In Seenot

Einer dieser besonderen Tage, einer von der Sorte, die man nie vergisst.

Früher als sonst werde ich in diesem kosmischen halbwachen Sumpf wach. Eine alte, dunkel-düstere Ahnung lässt mich unruhig aufstehen, als wenn etwas Unbekanntes in der Luft liegt, bereit zum vernichtenden blitzartigen Erstschlag. Meine Sinne sind wach und viril und doch können sie es weder greifen, fühlen oder riechen. Beklemmung wächst in mir wie ein verborgener, unausrottbarer Pilz.

Schnell sind meine vier Wände zu eng, viel zu eng. Hastig wie auf heimlicher Flucht frühstücke ich, verschlucke mich paarmal wie ein Schuldiger, schlüpfe in Gebeine, in meine steifen Klamotten und renne runter zum Wasser. Wie in Trance löse ich mein träumendes Boot vom sicheren Hafen. Schmatzend gleitet es ins Wasser. Ich springe rein, lasse das kleine Segel weg und zerre am Außenborder rum wie ein Berserker, als ginge es ums nackte Überleben.

Tief und fest wie ein Alb schläft er, lässt sich erst beim zehnten Mal wecken und knattert nur mühsam und holprig los. Widerwillig gibt er meinen Sporen nach, dreht träge und langsam wie ein alter Senner hoch, zwingt den kleinen, nichtsahnenden Propeller im kalten Wasser herumzuwirbeln, wie ein wildgewordenes herrenloses Karussell, während das harte, unnachgiebige Meer die furchtsamen Propeller-Blätter mehr und mehr, langsam und zäh verbiegt.

Heute fahre ich sehr weit raus, so weit wie nie, so weit, dass ich kein Land mehr sehe. Möwen begleiten mich, manche lachend, einige schreiend. Sie umkreisen mich wie einen Krabbenfischer zur Ernte. Alles ist mir zu viel, rückt mir schon zu lange auf die Pelle. Ich brauche etwas Abstand, ein wenig Luft zum Atmen, Freiheit zum Leben. Nach einer Weile schalte ich den Motor aus. Stille.

Um mich herum nur Schlucken und glucksendes Wasser. Langsam streichelt das Meer den schleichenden Rumpf. Nach einem kurzen Blinzeln der Zeit kommen die töricht-kleine Nussschale und ich auf dem Rücken des Universums zur Ruhe. Langsam lasse ich meine Seele los. Glitzernd funkeln Sonnenblitze über das Meer, eingefangen von den wachsamen Reusen meinen Augen.

Würzig-derber Wind fährt mir um die Nase. Schmatzendes Wasser nagt am Bootskörper wie an einem Knochen, Seepocken und schmierigen Tang herunternagend. Lehne mich erlöst zurück. Sehe zum Horizont. Wohin ich auch sehe, überall das Gleiche: Wasser und Himmel, nichts als Wasser und ewig weiter Himmel. Sie werden mir doch nicht etwa schwer, die Augen, denke ich, als mein Kopf mir im selben Moment auf die Brust sinkt und Poseidon mich hinfort trägt.

Plötzlich schrecke ich hoch; eingeschlafen muss ich sein, keine Ahnung wie lange. Langsam sehe ich mich um. Violett-schwarze Wolken ziehen unheilvoll auf. Ölig-zäh kriecht erstes schmutzgetränktes Licht und beißender, an altem Klebstoff erinnernder Schwefelgeruch in meine Nase, beißt sich fest und schraubt sich wie ein Parasit in meinen Kopf. Junge, zartblaue Wolken nehmen Reißaus, vertrieben von dunklen, hässlichen und markerschütternden unheilvollen Gebirgen, die sich Jahrhundertelang aneinander-gerieben haben, zum Bersten gefüllt und beladen, aus längst vergessenen düsteren Zeiten.

