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Odyssee 2019 – CW42

Herbst in Norddeutschland. Bunte Blätter hängen in Bäumen und Gedanken rum. Frühe Dunkelheit sorgt für ausreichende Melancholie. Rum im Tee für wohligen Müßiggang mit Rauch auf der Zunge. Frühstücken, dann zum Amt; muss meine alte Lady abmelden; 25 Jahre pflichtbewusstes Überleben. Ist nicht jedem gelungen. Zu schnell verheddert man sich und fällt durchs Rost. Ein paar Mahnungen sind mit der Post gekommen; scheint so, als wenn meine Abneigung gegen administrativem Bullshit größer wird. Kann sie physisch spüren. Keine Ahnung warum Menschen so hinter ihr her sind. Nachmittags schreiben, kein Mittagsstündchen. Dann Besuch von Karsten, mit Wein und Chips. Pünktlich ins Bett. Muss weniger saufen.

Dienstag – ich befürchte, ich brauche eine Lesebrille. Mache zwar ständig Übungen, um die Augen nicht durchs stumpfe Geradeaussehen einrosten zu lassen, aber es ist mühselig und ich bin schlecht in Disziplin, was grundsätzlich toll für Müßiggang, aber schlecht für Alltagsabläufe ist. Musste zum Verleger. Hat mir die Hammelbeine langgezogen, warum das dritte buch so lange dauert; richtig sauer war der. Kapiere das nicht; egal was ich mache, Menschen werden schnell stinkig, besonders Frauen. Warum nur? Komisch. Gestern zum Beispiel: Bekomme da wieder eine Hasstirade von Susanna. Wahnsinn. Ist sechs Jahre her; hab da keine Worte mehr. Abends Buch lesen ohne Brille.

Mittwoch – Besuch bei der Lektorin. Sie wollen Hörbücher rausbringen; nichts dagegen. Habe derzeit andere Themen im Kopf. Muss Horus fertig machen, damit ich mich an mein Haupt-Werk setzen kann. Mann und Frau driften immer weiter auseinander, zwei Rollenmodelle die sich auflösen; die alten Griechen haben es vorgemacht; kein Wunder, dass die ständig im Krieg waren. Bin knapp 4 Wochen aus Griechenland weg und muss sagen, dass mir Land und Leute fehlen, später dazu mehr. Nachmittags wieder zurück an den Schreibtisch, spätes Mittagessen, dazu Milch – kein Wein. Abends dann Doku im Internet; habe keine Aquarium oder Fernsehen um’s Licht auszumachen. Eine späte Zigarette, dann ins Bett.

Donnerstag – draußen regnet‘s. Heute bleibe ich im Bett liegen. Habe Bock auf nichts. Lesen, dösen, Decke anstarren. Späten Vormittag dann die Überwindung. Aufstehen und ab zum Broterwerb; Mittag mit zwei Surf-Kumpels. Mag deren Frohsinn und Aktivität. Immer ist bei denen was los. Spaziergang an der Elbe nach dem Essen. Locker quatschen und Blankenese aufs Schambein starren. Danach wieder arbeiten. Mache heute zeitig Schluss. Abendbrot bei Doku. Danach Lesen – immer noch ohne Brille.

Freitag – spätes aufstehen, gegen Elch in der Stadt. Verlag und Lektorin wollen das Manuskript vom Horus, nur um es schon mal vorab durchzuarbeiten; bin dagegen; ich will keine Kommentare, bevor es nicht fertig ist; das ist so ähnlich, wie wenn du Migräne-Tabletten für deine zukünftige Frau kaufst, die du noch nicht kennengelernt hast. Abends Dinner mit meinem Freund und Steuerberater – im Ono. Teurer Laden, mit vielen schicken Slim-Fit Hamburgern. Kohle-Futter-Balance ist noch okay. Wir haben reichlich Spaß, quatschen von früher, heute und auch morgen. Ein schöner Abend, bis die Bedienung uns um kurz nach elf vor die Tür setzen will. Denke ich höre nicht richtig. Gebe der Lady ein strammes Feedback.

