Gedankenfrisör und Rauschgärtner

Sauer war er. Stinkesauer. Ungeduldig trommelten seine Finger auf den Tisch, wie eine Kolonne marschierender Soldaten. Er war an einem Punkt, wo er sich genauso nützlich fühlte, wie eine Musikkassette in Zeiten, wo Smartphones die Welt regieren. Am meisten ärgerten ihn die Menschen. Er verstand sie nicht mehr. Jede Pflanze, jedes Tiere war ihm näher, verstand er besser. Aber Menschen? Da war er raus. Schon lange. Was wollten die bloß? Wonach strebten sie? Nie waren sie zufrieden. Was war ihr Weg? Er kam nicht mehr an sie ran. Und niemand nahm Notiz von ihm. Kaum einer interessierte sich heute noch für Freude, Muße und Ekstase. Es war aus und vorbei. Schon lange war es Materielles, nach denen die Menschen strebten.

Früher, als er noch verehrt und vergöttert wurde, da hatten er und seine Geschwister ein feines Leben. Die Menschen gaben Acht, respektierten und schätzten sie, mindestens so sehr wie ihren Nächsten. Als es damals losging, war das wie der Aufbruch in eine neue Zeit. Es war wunderschön, einfach herrlich. Sie lebten in Saus und Braus. Alle. Ständig wurde irgendjemand schwer theatralisch geopfert. Natürlich nicht, ohne irgendein dämliches Wunder zu erwarten. Sogar die Opfer erlebten ihr Opfer eher wie ein Geschenk. Damals gaben sich die Menschen noch leidenschaftlich hin. Nicht nur dem Manne oder dem Weibe: Allem, sogar dem Tod, wenn es für eine gute Sache war. Und als Opfergarbe einem der großen griechischen Götter mit Schleife im Haar dargeboten zu werden, das war schon was.

Damals war es eine Ehre. Alle waren glücklich, obwohl es Tote ab. Sowas bekamen nur Götter hin, sagten eben jene, ohne nicht ganz unzufrieden und selbstherrlich dreinzublicken. Und Geschenke erst. Du meine Güte: Ständig wurden ihnen welche gemacht. Üppige, zum Bersten gefüllte Weinschläuche, so prall und fest wie der Oberschenkel einer Walküre. Oder wertvolle Gewürze, Stoffe und Edelmetalle. Seide, feinste Leinen, Blattgold und was es nicht alles gab. Teilweise kleidete er sich nur zum Spaß wie ein Pharao, behangen mit Gold, gekleidet in feinsten Materialien. Er konnte die Opfergaben gar nicht so schnell wegsortieren, wie die Menschen Neue brachten. Der Geschenkestrom wollte einfach nicht abreißen. Ständig lagen Berge vor der Tür. Rückblickend konnte er sagen, dass sie eine tolle Zeit hatten. Ein Gott zu sein, dann sogar noch ein Griechischer, war angenehm und lohnenswert. Man zahlte keine Steuern, war frei, bekam eigentlich alles was man wollte und wurde von den Meisten respektiert und geachtet. Von manchen sogar geliebt und das nicht zu knapp. Ständig Wein und Frau zu haben war anstrengend. Da ging auch einem Gott schon mal die Puste aus.

Ziemlich lange, ein paar hundert Jahre lang, gingen die Geschäfte ziemlich gut. Alles lief cremig und nice. Zugegeben, der Wohlstand fing schon an, die Götter träge und mürrisch zu machen. Sie waren schon längst viel zu sehr verwöhnt. Manche waren sogar schon verdorben und scherten sich einen Dreck um ihre Aufgaben. Sein Vater Zeus wurde mürrisch und gelangweilt. Ewig meckerte er am Essen herum. Nie konnte man es ihm recht machen. Poseidon lag faul am Strand, trank und sah sich die Sonnenuntergänge an, anstelle sich um das Meer und seine Bewohner zu kümmern. Selbst Hades saß vorm Höllenfeuer und blickte lustlos in die Flammen, bis ihm die Augen müde zufielen. Sogar die ihre Kinder fingen an sich zu zerstreuen, anstelle ihren Aufgaben pflichtbewusst, wie es sich für Göttinnen und Götter gehörte, nachzukommen. Hermes las nicht mal mehr Zeitung und Aphrodite masturbierte alleine in ihrer Kammer, anstelle sich um die Liebe auf Erden zu kümmern. Wie sollte es da auf dieser zugehen? Damals konnten die Menschen sehen, dass auch Göttern nichts Menschliches fremd war.