Wind frischt schnell auf. Nach wenigen Minuten zerrt ein ausgewachsen schreiender Sturm an meiner erschrockenen Kleidung, meinem zitternden Leib. Gebannt starre ich das Unheil an, unfähig umzukehren, den Motor anzureißen, einfach wegzulaufen. Selbst die Seevögel schweigen, haben sich heimlich still und leise davongemacht, sind geflüchtet, hocken zusammengekauert in ihren Bunkern an der Küste. Borstig heranstürmender eiserner Wind zerstört die spiegelglatte See, lässt meine dünnhäutige Schaluppe schaukeln. Krachender Donner fährt mir in die Glieder, lässt all meine Hoffnung hinfort-fliegen, es möge bitte doch noch ein Weilchen dauern.

Immer weniger glattgekämmte, dafür umso chaotischer tosende Wellen heben mich rauf und runter. Poseidon erwacht, erhöht den Takt. Aus sanften Venus-Hügeln werden drohende Wellenberge. Mühsam klettern Boot und ich jeden Einzelnen hinauf, bis der Kamm sich bricht und wir uns scheiden. Humpelnd rutschen wir schneller und schneller den schroffen Wellenrücken hinunter, hinein in den weit aufgerissenen Rachen des nächsten Ungeheuers, das uns zähnefletschend verschlingen will, uns wie zum Spaß auf seine Schnauze nimmt, mit uns spielt. Mindestens fünf, vielleicht zehn und mehr Meter sind sie hoch. Gischt schabt mir die Poren von Haut und Knochen. Längst fühle ich nichts mehr, fühle nicht, ob ich brenne oder friere.

So sei es. Heute ist mein Tag. Der Eine, mein Letzter. Irgendwann würde er kommen, das war klar. Dass es jetzt sein soll versetzt mir einen Stich. Hänge mehr am Leben als ich dachte. Schön dass es der Wassergott selbst ist, der uns holt. Ergebe mich in mein Schicksal. Die Wellenmonster spannen die Muskeln, geben alles und noch mehr. Krachend wie ein Streichholz knackt der kleine Mast hinfort, geht über Bord, verwandelt sich in Treibholz. Mehrere gehässig große Fische springen in den Tälern aus dem brodelnden Wasser, grüßen mich ein letztes Mal. Wind reißt mir die letzten Fetzen vom Leib. Gischt peinigt Haut und Seele. Überall rollend-hohe Wasserberge, einer höher als der andere.

Sehe, dass sie sich hochschaukeln, sich verabreden, mir den Garaus machen wollen. Hier hast du sie: Ja, das ist sie. Deine Rechnung. Sieh sie dir genau an. Aber nicht zu lange. Wir sind gekommen um dich zu holen. Wie in einer Zentrifuge des Wahnsinns sausen Bilder an mir vorbei. Vieles erinnere ich, einiges nicht. Ein Glück! Habe endlich Frieden. Lächle erlöst, kauere mich zufrieden auf dem Boden zusammen, wickle mich in das ungenutzte, vom Salz mürbe-gehärteten schroffen Segel.

Schon bald wird es sich in mein letztes Tuch verwandeln. Vollständig angetreten, mit Millionen Jahren Erfahrung, zerschlägt das ozeanische Konzert Geist und Körper. Das Donnern, Zischen, Pfeifen und Rauschen lässt mir keine Chance, verschlingt mich mit Haut und Haaren, lässt nichts von mir übrig. Ich lasse alles los, erblinde, werde taub, bleibe stumm, löse mich langsam auf. Höre in weiter Ferne einen dumpfen Knall, ein letztes Brüllen und verbrenne mit der letzten Erdengischt. Dann bin ich weg. Dunkelheit.

Satt. Schwarz.

Nichts. Aus.

Sternenfirmament. Kurzer Blitz.

Bumm-Bumm.

Bumm-Bumm.

Bumm-Bumm.

Langsam wie ein Pottwal öffne ich meine Augen. Sie sind verklebt wie bei einem Neugeborenen. Ich blicke mich um. Spiegelglatt liegt sie da, meine unsterbliche Geliebte. Still, friedlich und sanft. Vorsichtig krabble ich aus meinem Segelkokon, blicke mich um. In weiter Ferne ist Land in Sicht. Hoffnung, da bist du wieder. Reiße am Motor. Schnell hustet er, schüttelt und trocknet sich ab, läuft dann aber rund wie ein Uhrwerk. Möwen fliegen heran; ihr Gekreische treibt mir Tränen der Freude in die Augen.

Leben.

 

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