Der Zeigefinger

Es war einmal in einem Land – ein Land, in dem man schon viele Jahre in Frieden lebte. Nöte, Hunger und Leid waren so sehr geschrumpft, dass man Anfing, Menschen aus anderen Ländern Zuflucht zu gewähren – ein Zeichen von Wohlstand und Barmherzigkeit.

Das Volk war glücklich und zufrieden – die meisten jedenfalls – man lebte in Brüderlichkeit, Gleichheit und Freiheit – soweit das menschenmöglich war – so sehr, dass manche anfingen mürrisch zu werden, ganz besonders die Belesenen.

Um das Land übersichtlicher zu machen, damit jeder seinen Platz finden konnte, hatte man nach und nach das Volk in zwei Klassen geteilt – Volk und Belesene – die sich selbst –Gelehrte nannten.

Das Volk lebte in Volks-Vierteln, den sogenannten Volks-Ghettos und die Gelehrten in ihren Gelehrten-Vierteln, den sogenannten Gelehrten-Ghettos. Das Volk hörte Volksradio, sah Volks-Fernsehen und las Volks-Zeitungen – die Gelehrten hörten Gelehrten-Radio, sahen Gelehrten-Fernsehen und lasen Gelehrten-Zeitungen- Jede Klasse, lies die andere in Ruhe – alles war glücklich und zufrieden – das Volk arbeitete und die Gelehrten lehrten.

Doch eines schönen Tages geschah etwas Merkwürdiges.

Nach Jahren der Zufriedenheit – das Volk war glücklich mit der Arbeit, die Gelehrten zufrieden mit der Lehre – da erhob ein Gelehrter zum ersten Mal den Zeigefinger. Nicht das Gelehrte das sonst nicht taten – ständig diskutierten und stritten sie untereinander, zeigten einander den Zeigefinger des Wissenden, sei es Feinstoffliches oder Irdisches.

Diesmal war alles anders. Diesmal ließ ein Gelehrter seine Warnung in der Gelehrten-Zeitung drucken – zum allerersten Mal das Volk betreffend.

Noch niemals vorher hatte ein Gelehrter es gewagt – nicht auszudenken der Tumult, sollte das Volk seine Mahnung verstehen – seine Warnung wörtlich nehmen. Tage voller Zittern und Bibbern vergingen – die Redaktion fürchtete zu weit gegangen zu sein – Herausgeber bekamen Anrufe aus den Gelehrten-Vierteln – doch nichts geschah.

Schnell fühlten sich andere Gelehrte eingeladen, es ihrem Klassenmitglied gleichzutun. Schon sprossen Warnungen und Mahnungen wie die Pilze – man konnte sich gar nicht satt sehen – so ganz ohne Gegenwehr und Tumult – man fühlte sich zum allerersten Mal erhaben, seine Weisheit mit dem Volk zu teilen – das offensichtlich wissbegieriger schien, als man all die Jahre dachte.

Zur gleichen Zeit – die Gelehrten sahen täglich den Weltuntergang nahen – lebte das Volk glücklich und zufrieden unter sich, in seinen Vierteln, mit all der harten Arbeit, der wenigen Zeit und den kleinen Freuden, vereinzelt vom Hunger heimgesucht – niemand merkte etwas von den ängstlichen Erwartungen in den Gelehrten-Vierteln und ihren Zeitungen und TV-Programmen.

Jahre vergingen – die buchstäblich nachgewiesene Ignoranz des Volkes – jahrelange Stille konnte nun einmal nichts anderes bedeuten – verärgerte die Gelehrten – wie war so etwas möglich? Wie konnte das Volk das Offensichtliche, die Gefahr, nicht erkennen, ja, es regelrecht ignorieren – warum?

So konnte es nicht weitergehen – man musste etwas tun – ihnen ihre ausweglose Situation sichtbar machen – sie mit der Nase drauf stoßen und sei es mit Gewalt.

Man erließ Gesetze, um die sorglose Freiheit des Volkes zu verbessern, sie besser zu schützen, legitimiert mit dem Zeigefinger der wachsenden Gefahr, sei es Terror, Verkehr oder Ozon. Was sollte man machen? Nicht auszudenken, sollte es all diesen schrecklichen Gefahren schutzlos ausgesetzt sein – nachher ist ihre Sorglosigkeit ansteckend, gar vererbbar – sowas mussten die Gelehrten um jeden Preis verhindern – Sachlichkeit und Wissen sollte ihr Land regieren – um Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit zu sichern – nicht Willkür und Subjektivität – die Vorboten des Unterganges, den sie hinter jeder Ecke vermuteten.

Schutz der drei Großen hatte oberste Priorität – Politiker und Gelehrte überzogen das Land mit einem dichtmaschigen Netz von Regeln und Vorschriften – so würde man das Volk und sein Hab und Gut ausreichend schützen – gegen all dem Unbill, der da draußen so offenkundig lauerte.

Bald gab es Ausgehsperren – Polizeistreifen sicherten Straßen, verstärkt und unterstützt durch den Volks-Schutz, dem nichts wichtiger war, als Sicherheit und Ordnung, die bei all dem erwarteten Gefahren das höchste Gut blieben.

Jahre später – man fühlte sich wieder unwohl – die herumhetzenden Gestalten, kurz vor der Sperrstunde machten keinen vertrauensvollen Eindruck – man begann sich Sorgen zu machen – erste Kameras in privaten Wohnungen brachten große Fortschritte – brav legte sich das Volk schlafen, beschützt von einer fürsorglichen Überwachung, der nichts mehr entging.

Endlich war es geschafft – Volk und Gelehrte hatten endlich Sicherheit – Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit für alle Zeiten geschützt und gesichert – Endlich – nach all den Jahrhunderten und Jahrtausenden, war es einer Zivilisation gelungen – uns!

 

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