Dann kam Jesus, der Latschenträger und alles änderte sich. Stunde Null. Imperatoren, Päpste, Kaiser, Huren und Söhne: Alle spielten verrückt. Machtspiele wohin man auch sah. Egal ob Senatoren, die Kirchen oder Aristokratie: Die Botschaft vom Sandalenmann war neu. Liebe deinen Nächsten und so alles. Liebe als Selbstzweck. Wo kamen wir denn da hin? Warum griechische Götter verehren, oder gar an sie glauben, wenn es der Nächste auch tat? Wenn er sogar genügte. Der Nachbar ist greifbarer als ein Gott, auch wenn wir nicht immer einer Meinung mit ihm sind. Wenn ich glauben darf wie ich möchte und mein Lamm selber essen kann, anstatt es zu opfern, dann geht es mir damit doch besser, oder?

Es war eine Revolution. Wenn die Fans eines Rockstars plötzlich wegbleiben, dann ist das ein harter Schlag. Wie soll man damit umgehen? Das ganze hatte einen Haken, wie schon bei den Ägyptern. Dieser neue Glaube wurde wie ein Lauffeuer herumgetragen. Die Mächtigen bekamen es mit der Angst zu tun. Macht, war immer noch das höchste Gut. Gerade wegen der Kontrolle. Jetzt gab es Konkurrenz. Wenn jetzt jeder meinte frei sein zu können, oder gar glücklich und mit Liebe erfüllt, dann bräuchte ja niemand mehr irgendeine Macht oder einen Mächtigen Potentaten, der ihm sagt was er zu tun und zu lassen hat. Soweit durfte man es nicht kommen lassen. Liebe, Nächstenliebe. So ein Quatsch. Macht, ist das einzige was zählt. Macht und Reichtum. Beides macht attraktiv und sexy. Wer keine Macht hat, strebt nach ihr und wer welche hat, will mehr davon. Die Natur des Menschen. Das war Dionysos auch nicht neu. Schon immer war die Struktur des Menschen so geprägt. Vor Tausenden von Jahren war es so und in Tausenden von Jahren würde es noch genauso sein. Dieser neue Glaube stellte damals die Welt auf den Kopf. Damals, klingt heute so nah, dabei ist das schon über 2000 Jahre her. Gerade hing er seinen Gedanken nach und steckte sich eine Zigarette an, da klingelte es:

„So eine verfluchte Scheiße! Nicht einmal in Ruhe rauchen lassen sie einen. Ja-ha! Ich komme, ihr verdammten Blutsauger. Beim Barte meines Alten: Ich schmeiß euch ins dunkelste Verließ, wenn ihr mir nicht meine Muße lasst. Ihr könnt euch gerne kaputt-machen, abrackern und was weiß ich nicht alles, aber wenn ihr mich da mitreinziehen wollt, dann werde ich sauer! Verdammt!“

Er fluchte wie ein Trucker aus New Castle, das selbst der Staub sich verkroch und den Harz alleine im Holz zurückließ. Er murmelte fluchend vor sich hin, wie ein alter Kauz, den man beim Nichtstun gestört hatte. Langsam und mürrisch schleppte er sich zur Tür, blieb vor ihr stehen und seufzte schwer und tief. Die Schlüssel steckten noch drauf. Zweimal musste er drehen, dann zog er die Tür auf. Morpheus stand in der Tür, lächelte ihn an.

„Schön dich zu sehen. Was fluchst du hier rum? Mann, hast du eine Scheißlaune. Was ist los mit dir? Du bist doch der Gott der Freude, der Ekstase, sogar der Fruchtbarkeit. Du bist der, der immer lacht. Im Moment wirkst du eher wie ein Mittvierziger, der gerade von seiner Freundin rausgeschmissen wurde. Kann ich reinkommen, oder willst du mit deiner Scheißlaune alleine bleiben?“

„Ja-ja. Komm rein.“

Er ließ ihn ein, schloss die Tür und nahm ihm den Mantel ab. Die Sonne schien zwar hier und da mal durch, aber es war immer noch Winter.

