Krokodilperlen

Bumm-Bumm. Bumm-Bumm. Bumm-Bumm.

Es schlug immer noch. Tief im Untergrund. Wie verspätet eintreffende Jahreszeiten kehrten meine Sinne reuig zuhause ein. Tückischer Nebel umgab mich. Er roch sehr komisch, beißend und heiß, irgendwie verkohlt. Das war doch Qualm, oder nicht? Es stank erbärmlich, grad so, wie wenn man Haut und Haar verbrannte. Langsam spürte ich das Brennen auf meinen Knochen. Garstig stinkend, biss sich der Rauch schraubend tief in meinen Kopf. Meine eigenen Gebeine waren es, die mehlig teigig vor sich hin rauchten und die Welt vollqualmten.

Langsam, im Takt der Kaktusblüten, öffnete ich die Augen, immer noch an einen aus grauer Vorzeit stammenden Olivenbaum gelehnt, zusammengekauert an seinem versteinerten Stamm, wie ein lebendiger Ötzi, wie eine wiederauferstandene verklebte Mumie deren eingeschlafene Säfte sich ans Zirkulieren erinnerten, als hätten Jahrzehnte, Jahrhunderte mit ihnen um die Wette gewartet, als wären Sturm, Feuer und Zerstörung für ewig eingekehrt und nicht gerade abgezogen, bereit ein neues Fleckchen Erde zu verwüsten.

Vorsichtig, unsicher und blind wie ein Neugeborenes sah ich mich um, Farben und Formen nur schwer und langsam wiedererkennend; wehmütig, gleich altem und schmutzigem Fett, das den Abfluss herunterrinnt, zogen die zornigen Stürme und Gewitterwolken ab, die ihre grässliche Fracht über unsere Welt ausgegossen hatten, wie einen Topf mit stinkendem Sud, gleich klebrigem Pech, wie ätzend-beißender Schwefel aus dem tiefsten aller Höllenschlünde, die unsere Gebeine erzittern ließen, als würden die letzten Seelen aus unserem bebenden Fleisch gerissen, um das Paradies für alle Zeiten in ein totes Moor zu verwandeln.

Letzter Schatten wehrte sich hyänengleich eingefangen zu werden, genoss er doch den verschwenderischen Auslauf, den er nur im Freien hatte, dort wo es Wenige von ihm gab, um sich selber groß zu fühlen, bis die Grenzenlosigkeit des Lichts ihm Angst machte und er sich widerwillig unter den nächsten Stein verkriechen musste, bis eine neue Zeit wiederkommen würde, die dunkle Zeit der wiederkehrenden Verdammnis, die wir von Zeit zu Zeit immer und immer wieder aufs Neue anriefen.

Strahlende Sonne strömte herab, fraß dem Schatten die letzten Fetzen von den Knochen, schob ihn zurück in das dunkle Loch aus dem er kam, um von Neuem die Herrschaft des Lichts auszurufen, die Stein, Samen, Erde und das Fleisch zum Leben erwachen ließen, wie eine Armee glücklicher Thore, die im Dunkeln ausharrten, sehnsüchtig auf die gleißende Wärme warteten, deren Seelen glücklich aufseufzten, als würden sie damit alles Leid der Welt vertilgen, für immer und alle Zeiten.

Knackend erhoben sich meine Knochen. Ich streckte mich, klopfte verbrannte Haare, krustig geröstete Haut, sowie verklebte Asche von meinen Knochen. Nackt wie ich war ging ich ein paar Schritte, merkte meine wackelige Unsicherheit, das Glück des Überlebens noch nicht begreifend. Hilfsbereite Felsen luden mich fröhlich ein auf ihnen Platz zu nehmen, bis mein verbrannter Leib merkte das er am Leben war. Hilfsbereit bohrten sie ihre wärmer werdenden kleinen Schulterknochen in mein übriggebliebenes Oberschenkelfleisch, rieben sich mit meinem Steiß um die Wette, als würden sie mit meinen Säften Blutsbrüderschaft trinken.

