Traumfabrik

Als die Zeit noch ein Kind war, ahnte sie nicht, wie groß sie werden sollte. Dass sie immer da sein musste, dass ausgerechnet sie diesen langen Atem ihr Eigen nennen sollte, hatte keiner geahnt. Außer über Frauen habe ich mir über nichts, aber rein gar nichts so sehr den Kopf zerbrochen, wie über die Zeit. Ich habe alle meine Schubladen, Räume, Säle und dunklen Verließe durchsucht, habe sie alle erforscht. Habe den Inhalt seziert, zerkaut und widergekäut: Habe ich Antworten? Keine Ahnung. Ich würde sagen, ich habe nur ein paar Annäherungen, aber mehr auch nicht. Vermutlich hat bis heute noch niemand verstanden, was sie eigentlich ist, woher sie kommt und wohin sie geht.

Als die Zeit damals so klein war, so unschuldig und kindlich, verzieh man ihr Vieles, sogar ihre Tücken. Mit fortschreitender Kindheit, niemand weiß heute noch genau, wann das war, nicht einmal die Zeit selber, da kam sie in die Pubertät. Sie fing an sich auszuprobieren, sich wichtig zu nehmen, fand, dass sich alles um sie zu drehen hatte. Sie war doch das Wichtigste: Alles war eine Frage von ihr. Nichts war wichtiger als sie. Ihre narzisstische Phase ging recht lange. Manche behaupten sie wäre noch heute nicht zu Ende. Uhren wohin man auch sah. Obwohl sie nichts anderes machen, außer einen Zustand anzeigen, den wir auch JETZT nennen könnten, statt ZEIT. Irrtümer, überall.

Als die Zeit noch klein war, hatte sie keine Angst vor dem Morgen. Nicht einen Gedanken verschwendete sie an das Gestern. Heute, wo sie groß und erwachsen ist, kreisen ihre Gedanken selten im Moment, sondern drehen sich nur um die zornigen Zwillinge. Als die Zeit weniger klein war, merkte sie nicht, wie ihr das Kleinsein verloren ging. Sie wurde ernst und seriös, lachte wenig und freute sich nur noch, wenn ihre Erwartungen erfüllt wurden. Früher hätte sie nicht einmal gewusst, wie sie die an sich selber hätte richten können.

Wenn ich heute etwas tue, also ich sage mal, ich zerreiße einen Tag lang Zeitungen, dann frage ich mich, was ich mit meiner Zeit angestellt habe. Was ist MEINE Zeit? Kann ich meine Zeit verschwenden? Und wenn ja, durch welche Dinge? Wann ist etwas meine Wirklichkeit? Mitten drin im Prozess, oder danach, wenn ich mich daran erinnere und es jemandem erzähle? Ist es Wirklichkeit geworden, weil es vergangen und gewesen ist? Worin liegt der Unterschied, wenn ich in 10 Stunden 1000 Zeitungen zerreiße, oder stattdessen nur 10? Was macht mein Leben zu meiner Wirklichkeit? Die Zeit, oder meine Handlung, unabhängig von Dauer, Anfang und Ende? Kommt es beim Leben, beim Sein eventuell gar nicht auf die Handlung an? Vielleicht auch nicht darauf, wann ich es tue? Ist die Zeit vielleicht nur ein Beobachter, einer den wir nur dann bemerken, wenn wir etwas tun? Wenn ich anstelle 10 Stunden Zeitungen zu zerreißen, lieber 10 Stunden mit einer tollen Frau verbringe, dann ist meine Wahl klar und eindeutig. Ist mein Zeitempfinden das Gleiche, egal was ich tue? Warum glauben wir, warum glauben wir zu fühlen, dass die Zeit schneller vergeht, wenn ich etwas Schönes tue? Warum glauben wir zu denken, dass die Zeit langsam dahin kriecht, wenn ich 10 Stunden meine Bude aufräume? Warum meine ich denken zu können, dass die Zeit schneller vergeht, wenn ich 10 Stunden etwas sehr Schönes mache? Springt die Zeit nur die schönen Dinge an und weist darauf hin, dass sie vergänglich sind? Oder ist es lediglich mein egozentrischer Wunsch, Dinge langsamer vergehen zu lassen, wenn sie schön und Genießens Wert sind? Ich glaube, alles was ich denke, fühle und meine zu wissen liegt nur im Überbrachten begründet. Kaum etwas machen wir neu zu unserem. Wir sind Nachahmer, Kopierer und keine Pioniere. Sei so, sei dies, tue Jenes, arbeite dieses. Ständig immerzu.

