Die Berni Miller situation

Manchmal wird Großes durch Kleines ausgelöst. Oft wissen die Beteiligten nicht mal, dass sie der unbekannte Auslöser sind. Wenn sie Morgens im Bad vorm Spiegel stehen, wenn ihr ganzes Elend über sie kommt, wenn sie ganz genau wissen, dass sie nicht die Ballkönigin im Bett liegen haben und dass ihr ganzes verfluchtes Leben nichts weiter ist, als eine unzählige Verkettung von Katastrophen, dann spüren sie was Leben ist.

Bernd war immer zur falschen Zeit am falschen Ort; er trat immer in die Hundescheiße, um die die anderen rumgegangen waren; er trank zu viel und hatte Pech mit den Frauen. Doch das war nicht immer so. Es begann vor langer Zeit, so wie alle guten Geschichten, die sich deswegen so lange hielten, weil sie eben gut waren.

Damals, ich glaube es war im Jahr 2015, gab es eine große Wende. Überall auf der Welt wurden kleine lokale Kriege vom Zaun gebrochen. Oft langten banale Gründe: Du bist nicht wie ich; du sprichst eine andere Sprache, verehrst andere Götter, Götzen und Dämonen…..die Gründe waren immer die Gleichen. Dann wurde die kritische Masse erreicht:

Es kamen radikale Splittergruppen dazu; Glaubenskriege wurden vom Zaun gebrochen; Bomben wurden gezündet, wie Preisangebote in Supermärkten. Zu der Zeit war Bernd Teil eines Sondereinsatzkommando. Vielleicht war es auch ein mobiles Einsatzkommando; ich weiß es nicht mehr genau. Bernd kam aus Hamburg und war als harter Hund bekannt. Er war hart, aber fair. Fleißig, pflichtbewusst und gründlich. Immer. So war Bernd.

Damals strömten tausende politische Flüchtlinge nach Europa. Besonders nach Deutschland. Rechtsradikale und Gutmenschen warteten schon auf sie; mit offenen Armen und mit entsicherten Waffen. Erst wurden Care-Pakete verschenkt. Gutsituierte hielten sich ihren eigenen Syrer, so wie eine Art Diener. Kurze Zeit später, es wurde überraschend Herbst und Winter, brannte die erste Asylantenunterkunft. Deutschland hatte von jeher einen Ruf, eine Tradition zu verlieren. Das Verfolgen von Randgruppen und Minderheiten, stellte schon immer ein hohes kulturelles Gut dar.

Plötzlich brannten zwei. Bald drei. Immer mehr gingen in Flammen auf. Man wunderte sich, weshalb es keine Verletzten gab. Schnell hatte man verschiedene Einsatzkommandos unter Verdacht: Kamera-Teams schlichen um die Brennpunkte herum, wie Schmeißfliegen um das dürftige Licht eines Schweinestalls; man sah allen auf die Finger.

Eines späten Abends, Bernd hatte Spätdienst, war schon sehr müde, hatte am Abend zuvor mal wieder Streit mit Freundin Angela, da wurde er von einem Schwarzen provoziert, der Zigarette rauchend auf einem Zaun saß und ihn breit lächelnd angrinste:

„Hey Bulle, wie läuft‘s denn so? Alles cool? Pass schön auf, nicht das uns noch was passiert.“

Bernd ließ sich nichts anmerken, ging wortlos an ihm vorbei.

„Bulle, ich rede mit dir, oder hast du keine Eier in der Hose? Hast du Angst vor so einem kleinen Nigger wie mir? Hast du etwa Angst?“

Nun, es ist ja manchmal im Leben so wie es eben ist: Manchmal passiert, was passieren kann. Bernd konnte sich später nicht mehr genau daran erinnern, ob es seine Müdigkeit war, die Kredite bei der Bank für das bescheuerte Scheißauto, oder die Hypotheken für die Wohnung; oder der letzte gemeinsame Urlaub auf Mallorca, bei dem er und Angela sich die meiste Zeit gestritten hatten; oder ob es die laue Sommerluft war, sein Durst, seine Kopfschmerzen oder seine dicken Eier, weil Angela ihn seit dem letzten Streit immer noch nicht rangelassen hatte.

Fakt war, und das erinnerte Bernd noch ganz genau und das gab er später präzise, fast ein wenig stolz zu Protokoll, dass er einfach stehenblieb, wider besserem Willen umdrehte, schnurstracks auf den Nigger zuging, ihm wortlos eine dumpf knallende Kopfnuss verpasste, was ihm an diesem besagten Abend leider nicht langte, sondern den zu Boden gehenden Kopf des Niggers packte und ihm mit dem rechten Knie einen solch üblen Pferdekuss gab, das das knirschend zu Bruch gehende Nasenbein an einen knackenden morschen Ast erinnerte und nicht an die ehemals recht gesunde Nase von Makele Putombo aus Ghana.

