Zapfen und Schredder

Klar, lang und spitz: Da war er nun. Wie ein frostiges, langsam vor sich hin-tröpfelndes Rinnsal bildete sich im Stillen ein Gedanke, bis er wie ein großer Eiszapfen aus meinem Kopf ragte. Normalerweise passierte mir das ständig. Gedanken und Ideen wurden permanent ausgespuckt, wuchsen und wucherten vor sich hin, als wären sie eine Kreuzung aus einer chaotisch-wachsenden Amöbe und einem flammend-schnell sprießendem Schmarotzer-Pilz, den niemand gebeten hatte sich zu bedienen. Doch dieser Eine, machte mir zu schaffen.

Immer wenn ich meine geliebten Rituale feierte, egal ob es mein morgendlicher Tee oder Café, die Zeitung dazu oder das Buch, die wachsweichen 5,5 Minuten Eier und der Rot oder Weißwein zum Essen war: Immer öfter schwelte unter meiner Haut eine ungeduldig herumvagabundierende Unruhe. Es war die Selbe, wie damals vor 10 Jahren. So eine Mischung aus dekadenter Langeweile und Hoffnung endlich zu Scheitern. Immer häufiger stellte sich dieser stetig wachsende Gedanke in den Raum und versperrte mir die hysterische gute Laune, mit der ich mich immer noch hin und wieder zu-toxe. Doch weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte, wartete ich ab und versuchte mir ein Bild davon zu basteln. Ich wollte es verstehen. Seit Neuestem hielt mein Unterbewusstsein meinem Bewusstsein eine Karotte vor die Nase und fragte es, wer denn beim zu erwartenden Zuschnappen entschieden hätte. Seit 10 Jahren bin ich in Hamburg. Langsam kam ich an meine Grenzen.

Alles ödet mich irgendwie an, langweilt mich. Die gleichen Geräusche tagein und tagaus. Immer die gleichen Gerüche im Treppenhaus. Diese unverwechselbare Mischung aus Kohl, gekochten Kartoffeln und heißem Fett. Die gleichen Autos in der Straße. Christian mit seinem coolen Surfbus. Der Michael mit seinem Youngtimer aus Zuffenhausen, von dem er schon mit 5 Jahren geträumt hatte und den er als Matchboxauto damals auf seinem aus Sperrholz hektisch zusammengeleimten Nachtisch draufstehen hatte. Der Volvo von Hanno und Miriam, sowie ihre akribisch gepflegten BMW-Motorräder. Manchmal wusste ich schon Wochen vorher, wann Welches Fahrzeug neue Reifen bekam. Obwohl ich das nicht wollte. Die Dinge sprangen mich immer an.

Immer die gleichen Nachbarn grundsätzlich und im Allgemeinen. Ihr Stöhnen und Seufzen. Ihr Schreien. Ihre Verzweiflung. Ihre Menstruationen. Rhythmisch wie Musiknoten reihten sich die stillen und etwas launischen Tage der Damen des Hauses in den Wochenablauf, wie Müllabfuhr und Post. Ich sah wie sie zu oder abnahmen. Wenn das Leben neue Meteoriten in ihre Vorgärten einschlagen ließ. Wie sie strauchelten, hinfielen und wieder aufstanden. Ihre Launen und Aggressionen. Ihre Unfähigkeit Dinge zu ändern. Ihr Zagen und Zetern, wenngleich es eher eine schöne Gewohnheit, ein Ritual war, denn die Tatsache, dass sie unglücklich waren. Wir Menschen fanden uns schnell ab. Wir arrangierten uns, weil wir alle wollten, dass es gemütlich wird, oder bleibt. Man muss doch irgendwann mal ankommen, oder nicht? (Ja, wo eigentlich?)

Den immerzu gleichen Platz auf meiner, deiner oder unserer Coach einnehmen wollen zu müssen. MEIN Platz. Jeder braucht doch, sucht doch nach seinem Platz auf der Welt, in der heuchlerischen Gesellschaft, auf dem Klo, in der Familie und Partnerschaft, inklusive seinem leicht feuchten Toilette-Papier. Ist es nicht so? Oder Beim Essen: Am Tisch. Gleiche Zeiten, gleiche Sitzplätze. So auch im Bett. Im Bad vorm Spiegel, mit der Zahnbürste im Mund. Immer pflichtbewusst aber nach spätestens 1,5 Minuten nicht unerheblich gelangweilt an die Wand gelehnt, wenn es den Backenzähnen an den Kragen ging.

Die gleichen Sendungen im Fernseher; die gleichen Kartoffelchips. Das gleiche Bier, wie schon immer. Fußball am Samstag und Sonntag. Abendessen, immer um 19 Uhr. Bügelwäsche. „Ach Mensch: Den Knopf wollte ich doch schon so lange annähen.“ Ja, hast du nun aber die letzten 10 Male nicht, oder? (Manche bügelten sogar die Wäsche, die wir gar nicht sehen ;o) Die immerzu gleiche Café-Sorte. Mein Café-Becher. Ich trinke meinen Café nur aus meinem Café-Becher, mit meinem Löffel und meinem braunen Rohrzucker. Mein Waschmittel. Meine Bettwäsche. Der Frotteespannbezug aus dem skandinavischen Wohnparadies, den wir zusammen gekauft hatten, als noch alles so schön glatt, sauber und saftig war. Migräne. Die nach all den Jahren so plötzlich Wiederkehrende, weil man die Trost und Lustlosigkeit unter allen Umständen vermeiden will, die man dabei und danach empfindet und die einen fast genauso innerlich zerfrisst, wie die Einsamkeit und die Unfähigkeit über das zu sprechen, was jeder auf seiner gottverlassenen einsamen Insel erlebt und erleidet.

