Karussel

Als Kind bin ich gerne auf den Rummel gegangen. Besonders gerne bin ich Karussell gefahren. Mein ganzes Taschengeld hab ich damit zum Fenster rausgeschmissen. Man zahlte an der Kasse und bekam so bunte Chips, die man beim Einsteigen abgeben musste. Wenn sich die Kiste anfing zu drehen, gab es für mich kein Halten mehr.

Alle Ventile gingen auf „Los, noch ne Runde. Noch mehr, na los doch!“ Ich bekam nie genug. Egal ob Kettenkarussell, oder spacige Raumschiff-Apparate, die sich wie betrunkene UFO’s in alle Richtungen drehten. Nie ging es mir schnell, oder hoch genug. Maßhalten, genug bekommen, genug haben, fand ich immer schon schwierig. Wann ist es genug? Wann ist etwas fertig?

Zum Glück ist mein Auto wieder heil. Tatsächlich waren die Zündspulen kaputt. Die Konstrukteure haben sie im Zündkerzenstecker verbaut, so sind sie ganz klein und alle zu tauschen geht tatsächlich sehr schnell. Es war nicht mal teuer, aber ich fand, dass es genug in der Werkstatt gestanden hat. Kaum kam ich damit zuhause an, erinnerte mich der braune Umschlag auf dem Tisch daran, dass es was zu erledigen gab.

Doch ich suchte keinen neuen Termin. Wie ein Junkie griff ich mit rücksichtslosen und brutalen Fingern in die Papiertüte, zog mit zittrigen Fingern das Manuskript heraus und fing an zu blättern. Gierig lese ich hier und da rein, so wie auf dem Dom, wo ich mir jedes Fahrgeschäft ansehe, bevor ich auswähle. Plötzlich, ehe ich mich versehe, sitze ich wieder in der schnelldrehenden Riesenkrake, die mich mit nem Affenzahn durch den Orbit wirbelt.

Drei Runden drehe ich im ersten Kapitel, ändere hier und da, schleife, feile, fummle ein wenig herum und lese wieder von vorne. „Ja, das ist besser.“ Langsam bete ich es runter. Noch mal und nochmal. Endlich fühlt es sich gut an. „Ja, das ist es. So lässt du es. Genau so soll es sein. Endlich fertig!“

Ich schnapp mir das zweite Kapitel. „Warte mal. Willst du jetzt alle ändern? Ich dachte du bist fertig? Mensch, lass doch mal gut sein!“, liegt mir meine innere Stimme in den Ohren, die sich leichten Herzens wegschieben lässt, weil Señor Thalamus Reichsapfel und Zepter in die Hand genommen hat.

Schon sitze ich wieder fett drin. Beim ersten fuhr ich noch über ein Jahr, ach was rede ich, achtzehn Monate dauerte es noch, bis es raus ging. Nicht auszudenken, sollte sich das wiederholen. Ich verkrafte das kein zweites Mal. Vielleicht steige ich diesmal eher aus? Vielleicht bin ich dismal eher fertig? Ich hoffe es. Natürlich ist es ein andres Fahrgeschäft, aber man kann nie wissen, oder?

Winzer haben es da einfacher. Mein Freund Jean-Marc ist so einer. Der weiß schon vorher, wann geerntet wird. Irgendwann im September oder Oktober, je nachdem, wie der Sommer und wie hoch der Zuckergehalt ist. Man pokert lange, hat er mir mal bei einer ausgiebigen Weinprobe erklärt. Er schneidet selbst bis zum Schluss noch die kleinsten Blätter weg, damit die Traube, bis zum allerletzten Tag möglichst viel Sonne kriegt. Hm, scheint so, als fahren wir alle Karussell und warten auf unseren Bauch, bis er uns irgendwann sagt, dass es genug, dass es endlich fertig ist.

 

 

 

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