Esel und Vogel treffen Kaninchen

Sonnenschein durchflutete die kleine Hütte, am Fuße des Galatzo. Der schöne Vogel und störrische Esel hatten gemütlich gefrühstückt. Würziger Wind wehte durch die Fenster. Zitronen, Feigen und Kakis versprühten ihr süßes und erfrischendes Aroma; salziger Meeresduft würzte und vermischte die zarten Nuancen, als wäre die Luft ein buntes Blumenmeer. Warme Sonnenstrahlen wärmten die Borke der herumstehenden Bäume. Kiefern fingen an ihren Harz tropfen zu lassen; Wolken, die wie Wattetupfer aussahen hingen am eisvogelblauen Himmel.

Sonntag. Esel und Vogel machten einen Spaziergang, nachdem sie den Frühstückstisch abgeräumt, die Teller und Tassen abgewaschen und abgetrocknet und die Pflanzen gegossen hatten. Satt und träge saß der schöne Vogel auf dem Rücken des Esels und ließ die gespreizten Flügel hängen, als würde er sie strecken wollen, nur umgekehrt. Schnaubend pustete der Esel seine Zufriedenheit in die Welt. Nur schwer konnte sich der schöne Vogel ein Schmunzeln verkneifen, rutschte etwas näher an den auf.- und ab-wippenden Kopf heran, schwang seine Flügel um den Hals und bohrte seinen Schnabel in den Schweif.

Gemütlich wanderten sie die kleinen Wege entlang, die sich wie knorrige Olivenwurzeln an den Bergen entlangschlängelten, deren Ränder die großzügige Natur mit bunten Blumen besprenkelt hatte. Auffrischender Wind rauschte durch die Kronen der Bäume und ließ sie fröhlich wippen; Katzen miauten um die Wette; ein paar Hunde bellten; Ameisen wuselten am Boden herum. Überall Leben. Als sie um eine enge Kurve bogen, fuhren zwei Kaninchen erschrocken herum, sahen sie mit riesigen Augen an und drehten sich flink um wegzurennen.

„Hey, nun rennt doch nicht gleich weg. Sind doch nur Vogel und Esel. Wir tun euch nichts.“, sprach der Esel zu den Kaninchen und hoffte, sie etwas beruhigen zu können.

„Woher sollen wir das denn wissen?“, antwortete das Ältere der beiden, während sie stehen blieben.

„Seht uns an; sehen wir gefährlich aus? Und selbst wenn, ihr seid doch viel schneller und wendiger als wir.“, versuchte der Esel die Kaninchen zu beruhigen und zum Bleiben zu bewegen.

„Das kannst du leicht sagen und wenn wir bleiben fallt ihr über uns her und fresst uns auf.“, sprach das jüngere Kaninchen, dass ein Geheimnis lüftete, als es ein wenig herumhopste und Esel und Vogel die kleine Schleife im Fell sahen, die es dort versteckt trug.

Gerade wollte der Vogel etwas zu dem Kaninchen-Mädchen sagen, als eine Schweinefamilie mit viel Radau und Getöse um die Ecke gerannt kam, mit wehenden Handtüchern auf den Rücken und bunte Sonnencremetuben in den Schnauzen, an denen Borsten und Frühstücksreste hingen. Kreischend rannten die Kaninchen weg und versteckten sich im tiefen Rasen am Wegesrand und zitterten um die Wette. Auch der schöne Vogel hatte sich erschrocken und flatterte aufgeregt mit den Flügeln, kurz davor abzuheben, blieb aber auf dem Rücken des Esels sitzen. Ruhig am Wegesrand stehend sah der Esel die hektische Schweinemeute vorbeijapsen, allen voran Papa-Schwein, der wild grunzend rief:

„Entschuldigt Leute, wir sind spät dran; nichts für ungut. Bis später.“, während das Rudel geschwind hinter der nächsten Biegung verschwand und nichts übrig blieb, als eine Staubwolke, die sich langsam setzte, bis nichts mehr an die Schweine erinnerte, außer rieselnder Staub zwischen Federn und Fell. Schnell hatte sich der Vogel beruhigt, vergrub seinen Schnabel wieder im Schweif des Esels und schlang seine Schwingen um den Hals des störrischen Freundes.

