburg brauchte man nicht mal davon träumen. Schmatzend zerquetschte ich die Ingwer-Würfel. Kochendes Wasser und Honig folgten. Klimpernd rührte ich um. Plimm-Palimm-Pah-Limm-Limm-Pa-limm-Plimm-Palimm und wieder von vorne. Es erinnerte mich ein bisschen an Kirchenglocken. Die klangen genauso. Mein Gott war ich heute seriös. Dabei trank ich nur Ingwer-Tee. Das alleine war am Morgen schon ungewöhnlich genug. Irgendwie war mir nicht mehr oft nach Kaffee.

Heute wollte ich malen. Für mich ist malen wie sehen, nur ohne zu sehen. Das Bild ist irgendwie in meinem Kopf. Ich weiß genau wie es aussieht. Ich muss es nur rauslassen. Eigentlich brauch ich es nicht malen, weil es ja schon da ist, weil ich es ja schon habe. Zwar im Kopf, aber da ist es schon fertig. Meine Neugier aber, ob es im Draußen so aussehen wird wie im Drinnen, die treibt mich an es draußen zu machen. Klirren und Scheppern aus der Wohnung von Herrn S. Das fehlende Sonnenlicht machte auch ihn mürbe. Seine Flaschen-Taktung nahm zu, wenn die Lichtmenge abnahm. Das konnte man ihm nicht einmal verübeln. Graupel prasselte schmutziggrau an die Scheibe. Ein Schiff ließ beim Auslaufen sein Horn ertönen. Irgendwo wurde gekocht. Es roch nach Ente und Rotkohl.

Geschwindigkeit gab mir Stille. Sie gab mir Ruhe. Wenn etwas sehr schnell bewegt wurde, dann wurde es sehr ruhig um es herum. Wenn ein Ball auf 200 Stundenkilometer geschossen wurde, war es still um ihn, weil er alleine war. Fliegt ja keiner neben ihm her. Jedenfalls selten. Das übertrug sich auf sein Umfeld. Wirkliche Stille gibt es nur in uns, oder wenn wir mit hohen Geschwindigkeiten Rock-n-Roll tanzten. Vielleicht war das der Rausch in den Herr S. immer kam, wenn er die Flaschen knallen ließ. Er hatte schlicht einen Geschwindigkeitsrausch. Beim Denken und Sein ist das genauso. Wenn ich die Dinge mit meiner mir eigenen Geschwindigkeit tue, dann fühle ich mich immer dann besonders wohl, wenn jemand eine Ähnliche hat. Sonst wird es sehr schwarz.

Ein paar Zuckerkörner wurden vom Tonkrug zerquetscht, als ich ihn auf ihnen abstellte. Ich hatte sie übersehen. Der Ingwertee duftete herrlich. Regen peitschte ungeduldig ans Fenster. Ich ließ die Zigarette auf meine Lippen springen, zog kräftig daran. Ich wollte Licht malen. Aber wie macht man das? Sonnenlicht zum Beispiel ist weiß. Es ist nicht gelb, wie wir es im Kopf haben. Ich glaube wir haben Gelb nur deswegen in unseren Köpfen, weil das Sonnenlicht, also das Sommerliche, warm ist. Deswegen mag ich Surrealismus. Nicht, weil das Leben so ist. Also, dass ist es schon, aber Gemälde des Surrealismus finde ich toll. Ich möchte ein surrealistisches Bild von meinem Palast machen, wie er von innen heraus viel Licht und Wärme sendet. Um Dinge zu zeigen wie sie sind, müssen wir sie nicht so machen wie sie aussehen, geschweige wie irgendeine Norm es wünschen würde, sondern so wie die chaotische anarchische Anti-Norm es tun würde. Dinge die ich sehe sind nur Reflexionen von ihrem unwirklichen Spiegelbild und zeigen mir nur, was sie NICHT sind.