Tausend Mal konnte man seinen Job gut machen; Millionenmal konnte man zuverlässig gewesen sein:

Wenn dein einziger Ausrutscher im Leben ins Fernsehen kommt, weil ein junger und gieriger, nach einer geilen Story lechzender Journalist, die Story seines Lebens wittert, weil er kurzes Säbelrasseln in seiner Nähe gehört hatte, sich eine Kamera geschnappt und unauffällig rüber geschlichen kam, dann weißt du, warum man dein Leben per Mausklick in die Kloake spülen kann.

Schnell nahmen Kollegen Abstand; schnell war sein Name stadtbekannt. Jeder kannte das Gesicht; Steine flogen durch die Fenster; Reifen wurden zerstochen; er begann zu trinken. Doch es war nicht die Sache an sich; nein, überhaupt nicht. Du meine Güte, solche Scharmützel passierten doch ständig; es gab was in die Fresse und dann entschuldigte man sich und ging nach Hause. So war es, wenn es Nasenbluten gab.

Wirklich niemand hätte die Szene ins Fernsehen gebracht; ganz bestimmt niemand, nicht mal die privaten Kanäle hätten an seiner kleinen Rangelei Interesse gehabt, wenn der Knie-Stoß nicht so gründlich gewesen wäre und das Nasenbein vom guten Makele nicht mit solch einer Wucht ins Gehirn getrieben worden wäre, das es mehr als 6 Zentimeter tief in den Kortex geschossen wurde und in wenigen Bruchteilen einer Sekunde alle lebensnotwenigen Kabel durchknipste, die Makele lächeln, essen, trinken, rauchen, ficken und scheißen ließen.

Sofortige Suspendierung. Untersuchungsausschuss. Psychologische Untersuchungen, mit dem von den Medien sehnlichst erwarteten vorrausehbaren Ergebnis, nun zum Glück amtlich beglaubigt, für den Polizeidienst ab sofort unbrauchbar zu sein und aus dem Verkehr gezogen zu werden: Endstation. Feierabend.

Ein paar Jahre später, an einem ganz normalen Tag:

„Jetzt hau ich dir was in die Fresse, du verdammte Schlampe! “

Bernd nahm einen tiefen Schluck vom Scotch, so einen bei dem man seine Zunge ganz flach auf den Boden legt und die Wangen wie Ballons aufblähte, bevor man schluckte. Er sprang auf und rannte hinter seiner Freundin her. Doch Wut, Verzweiflung und Alkohol sind eine verflixte Mischung. Seine Finger berührten schon den zarten Stoff ihrer nachlässig gebügelten, billigen Seidenbluse, da stolperte er ungeschickt über seine Füße und machte eine schwere Bauchlandung. Sein Körper knarzte und knackte dabei, wie ein alter Dachstuhl.

„So eine verfluchte Scheiße; diese gottverdammten Weiber! “,

schrie Bernd mit irrem Blick; seine Augen waren Blut unterlaufen. Angela bremste aus vollem Lauf, drehte sich um und sah dass ihr Kerl auf der Schnauze lag. Breit grinsend lachte sie schrill, was mehr wie ein halbhysterisches Kreischen klang.

„Nur Saufen und Schreien; hast du dir die Fresse zerschlagen? Kannst du nicht mal mehr laufen? Aber aufs Scheißhaus gehen kannst du alleine, oder?“

Sie konnte schlimm sein. Richtig derbe, dreckig und billig. Manchmal fand Bernd das toll. Aber auch nicht selten zum Kotzen. Blutrünstige Zornesröte schoss in seinen Kopf und ließ ihn leuchten wie ein Flutlichtstrahler im Fußball-Stadion. Er versuchte nach ihren Beinen zu schnappen, was nicht ganz klappte, weil seine Hände mittlerweile schnell wie eingerostete Blechscheren waren. Sie schnappten ins Leere.

Ganz anders Angela. Sie war desillusioniert, gealtert und sauer, dass sie ihre Zeit mit diesem Versager verschwendete. Mit voller Wucht donnerte sie ihm den Schuh auf die Hand, als wenn sie eine leere Blechdose für den Müll zusammentreten wollte. Bellend schrie er auf, wurde rasend vor Wut.

Schnelle hastige Schritte trugen sie zur Wohnungstür. Eine hart geworfene Rotweinflasche, zerplatzte neben ihr an der Wand und ließ sie zusammenfahren. Gerade wirbelte sie herum und sah, wie der Werfer die Treppe herunterrennen wollte.

„Scheiße, wieso kommt der so schnell auf die Beine?“,

kreischte sie. Bernd war geladen wie eine Drehbasse kurz vorm Entern einer Piratenkogge:

„Diesmal leg ich die verfluchte Schlampe um!“

Bittere Galle kam ihm hoch: Seine Botten waren bei der Verfolgung hilfreich wie Holzbeine. Plötzlich stolperte er ein zweites Mal und segelte die Treppe runter, wie die havarierte Preußen vor dem Hafen von Dover und zerschellte mit lautem Ächzen & Stöhnen krachend am Boden, wie das stolze 5-Mast Vollschiff an den Klippen im Ärmelkanal. Es war Montag.