Vogel und Esel nickten sich kurz zu, um ihren Spaziergang weiter fortzusetzen, als die Kaninchen wieder aus dem Unterholz gehoppelt kamen:

„Wieso seid ihr nicht weggerannt so wie wir?“, fragte der Klopfer, während seine Freundin mit der Schleife hinter ihm zitterte.

„Wenn man, so wie ihr, vor Allem Angst hat, dann kann man ja nie ausruhen. Dann seid ihr immer auf der Flucht und rennt ständig aufgeregt herum.“, entgegnete der Esel und verstand nicht, worauf der Rammler hinauswollte.

„Aber wir sind doch Kaninchen; wir sind so. Wir sind keine Bären, Löwen oder Schweine, denen alles egal ist. Wir haben viele Feinde, die uns fressen wollen. Euch hingegen nicht; außerdem seid ihr ein komisches Paar. Ein Esel und ein Vogel, sowas gehört sich doch nicht. Vögel sollten mit Vögeln und Esel mit Eseln zusammen sein.“. Der Rammler hatte sich in Rage geredet und fühlte sich im Recht.

Langsam den Kopf drehend, sah der Esel dem Vogel in die Augen und lächelte sanft. Warm erwiderte dieser den Blick und umarmte den Esel noch ein wenig fester. Die beiden Kaninchen liebevoll betrachtend, sprach der störrische Esel:

„Ich glaube nicht, dass alle Kaninchen gleich sind; ich glaube auch nicht, das man als Kaninchen nur solche mögen darf. Mir hat niemand gesagt, dass ich nur Esel um mich haben sollte; gelesen und gehört habe ich auch nicht, wie ich als Esel zu sein habe. Esel sind auch nicht alle gleich. Vögel ebenso nicht. Und dieser hier besonders nicht. Manchmal kann er für einen Vogel sehr zornig werden, so zornig, dass er sich in einen Drachen verwandelt.“

„Wirklich? Ganz in echt?“, erwiderte der Rammler, der anfing den friedlich schmusenden Vogel mit großer Neugierde zu betrachten.

„Wirklich. Ich kenne nicht alle Vögel, aber dieser hier kann das. Ich dafür bin für einen Esel sehr sanftmütig; ob sanftmütiger als andere weiß ich nicht. Ob ich störrischer als andere Esel oder Tiere bin, weiß ich auch nicht. Ich bin ja nur ich.“, entgegnete der Esel dem Rammler, während das Kaninchenmädchen aufhörte zu zittern und hinter dem Rücken des Klopfers hervorkam, Esel und Vogel interessiert beäugend.

„Er ist sehr sanftmütig und manchmal recht gemütlich, weshalb ich ungeduldig werden kann und mich in einen zornigen Drachen verwandle.“, sprach der schöne Vogel und brach sein liebliches Schweigen, doch vorsichtig die Tatsache unterschlagend, dass er vor Allem ein feuerspeiender Drache wird, der riesig groß und furchterregend werden konnte.

„Aber hast du denn keine Angst vor dem Vogel, wenn er so sein kann?“, fragte das Kaninchenmädchen den störrischen Esel, das mittlerweile mutig vorgetreten war und sich vom schönen Vogel verstanden fühlte.

„Nein,“, entgegnete der Esel, „Wir sind nur unterschiedlich. Esel sind nicht alle gleich; Kaninchen ebenfalls nicht. Vielleicht bist du mutiger als ich, obwohl du viel kleiner bist; vielleicht auch nicht,“, lächelte der Esel die beiden Kaninchen an.

„Wichtig ist doch nur, dass man sich mag und das man eine gute Zeit zusammen hat. Stellt euch mal vor, wir hätten Keine. Das wäre doch schade, findet ihr nicht? Wir machen gerade einen Sonntagsspaziergang. Kommt doch einfach mit. Wir gehen nur einmal zum Strand und wieder zurück,“, fragte der Esel die beiden Kaninchen und fing an, langsam loszugehen.

Die beiden Kaninchen sahen erst sich, dann den schönen und mysteriösen Vogel und dann den sanftmütigen aber störrischen Esel an. Gemütlich schlenderte der Esel davon, während der Vogel auf seinem Rücken im Rhythmus mitwippte und die beiden Kaninchen nebenher-hoppelten.

 

 

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