Paradies

Ich habe letzte Nacht gut geschlafen. Als ich am Morgen aber wach wurde sprang mir dies eine Wort ins Gesicht. Sperrig stand es in meinem Kopf rum, blockierte den ganzen Palast. Ich musste es irgendwie raus bekommen. Ich fing einfach an zu tippen. Aber irgendwas blockierte mich immer noch. Keine Ahnung was das war. Ich ging eine Runde spazieren. Und oh Wunder, wenn ich mich bewege, kommt Leben in mein Leben. Gerade setzte ich mich hin, da fing es auch schon an zu laufen.

Ich habe viel darüber gelesen. Man kann jeden fragen. Keiner wird etwas anderes sagen, egal ob Kosmopolit, Indianer, Wikinger, Römer oder Sumerer: Alle suchen danach, den brennenden Wunsch wie einen leuchtenden Schild hochhaltend, dass sie es eines Tages finden würden. Das ganze Leben drehte sich eigentlich nur um diese eine Hoffnung: Dass es irgendwann irgendwo besser sein wird. Und schöner. Es ist die Suche, das Versprechen, irgendwann an einen Ort zu gelangen, der oft Garten Eden genannt wird. Manchmal auch Himmel. Es gibt ziemlich viele Namen und Begriffe für das Paradies. Gemein aber gilt, dass dort Friede herrscht und dass es dort ein angenehmes Klima gibt. Nicht zu kalt und nicht zu warm. Das klingt irgendwie nach 25 bis 30 Grad Celsius, meine Ideal-Wohlfühltemperatur. Das Paradies ist der Ort, wo sie alle hinwollen. Egal, ob nach einem arbeitsreichen, mühseligen Leben voller Entsagung, oder nach einem Leben mit Völlerei und Luxus, wo Leid und Not den größtmöglichen Abstand zum Selbigen hatten: Alle wollen es. Alle suchen und warten darauf.

Ich war schon mal da. Vier Wochen lang. Und ich war wirklich sehr überrascht. Aber nicht so, wie ich es anfangs vermutet hatte. Das Paradies ist wirklich so, wie ich es mir dachte. Nur noch schöner. Das Paradies ist genauso, wie es in unserer Vorstellung bewahrt wird. Nur noch besser. Es herrscht tatsächlich Frieden. Das alleine ist schon schwer vorstellbar, mit all den Menschen dort. Aber damit  nicht genug: Das Klima ist wirklich fantastisch. Es ist perfekt. Die Sonne scheint, ein laues Lüftchen geht und irgendwie wachsen die Pflanzen wunderbar, obwohl ich sie in den vier Wochen nicht gegossen habe. Geregnet hatte es aber auch nicht. Das geht ja nicht. Regen ist im Paradies nicht vorgesehen. Die Natur wächst trotzdem. Und die Vegetation ist wirklich ein Traum. Alles im Paradies ist schön und harmonisch, absolut perfekt. Die Tiere und Menschen leben in Harmonie und lassen einander in Frieden. Industrielle Schlachtanlagen stehen nicht im Paradies herum, obwohl da viel gegessen wird. Wie die das geregelt haben weiß ich noch nicht. Vielleicht finde ich es noch heraus. Arbeiten generell muss man nicht. Kann man aber, wenn man möchte. Im Paradies denkt man allerdings nicht so oft ans arbeiten. Ich war so mitgenommen, von all der Schönheit und Perfektion, das meine Stimme rau vor Rührung wurde.  

Irgendwann fiel mir auf, dass bei all den Beschreibungen vom Paradies hauptsächlich die natürlichen Dinge im Vordergrund stehen. Also Pflanzen, Tiere, Menschen und Sonne, Wasser und Luft. Tolles Klima und ständig gab es köstliche Speisen, mit ebensolch köstlichen Weinen. Alle Menschen waren hilfsbereit, freundlich und nett. Im Paradies ging es mir unbeschreiblich gut. Ich würde sogar sagen, dass es mir besser ging als jemals zuvor. Ich glaube, es war das erste Mal, dass nichts fehlte. Das Paradies hatte seinem Namen alle Ehre gemacht. Ich war ergriffen davon, wie paradiesisch das Paradies war. Noch nie fühlte ich mich so behaglich und pudelwohl wie dort. Es war wirklich unglaublich wie sehr es mein Leben verändert hat, seit ich dagewesen bin.

