Zivilisation – Teil1

Draußen scheint die Sonne. Es sieht wirklich sehr einladend aus. Immerhin was. Wenn man sich in Norddeutschland in diesen Stunden warm genug anzieht, kann man einen erfrischenden Spaziergang machen. Drinnen ist es aber auch ganz schön, wenn man all die bunt angezogenen Fische, Schnecken und Kraken am Aquarium vorbeiziehen lässt und sie dabei beobachtet.

Ich habe mit meinem Frühjahrsputz begonnen. In 2019 ist mein Mindpalace, wie ihn der Angelsachse nennen würde, als Erstes dran. Als ich vom Nebengang 3 A, sein beschaulicher Name ist „Krokodilgehirn“ – ich fange immer in der Steinzeit an, da kenn ich mich am Besten aus – zum Zentrum schlendere, all die Eindrücke, Sinneswahrnehmungen, einschließlich deren Täuschungen, Erinnerungen und Schnappschüsse an mir vorbeihetzen sehe, was mich immer mit einem warmen Bauchgefühl beglückt, da es mir sagt, haha wir leben noch und da ist sogar richtig was los, mit der Absicht, beim moderneren, manchmal avantgardistisch-anmutenden Haupt-Trakt 7B, mit dem schönen Namen „Neokortex“ auf einen Kaffee vorbeizuschauen, stolpere ich über einen gewaltigen Karton, der mitten im Gang steht und um den herum sich schon herbe Verwirbelungen und Wirbelschleppen gebildet haben, weil seine kantige, würfelförmige Statur nicht gerade zum reibungsarmen Vorbeigleiten einlädt.

Als ich mich diesem Hindernis nähere, springen mich die übergroßen Buchstaben so aggressiv an, dass ich kurz davor bin umzudrehen und wegzulaufen, so bösartig kletten sie sich fest, dass ich schnell aufgebe, sie loszuwerden und sie stattdessen sorgfältig betrachte, mit reichlich Douglasien-Borke auf der Stirn, bis ich Klang und Bedeutung entschlüsselt habe, was letzten Endes nur dafür sorgt, dass beides mehr und mehr in meinem Mund wächst, bis es meinen ganzen Rachen verstopft und ich ihn nur noch gedacht, aber auf keinen Fall ausgesprochen bekomme, ist er doch so groß in den wenigen Sekunden gewachsen:

Zivilisation!

Andächtig nehme ich meinen nicht vorhanden Hut ab:

„Hallo, darf ich mich vorstellen?“

„Ja, bitte. Nur zu.“

„Ich bin Don Tango“

„Tango, wie der Tanz?“

„Ja genau.“

„Dann will ich es Ihnen gleich machen – man nennt mich Zivilisation“

„Tatsächlich? So, wie..?“

„Genau, so wie DIE Zivilisation – will sagen, ich bin die…“

„Zutiefst erfreut, sehr geehrte – entschuldigung, was sind Sie eigentlich?“

„Wie meinen Sie das, was bin ich? Ich dachte, das wäre Allgemeinbil…“

„Ist es auch, aber..“

„Wie, aber? Wollen Sie jetzt etwa…?“

„Nein, auf keinen Fall, eher im Gegenteil; wenn ich schon das Glück habe Sie zu treffen, dann möchte ich…“

„Ja-a?“

„Ich meine, alles fängt doch mit einer gescheiten Ansprache, oder sagen wir mal, Anrede an, finden Sie nicht?“

„Hm-m-m-m, ja-ja – weiter-weiter!“

„Also, die Zivilisation ist doch das Aller-aller…“

„Nun übertreiben Sie nicht, Herr Tango; so wichtig habe ich mich noch nie genommen; es gibt doch so viele wunderbare…“

„Aber bitte, bitte, liebe – ja, was denn jetzt? Herr oder Frau?“

„Was erlauben Sie sich! Sieht man mir etwa nicht an, dass ich eine Dame bin?“

„Ehrlich gesagt, nein; vergessen Sie bitte nicht, meine Teuerste, Sie stecken in einem Karton!“

„Ach-ja, richtig!“

„Da kann alles möglich in Erscheinung treten und drin sein, meinen Sie nicht?“

„Nun-gut, ich will mal nicht so sein und Gnade vor Recht ergehen lassen, dass Sie heute morgen, ganz offenkundig, mit dem falschen Bein aufgestanden sind und ihre Umwelt, aus literarischer Sicht, mit einem, sagen wir mal vorsichtig, taumelnden, leicht torkelnden Gang, beglücken, als hätten sie hinten rechts einen Plattfuß, oder nur einen Schuh, beim vor die Tür treten angezogen!“