Zeit ist nicht Geld. Zeit ist eine Erfindung von uns Menschen, die genauso sinnvoll oder sinnlos ist wie Geld. Sie ist eine Konstruktion, eine Maßeinheit, wie ein Bierkrug, ein Weinglas, oder wie ein Scheckheft, ein Konto. Hast du viel davon? Was bedeutet das? Dann hast du viel von was? Was drückt den Sinn am besten aus? Viel von etwas haben? Wenn ich viel Zeit und viel Geld mein Eigen nenne, habe ich dann ein gutes Leben? Lebe ich dann? Vielleicht besonders intensiv? Habe ich dann ein besonders intensives und schönes Leben?

Als ich klein war, wusste ich nicht, dass ich mal so alt und groß werden sollte. Manchmal wächst man länger, als man selber ahnt. Oft wunderte ich mich schon, dass ich immer noch da bin. Nicht nur, weil es schon so lange ist, sondern viel mehr, weil ich mich selber wunder, was alles in der Zeit passiert ist. Das Komische dabei ist, dass ich mich nie darum geschert habe, ob für etwas die richtige Zeit war. Über die Zeit habe ich nie nachgedacht. Ich wusste einfach nicht wozu das gut hätte sein können. Das ist auch heute noch so. Aufmerksamkeit habe ich schon bekommen, aber nicht wegen meiner Lebensweise. Die war mehr ungewöhnlich in der Außenwahrnehmung. Mir fiel irgendwann auf, dass eine Sache nie selber wissen kann, was sie ist. Das wissen immer nur die anderen. Ich glaube, der Zeit geht es ähnlich. Sie kann nicht wissen, was sie ist, sondern nur durch die Anderen, durch ihre Konsumenten.

Als ich klein war, kletterte ich in die Kronen der höchsten Bäume. Und auch heute scheue ich mich nicht hoch empor zu wollen. Ist schöner als tief zu denken. Als ich jung war, fühlte ich, dass alles nur ein unendlicher Spaß sein konnte. Wenn ich auf der Schaukel saß und Gummistiefelweitschießen spielte, hatte ich das Gefühl Schöpfer zu sein, wenn ich den Stiefel mit Schwung abschoss und die Scheibe des Nachbarn klirren ließ. Mama sagte zwar, das wäre nicht richtig, aber für mich fühlte sich das total gut an, nicht nur, weil der Nachbar ein Arschloch war, oft mit seiner Frau rummeckerte und er uns seine pessimistische kleine Scheißwelt ständig überstülpen wollte. Ein tiefsitzendes Gerechtigkeitsgefühl hatte ich schon sehr früh.

Damals, als ich noch ich war, wusste ich nicht, dass es mir mal anders gehen könnte. Wieso war ich zu der Zeit ich und nicht du? Als ich klein war stellte ich mir oft die Frage, ob es möglich wäre, jemand anders als man selbst zu sein. Heute, wenn ich mir Bilder ansehe, kann ich sehen, dass mein Spaß irgendwann einem gesellschaftlich tiefverwurzeltem Ernst gewichen war. Heute, merke ich, dass sich die Fragen geändert haben. Während ich früher ich selbst war, und mir gar nicht vorstellen konnte, jemand anders zu sein, merke ich heute, dass etwas passiert ist: Ich wurde langsam jemand anderes. Stück für Stück. Langsam und schleichend. Wer war ich? Wo kam all das Zeugs her, das mich zu jemand anderen machen wollte, zu einem, der ich gar nicht sein wollte? Zu einem den ich gar nicht gewählt hatte? Wir kommen vogelfrei und unbelastet zur Welt und brauchen dann das ganze Leben, um uns von all dem zu befreien, was wir nicht sind.