In der ersten Woche war es einfach unbeschreiblich. Schöne Frauen gab es auch. Logisch, im Paradies fehlt nichts. Ob es Jungfrauen waren, wage ich zu bezweifeln. Trotzdem hatten sie etwas frisches und junges an sich. Sie trugen diese unbeschädigte Lebens-Freude in sich. Weil sie so waren, nahm ich das mit der Jungfräulichkeit nicht mehr so eng. Ich finde sowieso, dass man das ganze Leben nicht so ernst nehmen sollte. Jedenfalls dachte ich das damals. Sogar heute denke ich es noch. Wir sparen uns doch nicht für den besonderen Tag auf. Wir verschwenden doch hoffentlich unsere Jugend, unser Talent wo wir nur können. Jedenfalls hoffe ich, dass es mehr Menschen als ich so sehen.

Es war einfach wunderschön. In der zweiten Woche war es genauso. Alles war wie in einem unglaublich schönen Traum. Nur das er wahr war. Jeder Tag war so perfekt, so herrlich, dass mir die Superlative genauso schnell ausgingen, wie der Weißwein im Sommer. Doch dann passierte etwas sehr Merkwürdiges:

In der dritten Woche fing ich an mich daran zu gewöhnen. Wirklich. Ich fing an mich ans Paradies zu gewöhnen. Es verblasste. Ich wollte es nicht glauben. Da war ich nun am Ziel meiner Träume und fing an mich an diesen wunderschönen Ort zu gewöhnen. Gewöhnung ist für mich wie eine schleichende Krankheit. Am Anfang merkt man sie gar nicht. Manchmal merkt man sie nicht nur gar nicht rechtzeitig, sondern gar nicht. Wenn man nicht selbst wach, oder nicht von außen wachgerüttelt wird, konnte man so bis an sein Lebensende leben, ohne bemerkt zu haben, dass einen das Leben längst verlassen hatte.

Bei mir war es nur so ein Gefühl in der Magengegend. Manch einer nennt es Ahnung. Bei mir war so ein flaues Gefühl im Bauch. Ein bisschen so, wie wenn man erschreckt, als wenn man denkt, dass man seinen Zug oder Flug verpasst hatte. Nur  das der Schreck nicht so plötzlich und abrupt kam. Er schmorte unter der Oberfläche. Ich merkte lediglich, dass irgendetwas anders war. Oder nicht richtig geworden ist. Wirklich: Jeden Tag gab es fantastisches Essen. Ich lebte mit Mensch und Tier in Harmonie. Hatte unglaublich viel Zeit. Das Wort Zeit gab es im Grunde gar nicht mehr. Alles passierte zum richtigen Zeitpunkt. An dem Punkt an dem es Zeit war. Und das alles ganz ohne an sie zu denken. Ich machte und sah dass es gut war. Es war jedes Mal der richtige Zeitpunkt. Das war toll. Ich kam nie mehr zu spät. Nicht so wie sonst. Ich kam immer rechtzeitig und zur richtigen Zeit.

Die Tage fühlten sich so unendlich lang an. Wie eine ganze Woche. Alles war genauso wie ich es mir in meinem Ideal vorgestellt hatte. Und doch fing ich an mich daran zu gewöhnen. Ich verstand es nicht. Wie konnte ich im Paradies sein und mich daran gewöhnen? Meine Rituale waren bestimmt nicht der Grund. Selbst mein Morgen-Café trank ich in unterschiedlichem Rhythmen. Ich wurde sogar zu völlig verschiedenen Zeiten wach. Mal um 8, dann wieder um 9 oder 10. Manchmal sogar um 7 Uhr. Meinem Schlaf war es egal, ob wir im Paradies waren oder nicht. Wenn er genug hatte, weckte er mich. Es gab keine Regelmäßigkeiten, und doch:

In der vierten Woche wurde es noch komischer. Ich wurde richtig mürrisch. Ich verstand das Paradies nicht mehr. Wie war das möglich? Langsam machte sich das Schlimmste in mir breit, was so einem einfachen Mann wie mir passieren konnte. Es war keine Angst. Es war weder Virus noch irgendeine andere Krankheit: Es war ein Gedanke. Der Gedanke daran, dass etwas nicht mit mir stimmte. Der immer klarer und heller scheinende Gedanke, dass ich nicht für das Paradies geschaffen, nicht dafür gemacht war. Die alles erdrückende brutale Erkenntnis, dass ich das Paradies nicht ertrug, es nicht aushielt. Irgendetwas musste bei mir schiefgelaufen sein. Ich kam einfach nicht darauf was es war. Es war der immer stärker werdende Gedanke, dass ich wohl der einzige Mensch bin, der im Paradies nicht glücklich bleibt. Wie war das möglich? Das Paradies war doch für alle Menschen gemacht. Es war dafür gemacht, dass die Menschen dort glücklich werden, falls sie es in ihrem vorigen Leben nicht hinbekommen hatten. Sozusagen, so eine Art Lebensrückversicherung. Dein Leben hat nicht richtig geklappt? Du hast viel Ärger gehabt und noch mehr Mist gemacht? Macht nichts: Am Schluss kommt das Paradies. Da spätestens wirst du glücklich. Da wird alles viel viel besser. Wirst schon sehen. So in etwa wurde es überall erzählt.