„Das ich auch nicht den Mumm habe erst die Alte und dann mich umzulegen, das kotzt mich an!“,

wimmerte er, wobei er sich nicht ganz klar war was ihn mehr nervte: Seine Feigheit oder sein trauriges Dasein.

Bernd war 52 kinderlose Totensonntage alt. Wenn er genug getrunken hatte, fühlte er sich 13 Minuten wie zur Konfirmation.

Nachdem ihn die Polizei rausgeschmissen hatte, wurde er typischer Privatdetektiv der 2. oder 3. Garnitur: Er soff, war depressiv und hielt sich gerade so über Wasser. Er war nicht schlecht. Ein paar komplexe Fälle konnte er lösen. Sie brachten ihm zwar nicht den großen Erfolg, aber immerhin so viel Geld, das er genug zu Essen und Trinken und ein Dach überm Kopf hatte.

Angela, war weder Model, Musikerin, noch Klassenbeste auf dem Goethe-Gymnasium: Sie war ehemalige Nutte. Anfänglich vögelten sie nur hin und wieder. So wie es sich halt ergab. Irgendwann hatten sie so etwas wie eine Beziehung. Angela arbeitete in einer Spielhalle hinterm Tresen. Sie liebte Bernd. Doch das sagte sie ihm nie.

Angelas Karriere war klassisch und beeindruckend. Mit 17 in die Lehre, mit 20 auf den Strich und mit 35 überm Zenit, obwohl sie immer noch einen geilen Arsch hatte. Irgendwann kam Bernd als Freier zu ihr, nachdem er nach 4 traurigen Jahren ohne Sex dachte, sein Leben wär zu Ende. Irgendwann kam er wieder und sie verlangte kein Geld mehr, weil ihr als Nutte passiert war, was das Ende ihrer Karriere bedeutete: Sie hatte sich in einen Freier verknallt.

Ihre Wohnungen waren nur ein paar Atemzüge auseinander. Bernd war der Meinung, dass ihn Weiber irgendwann ins Grab bringen würden. Deswegen wollte er sicherheitshalber auch keine bei sich wohnen haben.

„So ein Miststück; ich glaub es einfach nicht; die schafft mich!“

lamentierte er und stand langsam wieder auf. Angela war weg, der Schmerz da, die Melancholie kam zurück und seine Wut flaute weiter ab. Sein umnebelter Geist sah wieder den Wahnsinn des Alltags.

„Dann wollen wir mal die Maschine in Gang bringen.“,

rief er sich zur Ordnung und brühte einen starken Kaffee. Ein Mann konnte untergehen, wenn er sich nicht hin und wieder selber aus dem Dreck zog. Angenehm verbreitete sich der behagliche Kaffeeduft in der Wohnung und glättete letzte kraftlose Wogen. Er zog sich ein Hemd an und ging runter auf die Straße. Ein kleiner Spaziergang sollte Tag und Körper in Schwung bringen. Vertraute Schlupflöcher der Zivilisation wurden aufgesucht. Es gab Kneipen in denen man rund um die Uhr sitzen konnte, wenn man vorm Hamsterrad fliehen wollte. Eigentlich trank Bernd lieber zuhause und ließ das Leben wie eine alte Bimmel-Bahn vorüberziehen.

Heute aber war ihm nach Abwechslung. Er ging in die nächste Kneipe und bestellte ein Gedeck. Kalter Rauch hing schwer in Luft und Vorhängen. Die Bardame quälte sich ein halbnüchternes Lächeln ab und hoffte auf Erlösung wie alle. Heute war Bernd alleine; keiner hatte Erbarmen mit ihm; irgendwann sah er es ein. Das Lächeln der Bedienung und die übervollen Aschenbecher vom Vortag geleiteten ihn nach dem 3. Gedeck nach draußen in das gleißende Sonnenlicht.

Immer noch Montag.

Eine Zeitung, zwei Mettbrötchen, sowie eine Flasche Scotch und mehrere Flaschen Wein machten den Vormittag gemütlich. Ein Paket Tabak rundete den Morgen ab und gab der Mittagsstunde die Hand. Er ließ sich mit schwerem Seufzer auf sein Sofa nieder, faltete die Hände ernst, fast selig und schloss sachte die Augen zum Dösen, als es an der Tür klingelte; Bernd raffte sich auf und ging leicht schleppend zur Tür, sah vorsichtig durch den Spion, sah niemanden und wollte gerade vorsichtig die Tür öffnen, als sie mit großer Wucht aufgestoßen wurde, ihn am Kopf traf und er schwer getroffen zu Boden ging. Nach den Sternen kam die Dunkelheit. Dann verlor er das Bewusstsein.

 

 

 

 

 

 

 

 

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