Glas Wein

Schweigend lässt der Korken sich ziehen. Flüchtig riecht sie an seinem Hosenboden. Elegant sieht es aus, lässt aber auch Gleichgültigkeit, die hässlichen Gespenster Routine und Alltag durchblitzen. Seriöses Lächeln, verbindlich, mit genügend Distanz für zwei Welten. Schenkt beeindruckend, mechanisch-entschlossen ein, als hätte sie Augen einer versteckten Kamera aufgespürt, vor der sie, emsig ihr Charakter, gründlich wie die Enkelin eines KZ-Schließers, ihr tragisch-absurdes Theater aufführt. Zum Kotzen.

Rollen und Masken, von morgens bis abends.

Goldig-glänzend, wie flüssiges Sonnenlicht, fließt Wein ins Glas. Sezierend ihr Blick, als prüfe sie ihn bei seiner Ankunft im kelchich-erstarrten Mineral. Feucht-saftig, der Reflex ihrer Lefzen, ihre Oberlippe, fast ein wenig gierig anhebend, ihre Zähne zu sehr freilegend, wenngleich sie schön gewachsen sind, zur Zucht geeignet. Wie ihre Mundwinkel noch weiter einreißen, sich höher und tiefer in ihre slawischen Wangenknochen eingraben, durch durstigen Speichel ausgelöst, als würde gleich ne Ente, oder was weiß der gemästete Kuckuck, für ein Federvieh, auf dem Opferaltar, der kunstvoll angerichteten Delikatessen, unstillbar hungrig verspeist.

Verführerisch plätschernd, wie aus Mutters Busen, ergießt sich milchige Sonne ins Glas. Bohrend verlangend ihr Blick, Anerkennung erwartend, das Glück hoffentlich schnell begreifend, von ihr bedient zu werden. Sei schön artig, hörst du? Ich weiß nicht, ob du es verdient hast, aber angebracht wäre es schon, dass du mir deine Dankbarkeit zeigtest, verstanden? Meiner Mutter nicht unähnlich, als sie mit meiner Geburt, das tollwütig drehende Lebens-Rad meines Vaters, mit diesem unbändig-jungen wachsenden Stock, zum Blockieren zu bringen versuchte, als hätte sie vom Kosmos selbst, Reichsapfel und Zepter erhalten, um grausam zu richten, über alles und des Vaters Leben, dass aus ihrer Sicht, schon zu lange, zu glücklich und viel zu fröhlich verlief.

Ähnlich wie Tante Maria, die nichts aus Leidenschaft, Freude und Neugier tat, geschweige hörte, um gar Neues zu erfahren, stattdessen die Welt mit mürbe und müde-machenden Wiederholungen und Wortgewittern unter Wasser setzt, auf das einem schlagartig das Selbige bis zur Stirn steht, man sich hektisch umdreht, fragend nach der alten Arche suchend. Mütter, wieviel Zuneigung erträgt die Welt? Wie viel Entzug?

„Bon proveccio. Lass es dir schmecken,“, haucht sie zu mir herab, drehend letzte Tropfen in die Flasche zurückdrängend, als wäre sie der kostbare Kelch des Lebens. Gründlichkeit, der immergrünen Seriösen, die nur still und heimlich unter und mit sich alleine im Keller lacht, gewaschene Ernten diverser Trommeln, wöchentliche Rationen frischer String-Tangas bügelnd. Ordnung ist das halbe Leben. Wie schön!

Abgenommen hat sie. Gut siehst du aus. Ein wenig verrucht und doch herzzerreißend ehrlich, wie sich feine Spinnennetze des Lebens an ihre Augen schmiegen, die kleinen Vogelnester bewachend. Elegant, die wedelnden Weiden-Wimpern; grün-grau, ihre schimmernden Murmeln, die sich immer noch weigern, ersten Glanz zu verlieren, erste Ansprüche aufgebend, zurück ins Regal der Eitelkeiten stellend.

Streng, lang und schwarz der Pferdeschwanz.

Prall ihr Hemd. Zum Bersten gefüllte Hosen, die mehr an auflackierten, statt hineingezwängten Stoff erinnern. Fest im Fleisch, eine 36iger Vorratspackung Kondome darauf verwettend, dass es eher hell, als dumpf klatschend klänge, gäbe ich ihr einen liebevollen anerkennenden Klapps auf den Hintern. Leider kann ich mich benehmen. Und sie erst. Hat alles im Griff, auch sich selbst.

Brust, Hintern raus, Bauch rein. Haltung, Timing ist alles.

Kerzengrade, nur um sich selbst und die Sonne, wie eine Spindel drehend, fährt sie herum, beschenkt mich mit ihrem tiefen Sphinx-Lächeln, während ich zum Glase greife, eine meiner elegantesten Bewegungen. Stiel lang und elegant, die Tulpe schlank, schmal und hoch. Hebe das Glas, alten Männer gleich andächtig schwankend und schwenkend, halte meine grobporige, von Sonnen.- und Altersflecken verzierte Nase erst drüber, dann tief rein.