Da saß ich nun und merkte, dass es bei mir nicht funktioniert. Bei mir war wiedermal alles anders. Dabei hatte ich es mir gar nicht so ausgesucht. Ich verstand es einfach nicht. Ich hatte das große Glück früh dahin zukommen und nach vier Wochen fällt mir nichts anderes ein, als es gewöhnlich und langweilig zu finden. Also das Paradies war offensichtlich der falsche Ort für mich. Dieser Gedanke setzte mir ziemlich zu. Was machte ich denn hier in meinem Leben, wenn nicht für das Paradies schuften? Während der vier Wochen wohnte ich im tollsten Haus, was ich mir nur vorstellen konnte. Ich hatte die tollsten Menschen um mich herum. Die nettesten Tiere, die schönste Vegetation die ich mir vorstellen konnte. Das Essen war das Beste. Auch die Weine waren einfach köstlich. Und die Sonne erst: Sie schien so gütig und warm, dass der Wind nur noch leise säuseln konnte. Es war alles so verdammt perfekt. Verflucht noch mal, es war in der vierten Woche nicht zum Aushalten. Nur wunderschöne Möbel um mich, tausend Jahre alte Olivenbäume um mich herum, Blumen, so wunderschön duftend und aussehend, wie die Zweibeinigen. Ich besoff mich an der ganzen Schönheit und bekam einen Rausch, das ich dachte ich bin Dionysos.

Dann kam die vierte Woche und alles änderte sich. Ich fühlte mich betrogen. Von allen. Egal ob Eltern, Freunde, Medien, Bücher: Sie alle hatten mich betrogen. Sie sprachen vom Paradies, lehrten selbst in der Schule, was es ist. Doch im Grunde redete zwar jeder davon, aber ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben. Das Paradies hat die Rechnung ohne mich gemacht. Es hat sich geirrt. Es hat nicht alle glücklich machen können. Mich jedenfalls nicht. Ich kann mit so einer perfekten Umgebung, mit so einem von permanenter Schönheit dauerüberfluteten Ort nichts anfangen. Ohne Raum für Gestaltung, ohne nicht wenigstens etwas Mangel werde ich mürrisch. So viel war mir klar. In meinem Leben musste es ein paar Defizite geben, sonst war der Ofen aus.

Doch das hatte auch etwas Gutes: Ich fühlte mich am Anfang zwar wie vom Club ausgeschlossen, wie ein Aussätziger. Aber es eröffneten sich auch ungeahnte Möglichkeiten. Wenn ich nicht im Paradies glücklich wurde, wenn ich Defizite und Mangel brauchte, um glücklich zu werden und zu bleiben. Das würde nämlich bedeuten, dass mein Paradies schon mein Leben selbst ist. Ich war schon da! Ich brauchte nicht mehr warten. Ich habe alles schon jetzt bekommen und kann es jetzt sofort genießen. Das ist doch fantastisch. Ich habe genug Mangel in mir und um mich herum. Wenn ich den brauche, um glücklich zu sein, dann bin ich es jetzt sofort im hier und jetzt. Das ist verrückt. Und meine Wirklichkeit. 

Ich grübelte noch eine Weile und fühlte mich besser und besser. Dass ich im Paradies verrückt werden würde, ahnte ich schon vorher. Das ist in etwa so, als wenn man einen Flug bucht, ohne zu wissen wo der hingeht und man ahnt, dass es dort anstrengend wird. So in etwa ging es mir mit dem Paradies. Götterolymp, Himmel, Garten Eden, Paradies: Das strengte mich alles an. Das hatte ich ihnen nie abgekauft. Noch nie geglaubt. Sollten die anderen warten und schuften, ausharren und malochen, sich selbst optimieren, trainieren und disziplinieren bis sie umfielen:

Ich würde in der Zwischenzeit einfach zufrieden und glücklich sein.

 

 

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