Monsieur Thalamus

Schon seit Stunden tippt Monsieur Tango an seinem Buch rum – still, diszipliniert und zum ersten Mal ein wenig zufrieden. Endlich ist ihm ein passender Titel für sein zweites Buch eingefallen, endlich hat er auch das Buchcover fertig – zumindest, was Bild und Titel angeht. Sicherlich, die üblichen Feinarbeiten, werden ihm noch genug Kopfzerbrechen machen, aber das hat mehr etwas mit Fleiß, als mit unlösbaren Fragen zu tun, die nach Eingebungen oder dergleichen verlangen.

Alles ist im Fluss – Wörter fügen sich wie Dominosteine aneinander, dass es ihm eine Freude ist, als plötzlich, aus heiterem Himmel eine unzufriedene Stimme durch seinen Gedächtnispalast donnert:

– Mein lieber Monsieur Moi, ich habe hier einen stetig ansteigenden Berg auf dem Tresen, was gedenken Sie damit zu machen? Seit Stunden haben Sie sich abgemeldet!

Totenstille, nicht mal einen Atemzug kann Monsieur T vernehmen. Er wird ungeduldig.

– Monsieur Moi, hören Sie mich? Können Sie mir bitte verraten, wie wir hier weiterkommen sollen? Diese stetig anwachsenden Aktivitäten und Anfragen, sei es soziale Medien – was soll das überhaupt sein – sowie die Marketingfragen, die Sie alle ungeklärt in Ihrer Ablage liegen haben – genauso diese unangenehme Sache mit Amazon – soweit ich mich erinnere, haben Sie immer noch keinen Advance-Account, oder wie der heißt, angelegt, mit dem Sie ihre Bücher vertreiben können – so werden Sie nie Bücher verkaufen – Monsieur, hören Sie mir überhaupt zu?

Auf einmal hält Monsieur Tango inne, schaut verärgert aus dem Fenster, seufzt, stöhnt, räuspert sich deutlich länger, als nötig und atmet zischend ein.

– Was zum Henker reden Sie da? Ich schreibe, sehen Sie das nicht?

– Natürlich sehe ich das, kein Grund unhöflich zu sein, hören Sie, ich wollte lediglich…

– Was wollen Sie? Müssen Sie mich jetzt stören, gerade jetzt, wo es so gut läuft?

– Monsieur Moi, nicht in diesem Ton, hören Sie? Das verbitte ich mir!

Monsieur Tango seufzt, schlägt seine Hände knallend auf den Tisch und hält sie danach an seinen Kopf. Er scheint sichtlich verärgert zu sein.

– Hören Sie, Monsieur Thalamus, sie sind hier der Croupier, na los, verteilen sie den Kram, so wie sonst, was fragen sie mich? Sie sind der, mit der Intuition, der weiß wo die Dinge hingehören. Sie fahren ja auch nicht in eine Werkstatt und erwarten, dass sie denen die Funktion ihres Wagens erklären müssen, oder?

– Monsieur Moi, was soll ich mit diesen ganzen dringenden Themen, in Sachen soziale Medien machen? Was ist mit ihrem Amazon-Account? Was ist mit ihren Verträgen, was mit den Händlern? Sie liegen ewig weit hinten mit diesen Dingen, besonders die Sozialen Medien liegen mir auf dem Magen, obwohl der eigentlich recht gusseisern ist. Sie sagen, das ist besonders wichtig, aber in ihrer Ablage türmen sich die offenen Aufgaben. Das gleiche mit all den anderen Sachen, denken Sie, dass…

-Stop, stop, stop – ich bin schon sozial und versuche mein Möglichstes, aber ich schaffe es nicht, täglich geistreiche Beiträge zu posten, verstehen Sie das?

-Aber natürlich, mein lieber Monsieur Moi, selbstverständlich, aber das ändert nichts an meinen Fragen – schauen Sie, wenn Sie die Dinge nicht tun, dann…

-Jetzt hören Sie schon auf! Sortieren Sie den Kram und gut!

-Sie verstehen mich nicht, Monsieur….

-Den Eindruck habe ich auch!

-Aber Monsieur Moi, ich handle doch nach ihren Vorgaben – offensichtlich passen die nicht mehr zu ihrem aktuellen eigenen Verhalten, das heißt, sie….

– Gar nichts muss ich! Schreiben muss ich, sonst nichts und jetzt hören Sie auf mich vom Schreiben abzuhalten, sehen Sie mal, wir reden schon zwanzig Minuten, weswegen eigentlich?

-Weil Sie, Monsieur Moi, keine neuen Prämissen geben, deswegen!