„Darf ich sie duzen oder lieber…?“

„Nein,nein dozen gerne…!“, ihre Augen werden größer, sie geht einen Schritt zurück. Ich muss eine entschlossene Austrahlung haben.

„Schmeißen Sie uns jetzt etwa raus?“

„Sie sind die letzten Gäste; wir würden gerne….“

„Darf ich das als JA, deuten? Ich will Ihnen dann mal eine Kundenrückmeldung geben: Das geht überhaupt nicht, was ihr hier gerade macht; ihr wollt hohen Anspruch haben, Qualität in Luxus-Porno-Qualität, alles edel und geil und dann, weil wir die Letzten sind, uns vor die Tür setzen, im Ernst? Um 23 Uhr auf einem Freitag? Ist klar, dass wir nie wieder kommen, oder? Als Gast nimmt man die niedrige Qualität im Essen hin, wenn der Service super ist; umgekehrt nie, kapiert?“ Bin wirklich sauer, über diese Popper-Läden, die meinen mit geiler Location, cooler Deko und tätowierten Bedienungen den Laden zu Rocken – das langt nicht, Leute! Ihr könnt mit gutem Service Werbung machen, vor Allem aber müsst ihr den vorleben; habe so etwas in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt, grolle ich noch vor mich hin und fahre heim. Zuhause beende ich mein Dinner mit einem Glas Wein und einer Zigarette – Fuck-Off. Gute Nacht!

Samstag – Frühstücken, Buchpaket an meine Freunde von der Zeit schicken, damit sie bei all der Haute-Cuisine, die in ihrem Feuilleton verstoffwechseln zwischendurch auch mal einen herb-gewürzten Eintopf bekommen. Dann Deal mit kleinem Laden für meine Ware gemacht. Bücher müssen gelesen werden, oder? Abends Dinner mit Freundin in Ottensen; Restaurant in meiner alten Straße, Nernstweg.

Komme früher an und wandle durch die Gassen; viel hat sich verändert; zuviel Hochglanz, zu viel Neues und Buntes für meinen Geschmack; das ganze Viertel ist ein Freeshop geworden; Hippster-Bärte und Tätowierungen, wohin ich auch sehe; Erinnerungen kommen hoch; platte Reifen, Geschreie, Flaschen die an der Wand zerschellen; mochte gerne hier leben; irgendwann sah für mich alles gleich aus; musste dann weg; war vielleicht falsch, den Typen das Feld zu überlassen.

Mein alter Kämpfer Ede lebt noch mit Familie dort; unnachgiebig halt er die Fahne hoch; ich bewundere ihn dafür; oft wünschte ich mir, noch dort zu sein; heute nun, wegen einer Freundin – habe sie lange nicht mehr gesehen; hängt ziemlich durch die Gute; Arbeit, Leben, Liebe, der pure Stress; will ihr Leben ändern, kürzer treten, ein wenig auschecken und dann weitersehen.

Ist ne komische Welt da draußen: Diejenigen, die sich um sie kümmern, werden vergrault. Merkwürdig. Hab noch nicht kapiert warum. Kommt vielleicht noch. Gegen Mitternacht gehen wir in eine Bar, nehmen ein letztes Glas Wein mit Zigaretten – beim Zahlen kommt ein junger kerl, der die Rechnung zählt: „Tessera, pente….“, freue mich und frage ihn auf griechisch, ob er Hellene ist; er freut sich dass ich seine Sprache lerne; wir plaudern ein wenig, mitten in Hamburg; ich bekomme Heimweh, obwohl es erst vier Wochen her ist – gehe mit Kloß im Hals zum Auto und fahre Heim.

Sonntag – Kaffee, frühstück, Musik, schreiben, schreiben, schreiben – gegen Abend Kumpel-Besuch mit schnacken, lachen und vermutlich….na wollen mal sehen.