Lazarus

Ölig-zäh wie trauriger Harz liefst du mir den Rücken herunter; zogst mir Haut in feinen Streifen ab, liefst erst hinauf, dann niederträchtig meinen gebeugten Rücken hinunter, der langsam, ganz langsam ganz krumm geworden vom weg-schauen, als hättest du alle Weltenzeit;

dein schmieriger Glanz, der durchdringen will jede Ritze, jede Kammer, verspeisen jede Pore; dein Hunger, gewaltig wie die Unendlichkeit der Nacht, die uns überzieht des Abends, schwer, erdrückend, alles Lebendige aus uns herausquetschend, bis wir leer und matt vorm Trog der Schöpfung liegen.

Giftige Anmaßung, ja die deinige, die mich betäubt, meine Gebeine lähmt, will zersetzen mein Fleisch, meinen Geist, will verspeisen meine Seele, weil nicht kaufen du sie kannst;

kalt dein Strahlen, verlockend weit es scheint, weil gebaut du hast dich selbst, höher, immer höher, das weit wir sehen dein Licht, das verschlingen will alles, wahrlich alles;

verlockend du verdrehst unseren Kopf, rufst am Anfang leise, näher wir dir gekommen, immer lauter, bis wir kaum noch hören, das Rauschen des Wassers, die singenden Vögel, den brausenden Wind, der Bäume schüttelnd die Welt regiert;

Alles du ziehst in deinen Bann; alle blind dir folgen, sie gerufen du hast in all den Jahren, die glücklich sich fühlen in deiner Versklavung; blind wie du, am Ende sich selbst verschlingende, wenn gefressen wurde alles mit Haut und Haaren, jeder Stein, jeder Baum, wenn gefällt du hast alles, weil deine Gier nach dir uns blind macht Herz und Seele;

wenn wir verlassen unser Selbst, alles, bis wir sitzen alleine auf goldenem Gestühl, das uns zu hoffen glaubt, angekommen am Ziel, was niemals wir gesucht, erkennend, wir dich gewähren ließen, den Unhold, der zertrampelte unsere zarten Pflanzen im Garten unseres kleinen Lebens;

gebleckte Zähne wir zeigen, wenn wir sitzen auf dir; argwöhnisch hockend, wie ein verschlagendes Tier, wie ein Monster aus der Unterwelt, das verspeisen will alles Lebendige, das nicht merkt, das befallen es ist vom schaurigsten Leiden;

wenn gewandelt sich hat unser Selbst, wenn beschützen wir wollen, was uns nie gehörte, erschwindelt, erlogen, zusammengegaunert auf dem Rücken der Leidenden, die gearbeitet im Schweiße ihres Angesichts, bis gezahlt wir sie haben, schäbig und billig, wie wir nun mal sind;

wenn wir glauben Gnade walten zu lassen, als wären wir selbst das Licht; wenn wir erkennen, doch meist zu spät, dass abkehren wir uns müssen, von dir, das alles Überstrahlende, weil sehen wir nur können im Schatten, verstehen das Vergangene, wenn erkennen wir uns selber, dass wir den warmen Glanz, du nur den Kalten in dir trägst;

wenn gemacht du hast alles aus Gold, Silber und Platin; wenn Seide, Feingewebtes uns umspannt, uns glauben lässt, das schöne Kleider, goldene Paläste, uns zu Leuten, Bürgern, gar Menschen werden lassen, merkt auch der Letzte, das verkauft wir haben unser Leben;

verstanden die Armen haben die Gesetze der Menschlichkeit; wenn unsere Körper sich regen, wenn aufmachen wir uns müssen, um auszuwechseln unser Selbst, wenn wir suchen den Einen, den alle brauchen, wenn wir sind gleich, still, ruhig und bei uns, alleine, ohne Maske, wenn unser Körper spricht und wir lauschen, was uns sonst nur vergönnt am Anfang vom Jetzt und Wiedergeburt, dann wir für kurze Zeit ihn in uns tragen den Schlüssel zum Allverständnis, bis wir unbemerkt von unserem Selbst bemerken, das weggehängt wir ihn haben;