Sauge Luft auf sechs und zwölf Uhr; denke an altes Gestein, an brüchigen Kalk, Drusen, alte Mineralien; rot-blutende Erde, Duft von tief verbohrten Olivenwurzeln; an rasiermesserscharfes Gras, das Hände schneidet, Finger blutig kratzt; an Kamille, den Duft von tropfend-reifen Kakis; dickhäutige, beulige Zitronen, fruchtigen Honig, cremig-zart wie Schlagsahne, Roggen und Eisen.

Versuche, den ersten Schluck hinauszuzögern, den Büßergürtel enger zu schnallen. Muss mich mehr disziplinieren, muss aufhören, meiner Faulheit, ständigem Müßiggang hinterherzurennen. Wasser läuft mir im Mund zusammen, will sich mit dem köstlich-kühlen Nass vereinen; nein, so nicht; stelle das Glas wider hin; zu leicht gebe ich nach, gebe mich zu oft dem Genuss hin; lenke mich ab, wie ein dekadenter Römer; blick mich wie ein adliger Franzose um, beobachte Gäste; Bullshitmaschinen des Konsums, vertrocknete Felder verstaubter Kreativität, vorbei die genialen Einfälle, früher üppig und saftig gefüttert von Mangel und Zorn.

Es ist meine Haltung. Alles stelle ich in Frage. Nichts fresse ich einfach auf. Warum ist das so? Wieso müssen wir dies, das, Jenes tun? Was bedeutet, Pflicht? Kadavergehorsam kann ich nicht.

Gedankenversunken stiere ich auf die blaugrauen Schlieren des Marmor-Tischs; fühle mich betrunken, hinabgezogen vom Strudel meiner Gedanken, immer weiter und weiter; kubanische Musik im Kopf; nichtssagendes Dahin-Plätschern; menschlicher Smalltalk; Kälte und Abwesenheit; feistes museales Leben, das mir den Blick versperrt; Atem raubend ins Grab hinunterziehend.

Plötzliches Kreischen, lautes Lachen; Hunger der an Därmen zerrt, am offenen Käfig rüttelt; Durst, der sprudelnd Speichel produziert; klirrendes Geschirr, klappernde Teller; fühle mich wie auf Gras; Wände und Decke kommen näher, kreisen mich ein, versuchen mich zu erdrücken.

Irgendetwas ist schiefgelaufen. Eigentlich will ich gar nicht hier sein. Zum wiederholten Mal, habe ich mir vorgenommen, selber zu kochen. Anscheinend, kann ich mich nicht einmal davon überzeugen, die paar Dinge zu tun, die ich mir vornehm. An meiner zarten Seele liegt es nicht. Sie verstecke ich, wohlbehütet, vom vererbten väterlichen Wahnsinn & Zorn, verteidigt durch den Schild provokanter Redewendungen, mit denen ich versuche alles einzuspinnen, einzuweben, dass meinen Kosmos mit ödem wollen, brauchen und sollen versperrt.

Nein, selbst die, in den ersten Jahren, verzweifelt gesuchten genetischen Splitter, der weithin bekannten devoten Unterwürfigkeit meiner Mutter, fand meine geschätzte Familie nicht. Zentnerweise entzündete Kerzen zur Sonntagsmesse, armdicke Weihrauchstäbe, die mehr an Stämme, als an Äste erinnerten, selbst wochenlanges Verklappen für schwer Erziehbare, zornig zerstochene Voodoo-Puppen, nachdem man anfing die Unabwendbarkeit der traurigen Wirklichkeit, den allgemeinen Reinfall beschämt akzeptierte und die Wirklichkeit widerwillig angenommen hatte, konnten uns weder zur Räson, noch auf einen vermeintlich rechten, oder linken Pfad, noch zu irgendeiner langweiligen, unterwürfigen Vernunft bringen, die sich meine großartige Familie, besonders das Muttertier, von mir sehnlichst herbeiwünschte.

Nur der Herr Vater, der sich uns gegenüber auffällig liebevoll zurückhielt, was sonst nicht seine Art ist, freute sich wie ein kleines Kind, als mein unbekümmerter Jungen-Wille, borstig-stachelig durch jedes Pergament stach, das sie mir anzulegen versuchten. Kein Wunder, dass meien fragile Frau Mama zwei von dieser Sorte nicht ertrug. Selbst einer, schien mehr als genug, blieb eine unverdauliche Herausforderung, obwohl doch auch ihr Gen-Pudding in meinen Gebeinen schlummerte, ohne zu wissen, was die Auswirkungen hätten sein können.

Ihre liebevolle Zurückhaltung, die sie in unerkennbare Liebe verwandelte, die sie heimlich still und leise für mich hegte, versuchte über alles Mögliche zu lächeln, musste alles mit angemessener Anerkennung adeln, was der Sprössling verzapfte, mochte ich auch noch so zerstörerisch brandschatzend durch die Welt ziehen. Gerade diese übertrieben höfische Diskretion, ihr bedingungsloses, verabscheuungswürdiges Verlangen, gefallen zu wollen, wirkte wie ein Stachel in meinem Fleisch.

„Salute“, tönt es von weit her, reißen mich plötzliche Worte aus meinen Gedanken, fahren Blitze donnernd, mit fauchender Bestimmtheit hernieder, meinen Gedanken einen Maulkorb gebend, daran erinnernd, das Glas in Händen zu halten, während meine Zunge um Gnade winselt.

„Salute, guapa, salute.“

 

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