Haare

Haare sind eine komische Sache. Sie wachsen nur wenn man sie nicht beobachtet. Vor ein paar Tagen sah ich in den Spiegel, dachte an Frisör. Sofort machte ich mich auf den Weg.

Mein Frisör ist ziemlich unkompliziert – wenn du einen Haarschnitt brauchst gehst du hin und bekommst einen – ganz ohne Termin. Diesmal kam ich nicht gleich dran – alle Hairstylisten waren beschäftigt. Sie legten, lockten und färbten. Ich griff nach einer Zeitschrift. GQ hieß sie, das steht für Gentlemen-Quarterly, oder so ähnlich – ein Lifestyle, ein Trendmagazin für den erfolgreichen Mann.

Auf dem Cover war ein gewisser Ben Affleck abgebildet – ich kenne Ben nicht, keine Ahnung was er macht. In der Titelstory ging es um -Erfolgreiche Typen- oder so ähnlich. Es war gar nicht einfach, die Reportagen zwischen der vielen Uhren, Handtaschen und Klamottenwerbung zu finden. Luxusautomobile pries man auch in rauen Mengen an. Es gab Anleitungen für Fitnessübungen, damit man einen Waschbrettbauch bekommt – überall warben Schauspieler und Fußballer für Luxusgüter – über gesundes Kochen konnte ich auch irgendwas lesen – Kontaktanzeigen suchte ich allerdings vergebens. Das unterscheidet GQ vom Zeitmagazin.

Der moderne Mann trägt seit einiger Zeit Bart. Sogar Schnurrbart. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der moderne Mann alles tut, um wie ein verwegener Abenteurer auszusehen – ich ahnte schon lange, dass Reinhold Messner eigentlich Trendsetter ist.

-Hinten´und an den Seiten kurz – oben nicht so viel wie an den Seiten – habe kein Bock auf HJ.

Während ich Beate meinen platten Witz erklärte, entzifferte ich -Love, Life & Pain- aus der schwungvollen Schrift ihrer Unterarmtätowierung. Als sie sich umdrehte, um den Langhaarschneider zu holen, sah ich ein paar asiatische Schriftzeichen auf ihrem Nacken. Ich glaube Beate ist auch Abenteurerin. Sie erzählte, dass sie seit einiger Zeit viel meditiert. Buddhismus hätte sie schon immer interessiert. Zu sich selber finden und so, findet sie total richtig. Sein innerstes Selbst zu streicheln, sei doch das Wichtigste überhaupt, erklärte sie.

Bea verdrängte GQ – ich hob den Umhang und legte das Magazin auf die Ablage. Als sie es ansah schenkte sie mir ihr Siegerlächeln, als wenn sie mich bei etwas ertappt hatte, oder bestätigt bekam, was sie schon lange dachte. Sie hielt den Spiegel hinter meinen Kopf.  

-Sieht gut aus – danke.

Zuhause setzte ich Wasser auf, um einen Café zu trinken und blieb vor meinem Spiegel stehen. Grauer und faltiger war ich geworden – ich habe keinen Fernseher, mein Körper ist immer noch unbemalt und auf 8000 Meter hohe Gipfel bin ich auch noch nicht geklettert – 3000 Meter schon, okay, aber das ist ungefähr so, als wenn man einen Segeltörn auf der Alster mit der Sydney-Hobart-Regatta vergleicht. Als ich anfing, über mein erfolgreiches Leben nachzudenken schlief ich auf dem Küchentisch ein.

 

 

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