Steilspitz ragten die ersten paar mutigen Grashalme empor, ließen stolz und glücklich das Wasser des abgezogenen Unwetters an ihren schlanken grünen Leibchen herunterlaufen, sogen , tranken daran, gurgelten mit anderen Halmen um die Wette ein flötendes Lied auf den Lippen, drückten das köstliche Nass gierig in ihre filigranen Äderchen, bis hinunter in die erdige Heimat ihrer Wurzeln, atmeten die süßlich-frische Luft, geschwängert von kühlem Nass, spürten die heranstürmenden Sonnenstrahlen, als wäre es das erste Mal.

Links von mir stand eine Bäumin. Sie wog ihr Haupt in der leichten Brise, die der Sturm ihr gelassen hatte, mit der sie ihr Haar liebevoll kämmte, jedes Blatt, jede Knospe, die wie kleine ungeduldige Jungfrauenbrüste vor sich hintrieben, sich stolz über den schlanken Körper streichend, alles und noch mehr lüstern herzeigend, als würde sie ihren Leib an das Licht verschwenden wollen. Sonnenstrahlen machten sich sofort daran sie zu wärmen, ihre Haut mit kleinen lüsternen Stecknadeln zu verwöhnen, was sie beben und wie lüsternes Espenlaub vibrieren und summen ließ, als wäre sie eine kleine Erdenflöte, die ins Konzert der großen Weltenorgel einzustimmen versuchte.

Letzte Rinnsale wurden vom alles verzehrenden Licht in die dunkelsten Ritzen der trockenen Erde gejagt; ihr übriggebliebener süßer Schweiß wurde vom erwachenden Weg ausgedünstet, ließ Insekten und Kriechtiere in der Schwüle der zwergischen Subtropen um die Wette schwitzen. Hysterisch-fröhlich geschmetterte Lieder der Vögel, die trunken vor Lebensfreude zum Träumen einluden, zogen hinfort das Leichentuch der Stille. Brummende Hummeln legten einen beruhigenden Bassteppich, der zart sich legte auf die Ohren der Hörenden. Zirpende Grillen, sägten einen hölzernen Takt, wie kleine, in Watte gepackte, ratternde Kastagnetten. Verträumt geschlagene Schmetterlingsflügel, die Wurzeln unserer Seelen packende Macht, ließen letzte Steine weich werden.

Kahle, ängstlich zusammengerückte Kiefern drängten sich an schroffen Hügeln, taten es mir gleich, schauten der alles übergießenden Sonne unverhohlen fordernd in den pochendwarmen Schoß, die hell, immer heller schien, mir gütig zuzwinkerte, als wüsste sie alles von mir, schon immer und zu aller Zeiten Anfang.

Glücklich leuchtend weiß strahlte mich die tapfer am Wegesrand stehengebliebene Lilie an, die zart, wie ich überlebt hatte, obwohl ich lichterloh gebrannt, wie eine Fahne im Wind mit den Beinen gewedelt hatte und haltlos umhergekegelt war, bis ich an meinem Baum geklammert auf die große Stille wartete.

Schüchtern schlichen erste Wellen heran, warfen sich nach langem Zögern ins Zeug und an die Küste, um das all geliebte Konzert des Meeresrauschen neu zum Leben zu erwecken. Zwei Katzen fanden neuen Mut sich zu streiten; Kaninchen rannten erfreut herum, verzierten mit ihren dunkelgrünen Kaffeebohnen die Natur, als wären es kleine Ziersteinchen, die bei Geburt gütig glänzten und nach und nach matt und matter wurden, gleich dem Leben, beim Verlassen der Wärme. Ewiges Kommen und Gehen.

Möwen krächzten heiser herum, gespickt vom Krakeelen der Krähen, deren kehliges Gegurgel sich an den leisen Bassteppich der Hummeln schmiegte, eingerahmt vom Stöhnen und Röcheln der Esel, dem Zirpen der Grillen, die gleich einer Hundertschaft von Perkussionisten den singenden Vögeln den Teppich ausrollten und die Welt mit süßer Schönheit verzierten, die mit all den Blumen, Bäumen Tieren und Steinen, wie ein Garten Eden, wie ein perfektes Konzert, die Welt mit königlicher Schöpfung erfüllten, dass mir nichts anderes übrig blieb, als wie ein kleines Kind schwer zu schlucken, mein schweigend-gerührtes, leicht ergrautes Haupt zu schüttelten, bis kleine Glasperlen, den umgepflügten Vorgarten meiner faltigen Augen benetzten.

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