„Tatsächlich? So charmant sind sie nun auch nicht gerade, meine Durchlauchtigste!“

„Was erlauben Sie…?“

„Diva würde eher passen, was natürlich, da muss ich Ihnen schon wieder zustimmen, ganz eindeutig weiblich, nahezu erzengel-gleich feminin daherkommt, dass ich geneigt bin..“

„Junger Mann, ich nehme Ihnen ihre flegelhaften Allüren, ausnahmsweise, nicht – mit Betonung auf, NICHT, übel, da meine Großzügigkeit und Großherzigkeit..“

„Sicher-sicher, alles groß und mächtig..:“

„noch viel gewaltiger ist, als mein Charme und Humor!“

„Da gebe ich Ihnen schon wieder recht…“

„Wie bitte? Wobei jetzt denn schon wieder? Habe ich einen Lauf, ja?“

„Das weiß ich nicht, ich lerne Sie ja gerade jetzt erst kennen…“

„Wie bitte? Sie kannten mich vorher etwa nicht? Sie belieben zu scherzen!“

„Jedenfalls gebe ich ihnen Recht….“

„Wobei denn jetzt, biite-schön…“

„Sehen Sie?“

„Was?“

„Sie lassen einen nicht zu…“

„Tue ich wohl!“

„Sehen Sie?“

„Was?“

„Okay, ich gebe es auf…“

„Wobei wollten Sie mir denn wieder zustimmen?“

„Das ihre Großherzigkeit größer als Charme und Bescheidenheit ist!“

„Ich danke Ihnen – Moment: von Bescheidenheit war nie die Rede!“

„Das stimmt in der Tat; das wäre mir aufgefallen“

„Aber genau – äh, Moment mal – wie bitte?“

„Sehen Sie, wie wir uns im Kreis drehen? Wir sind nicht einen Schritt weiter, weil…“

„Junger Mann…“

„Danke, das habe ich länger nicht gehört; ihr Charme ist tatsächlich größer als..“

„Danke, aber lassen Sie jetzt bitte das ständige Unterbrechen..“

„Na gut“

„Jedes Kind weiß, dass – die Zivilisation – feminin ist; auch und sowohl in anderen Sprachen; ich dachte, solche Banalitäten müsste ich ihnen nicht…“

„Sie haben Recht!“

„mehr erklären, weil…“

„Wieder Mal! Sie haben wirklich ziemlich viel davon, muss ich Ihnen sagen..“

„Wovon?“

„Vom Recht!“

„Ach so, tatsächlich?“

„Natürlich, das sag ich doch die ganze Zeit, aber wo wir beide jetzt schon aufeinander-getroffen sind, was mich aufs Äußerste mit Glückseligkeit erfüllt, dass ich mich am liebsten satt-saufen würde bis….“

„Sie drohen abzuschweifen, merken Sie das…?“

„Nein, nein – es ist die reine Freude, dass ich…. nun, es ist das erste Mal, dass ich Sie hier treffe; wo waren Sie all die Zeit? Und wenn sie da waren, ja, wo denn?“

„Das sind jetzt eine Menge Fragen..“

„Wie geht es Ihnen überhaupt? Ca va?“

„Das wird ja immer mehr; da verliere ich ja den Überblick…“

„Sagen Sie…“

„Ja, bitte?“

„Finden Sie nicht auch, dass wir die Unterhaltung viel besser bei einem..“

„Ja, das finde ich auch..“

„Sie wissen doch gar nicht, was…“

„Doch, weiß ich..“

„Okay, lassen Sie es mich trotzdem, der vollendeten Form halber, wo wir hier ja am Hofe sind, vollständig ausformulieren; finden Sie nicht auch, dass…“

„Ja-ha?“

„Wir unsere Unterhaltung besser mit einem Aperitif fortsetzen sollten?“

„Ja, unbedingt; schlagen Sie eine Location vor..“

„Mit größtem Vergnügen, allerdings wäre es von größtem Vorteil, wenn wir Sie erst einmal auspacken und aus dem Karton lassen, meinen Sie nicht auch?“

„Das klingt nach einer hervorragenden Idee – fangen Sie an, junger Mann!“.

 

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