werde weiter dich meiden, mehr als je zuvor; Acht geben, das draußen du bleibst, sei ich auch der letzte Idealist, bevor du klopfst an meiner Tür mit glitzerndem Geschenk, das entpuppen sich wird, als Rettungsring aus purem Gold, der schnell mich sinken lässt, in deinen kalten Schoß, dessen Wellen über mir zusammenschlagen, klatschende Hände, von geifernden Jüngern blind geschwungen;

derweilen wir warten auf Unsrigen, warten auf deinen Untergang, wenn zerstört du hast dich selbst zum ungezählten Male, wenn jeder sich umsieht, überrascht davon, dass wieder mitgerissen du hast alle, die an deinen Röcken hingen, wenn ihr gemeinsam mit wehenden Fahnen vom Erdboden verschwindet, verschlungen von den Gezeiten des Daseins, bis nichts mehr von euch übriggeblieben, nichts als eine dumpfe Erinnerung, gleich einem Schmerz der nie war;

geblendete Augen die nicht sehen, nicht erkennen wollen die alten Mechanismen; einfallslos wie du bist, du, der nichts neben sich ertragen kann, der sich selbst als einzigartig umschreibt, sich selbst mit sich erklärt, weil hohl dein Haus, leer von Liebe, frei von Glück, dafür voll von Zwietracht, Gier und Neid, deine alles verschlingenden Leibesfrüchte, die so gerne wären wie du;

Wenn wir traurig lächeln, wenn all unsere Brüder und Schwestern an uns vorbeihetzen, um zu dir zu gelangen, alles aufs Spiel setzen, alles hinter sich lassend, als wäre das Verderben eine Urlaubsinsel, und alles ohne dich ein großes Nichts, nicht erkennend, dass es umgedreht ist, weil gestellt du uns hast vor unserem Ebenbild, vor unser Selbst, die wir nicht ertragen können die Wahrheit, weswegen die Antwort auf alles wir suchen in dir;

wie immer ist alles ganz anders, erkennen wir tun dies im Antlitz von Gedeih und Verderb, nur dann wir geloben Änderung, dann wir wollen von dir abschwören, ganz bestimmt, versprochen, wirklich für alle Zeiten, bitte so glaubt uns doch, wenn wir wieder mal Glück gehabt, davon gekommen und nach wenigen Wochen von Neuem gefangen im alten Trott, wieder deinen goldenen Thron jagend, als wäre unser Leid zuvor nur ein böser Traum;

dann wir werden warten auf den Moment, wenn wieder die große Verwirrung kommt, dein Zusammenbruch, den wir dir wahrlich nicht gewünscht, wissen wir doch, das wir es selber sind, die dich füttern, zu der dicken Hure haben gemacht, die mehr und mehr braucht, die wächst und schwitzt bis sie platzt;

wir werden dich überleben, wie alle vor dir, wir werden deine Reste und Überbleibsel zusammenfegen, wenn gegangen du bist, werden andächtig schweigen, doch nicht ernst, da der größte Witz und Unfug du bist selbst, den es je im Kosmos gab;

ein Irrtum, eine Laune der menschlichen Unnatur, die sarkastischste Form von Langeweile und jeder Arme erkennt, dass er reicher ist, als die Reichsten je waren;

gehab dich wohl, wir müssen jetzt gehen, nein, wir werden nicht länger bleiben; deine Lieder sind öde und trist, deine Klänge schrill, deine Umarmung kalt; nichts ist dir heilig, uns dafür viel; alles du tust nur für dich, wir stattdessen für die anderen; dich interessiert metallischer Glanz, uns Weisheit und Transzendenz; du verehrst und bezahlst Kriege, antwortest mit Vergeltung, wir wenden uns ab, gehen, ohne Zorn.

Ja, anders dein Weg wohl ist, doch verschieden nur die Richtung:

Du gingst fort, hast dich verloren, dem Glanze folgend;

wir kehrten um, unser Selbst zu finden.

 

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