Dinner bei Freunden. Die gleichen abgedroschenen Themen, immer wieder und immerzu. Nochmal neu aufgewärmt, gewürzt mit vermeintlich Wichtigem aus Wirtschaft, Politik und dem geliebten Feuilleton, wo das Meiste doch mehr eine narzisstische Selbstdarstellung ist, denn echte Neugier am Gegenüber, an der anderen Meinung. Die seit Jahren gleichen Positionen. Sie ist liberal, er grün oder links. Nachhaltig sind sie beide. Sehen Arte und 3-Sat. Trennen den Müll, lesen Zeitung, sind höflich, gebildet und erfolgreich. Selten aufbrausend. Wollen die Sachen exzellent, statt nur Mittelklasse machen. Samstags, immer ins Restaurant gehen. Selber Laden, selber Platz, gleiche Uhrzeit.

Die gleichen armen Hunde, die verzweifelt versuchten, einen unbeobachteten Haufen zu machen, so wie früher, der ausnahmsweise nicht sofort in eine Plastiktüte brav aufgenommen wurde, um von Herrchen 10 Häuserblocks, noch körperwarm herumgeführt zu werden, nachdem es den Gehweg mit Sakrotan desinfiziert hat. Gott, wie ich die alten Zeiten herbeisehnen würde, wo man noch in Hundescheiße treten konnte und dann fluchen durfte.

Gewöhnliche Dekorationen in den gewöhnlich-schicken Wohnungen mit Wassernähe, von vermeintlichen Designexperten erst ins Gehirn, dann aufs Fenstersims gepflanzt. Die 4 Wände sahen irgendwie oft sehr ähnlich aus. Reisemitbringsel mit skandinavischen Papierlampen und Plasmabildschirmen, groß wie Tischtennisplatten, mit 170.000 Fernsehprogrammen.

Einkaufen. Zusammen oder alleine. Immer Samstags, zur selben Zeit. Dann Altglas und vielleicht noch das Auto waschen. Der Spaziergang, selbstverständlich immer die gleiche Route. Die Stammkneipe. Mein Stammkino; mein Stammplatz. Mein Stammhirn. Mein Leben. Mein. Deutschland.

Ich glaube, je mehr ich darüber nachdenke, drängt sich mir der Gedanke auf, dass ich meine ausgefransten Zelte in Hamburg abbrechen und sie woanders aufbauen sollte. Ich glaube ich sollte als Nächstes nach Italien oder Frankreich gehen. Ein anderes Land, eine andere Sprache und andere Sitten sollten mich neue Wege gehen lassen. Komischer Gedanke. Aus Hamburg wegziehen. Fühlt sich irgendwie komisch an. Fühl ich mich jetzt eigentlich als Hamburger? Ja? Nein? Ist schon komisch, das Wegziehen zu beschließen. Wie fühlt sich das an? Keine Ahnung.

Das ist er: Lang und klar ragt er in meine Welt, dieser eine verdammte Gedanke. Jener, der mich im Bett rumwälzen und mich meditieren lässt; dieser eine, der mein Gehirn an den Nägeln kauen lässt, ohne es zu merken und der nur von meiner blauäugigen Hoffnung ermuntert wird, gehegt und gepflegt zu werden. Neurosen sind toll. Besonders und vor allen Dingen, die von Großstadtmenschen. Nirgendwo blühen sie so gut, wie dort. Meine Eigenen genauso. Wenn ich aber so viel über sie weiß, dass ich zu bestimmten Uhrzeiten auf die Uhr sehe, weil ich das Fluchen von ihr oder ihm noch nicht gehört habe, dann wird es brenzlig. Dann sollte man über eine örtliche Veränderung nachdenken. Jedenfalls finde ich das.

Gestern ging ich einkaufen. Wein, Salat, Brot und Entrecôte. Das Übliche. Irgendetwas lag in der Luft. Ich weiß nicht, was es war. An der Fleischtheke ging es los. Der Mann hinterm Tresen war eine coole Sau: Dreitagebart, schlank, und tätowiert. Mein Alter. Vielleicht etwas jünger. Er fragte mich, was ich denn heute gerne Gutes haben wollen würde.

„Ich hätte gern ein richtig schön fettiges Stück Entrecôte.“,

Worauf er sich die Kollegin an seiner Seite greift und mich fragt, ob mir das Stück Recht wäre. Herrliches Gejohle und Lachen. Die Frau bestand drauf mitgenommen zu werden, was ich nur mit Mühe verhindern konnte, weil ich darauf bestand erst zu den Salatgurken gehen zu müssen, worauf sich der ganze Tresen wieder vor Lachen durchbog. Da wusste ich, es ist vollbracht. Nach 10 Jahren hatte ich es geschafft die Norddeutschen zum Lachen zu bringen. Mehr konnte ich nicht erwarten.

Als ich dann an den Zeitungen an der Kasse vorbeischlenderte, sprang mich die erste Seite der BILD an: Verdammt, jetzt war es sicher: Ich habe es all die Jahre immer geahnt und jetzt ist es raus: Die Bild-Redakteure lesen meinen Blog. Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt, das Land zu verlassen. Den Blog kann ich auch von Süd-Europa aus pflegen. Im Dezember schrieb ich über genau dies Thema und zwei Monate später, ist es in der BILD-Zeitung:

„Stoppt das Küken-Schreddern“, stand da geschrieben, mit dem Untertitel „21.Millionen Küken werden jährlich getötet, weil sie männlich sind“. Na sieh einer an.

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