-Ach jetzt bin ich es wieder, ja? Ich hör wohl nicht richtig, wenn das so…

-Natürlich Sie, wer sonst? Glauben Sie, ich entscheide bei jeder Sache neu und jungfräulich, als wäre es die erste Sache, die bei mir…

-Aber natürlich! Das ist ihr Job – wenn Sie weniger reden und dafür mehr verteilen würden, dann könnte ich hier in aller Ruhe….

-Was von all dem Erwähnten ist denn relevant?

-Alles, blöde Frage…

– Wie alles? Sie meinen Alles ist gleich wichtig, so wie….

– Nein, natürlich nicht…

– Sehen Sie, jetzt wissen Sie, wie es mir geht………

– Wenn Sie nicht augenblicklich Schweigen und Ihre Arbeit machen, mein äußerst geschätzter Monsieur Thalamus, dann höre ich sofort mit dem Schreiben auf und mache mir einen Aperitif, haben Sie das verstanden? Dann müssen Sie damit leben, dass Sie mich von meiner Arbeit abhalten, d’accord……?

– Das ist nicht fair, so haben wir nicht…

– Natürlich nicht, es ist auch nicht fair, mich hier aufzuhalten, sehen Sie das denn….

-Monsieur Moi, wir müssen das dringend in der Gruppe, mit den anderen diskutieren, wir brauchen einen neuen Plan, Sie müssen uns teilhaben lassen, was der neue Plan ist, weil sonst..

– Verdammt, Thalamus, von mir aus, aber können wir solange aufhören herum-zu-labern und einfach mal jeder seine Arbeit machen, ja, geht das bitte, sonst werden wir niemals….

– Ich sagte Ihnen schon, nicht in diesem Ton, so fühle ich mich nicht genug gewert-schätzt und respektiert, einen solchen Ton muss ich mir nicht gefallen lassen, ich reiche eine Beschwerde gegen……

– Menschen-kindes, mach deine Arbeit, Thalamus! Jetzt hältst du nicht nur mich, sondern uns beide auf, kapierst du das nicht? Sie können nicht immer alles diskutieren, so werden wir nie fertig, geschweige, bekommen wir so ein Buch gedruckt…..

– Monsieur Moi, auch ich habe Gefühle, ja? Auch ich verdiene Ernst genommen…

– Wer sagt denn, dass ich Sie nicht ernst nehme, ich habe lediglich…..

– Sie reden mit mir sehr unhöflich, obwohl ich alles in ihrem Sinne mache, daher müss….

– Herr Gott nochmal, Thalamus, mach jetzt nicht die Heulsuse, ja? Wir haben zu arbeiten, wir müssen uns auf einander verlassen – es gibt eine Zeit fürs Reden und eine fürs Arbeiten. Jetzt ist definitiv keine Zeit zum langen parlieren, lassen Sie uns einfach…..

– Wann denn? Ewig schieben Sie das nun schon……

– Wie wäre es mit morgen?

– Morgen kann ich nicht, da habe ich Buntwäsche, wie wäre es….

– Dann verschieben Sie ihren Wäschetag halt, das gibt es doch gar….

– Darf ich mir das bitte selber aussuchen, wann ich Dinge tue und ob sie mir wichtig sind, ja? Sehen Sie was ich meine? Sie erheben sich über mich, Sie sind gerade dabei…

– Mein lieber geschätzter Thalamus, würde es Ihnen etwas ausmachen, sich morgen, in aller Güte, ein Zeitfenster von vielleicht, sagen wir, eine Stunde, einzurichten, wenn Sie zum Beispiel eine Pause machen, irgendwann ist ja die Maschine am Laufen und die letzte Ladung aufgehängt, dann zum Beispiel, wären Sie so allerliebst, sich das Einzurichten, was meinen Sie?

– Also wenn Sie mich so nett fragen, Monsieur Moi, dann kann ich ….

– Sehr schön, also einverstanden, dann sagen wir gegen…

– Eine Zeit kann ich Ihnen noch nicht geben, hetzen Sie mich nicht….

– Entschuldigen Sie, meine Ungeduld, mein lieber Monsieur Thalamus. Moment, seien Sie mal still, haben Sie das auch gehört?

– Nee, was denn?

– Wirklich nicht? Das klang nach dem kratzenden Geräusch eines Deckels, so einer, wie er auf der Pastis-Flasche da hinten ist, mein geschätzter Freund, sie stehen gerade….

– Tue ich gar nicht, ich sitze wie Sie, wollen Sie mich etwa….

– Hätten Sie die Güte uns zwei zu machen, bitte?

– Zwei oder drei Finger breit?

– Drei, passend zum Moment, danke, lieber Monsieur Thalamus – Santé !

 

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