Immer noch Odyssee 2019 – CW43

Herbst überall. Auch in meiner Seele, obwohl es seit Tagen gut läuft. Dutzende Seiten schreibe ich. An einem Tag, ich weiß schon nicht mehr welcher, kam ich auf 20. Soviel, also wirklich, schaffte ich noch nie. Dafür bin ich aber unzufrieden mit dem Ergebnis. Ich weiß genau, wie die Bilder und Filme in meinem Gedächtnispalast sind, aber bei meinen Versuchen es zu Papier zu bringen, treffe ich immer nur den Rand.

Es ist ein wenig so, wie wenn man einen Tisch beschreibt, ohne ihn zu beschreiben. Man erklärt die Umgebung, den Raum wo er steht. Seinen Eigentümer, oder Gäste, die er schon beheimatet hat. Vielleicht erzähle ich, was auf ihm alles passiert ist. Hat man Lebensmittel und Körper darauf ausgepackt. Oder hat man erschütternde Momente auf ihm erlebt, wenn man seinen Kopf in eine Armbeuge stecken musste, wie ein Flamingo, der danach auf einem Bein weiterschläft.

Vielleicht will mein Unbewusstes nicht mehr genau sein, sondern nur noch vage und schemenhaft. Offensichtlich gilt es auch für meine aktuelle Art der Beschreibung. Mehr und mehr glaube ich, dass ich es selbst bin, der so geworden ist. Neulich bat mich ein Freund um meine Meinung. So etwas rührt mich immer sehr, weil es ein bewusster Vorgang ist, jemanden um seine Betrachtung und Einschätzung zu bitten. Dabei geht es natürlich weniger darum, dass man einer Meinung ist – mein Freund will ein Haus auf einem Grundstück bauen, was in der Nähe von jenem liegt, in dem er selber wohnt.

Kaum hatte ich begonnen zu antworten, bemerkte ich, dass ich über Selbstfindung zu sprechen kam, dass wir erst wissen müssen, wo wir hinwollen, bevor wir losgehen können, in etwa so, wie wenn man einen Kompass ohne Nadel hat. Einfach losrennen bringt nichts, solange man die Richtung nicht weiß. Lange habe ich darüber nachgedacht, weshalb ich auf seine direkte Frage durch Umschreibung des Umfeldes geantwortet hatte und eben nicht ganz kompakt und direkt. Ich fand, dass so eine Begleitung schöner ist, als wenn man auf die Frage „Hunger“ schlicht mit „Ja“ antwortet.

Selbst zu einer Erkenntnis zu kommen, ist doch am wertvollsten. Man macht sie somit zu seiner eigenen. So eine Herangehensweise kostet Geduld und Einfühlungsvermögen. Beides ist immer seltener Anzutreffen. Geduld ist mittlerweile schwerer zu finden, als Empathie, wenngleich auch jene sich oft schon vor langer Zeit aus dem Staub gemacht hat. Man muss Menschen mögen, um ihr ein Zuhause geben zu können. Nur allzu oft geht uns das verloren. Schnell und effizient muss heute alles gehen. Selbst in unserer Freizeit. Quality-Time, welch abscheuliches Wort.

Sokrates hat mit dieser Technik begonnen, der sogenannten Mäeutik. Offenkundig gab es damals noch genügend Zeit zum Zuhören, wenngleich man Sokrates mit dem Schierlingsbecher wegen Gottlosigkeit und nicht wegen Zeittotschlagen umbringen ließ, was aus vielerlei Betrachtung auch heute noch eine Tragödie ist, nicht kleiner oder minder, als all das, was uns heute täglich umgibt.

An so einer altmodischen, aus meiner Sicht, menschenfreundlichen und weisen Methodik festzuhalten, empfinde ich als wohltuend, wenngleich ich mir dessen lange nicht bewusst war, da ich von dieser didaktischen Herangehensweise nicht wusste, dass ich sie anwendete, ganz besonders mit Hinblick auf den furchtbar-düsteren Immanuel Kant, der bereits uralte Erkenntnisse, der alten Griechen in Frage stellte und es über 200 Jahre brauchte, bis wir sie hier im dunkler werdenden Abendland wieder neu entdecken durften – bravo!

Manchmal kommt es mir so vor, als wenn man nichts wirklich zu Ende bekommt, nicht mal einen einfachen Satz, in dem so Vieles Stecken kann, dass es einem das ganze Leben und noch viel mehr kostet, zu verstehen, was er bedeutet. Möglicherweise ist es auch ganz natürlich, dass wir immer nur in Tagesfragmenten leben, fühlen und denken. Vielleicht kommt daher der Charme der ewigen Daseins-Lebendigkeit, weil wir jeden Tag ein Stück weit anders, also tatsächlich ein klein wenig verändert worden sind, weswegen wir uns oftmals in Altaufgeschriebenem nicht wiedererkennen, sogar oftmals fremd sind.

Ein Hoch auf Geduld & Müßiggang

 

 

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