Surrealismus ist für mich das einzig Wahre. Die Utopie, eine absolute Realität anzustreben, in der Traum und Wirklichkeit nicht nur schön verschwimmen, sondern Hand-in-Hand gehen, sich einander ohne Gegensätze wunderbar verstehen, erscheint mir als völlig notwendig und erstrebenswert. Wenn ich es aber genauer betrachte, ist es nicht nur eine gedankliche, oder künstlerische, sondern vielmehr eine Lebensphilosophie, die sich dahinter verbirgt. Ich glaube ich war schon als Kind Surrealist. Natürlich ohne es zu wissen. Meine Umgebung und meine Mitmenschen haben mich glaube ich sehr oft so erlebt. Nicht nur Tante Maria.

André Breton hatte Recht, als er seine Aufmerksamkeit auf das Unbewusste konzentrierte. Wenn der Großteil meines Lebens, im Unbewussten in einer Parallelwelt stattfindet, eine die zur selben Zeit real ist, wie die andere, dann finden nicht nur die meisten Dinge dort statt, sondern auch die Wichtigsten. Wenn ich im Durchschnitt 0,1% bewusste Dinge tue, dann kann ich mir doch die Frage erlauben, wer ich eigentlich bin? Wenn ich nichts bewusst entscheide, tue oder lebe, was lässt mich glauben machen, mein eigenes Leben zu leben? Wenn ich ein surreales Bild von meinem eigenen unbewussten Weltbild haben will, wie kann ich dafür am Besten abtauchen, um einen Zugang zu bekommen? Als Hedonist kann ich nur den Rausch wählen, welchen Sinnen ich auch wie von Selbigen folgen möchte. Wenn ich als Tiger oder Krokodil, Zigarette rauchend in meiner Küche sitze und über Surrealismus sinniere, was passiert mit der Welt, wenn ich das nicht tun würde? Vermutlich nicht viel. Sie merkt es wahrscheinlich gar nicht, dass ich als Bartgeier meine Zigaretten selber stopfe. Im Grunde geht es mir auch nicht um die Welt. Wer in Sodom und Gomorras Namen ist schon die Welt? Ich möchte neue Erfahrungen machen. Ich. Die Welt soll mir gestohlen bleiben. Ich möchte ausprobieren, lernen und neue Blickwinkel erleben und zulassen. Wenn jemand mein Handeln nicht versteht kann ich sicher sein, dass ich auf der richtigen Fährte bin.

Licht. Das ist etwa völlig Universelles und doch taucht es alles in ein wirkliches und gleichzeitig surreales Licht. Es lässt Dinge völlig unterschiedlich erscheinen. Das Licht zusammen mit dem Blickwinkel des Individuums erlaubt mir zu sehen, was ich möchte. Nach einer Norm leben, heißt aus einem Katalog gewählt zu haben. Es heißt ein großes Stück weit sein Individuum aufgegeben zu haben.

Ich kann nicht gut malen. Wirklich nicht. Sehr unterdurchschnittlich, würde ich sagen. Ich muss mir immer erst einmal Skizzen machen. Draußen hupen zwei Autos. Zwei Frauen schreien sich an. Parkplatzsuche in Ottensen. Die Leuchtturmlampe rotierte kräftig, der Palast war hell erleuchtet und mein Bauch auf Palastrevolution eingestimmt:

Wenn jetzt jemand kommt und mir sagen will, dass sein Leben ein langsam dahinfließender Fluss ist, der Tag ein Tag aus gleich ist, dass man sich Glück und Zufriedenheit hart erarbeiten und verdienen musste, dann konnte es passieren, dass ich mich totlache.

Ich skizzierte wie wild drauf los. Irgendwann öffnete ich den Wein. Es war schon dunkel. Ein Bordeaux. Mein Über-Es hatte ich während des Ingwertees als meinen Bauch enttarnt. Die Skizze war noch nicht fertig, aber ich war nicht ganz unzufrieden. Das Ergebnis war nicht mehr Mittelpunkt. Der Prozess war angestoßen. Wie lange es dauern würde um das Bild fertig zu haben? Ist gar nicht wichtig: Wichtig ist der Start. Es wird genau dann fertig sein, wenn es Zeit dafür ist. Wer überhaupt konnte sowas wissen? Die Zeit? Wie kann etwas irgendwas wissen, wo es doch nicht existiert? Die Zeit! Dass ich nicht lache.