Eines Tage erkannte ich, dass ich nur im Traum ganz ich selbst bin. Nur im Traum, im Surrealismus, reagiere und entscheide ich so, wie ich bin und nicht so, wie man es von mir erwartet. Es ist alles ganz anders und verdreht: Wenn ich träume bin ich ich. Der Traum ist die einzige Wirklichkeit, meines Selbst. Umgekehrt, ist das Erwachen aus dem Traum, dass Eintauchen in den Traum der Anderen, das Eintauchen in die Lebens-Fiktion der Gesellschafft.

Im Traum lege ich alles ab. Der Traum ist pur, während das Erwachen nur eine Reflektion der Vergangenheit oder meiner Umgebung ist. Der eigentliche Traum beginnt, sobald wir die Augen öffnen. Im Rausch der Sinne ist es genauso. Egal ob Sex, Drugs & Rock-n-Roll: Im Reich der Sinne bin ich ganz da und bei mir, oder ihr, falls es Ersteres ist. Deswegen ist es auch so berauschend. Im Rausch der Sinne, bin ich Wirklichkeit. Im Traum, wenn ich jeden Ballast abgelegt habe, ebenfalls.

Deswegen schreibe ich. Wenn ich schreibe träume ich. Wenn ich träume bin ich. Dann bin ich meine Wirklichkeit. Ich erschaffe und bin deswegen. Ich erschaffe jeden Tag neue Realität. Jeden Morgen stehe ich auf und entscheide mich neu. Für den Morgen, für den Tag, für mein Leben. Alles was ich tue, versuche ich zu Meinem zu machen. Deswegen dauert bei mir auch alles sehr lange. Meine neugierigen Sinne lassen mich jeden Tag neu wie einen Verhaltenssäugling umhersuchen, als wenn es das erste oder letzte Mal ist.

Gestern war ich an der Elbe. Es war dunkel, windig und kalt. Keine Menschenseele draußen. Die düsteren gräulich-schwefeligen Farben passten perfekt zu meiner Stimmung und gaben mir ein schönes surreales Motiv vom Hafen. Das Bild sah noch realer aus, als die Wirklichkeit. Wie flüssiger dreckig-matter Stahl glänzte das Hochwasser. Die milchig-gelbe Hafenbeleuchtung ließ die Krananlagen in einem gespenstischen Licht säuerlich und ungenutzt vor sich hin verrotten. Am Museumshafen legten in regelmäßigen Abständen die Hafenfähren an und wieder ab. Still und langsam gingen die Menschen von Bord. Schweigsam, als wenn jeder eine Urne mit seiner eigenen Asche unterm Arm tragen würde, von der Angst getrieben, sie aus Versehen fallen zu lassen und die Asche in alle Winde zerstreuen lassen zu müssen, ohne irgendeine Bedeutung hinterlassen zu haben. Die Schlepper lagen an ihren Plätzen. Container-Riesen wollten weder ein noch auslaufen. Es gab nichts zu tun, nur zu warten. Zu warten, dass die Zeit herum ging.

Ich ging die Brücke zum Anleger. Auf der Bergedorf brannte noch Licht. Hamburger Pannfisch gab es in ganz Hamburg nirgendwo besser. Ein Grog sorgte dafür, dass mein Gemüt nicht abkühlte. Ein Hamburger feierte Geburtstag. Sie sangen nicht völlig desillusioniert. Ein Funken Hoffnung schmachtete noch in ihren schon langsam brüchig werdenden Stimmen, die in ihren Hinterstübchen fast vollständig abgebrannt waren, wie ein zu lange gezündeltes Streichholz. Wassermänner haben bei der Geburt meistens Pech mit dem Wetter, dafür Glück im Leben.

Der Seegang ließ das Schiff kräftig schaukeln. Die Geburtstagsgesellschafft wurde etwas einsilbig und sah still aus den Bullaugen. Ein grauhaariger Mann, Anfang 50, gut gekleidet mit Schmiss, stand auf und zahlte seine Rechnung. Er half seiner Begleitung nicht in den Mantel, ließ dafür größte Sorgfalt bei seinem Seidenschal walten, den er langsam, fast vorsichtig anlegte, bevor er sich betont laut und überhöflich verabschiedete.

Mein zweiter Grog kam. Er war stärker als der Erste. Das Hochwasser lief langsam ab. Die Zeit auch.

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