Odyssee 2019 – CW39

Mein erster Montag wieder in Toulouse. Körperlich bin ich da; Geist und Seele jedoch nicht. Beim Aufstehen ist es offensichtlich wie ich durch die Gegend schleiche. Was mache ich hier? Erst einmal Kaffee kochen. Ein paar trockene Kekse sollen mein Frühstück sein. Ich gehe zum Briefkasten. Ihm geht es umgekehrt zum Kühlschrank. Brechend voll mit Zeugs platzt er auseinander, als ich ihn aufschließe.

Verdammt, schon wieder eine Nachricht vom Finanzamt. Was wollen die schon wieder? Ich schmeiße eine Maschine Wäsche an; mache eine Einkaufsliste und gehe los. Hab nichts, brauche alles, steht drauf. Wie ein falsch verdrahteter Robocop schlurfe ich zum Supermarkt. Mechanisch rumpeln meine Lebensmittel in den Korb. Keine Ahnung, ob sie von selbst reinhüpfen, oder ob ich das bin, der sie dazu zwingt. Als ich zahlen will, quatsche ich die Kassiererin Griechisch an – habe noch nicht wieder umgeschaltet. Okay, halte besser die Klappe. Stumm zahle ich.

Wieder zuhause mache ich meinen Rechner an, schaue, ob irgendetwas in meiner Abwesenheit passiert ist. Habe ne Menge Nachrichten. Hauptsächlich Rechnungen. Auch mein Verlag meckert rum, wo mein Manuskript bleibt. Was denken die eigentlich? Zwischendurch Wäsche aufhängen; dann eine weitere Maschine starten. Zum Mittag esse ich nur eine Kleinigkeit. Dann wieder e-mails. Ein paar Leserbriefe. Man will wissen, warum ich so und so schreibe. Gefallen tun die Bücher aber. Immerhin was. Doch die Stückzahlen sind Kacke. Ein paar Hundert, sonst nichts. Es kleckert so vor sich hin.

„Du schreibst halt nichts für so zwischendurch, heißt es immer. Wundere dich da nicht, dass du immer der unbekannte Freak bleibst. Versuch disziplinierter zu sein; mach was für die breite Masse, sagen Verlag und Lektorat….“ – na toll denke ich und setzte mich an den Schreibtisch. Gegen Mitternacht wache ich auf. Muss eingenickt sein. Habe ein paar Seiten geschafft, bevor ich eingepennt bin; jetzt aber nichts wie ab ins Bett – für heute langt es.

Dienstag – wie schon am Montag komme ich nur langsam hoch. Bin mit’m falschen Fuß aufgestanden. Mache mir einen Kaffee, zwei weichgekochte Eier auf Toast und lese die Zeitung. In Nahost wird wieder gezündelt. In Kaschmir ist auch Alarm. Sogar die Inder flippen jetzt aus. Ich dachte immer der Hinduismus erzieht zum Pazifismus. Kapiere das nicht mehr. Entweder ist es immer so gewesen und es kommt mir nur mehr vor, weil so viel darüber berichtet wird, oder es ist wirklich eine weitere Epoche, der autokratischen Dumpfbacken und Egoisten-Schweine.

Muss Staub saugen, so wie die Wollmäuse mir aus den Ecken zuzwinkern. Gegen Mittag sitze ich wieder am Schreibtisch, vier Stunden am Stück. Dann Mittagsschlaf. Danach schreibe ich bis Spätabends um Zehn. Habe ganz vergessen zu essen. Gönne mir ein paar Rollmöpse mit Wasser. Muss weniger saufen. Habe in Griechenland mächtig zugeschlagen. Muss wieder mit Sport anfangen. Nachts lese ich die letzten Seiten von Lampedusa’s Gattopardo. Sonst nichts.

Mittwoch, Bergfest – heute muss ich zu meinem Nebenjob; keine Zeit für Rumdödelei. Schwinge mich auf meinen Drahtesel und bretter durch die Stadt. Im Büro angekommen, das gleiche wie zuhause: Noch mehr E-mails, noch mehr Chaos. Wunderbar! Könnte gleich wieder abhauen. Ich nehme alle 600 E-mails und lösche sie ungesehen. Gegen vierzehn Uhr mache ich außerhalb Mittag. Ein paar Kollegen haben mich einladen wollen. Hatte aber noch keine Lust auf das ganze Berichten. Wurschtel mich so durch den Tag. Komme nicht richtig auf Trapp. Abends wieder schreiben. Ich schaffe vier Seiten, es läuft ganz gut.

Spät am Abend Anruf von Frau Mutter. Wie es mir geht, will sie wissen. Ich antworte Mutter-Gerecht und gebe ihr den Ball zurück. Wann ich mal wieder kommen würde. Bald-bald, ganz sicher – verspreche ich. Zehn Minuten später hat sie keine Lust mehr und legt auf. Ist immer noch genauso verschroben wie eh und je. Ich will weiterschreiben, merke aber, dass mir die Augen zufallen. Auch ist es unabwendbar, dass ich eine Lesebrille brauche. So ein Fuck, pöble ich, putze meine müden Zähne, rolle mich ein und segle davon.