„Auf alten Krügen, Schnitzereien und tönernen Pisspötten vielleicht. Da sieht man mich lachen, wie ein Narr und Schwachkopf. Geflucht hab ich aber auch früher schon. Das kommt vom vielen Wein. Man wird dünnhäutiger, weißt du? Man wird empfindlicher, richtig weinerlich. Zum Kotzen ist das. Aber woher sollst du das wissen, Morpheus. Du hast doch ein feines Leben. Geträumt wird immer irgendein Scheiß. Aber Freude, Ausgelassenheit, geschweige Ekstase, dass interessiert heute im alten Europa niemanden mehr.“

„Ach komm schon: So düster ist es doch auch wieder nicht. Du hängst durch, hast einen schlechten Tag. Das kommt schon wieder in Ordnung. Auch bei dir.“

„Auch bei mir? Was soll das denn nun wieder heißen. Du redest ja, als wenn ich so ein depressiver Misthaufen bin!“

„Naja, wenn ich dir so zuhöre und mich an deine früher Art zu parlieren erinnere, der du dich sonst befleißigt hast, dann muss ich jedenfalls feststellen, dass auch du von deinem Umfeld sehr geformt wirst. Du hattest schon mal bessere Umgangsformen.“

Morpheus grinste den pöbelnden Dionysos an und zwinkerte ihm zu.

„Danke für die Blumen. Natürlich rede ich mittlerweile ungehobelt, primitiv, direkt und ohne Filter, so wie alle. Aber das ist es doch nicht, Morpheues: Na klar renne ich nicht mit einem Dauergrinsen durch die Gegend. Pass mal auf: Vor vielen Jahren, weißt du, da war….“

„Ach hör schon auf mit deiner alten Leier. Sei doch mal im hier und jetzt. Erzähl nicht immer von übergestern. Du bist mittlerweile genauso melancholisch und mürrisch wie ein Mensch.“

„Na eben, das meine ich doch! Muße galt mal als etwas sehr Erstrebenswertes. Nicht so austauschbar wie Neuwagen und nicht so beliebig wie die eigenen vier Wände: Kannst du dich noch an Mittelalter und Renaissance erinnern? Muße zu haben, galt als das höchste Gut. Es war unter den Intellektuellen, Adligen und Reichen, die höchste und erstrebenswerteste Form des Seins. In diesem edlen feinstofflichen Hinterstübchen, gedieh die Lust, Ekstase und Ausgelassenheit wunderbar. Und nicht nur das: Wein floss in rauen Mengen. Der Müßiggang wurde regelrecht kultiviert, erinnerst du das noch? War das nicht herrlich und wunderbar? Nein, keine Sorge: Ich verschon dich mit der hundertsten Wiederholung: Tja und dann weckten wir das teuflische Industriezeitalter. Das Leben der Menschen wurde immer mechanischer, immer organisierter. Die 68-iger ließen mich hoffen, ließen meine Augen leuchten. Am Ende Ende auch nur für kurz. Heute sitzen die gleichen Typen, die damals Blumen im Haar hatten in den Aufsichtsräten der Aktiengesellschafften, arbeiten 70 Stunden und drücken die Mindestlöhne der Arbeitskräfte. Muße? Lichtjahre weit weg. Ach was rede ich: Tot ist sie. Hörst du? Tot! Der ganze verdammte Scheiß-Planet ist eine einzige Wüste. Muße ist völlig ausgetrocknet und ausgestorben wie ein Friedhof. Heute sehen die Menschen gleichzeitig fern, lesen, hören Musik und senden sich gleichzeitig Kurznachrichten über den smarten Freund!“

„Ach komm schon Dionysos: Du bist wirklich schon so wie die Menschen. Rede dich nicht in so eine langweilig-fluchende Endlosschleife. Das ist fürchterlich. Das ist anstrengend. Du nervst genauso wie die mußelosen Gehetzten.“

Morpheus hatte sich mittlerweile auf einen Stuhl am Küchentisch, ihm gegenüber gesetzt, eine Zigarette angesteckt und ein leeres Weinglas auf dem Tisch gefunden. Dionysos war gerade dabei in eine leicht von Mitleid angehauchte Demotivationsschleife zu hüpfen.

„Niemand interessiert sich für mich, obwohl ich ein Gott bin. Ich bin ein Sohn von Zeus. Verdammt noch mal, das muss doch zu irgendetwas gut sein, oder nicht? Aber weißt du was? Das interessiert niemanden mehr. Kein Schwein. Ich bin arbeitslos, verstehst du? Ich bin ganz und gar ohne irgendeine verdammte Aufgabe. Die Götter haben ausgedient. Aber wo willst du als Gott hingehen, wenn du keine Arbeit mehr hast? Ich kann nirgendwo hingehen. Was soll ich denen sagen? Hallo ich bin es, Dionysos, griechischer Gott der Lust, Ekstase und Furchtbarkeit. Habe ich gerade Furchtbarkeit gesagt? Siehst du was das mit mir macht? Liebe Leute, gerne würde ich euch gerne meine Dienste anbieten. Das glaubt dir doch sowieso keiner. Im Übrigen habe ich das sogar schon mal ausprobiert.“

