Chaos und Realität

-Seit Jahren wartest du, kannst es nicht erwarten und jetzt, wo du ihn hast, weißt du nicht wie du…im Ernst? Komm schon – ich ermahne mich, Freude und Zuversicht zu spüren, jetzt, wo er da war.

Ich nippe am Espresso, zieh an meiner Zigarette, öffne die dicke elektronische Akte, über 400 Anhänge, Bilder, Seiten und Dokumente – blättere ziellos drin herum.

– Soso, die Analysten, ja? Was ist mit diesem Kerl, dass er ein derartiges Risiko darstellt? Lass uns mal schauen, Studium, kein Militärdienst, stattdessen Promotion und politische Protektion – hast früh oben angefangen, nicht wahr?

Ich ziehe an meiner Zigarette, sie knistert wie ein Osterfeuer – langsam und gründlich. Börsengänge, Hauptaktionär – oh, was haben wir denn hier? Hast zwei Konkurrenten verschwinden lassen? Wow, keine Skrupel, oder? Aber das ist‘s nicht – von deiner Sorte gibt es mehr als genug auf diesem Planeten – was macht dich zum Auserwählten?

Wenn‘s nach mir ginge, sollten alle Egoisten eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkten tragen – die Farben drücken das Gefahrpotenzial aus – wäre total einfach – mit einer Skala dazu, ähnlich wie bei Skipisten, Stürmen und so weiter. Schwarz ist die Größte anzunehmende Gefahr, der GaG – bis weiß – hat sein Ego gut balanciert. Hätte Vorteile. Ziehe wieder an meiner Zigarette – mein Café ist alle – gieße mir einen weiteren aus der Thermoskanne ein – ziehe noch mal, diesmal tiefer – drehe mich in meinen Bürosessel, sehe raus – ein Vogel fliegt am Fenster vorbei – eine Amsel – sie schlägt zufrieden mit ihren kleinen struppigen Flügeln, als wäre sie ein großer starker Adler, der die Welt bewacht, als hätte sie Verantwortung, oder schwere Taschen zu tragen.

Sie dreht ihren kleinen Kopf, singt etwas was ich nicht verstehe, was wie tschie-hiep, tschie-hiep klingt. Flapp-Flapp, jeder Schlag der kleinen Flügel hebt sie höher und höher, als ob sie von Ast zu Ast, auf einem unsichtbaren Baum hochhüpft, ihn höher und höher erklimmt, immer weiter an meinem Fenster hochklettert. Sonnenstrahlen tröpfeln vom Dach herab, gleich Teer, der wie bunt schimmerndes Altöl zäh herunterläuft – langsam fährt meine Hand ans Kinn, wandert weiter, knetet meine Nase, immer weiter hoch hinauf, knautscht meine Stirn, streicht durchs Haar – kratzt mich am Nacken – ich spüre wie Nägel feine Hautschuppen abschaben – wandere weiter, immer weiter, kurz hinter die Ohren und führe sie zurück zur Nase, als hätten sie Geschichte, Leben – mit Fragmenten meines altmodischen Dufts.

-Eduardo war wirklich beunruhigt.

Ich sehe nach rechts an die Wand, habe dort ein Bild aufgehängt – ich mag seine Formen und Farben – viel rot, orange, weiß und gelb – es scheint zu leuchten, mit einem Vogelkopf und ein paar sich gegenseitig umschlingende Formen – dunkler Rand mit dunklem Rahmen – irgendwo eine Art Fischgräte, darüber eine kleine Sonne, dunkelrot – ich sehe es an, verharre und schaue – denke an die Akte des reißenden Wehrwolfs, an Eduardo, der besorgt schien, als ich ging – was machte so einen Kerl zu einem solchen Risiko? Ich blättere weiter durch die Akte, noch erkenne ich nicht die Zusammenhänge, begreife nicht das Muster, das Gefahrenpotenzial, das von ihm ausgeht – plötzlich springt das Bild vom Nagel – ich fahre zusammen, keine Ahnung warum.

„Ich bin ein kleiner Vorgeschmack auf Buch Nummer drei – ich kann hier nicht mehr alles zeigen, weil sonst niemand mehr mein Buch kauft – denn genau das tun Autor und Verleger – sie verkaufen Bücher – wenn das gelingt, kann ich meine Miete zahlen, Essen kaufen und Wein trinken – und ich denke, du willst das auch – daher weiß ich, dass du mich verstehst – natürlich kannst du das Buch bequem hier kaufen, so wie das Erste und in wenigen Wochen mein Zweites – ich freue mich auf euch – bis bald und adios, Don“

 

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