Donnerstag – hatte ganz vergessen mein Einschreiben vom Finanzamt bei der Post abzuholen. Schnappe mir nach dem Frühstück meinen Ausweis und renne los. Bin ganz nervös, weil ich erst vor ein paar Monaten schon Strafe für 2017 zahlen musste. Jetzt knallen sie mir gleich das nächste Jahr um die Ohren. Kann mit diesem Admin-Scheiß nicht um; muss ich aber; bin Mitte vierzig und sollte auch meine Ablage im Griff haben. Schweres Kapitel, schwere Kost. Man ermahnt mich höflich, umgehend meine Steuer zu zahlen. Haben mir sogar ein Formular reingelegt, immerhin.

Nachmittags dann Gespräch mit dem Verleger, was denn jetzt mit dem Buch wäre – sag mal, hackt es noch, oder was? Ist ja wie beim Militär. Keine Ahnung, Ende des Jahres, wenn ihr mich in Ruhe lasst, brülle ich ins Telefon und schmeiße den Hörer hin. Für heute haben sie mir die Suppe versalzen. Ich lese ein wenig über alte griechischen Philosophen.

Abends dann Musik mit griechischem Bauernsalat und Wasser, mit einem Spritzer Zitrone. Vier Tage ohne Wein und Raki. Ich meine, so etwas wie stolz zu fühlen, bin mir aber nicht sicher. Zum Schluß lesen, wie üblich Zähne putzen und ab ins Bett. Meine Schulter ist fast wieder okay, denke ich und ziehe die Knie ans Kinn.

Freitag – heute ist Sport angesagt. Schluss mit dem Sumpfen. Ich mache ein paar Übungen. Renne 30min um die Garonne, frühstücke anschließend und bekomme aus heiterem Himmel ein dutzend Whatsapp-Nachrichten von Susanna. Sie würde mich hassen und den Tag verfluchen, wo sie mich kennengelernt hat. Sie nennt mich einen Bastard. Ich wäre ein Monster, dass sie bis ans Ende aller! Tage verflucht. Ich sei verrückt; weggeschlossen gehöre ich. Ich könne niemals genug zahlen, für das was ich ihr angetan habe; sowas und noch einiges mehr. In solchen Momenten bin ich sehr nachdenklich und traurig. Was Männer und Frauen sich gegenseitig antun ist unbeschreiblich.

Ich antworte seit Jahren nicht mehr. Gibt sofort Telefonterror ohne Ende. Sie verdrängte damals die Wahrheit. Zum Glück erinnere ich noch gut. Ihrer Meinung nach ist es unmöglich, mein Antlitz im Spiegel zu sehen. Wie ich das machen würde. Eines dunkles Kapitel. Bin doch eigentlich ganz umgänglich, grüble ich vor mich hin und schlafe gegen 21:00 Uhr ein,

Samstag – fahre nach Clermont-Ferrand, um mit einem Freund einen Roller abzuholen, den er günstig erstanden hat. Wir rauschen durchs Grüne rauf und Nachmittags wieder runter. Frankreich ist ein schönes Land. Wenn man sich genug Zeit nimmt kann man es sogar genießen. Sechster Tag nach Hellas. Bin immer noch in Gedanken dort, denke ich und träume vor mich hin, während wir die Autobahn entlangfahren.

Habe im Auto ein langes Telefonat mit einem Freund aus Bordeaux. Die Weinlese hat begonnen. Ich müsse unbedingt wieder vorbeikommen. Vielleicht klappt es ja nächstes Wochenende. Roadmovies mag ich. Wenn man länger unterwegs ist, hat es immer so einen Abenteueranstrich, besonders, wenn man gemütlich fährt. Gegen Mitternacht kommen wir zurück, da wir uns ein paar kleine Dörfer auf dem Weg angesehen habe. Hatten sternenklaren Himmel. Zuhause angekommen fühle ich mich zufrieden und müde. Gute Nacht.

Sonntag – ich beginne den Tag mit Sport. Danach besuche ich meinen griechischen Freund Adonis; wir genießen unsere griechischen Nachmittage und Abende – wir lachen, singen, tanzen und weinen – vor Freude, Glück und Sehnsucht. Zwischendurch denken wir, komplett überzuschnappen, doch das tun wir nicht, im Gegenteil: Wir erfreuen uns einfach des Lebens. Für viele ist es schwer zu ertragen, geschweige nachzuvollziehen. Ist zu intensiv. Thema meines Lebens. Alles was ich tat, machte ich exzessiv.

Frei nach dem dem Motto, wenn schon, denn schon – doch das ist nur die halbe Wahrheit: Es ist Lebensfreude. Ich finde im Leben gehört beides zusammen; Müßiggang und Leidenschaft. Irgendwann Spätabends komme ich heim. Für einige Stunden dachte ich, wieder in Hellas zu sein. Jetzt im Bett, merke ich, dass es ganz anders ist. Mist! Ich muss noch meine Woche niederschreiben und hochladen. Sofort setze ich mich ran, lade meine Zeilen drei Stunden später hoch und gehe ins Bett. Jetzt habe ich Frieden.

 

 

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