„Was? Im Ernst?“

„Ja lach ruhig über meine Naivität: Das gab 3 Monate Irrenanstalt. Und das eine kann ich dir sagen: Dass muss ich nicht noch mal haben. Aber in der Anstalt habe ich eines gelernt: Muße haben nur Milliardäre, Künstler, Geistesgestörte und Verrückte. Die anderen stecken im Hamsterrad fest. Keine Zeit und keine Muße. Dafür einen bunten Strauß aus Erwartungen, Burn-Out, Lustlosigkeit und eingestaubter Libido.“

Morpheus runzelte die Stirn, bohrte sich kurz im linken Nasenloch, zupfte an ein paar Nasenhaaren und holte tief Luft:

„Stimmt. Selbst das Traumgeschäft ist nicht mehr das, was es mal war. Früher haben Menschen mit Vorliebe geträumt. Zu träumen, war eng mit der Muße verknüpft, mit Gelassenheit und Seele baumeln lassen. Heute baumeln Gedanken und Sehnsüchte nur noch auf dem Dachboden, gemeinsam mit dem Kälberstrick, an dem sie aufgeknüpft wurden. Dabei sind Träume doch das Tor zur Seele, zu unserem Unbewussten.“

„Ganz genau; das sag ich doch! Anstelle Wünsche, Muße und Träume haben sie nur noch Erwartungen. Das Leben ist heute nur noch ein effizient organisiertes Erwartungs-Management. Permanent werden sie von ihrem Selbst gegen ihre eigenen Erwartungen gemessen und merken dabei gar nicht, dass sie sich die Karotte selber vor die Nase halten. Der Mensch ist sich selbst sein strengster Gutsherr.“

„Richtig. Aber neu ist das alles nicht. Wissen tun wir das schon lange, oder? Zumindest wir zwei alten ausgemusterten Mythen-Säcke. Aber was können wir tun? Ich bohre mir schon seit Jahren im Kopf herum: Können wir überhaupt etwas tun? Ich bin mir sicher, dass wir mehr als Nichts tun können. Eine Idee habe ich leider nicht. Wie kann man diesen Verrückten beikommen?“

„Ich glaube Im Grunde müssen wir uns zuerst einmal selber ändern, aber gründlich.“

„Wie meinst du das?“

„Naja, früher sind die Menschen in Scharen, wie die Lemminge zu uns gekommen, und haben uns die Bude eingerannt. Da saßen wir auf unserem Thron und bekamen die leckersten Trauben direkt vor den Mund gereicht. Die Zeiten sind aber schon seit Jahrhunderten vorbei. Damals sorgten wir immerhin für Wunder. Wir haben unseren Job gut gemacht. Und heute? Wenn niemand mehr zu dir kommt, müssen wir zu ihnen gehen. Wir müssen sie wieder begeistern, ihre Aufmerksamkeit einfangen, wie Pusteblumen.“

„Aber wie?

„Du hast doch noch die Macht, die Träume der Menschen zu bestimmen, oder? Ich meine, wenn ein Mensch träumt, kannst du seine Träume gestalten, du kannst ihn mit auf eine Reise nehmen, die du bestimmst und ausgestalten kannst, wie du willst, oder? Das kannst du doch noch.“

„Na klar. Ich bin auch aktiv, aber sehr lustlos, muss ich gestehen. Wenn ich mir ansehe, mit was sich die Menschen beschäftigen, mit was ihr Unbewusstes unterwegs ist, dann schlafen mir vor langer Weile die Füße ein. Ist wie Nummern ziehen beim Amt: Der nächste Bitte. Ist noch jemand ohne Cluburlaub, Kreuzfahrt oder-Karriere-Traum? Ich kann dir sagen, die Zeiten sind vorbei, wo Menschen wirklich träumen.“

„Weißt du was wir machen?“

„Nein, was? Sag schon!“ Dionysos schenkte nach und reichte Morpheus eine Zigarette.

„Wir erschaffen einen Platz, wo wir uns die Menschen vorknöpfen. Wir eröffnen eine Bar. Eine Bar, am Ende der Welt. Und sie wird „Soul-Garden“ heißen. Was meinst du?“

„Klingt nicht schlecht. Hört sich sogar ganz gut an. Und wie kommen die Menschen da hin?“

„Also, wenn die Arbeitswütigen schon nicht in der wirklichen Welt feiern gehen und Party machen wollen, dann müssen wir eben nachhelfen. Und da kommst du ins Spiel. Bevor ein Mensch anfängt zu träumen, siehst du doch, was in ihm schlummert, bevor du dich entschließt, ihm einen deiner langweiligen Katalogträume zu verpassen und ihn wegsegeln zu lassen, nicht wahr? Okay. Also: Wenn wieder so eine verirrte arme ausgetrocknete Seele angeflogen kommt, dann schickst du sie auf eine Reise in den „Soul-Garden“, du schickst sie in unsere Bar. Dort werde ich hinterm Tresen stehen und wir werden sie gießen und das satt, üppig und nach Strich und Faden.“

„Du? Du willst das höchstpersönlich tun? Wow, das nenne ich mal Einsatz. Da wirst du aber mächtig zu tun bekommen, das ist dir hoffentlich klar, oder? Du solltest dir da helfen lassen.“

„Wer sollte das denn wohl wollen, geschweige machen?“

„Mach doch mal die Augen auf: Ich, wer sonst. Wir stellen uns zusammen hinter den Tresen. Das könnte doch ganz spaßig sein. Vor Allem würden wir beide wieder mehr Kontakt mit dem menschlichen Unterbewusstsein bekommen. Wir könnten ihnen dort ein paar verrückte Sachen einpflanzen, weißt du? Wir könnten viel mehr Einfluss nehmen, als wenn sie uns tote Schafe in den Flur legen und wir für dusselige Wunder sorgen. Nebenbei können wir uns auch selber mal einen einschenken. Das ist eine angenehme Nebenerscheinung, finde ich. Also, was sagst du?“

„Klingt super. Also du fängst die Träumer ein und schickst sie in unsere Bar. Okay, das habe ich verstanden. Wo soll sie stehen? An was dachtest du?“

„Das wechselt natürlich. Wird ja sonst langweilig: Mal ist es eine gottverlassene Kneipe in der Wüste, dann vielleicht mal eine in der Großstadt. Wir sind nicht festgelegt. Klar ist nur, dass wir hinterm Tresen stehen und die Menschen mächtig wach machen und auf Drehzahl bringen, das kann ich dir sagen!“

„Deal! Das klingt super. So machen wir es. Willst du einen Café?“

„Gerne.“

Dionysos, schüttete ein paar Bohnen in die Mühle und rackerte sie klein. Beim Mahlen fühlte er sich immer, als wenn er mit seinem Hammer im Steinbruch steht und aus großen Steinen, Kleine macht. Das Wasser kochte schon ungeduldig vor sich hin und konnte kaum die Luft anhalten. Ungeduldig goss er es auf, ließ den Café schön ziehen. Sie hatten einen Plan. Er sah Morpheus an. Der sah gerade aus dem Fenster und summte vor sich hin. Wahrscheinlich schickte er sich selber gerade in bunte Träume. Oder er malte sich aus, wie die Bar aussehen würde. Er war immer schnell mit solchen Dingen. Plötzlich sah er das Weinglas vor ihm stehen. Es war immer noch leer. Er bekam einen Schock, wurde wach. Er war Dionysos, der Gott der Gelage, Weinschläuche, der Lust und Ekstase und ließ in seiner eigenen Küche seinen verwandten Gott der Träume auf dem Trockenen sitzen, ohne es zu bemerken? Was für ein Wahnsinn. Morpheus hatte so viel Taktgefühl, das er ihn noch nicht in die Verlegenheit gebracht hatte, nach Wein zu fragen. Dafür war er zu höflich und sensibel. Wie war das möglich? War er mittlerweile so unaufmerksam? War er schon so sehr in seinem Depri-Trott drin? Er starrte auf das staubtrockene Glas, konnte den Blick nicht davon lösen. War ihm seine Aufgabe abhandengekommen, so wie die Jugend, die einen schleichend verlässt, weil man schon zu lange gut lebte? Hatte sich seine Bestimmung geändert und er war der einzige, der es noch nicht merken wollte? Oder hatte er sich selber einfach verloren, weil ihn niemand mehr brauchte? Er würde etwas ändern, hier und jetzt. Er griff in den Schrank, holte den Korkenzieher und ließ ihn knallen. Lächelnd drehte er sich zu Morpheus, schenkte ihm und sich ein, griff das Glas und erhob es:

„Zum Wohl. Ab jetzt warten wir nicht mehr, dass sich etwas bewegt, oder dass jemand zu uns kommt, sondern wir gehen einfach los. Wir gehen auf die Menschen zu. Wirst sehen. Das wird sie umhauen, spätestens in unserer Bar: Prost!“

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